Der +Tjakalele+ rührt noch, mit einigen Abänderungen, aus den Zeiten

der Portugiesen her. Dieser Tanz, von einem Vortänzer und zehn Tänzern

ausgeführt, ist so hübsch, daß man ihn einem civilisirten Ballettanze

vergleichen könnte. Der Anzug der Tänzer bestand aus orangegelben

Beinkleidern und Kaftanen, letztere auf vier Seiten aufgeschlitzt,

aus bunten Binden und Schärpen und dreieckigen Filzhüten mit weißen

Federbüschen. Jeder Tänzer hielt ein hölzernes Schwert in der Hand und

hatte an jedem Arme ein buntes seidenes Tuch befestigt. Der Vortänzer

trug statt eines orangegelben Kaftans einen hochrothen, statt einer

Schärpe zwei, auf dem Hute zwei Federbüsche und an jedem Arme zwei

Tücher. Die Tänzer machten sehr künstliche, verwickelte Figuren und

Gruppen; sie stampften zeitweise mit den Füßen auf den Boden und

schlugen mit den Schwertern wie bei einem Gefechte aneinander. Auch

begleiteten sie den Tanz mit kurzen Gesängen, die etwas weniges

besser klangen als jene der Mädchen. Zum Schluß bildeten sie mit den

Schwertern eine Art Tragbahre, auf welche der Vortänzer sprang, und

trugen diesen im Triumphe von der Scene. Die Musik bestand aus zwei

Violinen und einer Pfeife und wurde von Männern gespielt.

Die Unterwürfigkeit ist an diesem Hofe nicht so groß wie zu Surakarta.

Die Leute fingen erst an, auf den Knien zu rutschen, wenn sie dem

Sultan schon ganz nahe waren. Den Sultan fand ich nicht von Weibern,

sondern von Männern umgeben, die hinter ihm aufrecht standen.

Beim Abschiede begleiteten mich die Töchter des Sultans bis an den

Ausgang des Saales; hier bot mir der Sultan wieder den Arm und

geleitete mich bis an den Wagen.

Ich sah mit Erstaunen die Straßen beleuchtet, obwohl ich im Hinfahren

den Luxus von Laternen nicht bemerkt hatte. Als wir bei dem ersten

Lichte vorüber fuhren, löste sich das Räthsel -- die Laternen waren

gleich den Pferden von Menschen vertreten, die an beiden Seiten der

Straße mit Fackeln standen.

Die Eingeborenen von Ternate leben noch viel von Sago; doch wird

auch Reis und Mais gebaut. Das Land ist fruchtbar, aber noch wenig

kultivirt. Daß an dergleichen Orten die Lebensmittel, an welche wir

Europäer gewöhnt sind, übertrieben viel kosten, versteht sich von

selbst, da wenig oder nichts gepflanzt wird und sich selten jemand

mit Aufziehung von Geflügel, Schweinen oder Hornvieh beschäftigt. So

bezahlt man hier z. B. für ein Pfund Rindfleisch sechzig Deut, für eine

Flasche Milch vierzig. Der Lohn der Dienerschaft ist ebenfalls sehr

hoch; man muß die Leute meistens von Java kommen lassen.

Am +7. März+ Abends verließen wir Ternate und am folgenden Morgen lagen

wir vor +Kema+ (94 Meilen) auf Celebes.

[19] Als ich später nach Java zurückkam, las ich in den Zeitungen,

daß in Folge dieses Erdbebens die Hälfte der Molukken zerstört

worden sei. Welche Uebertreibung!

[20] Der Nanarinen-Baum gehört zum Geschlecht der Kanarien-Bäume; er

trägt eine sehr fette Mandel, aus welcher Oel gepreßt wird, das

viel feiner als Kokos-Oel ist und auch zum Kochen verwendet wird.

[21] Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß unter diesem

Gouverneur-General auch die Abgaben aufgehoben wurden, welche

die Kleinverkäufer auf allen Holländisch-Indischen Besitzungen

von den Lebensmitteln bezahlen mußten, die sie zu Markte

brachten. Dieses Gesetz war um so drückender, als der Bazarpacht

meistens in den Händen der Chinesen war, die unglaublich

geldgierig und hartherzig sind und das Volk schrecklich quälten,

ja nicht selten betrogen.

[22] Jede Pflanzung, jeder Garten wird auf Ambon „Duson“ genannt.

[23] In Gegenden, die nahe am Aequator liegen, muß man frühzeitig

Halt machen, da die Sonne um 6 Uhr untergeht und die Dunkelheit

plötzlich ohne vorhergehende Dämmerung eintritt.

[24] Es giebt Hornvieh; dasselbe wird aber nur von den Holländern

gehalten.

Elftes Kapitel.

Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. -- Die

Holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise in das Innere von

Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl. -- Tanette. -- Baru. -- Fest

der Zahnfeilung. -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König.

Celebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten

Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich

von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier

Halbinseln getheilt wird.

Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft

+Menehassa+. Der Sitz des Residenten ist zu +Menado+ (zwanzig Paal). In

dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun vor Kema

vor Anker[25].

Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen

Beamten und einen Missionär, den ersten, welchem ich in den

Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr +Hardig+, ein

Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst zwei

Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch schöne,

breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt sind. Hübsche

Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen der +Klabat+, die

beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl auch hier die Sagopalme

noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch bei weitem mehr als auf den

Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich von Reis und Mais. Mit dem

Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als irgendwo: jedes Familienhaupt

muß 500 Bäume pflanzen und erhalten. Sie erhalten zwar für den Pikul

Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber davon an die Regenten und

Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder Eingeborne muß außerdem für

seine Hütte der Regierung jährlich sechs, dem Regenten zwei Gulden

bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern Bauten unentgeldlich

arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der Holländischen

Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden.

Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn +Andriesen+.

Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt

wird, etwas sehen wollte, unternahm ich eine kleine Reise nach den

Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See +Tondano+.

Am +14. März+ ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn

+Schwarz+ (eines Deutschen), über +Lotho+, +Tomohan+ und +Lahendon+

nach +Sonder+ (23 Paal). Bei Lotho fängt die Steigung des Weges an;

man hat einige wunderbar schöne Aussichten über Land und Meer. Der

schönste Punkt aber ist auf der Höhe von Lahendon. Zu Füßen liegt ein

großes, fruchtbares Thal, von schönen Bergen umsäumt, darunter der

+Saputan+ oder +Frauenberg+, der +Lokon+ mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte

Hügel, Waldungen, Boskette mit reichen Mais- und Reisfeldern, große,

nette Dörfer erscheinen überall dazwischen, und das freundliche

Lahendoner-Seelein schimmert gleich einem Diamanten aus der grünen

Einfassung.

Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn +Wilken+, ebenfalls

einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den kurzen

Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der ungefähr

einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen einige

Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme

übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen;

nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei

Regenwetter sollen die Quellen noch etwas wirksam sein, aber lange

nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein

Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte

sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die

Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den

Brandwunden.

Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle

nahe an dem See zu sehen.

Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn +Graafland+. Herr Schwarz

ritt noch elf Paal weiter nach +Langowang+, wo er wohnte.

+15. März.+ Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr

zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen

ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet,

von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist.

Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen

auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist

krystallhell -- man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der

Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute,

die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum

Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran nicht gewöhnt sei,

anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme.

In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und

hielt in seinem Hause einen Ruhetag.

Am +17. März+ ritt ich nach +Romboken+ (acht Paal), an dem schönen See

Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist. Dieser See, ein

einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch dreißig kleine

Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine Quelle, an einer

Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden haben soll. Er

ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in immerwährendem

Grün prangen.

Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr +Noe+ mit einem Boote,

um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen. Unter

Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von einem

sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das böse

Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es

auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano

entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war

der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn +Riedl+, ebenfalls

einen Deutschen Missionär.

Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen

ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von

Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich

über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen

Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur

von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet

ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von

letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide

Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt,

in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen

gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort.

Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis

+Kakas+, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich wieder

Herr Schwarz auf.

Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft

Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht

wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel

mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes

Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön

und reinlich, die Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in

Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte.

Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele

Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen

von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die

Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander

geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen

längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden

Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte

„Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum

reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen.

Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie

Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den

Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder

häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt.

Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der

Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen

bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten

auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man

rühmt die Alforen als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein

und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung.

