Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen.
„Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme
(aus der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die
etwas tiefer häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener
vor. Die rauhblätterigen Teraströmiaceen (~Saurauja~) mögen
zuerst den Beginn der Bergvegetation bezeichnen. Später traten
die schöne, unten an den Blättern weiße Nessel ~Urtica nivea
Bl.~, noch später herrliche, rothe und gelbe Balsaminen auf. Die
parasitischen Orchideen sind seltener als auf Java. In einer
Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man viele Eichen und Kastanien,
deren Früchte den Europäischen bald mehr bald minder gleichen.
Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen scheinen hier
so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man die
schöne, dort einheimische Rasamala (~Liquidambar Altingiana~).
Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen,
Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und
Leguminosen. -- In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die,
der Javanischen ähnliche Alpenflora. Man sieht vor allem das
zierliche ~Rhododendron retusum Benn.~ und viele schöne Arten
von ~Gautiana~, ~Thibaudia~ oder ~Agapetes~ u. a. ~Graphalium~
und verschiedene neue Arten von Synanthereen zeigen sich bis
hoch hinauf.“
[10] Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich das
Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor +Blecker+ zu
machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen
ist. Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf
Indien; er hat in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung,
die bisher besteht. Ich war so glücklich, ihm mehrere neue
Gegenstände von Borneo, Sumatra und von den Molukken zu bringen.
Er beschenkte mich dagegen reichlich mit Fischen von Java und
andern Plätzen.
Neuntes Kapitel.
Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan. -- Besuch
der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. -- Der Tempel
Boro-Budoo. -- Die heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. --
Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei dem Susuhunan.
-- Rückkehr nach Samarang. -- Reise nach Surabaya.
In Batavia angekommen wollte ich die Güte des Residenten Herrn van Rees
nicht mißbrauchen und stieg bei der Familie des Herrn Obrist Steuerwald
ab.
Meines Bleibens war aber nicht lange; ermuthigt durch die gute
Aufnahme, die ich auf Java und Sumatra gefunden, durch die
Bereitwilligkeit, mit welcher man mir überall das Reisen so viel als
möglich zu erleichtern gesucht hatte, wünschte ich nun auch das Innere
Javas, so wie Celebes, die Molukken u. s. w. zu besuchen.
Es gibt auf Batavia zwei Dampfschifffahrts-Gesellschaften,
deren Schiffe alle Inseln und etwas bedeutenderen Punkte der
Holländisch-Indischen Besitzungen berühren. Ich ging zu den Direktoren
beider, den Herren +Cores de Vries+ und +Fraser+, um sie zu ersuchen,
mir die Ueberfahrtspreise etwas billiger zu stellen. Wer stellt sich
meine Ueberraschung, meine Freude vor, als mir die Herren die Erlaubniß
ertheilten, von ihren Schiffen unentgeldlich überall, wohin sie gingen,
Gebrauch zu machen[11]!
Schon am +18. November+ verließ ich wieder Batavia auf der „Königin
der Niederlande,“ Kapitän Chevalier, mit der Bestimmung für +Samarang+
auf der Ostküste Java’s (210 Meilen). Wir hatten herrliches Wetter und
legten die Reise in 37 Stunden zurück. Das Land verloren wir selten
aus dem Gesicht. Es breitete sich als unübersehbare Ebene längs
dem Seegestade aus; erst nahe bei Samarang kam wieder ein Theil der
Gebirgswelt zum Vorschein, dabei der 5000 Fuß hohe +Ungarang+.
In Samarang fand ich bei Dr. +Schmitz+ die herzlichste Aufnahme. Er wie
seine Gemahlin waren Deutsche, hatten mir, der ihnen ganz Fremden, nach
Batavia geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen für den Fall, daß
mich mein Weg nach Samarang führe. Von der Frau hatte ich schon viel in
Batavia als von einer ausgezeichneten Sängerin sprechen gehört.
Die Stadt Samarang liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene und ist von
prachtvollen Alleen von Tamarinden-Bäumen umgeben, die hier zu einer
seltenen Höhe und Ueppigkeit gelangen. Die Europäer wohnen auch hier,
wie zu Batavia, außerhalb der Stadt.
Zu den ausgezeichnetsten Gebäuden gehört das Haus des Residenten[12].
In früheren Zeiten, als auch auf der Ostküste Java’s ein Gouverneur
residirte, war es dessen Palast. Ein großer, schöner Garten umgibt es.
Nach diesem Gebäude ist das Hospital, die ehemalige Wohnung des
Residenten, zu erwähnen.
Ich besuchte die Hospitäler beinahe in allen Holländischen
Niederlassungen und fand sie überall, selbst in den kleinsten
Orten, ausgezeichnet, vollkommen gut eingerichtet und die Kranken
trefflich gehalten. Ich müßte von jenen herrlichen Anstalten nur
immer wiederholen, was ich von der ersten geschrieben habe. In
dieser Hinsicht scheinen mir die Holländer alle übrigen Nationen zu
übertreffen.
In der erwähnten Anstalt hatten es die Irrsinnigen vorzüglich gut:
sie wohnten zu vier oder sechs gemeinschaftlich in hohen, geräumigen
Zimmern. Als ich in ihre Abtheilung kam, hatte ich gar keine Ahnung,
mich unter Irren zu befinden. Früher wurden die Unglücklichen bei
starken Ausbrüchen gebunden; unter der Leitung des Dr. Schmitz hat
diese Behandlung aufgehört. Er bestraft sie wie ungezogene Kinder und
beschränkt sie auf einen oder mehrere Tage in der Kost, was stets den
besten Erfolg hat.
Das Merkwürdigste in der Residentschaft Samarang sind die aufbrodelnden
Schlammquellen in der Nähe des Districtes +Grobogan+. Herr Resident
+Potter+ gewährte mir Postpferde dahin (66 Paal), Frau Schmitz war so
liebenswürdig, mich zu begleiten, und gut ausgerüstet verließen wir am
22. November Samarang.
Man kann leicht in einem Tage nach Grobogan kommen; da aber unterwegs
zu +Pennwangan+ (36 Paal) eine bedeutende Tabakfabrik lag, mit deren
Inhaber, Herrn +Klein+, Frau Schmitz bekannt war, fuhren wir am ersten
Tage nur bis dahin. Herr Klein zeigte uns die ganze Anstalt. Der Tabak
ist auf Java nicht gänzlich Monopol; man ist nicht gezwungen, ihn gegen
festgesetzte Preise an die Regierung zu liefern. Man miethet nur die
Ländereien auf zwanzig Jahre von ihr, mit welchem Pachte zugleich das
Recht auf eine gewisse Anzahl Arbeiter zu bestimmten Preisen verbunden
ist.
Herr Klein hat auf den von ihm gepachteten Ländereien acht große
Trockenhäuser von Holz aufgeführt, jedes 750 Fuß lang, 106 breit und
42 hoch. Die Tabaksblätter werden hier nicht gepflückt, sondern die
Pflanze wird an dem Stengel abgeschnitten und so aufgehangen. Wenn
die Blätter trocken sind, werden sie abgenommen, in große Haufen
aufgeschichtet und so lange liegen gelassen, bis sie durch ihre eigene
Wärme zu gähren beginnen. Die Verfertigung der Cigarren ist höchst
einfach. Die großen, schönen Blätter werden mit feinem Reiskleister
bestrichen, kleinere Blätter darein gerollt, die Cigarren oben und
unten nach einem Maße abgeschnitten, nochmals getrocknet und verpackt.
Den +23. November+ ging es weiter durch die Districte Damak und
Grobogan bis zu den Schlammquellen. Der Weg führte gestern wie heute
durch große, unübersehbare Ebenen, deren Einförmigkeit mir etwas
langweilig wurde. In weiter Ferne nach dem Inneren zu sah man den
+Ungarang+, +Merapi+, +Merbabu+, längs der Seeküste die niedrigen
Vorgebirge von +Sumbing+ und +Sindoro+.
Diese Gegend wird ihrer Fruchtbarkeit wegen die Reiskammer von Java
genannt, und doch fand hier im Jahre 1849 eine furchtbare Hungersnoth
statt. Die Reisernte war mißglückt, und Tausende von Menschen starben
dahin. Augenzeugen erzählten mir, daß man sich von dem Elende, von
den schauderhaften Scenen dieser Zeit gar keine Vorstellung machen
könne. In jeder Hütte lagen Todte, Sterbende, Halbverweste; die
Lebendigen waren oft nicht mehr im Stande, die Verstorbenen hinweg zu
schaffen. Ueberall begegnete man nur Gerippen; ausgehungerte Kinder,
die Eltern und Freunde verloren hatten, irrten jammernd umher und
schrieen nach Brot. Männer und Weiber fielen auf den Straßen nieder
und gaben den Geist auf. Man beraubte die Kokospalmen ihrer Kronen, um
die Blätter zu kochen und zu essen. Und so groß war dabei der Glaube
dieser Unglücklichen an ihre Bestimmung, daß sie neben den vollen
Reissäcken, die in und vor den Kaufläden standen, hinsanken und mit
dem Hungertodte kämpfend ausriefen: „Gott hat dieses Schicksal über
uns verhängt!“ -- Kein Kaufladen wurde geplündert.
Mehrere Privatleute sandten Berichte über diese grenzenlose Noth an
die Regierung und selbst an den Gouverneur-General (Herr +Deimar+ van
+Twist+ war zu dieser Zeit noch nicht in Indien; er kam erst im Jahre
1851). Die Regierung schien aber nur ihren eigenen Organen glauben
zu wollen und forderte officielle Berichte von dem Residenten zu
Samarang, Herrn Be..... Sollte man es glauben, daß dieser Mann die
Grausamkeit hatte, alles für unwahr zu erklären? Er wollte sogar die
Namen jener wissen, welche die Berichte geschrieben hatten, um sie
zu bestrafen[13]. Als die Regierung hinter die Wahrheit kam, war es
für Tausende und Tausende schon zu spät[14]. Viele der Unglücklichen
waren schon so schwach, daß sie die Nahrung nicht mehr vertragen
konnten. Die Straßen, die Dörfer lagen voll Leichen; bösartige Seuchen
entstanden in Folge der verpesteten Luft, und 120,000 Menschen
starben in der Zeit von 13 Monaten (September 1849 bis Oktober 1850);
außerdem wanderten über 20,000 aus. Und was geschah dem Residenten
und dem Assistent-Residenten? -- Ersterer wurde pensionirt, mit einem
jährlichen Gehalte von 6000 Recepissen, letzterer als +Resident+ in
eine andere Provinz versetzt.
Noch jetzt sah es in dem Bezirke Grobogan, wo die Noth am größten
war, düster und traurig aus. Obwohl die nie ermüdende Natur mit ihrem
grünen Teppiche die Leichenfelder überdeckt hatte, konnte sie weder die
Hütten beleben und vor dem Einsturze bewahren, noch den Bäumen ihre
Kronen wiedergeben. Alang-Alang und Gestrüppe wucherte auf dem größten
Theile des Bodens, zahllosen Heerden von Wildschweinen zum Tummelplatze
dienend. In wenig Jahren wird freilich wieder alles reich ersetzt sein;
die Geflüchteten kehren bereits zu ihren verfallenen Hütten zurück, der
ausgeruhte Boden wird doppelt tragen, und der Reisende durch die Ebene
ziehen, ohne im geringsten zu ahnen, von welchen Schreckensscenen sie
Zeuge war. Wird auch Herr Be..... diese Scenen aus seiner Erinnerung
streichen können?
Das Aufbrodeln der Schlammquellen sieht man schon einige Paal weit
von der Straße aus; es gleicht der Brandung des Meeres. Der Schlamm
steigt wie eine Woge in die Höhe, und der Dampf ist mit dem feinen
Staubregen der schäumenden Welle zu vergleichen. Wir fuhren den Quellen
bis einen halben Paal nahe. Tragstühle, durch die Vorsorge des Herrn
Assistent-Residenten, der uns begleitete, bereit gehalten, brachten uns
an Ort und Stelle.
Auf gelegten Brettern konnten wir bis an den Rand der Hauptquelle
gehen. Ihr Becken mag über 100 Fuß im Durchmesser haben. Das ganze
Becken ist zwar mit Schlamm gefüllt; allein nur ein kleiner Theil
brodelt gleich einer Woge auf, das übrige ist halb verhärtet. Die
Schlammquelle in diesem Becken hat 15 Fuß im Durchmesser; sie brodelte
höchstens 4 Fuß auf; bei anhaltendem Regenwetter soll sie einige
Fuß höher aufsteigen. Unbedeutende Aufbrodelungen von Schlamm gibt
es an vielen Stellen in dem Becken; Gas- oder Luftblasen steigen
beinahe überall auf. Ein zweites kleines Schlammbecken, von sechs bis
sieben Fuß im Durchmesser, liegt unfern dem großen. Man kann ihm ganz
nahe kommen; der kaum fußhoch aufwirbelnde Schlamm ist lauwarm. Wir
steckten ein sehr langes Bambusrohr in das Becken, welches von der
unterirdischen Kraft alsbald gehoben und über den Rand geworfen wurde.
Die große Schlammquelle ist viel heißer als die kleine. Der Schlamm
schmeckt sehr salzig. Viele Leute aus der Umgebung tragen davon nach
Hause und ziehen durch Abwässerung die Salztheile heraus. Diese Quellen
verdienen allerdings besucht zu werden; für mich waren sie jedoch nicht
so überraschend, da ich auf Island viel Wunderbareres der Art gesehen
hatte.
In der Nähe der Schlammquellen sind auch Salzquellen, oder besser
gesagt Salzbrunnen, denn vierkantige Oeffnungen von 4 Fuß Breite und 40
Fuß Tiefe leiten zu ihnen. Sie haben in der trockenen Jahreszeit eine
Wärme von 45 Grad Reaumur, in der Regenzeit von 39. Die Oeffnungen sind
mit Balken ausgezimmert, um das Einstürzen des Erdreichs zu verhindern.
Das Wasser wird herausgeschöpft und in große Becken geleitet, wo es
so lange bleibt, bis sich der wenige Schlamm, den es mit sich führt,
gesetzt hat. Man läßt es dann in ganz seichte, auf drei Fuß hohen
Gestellen ruhende Rinnen laufen und an der Sonne verdampfen. Das Salz
bleibt in kleinen, weißen Krystallen zurück und wird mit Muscheln
zusammengefaßt.
Es gibt viele solche Salzbrunnen in dieser Gegend. Der Reingewinnst im
Jahre beträgt 10,000 Pikul Salz. Man konnte mir nicht sagen, wie viel
Procent reines Salz dies Wasser liefert.
Von den Salzquellen kehrten wir mit dem Herrn Assistent-Residenten nach
Grobogan zurück und nahmen seine freundliche Einladung, die Nacht in
seinem Hause zuzubringen, gern an.
Am +24. November+ zogen wir wieder in Samarang ein, um sogleich
Vorbereitungen zu einer bedeutenderen Reise nach dem Innern des Landes
zu treffen. Herr Resident Potter gestattete mir Postpferde für seinen
ganzen Distrikt und versicherte mir, daß die übrigen Residenten
gewiß dasselbe thun würden. Er rieth mir besonders, die herrlichen
Hindu-Tempel, so wie die freien Fürstenthümer +Djogokarta+ und
+Surakarta+ zu besuchen.
Auf dieser Reise begleitete mich Herr und Frau Schmitz.
Wir verließen Samarang am +26. November+ und fuhren 48 Paal bis
+Magelang+, in der Residentschaft +Kadu+. Zu diesen 48 Paal benöthigten
wir neun Stunden, denn stets ging es über Gebirge von mehr als 2000
Fuß, ja zwischen +Salatiga+ und Magelang über eine Höhe von 4550 Fuß.
Unserem Sechsgespanne wurden häufig tüchtige Büffel zugesellt.
Diese langsame Fahrt war uns allen höchst angenehm, denn die Ansichten
waren überaus reich und wechselnd. Das Meer mit seinem endlosen Spiegel
lag tief unter uns, ein zweites Meer von Bergen, Hügeln und Thälern
umgab uns. Im Westen prangte der +Sumbing+ (10,770 Fuß), im Osten
der +Merapi+ (8240 Fuß), der +Merbabu+, im Norden der +Onclong+, das
+Telo-mayo-+ und +Jambu-+, im Süden das +Minore-Gebirge+. Unter den
Thälern war das schönste jenes von +Ambarawa+; es ist mit herrlichem
Grün, mit lieblichen Bosketen bedeckt. Leider ist diese Schönheit zum
Theil nur Larve, da der größte Theil dieses Thales einen trügerischen
Sumpf bildet, der an manchen Stellen unergründlich tief sein soll.
