spezifisch israelitischer Gott? ist des öfteren schon in früherer Zeit
erörtert worden. Man hat naturgemäss seinen Blick auch auf Babylonien
zur Lösung gerichtet und neuerdings den kühnen Satz aufgestellt: „Auch
hier [im Monotheismus] hat uns Babel in der allerjüngsten Zeit einen
neuen ungeahnten Ausblick eröffnet‟. Soll sich doch _Jehovah_ in der zu
postulierenden ursprünglichen Aussprache _Jahve_ bereits in Eigennamen
der Zeit Hammurabis (d. h. etwa 2300 v. Chr.) bei den um die Mitte
des 3. Jahrtausends eingewanderten semitischen Nomadenstämmen finden.
Ja, wenn nur diese Deutung so über alle Zweifel erhaben wäre! Aber
tatsächlich sind gar mancherlei Lesungen möglich, und die Mehrzahl
der Assyriologen, den Vortragenden selbst eingeschlossen, hält jene
Erklärung mit Recht für eine recht unwahrscheinliche und gewagte.
Und Namen wie „Jahu ist Gott‟ spielen nicht die Rolle bei der Frage,
die man ihnen gern zuweisen möchte. Im Gegenteil, man erwartet ihre
alte Existenz auch _biblischerseits_. Auch solche Namen wie „Gott hat
gegeben‟ (nämlich _der Stammesgott_ der Betreffenden, nicht Gott in
unserer Sprachweise, als der Gott des ganzen Universums) sind für die
brennende Frage völlig irrevelant.
Selbst der von einzelnen Assyriologen vertretene Satz, „dass freie,
erleuchtete Geister offen lehrten, dass Nergal und Nebo, Mondgott und
Sonnengott, der Donnergott Ramman und alle anderen Götter eins seien in
Marduk, dem Gotte des Lichts‟, ist sehr _cum grano salis_ zu verstehen.
Der Haupttext, den man dafür ins Feld führt, lässt auch eine andere
Erklärung, wenn nicht gar mehrere, zu. Ich selbst fasse _Marduk_ in
jener Stelle als _Appellativ_ für „Gott‟, wie _Enlil_ (Bêl) für „Herr‟
(_bêlu_) bei Nebukadnezar, und _Ischtar_ für „Göttin‟ in allbekannten
Keilschriftstellen.
Ein reiner Monotheismus und eine ganz eigenartige Prophetie, die
Stimme des in Israel nie ganz schlummernden Volksgewissens, sind die
gewaltige Kluft, die zwischen Israel und den Völkern der antiken
Heidenwelt noch immer gähnend klafft, wie sehr das alttestamentliche
Volk in seiner äusseren Erscheinung auch alle die Merkmale seiner
Rasse und Zeit und tiefgreifende Spuren fremder Beeinflussung aus
Babylonien, Assyrien, Arabien, Ägypten und anderswoher trägt. Wir
suchen mit Recht das grosse Geheimnis, welches das Volk des alten
Bundes gleichsam aus dem historischen Zusammenhange löst und zum Wunder
unter den Nationen stempelt, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln
strenger Wissenschaft zu ergründen. Aber ich glaube, der Weg zu dieser
Erkenntnis und Wahrheit _führt nicht über Babel_, obwohl wir gerade
den babylonischen Keilschriftdenkmälern für sonstige ausserordentlich
reiche Förderung unseres Verständnisses des A. T. in der Vergangenheit
und zweifelsohne auch in Zukunft zu ehrlichem Danke verpflichtet
bleiben werden.
Meine eigene Auffassung von dem Gange babylonischer Geschichte und
Zivilisation während der letzten 3-4 vorchristlichen Jahrtausende habe
ich Ihnen nach meinen 14jährigen archäologisch-historischen Arbeiten
auf Grund tatsächlicher Funde unserer Expedition soeben kurz skizziert.
Es ist eine Geschichte der Degeneration, welche sich widerspiegelt in
dem Worte Jesaias, das ich an die Spitze meines Vortrags stellte: „Wie
bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern‟, von der Höhe
geistiger Errungenschaften und Erkenntnisse am Anfang deiner Geschichte
zu deinem schliesslichen traurigen Untergang!