+Menehassa+ hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher

seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion

übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele

Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an

Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre

1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren +Schwarz+ und +Riedl+,

von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa gesandt. Herr

Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines hiesigen Wirkens

9000 Menschen getauft.

Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte

mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen

Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier

an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und

dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen

haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen.

Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden

nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um

einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt

vorwärts.

Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt

ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese

reichen nicht mehr aus.

Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen

sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und

leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen

und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk

mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe

Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz

zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem

Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so

herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie

dazu.

Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele

Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die

Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet,

die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken,

Schlingen u. s. w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in

Gemeinschaft mit der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu

betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen,

daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme

Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden.

Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings

(Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen

kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die

Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann

wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit

eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war

nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand

aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten

Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten

Klimawechsel, Reisen nach Europa u. s. w. nöthig. Was kostet dem

Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen

der Missionärs-Frauen und Kinder?!

Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die

abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr

Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es

mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel wirken können, wenn

sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie

es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine

leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen.

Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem

Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte

(per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer

erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal

von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre

eingebornen Regenten bezahlen müssen.

Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am

23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete

mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als

wären wir jahrelange Freunde gewesen.

Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein

Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal).

In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn

+Linemann+ auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit ihm

die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig,

als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat

kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem

ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr

bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht

anlangte.

Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich

nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord.

Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen.

Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als

Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner

Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit

offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein

Haus.

Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige

Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu

unternehmen.

Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei große

Reiche, +Bonni+, +Goa+ und +Sidenring+ getheilt, welche wieder in viele

kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder Rajah’s den Regenten der

großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane oder Könige dieser drei

Reiche sind Bundesgenossen der Holländer; sie dulden aber weder Forts

noch Residenten in ihren Ländern und haben bisher ihre vollkommene

Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte diese Reiche, so wie

auch den Bergdistrikt +Duri+ besuchen, dessen wilde Bewohner in Höhlen

wohnen und noch auf einer sehr tiefen Stufe der Zivilisation stehen

sollen. Ich ersuchte den Gouverneur, Herrn +Bick+, um die Erlaubniß

zu dieser Reise, denn ohne dessen Bewilligung darf man weder in den

Besitzungen der Holländer auf Celebes noch zu deren Bundesgenossen

reisen. Der Gouverneur war sogleich bereit, mir die Erlaubniß für Goa

und Sidenring zu geben. Bonni schloß er aus, da die Regierung jetzt

eben nicht am besten mit diesem Sultan stand, welcher der mächtigste

von den Dreien ist und, wie man mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht

von 40,000 tüchtigen Streitern zusammenbringen kann.

Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen,

trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am

17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis +Maros+ (17 Paal), dem

Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf einer

und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt ist.

Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur wenige

Ortschaften sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die Ernte,

vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird jede

Aehre einzeln abgeschnitten.

In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse

Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen

hindurch.

Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab.

Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt

und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der

Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von

massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große,

hohe Gemächer.

Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen

hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter

nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah

traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie,

wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und

beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die

Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen.

Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte ich die drei Paal

entfernt gelegene Grotte +Bulu Sepong+. Der Fels, in welchem sich diese

Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen, in

der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert Fuß im

Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten, benützten

sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der Spitze standen

die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke senken sich viele

Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit herab. Jetzt ist

sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei Nachtvögeln.

Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer

der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die

Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen

Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten

für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des

Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in

dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine

Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser

saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen

gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen Erfolg

verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab.

Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur

den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder

an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-,

Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen

Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen

und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre

Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein

Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe

und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten,

mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im

Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten

Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften.

Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise

der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte

Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner

Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends

statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang

nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte glauben,

daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen

Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken -- die einzige

Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus

seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen

Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen

u. s. w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der

allgemeinen Regel keine Ausnahme.

Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien

so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie

minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien

z. B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist

dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf

den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel

zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was

weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß

man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die

Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der

Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen.

In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte

getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch Gewürze

gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß

gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur

der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In

jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer

für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben

zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von

ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung.

Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den

Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude

der Beamten u. s. w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei

Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen

entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul

gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an

den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur

die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für

den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe,

ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet,

einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste

aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei meiner

Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein.

Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu

leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe

zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre

Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten

Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten,

besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben.

Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten:

sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr

in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf

dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch

ausgeführt.

Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in

Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern

beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos

jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der

Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen

zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen

Europäern.

Am +23. April+ trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim bestand

ungeachtet meiner Weigerung darauf, mir noch einen „Tolk“

(Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach.

Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf

gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem

Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk,

von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte

nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je

zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in

Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen

Pferde zu erhalten.

Wir ritten nicht weiter als bis +Padkadjene+ (sechzehn Paal), beständig

in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte die beiden

Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die Reiskammern

der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines besondern

Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen Bentheim

zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ, welche die

Felder hinlänglich bewässern.

Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte,

fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich

gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle

durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser standen. Die Felder

waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde

einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte

man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme

abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen

Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch

Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken.

Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde

man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm

bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate

August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist.

Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus,

die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in

langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da

weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste

Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit

4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe.

+24. April.+ Wir ritten bis +Mendalle+ (28 Paal). Den Fluß Padkadjene

übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir durchreiten.

Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten beinahe den

Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr war jedoch, von

den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den Flüssen dieser

Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im vergangenen

Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt. Dieß hindert

aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich in demselben

zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman gefressen zu

werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst wenn er sich

keinem Flusse nähere.

Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst

weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten.

In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne

schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen

färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig

ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf

den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist

selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor

die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und

Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong

getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen gibt. Nebst den

Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet.

Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo

gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf,

gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei

oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses

Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei

haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen

sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und

bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren

Stoffen besteht.

Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von

Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen

als diesen Makassaren[26] auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann

war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste

Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den

bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd

hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer einem kleinen Zaum,

der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei

so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes

sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben

die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur

ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul

gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken

des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich

einen Fuß in die Seite des Thieres -- ein höchst origineller Anblick.

Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden

häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten

sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien.

Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi-

und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine

Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen

Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen.

+25. April.+ Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben Paal,

aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die häufigen

Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das Meeresufer

hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der Korallenriffe

halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben, und ritten oft

einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung war sehr stark,

das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen konnte. Ich dankte

Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen Elemente kam und unter

den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah[27].

Vormittags erreichten wir +Tanette+, ein unabhängiges Fürstenthum oder

Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840 ein

treuer Bundesgenosse Hollands.

Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir

eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin.

Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der

Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen

und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen

meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich

hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen.

Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr

herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das

Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und

war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die

Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es

Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen,

während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht.

Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet

als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets

hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen

die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem

Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen

und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander.

Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand,

wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in

drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß,

stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen,

die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche

behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen wurde, während ich bei

der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer

dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das

sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche

Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung;

aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines

schönen Thee- oder Speise-Services[28], geschliffene Gläser und

Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und

Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß

für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von

Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt.

Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist

das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs

an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade

webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand.

Die Königin war so eben im Begriffe, nach +Baru+, einem benachbarten

Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war. Da mich

mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren noch

denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf welcher

die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte; da jedoch

der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine Bay, wo

wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil ihrer

Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu.

Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend

Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr

als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die

alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u. s. w. vorzustellen.

Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich

mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine

Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als

handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von

einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen,

Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u. s. w.,

so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe

zusammengepreßt -- eine abscheuliche Tour!

Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des

Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform

gemacht wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus

gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf,

rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt

zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die

überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die

Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit

Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen.

Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig

in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu

Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen,

und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei

der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie

in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf

die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes

Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern

Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft

und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den

Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete

und bewahrte.

+26. April+ ging es früh auf die Reise. Wir lenkten alsbald in den

Fluß +Baru+ und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts bis in die

Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses liegt (35 Paal

von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft nach Hofe ging,

unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin mit ihrem Gefolge zum

Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so unsauber zurück, als sie

hingegangen waren, denn sie übergossen sich, gleich den Malaien, nur

mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um dem Körper einen angenehmen Duft

zu verleihen, durchräucherten sie sich mit wohlriechenden Harzen. Zu

diesem Zwecke war ein eigenes Räucher-Pfännchen mitgenommen worden,

über welches die Königin, wie jede Hofdame, sich erst stellte und dann

Gesicht und Hände hielt.

Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen

Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des

Gouverneurs an den Hof geschickt.

Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der

Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur

einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und

der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß

lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus. Die

Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen,

welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die

Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen.

Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener

Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem

großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus

Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die

Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.

Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen

Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht

hübsch; sie war noch unverheirathet.

Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze

zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den

einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit

bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von

Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr

angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise

auszuruhen.

Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag

statt und bestand darin, daß der jugendlichen Königin die oberen Zähne

gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie

z. B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa

eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung

waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute.

Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein

Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis

vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze.

Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen,

hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine

Seele sprach ein Wort.

Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk)

mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen

Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker

eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden

kann.

Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können;

allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über

besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte

sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst

anderen Gegenständen zum Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen

wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen.

Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling

sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte

ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst

da ließen mich die Leute nicht ungestört -- sie hoben den Klambu auf

und steckten die Köpfe darunter.

Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java,

Sumatra, den Molukken u. s. w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus

einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich

ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen

Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle,

Wassergefäße und dergleichen befinden.

Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben

die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange

der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern

sie treten mit ungewaschenen Füßen ein.

Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der

Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen

die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und die

Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man

doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine

Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen,

Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden.

Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von

Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen

Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in

einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen,

welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in

schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen

Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. bei der Zahnfeilung,

der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold

färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht.

Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen

an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen

Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen

Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern

und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt

wird, erhält einen Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese

Bescherung zu Theil.

+27. April.+ Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den Anfang

der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom Volk ganz

umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der Prinzen und

Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar ein eisernes

Panzerhemd[29] trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich Mühe hatte,

durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe unter den

zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das Fest

weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze Menge

regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie die

Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist

unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe

Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem

gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren

Blutsauger des Volkes.

Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das

Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache

bis an den Ort, wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit

weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen

Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen

grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs

Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen

Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten

hatte.

Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen

der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah

geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer

zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe

Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den

unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von

Melati[30], nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem

Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide.

Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick

kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein

halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf

eine alte abgenützte Matratze, breitete ein Tuch darüber und legte

einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke

entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große

Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und

abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß

es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit

beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich

konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein

Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war

überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was

ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten.

Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine

an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken

und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich

in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die

Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse

einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der

Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen

Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin

an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen

Riemen, den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten

zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk,

reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin,

ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun

der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und

mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der

Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna,

ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und

diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus

betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so

wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst

harrte ich der kommenden Dinge.

Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken,

schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne,

nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne

loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer

zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die

kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle

ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen

machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen

Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme

Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie

keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern.

Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn;

er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem

herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende

wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen

dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte,

worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte[31].

Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs

Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei

fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten

sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen

eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war

abgethan.

Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war

(bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ

die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine

Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich

einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie

die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes

religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer

Bescheidenheit.

Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen,

einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die

man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist,

in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie

dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u. s. w. gemacht,

und schmeckten sehr fett und ranzig.

+28. April+ blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute noch

Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei,

mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich,

daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin

sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große

Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen

hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es

als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem

Markte gebräuchlich ist.

+29. April.+ Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das Gefolge.

Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste Aufmerksamkeit

oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte, sagte er es

dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder dem Kulli, kurz

ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so schlecht als

möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein Schmetterlingsnetz

nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein zweiter Uebelstand mit

so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall vieler Pferde und Träger

bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht zu Fuß gingen, versteht sich

von selbst; aber auch ihre Diener mußten Pferde haben, wenn wir auch

nur acht oder neun Paal den Tag machten. Die Herbeischaffung der Pferde

nahm stets die schönen Morgenstunden weg. Wir kamen erst fort, wenn die

Sonne recht brannte. Anders verhält es sich freilich mit den Leuten,

wenn sie mit ihrem Herrn oder Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den

Stock oder sonstige Strafen, da hat alles Hände und Füße. Ich hatte

das aus Erfahrung kennen gelernt und deßhalb blos einen gewöhnlichen

Führer und einen Kulli mitnehmen wollen; allein der Gouverneur wie

Graf Bentheim, die es beide sehr gut mit mir meinten und ihre Leute

für besser hielten als sie waren, überredeten mich zur Mitnahme dieses

lästigen Gefolges.

Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß

es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande;

dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele

Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte.

Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die

Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen.

Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in

der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm,

den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe

nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling

zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen

Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in

der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man

Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß

wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht.

Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als

Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt.

Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten

in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren

erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir

dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand

an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei

kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf

drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens

vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und

verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die

Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen.

+30. April.+ Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an (30

Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche von

kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln, und

im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen lagen

ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar und den

umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König dieses

kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen eigenen

Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich

wohlhabend sein.

Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen,

wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen

war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange

heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz

gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong

nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger

als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen

Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre

saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im

Koran-Lesen[32] unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache

ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die

Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete

herab, ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie

plappern.

Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche

Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in

Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen

waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen

aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung

sondergleichen breit.

Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit

dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der

Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die

Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen).

Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt,

als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten

Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu

schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend,

daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien

alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen

Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher

und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene

Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und

Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu

erzählen; kurz -- ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel

wie möglich auszukramen -- Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen

an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein

ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in

einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber

so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt

aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten

gehören müsse.

Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er

gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben

könnte. War das doch ein galanter König! -- Wie hätte ich meine Reisen

ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es

viele so freigebige Monarchen gäbe!

Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach

geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem

Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die

Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch

schon ein Mann von einigen dreißig Jahren sein mochte. Dazu war sie

auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt,

zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als

hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die

Schultern hinab -- es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des

Alters geben.

Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung.

In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit

sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos

gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den

Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem

Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens

wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam

es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ

sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen,

beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen.

Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine

Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den

würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht

fertig.“-- Und so mußte ich noch zwei ewig lange Stunden warten.

Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten

belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts

als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus

gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern

bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um

dieses Essen genießbar zu finden!

+1. Mai.+ Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch und

verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst

ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark

vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers)

zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er

ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so

groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr

erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er,

daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein

brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er

möchte nicht darinnen wohnen.

Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort.

[25] Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate.

[26] Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und Buginesen

(alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man

Buginesen über die ganze Insel zerstreut.

[27] Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind lang,

aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt.

[28] Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen Regierung

beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke.

[29] Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden tragen.

[30] Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die Lieblingsblume der

Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas stark.

[31] Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt es in

Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten

werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei

dem zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne

gefeilt.

[32] Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa) alle

Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch

genießt hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie

das männliche. Das erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder

Mädchen, folgt dem Vater in der Regierung. Hinterläßt er

eine Witwe, so regiert diese, wenn auch der Sohn schon das

Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die Schule so gut wie

die Knaben.

Zwölftes Kapitel.

Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein königliches Mahl.

-- Rückkehr nach Sidenring. -- Die Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan

von Goa. -- Abreise von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische

Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach Batavia.

Von Pare-pare ging ich zu Pferde nach +Batu-Masapaija+ (zwölf Paal)

einem Landsitze des Königs von +Sidenring+, welcher abwechselnd hier

und in der eigentlichen Residenz zu +Tete-adje+ an dem See +Tempe+

wohnt.

Die Wege führten theilweise über niedrige Gebirge, welche, Alang-Alang

und kurzes Gras ausgenommen, von Vegetation beinahe entblößt, dagegen

voll Steine und Gerölle waren, so daß unsere armen Thiere wie Gemsen

klettern mußten. Wir begegneten vielen Saumpferden, die hauptsächlich

Reis nach dem Hafen Pare-pare trugen. Außerdem war das Land nur von

Pferden belebt, die sich lustig im Zustande der Freiheit herum

tummelten. Die Könige in diesen Gegenden haben große Gestüte und

treiben sehr gewinnreichen Pferdehandel.

Schon seit mehreren Stunden zog sich der Weg einförmig bergauf,

zwischen Hügeln fort, die jede freie Aussicht versperrten; dagegen

wurden wir bei dem Ausgange eines engen Thales überreich belohnt,

denn eine der herrlichsten Ansichten, vielleicht die schönste von

ganz Celebes, lag vor unsern Blicken. Eine beinahe unabsehbare Ebene

breitete sich aus, in ihrer Mitte glänzten die Wasserspiegel der

beiden Seen +Tamparang-Urai+ und +Tamparang-Cabaija+, gewöhnlich die

Seen von Tempe genannt. Der erstere dieser Seen bildet ein langes,

unregelmäßiges, der letztere ein schönes, rundes Becken. Reiche

Reispflanzungen, große Ortschaften verkündeten den Wohlstand der

Gegend. Im Vordergrunde stiegen viele vereinzelte, kleine, spitze Hügel

und Felsen auf, die man aus der Ferne und der Höhe, auf welcher wir

uns befanden, für Tumuli hätte halten mögen, so klein und niedlich

erschienen sie auf dieser ungeheuren Ebene. Im Hintergrunde erhoben

sich schöne Gebirgsketten gleich hohen Mauern, als wollten sie das

friedliche Thal vor den Stürmen der Außenwelt bewahren.