Einige Paal früher kamen wir an dem kleinen Fort +Ungarang+ vorüber,
welches seiner hohen Lage wegen so gesund ist, daß viel krankes Militär
hieher gesandt wird. Auch für Privatleute ist ein geräumiges Hotel
errichtet.
In dem Thale Ambarawa liegt die Festung „Wilhelm der Erste“; sie bildet
ein regelrechtes Viereck und ist die größte auf Java.
Um drei Uhr Nachmittag kamen wir in Magelang an (1200 Fuß hoch
gelegen). Herr Resident +Gaillard+ war so gütig, mich aufzunehmen.
Dr. Schmitz mit seiner Frau stieg bei einem Freunde ab. Das Gebäude,
welches der Resident bewohnt, gehört zu den sehr schönen, die Lage
zu den reizendsten, da sie das großartige Rundgemälde der herrlichen
Gebirgswelt beherrscht. Der dazu gehörige große Garten verdiente den
Namen eines Parkes; er ist sehr geschmackvoll angelegt und mit vielen
Alterthümern aus den nahen Hindu-Tempeln ausgeschmückt, unter welchen
auch der heilige Stier nicht fehlt.
Ganz nahe bei Magelang liegt ein einzelner Hügel, von welchem die
Eingebornen behaupten, daß er gerade den Mittelpunkt Java’s bezeichne;
sie nennen ihn deshalb „den Nabel von Java.“
In Magelang wurde mir das große Vergnügen zu Theil, meinen lieben
Landsmann Herrn Wilson kennen zu lernen, dessen Arbeiten ich in Batavia
gesehen und bewundert hatte.
Herr Wilson war von der Holländischen Regierung beauftragt worden,
die Hindu-Denkmäler und ganz besonders den Tempel +Boro-Budoo+ von
Innen und Außen auf das genaueste aufzunehmen. Diese kolossale Aufgabe
hatte er so eben beendet, und in wenig Tagen sollte er nach Batavia
zurückkehren.
Wir blieben einen Tag in Magelang; den nächsten Morgen begleitete uns
Herr Wilson nach dem zwölf Paal entfernten Tempel Boro-Budoo, und war
so gefällig unsern Führer und Erklärer abzugeben.
Der Tempel, als Gebäude betrachtet, hat gar nichts Kunstvolles oder
Schönes an sich. Er besteht aus zehn bis zwölf Fuß hohen Steinwänden,
die an einem kleinen Hügel, den sie ganz einnehmen, stufenweise
aufgeführt sind und ein regelmäßiges Viereck von 362 Fuß Durchmesser
bilden. In fünf Gallerien erheben sich die Wände eine über der andern
bis zu einer kleinen Fläche, von welcher wieder drei Terrassen
aufsteigen; den Schluß bildet das Sanktuarium, eine große Glocke
(leider schon größtenteils eingestürzt), unter welcher ein Buddha
sitzt, der vorsätzlich unvollendet blieb, denn die Hindu sagen, daß das
Allerheiligste von Menschenhänden nicht vollendet werden kann[15].
Die Höhe der ersten fünf aufsteigenden Terrassen beträgt 90 Fuß,
des ganzen Tempels mit den letzten drei Terrassen und der obersten
Glocke 120 Fuß. Auf der obersten Terrasse stehen 24 durchbrochen
gebaute Glocken, auf der zweiten 28, auf der dritten 32, jede mit
einem sitzenden Buddha. Im Ganzen enthält der Tempel 505 große Statuen
des Buddha und 4000 Basreliefs, die an den In- und Außenseiten der
Gallerien ausgehauen sind. Kein leeres Plätzchen zeigt sich an den
Wänden; alles ist mit menschlichen Figuren, Arabesken u. s. w. bedeckt.
Zu dem Zeichnen dieser ungeheuern Menge von Statuen, Basreliefs,
Figuren und Arabesken hat Herr Wilson nur vier Jahre verwendet. Der
ganze Tempel ist mit seinen unzähligen Einzelheiten auf 400 große
Velinbogen mit der Feder gezeichnet und auf diese Weise für die
Nachwelt bewahrt, wenn er selbst schon lange in Schutt gefallen sein
wird.
Aus den Basreliefs kann man die ganze Schöpfungsgeschichte der
Indier, die Erschaffung des ersten Menschen, die nach und nach sich
vervollkommnende Heiligkeit des Buddha u. s. w. ersehen. Diese
Schöpfungsgeschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der unsrigen.
Die Figuren und Gruppen auf den Basreliefs kommen mir hier viel
richtiger, geschmackvoller und kunstreicher in Ausführung und
Zusammenstellung vor, als ich sie an den Tempeln zu +Elora+,
+Adjunta+ und andern in Brittisch Indien gesehen habe; dagegen fand
ich dort die Arabesken ungleich zierlicher, die Glocken und Figuren
bei weitem kolossaler. Was den Tempel als Gebäude anbelangt, kann
man ihn natürlich mit den großartigen Hindostanischen Tempeln nicht
vergleichen, da er, wie gesagt, nur aus parallel laufenden Steinwänden
besteht. Die Bauart ohne Mörtel, die Wölbung durch Vorschiebung der
übereinander gelegten Steine ist hier wie dort dieselbe.
Man vermuthet, daß der Tempel +Boro-Budoo+, wie auch die übrigen
Hindu-Tempel auf Java, im achten Jahrhundert nach Christi Geburt erbaut
worden seien. Welche Unzahl von Künstlern muß es zu jener Zeit gegeben
haben, um solche Riesen-Kunstwerke zu Stande zu bringen!
Obwohl der Hindu-Gottesdienst schon im 15. Jahrhundert von dem
Mohamedanismus verdrängt und ausgerottet wurde, und ganz Java seit
dieser Zeit mohamedanisch ist, so kommen doch noch Tausende von
Javanesen zu gewissen Zeiten im Jahre nach den Tempeln, um Gebete zu
verrichten. Die +Buddha’s+ in dem Tempel Boro-Budoo werden besonders
von dem weiblichen Geschlechte hoch verehrt. Viele Mütter pilgern
hieher, um vor ihrer Niederkunft zu bitten, nach derselben zu danken;
Bräute tragen ihre geheimen Anliegen vor. Ein Theil des alten
Gottesdienstes ist auf diese Art in den neuen übergegangen und hat sich
mit ihm verschmolzen.
Der Tempel Boro-Budoo ist leider schon ziemlich in Verfall; ein starker
Erdstoß -- und das Ganze kann ein Schutthaufen werden. Viele Wände und
Steine hängen in so losen Fugen und Geschieben über- und aneinander,
daß man mit Angst bei denselben stehen bleibt oder vorübergeht--
ein Luftzug scheint hinlänglich zu sein, sie umzuwerfen. Nur der
begeisterte Künstler konnte die Gefahr vergessen und Jahre lang hier
verweilen. Häufig fielen Steine aus ihren Fugen neben ihm zu Boden, ja
kürzlich bei einer schwachen Erderschütterung eine ganze Nische. Auch
hatte Herr Wilson von der glühenden Hitze viel zu leiden, die sich
zwischen den engen Wänden bildete und von keinem Lufthauche gemildert
wurde.
In der Entfernung von nur einem Paal steht der zierliche kleine Tempel
+Mendut+. Er mag zwanzig Fuß im Durchmesser und fünfzig in der Höhe
haben und geht in einer Kuppel aus; die Steine halten sich durch ihre
eigene Schwere, wie in den Glocken zu Boro-Budoo. Sachverständige
erteilen diesem Tempelchen ein besonders großes Lob; sie bewundern
die Wölbung, die Zierlichkeit der Arabesken, die drei darin sitzenden
Figuren, welche, wenn in aufrechter Stellung, sechzehn Fuß hoch wären.
Die Rundung der Formen, das höchst richtige Ebenmaß der Glieder, die
edlen Gesichtsbildungen dieser Statuen sollen das Vollendetste sein,
was man bisher von der Bildhauerarbeit der Hindu gesehen hat. Die
mittlere Figur stellt einen Buddha, die beiden anderen stellen Könige
vor.
An diesem Kleinode der Kunst nahmen wir Abschied von Herrn Wilson und
fuhren noch 18 Paal weiter nach +Djogokarta+, der Hauptstadt des freien
Fürstenthumes gleichen Namens.
Die beiden Fürstenthümer +Djogokarta+ und +Surakarta+ bildeten vor
etwas mehr als hundert Jahren ein mächtiges Reich unter dem Namen
+Mataran+. Zwei Brüder führten zu dieser Zeit einen Krieg um dasselbe,
welcher fünfzehn Jahre währte. Im Jahre 1752 schlossen sie Frieden
und theilten das Reich unter sich. Beide standen zwar damals schon
unter dem Schutze (?) der Holländischen Compagnie, genossen aber
ungleich mehr Freiheit und Selbstständigkeit, als heut zu Tage, bis
sich im Jahre 1825 der Prinz +Diepo Negoro+ zu Djogokarta, theils aus
Ehrsucht, theils beleidigt durch die zurücksetzende Behandlung der
Holländischen Beamten, empörte und die beiden Reiche in einen Krieg mit
den Holländern verwickelte, welcher fünf Jahre dauerte, sechstausend
Menschenleben und viele Millionen Rupien kostete. Die Folge war für die
eingeborenen Fürsten, daß die Holländer ihnen einen großen Theil der
Ländereien abnahmen und sie gänzlich abhängig machten. Sie führen zwar
noch den Titel „selbstständige“ Fürsten, haben aber einen Holländischen
Residenten zur Seite, der sie eben so beschränkt und überwacht, wie die
Engländer ihre „freien Könige“ in Hindostan. Sie dürfen ohne Vorwissen
des Residenten keinen Besuch, keinen Brief empfangen, ja nicht einmal
ihre Paläste verlassen; dafür bekommen sie aber von der Holländischen
Regierung einen jährlichen Gehalt oder eine Entschädigung, und zwar der
Sultan von Djogokarta 480,000 Rupien, der Susuhunan[16] von Surakarta
648,000 Rupien.
Ich stieg in Djogokarta, einer gütigen Einladung des Residenten Herrn
+Hasselmann+ zu Folge, in seinem Hause ab. Eine schönere Residenz als
diese (höchstens jene von Samarang ausgenommen) ist mir noch nicht
vorgekommen. Vermutlich hat man sie absichtlich in einem so großartigen
Style gebaut, um den Javanischen Fürsten Achtung vor den Europäern
einzuflößen, um so mehr, da der Sultan dem Residenten einige Mal im
Jahre feierliche Besuche abstattet und bei dieser Gelegenheit mit einem
Gefolge von drei- bis vierhundert Personen kommt, von welchen mehr als
hundert an die Tafel gezogen werden.
Außer den ceremoniellen macht der Sultan auch viele Privatbesuche,
nicht nur bei dem Residenten, sondern auch in anderen Europäischen
Häusern. Er kommt sogar in den Club und nimmt gern Theil am Billard-
und Karten-Spiel, wie überhaupt an jeder Europäischen Unterhaltung.
Wenn er die Europäische Welt zu sich ladet, wird nicht selten
getanzt. Seine Gemahlin und Töchter sind von diesem Vergnügen nicht
ausgeschlossen. Dieß mag vielleicht der einzige Ort in der Welt sein,
wo man die Gemahlin, die Töchter eines mohamedanischen Sultans in den
Armen Europäischer Herren und Offiziere walzen sehen kann. Die Sultanin
soll dem Whist- und L’hombre-Spiele ebenfalls nicht abhold sein.
+29. November.+ Wir brachten den ganzen Tag mit Besehen des
Merkwürdigen, mit Besuchen u. s. w. zu. Die Mutter der Frau Hasselmann,
Frau +Parvé+, eine muntere, sehr gefällige Dame, übernahm es, uns die
Sehenswürdigkeiten von Djogokarta zu zeigen. Wir begannen mit dem
Lustpalaste des Sultans. Jeder seiner Paläste wird „+Kraton+“ genannt
und ist mit hohen Mauerwällen umgeben, welche die Gärten, Badehäuser,
alle möglichen Nebengebäude, ja oft einen kleinen Kampon in sich
schließen. Dieser Palast heißt auch „+Wasserpalast+“ (Tamansari), weil
er bis an das erste Stockwerk unter Wasser gesetzt werden konnte. Von
Portugiesischen Baumeistern im Jahre 1754 gebaut, zeichnet er sich
weniger durch große, schöne Gemächer, als durch feste kasemattirte
Wölbungen und Gänge aus, die, wie man glauben sollte, Jahrhunderten
widerstehen können. Dennoch fängt er schon zu verfallen an; er wird
nicht mehr bewohnt, und ein unbewohntes Gebäude bessert der Malaie
so wenig wie jeder Orientale aus. An Einrichtung findet sich nichts
vor, als eine alte hölzerne Bettstelle, die man gewarnt wird, nicht
zu berühren, da derjenige, der es thäte, alsbald sterben müßte. Dieß
mag vielleicht wohl nur gesagt werden, um die Europäer auf höfliche
Weise abzuhalten, ein Bett zu berühren, welches die Eingebornen für
heilig halten, da der erste der dieses Reich regierenden Sultane darin
geschlafen hat.
Von dem Tamansari fuhren wir nach +Gédé+, dem Begräbnißplatze der
Familie des Sultans wie auch der Vornehmsten des Reiches. Dieser
Ort ist ebenfalls, gleich dem Kraton, mit hohen Mauern umgeben. Die
Gräber sind mit einfachen Steinplatten bedeckt, an deren beiden Enden
zwei bis drei Fuß hohe Steine aufrecht stehen. Ueber manche sah ich
winzig kleine hölzerne Hütten gebaut, vielleicht um die Steine vor dem
Einflusse der Witterung zu schützen. Die Gräber der Sultane sind in
einem großen hölzernen Hause; mehrere davon waren mit Betthimmeln und
weißen Vorhängen geschmückt.
In einem der Nebenhöfe wird in einem Teiche ein sehr merkwürdiges
Thier, eine große weiße Schildkröte gehalten, welche die Eingebornen
als heilig verehren. Sie ist so zahm, daß sie, wenn man sie ruft und
sie Hunger hat, sogleich erscheint, um die Gabe, die man ihr reicht,
aus der Hand zu nehmen. Dieß Kunststück wurde natürlich auch vor uns
aufgeführt, damit wir sie zu sehen bekämen. Sie erschien zweimal an der
Oberfläche des Wassers, ohne jedoch die Speise zu berühren, die man
ihr dicht vor den Mund hielt. Die Führer und die wenigen Eingebornen,
die uns begleiteten und die von Frau Parvé gehört hatten, daß ich in
Stambul und andern ihnen heiligen und interessanten Plätzen gewesen
war, sahen nach mir und sagten, daß ich eine ganz besondere Person
sein müsse, da die Schildkröte zweimal erschienen sei, ohne Hunger zu
haben. Es sei gerade, sagten sie, als wollte sie mich sehen und von mir
gesehen werden. Ich erzähle dergleichen geringfügige Dinge, weil ich
glaube, daß sie zur Charakteristik des Volkes gehören.
Die Auszeichnung, welche mir die Schildkröte erwies, wurde sogleich
in der ganzen Gegend als ein Wunder erzählt. Als ich Nachmittags dem
Sultan und seiner jungen, neunzehnjährigen, kinderlosen Gemahlin
vorgestellt wurde, faßte letztere, dieser Begebenheit wegen, ein
solches Vertrauen zu mir, daß sie mir leise in das Ohr flüsterte.
„O, bete für mich zu Deinem Gotte, daß er mich segnet und den Baum
nicht ohne Früchte dahin welken läßt!“ -- Dieß war doch der schönste
und rührendste Beweis von Zutrauen, der mir als Christin von einer
Mohamedanerin werden konnte.
Die Schildkröte war bei zwei Fuß lang, Schale und Körper ziemlich weiß,
erstere nicht horn-, sondern lederartig, die Augen roth. Sie hatte
mehrere Junge, die alle ebenfalls weiß waren. Durch die besondere
Verwendung der Frau Parvé erhielt ich eines, das ich sogleich in
Spiritus verwahrte.
Man hat die Behauptung aufgestellt, daß diese Thiere hier deshalb weiß
seien, weil der Wasserplatz, in welchem sie leben, nie von der Sonne
beschienen würde. Es wäre belehrend, einen Versuch mit einer dunklen
Schildkröte zu machen; ich glaube kaum, daß ihre Nachkommenschaft die
Farbe wechseln dürfte.