Doch der Fluch wird nicht immer auf dem unglücklichen Lande lasten.
Jesaia selbst hat ja eine Wendung verheissen. Und wenn nicht alle
Zeichen trügen, steht es bereits am Vorabend einer grossen neuen
Entwicklung. Als ich das letzte Mal von der Spitze des Bêl-Tempels
die weiten Fluren Babyloniens überschaute, lag es wie eine heilige
Stille über der trümmerbesäten Ebene von Sumer und Akkad. Weidende
Herden und fröhliches Leben allenthalben! Die Totengebeine des grossen
Leichenfeldes begannen sich zu regen und zu sammeln und mit Fleisch und
Sehnen zu überkleiden -- Jehovahs lebenspendender Geist wehte leise
durch das Land des Bêl. Unzweifelhafte Zeichen einer friedlicheren
Entfaltung seiner unerschöpflichen Hilfsquellen machen sich
allenthalben bemerkbar. Eine grosse Bewegung und Erwartung geht durch
die Stämme des Innern -- wie oft haben sie mir ihr Hoffen erschlossen
und nach dem, was sie bewegt, gefragt! -- zum Teil hervorgerufen durch
die energischen Massregeln der ottomanischen Behörden in Verbindung mit
dem Ankauf und der rationellen Bewirtschaftung grosser Länderstrecken
als Krongüter für den Sultan, teilweise aber auch infolge der
wissenschaftlichen Missionen Europas und Amerikas. Dieselben brachten
neue Ideen in das Land, machten die Bevölkerung mit mancher neuen
Erfindung vertraut und lehrten vor allen Dingen den Wert der Zeit und
den Segen der Arbeit. Dadurch wurden alle diese Faktoren gewissermassen
zu Pionieren der geplanten Türkisch-Deutschen Eisenbahn, welche
zweifelsohne die Hauptrolle im wiedererwachenden Leben von Sumer und
Akkad zu spielen berufen ist.
[Illustration: Abb. 56. Der Babylonische Drache (Ṣirruschschu).
(Tonrelief, ca. 2300 v. Chr.)]
[Illustration]
Verlag der _J. C. Hinrichs_’schen Buchhandlung in _Leipzig_.
Deutsche Orient-Gesellschaft. Protektor Se. Majestät der Deutsche
Kaiser.
+Soeben erschien+:
=Die Perser des Timotheos von Milet.= Aus einem Papyrus von Abusir im
Auftrage der Deutschen Orient-Gesellschaft herausgegeben von =+Ulrich
von Wilamowitz-Möllendorff+=.
Der Timotheosfund ist ein Ereignis ersten Ranges, übertrifft doch
die Handschrift an Alter =alle bis jetzt gekannten griechischen
Handschriften=. Das Gedicht des Timotheos auf die Perserkriege war
bisher nur aus Zitaten bekannt.
A. =Facsimile-Ausgabe= in Lichtdruck mit kurzer Einführung.
Klein-Folio. (= _Heft 3 der Wissenschaftlichen Veröffentlichungen der
DOG.)_ 12 M.
Für Mitglieder der DOG. 9 M. In vornehmer Leinenmappe 3 M. mehr.
B. =Text-Ausgabe= mit philolog. Kommentar. gr. 8°. 3 M.; geb. 3.50 M.
+Früher erschienen+:
=Babylon= v. Prof. Dr. =Frdr. Delitzsch=. Mit 3 Plän. (1. Sendschrift.)
1 M.
=Von Babylon= nach den Ruinen von =Ḥîra und Ḫṷarnaq=. Von Dr. =Bruno
Meissner=. (2. Sendschrift.) 60 Pfg.
=Die Hettitische Inschrift= gefunden in der Königsburg v. Babylon
am 22. Aug. 1899 von Dr. =Rob. Koldewey=. Facsimile der Inschrift,
Vorder-, Rück- u. Seitenansicht der Stele in Lichtdruck, Bemerkungen
des Finders und Vorwort von Prof. Dr. =Frdr. Delitzsch=. (1. Wiss.
Veröffentlichung.) 4 M.
=Die Pflastersteine von Aiburschabu in Babylon.= Von Dr. =Rob.