Langsam ritt ich nach der Ebene hinab, denn jeder Schritt verlöschte

einen Zug des herrlichen Bildes. Das Großartige verschwand, unser

Pfad ging wieder zwischen niedern Hügeln in die Tiefe, und bald sahen

wir weiter nichts, als einzelne Hütten, einige Stallungen, die dem

Könige zugehörten, kleine Mais- und Reisfelder. Dies ging so fort bis

Batu-Masapaija, wo wir den König auch wirklich antrafen.

Obwohl der König von Sidenring zu den drei größten auf Celebes gehört,

wohnte er eben so erbärmlich wie der kleinste, ärmste Rajah. Sein

Palast, aus dünnem Bambusgeflechte, mit Stroh gedeckt, glich einer halb

verfallenen Scheune. Das Innere bestand aus einem großen Gemache, von

durchlöcherten Halbwänden untertheilt, und voll schmutziger Klambus. Am

Eingange gab es einige Feuerstellen, auf welchen halb erloschene Brände

einen abscheulichen Rauch verbreiteten, im Vordergrunde wimmelte es

von Faullenzern aller Art, Männer, Weiber und Kinder. Hier hockte eine

Gruppe, Siri kauend und schwatzend, dort lagen Schläfer auf dem Boden

ausgestreckt und um die Wette schnarchend, hier erschien hinter einem

geöffneten Klambu ein zerraufter Kopf, dort balgten sich nackte Kinder,

mit Finnen und Schmutz bedeckt -- wo man hinsah ein erbärmlicher

ekelhafter Anblick.

Das königliche Ehepaar hockte im Hintergrunde auf einer zwei Fuß hohen

Tribune, gleich der Dienerschaft mit Sirikauen beschäftiget und in

den lieben langen Tag hinein schauend. In der Nähe der Tribune waren

hier und da Kisten und Körbe aufgestapelt, zerrissene Kleidungsstücke

hingen umher, dazwischen auch eine schöne gestickte Militärs-Uniform,

die der König von der Holländischen Regierung zum Geschenke erhalten

hatte. Der König zeigte mir dies Kleidungsstück und ersuchte mich, ihm

ein derartiges einfacheres zu verfertigen. So sind die Schicksale des

Reisenden! Der König von Pare-pare hätte mir hundert Rupien für meine

Bücher gegeben, während dieser hier mich zu seinem Hofschneider erheben

wollte! Ich wich der bescheidenen Bitte dadurch aus, daß ich sagte, ich

sei zum Arbeiten zu vornehm.

Man beherbergte mich in diesem scheunenartigen Palaste unter einem

Klambu. Die Kost war ziemlich schlecht; man brachte mir auf handgroßen

Täßchen einige winzig kleine Stückchen Fleisch, ein Paar fingerlange

Fische und den Hals, Kopf und die Flügelspitzen eines Hühnchens.

Nach der Tafel besuchte mich der König. Als er zufällig einige Insekten

sah, die ich unterweges gefangen hatte, und hörte, daß ich Werth darauf

legte, versprach er mir ganz unaufgefordert, Leute in die Waldungen zu

senden und für meine Rückkehr eine kleine Sammlung bereit zu halten.

Schon in einigen Tagen sollte ich wieder hier sein, denn meine Reise

ging nun nicht mehr weiter als über die beiden Seen bis +Lagusi+, der

Residenz der Königin von +Wadjo+, deren Königreich an jenes von +Bonni+

grenzt. Der Besuch des letzteren, wie bereits erwähnt, war mir nicht

gestattet.

Beim Abschied versprach mir der König noch, wenn ich wiederkehre, mir

zu Ehren auch eine Rehjagd zu veranstalten.

+2. Mai.+ Wir ritten heute nicht mehr als neun Paal in der großen Ebene

beinah unausgesetzt zwischen Reisfeldern bis in die Nähe des ersten

Sees, wo wir in einer offenen Hütte, d. h. unter einem Blätterdache

unsere Wohnung aufschlugen. Wir kamen durch mehrere große Ortschaften,

darunter besonders +Awaritij+ mit mehr als 200 Häusern. Ich fand in

diesem Königreiche Dörfer und Häuser durchgehends sehr groß.

Auch heute bestand meine Mahlzeit nur aus einigen kleinen Fischchen

nebst Reis, und zwar ebenfalls wieder durch die Schuld meiner Leute,

denn wenn man in diesen Ländern irgendwo gastfreundlich aufgenommen

wird, ist es Sitte, alles zu begehren, was man nöthig hat; hätten meine

Leute einige Hühner, Früchte u. dgl. verlangt, so würde man sie ihnen

mit Freuden gegeben haben; allein sie thaten es nicht, selbst wenn ich

es ihnen befahl -- sie wollten nicht die Mühe der Zubereitung haben.

+3. Mai.+ Lagusi (dreißig Paal). Heute ward ich über meine Leute im

höchsten Grade aufgebracht. Als ich Morgens an das Ufer des Flusses

kam, auf welchem wir noch ein kleines Stück bis in den See zu fahren

hatten, war nicht einmal das Prauh in Bereitschaft: eine ganze Stunde

mußte ich in der glühenden Sonne stehen und die Leute zur Arbeit

antreiben. Mit größtmöglichster Langsamkeit schoben sie endlich einen

ausgehöhlten Baumstamm in das Wasser und deckten ihn mit einem so

niedrigen Blätterdach, daß ich darunter kaum aufrecht sitzen konnte.

Ich betrat mit Widerstreben dieses gefährliche und unbequeme Fahrzeug;

wie aber stieg erst meine Angst, nachdem ich so viele Menschen folgen

sah, als der hohle Baumstamm fassen konnte! Ich wehrte mich dagegen;

doch weder Tolk noch Sendling hörten auf mich; sie ließen mitfahren

wem es beliebte. Einundzwanzig Personen saßen in dem engen Raume. Ich

mußte während der ganzen Fahrt, die über neun Stunden dauerte, gleich

den übrigen, auf meinen unterschlagenen Beinen hocken. Den Eingebornen

macht dieß freilich keine Unbequemlichkeit, die sind an diese Stellung

gewöhnt; ich litt aber unaussprechlich.

Unter den Mitreisenden befand sich ein Greis, der, obwohl er eben nicht

sehr gebrechlich aussah, nicht lange sitzen konnte. Er mußte sich

legen, und in Folge dessen waren wir gezwungen, noch mehr zusammen zu

rücken. Später sah ich, woher die Schwäche des Alten rührte: er war ein

starker Opiumraucher. Er führte Pfeife, Opium und Lampe mit sich und

rauchte und schlief abwechselnd während der ganzen Fahrt.

Die beiden Seen, deren vereinigte Länge ich auf ungefähr dreißig,

die höchste Breite auf zehn Paal rechne, sind durch den Fluß Watta

verbunden, ihre Entfernung von einander beträgt höchstens 1½ Paal. Die

Seen, besonders der große, haben wenig Tiefe; letzterer dürfte sich

mit der Zeit in einen Sumpf verwandeln, denn jetzt schon ist der ganze

Grund und Boden mit Pflanzen dicht überwachsen, und ganze Parthieen

derselben schwimmen gleich Inseln auf der Oberfläche umher. Die Ufer

bieten wenig Reiz; an vielen Stellen sind sie mit Alang-Alang bedeckt.

An dem großen See liegen bedeutende Ortschaften; sie nehmen sich aber

in der nackten Umgebung, die weder Gebüsche noch Baum besitzt, ganz

armselig aus. Die die Seen umgrenzenden Länder bilden Bestandtheile

von Sidenring, Wadjo und andern kleinen Königreichen. Man sieht auch

die Gebirge von Bonni, von welchen ich nur eine Tagreise entfernt war.