Ein zweiter fürstlicher Begräbnißplatz, auf welchen auch die Susuhunans
von Surakarta nebst ihren Familien kommen, liegt drei Paal von hier
entfernt; er heißt +Imo-Giri+. Die Gräber ziehen sich längs eines
Hügels von einigen hundert Fuß in die Höhe. Die Verwandten der
fürstlichen Häuser werden je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft höher
oder tiefer auf dem Hügel begraben.
Bei der Rückkehr nach Hause fuhren wir über den großen Platz, auf
welchem Bazar gehalten wurde, der durch die vielen und schönen
Kupferarbeiten im ganzen Lande berühmt ist; sie werden in der Umgegend
verfertigt und hierher zum Verkaufe gebracht.
Nachmittags wurden wir von dem Sultan in seinem Palaste empfangen. Wir
kamen durch drei Höfe, in welchen baufällige Häuschen, erbärmliche
hölzerne Hütten, Pferdeställe u. s. w. standen.
Der Palast eines Javanesischen Fürsten oder Sultans besteht aus dem
Pendopo, Dalem und Probojekso. Der Pendopo ist eine ganz offene Halle,
über die sich ein hohes Dach wölbt, und zu welcher einige Stufen
führen. Er ist für die Festlichkeiten bestimmt und nur mit Tischen und
Stühlen meublirt. Dem Pendopo gegenüber steht der Dalem, ebenfalls eine
große Halle, die aber, allein von vorne offen, und daher etwas finster
ist, denn sie hat gewöhnlich keine oder wenige niedrige Fensterchen.
Der Dalem ist der Aufenthaltsort des Fürsten und zugleich der
Empfangssaal; er ist mit Kanapes, Stühlen, Spiegeln, Uhren, Gemälden u.
s. w. meistens überladen. Mehrere Thüren, im Hintergrunde angebracht,
führen in den Probojekso, den innern Aufenthaltsort des Fürsten, seiner
Frauen und Familie. Er besteht aus einem kleinen Saale mit vielen
Kämmerchen und Winkelwerk, alles düster und enge; einige Bettstellen,
Matten, Polster und Kissen bilden die ganze Einrichtung.
Alle fürstlichen Paläste, die ich auf Java sah, waren von Holz. Sie
sind nicht im entferntesten mit der Pracht, dem Reichthume, der Kunst
und dem Aufwande der Bengalischen und Hindostanischen Fürstensitze zu
vergleichen.
Der Sultan kam uns bis einige Schritte vor dem Dalem entgegen; er
reichte jedem von uns die Hand, führte uns in den Saal und wies
uns neben sich Plätze zum Sitzen an. Er zählte 32 Jahre, war von
mittlerer Größe, etwas beleibt, das Gesicht hübsch. Er hatte eine
Art Schlafrock an, darüber einen Sarong, beide, so wie das Kopftuch,
von Seidenstoffen. An Schmuck trug er eine Brosche und einige
Diamantenringe.
Ich war sehr erstaunt, in dem Dalem lauter weibliche Diener zu sehen;
zu Dutzenden kauerten sie halb nackt überall umher. Sie hatten nichts
als einen Sarong an, der kaum die halbe Brust deckte. Daß sich die
mohamedanischen Fürsten in ihren innersten Gemächern nur von Weibern
oder Eunuchen bedienen lassen, ist weltbekannt; aber sie auch in
den Empfangssälen nur von Weibern umgeben zu sehen, kam mir gar zu
unmännlich vor.
Nachdem sich der Sultan einige Zeit mit uns unterhalten hatte, führte
er uns in den Probojekso. Er ist so loyal, selbst den Europäischen
Herren das Betreten des innersten Heiligthumes zu gestatten. Wir
wurden seiner Gemahlin vorgestellt, einer Frau von 19 Jahren, dem
schönsten Geschöpfe, das ich bisher unter den Malaien oder Javanesinnen
gesehen hatte. Ihr Näschen war allerliebst, der Mund ziemlich klein,
mit glänzend weißen, schön geformten Zähnen, die Augen groß und
feuersprühend; die etwas breiten, hervorstehenden Backenknochen allein
erinnerten an die Javanesische Abkunft. Der Sultan verbietet seiner
Familie das Sirikauen, sowie das Schwärzen und Feilen der Zähne. Außer
der Sultanin sahen wir noch zwei Töchter des Sultans aus andern Ehen,
hübsche Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren.
Die Sultanin, wie die beiden Mädchen, waren nach der Sitte des
Landes in Sarongs und Kabays gekleidet. Sie trugen viele Haarnadeln,
Ohrgehänge, Ringe u. dgl. mit Diamanten. Die Sultanin sprach nie mit
ihrem Gemahle, ohne die Augen zu Boden zu schlagen und die Hände wie
bittend gegen die Stirne zu erheben.
Nachdem wir Thee getrunken hatten, zeigte uns der Sultan seine Waffen
und Kostbarkeiten; auch die golddurchwirkten Kleider seiner Gemahlin
bekamen wir zu sehen. Auf seinem Bette lagen vier der schönsten
Kriese[17], in der Ecke des Bettes am oberen Theil stand die Büste
des Königs von Holland. Das wird doch ein getreuer Verehrer seines
Europäischen königlichen Bruders sein!
Die höheren Diener und Beamten dieses, sowie auch anderer
Javanesischer Fürsten zeichnen sich durch eine eigentümliche
Kopfbedeckung aus: sie besteht in einer zehn Zoll hohen Kappe von
Strohgeflecht, Seide oder Goldstoff, je nach dem Range der Person.
Am +30. November+ fuhren wir nach +Solo+, der Hauptstadt von Surakarta
(40 Paal). Auf dem Wege dahin kommt man den „tausend Tempeln“ nahe
vorüber, die unweit des Oertchens +Brambanang+ liegen. Sie bilden eine
ganze Gruppe. In der Zahl ist man nicht übereingekommen; die Einen
geben 170, die Andern 300 an, auf jeden Fall weit weniger als tausend.
Die Tempel sind klein, im Style des Mendut. Der Haupttempel soll 67
Fuß hoch gewesen sein, ist aber schon beinahe zu einem Schutthaufen
verfallen. Wir kletterten bis an die obere Abtheilung, von welcher wir
in das Innere sehen konnten. In einer kleinen, gewölbten Halle stand
noch ein Buddha und hie und da entdeckte man einige Arabesken. Die
übrigen Tempel sollen nicht höher als 24 Fuß gewesen sein, und in jedem
soll ein Buddha gestanden haben.
In Solo konnte mich der Resident Herr +Büschkens+ nicht aufnehmen:
man war gerade beschäftigt, seine etwas baufällige Residenz
herzustellen. Ich ward in das Haus des Herrn +Göreke+, Missionärs
und Bibelübersetzers, gebracht, eines überaus gemüthlichen und
menschenfreundlichen Mannes. Ganz besonders gefiel mir seine Toleranz:
er war einer jener leider so seltenen Geistlichen, die den Menschen
mehr nach seinen Handlungen schätzen, als nach dem Glauben, zu welchem
er sich bekennt.
Die Lage von Solo ist nicht so hübsch, als jene von +Djogokarta+. Die
Ebene ist zu groß, die Gebirge sind zu fern, den 10,400 Fuß hohen Lawas
ausgenommen, dessen Formen man ziemlich deutlich sieht.
Ich fand in den freien Fürstenthümern Grund und Boden durchgehend gut
kultivirt. Dieß mag wohl daher kommen, daß die Fürsten ihre Ländereien
verpachten und die Pächter fleißig arbeiten müssen, um den hohen Pacht
heraus zu bringen. Man baut in beiden Fürstenthümern ziemlich viel
Indigo. Die Hütten der Eingebornen, so wie ihre Kleidung, fand ich
nicht schlechter und ärmlicher als im übrigen Java. Es gibt unter den
Reisenden viele, die in den Holländischen Besitzungen alles besser
bebaut und kultivirt finden wollen. Ich kann indeß nur so schildern,
wie mir die Sache erscheint, und bemühe mich stets, mein Urtheil so
viel als möglich vor Partheilichkeiten zu bewahren. Wege und Brücken
sind gleichfalls gut unterhalten. Hierzu werden die freien Fürsten
freilich von der Holländischen Regierung verhalten, die in den beiden
Städten Solo und Djogokarta bedeutende Forts hat.
Man macht einen Unterschied zwischen den Malaien und Javanesen.
Letztere leben mehr in dem Inneren von Java und den beiden freien
Fürstenthümern. Man behauptet von ihnen, daß sie schöner und von
besserem Charakter als die Malaien und einer größeren Anhänglichkeit
fähig seien. Ich hatte zufällig Gelegenheit, das Volk in großer Menge
zu sehen, da während meiner Anwesenheit in Djogokarta Bazar gehalten
wurde und hier in +Solo+ zwei Feierlichkeiten stattfanden. Ich muß
jedoch aufrichtig gestehen, daß mir das Volk eben so häßlich vorkam,
als auf Batavia. Man rühmt ihre kleinen Hände und Füße. Es ist wahr,
der Malaie wie der Javanese haben kleine Hände und Füße; aber in der
Kleinheit allein besteht nicht die Schönheit. Die Hände sind so mager,
daß jeder Knöchel hervorsteht, die Fingerspitzen ein wenig aufwärts
gebogen. Finger, Hände und Arme können sie so verdrehen, daß es häßlich
anzusehen ist. Diese Schlappheit in den Gliedern und Muskeln ist auch
den Europäern eigen, die in diesen Ländern geboren und erzogen werden.
Die Füße sind nicht minder häßlich, sehr platt und die Fußzehen stehen
weit aus einander.
Unter den Hochgebornen so wie unter der Dienerschaft in den Harems
der Fürsten sieht man wohl mitunter hübsche Leute, schöne Kinder; das
darf aber nicht als Maßstab angenommen werden. Alles was schön ist,
Männer wie Weiber, sucht man in die Fürstenhäuser zu bringen. Will
ein Javanese seine Tochter vor dem Harem schützen, so muß er sie sehr
jung verheirathen oder eine öffentliche Tänzerin aus ihr machen; als
solche ist sie für jeden Mann, den sie nicht selbst begünstigt, ein
Heiligthum. Dieser sonderbare Gebrauch geht so weit, daß, wenn eine
Frau sich von ihrem Manne gegen dessen Willen scheiden will, sie nur
eine öffentliche Tänzerin zu werden braucht. Dann hat der Mann keine
Ansprüche mehr auf sie. Gewöhnlich schätzen es sich jedoch die Eltern
zur Ehre, wenn ihre Töchter in den Harem eines Sultans aufgenommen
werden.
In keinem Lande sah ich so viel Blinde und Lahme als in Surakarta; auch
an Lepre-Kranken soll es nicht fehlen, für welche unfern von Solo ein
eigenes Hospital errichtet ist.
Man erzählt hinsichtlich dieser Gebrechen eine sehr grausame Sage von
einem der letztregierenden Susuhunans: Eine Europäische Dame machte
eine Reise durch Surakarta. Zu Solo wurde sie dem Fürsten vorgestellt,
der sie fragte, wie ihr das Land gefallen habe. Sie erwiederte: „sehr
wohl, bis auf die vielen Blinden, Lahmen und Lepre-Kranken, welchen
man überall begegnet.“ „Dieser Anblick,“ rief der Susuhunan aus,
„soll in Zukunft niemanden mehr stören.“ Er ließ die Unglücklichen
zusammenrufen, sie auf Boote laden, in die Mitte des Flusses führen,
die Böden der Boote, die besonders dazu eingerichtet waren, wurden
geöffnet, und alle die Armen ertränkt.
Der jetzt regierende Susuhunan, Paku der Siebente, hat den allgemeinen
Ruf eines höchst edlen und gerechten Fürsten; er soll, gleich Titus,
jeden Tag für verloren halten, an welchem er nicht etwas Gutes ausgeübt
hat.
Unter seinen Vasallen zeichnet sich der Fürst Mangku-Negoro besonders
aus, welcher der Unabhängige genannt wird, weil er doch einige
Freiheit genießt; er darf z.B. seinen Palast verlassen, ohne erst bei
dem Residenten um Erlaubniß anzufragen. Er hält 800 Mann Fußvolk und
400 Mann zu Pferde -- eine größere Anzahl als der Susuhunan selbst.
Ferner ist er Oberst in Holländischem Dienste und Ehren-Adjutant des
Gouverneur-Generals. Er bekommt den Gehalt eines Obersten nebst einer
bedeutenden Zulage für die Unterhaltung seiner Truppen, muß aber
dagegen auch jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein.
Alle diese Auszeichnungen wurden ihm als Belohnung für seine Treue
verliehen, die er den Holländern in dem letzten Kriege bewiesen hatte.
Er hielt sich nämlich auf ihrer Seite und war ihnen mit seinen
wohleingeübten Truppen von großem Nutzen. Inländische, gut eingeschulte
Truppen sind den Europäischen weit vorzuziehen. Das Klima ist ihnen
nicht schädlich, sie begnügen sich mit wenig und höchst einfacher
Nahrung und ertragen die Märsche und Mühen ohne großen Nachtheil.
Unsere erste Bitte an den Residenten war, dem Susuhunan, so wie einigen
der vornehmsten Prinzen vorgestellt zu werden. Wir erhielten auch die
Zusage einer Audienz für den folgenden Tag; sie fand aber leider nicht
statt, da kaum eine Stunde, bevor wir kommen sollten, die einzige
Schwester des Fürsten starb, die er, wie man sagte, überaus liebte.
In den wenigen Tagen, die wir zu Solo zubrachten, waren wir so
glücklich, zwei Feierlichkeiten zu sehen. Die erste bestand in der
Ueberreichung eines Briefes, den der Sultan von Djogokarta an den
Susuhunan von Surakarta geschrieben hatte. Nachdem sich der Resident
zuerst mit dem Inhalte bekannt gemacht, wurde der Brief in schöne
Seidenzeuge gewickelt, auf einen silbernen Teller gelegt und von
dem ersten Adjutanten des Susuhunans in einem sechsspännigen Wagen
abgeholt; in einem zweiten Wagen folgte der Resident. Dreizehn
Kanonenschüsse begleiteten diese Ceremonie.
Die zweite Feierlichkeit war die Fortschaffung der verstorbenen
Schwester des Susuhunans nach dem Begräbnißplatze Imo-Giri. Die Farbe
der Trauer ist hier, wie bei den Chinesen, weiß. Alles was zu dem Zuge
gehörte, Wagen, Pferde u. s. w. war mit weißem Kattun überhangen.
Jedermann, der ihn begleitete, mit einem weißen Kopftuche, Sarong,
Schürze oder sonst einem Lappen weißen Zeuges angethan.
Den Zug eröffneten Träger, die mit Balken, Brettern, Stangen u. dgl.
beladen waren. Diese Gegenstände gehörten zur Errichtung eines Daches
über dem Sarg der Verstorbenen auf den Stationen der Reise. Hierauf kam
berittenes Militär[18] mit weißen Binden und Schürzen. Diesem folgte
des Susuhunans leerer Staatswagen, das Leibpferd der Verstorbenen, der
Betthimmel für den Sarg und endlich der Sarg selbst, der mit einer
weißen, golddurchwirkten Atlasdecke überhangen war. Der Sarg wurde
bis an die äußerste Pforte des Kraton von den kaiserlichen Prinzen
getragen; hier übernahmen ihn die Minister und so abwärts bis zu den
Dienern. Viele Lanzenträger, deren Lanzen mit weißem Kammertuche
umwickelt waren, umgaben den Sarg; große Schirme wurden über ihn,
so wie über die Köpfe der Prinzen gehalten, und von den Knöpfen der
Schirme flatterten weiße Tücher. Hinter dem Sarge kam ein großer
viereckiger Kasten, welcher die Speisen enthielt, die Abends, der
Sitte gemäß, auf den Sarg der Verstorbenen gesetzt werden. Den Schluß
des Zuges machte ein großer Haufen Volkes. Der Gemahl, die Kinder der
Verstorbenen, so wie ihre Verwandten, den Susuhunan ausgenommen, waren
bis zur ersten Nachtstation vorausgefahren. Wie man mir sagte, brauchte
der Zug drei Tage, um nach Imo-Giri zu gelangen. (40 Paal.)
Es war allerdings interessant, diesen Trauerzug gesehen zu haben;
allein eben so gern hätte ich den guten, ehrwürdigen Susuhunan kennen
gelernt, woran nicht mehr zu denken war, da wir schon am folgenden
Morgen abreisen sollten. Zu meiner größten Ueberraschung brachte mir
Herr Göreke die Nachricht, daß uns der Fürst diesen Abend ausnahmsweise
empfangen wolle. Diese Gunst verdankten wir einzig und allein dem
guten Missionär, den der Susuhunan hoch schätzt, und dessen Bitte ihm
hinlänglich war, unsern Wunsch zu erfüllen.