Koldewey=. Mit 1 Karte u. 4 Doppeltafeln in Photolithographie. (2.
Wiss. Veröffentlichung.) 4 M.
+Demnächst erscheint+:
=Siebzehn Miscellen.= Von Dr. =F. H. Weissbach=. Mit 15 autographierten
Keilschrifttafeln und einem Lichtdruck. (Heft 4 der Wiss.
Veröffentlichungen.) Etwa 9 M.
Für Mitglieder der DOG. die Wiss. Veröff. Heft 1 u. 2 je 3 M.
=Der alte Orient.= Gemeinverständliche Darstellungen, herausgegeben von
der Vorderasiatischen Gesellschaft.
Jährlich 4 Hefte zu je 60 Pfg. Preis des Jahrgangs 2 M.
hübsch in Leinen geb. 3 M.
+Bisher behandelte Themata+:
Aegypter als Eroberer in Asien.
Amarna-Zeit; um 1400 v. Chr.
Arabien vor dem Islam.
Aramäer.
Festungsbau im alten Orient.
Hammurabis Gesetze.
Hettiter.
Himmels- und Weltenbild.
Hölle und Paradies.
Keilschriftentzifferung (im Druck).
Keilschriftmedizin in Parallelen.
Phönizier.
Politische Entwickelung Babyloniens und Assyriens.
Tote u. Totenreiche bei d. Aegyptern.
Unterhaltungsliteratur bei dens.
Urgeschichte, biblisch-babylonische.
Völker Vorderasiens.
+Bisherige Mitarbeiter+:
Oberst a. D. Billerbeck. -- Dr. A. Jeremias. -- Dr. W. v. Landau. --
Dr. L. Messerschmidt. -- Prof. Dr. W. M. Müller. -- C. Niebuhr. -- Dr.
med. F. von Oefele. -- Dr. A. Šanda. -- Dr. O. Weber. -- Prof. Dr. A.
Wiedemann. -- Dr. H. Winckler. -- Prof. Dr. H. Zimmern.
„+Aus diesen kleinen Heften kann man mehr lernen, als aus manchem
dickleibigen Buche+‟.
+Frankfurter Zeitung.+
+Verlag der _J. C. Hinrichs_’schen Buchhandlung in _Leipzig_.+
+Babel-Bibel-Literatur.+
=Babel und Bibel.= Ein Vortrag (gehalten am 13. Januar 1902) von
=Friedrich Delitzsch=. Mit 51 Abbild. (78 S.; 41. bis 50. _Tausend_, an
einigen Stellen geändert, vor allem aber durch Anmerkungen erweitert.)
1903. M. 2--; kart. M. 2.50; geb. M. 3--.
=Im Kampfe um Babel und Bibel.= Ein Wort zur Verständigung und Abwehr
von Dr. =Alfred Jeremias=, Pfarrer d. Lutherkirche zu Leipzig. Vierte
abermals erweiterte Auflage. (49 S.; 8. bis 10. Tausend.) Mit einem
Vorwort: „Offenbarung im Alten Testament‟. 1903. 60 Pf.
=Hölle und Paradies bei den Babyloniern= von Dr. =Alfred Jeremias=.
Zweite verbesserte und erweiterte Aufl., _unter Berücksichtigung der
biblischen Parallelen_ und mit Verzeichnis der Bibelstellen. Mit 10
Abbild. (44 S.; 3.-7. Tausend.) 1903. 60 Pf.
Durch die Heranziehung der biblischen Parallelen ist dieses Heftchen
zu ganz besonderem Werte in dem Babel-Bibel-Streite gelangt.
=Biblische und babylonische Urgeschichte= von Prof. Dr. =Heinr.
Zimmern=. 3. mehrf. veränd. Aufl. (40 S.; 5.-7. Tausend.) 1903. 60 Pf.
=Die Gesetze Hammurabis, Königs von Babylon um 2250 v. Chr. Das älteste
Gesetzbuch der Welt=, übersetzt von Dr. =Hugo Winckler=. Mit einer
Abbildung des Steindenkmals. Zweite erweiterte Auflage mit einem
Sachregister. (44 S.; 4.-8. Tausend.) 1903. 60 Pf.