Lagusi liegt am Tjenrana, achtzehn Paal stromaufwärts. Als ich das

Boot verließ, um nach der königlichen Residenz zu gehen (¼ Paal)

begleitete mich die ganze Dorfgemeinde; man hatte hier noch kein

Europäisches Gesicht gesehen. Die Leute wollten alle mit mir in den

Palast (natürlich auch nur eine Bambushütte) -- man mußte sie mit

Gewalt forttreiben.

Die Königin ließ lange auf sich warten. Sie war alt, aber kräftig,

überaus lebhaft und sprach sehr eifrig und viel. Sie behauptete,

sechsundsiebenzig Jahre zu zählen; aber ihrem jüngsten Sohne nach zu

urtheilen, mochte sie es mit den Jahren wohl nicht so genau nehmen.

Wenn die Leute hier alt sind, machen sie sich gerne noch älter: sie

glauben dadurch an Würde zu gewinnen. Im allgemeinen haben sie auch

wenig Begriff von Zeitrechnung und wissen meistens selbst nicht, wie

viel Jahre sie zählen.

Nach der üblichen Bewirthung mit Thee und Süßigkeiten wollte ich mich

zurückziehen, da ich halb lahm von dem neun Stunden langen unbequemen

Sitzen in dem Baumstamme war; allein die hohe Frau gab es nicht zu:

sie unterhielt sich zu gut mit meinen Leuten, die ihr alle Neuigkeiten

aus der großen Stadt Makassar erzählen mußten. Sie war sehr munter

und heiter, obwohl sie, wie sie mir selbst mit wahrhaft stoischer

Gleichgültigkeit erzählte, erst vor drei Tagen einen Sohn begraben

hatte. So sind diese Menschen! -- So lange die Leiche im Hause ist,

heulen, schreien und geberden sie sich wie Wahnsinnige; ist der

Verstorbene einmal der Erde übergeben, so begraben sie den Schmerz mit

ihm, Heiterkeit und Frohsinn kehren wieder.

Die Königin trug Trauer um ihren Sohn. Dieselbe bestand in einem

dunklen Tuche, das um den Kopf geschlagen war, die Haare ganz verbarg

und bis über die Schultern fiel.

Sehr gegen meinen Willen war ich gezwungen, die Abendmahlzeit bei der

Königin einzunehmen. Auch hier war das Essen unter aller Kritik. Es

gab eine Menge kleiner Schüsselchen, deren Gesammtinhalt den Magen

eines ganz gewöhnlichen Essers nicht überladen hätte. Ein Schüsselchen

enthielt ein hartgekochtes Ei in vier Theile geschnitten, ein anderes

drei winzig kleine Kartoffeln, ein drittes die Hälfte eines drei Zoll

langen Fischchens, ein viertes ein paar Scheibchen von Gurken, ein

fünftes zwei gekochte nußgroße Zwiebelchen u. s. w. Mitten unter dieses

Puppenmahl setzte man einen sehr großen, fest zugedeckten Suppentopf

und legte daneben einen großen Suppenschöpflöffel. Diesem Riesentopfe

weihte ich meine ganze Aufmerksamkeit; mein erwartungsvoller Magen

hoffte auf gekochte Hühner oder sonst ein herrliches Gericht. In dieser

schwelgerischen Erwartung nahm ich eine gute Portion Reis auf meinen

Teller, um ihn mit der köstlichen Sauce, mit dem zarten Hühnerfleische

zu mengen; doch der Deckel des Topfes wurde lange Zeit nicht gehoben.

Ich verlangte nach etwas Salz, um meinen Reis vorläufig zu würzen. Da

endlich -- ging der Deckel auf, man griff nach dem großen Schöpflöffel

und langte -- -- einen Fingerhut voll weißen Salzes heraus[33]. Bald

wäre ich aus Schmerz über die getäuschte Hoffnung selbst zur Salzsäule

geworden.

Nicht minder komisch ging es mit dem Wasser zu: man stellte zwei

sehr schön geschliffene Flaschen in Futteralen vor uns. Da Flaschen

gewöhnlich von Gläsern begleitet sind, wartete ich lange auf letztere.

Als sie nicht erschienen, verlangte ich darnach; die Königin aber sagte

mir, ich möchte nur aus der Flasche trinken, und nicht nur sie und ich,

sondern Tolk, Sendling, alles trank aus den Flaschen.

Unter den Früchten gab es eine, Durian genannt, in Form und Umfange

einer Melone von mittlerer Größe ähnlich und mit sehr rauher Schale,

die dermaßen nach Knoblauch stank, daß man die Frucht schon roch, als

sie dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Das Innere besteht aus

weißen, an einander gereihten, sehr großen Bohnen. Ich hatte die Frucht

schon auf Borneo wie auch auf den Molukken gesehen. Die Europäer

versicherten mir, daß, wenn man sich an den starken Geruch gewöhnt

habe, diese Frucht sehr fein schmecke, und fügten hinzu, wenn man sie

so recht ~con amore~ genießen wolle, müsse man dieß auf einem Flusse in

einem Boote sitzend thun, um die Hände jeden Augenblick in das Wasser

tauchen zu können, damit der Geruch sich leichter verlöre. Ich konnte

ihr, selbst nach wiederholten Versuchen, des Geruches wegen, keinen

Geschmack abgewinnen.

Die bei Tische aufwartende Hofdame oder Dienerin trug auf dem Daumen

der linken Hand ein wenigstens fünf Zoll langes Nagelfutteral. Ich gab

ihr meine Verwunderung über diesen ungeheuren Nagel zu erkennen, sie

versichernd, daß ich ähnliches nicht einmal in China, dem Lande der

Nagelkultur gesehen hätte. Lächelnd zog sie das Futteral ab, und ich

sah, daß es eigentlich mehr als Zierde diente: der Nagel selbst hatte

höchstens einen halben Zoll Länge. Eben so verhielt es sich mit den

übrigen Futteral-Trägern; nur der Sohn der Königin machte hievon eine

Ausnahme: sein Finger prangte mit einem zwei Zoll langen Nagel. Die

Mode der Nagelfutterale sah ich nur in dieser Gegend.

Als das Mahl vorüber war, setzte ich die Ceremonie bei Seite und

verlangte, mich zurückziehen zu dürfen. Die Königin entschuldigte sich,

mich nicht in ihrer Ruine von Palast aufnehmen zu können, ich möchte

ihrem Sohne nach dem seinigen folgen; dort sei schon alles für mich

bereit. Daselbst angekommen, sollte ich noch seiner Frau vorgestellt

werden und abermals Thee und Backwerk genießen. Allein ich wich dieser

Ehre für heute aus und schlüpfte unter meinen Klambu, wo ich mich der

nöthigen Ruhe erfreute.

+4. Mai.+ Der Prinz war ein noch junger Mann; Gesichtsfarbe und Züge

verriethen aber schon den starken Opiumraucher. Sein erstes Geschäft

Morgens war auch die Opiumpfeife anzuzünden. Leider wird dieses Gift

auf Celebes häufig gebraucht.

Nach dem Frühstücke, das der gestrigen Abendmahlzeit würdig an die

Seite zu stellen war, ging ich mit dem Prinzen zur Königin, um Abschied

zu nehmen. Beim Eintritte in den Palast fielen mir drei Kisten in die

Augen, die ich gestern nicht bemerkt hatte; zwei dienten als Stühle für

die Königin und mich, die dritte als Tisch.

Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Königin warten; es hieß, sie

mache Toilette. Und worin bestand diese Toilette? In einer weißen

Blouse, die sie über den Sarong gezogen hatte, der Kopf war wie gestern

in ein Tuch gehüllt. An Schmuck trug sie zwei Reihen hohler Kugeln

aus Goldblech, in Form und Größe kleiner Hühnereier, die kreuzweise

über Brust und Schulter hingen, an jeder Seite der Brust ein rundes,

handgroßes, mit Edelsteinen besetztes Goldblech, das man für Orden

hätte halten können, wenn die Leute auf Celebes schon auf diesem

Höhepunkte der Civilisation stünden. Am meisten fiel mir jedoch die

Fußbekleidung auf: sie bestand aus ausgeschnittenen Schuhen nach Art

der Europäischen; nur waren sie, statt von Stoff, ganz von Goldblech,

die Sohle nicht ausgenommen, und mit Edelsteinen besetzt.