Bevor wir zu dem Susuhunan fuhren, statteten wir noch zwei Besuche bei
andern Prinzen ab.
Der erste galt dem Fürsten Mangku-Negoro, dessen ich schon erwähnt
habe. Ich war im höchsten Grade über den edlen, feinen Anstand
erstaunt, mit welchem sich dieser Prinz zu benehmen wußte; er stand
hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Seine Gesichtszüge
drückten Verstand, Scharfblick und Güte aus. Er nahm großes Interesse
an meinen Reisen und machte Fragen und Bemerkungen, die von vielen
Kenntnissen zeigten. In seiner Orientalischen Artigkeit verglich er
mich mit einer leichten, schwebenden Wolke.
Der zweite Besuch galt dem Fürsten Ngabchi, einem natürlichen
Bruder des Susuhunans, den man, da letzterer keinen Sohn hat, den
„wahrnehmenden Kronprinzen“ nennt. Diesen Fürsten trafen wir nicht zu
Hause, da er von dem Leichenzuge noch nicht zurückgekommen war.
Um halb acht Uhr war unsere Stunde, bei Hofe zu erscheinen. Die
Etikette ist hier ungleich größer als zu Djogokarta; die Herren Schmitz
und Göreke hielten die Uhren stets in der Hand, um nicht eine Minute zu
früh oder zu spät zu kommen.
An dem Eingange des innersten Hofes kamen uns zwei Hofdamen entgegen,
uns meldend, daß der Susuhunan bereit sei, uns zu empfangen. Im Dalem
kam er uns selbst zwei Schritte von seinem Lehnstuhl entgegen,
reichte uns die Hand und wies uns Plätze zum Sitzen an. Der Dalem
wie der Pendopo waren schön erleuchtet; Europäische Militär-Musik,
von den Eingebornen ziemlich gut aufgeführt, erschallte bei unserem
Eintritte und ward während unserer Anwesenheit öfter wiederholt. Einige
Schritte im Hintergrunde zur Linken des Fürsten saßen drei Hofdamen,
gleich den übrigen Dienerinnen bloß in einen Sarong gekleidet, welche
die Insignien des Reiches hielten, ein Schwert, einen Schild und ein
Scepter. Sie standen so steif und unbeweglich wie Statuen. Unter den
vielen Weibern, die überall umher kauerten, befanden sich auch zwei
Neffen des Susuhunan, Jünglinge von 14 bis 15 Jahren. Ich hielt sie für
recht hübsche Mädchen, denn sie trugen wie diese einen einfachen Sarong
und hatten die Haare zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit
einem Kamme befestiget.
Wir hatten kaum Platz genommen, so kam ein Weib (vermuthlich auch
eine Hofdame) auf den Knieen hergerutscht und recitirte eine lange,
ununterbrochene Rede, die ich für ein Gebet hielt; spätem erfuhr ich,
daß es ein Bericht über den Leichenzug war, der ungefähr lautete „daß
die Prinzessin bis an den und den Ort gegangen sei, daselbst unter dem
Schatten eines Baldachinen so und so lange ausgeruht und hierauf die
Reise wieder an den und den Ort fortgesetzt habe, wo sie die Nacht
zubringen werde.“ Von einer so vornehmen Person wird nämlich, so lange
sie nicht begraben ist, ebenso gesprochen, als ob sie noch am Leben
wäre; auch für ihre leiblichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten wird
mit derselben Aufmerksamkeit gesorgt.
Alles, was sich dem Susuhunan nahte, seine Neffen nicht ausgenommen,
rutschte auf den Knieen. Die Leute standen vermuthlich erst auf, wenn
sie aus seinem Gesichtskreise kamen, denn ich blickte ihnen nach, so
weit als ich konnte, und sah sie nicht aufstehen.
Die Züge des Fürsten sprachen vollkommen aus, was man mir von ihm
gesagt hatte: ich sah nicht bald ein ehrwürdigeres, gutmüthigeres
Gesicht als das seine. Nur wunderte es mich, keinen Kummer an
ihn wahrzunehmen über den schweren Verlust, der ihn so kürzlich
betroffen. Er hörte den Bericht über den Leichenzug seiner Schwester
mit derselben Ruhe an, als hätte man ihm eine ganz gleichgiltige
Sache verkündet. Nachdem er sich eine Weile mit uns unterhalten und
uns mit Thee bewirthet hatte, der zu meiner Verwunderung nicht von
Dienerinnen, sondern von Dienern servirt wurde, bot er Frau Schmitz
und mir an, seiner Gemahlin einen Besuch zu machen. Wir fanden in
ihr eine noch junge Frau von vielleicht 25 Jahren; sie saß in einer
wenig erleuchteten Kammer auf einem Stuhle, ihr zur Seite eine
achtzehnjährige Stieftochter auf der Erde. Beide waren minder hübsch
als die fürstlichen Frauen zu Djogokarta, doch für Javanesinnen schön
genug. Die Kämmerchen in dem Probojekso fand ich sehr klein, dürftig
eingerichtet und erleuchtet. Nach einer halben Stunde kehrten wir in
den Dalem zurück.
Beim Abschiede hielt der Susuhunan eine sehr lange Rede an mich,
während welcher er mich bei der Hand nahm; am Ende derselben zog er
einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an. Herr Göreke saß
leider zu weit entfernt, um etwas von dieser Rede zu hören; sie ging
daher für mich verloren, da der Susuhunan Hoch-Malaisch sprach, das ich
nicht verstand. Der Besuch währte über zwei Stunden.
Die Tracht des Susuhunans, seiner Frau und Tochter war sehr einfach,
ungefähr wie die an dem Hofe zu Djogokarta; der Susuhunan trug zwei
reich mit Brillanten besetzte Orden.
Am +3. December+ fuhren wir den kürzeren Weg über Salatiga nach
Samarang zurück (66 Paal), wo ich in dem Hause meiner liebenswürdigen
Begleiter noch eine Nacht zubrachte. Am folgenden Tage, um ein Uhr
Nachmittag, saß ich schon wieder auf dem Dampfer, um nach +Surabaya+ zu
gehen (180 M.).
Am Bord des Dampfers „Ambon“ wurde ich vom Kapitän Bergner als alte
Bekannte herzlichst begrüßt. Ich war mit ihm von Batavia nach Sumatra
gefahren, und er hatte kurz darauf den „Makassar“ mit dem „Ambon“
vertauscht. Es ist immer eine große Freude, auf einer Reise Bekannte
zu finden, und eine um so größere, wenn es so gute, gefällige Menschen
sind, wie Herr Bergner.
Von der Reise ist nicht viel zu sagen; wir hielten uns der Küste
Java’s fortwährend nahe, die abwechselnd eben und bergig ist. Vier
Hügel, die näher an Surabaya als an Samarang liegen, werden ihrer Form
wegen die vier Särge genannt; sie stehen von einander abgesondert,
mitten in einer Ebene. Zwölf Meilen von Surabaya sieht man, an eine
freundliche Hügelkette gelehnt, das Städtchen +Grisée+; hier gehen die
nicht-europäischen Schiffe gewöhnlich vor Anker.
Am +6. December+ Morgens warfen wir Anker auf der Rhede von Surabaya.
Alle Ankerplätze Java’s, die ich gesehen, Batavia, Surabaya und
Samarang, liegen drei bis vier Paal von den Städten entfernt; man muß
nach letzteren in Kähnen die Flüsse stromaufwärts fahren; in Surabaya
kann man von der Mündung des Flusses bis zur Stadt auch zu Wagen
fahren.
Herr Resident von +Perez+ war so gütig, mich aufzunehmen. Dieser
überaus gefällige Herr wußte von meinem Kommen; er hatte jedoch gehört,
daß ich zu Grisée vor Anker gehen würde und sandte mir sogar bis
dorthin einen Wagen entgegen.
Die Residenz, ein prächtiges Gebäude, leider mit einem ganz kleinen
Garten, liegt drei Paal von der Stadt. Eine herrliche Wiese breitet
sich davor aus, an deren Ende ein großes, wohlerhaltenes Steinbild
eines Hindu-Götzen steht, welches von den Malaien noch sehr verehrt
wird.
Ich blieb bis +14. December+ in Surabaya, ohne das Geringste zu sehen.
Die Regenzeit war eingetreten, und durch sie wurden alle meine Projekte
vereitelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Reise nach
Celebes und den Molukken fortzusetzen und mich mit der Hoffnung zu
trösten, bei der Wiederkehr glücklicher zu sein.
[11] Die mir ertheilten Freikarten lauteten:
~De onder geteekende verleent by deze vrye passage als passagier
der eerste klasse, aan Mevrouw Ida Pfeiffer vor eene reis von
Sourabaya over den Mollukschen Archipel met eene der Stoomschepe
zyner onderneming. Batavia 9. November 1852.~
~+W. Cores de Vries.+~
* * * * *
~The bearer of these lines Madame Pfeiffer has free passage as
cabin passenger on board of any of the boats of this company.
Batavia 9. November 1852.~
~+Maclain Watson+ & Co., Directors of the N. I. Steamboat
Company.~
~The agents of the company at Samarang and Sourabaya are
requested to offer Madame Pfeiffer all the assistance in their
power in the persecution of her travels.~
[12] Die Gebäude, in welchen die Gouverneure und Residenten wohnen,
gehören alle der Regierung; der Resident von Batavia allein muß
eine Wohnung miethen.
[13] Hätte man nicht schnell und leicht einen zuverlässigen Beamten
abschicken können, um sich von dem wahren Bestande zu
unterrichten? Freilich handelte es sich bloß um Menschenleben
und nicht um Frohndienste oder Rückstände von Steuern.
[14] Ich führe dies natürlich nur auf Grundlage der Aussagen
vollkommen zuverlässiger Männer, deren Wort über jeden Zweifel
erhaben ist, hier an.
[15] Auf der höchsten Spitze des Tempels ersuchte ich Herrn Wilson,
seinen Namen in mein Album zu zeichnen.
[16] Susuhunan ist ein höherer Titel als „Sultan.“
[17] Kries, ein schlangenförmiges Messer in einer Scheide von 10 bis
15 Zoll Länge, die gewöhnliche Waffe der Malaien und Javanesen.
[18] Das Militär der freien Fürsten trägt Holländische Uniform, die
Offiziere haben Schuhe, die Soldaten nicht. Letztere tragen
unter dem Helme das landesübliche Kopftuch, manche schlingen das
Haar rückwärts in einen großen Knoten zusammen.
Zehntes Kapitel.
Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen.
-- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri Emma. -- Saparua. -- Ceram.
-- Fußreise durch das Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die
Alforen. -- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch bei dem
Sultan.
Am +14. December+ schiffte ich mich auf dem Dampfer „Banda“ nach
+Makassar+ ein (440 Seemeilen), der Hauptniederlassung der Holländer
auf Celebes.
Von Surabaya bis an die Küste von Celebes sah ich wenig. Das Schiff
war sehr klein, die See höchst stürmisch, und obwohl ich viele Jahre
gereist, Tausende von Meilen auf Segel- und Dampfschiffen gemacht, ohne
dem Meere meinen Tribut zu bezahlen, ward ich nichts desto weniger so
seekrank, wie es nur immer ein Neuling werden kann.
Erst am +17. December+ am frühen Morgen kam ich auf das Deck, um die
Küste von Celebes zu begrüßen, eine einförmige Ebene, im Hintergrunde
von niedrigen Bergen begrenzt.
Makassar (Udjang-Pandang), der Sitz des Holländischen Gouverneurs
auf Celebes, ist ein kleines, dem Ansehen nach beinahe Europäisches
Städtchen mit einem Fort. Die Europäer wohnen in erbärmlichen
Steinhäuschen nahe beisammen, längs des schönen Wiesenplatzes
+Hendrikspad+. Auch das Haus des Gouverneurs ist klein und unbedeutend.
Domine +Mathes+ (der protestantische Geistliche) nahm mich
gastfreundlich auf.
Ich war hier ebenfalls so unglücklich, gerade zum Beginn der Regenzeit
einzutreffen, und konnte nichts als den Bazar besuchen, auf welchem ich
eine ziemliche Menge Volkes sah. Ich fand die Eingebornen, Makassaren
und Buginesen, obwohl auch zur Malaischen Race gehörig, minder häßlich
als die Javanesen, groß und kräftig gebaut, das Gesicht etwas besser
geformt, die Hautfarbe lichter.
Da wenig Tage später der Dampfer „Ambon“ von hier nach +Banda+, einer
der Molukken ging, und während der Regenzeit an Ausflüge in das Innere
von Celebes nicht zu denken war, entschloß ich mich, diese Gelegenheit
zu benützen und meine Reise fortsetzen, mich wie zu Surabaya der
Hoffnung hingebend, auf der Rückfahrt günstigeres Wetter zu finden.
Am +21. December+ war ich schon wieder an Bord bei meinem guten
Kapitän Herrn Bergner. Wir machten die Reise nach der Insel Banda (690
Meilen) in 3½ Tagen. Außer einigen kleinen gebirgigen Eilanden kam uns
nichts zu Gesicht.
Am +24. December+ tauchte der +Gunong-Api+ vor uns auf, der höchste
Berg Bandas (1800 F.), dessen nordwestlicher Seite beständig
Rauchsäulen entsteigen. Abends um neun Uhr liefen wir bei herrlichen
Mondschein in die Bai ein, die auf der einen Seite von dem Feuerberge,
auf der andern von einer freundlichen Hügelkette begrenzt wird, welch
letztere ganz mit Muskatbäumen bepflanzt ist. Das kleine Städtchen
Banda liegt so gefährlich an dem Abhange des Gunong-Api, daß ein
Ausbruch es unausbleiblich zertrümmern würde; sonderbarer Weise raucht
der Berg beständig, ohne daß je ein Ausbruch stattgefunden hätte. Ist
aber wohl diesem Frieden immer zu trauen?
Da wir so spät angekommen waren, ging der Kapitän allein mit dem
Postpackete an’s Land. Wir Reisende verweilten auf dem Decke und
sprachen viel von der Freude, die in den Kreisen unserer Lieben
diesen Abend (Christabend) herrschen werde, von den fröhlichen
Spielen der über die Geschenke so freudig überraschten Kinder. Da kam
ganz unerwartet ein Araber an Bord. Erstaunt über den späten Besuch
umringten wir ihn, um zu hören was die Ursache hievon sei. Ach, wie
ward so plötzlich unsere heitere Stimmung in Wehmuth und Schrecken
verwandelt! Der Araber erzählte uns, daß am 26. November Morgens acht
Uhr ein fürchterliches Erdbeben auf dieser Insel stattfand, in Folge
dessen mehrere Häuser zusammenstürzten und alle dermaßen beschädigt
wurden, daß niemand mehr darin wohnen könne. Glücklicherweise
ereignete sich dies bei Tage, wo jedermann gleich fliehen konnte,
und es ging daher wenigstens kein Menschenleben verloren; aber alle
gebrechlichen Güter, Spiegel, Lampen, Gläser, Geschirre, die in
Flaschen gefüllten Getränke u. s. w. gingen zu Grunde. Noch war man
unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Scene, als um halb neun Uhr
die Erde ein zweitesmal erbebte, das Wasser in der Bay zurück wich
und dann mit unwiderstehlicher Gewalt an die Küste stürzte, sie 24
Fuß hoch übersteigend. Zweimal sah man den Boden der See blos gelegt;
alle kleinen Boote und Barken wurden an die Küste geschleudert, wo sie
als Trümmer liegen blieben. Bei dieser Gelegenheit ertranken mehr als
achtzig Menschen. Ein großes Schiff, das in der Bay vor Anker lag,
gerieth zweimal auf den Grund und wurde nur durch die Geistesgegenwart
des Kapitäns gerettet, der das Ankertau sogleich nachließ; allein
vor einem bedeutenden Leck konnte er es doch nicht bewahren. Es lag
noch zur Ausbesserung in der Bucht. Dieses zweite Erdbeben zerstörte
ebenfalls viele Gebäude und vernichtete Tausende von Muskatbäumen, die
durch das sie überfluthende Salzwasser abstarben.
Die Erzählung des Arabers war schrecklich. Leider wurde sie Wort
für Wort von dem Kapitän bestätigt, als er zurückkam. Auf einige
der Reisenden machte sie einen so großen Eindruck, daß sie Morgens
gestanden, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben; sie fürchteten
ein wiederholtes Erd- oder Seebeben.