=Moses und Hammurabi.= Von Dr. =Johs. Jeremias=, Pfarrer in Gottleuba
i. S. (47 S. mit 1 Abbildung.) 1903. 70 Pf.; kart. M. 1.10
Hier liegt die erstmalige sachlich geordnete Besprechung
des Hammurabicodex, dieses grossartigen Fundes, auf guter
wissenschaftlicher Grundlage, in einer allen Gebildeten verständlichen
Form, vor.
=Die Amarna-Zeit.= Ägypten und Vorderasien um 1400 v. Chr. nach dem
Thontafelfunde von El-Amarna von =Carl Niebuhr=. Zweite durchgesehene
Auflage. (32 S.; 3.-5. Tausend.) 1903. 60 Pf.
=Die babylonische Kultur= in ihren Beziehungen zur unsrigen. Ein
Vortrag von Dr. =Hugo Winckler=. Mit 8 Abbildungen. (54 S.) 1. u. 2.
Auflage. 1902. 80 Pf.; kart. M. 1.30
Druck von _August Pries_ in Leipzig.
Fußnoten:
[1] So fasse ich den hebräischen Text mit der englischen
Bibelübersetzung. Luthers Übersetzung bietet dafür „die Wüste am Meer‟.
[2] Ein kurzer Überblick über die drei ersten Kampagnen, Grabungszeit
(nicht der etwas längere Aufenthalt auf den Ruinen!) und
hauptsächlichste Resultate, findet sich in Hilprecht, „The Babylonian
Expedition of the U. of Pa.‟, Series A, vol. I, part 2 (1896), pp. 8-9.
Für die erste nach den Quellen dargestellte kurze Geschichte aller
bisherigen 4 Kampagnen cf. „Explorations in Bible Lands during the 19th
century‟ (Philadelphia, 1903), in Verbindung mit Benzinger, Hommel,
Jensen und Steindorff herausgegeben von H. V. Hilprecht. Der erste
Teil (577 Seiten) dieses reich illustrierten Bandes wird unter dem
Titel „Die Ausgrabungen in den Trümmerfeldern des alten Assyrien und
Babylonien‟ bei J. C. Hinrichs in Leipzig im Laufe kommenden Sommers
auch in deutscher Bearbeitung erscheinen. Die Gesamttätigkeit der
Expedition in Babylonien während der 14-15 Jahre beträgt trotz ihrer
epochemachenden und ausserordentlich reichen Resultate nur 5 Jahre.
Der Schreiber dieser Zeilen selbst brachte in Sachen der Expedition
etwas über 4 Jahre im Orient zu, davon 2 Jahre in Asien (Babylonien,
Assyrien, Kleinasien und Syrien), resp. 8 Monate in Babylonien (nicht
15 Wochen, wie in Tagesblättern verbreitet worden ist).
[3] In dem von mir für den Palast des _patesi_ ausgesonderten grossen
östlichen Hügel konnten noch nicht genügende Ausgrabungen wegen der
darauf lagernden gewaltigen parthischen Bauten vorgenommen werden.
Jedoch sind bereits eine uralte Toranlage und Wasserleitung in der
Umfassungsmauer nebst einer Anzahl grosser Keilschrifttafeln durch
Versuchsschächte zu Tage gefördert worden, so dass alle Anzeichen dafür
sprechen, dass tatsächlich ein grosses Gebäude hier begraben liegt.
[4] Wie bereits oben bemerkt wurde, findet sich in meinem soeben in
Philadelphia erschienenen grösseren englischen Buche alles Nähere.
Auch in der in Vorbereitung befindlichen deutschen Ausgabe werden
Einzelheiten grössere Berücksichtigung finden.
Anmerkungen zur Transkription:
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
Korrektur.
S. 45
Auf und Nieder Babyloniens wiederspiegelte
Auf und Nieder Babyloniens widerspiegelte
S. 67
Eine wie lange historische Entwicklung vorauzussetzen ist, ehe
Eine wie lange historische Entwicklung vorauszusetzen ist, ehe
S. 71
(dem biblisshen Ellasar, 1. Mose 14, 1)
(dem biblischen Ellasar, 1. Mose 14, 1)