Als mich die Königin begrüßte, sagte sie mir, daß sie es für ihre

Pflicht gehalten habe, mich im königlichen Staate zu empfangen.

Auch bei dieser Gelegenheit mußte wieder gespeist werden. Während

der Mahlzeit wurde ihr Sohn abgeholt, um ein Haus zu besichtigen, in

welches diese Nacht Diebe eingebrochen, und an Silber, Geschmeide

u. dgl. bei 800 Rupien im Werthe gestohlen hatten.

Die Buginesen, Hauptbevölkerung dieser Gegenden, sind die

berüchtigtsten Diebe und Piraten im ganzen Archipel, übrigens

die gewandtesten und hübschesten Leute, die ich auf dieser Insel

gesehen. Männer und Weiber sind groß, sehr gut gewachsen, auch ihre

Gesichtsbildung ist bei weitem besser, als die der Malaien. Das

Nasenbein thut sich doch ein bischen hervor; manche haben mitunter ganz

hübsch geformte Nasen, und die Zahnkiefer ragen nicht so heraus. Ihre

Augen sind schön und verrathen viel Intelligenz. Ihre Hautfarbe ist

licht röthlich braun.

Wie ich bereits bemerkt habe, genießen die Weiber auf Celebes so

ziemlich die Rechte der Männer: ein Mann darf ohne die Bewilligung

seiner ersten Frau keine zweite nehmen. Auch von den öffentlichen

Angelegenheiten sind sie nicht ausgeschlossen. Die Bewohner des

Königreiches +Wadjo+ (Lagusi), ein handeltreibendes, friedliches Volk,

ziehen es sogar vor, von Königinnen regiert zu werden; sie sagen, daß

deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei, als die

der Männer.

Um 11 Uhr sagte ich der Königin Lebewohl.

Ich hatte meinen Leuten schon am frühen Morgen befohlen, alles zur

Rückreise in Bereitschaft zu halten; trotzdem fand ich, als ich an’s

Ufer kam, nicht einmal ein Boot vor. Mit vielem Gezänke kam erst unser

ausgehöhlter Baumstamm um Mittag zum Vorschein. Die Rückreise war wo

möglich noch unangenehmer als die Herreise, da die Leute so träge

ruderten, daß wir nicht von der Stelle kamen. Ich mußte in dem engen

Gefängnisse zwanzig Stunden, von Mittag zwölf bis nächsten Morgen

acht Uhr zubringen. Während der Nacht wurden die Ruder zur Seite

gelegt, und alles schlief. Glücklicherweise war das Wetter schön und

der See ruhig, dennoch schwankte das gefährliche Fahrzeug bei jeder

Bewegung eines Schläfers so heftig, daß ich oft fürchtete, es könne das

Gleichgewicht verlieren.

+5. Mai.+ In der offenen Hütte wieder angekommen, rasteten wir zwei

Stunden, dann bestiegen wir Pferde und ritten nach +Batu-Massapaija+,

zu dem König von Sidenring zurück.

Meine erste Frage war nach den Insekten. Der König reichte mir -- die

leere Flasche[34]. Ich erinnerte ihn an die Rehjagd -- „Uebermorgen“

hieß es.

Ich dankte ihm für die vielen Insekten und für die schöne Jagd und

ersuchte ihn, mir einige Leute zu geben, um nach dem Bergdistrikte

+Duri+ gehen zu können, dessen Bewohner eine Art Alforen und ein noch

als sehr wild bekannter Volksstamm, Bundesgenossen des Königs von

Sidenring sind. Sie sollen in Höhlen wohnen. Diese Reise gefiel aber

dem Tolk und Sendling nicht. Man mußte sie zu Fuße machen und obwohl

ich von der +Buginesischen+ Sprache, in welcher meine Leute mit dem

Könige verkehrten, so viel wie nichts verstand, entnahm ich doch, daß

sie den König ersuchten, mir Schwierigkeiten zu machen. Der König

sagte mir dann in Malaischer Sprache, daß er jetzt mit diesem Volke

gerade nicht im besten Einvernehmen stehe und daher meinen Wunsch nicht

erfüllen könne. Hätte ich diese trägen, faulen Leute nicht bei mir

gehabt, so würde ich meinen Willen durchgesetzt haben, denn ich sah es

dem Könige an, daß er der Erfüllung meines Ersuchens nicht ungeneigt

war. Er bemerkte wohl, daß ich böse wurde, und um mich ein wenig zu

erheitern, versprach er mir, die Rehjagd auf den morgigen Tag zu

veranstalten.

Ich brachte den ganzen Abend mit der königlichen Familie zu und

bemerkte mit Vergnügen, daß das königliche Ehepaar, obwohl schon lange

verheirathet (sie hatten vierzehn Kinder), in einer überaus glücklichen

Ehe lebte. Ich hörte auch, der König habe nur +eine+ Frau, und

überhaupt sei das Familienleben auf Celebes besser als auf irgend einer

der anderen Inseln dieses Archipels. Gewöhnlich begnügt sich der Mann

mit +einer+ Gattin, und Scheidungen finden auch nicht so häufig statt.

Die beiden Eheleute richteten unzählige Fragen an mich; vor allem

andern aber baten sie mich um die Arznei, die ich ihrer Meinung nach

nähme, um in meinem Alter so kräftig zu sein. Der König sagte, daß er

nicht im Stande wäre, es mir gleich zu thun, viel weniger die Königin,

obwohl sie beide um so viel jünger seien als ich. Vergebens betheuerte

ich, daß dieß nur Folge der von der ihrigen so ganz verschiedenen

Lebensweise wäre. Dann kam auch hier wieder die Rede auf meinen Sultan

(ein besonderes Lieblingsthema aller dieser Fürsten); sie fragten

mich, wie er wohne, was er speise, ob ich ihn oft besuche u. s. w. Ich

erzählte ihnen mit aller Ausführlichkeit das kaiserliche Familienleben.

+6. Mai.+ Gestern hatte die Königin erklärt, sie wolle ebenfalls an

der Jagd Theil nehmen. Ich war über diesen heldenmüthigen Entschluß

sehr erstaunt, denn daß eine Königin ihre Hütte ohne eine bedeutende

Veranlassung verläßt, gehört unter diesen Völkern zu den Wundern.

So erzählte mir z. B. die achtzehnjährige Königin von Baru, daß sie

seit acht Jahren nicht über zweihundert Schritte weit von ihrer Hütte

gekommen sei.

Als es zur Jagd ging, fragte ich nach der Königin. Der König sagte mir,

daß sie uns nicht begleiten könne, sie habe das Fieber (vermuthlich das

Trägheitsfieber).

Wir begaben uns auf einen großen, schönen Wiesenplatz, der ringsum

von Waldungen eingesäumt war. Die Rehe wurden getrieben, von Hunden

gefangen, welche die armen Thiere gräßlich zerfleischten, und von den

Leuten mit Lanzen getödtet. Viele von den Jägern waren zu Pferde und

jagten den Thieren nach. Der König und ich saßen im Schatten eines

Baumes und sahen zu, -- es war eine abscheuliche Unterhaltung, der ich

kein zweites Mal beiwohnen möchte!

Nach der Jagd versammelten sich die Reiter und Treiber um uns. Diese

Gruppe war so malerisch, daß ich vieles gegeben hätte, ein Zeichner

zu sein. Die Reiter ruhten auf ihren schönen, unbeweglich stehenden

Thieren in den verschiedenartigsten Stellungen. Sie schlugen einen Fuß,

oft wohl beide unter, hockten auf den Fersen oder stemmten die Füße

in die Seiten der Thiere, kurz geberdeten sich wie auf festem Grund

und Boden. So wie die Leute zu Pferde, so lagerten die Treiber auf der

Wiese umher. Die Kopftücher hatten sie in der mannigfaltigsten Weise um

den Kopf geschlagen. Sie stärken diese Tücher und vermögen ihnen daher

jede beliebige Form zu geben; die langen, weiten Sarongs umhüllten die

kräftigen Körper bald ganz, bald theilweise, oder hingen als Schärpen

in reichem Faltenwurfe von der Schulter hinab. Das Betrachten dieses

Bildes ergötzte mich ungleich mehr als die grausame Jagd.