Morgens gingen wir an’s Land und konnten uns persönlich von den
stattgehabten Verwüstungen überzeugen. Mehrere Häuser lagen in Schutt,
alle waren mehr oder minder beschädigt, die Einrichtungen zum Theile
zertrümmert, zum Theile vor den Häusern unter freiem Himmel in Haufen
aufgeschichtet; die Leute wohnten daneben in kleinen Bambushütten, die
sie eilig aufrichten ließen. Die Kasernen und Wohnungen der Officiere
allein, einige hundert Schritte von dem Städtchen entfernt gelegen
und von Holz gebaut, blieben beinahe unbeschädigt. Sonderbar, daß auf
dieser Insel, wo starke Erdbeben nicht selten vorkommen, alle Häuser
von Stein gebaut sind[19].
Der Resident konnte mich nicht aufnehmen, da auch sein Haus zu
sehr beschädigt war; ein Deutscher, der Militärarzt Herr +Krause+,
beherbergte mich in seinem hölzernen Häuschen.
Ich machte denselben Tag noch einen Spaziergang um den Feuerberg
„Gunong-Api.“ Ich wollte ihn selbst besteigen; allein Dr. Krause, der
schon mehrmals oben war, um zu botanisiren, widerrieth es mir, indem er
mir versicherte, daß es nicht der Mühe lohne: der Berg ende in einer
geschlossenen Kegelform und habe an den Seiten einige Spalten, aus
welchen starker Schwefeldampf aufwirble.
Am folgenden Tage besuchte ich die große Muskatpflanzung des Herrn
+Meyer+, welche 15,000 Muskatbäume zählt. Die Muskatpflanzungen
werden „Perken,“ die Besitzer „Perkenier“ genannt. Eine solche
Pflanzung gleicht vollkommen einem Walde. Die Bäume sind vierzig bis
fünfzig Fuß hoch, umfangreich und nicht in Reihen gepflanzt. Große
Nanarinenbäume[20] schützen die Muskatbäume, die keine tiefen Wurzeln
schlagen, vor den starken, häufig wehenden Winden.
Die Insel Banda ist das eigentliche Vaterland des Muskatbaumes. Dieser
Baum bedarf hier gar keiner Pflege und wird bei weitem stärker und
höher als auf Singapore. Er fängt mitunter im zwölften, gewöhnlich aber
erst im fünfzehnten Jahre an Früchte zu tragen und erreicht ein Alter
von 80 Jahren. Das Jahr vor seinem Absterben soll er außergewöhnlich
viel tragen. Man rechnet durchschnittlich auf jeden Baum im Jahre 2500
Nüsse. Es giebt auch einige, die bis 4000 liefern. Die Ernte währt das
ganze Jahr hindurch. Man geht jeden Morgen in die Perken, pflückt die
reifen Nüsse, löst die Blüthe, von der sie ganz umsponnen sind, ab und
läßt Nuß und Blüthe an der Sonne trocknen. Die Nüsse, welche von selbst
abfallen, sind nicht halb so viel werth als die gepflückten. Ungefähr
hundert Nüsse sammt den Blüthen gehen auf ein Pfund; fünf Pfund Nüsse
geben ein Pfund Blüthe. Der Perkenier erhält von der Regierung für ein
Pfund Blüthe und vier Pfund Nüsse einen Kupfergulden.
Die Muskatnuß ist auf Banda und den dazu gehörenden kleinen Eilanden
Monopol. Der Eigenthümer kann die Perken verpachten oder verkaufen;
allein er darf keinen Baum ohne Bewilligung des Regierungsaufsehers
umhauen. Letzterer besucht jedes Jahr die Perken, bezeichnet die Bäume,
welche auszurotten sind und bestimmt die Zahl der neu zu pflanzenden.
Um die Leute zu den Muskatpflanzungen anzuregen, gibt die Regierung das
Land umsonst und unterstützt die Pflanzer mit billigen Arbeitern, die
aus den Verbrechern bestehen, welche von Java und anderen Orten hieher
verbannt und per Monat vermiethet werden.
Am +27. December+ segelte der Dampfer wieder ab. Da es auf dieser
kleinen Insel wenig zu sehen gab und ich, wollte ich das Schiff nicht
benutzen, einen Monat auf ein anderes hätte warten müssen, so besann
ich mich nicht lange und begab mich an Bord.
Wir verließen Nachmittags Banda, um nach der ebenfalls kleinen Insel
+Ambon+ (144 M.) zu segeln. Das Wetter war herrlich, so daß wir schon
am 28. December Morgens vor Ambon lagen.
Die Bucht von Ambon ist sechzehn Meilen lang, an der Einfahrt sechs,
bei Ambon, das ungefähr in der Mitte liegt, eine Meile breit. Die ganze
Bucht ist von niedrigen Hügelketten und Gebirgen umgeben, die höchsten
Punkte, der +Sytham+ und der +Sirymohu+ werden auf 3000 und 4000 Fuß
geschätzt. Die Hügelketten zeichnen sich durch reiche Vegetation aus;
Wälder wechseln mit Wiesenplätzen und Gewürzpflanzungen; die schöne
gefiederte Sago-Palme drängt sich überall hervor; die schlankstämmige
Areka-Palme, die Kokospalme überragen die umfangreichen Blätterbäume.
Ich hörte behaupten, daß die Einfahrt von Banda, besonders aber die von
Ambon an Schönheit mit jener von +Rio de Janeiro+ wetteifern könne.
Die Einfahrt von Banda ist reizend, die von Ambon wohl noch etwas
reizender, aber eine wie die andere sind in keiner Beziehung mit der
großartigen, einzig schönen Einfahrt von Rio de Janeiro zu vergleichen.
Eher könnte man eine Aehnlichkeit mit jener von +Santos+ (400 Meilen
von Rio de Janeiro) aufstellen.
Das Städtchen Ambon, Sitz des Gouverneurs der Molukken, zählt nur
1500 Einwohner und sieht mehr wie ein Dorf aus. Es ist von dem Fort
+Viktoria+ beschützt. Die Residenz des Gouverneurs, einen Paal von dem
Städtchen entfernt, zu +Batugadja+ gelegen, besteht aus einem ganz
unbedeutenden kleinen Bambus-Hause. Der Gouverneur, Herr +Vischer+,
konnte mich gar nicht aufnehmen, da das einzige Fremden-Kämmerchen
schon besetzt war; ich kam zu Herrn +Roskolt+, dem Direktor des
Institutes zur Bildung der Volksschullehrer.
Herr Roskolt wurde im Jahre 1835 von der Holländischen Regierung nach
Ambon gesandt, um dieses Institut zu errichten, welches zur Aufnahme
von zwölf eingebornen Jünglingen bestimmt war, die hier Unterricht,
Kleidung, Kost u. s. w. erhalten sollten. Die zu dem Zwecke angewiesene
Summe wurde in die Hände des Herrn Roskolt gegeben, und zwar ohne
daß die Regierung eine Verrechnung verlangte. Schon am Ende des
ersten Jahres fand Herr Roskolt, daß die Summe für achtzehn Jünglinge
ausreichen würde, und stellte das Ersuchen, sechs Zöglinge mehr
aufnehmen zu dürfen. Nebst diesen bestimmten Zöglingen erlaubt Herr
Roskolt auch noch zehn bis fünfzehn jungen Leuten an dem Unterrichte
Theil zu nehmen, aus welchen er dann immer die fähigsten zur gänzlichen
Aufnahme wählt. Der Unterricht besteht in richtiger Kenntniß und
Schreibung der Malaischen Sprache, in Religion, Arithmetik, Geographie
und im Gesange der Psalmen.
Die Eingebornen auf Ambon und den nahen Inselchen sind Christen;
zu den Zeiten der Portugiesen waren sie Katholiken, jetzt sind sie
Protestanten. In jedem größeren Dorfe (hier Negeri genannt) ist ein
Schullehrer angestellt, der zugleich die Stelle des Priesters vertritt
und in dem Gotteshause die Gebete und Gesänge abhält. Es gibt mitunter
so große Dörfer, daß ein Schullehrer bis 250 Kinder unter sich hat.
Ich besuchte auf meinen Ausflügen auf Ambon, Saparua und Ceram mehrere
Dorfschulen, deren Schullehrer Zöglinge des Herrn Roskolt waren. Die
Kinder schrieben recht hübsch, rechneten richtig, sangen die Psalmen
ganz gut u. s. w. Unwillkürlich stieg der Wunsch in mir auf, daß alle
Europäischen Dorfkinder so gut unterrichtet sein möchten, als es diese
Malaische Jugend war. Herr Roskolt hat sich nicht erfolglos bemüht;
seine Arbeiten tragen jetzt schon gute Früchte.
So wie Banda das Vaterland des Muskat-Baumes, so ist Ambon das des
Gewürznelken-Baumes. Die Pflanzung desselben ist daher auch ein
Hauptaugenmerk der Regierung und zugleich Monopol. Jedes Familienhaupt
muß, je nach der Güte des Bodens, dreißig bis achtzig Bäume pflanzen
und vollzählig unterhalten.
In frühern Zeiten wurde der Muskatbaum ausschließend auf Banda und den
dazu gehörigen kleinen Inseln, der Gewürznelken-Baum ausschließend auf
Ambon und Saparua gepflanzt; auf den übrigen Molukken wurden beide
Bäume ausgerottet. Jetzt können sie auf allen Inseln gepflanzt werden
und sind nur auf den obgenannten Monopol.
Der Gewürznelken-Baum beginnt im zwölften bis fünfzehnten Jahre
zu tragen und stirbt erst mit hundert Jahren. Er liefert ein bis
zwanzig Pfund. Die Ernte hat nur einmal im Jahre statt, von November
bis Januar. Die Nelken werden im Schatten getrocknet. Der Pflanzer
erhält seit kurzem dreißig Deut per Pfund, während er früher sich
mit vierundzwanzig begnügen mußte. Diese Erhöhung ist dem jetzigen
Gouverneur-General, Herrn Deimar van Twist zu danken[21].
Die Eingebornen wissen aus den Gewürznelken ganz hübsche Gegenstände zu
machen: Vasen, Schiffe, Körbchen u. s. w. Die Gewürznelken müssen sie
hiezu von der Regierung kaufen, und zwar zu einem unmäßig hohen Preise.
In Holland soll das Pfund dieses Gewürzes eine halbe Rupie kosten, hier
bezahlen die Leute zwei Rupien dafür. Außerdem ist noch die Ausfuhr von
dergleichen Spielzeug sehr hoch besteuert.
Auch der Muskat-Baum wird auf Ambon ziemlich häufig gepflanzt;
vorzüglich gut gedeiht der Kakao-Baum; der Pikul Bohnen wird
mit sechzig Rupien bezahlt. Der wichtigste Baum jedoch für die
Eingebornen, nicht nur auf Ambon, sondern auf allen Molukken, ist die
Sagopalme. Das Mark derselben macht die Hauptnahrung der Eingebornen
aus; es ist ihnen, was den Chinesen und Indiern der Reis, was andern
Völkern das Getreide. Diese Palme wird gewöhnlich im fünfzehnten
Jahre reif; man haut sie dann um, spaltet den Baum, und arbeitet
das Mark mittelst einer einfachen Haue von Bambus heraus. Der ganze
Stamm besteht aus Mark, das kaum von einer zolldicken Rinde umgeben
ist. Das Mark wird theilweise in eine Art Trog gelegt, der aus dem
ausgehöhlten Sagostamme verfertiget ist, und dessen Endseiten man mit
Stücken geschlagenen Bastes verstopft. Durch Waschen und Kneten des
Markes sondern sich die mehligen Theile von den faserigen ab. Das
von dem Mehle geschwängerte Wasser läuft durch den Bast, welcher die
Stelle eines Siebes vertritt, in einen zweiten Trog, in welchem mit dem
Waschen so lange fortgefahren wird, bis sich alle Mehltheile von den
Fasern gesondert haben. Sobald sich das Mehl gesetzt hat, läßt man das
Wasser ab, und die Arbeit ist beendet. Das Mehl wird in nassem Zustande
zu fünfundzwanzig bis dreißig Pfund in Körbe verpackt, die gleich an
Ort und Stelle von den grünen Blättern der Sagopalme gemacht werden.
Eine besondere Eigenschaft dieses Markes oder Mehles ist, daß es nie
trocken werden darf; man muß die Körbe mit dem Mehle von Zeit zu Zeit
in Wasser stellen.
Man bereitet aus diesem Mehle Brot und Papeta. Zur Bereitung des
ersteren bedient man sich eiserner oder irdener Geschirre, mit kleinen
Abtheilungen, die man erst glühend erhitzt, dann von innen mit etwas
Wasser befeuchtet. Man füllt sie hierauf ganz mit dem Mehle an,
bedeckt sie mit Blättern, legt ein Brettchen darauf, das mit einem
Steine beschwert wird, und läßt sie so lange stehen, bis sich Dunst
entwickelt, ein Zeichen, daß die Brötchen gar sind. Noch einfacher ist
die Bereitung der Papeta. Man schüttet anfänglich etwas kaltes Wasser
auf das Mehl, rührt es zu einem dicken Teige, gießt dann so viel heißes
Wasser zu, bis es sehr flüssig wird, und läßt es erkalten. Die Papeta
gleicht einer Sulze oder einem steifen Kleister. Beide Gerichte, ohne
andere pikante Ingredienzien genossen, schmecken überaus leer und fade.
Aus diesem Nahrungszweige ist ersichtlich, daß das Volk für Leben
und Unterhalt wenig zu thun braucht. Familien, die wenig oder keine
Sagobäume besitzen, können sich leicht mehrere hundert Pfund Mehl
mit wenig Arbeit erwerben. Es ist nämlich Sitte, daß wenn ein Mann
zu dem Eigenthümer eines reifen Sagobaumes geht und ihm sagt, daß er
einen reifen Baum habe, den er (der Mann) für ihn umhauen wolle, der
Eigenthümer stets seine Einwilligung gibt. Der Mann kommt dann mit
einigen Gehülfen, schlägt den Baum, bereitet und packt das Mehl, eine
Arbeit von drei bis vier Tagen; dafür erhält er die Hälfte des Mehles
nebst der Verköstigung während der Arbeit.
Die Sagopalme, der Pisang (Bananen-Baum) gedeihen ohne alle Nachhülfe,
das Meer ist überreich an Fischen, es wird daher begreiflich, daß
das Volk auf den Molukken träger ist, als irgendwo. Wenn man z. B.
mit dem Dampfer ankommt, ist der Landungsplatz voll von müssigen
Gaffern; keiner würde aber, selbst für übertrieben gute Bezahlung, das
Reisegepäck nach dem Städtchen tragen. Man muß erst in das Haus gehen,
in welchem man absteigt und von dort aus nach Trägern suchen. Oftmals
ging ich Nachmittags in mehr als ein Dutzend Hütten, um einiges von den
aus Gewürznelken gefertigten Arbeiten zu kaufen -- überall fand ich die
Leute entweder Karten spielend oder schlafend.
Den Neujahrstag (1853) feierten wir mit einem Spaziergange nach
dem nahen Wasserfalle „+Batu-Gontung+.“ Der Wasserfall ist höchst
unbedeutend, eben so eine dabei gelegene Grotte. Ein kaltes Bad im
Flüßchen und der Spaziergang durch die schönen Waldungen waren jedoch
sehr lohnend.
Um die Insel Ambon ein wenig kennen zu lernen, durchschnitt ich sie von
Norden nach Süden und ging nach der Negeri Emma, ungefähr acht Paal.
Man bedient sich auf Ambon zum Reisen einer Art Tragstühle, da die
Wege zum Fahren oder Reiten nur einige Paal um das Städtchen gut sind.
Ich wollte keinen Tragstuhl nehmen, indem mir nichts unangenehmer ist,
als mich von Menschen tragen zu lassen; allein man behauptete, daß die
Berge zu schroff seien, um von Europäern überklommen werden zu können.
Ich nahm also zur Vorsorge einen Tragstuhl mit, lief aber daneben her.
Es ist wahr, die Berge und Hügel steigen sehr schroff und steil auf,
man muß wirklich schwindellos sein, um hinüber zu kommen; ich hatte
jedoch ungleich Aergeres auf Borneo und Sumatra erlebt. In drei Stunden
war ich in Emma.
Die ganze Gegend zwischen dem Städtchen Ambon und Emma besteht aus
Schluchten und trichterförmigen Vertiefungen; man mußte stets auf- und
niederklettern oder auf äußerst schmalen Bergkanten fortschreiten.
Alles war mit schönen Waldungen, mit üppigem Untergesträuch bedeckt.
Man sah viele +Dusons+[22] mit Gewürznelken-Bäumen; in den Wäldern gab
es viele Sagopalmen. Von den Höhen erblickte man das Meer dies- und
jenseits der Insel. Die Berge bestehen zum Theil aus Sand, den man sehr
leicht herab arbeiten kann.
Die Negeris liegen an den Kanten der Schluchten oder auf den Spitzen
der Berge. Die Leute haben im Dorfe oft nicht einen Schritt ebene
Fläche. Die kleinsten Kinder hier würden manchen Erwachsenen aus den
Ebenen im Bergklettern beschämen. Das läuft und springt auf und ab
gleich Gemsen.
Ich blieb vier Tage auf Emma, um Insekten zu sammeln. Die Hitze war
zwar sehr drückend, ich ertrug sie jedoch so gut, als hätte ich mein
ganzes Leben unter dem Aequator zugebracht.
Nach Ambon zurückgekehrt, unternahm ich einen etwas größeren Ausflug
nach +Saparua+ und der Insel +Ceram+, einer der größten von den
Molukken. Letztere wollte ich vorzüglich ihrer Bewohner, der wilden
Alforen, wegen besuchen.
Am +11. Januar+ Nachts fuhr ich zur See nach dem Oertchen +Paseo+,
welches östlich von Ambon, an dem kaum einige hundert Fuß breiten
Isthmus liegt, der diese Insel in zwei Theile theilt. Ich kam um
zwei Uhr Nachts an. Die Prauhs wurden hier bei der Fluth über den
Isthmus gezogen und die Reise früh Morgens nach +Ihamahu+ (35 Meilen)
einer Negeri auf Saparua fortgesetzt. Von da ging ich zu Fuße nach
der Negeri-Saparua (7 Paal), wo ein kleines Fort und der Sitz eines
Assistent-Residenten ist.
Einen angenehmeren Spaziergang als von Ihamahu nach Saparua kann es
nicht leicht geben. Das ganze Inselchen gleicht einem freundlichen
Garten. Der Weg ist trefflich und führt durch kleine Waldungen von
Fruchtbäumen, durch bedeutende Negeris, in welchen die Häuser in Reihen
stehen, aber durch Bäume und grüne Plätze von einander geschieden und
mit lebendigen Hecken eingezäunt sind. Die Aussichten, die man von
den kleinen Höhen genießt, sind über alle Beschreibung herrlich. Man
sieht Ambon, Ceram, Haraku und viele andere Eilande; man sieht das Meer
bald als Bucht, bald als Bay oder Canal und über Saparua hinaus als
endlosen Wasserspiegel. Ich fand viel Aehnlichkeit mit den +Kykladen+
in Griechenland. Nur sind die Inselgruppen hier durch ihre üppige
Vegetation ungleich schöner als dort.
In Saparua traf ich den Gouverneur, Herrn +Vischer+, der auf einem
Kriegsschiffe von Ambon hieher gekommen war, weil man einen Aufstand
der Eingebornen befürchtete. Letztere sind in den entfernteren
Kolonieen oft den Eigenmächtigkeiten und Bedrückungen harter und
eigennütziger Beamten ausgesetzt. Auch hier schien dies der Fall zu
sein, und der Gouverneur wollte die Sache persönlich untersuchen.
Ich habe bereits bei der Erwähnung der Hungersnoth in dem Gebiete
von Samarang bemerkt, daß die Beamten, die sich Vergehungen oder
Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen, meistens wenig,
mitunter gar nicht bestraft werden. In den Streitigkeiten mit den
Eingebornen erhält fast immer der Beamte, selten der Eingeborne Recht.
Bei der kleinsten Unachtsamkeit werden die Leute oft angefahren und
ausgescholten, als hätten sie das größte Verbrechen begangen. Ich
selbst sah einst einen Eingebornen an einen Pflock gebunden; er sollte
mit einem Rohre 50 Hiebe auf den nackten Rücken bekommen. Als ich
nach dem Verbrechen des Sträflings frug, wich man mit der Antwort
aus, woraus zu schließen war, daß die Strafe dem Verbrechen nicht
angemessen war. Zuverlässige Männer versicherten mir, daß nicht selten
bis 100 Stockschläge ausgetheilt würden, obwohl die von der Regierung
erlaubte höchste Zahl 30 sei. Die armen Leute erzittern manchmal so,
wenn sie von Beamten oder Officieren gerufen werden, daß ihnen das
Wort im Munde erstirbt. Auch in Brittisch-Indien hatte ich häufig
Gelegenheit, dasselbe zu bemerken. Sollten Beamten und Officiere,
die auf Außenposten angestellt sind, wo ihr Thun und Lassen nicht so
überwacht werden kann, nicht ungleich strenger bestraft werden, wenn
sie ihre Pflichten überschreiten, als der Eingeborne, dem die Gesetze
mit Waffengewalt aufgedrungen wurden? Aber so ist es fast in der ganzen
Welt. Der gemeine, arme Mann, der oft aus Unwissenheit, aus Unkenntniß
der Gesetze fehlt, wird für das geringste Vergehen strenge bestraft;
der Vornehme, der Gebildete findet Nachsicht und Milde. Verdiente
Letzterer, gerade weil er gebildet ist, weil er volles Bewußtsein
seines Vergehens hat, nicht doppelte Strafe?
Eine für den Reisenden sehr unangenehme Sache, die mich an Neapel, so
wie auch an mein liebes Vaterland Oesterreich erinnerte, ist auf den
Holländischen Besitzungen das ewige Abverlangen des Passes. In Batavia
ließ ich den Paß für die Reise nach den Molukken visiren, in Samarang
mußte dasselbe geschehen, in Surabaya, Ambon ebenso, ja beinahe in
jedem Neste, wo nur ein Beamter residirte. Auf Saparua soll die
Passomanie so weit gehen, daß kein Fischer ohne Paß auf den Fischzug
ausgehen darf. Wahrlich, eine unerhörte Plackerei!
Schon auf Ambon hatte ich den Gouverneur ersucht, meine Reise nach
+Wahay+ an der Nordküste Cerams zu unterstützen. Ich wollte zu Lande
durch das Innere dieser Insel gehen, die von den wilden Alforen
bewohnt ist, welche auf Köpfe noch gieriger sind als die Dayaker.
Bisher wagten es nur zwei Europäer diese höchst gefährliche Reise zu
unternehmen, von welchen der eine 150 Mann zum Schutze mitnahm. Ohne
Hilfe der Regierung kann man gar keine Leute als Begleiter finden,
da sich ein Stamm vor dem andern fürchtet. Ich wollte mich dessen
ungeachtet mit vier Leuten begnügen; allein der Gouverneur versicherte
mir, daß ich wenigstens 20 haben müßte, weil unter dieser Zahl niemand
mit mir ginge. Er fügte bei, daß, wenn eine dringende Nachricht zu
Lande nach Wahay zu senden sei (gewöhnlich geschieht dieß zur See),
stets 20 Mann geschickt werden.
Mit Briefen an einige Regenten, die auf Ceram ungefähr so viel wie
Dorfrichter sind, und den herzlichsten Glückwünschen trat ich am +17.
Januar+ Nachmittags die Reise zu Fuß an. Ich ging nur bis nach der
Negeri +Noloth+ auf +Saparua+ (7 Paal).
Am folgenden Tag, +18. Januar+, fuhr ich in einem Prauh über die See
nach +Makariki+ auf der Insel Ceram (32 Meilen). Ich kam da so spät an,
daß ich die Nacht in dem Prauh zubrachte.
Den +19. Januar+ mußte ich in Makariki bleiben. Der eingeborne
Häuptling hatte die zwanzig Leute zusammen zu suchen, die mich
begleiten sollten. Den Rest des Tages brauchten die Leute, meistens
Alforen und einige Malaien, dazu, sich für die Reise mit Lebensmitteln
zu versehen. Wir nahmen nichts als Sago-Brote, Pisangs und kleine
getrocknete Fischchen mit.
+20. Januar.+ Morgens begann die beschwerliche und gefahrvolle Reise.
Die Leute in Makariki machten mir von den Wegen eine schauerliche
Beschreibung: sie sagten, daß ich beständig über Steingerölle, durch
Wasser, über sehr schroffe Gebirge zu gehen, die Nächte in den Wäldern
unter freiem Himmel zuzubringen hätte, und prophezeiten mir, ich würde
gewiß bald umkehren.
Kaum waren wir eine Stunde gegangen, so begegneten wir schon einem
Hinderniß, das für mich wenigstens sehr unangenehm war: der breite,
tiefe und ziemlich reißende Fluß +Ruata+ mußte durchschwommen werden.
Wie bei Sigumpulang auf Sumatra kam ich mit Hilfe zweier Eingebornen,
die mir die Hand reichten und mich nach sich zogen, glücklich hindurch.
Diesen ersten Tag verließen wir zwar die Ebene nicht, deßhalb war
jedoch der Weg nicht minder schrecklich: er führte beständig in einem
breiten Strombette fort, das jetzt in der trocknen Jahreszeit nur von
einem schmalen, seichten Flüßchen eingenommen war. Wir hatten fast
immer großes Steingerölle zu überklettern und unzählige Mal den Fluß
nicht nur zu durchkreuzen, sondern mitunter lange Strecken in ihm zu
gehen. Gewiß ein Drittheil dieser Tagereise (18 Paal) ging durch
Wasser. Dabei litt ich viel von der Hitze, denn obwohl von Waldungen
umgeben, war das Strombett, in dessen Mitte wir uns halten mußten, zu
breit, als daß der kühlende Schatten bis zu uns hätte gelangen können.
An Aussichten war der Tag arm, da wir stets zwischen Waldungen und
Schluchten wandelten.
Nachmittags um 4 Uhr machten wir Halt[23]. Das Nachtlager wurde
im Flußbette aufgeschlagen. Die Alforen errichteten schnell drei
Laubdächer, unter die wir uns vertheilten, und lustige Feuer, an denen
es leider nichts zu kochen gab, loderten bald empor. Der Anblick der
finstern Waldungen, deren schwarze Schatten durch den aufgehenden Mond
noch mehr herausgehoben wurden, war wohl etwas unheimlich; allein es
halten sich auf dieser Insel keine wilden Thiere auf, und vor dem
Ueberfalle eines Alforen-Stammes hatte ich keine Furcht. Ruhig legte
ich mich auf das harte Steinlager und ließ mich von dem Gemurmel des
Flusses bald in schöne Träume wiegen.
+21. Januar+ (19 Paal). Heute hatten wir die erste Gebirgskette,
+Rothlong-Batai+, zu übersteigen; die Höhe des Uebergangs mochte 800
bis 900 Fuß betragen. Obgleich kein Pfad durch die Waldungen führte, so
gehörte der Weg dennoch nicht zu den schlechtesten: das Untergebüsch
war dünn, man konnte sich leicht überall durchwinden, auch waren die
Berge nicht so schroff und steil wie jene von Ambon. Ich bewunderte
sehr die Ortskenntniß der Leute: sie fanden durch das Labyrinth der
Bäume den Weg so sicher, als wären wir auf einer gebahnten Straße
gegangen.
Auf den Höhen sah man hie und da kleine Gruppen verfallener
Alforen-Hütten, die aus weiter nichts als Laubdächern bestanden, unter
welchen fußhohe Schlafstellen errichtet waren. Die Bewohner hatten da
wahrscheinlich schon allen Sago aufgezehrt und ihre Wohnsitze nach
einer neuen, fruchtbareren Gegend verlegt.
Nachdem die Gebirgskette überstiegen war, ging es beständig in engen
Klüften, in schmalen, stein- und wasserreichen Flußbetten fort, ja
wie gestern, so häufig im Wasser selbst, daß unsere Füße gar nicht
trocken wurden. Gegen Mittag ruhten wir ein halbes Stündchen aus, um
den magern Imbiß zu verzehren. Das harte Sagobrot mußte erst einige
Minuten im Wasser erweicht werden, um es genießbar zu machen; dazu ein
Paar Pisangs (Bananen), und die Tafel war Mittags, wie Morgens oder
Abends fertig. Mein Hunger zeigte sich jedoch in Folge der gehabten
Anstrengung stets so groß, daß ich die Entbehrung besserer Gerichte
nicht im Geringsten fühlte.
An Rehen und Wildschweinen muß diese Insel überreich sein; von
ersteren sahen wir viele, von letzteren fast nur die Spuren. Einige
meiner Leute hatten Gewehre mit; es ging aber keines los. Ich sah
bei dieser Gelegenheit, wie die Eingebornen die flüchtigsten Rehe im
schnellsten Laufe so zu erschrecken oder stutzig zu machen wußten,
daß die Thiere eine halbe Minute wie angewurzelt stehen blieben
und das Auge von ihnen nicht abzogen. Die Leute schwenkten nur ein
hochrothes Tuch und spannten es plötzlich auf. Trotz des sichern
Zielpunktes, den die Thiere der Art abgeben, mußten wir uns doch
die Lust auf einen Rehbraten vergehen lassen, da, wie gesagt, die
unglücklichen Gewehre stets versagten. Dagegen fingen meine braven
Alforen ein junges Wildschweinchen und ein Kussu (Baum- oder wilde
Katze). Ersterem liefen sie über Stock und Stein so behende und flink
nach, bis sie es ermüdeten und erhaschten. Letzteres holten sie von
einem gewiß über hundert Fuß hohen Baume herab. Es war ängstlich und
zugleich bewunderungswürdig zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie bis
auf die höchste Spitze des Baumes kletterten. Das Thier selbst war
nicht schwer zu erlegen: bei Tage sieht es nicht und bleibt ganz ruhig
sitzen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Kopf und warfen es zur Erde,
wo es gänzlich getödtet wurde.
Gestern wie heute begegneten wir keiner Seele. Das Nachtlager wurde
abermals in einem Flußbette aufgeschlagen. Die Feuer brannten jedoch
diesen Abend nicht umsonst. Dem Wildschweinchen wurde zwar vor der Hand
das Leben geschenkt (mit diesem Braten sollte die Ankunft in Wahay
gefeiert werden); aber das Kussu wurde geopfert. Die Leute schlitzten
es auf, nahmen die Eingeweide und Gedärme heraus, wuschen es aus und
legten es über das Feuer, um den Pelz einigermaßen abzubrennen. Sie
legten dann das Eingeweide sammt den ausgewaschenen Gedärmen wieder in
das Thier, steckten es an ein Holz und brieten es. Der Braten wurde
ohne Salz verzehrt, da wir nichts dergleichen mit uns führten. Die
guten Leute brachten mir ein ganzes Schenkelchen; ich nahm ein kleines
Stück, um ihre Gabe nicht zu verschmähen und um das Fleisch zu kosten.
Es hatte einen starken Geruch; nichts desto weniger schmeckte es mir.
Die Malaien essen dieses Thier nicht: sie finden den Geruch zu stark.
+22. Januar+ (achtzehn Paal). Heute gab es zwei Gebirgsketten zu
übersteigen. Die Höhe der ersteren, +Gorolehuway+, mochte 1500, die
der letzteren, +Hurali+, 500 Fuß betragen. Die Waldungen auf Ceram
zeichnen sich durch hohe, schlanke, ziemlich umfangreiche Bäume aus;
ich blieb häufig bewundernd stehen, um diese himmelanstrebenden
Giganten zu betrachten. Viele Stämme waren mit Schlingpflanzen und
Orchideen bedeckt; doch Blumen sah ich nicht. Dagegen fiel mir ein
Schwamm auf, wie ich nie zuvor einen gesehen. Er war nicht groß, hatte
die Form eines Fingerhutes und saß auf einem drei Zoll hohen Stängel.
Von der untern Kante hing rund herum ein zwei Finger breites, blendend
weißes Netz, das so durchbrochen war wie das feinste Spitzengewebe. Es
kam mir nie mehr ein zweites Exemplar vor.
Von der Höhe des Gorolehuway sah man weit in das Land hinein. Der
größte Theil war sehr gebirgig, die Thäler lang, aber schmal; überall
finstere Waldung, keine Spur einer Hütte oder eines Feldes.
Am schroffsten und gefährlichsten war der Uebergang über den Hurali.