Zur Abendmahlzeit setzte man uns schon das Schulterstück eines

der erlegten Rehe vor. Leider war es durch die Bereitung beinahe

ungenießbar geworden. Man hatte das Fleisch, ohne es zuvor zu waschen

und zu salzen, in das brennende Feuer geworfen und kaum so lange darin

gelassen, bis es warm wurde. Es war ganz schwarz, stank nach Rauch,

und das Blut quoll überall heraus. Von solchen Speisen lebt ein König,

der, wie er mir selbst erzählte, im vergangenen Jahre 8000 Rupien in

den Hahnenkämpfen verloren, das Jahr zuvor 10,000 Rupien in demselben

Spiele gewonnen hatte! --

+7. Mai+ Morgens nahm ich Abschied von dem königlichen Spieler. Die

Rückreise ging sehr rasch von Statten. Ich machte in Pare-pare,

Baru und Tanette nur die nöthige Rast und erreichte schon am 9. Mai

wieder die Grenze der Holländischen Besitzungen, die zwei Paal von

der Residenz des Königreichs Tanette beginnen. Um zwei Uhr war ich

zu Mandelle, und um eine Tagereise zu gewinnen, ging ich zu Fuß noch

sechs Paal weiter bis +Segeri+, denn bis frische Pferde herbeigeschafft

worden wären, würde es Nacht gewesen sein, und die Wege waren zu

gräßlich, um sich bei Nacht darauf zu wagen. Meinen Leuten kam dieß

nicht sehr gelegen; allein ich bekümmerte mich nicht darum, und begab

mich ohne sie auf den Weg, wohl wissend, daß sie mir folgen würden. Wir

kamen durch so tiefe Sümpfe, daß man an einer Stelle Mühe hatte, mich

durch zu bringen. Bei jedem Schritte sank ich bis an den Oberleib ein,

zwei meiner Leute mußten mir stets heraushelfen. Am nächsten Morgen

fühlte ich mich so wenig ermüdet, daß ich zweiunddreißig Paal zwar zu

Pferde, aber ebenfalls wie gestern, durch die schrecklichsten Sümpfe

machte, was selbst für Reiter sehr ermüdend ist. Ich kam glücklich und

wohlbehalten zu Maros an; Tolk und Sendling wurden dagegen von den

Beschwerden dieser eiligen Rückreise so angegriffen, daß sie beide

einige Tage unwohl waren.

Zu Maros blieb ich noch einige Tage und besuchte von hier aus

den Fürsten +Aru-Sinri+, den früheren Minister von Bonni, der

sechs Paal von Maros entfernt wohnt. Die Gemahlin dieses Fürsten,

+Aru-Palengerang+, hatte die gerechtesten Ansprüche auf das Reich

Bonni: sie war die Schwester des letztverstorbenen Königs, der keine

Kinder hinterließ; auch sie war kinderlos und hatte einen Neffen

adoptirt. Als aber der König starb, wußte letzterer sich einen solchen

Anhang zu verschaffen, daß er sich der Regierung bemächtigte und seine

Wohltäterin vertrieb. Sie warf sich mit ihrem Gemahl in die Arme der

Holländischen Regierung, welche ihnen ein niedliches Bambushaus bauen

ließ und eine jährliche Pension gibt.

Auf ganz Celebes fand ich kein Fürstenhaus so schön gehalten wie

dieses. Das Innere war in Gemächer getheilt, die Küche abgesondert, die

Dienerschaft sehr sauber gekleidet, der Tisch höchst zierlich gedeckt,

die Gerichte gut, man hätte in keinem Europäischen Hause mehr Ordnung

und Reinlichkeit finden können.

Der Prinz Aru-Sinri und seine Gemahlin werden auch allgemein als

ausgezeichnete Leute, sowohl in Bezug auf Herz als auf Verstand gerühmt.

Am +13. Mai+ ritt ich nach Makassar zurück, wo ich bis +20. Mai+ blieb.

Ich stattete vor meiner Abreise in Begleitung des Herrn +Weiergang+,

eines hiesigen Kaufmannes, noch dem Sultan von Goa einen Besuch ab. Das

Reich Goa stößt an Makassar an; die Residenz des Fürsten ist nur vier

Paal von letzterem entfernt. Dieses Reich besteht aus den Trümmern des

Königreiches Makassar, welches in früheren Zeiten das mächtigste von

Celebes war, eine treffliche Armee und viele Kutter besaß und einen

großen Theil der umliegenden Inseln beherrschte.

Der Sultan von Goa bewohnt ein weit hübscheres Haus, als seine

königlichen Kollegen von Sidenring und Pare-pare, da es von Brettern

und mit Schnitzwerk verziert ist. Im Innern sah es jedoch eben so aus,

wie bei allen übrigen Fürsten: eine Ueberfülle von Hofgesinde und

Dienerschaft, ein Chaos von Klambus und übereinander geschichteten

Kisten und Kasten.

Der Sultan ließ gerade ein neues Haus bauen, obwohl das alte noch ganz

gut erhalten schien; er wollte letzteres nicht mehr bewohnen, weil sein

Vater darin gestorben war. Soll man dieß Zartgefühl nennen? Ich wäre

eher geneigt, es für Aberglauben zu halten, denn Gefühl für Verstorbene

habe ich unter diesen Völkern nirgends gefunden.

Nahe an der Residenz sind die Gräber des Fürstenhauses. Sie enthalten

einfache steinerne Grabesmonumente, die zum Theile in kleinen

gemauerten Hallen stehen.

Am +20. Mai+ verließ ich Makassar auf dem Dampfer „Banda“, um zum

dritten und letzten Male die gastfreundlichen Küsten Java’s zu betreten.

Nach 2½tägiger Fahrt ankerten wir auf der Rhede von Surabaya. Während

meines ersten Aufenthaltes an diesem Orte hatte ich die Bekanntschaft

der Frau Brumond, Gattin des Domine Brumond, gemacht, welche so

freundlich war, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich von der Reise

nach den Molukken und Celebes zurück käme. Herr Resident von Perez, bei

welchem ich damals abgestiegen war, hatte nämlich den Ruf nach Batavia

als Rath von Indien (höchste Stelle nach dem Gouverneur-General;

es sind deren vier, jede mit einem jährlichen Gehalte von 36,000

Rupien) erhalten. Ich fand bei dieser liebenswürdigen Familie eine

so herzliche Aufnahme, und während der Krankheit die mich hier

befiel, eine so sorgfältige Pflege, daß ich gar nicht glaubte, mich

in einem fremden Lande zu befinden. Zu dem Fieber, das mich seit

meinem Aufenthalt in Sumatra häufig belästigte, gesellte sich ein

Anthrax auf dem Rücken, eine Folge der beschwerlichen Wanderungen und

ausgestandenen Mühseligkeiten auf den Molukken und auf Celebes. Durch

diese Krankheit wurde mir der Aufenthalt auf Surabaya sehr verbittert,

und es war an meine Reise ins Gebirge, nach dem Feuerberge +Brumo+

u. s. f. nicht mehr zu denken; ich benützte nur die Zeit meiner

Rekonvaleszenz, Surabaya selbst und seine nahe Umgebung ein wenig zu

besehen.

Der gute Herr Brumond war so gefällig, meinen Cicerone zu machen. Wir

begannen mit der Moschee, welche die schönste auf Java sein soll und

in ganz neuester Zeit von einem Holländischen Baumeister aufgeführt

wurde. Sie nimmt sich sehr gut aus, obwohl ihre Bauart weder rein

Maurisch noch Gothisch, sondern ein Gemisch von beiden ist. Sie bildet

mit den beiden Minarets, die durch vierzig Fuß lange, schöne Gänge

verbunden sind, ein Achteck. Das Gebäude ist von Backsteinen (Ziegeln)

aufgeführt, die Vorderseite des Daches, so wie die Eingangsthüre mit

hübschem Holzschnitzwerk verziert.

Der Diener verweigerte uns zwar nicht den Eintritt in die Moschee;

allein er verlangte, daß wir die Schuhe ausziehen sollten. Herr

Brumond, meiner Rekonvaleszenz gedenkend, reichte ihm eine Rupie,

und dieser silberne Schlüssel öffnete uns die Thüre ohne weitere

Anforderung. Wir sahen im Innern nichts weiter als eine hübsche Halle

mit einer kleinen Kanzel, einigen Lampen, Matten und vielen messingenen

Spucknäpfen. Letztere fallen einem Fremden gar sehr in die Augen;

allein ein Sirikauer kann ihrer nicht entbehren, und an einem so

heiligen Orte darf er nicht auf den Boden spucken.