Dieses Gebirge, das letzte, das wir zu übersteigen hatten, fiel an
manchen Stellen so senkrecht in die See, daß man kaum für den Fuß
Raum fand; wäre ich dem Schwindel unterworfen gewesen, so hätte ich
da gewiß meine Grabstätte gefunden. Auf dem Hurali sah ich das erste
Alforische Dorf; es soll das größte auf ganz Ceram sein und enthielt
an dreißig Hütten. Es schien aber wie ausgestorben: man sah und hörte
keine Seele, so daß ich glaubte, es sei verlassen. Meine Begleiter
sagten mir jedoch, daß das Dorf bewohnt und die Leute zu Hause wären;
nur seien sie so scheu und furchtsam, daß sie bei dem geringsten Laute
menschlicher Stimmen oder Fußtritte in die Hütten flöhen und die Thüren
verschlössen. Wir wurden hier von einem starken Regen überfallen und
suchten Schutz unter den Hütten, die auf Pfählen gebaut waren. Wir
klopften auch an manche Thür und riefen nach den Bewohnern. Einige
gaben uns zwar Antwort; aber keiner öffnete seine Thür. Und so war ich
über eine Stunde in einem großen Alforischen Dorfe, ohne eine Seele zu
Gesicht zu bekommen. Ich mußte die Neugierde, die Alforen kennen zu
lernen, auf die Rückreise verschieben, für die ich mir vornahm, mich
von irgend einem Rajah begleiten zu lassen, welcher Einfluß auf die
Leute hätte.
Als wir den +Hurali+ im Rücken hatten und an die See kamen, dachte
ich, daß nun alles Böse überstanden wäre; allein dem war nicht so. Die
Berge und Hügel Ceram’s haben die Eigenthümlichkeit, daß sie meistens
ganz schroff und steil gleich Wänden gegen die See abfallen. Wir mußten
noch einen ganzen Paal in der Brandung der See selbst über Felsen,
Riffe und Klippen steigen. Die Wogen schlugen heftig an, man hatte
Mühe, sich zu erhalten, um so mehr, als Klippen und Steine vom Wasser
spiegelglatt geschliffen waren, und auf diese Weise bot uns das Ende
der Reise mehr Schwierigkeiten als der Anfang. Doch auch dieß wurde
glücklich überwunden und ein lieblicher Pfad durch kleine Wiesen führte
den letzten Paal nach der Negeri Passanea.
Man wird es vielleicht für Großsprecherei halten, wenn ich sage, daß
mich diese Fußreise von einigen fünfzig Paal nicht im geringsten
ermüdete. Ich hatte stets so viel zu sehen, jeder Gegenstand, wenn
auch noch so klein und unbedeutend, interessirte mich so sehr, daß
ich alle Mühseligkeiten vergaß. In solchen Fällen bewunderte ich oft
selbst meine eisenfeste Natur, die mir erlaubte, ähnliche Strapazen
auszuhalten. Ich lebte nur von Sagobrot und Pisangs, schlief auf hartem
Boden und ging täglich achtzehn bis neunzehn Paal, was auf guten Wegen
wohl nichts sagen würde, auf diesen steinigen, schroffen Gebirgspfaden
aber im höchsten Grade beschwerlich war.
Passanea ist von Malaien bewohnt. Die Malaien lassen sich an
Küstengegenden, die Alforen im Gebirge nieder. In Passanea kehrte ich
bei dem Regenten ein.
Am folgenden Tage, +23. Januar+, fuhr ich in einem winzig kleinen Prauh
nach +Wahay+ (40 M.). Die See war ruhig, und ohne Unfall erreichte ich
Abends acht Uhr diesen Ort.
Wahay ist die einzige Niederlassung der Holländer auf Ceram; sie haben
hier ein kleines Fort mit einer Besatzung von 30 Mann.
Ich blieb in dem Prauh sitzen und sandte den Empfehlungsbrief, den mir
der Gouverneur Vischer für den Kommandanten, Herrn +Kern+, gegeben
hatte, an letztgenannten Herrn ab.
Der gute Mann wollte meinem Führer gar nicht glauben, als ihm dieser
verkündete, daß +eine Frau+ die Reise nach Wahay über Land gemacht
habe; er versicherte mir später zu wiederholten Malen, daß er eher den
Einsturz des Himmels als ein solches Ereigniß erwartet hätte.
Ich blieb sechs Tage auf Wahay, während welcher ich meine
Insekten-Sammlung sehr vermehrte; allein von den Alforen bekam ich
immer noch nichts zu sehen: sie wohnten zu weit ab von Wahay. Herr
Kern versprach mir, mich auf meiner Rückreise bis +Saway+ (nahe bei
Passanea) zu begleiten und von dort aus zwei Alforische Negeris mit mir
zu besuchen.
Herr Kern, der bereits seit zwei Jahren auf Wahay lebte und manches von
den Sitten und Gebräuchen der Alforen gesehen und gehört hatte, machte
mir davon ungefähr folgende Schilderung, die ich so übereinstimmend
fand mit dem, was ich bei den Dayakern beobachtet hatte, daß ich die
Alforen für Abkömmlinge oder Stammverwandte der Dayaker halten möchte.
Die Alforen sind Kopfjäger wie die Dayaker; sie schätzen einen
abgehauenen Menschenkopf höher als die kostbarste Beute. Hier muß
wirklich jeder Jüngling seiner Auserwählten als Brautgeschenk einen
Kopf oder wenigstens einen Theil eines Kopfes bringen. Gewöhnlich
ziehen fünf bis sechs Jünglinge gemeinschaftlich auf die Kopfjagd aus,
begnügen sich mit einer solchen Trophäe und theilen sie dann. Die
Hütte, in welcher sie die eroberten Köpfe aufbewahren, heißt Baileo.
Wenn der Baileo zu verfallen beginnt und ein neuer gebaut wird, bleibt
dieser ungedeckt, bis man ihn mit einem neuen Kopfe schmücken kann;
dann erst wird er gedeckt, und die Köpfe werden aus dem alten Baileo
übertragen.
Der Alfore, welcher einzeln auf die Kopfjagd geht, verbirgt sich
gleich den Dayakern hinter Bäumen oder Gesträuchen, legt sich flach
auf die Erde, bedeckt sich ganz mit Laub und Zweigen, und harrt Tage
lang, ohne Nahrung und Trank, auf seine Beute. Er schleudert nach dem
Unglücklichen aus seinem Verstecke mit nie fehlender Geschicklichkeit
seine Lanze, deren Spitze zwar nur von Bambus, aber scharf wie Eisen
ist. Dann stürzt er von rückwärts über sein Opfer her und haut ihm
den Kopf ab. Den Körper verbirgt er höchst sorgfältig in Klüften und
abgelegenen Orten, um die Entdeckung des Mordes so viel als möglich zu
verhindern.
Geht ein ganzer Stamm oder die Bewohnerschaft eines Dorfes auf
die Kopfjagd, so suchen sie das feindliche Dorf zu einer Zeit zu
überfallen, wenn die Männer auswärts mit Feldarbeit beschäftigt sind.
Die Alforen schätzen die Köpfe der Weiber, ja der Kinder eben so hoch,
wie die der Männer. Mit der Beute heimkehrend, kündigen sie ihr Glück
schon von fern durch gellende Pfiffe auf einer Muschel an. Die Weiber
und Kinder eilen den Siegern singend und jubelnd entgegen und führen
sie im Triumphe nach dem Baileo. Hier werden die Köpfe den Knaben und
Mädchen, die das zehnte Jahr nicht erreicht haben, überlassen; diese
saugen jeden Blutstropfen begierig aus, was ihnen nach der Eltern
Meinung Muth und Tapferkeit verleiht. Die Köpfe werden dann etwas
geröstet, von dem Fleische gereinigt und in dem Baileo aufgehangen.
Das Fleisch wird nicht gegessen, da die Alforen keine Kannibalen sind.
Die Feste dauern einige Tage; man verzehrt dabei Wildschweine, Rehe
und Kussus. Die Kinnbacken der verzehrten Thiere hängen sie ebenfalls
an den Wänden des Baileo auf. Bei solchen festlichen Gelegenheiten
erhalten die zehnjährigen Kinder ihr erstes Kleidungsstück, die
Knaben eine handbreite Leibbinde von Bast, die Mädchen ein enges, kaum
fußlanges Röckchen. Leibbinde wie Röckchen werden +Tijdaks+ genannt.
Wenn ein Mann einen Kopf erjagt hat, darf er als Auszeichnung
sein blankes hölzernes Schild mit weißen Muscheln, sein Tijdak
mit Zeichnungen verzieren. Man könnte diese Zeichen füglich die
„+Alforischen Militärorden+“ nennen, denn sie werden gleich den
Europäischen nur nach glorreichen Thaten verliehen, wenn die Hände des
Siegers Menschenblut vergossen haben.
Die Religion der Alforen ist mit vielen Göttern und Geistern belebt.
Einige Stämme haben Priester und eine Hütte als Tempel. Beide
dienen jedoch nicht für Gottesdienst, sondern für die Zeremonie des
Tätowirens, die an allen Kindern im zehnten Jahre vorgenommen wird. Die
Kinder werden zu diesem Zwecke mit +Sagower+ (Palmwein) berauscht, in
diesem Zustande in den Tempel gebracht und auf der Brust oder den Armen
etwas tätowirt. Wenn sie vom Schlafe erwachen, sagt man ihnen, der gute
Geist habe dieß gethan. Die Tätowirungshütte darf nur von dem Priester
und dem Rajah betreten werden. Die Stämme, die sich nicht tätowiren,
haben weder Tempel noch Priester.
Die Alforen können mehrere Weiber nehmen und sich ohne Schwierigkeit
wieder scheiden; gewöhnlich aber begnügen sie sich mit einer Frau.
Scheidungen sollen selten vorkommen. Die Weiber werden gekauft, zwar
nicht mit Geld, denn sie haben gar keines und trachten auch nicht
darnach, aber mit Reis und Tabak.
Sie tödten zuweilen die schwer Erkrankten, von welchen sie keine
Genesung mehr hoffen, spannen dabei die Unglücklichen gleichsam in den
Bock, indem sie ihnen die Arme durch die Knie ziehen, und lassen sie in
dieser Stellung, bis die Seele vom Körper geschieden ist. Die Todten
tragen sie entweder auf die höchsten Spitzen der Berge, am liebsten auf
hohe, steile Felsen, oder sie verbrennen sie.
Ihre Gesetzgebung soll ziemlich weise und gut sein. Die verschiedenen
Stämme bilden eine Art Konföderation, haben einen König für die ganze
Insel und Rajah’s für jedes Dorf. Sie erweisen ihren Vorgesetzten viele
Ehrfurcht; dennoch sollen diese nur wenig Einfluß auf das Volk haben.
Im Ganzen schildert man die Alforen als ehrlich, gut, verträglich
und als gut gesittet. Sie sind die einzigen, die auf Ceram einige
Bodenkultur betreiben: sie pflanzen etwas Reis, Tabak, Ubi und Mais,
welche Artikel sie an die trägen Malaien, die beinahe nichts bauen,
gegen Kokosnüsse, Pisangs, bunte Tücher und Glasperlen vertauschen.
Während meiner Anwesenheit zu Wahay kam die Nachricht an den
Kommandanten, daß Alforen in eines ihrer stammverwandten Dörfer
eingefallen und fünf Köpfe erobert hätten. Die Holländische Regierung
nimmt keine Notiz, wenn sich die Alforen unter einander köpfen, und
selbst sehr wenig, wenn sie über die Malaien herfallen. Sie hat auf
dieser Insel zu wenig Macht, um mit einigem Ernste auftreten zu
können. Auch mit zahlreicheren Truppen, als ihr zu Gebote stehen,
würde es schwer sein, diese Bergvölker zum Gehorsam zu bringen.
Bei der geringsten Verfolgung ziehen sie sich auf die höchsten,
unzugänglichsten Berge zurück und finden dabei überall Nahrung, da
die Sagopalme allenthalben in solchem Uebermaße gedeiht, daß ungleich
mehr verdirbt, als aufgezehrt wird. Auch an Wild fehlt es nicht auf
dieser Insel, wo es keine reißenden Thiere gibt, die dessen Vermehrung
verhindern.
Kurze Zeit, bevor ich nach Wahay gekommen war, wurden drei Malaien von
Alforen getödtet. Man zog zwar zwei Rajahs von dem Stamme ein, welche
der Morde beschuldiget wurden; allein die Leute gestanden nichts, und
am Ende mußte man sich begnügen, sie nach ihren Gesetzen zu bestrafen.
Diese verurtheilen den schuldigen Stamm, den Verwandten der Gemordeten
zur Sühnung einige irdene Töpfe und Schüsseln, etwas Tabak und Reis zu
geben.
Die Holländische Regierung zieht von Ceram nicht den geringsten Nutzen.
Es werden keine Gewürze gebaut, keine Abgaben bezahlt. Das Fort zu
Wahay dient bloß dazu, festen Fuß auf der Insel zu haben, und sie
derart als Holländisches Besitzthum erklären zu können.
Am +30. Januar+ verließ ich Wahay, begleitet von Herrn Kern. Wir
waren kaum einige Stunden zur See, als sich ein so stürmischer Wind
erhob, daß wir das Land suchen mußten. Dieß war eine sehr schwierige
Aufgabe, obwohl wir längs der Küste in der Entfernung von kaum einer
Viertelmeile fuhren; überall gab es Riffe, hohe Felswände, steil
abfallende Berge. Mit vieler Mühe und Gefahr gelangten wir endlich
in eine kleine Bucht, wo wir den ganzen Tag und die halbe Nacht
zubrachten. Den folgenden Morgen fuhren wir nach +Saway+, das wir sehr
früh erreichten. Wir besuchten von hier aus zwei Alforische Dörfer,
+Massitulan+ und +Opin+, die auf niederen, aber beinahe senkrecht
aufsteigenden Hügeln nahe bei Saway liegen.
Die Hütten der Alforen sind klein und wie jene der Malaien auf Pfählen
gebaut; die Wände bestehen aus den Rippen der Sagoblätter, die Dächer
aus den Sagoblättern. Im Innern sieht man nichts als einige Matten,
einige Töpfe und Teller, einen Parang, Bogen und Pfeile, eine Lanze
und einen hölzernen Schild (vier Fuß lang und sechs bis acht Zoll
breit).
Die Alforen sind minder häßlich als die Malaien; ich fand mitunter
recht wohlgeformte Gesichtsbildungen. Der Körper ist schlank und
ebenmäßig; unter den Mädchen gibt es höchst zierliche Gestalten. Ihre
Hautfarbe ist sehr lichtbraun; sie haben schöne schwarze Augen, weiße
Zähne und dichtes schwarzes Haar, das nicht geschnitten wird. Die
Männer wickeln die Haare vorne zusammen in Form einer Scheibe, die sie
durch hinein gestecktes Reisstroh vergrößern. Um den Kopf winden sie
ein Tuch so geschickt und zierlich, daß die Haarscheibe gleich einer
Kokarde frei in der Höhe steht. Ein Mann, der zwei Köpfe erobert hat,
darf auch das Kopftuch mit weißen Muscheln verzieren. Doch tragen nicht
alle das Kopftuch oder die Haarscheibe; viele lassen das Haar frei
flattern, was ihnen ein etwas wildes Aussehen verleiht. Das dichte,
lange, etwas struppige Haar fällt über das Gesicht und fliegt bei jeder
Bewegung umher. So reich ihr Kopfhaar ist, so arm ist der Bart. Es
scheint nicht, daß sie wie die Malaien das Barthaar ausraufen; ich sah
im Gegentheile einige unter ihnen, die ein Schnurrbärtchen hatten und
sich viel darauf einzubilden schienen. Die Weiber haben das Haar hinten
in einen Knoten gedreht und aufgesteckt.
Beide Geschlechter gehen beinahe im Naturzustande; nur die Mädchen
kleiden sich in das fußlange, enge Röckchen. Die Männer tragen einen
handbreiten Gürtel von Bast, die Weiber legen, wenn sie heirathen, den
Tijdak ab und gehen beinahe ohne alle Bedeckung.
In diesen beiden Alforischen Dörfern gab es noch wenig eroberte Köpfe.
In dem einen stand ein neugebauter Baileo, der einstweilen ungedeckt
war und des zu liefernden Kopfes harrte. Der Rajah des Dorfes Opin
ist der Holländischen Regierung sehr ergeben. Er gestattet seinen
Leuten nicht, ihre Opfer unter den Malaien zu suchen, ja er wünscht
sogar, wie er sagt, das Kopfjagen ganz aufhören zu machen; doch
wurde bisher seinen Vorstellungen kein Gehör gegeben. Er erhielt
von dem Kommandanten für seine Anhänglichkeit an die Regierung
einige alte Europäische Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zum
Geschenke. Da er von unserm Kommen unterrichtet war, hatte er alle
diese Kostbarkeiten an seinen Körper gehangen. Man konnte nichts
Lächerlicheres sehen. Ein altes Beinkleid reichte ihm bis an die
Knöchel; in die Weste hätte er sich zweimal wickeln können, eben
so in den Rock, an welchem die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu
erkennen war. Auf letzteren hatte er mehrere bunte Schnüre, sowie ein
Stückchen Goldtresse als Orden geheftet. An der Seite trug er einen
alten Stoßdegen, auf dem Kopfe eine kleine, spitze Mütze mit weißen
Hahnenfedern. In diesem großen Putze erscheint er nur, wenn er mit
dem Kommandanten in Berührung kommt; sonst geht er nackt wie sein
Volk. Auch die Mädchen und Frauen, deren sich nur wenige auf vieles
Zureden des Rajah zeigten, erschienen, weil der Besuch des Kommandanten
angekündiget war, in Tücher und Kleidungsstücke eingehüllt. Ich sah sie
erst später auf Hurali, wo der Kommandant nicht bei mir war, in ihrem
Naturzustande.
Nachmittags fuhren wir nach +Passaneo+.
+1. Februar.+ Zu Passaneo trennten wir uns: der Kommandant fuhr zur See
nach Wahay, ich trat die Fußreise nach +Makariki+ an. Vor dem Abschiede
ersuchte ich noch den Kommandanten, mir den Regenten von Passaneo
bis Hurali mit zu senden, damit er die Alforen bewege, ihre Hütten
zu öffnen und mir Gelegenheit zu geben, dieses wilde und scheue Volk
einigermaßen zu sehen.
Ich kam in Passaneo wieder mit meinen Alforischen Begleitern zusammen,
die daselbst auf mich gewartet hatten. Nun erst, da ich den Werth der
Muscheln und Zeichnungen verstand, sah ich, welche tüchtige Kopfjäger
es unter ihnen gab; ich zählte sechs, deren Schilde (Tijdokos) und
Kopftücher mit vielen weißen Muscheln und Zeichnungen prangten.
Als wir zu Hurali ankamen, war richtig wieder keine Seele zu sehen; der
Regent mußte beinahe mit Gewalt die Leute aus ihren Hütten treiben. Ich
stieg in mehrere Behausungen und hoffte mehr Wohlhabenheit zu finden,
als in Massitulan und Opin, indem Hurali, wie gesagt, das bedeutendste
Alforische Dorf ist; allein die Einfachheit oder Armuth war hier wie
dort dieselbe. Die Kinder flohen vor mir, schrieen und heulten, als
kostete es ihr Leben. Auch die erwachsenen Mädchen reichten mir nur auf
wiederholte Zusprache des Regenten die Hand zum Gruße. Das Mißtrauen,
die Scheu dieser Leute rühren von ihrer Angst her: sie leben in steter
Besorgniß feindlicher Ueberfälle.
Man führte mich in den Baileo, der an Größe gegen die ihn umgebenden
Hütten einem wahren Palaste glich: seine Länge mochte sechzig, seine
Breite vierzig Fuß betragen. Mit Schauder zählte ich hier in einer
langen Reihe 156 Schädel, die seit vielen Jahren zusammen gebracht
wurden. An den Wänden hingen zahllose Kinnbacken der Wildschweine,
Rehe u. s. w. die bei den stattgehabten Festlichkeiten verzehrt worden
waren. Der Saal enthielt nichts weiter als die Köpfe, die Kinnbacken
und die Feuerstelle, an welcher die Köpfe geröstet werden.
In der Hütte des Rajahs hingen ebenfalls noch ein Dutzend
Menschenschädel.
Ich wünschte sehr den Festtanz zu sehen, den die Alforen um die
eroberten Köpfe aufführen. Die Jünglinge waren auch dazu gleich bereit,
und fanden sich alsbald mit den Instrumenten ein, die aus Muscheln und
einer Trommel bestanden. Sie begannen schon auf die Trommel zu schlagen
und den Muscheln gellende Töne zu entlocken; allein die älteren Leute,
besonders der Rajah, gaben ihre Einwilligung zu dem Tanze nicht: sie
meinten, daß, wenn dieser Tanz aus Scherz aufgeführt würde, einer von
ihnen bald als Opfer fallen müsse. Ich sah daraus, daß die Alforen, wie
alle rohen und unwissenden Völker, sehr abergläubisch sind.
Als Entschädigung zeigte mir der Rajah persönlich den Angriff eines
Feindes. Er bewaffnete sich mit Schild, Parang und Lanze; Schild und
Parang hielt er in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er
verbarg sich hinter einem Baum, spähte mit großer Vorsicht nach allen
Seiten, warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Blättern und Zweigen und
legte das Ohr an die Erde. Nach kurzer Zeit richtete er sich etwas auf,
als gewahre er sein Opfer, zog sich für einen Augenblick noch mehr
zurück, warf plötzlich seine Lanze, stürzte hervor und führte mit dem
Parang einen kräftigen Streich durch die Luft. Dann bückte er sich und
raffte einen Stein auf, den er mir als eroberten Kopf überreichte.
Ich bat den Rajah hierauf, mir die berühmtesten Kopfjäger seines
Stammes vorzustellen. Er wies auf einige Männer, die um mich herum
saßen und sagte mir, dieser habe zwei, jener drei, er selbst erst einen
Kopf erbeutet. Es gibt keine Worte, mein Erstaunen zu schildern, als
ich dieß hörte und dabei die gutmüthigen, sanften Gesichter dieser
Menschen betrachtete. Die gerühmten Helden lächelten bei der Erwähnung
ihrer Traten so wohlgefällig und bescheiden, als wäre von den edelsten
Handlungen die Rede gewesen. Freilich ist in ihren Augen das Erjagen
eines Kopfes dieselbe Heldenthat, wie in den Augen eines Europäischen
Generals eine gewonnene Schlacht, in den Augen eines Soldaten das
Niedermetzeln seiner Gegner. Im Grunde ist die Sache auch hier wie dort
dieselbe.
Mit Herzlichkeit nahm ich Abschied von diesen sonst so harmlosen
Menschen und setzte die Reise fort. Wir hatten uns heute kaum zur Ruhe
gelagert, als wir von dem Wache stehenden Manne erweckt wurden, der
nach dem Walde wies. Dort sahen wir zu unserm Schrecken ein Licht
schimmern. Meine Leute sprangen auf und griffen zu den Waffen. Bald
erschienen ein halbes Dutzend Alforen mit brennenden Holzspänen und
erzählten uns, daß sie unfern unseres Lagers viele Alforen gesehen
hätten, die vermuthlich auf das Fällen der Sagobäume ausgegangen wären.
Sie empfahlen uns Vorsicht und gingen ihres Weges. Mein Führer, den
man mir in +Saparua+ mitgegeben hatte, und der der braveste und beste
Malaie war, der mir je vorgekommen, ließ unsere noch glimmenden Feuer
sogleich gänzlich auslöschen, beorderte an jede meiner Seiten drei Mann
als Wache, und auch die übrigen mußten sich ganz in meine Nähe legen.
Wir waren aber von der beschwerlichen Tagereise (wir hatten die beiden
Gebirgsketten überstiegen) alle so ermüdet, daß wir trotz der Gefahr
bald wieder zu schlafen begannen, wie ich glaube, die Wache nicht
ausgenommen.
Die Rückreise betrieb mein Führer mit solcher Eile, ich weiß nicht, ob
aus Furcht oder aus einem anderen Grunde, daß wir am dritten Tage schon
um 11 Uhr Vormittags in +Makariki+ waren. Die letzten sechs bis acht
Paal machten wir auf einem anderen Wege, der durch ganze Waldungen von
Sago-Palmen führte.
Ich ruhte in Makariki einen Tag aus, den folgenden kehrte ich nach
+Noloth+ auf +Saparua+ zurück und am
6. +Februar+ traf ich in der Negeri Saparua selbst ein, wo ich den
Gouverneur noch fand, der mich mit freudigem Erstaunen empfing. Seine
erste Frage war: „Sind Sie denn wirklich in +Wahay+ gewesen?“ -- „Hier
ist meine Bestätigung“, erwiderte ich lächelnd und reichte ihm einen
Brief des dortigen Kommandanten.
Zu Saparua war diesen Abend große Tafel. Der Gouverneur verließ am
folgenden Morgen die Insel und hatte zum Abschiede alle Regenten und
Schullehrer eingeladen. Diese Leute, sämmtlich Eingeborne, erschienen
in schwarzer, Europäischer Kleidung, drei unter ihnen in militärischer
Uniform: letztere waren Offiziere der Bürgermiliz. Ich bewunderte ihre
Haltung in den ihnen fremden, steifen Anzügen, so wie ihren Anstand
und ihr Benehmen bei der Tafel. Sie handhabten das Eßbesteck mit einer
Geschicklichkeit, als wären sie von Jugend auf daran gewöhnt gewesen.
Die Malaische Gesichtsform, die bräunliche Hautfarbe allein verrieth
sie; sonst hätte man meinen können, sich in Europäischer Gesellschaft
zu befinden.
Am folgenden Morgen war schon sehr frühzeitig vieles Volk vor dem
Hause versammelt, das dem Gouverneur durch allerlei Tänze seinen Dank
für dessen Besuch der Insel bezeugen wollte. Da gab es Tänzer und
Tänzerinnen in Menge. Letztere waren voll Flitterwerk; man sah, daß
sie alles auf sich gehangen hatten, was sie zusammen bringen konnten.
Auf dem Kopfe trugen sie Kronen von Messingblech mit Fransen oder
Blumen verziert, bunte Lappen prangten als Schürzen und Schärpen. Sie
führten den schläfrigen, einförmigen Malaischen Tanz auf, dessen Ende
nie zu erleben ist. Die Tänzer sahen wo möglich noch komischer aus.
Sie trugen messingene Pickelhauben mit himmelhohen Hahnenfedern, bunte
Schärpen, kleine, runde, hölzerne Schilde, mit weißen Papierschnitzeln
beklebt und hölzerne Parangs, mit Blumen geschmückt. Der Tanz, den sie
aufführten, war etwas lebhafter und abwechselnder als jener der Mädchen.
Die Besetzung des Forts (50 Mann) war ebenfalls aufgestellt, die
Regenten und Schullehrer umgaben den Gouverneur, und der ganze Zug
begleitete ihn unter Tanz und Musik bis an das Seegestade. Der
Gouverneur bereiste von hier noch einige andere Inseln.
Auch ich verließ Saparua noch denselben Abend, und am folgenden Tage
begrüßte ich zu Ambon wieder die liebenswürdige Familie Roskolt.
Ich hatte nun schon viel Gelegenheit gehabt, das Volk auf den Molukken
zu sehen. Ich fand die Malaien, aus welchen der größte Theil der
Bevölkerung bestand, hier minder häßlich als auf Java, Borneo und
Sumatra. Die Hautfarbe ist lichtbraun, der Körper wohlgeformt, wie
man ihn häufig bei Völkern findet, die ihn nicht in unnatürliche
Kleidertrachten zwingen. Sie verderben die Zähne nicht durch Feilen und
Schwärzen und kauen weniger Siri; die Weiber sah ich nirgends Tabak
rauchen. Die Hauptfarbe ihres Anzuges ist dunkelblau oder schwarz.
Ich hatte gehört und auch gelesen, daß die Christen unter den
Eingebornen aus Ambon höchst lächerlich gekleidet seien und nichts
lieber trügen als Europäische Kleider, besonders die Männer den
Europäischen runden Hut. Ich fand dieß aber nicht so auffallend. Die
Weiber zeichnen sich vor den übrigen Malaiinnen höchstens durch längere
Kabays aus; die Männer tragen mitunter Beinkleider, aber höchst selten
eine Kappe, einen Stroh- oder Filzhut; gewöhnlich gehen sie ohne
Kopfbedeckung. -- Aber so ist der Reisende: in allen Ländern will er
Sonderbarkeiten finden. Es würde mich nicht wundern, wenn Jemand ein
unbekanntes Land durchreist, und unter Tausenden von Eingebornen zwei
bis drei mit Klumpfüßen gefunden hätte, ihn sogleich die Behauptung
aufstellen zu hören, daß in diesem Lande die Leute alle an Klumpfüßen
litten.
Auf den Molukken sieht man bei den Eingebornen wenig Geflügel, sehr
selten Schweine und kein Hornvieh[24]; sie begnügen sich mit Sago,
rothem Pfeffer, Fischen und einigen Früchten.
Vor kurzem wurde auf Ambon eine Sagofabrik errichtet, in welcher das
schönste weiße Sagomehl, so wie der Perlsago producirt wird. Diese
Fabrik kann jedoch nicht so billig arbeiten, wie jene aus Singapore,
obwohl der Sago hier heimisch ist, und dort eingeführt werden muß. Auf
Singapore gibt es nämlich der arbeitsamen Chinesen genug, die sich mit
einem geringen Lohne begnügen, während hier der träge Malaie nur durch
Ueberzahlung zur Arbeit bewogen werden kann.
Am +3. März+ verließ ich Ambon, und zwar abermals auf dem Dampfer
Ambon, Kapitän Bergner. Ich ging über +Ternate+, das noch zu den
Molukken gehört, nach +Kema+ auf Celebes. Die Fahrt nach Ternate (260
Meil.) machten wir in 54 Stunden. Wir kamen an vielen Inseln und
Eiländchen vorüber; auf manchen sah ich ganz schroffe, vollkommen
kegelförmige Berge, die mitunter gerade aus der See emporstiegen. Viele
standen frei ohne alle Verbindung, sie erinnerten mich an jene um
Sarawak.
Die Einfahrt von Ternate ist sehr pittoresk. Die Bay erscheint von
mehreren über 5000 Fuß hohen Bergen umkränzt, darunter +Tidore+,
+Ternate+, letzterer ein Vulkan, der häufig raucht. An seinem Fuße
liegt das Städtchen Ternate.
Die Holländer haben hier ein Fort und einen Residenten; doch ist diese
Insel gleich +Ceram+ für die Holländische Regierung nur ein Lastposten,
den sie aus politischen Rücksichten beibehält.
Es residirt hier ein Sultan, welchem sie bisher sein ganzes Land
gelassen hat, und dem sie überdieß noch eine jährliche Pension von
10,800 Rupien gibt.
Wir blieben auf Ternate ein und einen halben Tag, die ich höchst
angenehm in dem Hause des Residenten, Herrn +Goldmann+, zubrachte.
Abends machten wir dem Sultan von Ternate einen Besuch. Er sandte, um
uns abzuholen, einen bequemen Europäischen Wagen, den er einst von dem
König von Holland zum Geschenke erhalten hatte. Da es aber auf der
Insel Ternate keine Pferde gibt, woran man in Holland nicht gedacht
hatte, mußten, wenn man den Wagen gebrauchen wollte, an die Stelle
der Pferde Menschen gespannt werden. Zu meinem Erstaunen sah ich auch
wirklich das Fuhrwerk vor das Haus rollen, von mehr als zwanzig Dienern
oder Unterthanen des Sultans gezogen und geschoben. Wir saßen ein
und fuhren so rasch, daß uns der Abgang der vierbeinigen Laufer kaum
bemerkbar wurde.
Das Haus des Sultans war von Stein in Europäischem Style ausgeführt,
der Sultan Europäisch gekleidet, mit Ausnahme des Turbans auf seinem
Kopfe. Er empfing uns unten an der Treppe, bot mir den Arm und
geleitete mich mit vielem Anstande in den Empfangssaal; hier mußte
ich mich von ihm trennen, da ich als Frau nicht an seiner Seite Platz
nehmen durfte. Es empfingen mich seine Töchter (die Sultanin ließ sich
krank melden), und führten mich an das eine Ende des Saales. Die Herren
saßen uns gegenüber an dem anderen Ende. Nachdem Thee und Backwerk
gereicht worden war, führte man uns zu Ehren zwei Tänze auf, den Menaré
und den Tjakalele.
Der Menaré wurde von zwölf hübsch gekleideten Mädchen getanzt. Sie
hatten hochrote seidene Blousen an, um den Hals einen sehr breiten
weißen Kragen, nebstdem noch rothe und grüne Schürzen und Schärpen. Um
die Taille trugen sie einen breiten Goldblech-Gürtel, vom Halse bis an
die Brust ein Goldblech, und von demselben Metalle Armbänder, auf dem
Kopfe einen schmalen Reif mit vielen Spitzen und Zacken. Nach hinten
hing noch ein Goldblech über die Haare, die mit Blumen geschmückt
waren; in dem Gürtel hatten sie Fächer stecken. Der Tanz war für
Malaiinnen ziemlich bewegt. Sie machten Figuren wie bei der Quadrille
und bedienten sich hiezu sogar ihrer Schärpen und Fächer. Alles
geschah jedoch mit gesenkten Augen ohne Grazie, und unter Begleitung
kreischender Gesänge. Die Musik bestand aus zwei Tamburinen und einer
Pfeife, die Musiker waren Weiber.