Von der Moschee gingen wir in den nah gelegenen Malaischen Kampon.

Dieser gefiel mir ganz und gar nicht. Die Bambushütten, hier nicht

auf Pfähle gebaut, stehen in zwei Reihen enge an einander und bilden

eine Straße. Der Unrath wird vor alle Thüren geworfen, gegen Abend vor

jedem Hause zusammengefegt und verbrannt. Wir kamen gerade zu dieser

unglückseligen Stunde in den Kampon und konnten deshalb vor Rauch und

Gestank kaum durch die Straße dringen. Wie mag es da in der Regenzeit

aussehen, wann nicht gefegt und verbrannt werden kann? Es ist ganz und

gar nicht zu wundern, daß die Leute beständig mit Fiebern, Haut- und

andern Krankheiten zu kämpfen haben.

Die Hütten sind außerordentlich klein und gedrückt, ohne Fenster und

mit einem so niedrigen Pförtchen, daß man ungebückt nicht durchkommt.

Im Innern ist jedes dieser Schneckenhäuser noch in drei Theile

getheilt, die wahren Löchern gleichen. Das erste Loch, das einzige, in

welches durch die geöffnete Thüre Licht fällt, enthält links und rechts

eine Schlafstelle, die während des Tages als Werkstätte oder Sitzplatz

dient. In dem zweiten Loche ist an einer Seite die Schlafstelle des

Hausherrn, an der andern eine hölzerne Bank, in dem dritten die

Feuerstelle. Es bleibt überall gerade nur so viel Raum, um hindurch

schlüpfen zu können. Die Einrichtung besteht aus einigen Matten,

Polstern, irdenen Kochtöpfen und einer hölzernen Truhe auf Rädern, die

alle Schätze der Familie, Kleidungsstücke, Waffen, Geschmeide u. s. w.

enthält und im Falle einer Feuersgefahr leicht fortgerollt werden kann.

Das Volk kam mir minder häßlich vor, als im Beginne meiner Reise auf

Borneo, Java u. s. f. Ich sah nun schon seit mehr als einem Jahre

größtentheils nur Malaien und möchte daher meine Geschmacksänderung

der Gewohnheit zuschreiben, die am Ende das Häßliche minder häßlich

erscheinen läßt. Geht es doch mit dem Schönen eben so -- die

herrlichste Landschaft, alle Tage gesehen, macht mit der Zeit nicht

halb so viel Eindruck als im ersten Augenblicke.

Wir besuchten diesen Abend auch noch den Chinesischen Kampon, der mit

seinen niedlichen Häuschen, durch seine außerordentliche Reinlichkeit

den größten Kontrast zu dem Malaischen bildete. Die Häuschen aus

Backsteinen waren alle so weiß und nett, als wäre der ganze Kampon erst

kürzlich beendet worden. Sie sind zwar auch nicht groß, aber geräumig

genug, selbst eine zahlreiche Familie anständig unterzubringen. Es

fehlt weder an Fenstern noch Thüren, von welchen erstere mit schönen

Läden versehen sind; alles Holz- und Rohrwerk ist mit dunkler Oelfarbe

angestrichen. Den Vordertheil des Hauses umgibt eine Veranda; von

dieser tritt man in das Empfangszimmer, welches die ganze Länge des

Hauses einnimmt. Hier findet man den Boden mit Matten belegt, die

Wände mit Spiegeln und Bildern geziert, und eine genügende Einrichtung

an Tischen, Stühlen und Schränken. Im Hintergrunde führen links und

rechts Thüren in die Wohnstübchen. Beinahe in jedem Hause ist in dem

Empfangszimmer ein kleiner Altar aufgerichtet.

Wir betraten mehrere Häuschen, deren Bewohner schon bei der

Abendmahlzeit saßen. (Die Weiber der Chinesen sind ebenso wie jene

der Malaien von der Tischgesellschaft ausgeschlossen; sie speisen in

der Küche oder in ihren Kämmerchen.) Der Tisch war mit einem weißen

Tuche gedeckt und trug Gläser, Flaschen, Teller und gute Gerichte; mit

Vergnügen hätte man an ihrer Tafel theilnehmen können, während es Ekel

erregt, den Malaien zuzusehen, wie sie bei ihren Mahlzeiten irgendwo

auf dem Boden kauern und große Portionen in Wasser gekochten Reises mit

den Händen in den weit geöffneten Schlund stopfen.

Die Chinesen in den Städten sind Kaufleute, Pächter oder Handwerker;

sie sind arbeitsam und unermüdlich, gönnen sich aber auch einige

häusliche Bequemlichkeiten. Nicht so die Malaien; bei diesen

leben Wohlhabende wie Arme in demselben Schmutze, in derselben

Beschränktheit. Der einzige Aufwand, die einzige Liebhaberei der

Reichen besteht in kostbaren Waffen, in Gold- und Silbergeschmeide, das

sie sorgfältig verschließen und bewahren, und das man höchstens bei

außerordentlichen Festen und Begebenheiten, oder wenn man sie darum

ersucht, zu sehen bekommt. Außerdem begnügen sie sich mit einem alten

Sarong und einem schmutzigen Kopftuche. Eine Ausnahme davon machen nur

die von der Regierung als Regenten u. s. w. Angestellten: diese suchen

gewöhnlich den Aufwand und die Lebensweise der Holländischen Residenten

nachzuahmen.

Einen der folgenden Tage gingen wir nach dem großen Malaischen

Friedhof, der zum Theile auch der heilige genannt wird. Er ist mit

einer Mauer umgeben. Das Innere ist in viele Plätze getheilt, die

ebenfalls durch Mauern oder Staketen von einander gesondert sind und je

nach der Heiligkeit oder dem hohen Stande der daselbst Ruhenden mehr

oder weniger in Ordnung gehalten werden. Es gibt noch viele Grabmäler

von Sultanen aus der guten alten Zeit, als Sultane auf Surabaya

herrschten. Sie sind alle höchst einfach und bestehen aus Steinplatten

oder aufrecht stehenden Steinen, von welchen die meisten schon

beschädiget oder eingesunken sind. Von diesen Gräbern wird eines für

so heilig gehalten, daß keine Ehe unter dem Volke Surabaya’s und der

nähern Umgebung geschlossen wird, ohne daß das Brautpaar hieher kommt,

um durch ein kurzes Gebet den Segen zu dem Bunde zu erflehen. Wir waren

so glücklich, einem dieser Brautpaare zu begegnen. Die Braut, ein

etwas beleibtes, sehr häßliches, zwölfjähriges Mädchen, wurde in einer

kleinen Sänfte getragen, die von beiden Seiten offen war, damit sie

von dem Volke in ihrer bräutlichen Herrlichkeit gesehen werden konnte.

Sie trug einen seidenen Sarong, der etwas über die Hüfte reichte; von

da an war sie unbekleidet und mit einer gelben Farbe ganz bemalt,

was dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie enge anliegender Tricot. Der

Kopf, Hals, die Ohren und Arme waren mit Schmuck beladen. Sowohl der

seidene Sarong wie der Schmuck sind selten Eigenthum der Braut: diese

Gegenstände werden für die Feierlichkeit gemiethet. Ihre Begleitung

bestand aus vielen Weibern und Mädchen, wahrscheinlich Verwandte. Der

Bräutigam, ein hübscher Mann von einigen zwanzig Jahren, folgte zu Fuße

in Gesellschaft vieler Jünglinge und Männer. Er war sauber, aber nicht

anders als seine Begleiter gekleidet.

Ich sah in Surabaya nicht nur dieses Brautpaar aus dem Volke, ich

wohnte auch einem vornehmen Hochzeitsfeste bei, wo es des Prunkes nicht

wenig gab. Die Braut war die Schwester des Regenten.

Dieses Fest währte mehrere Tage. Am ersten fand die Ceremonie in dem

Tempel statt, bei welcher ich nicht zugegen sein konnte, da ich gerade

das Fieber hatte. Die Braut folgt an diesem Tage nicht ihrem Gemahl in

sein Haus, sondern kehrt in das ihrige zurück. Am zweiten Tage ward das

eigentliche Fest in dem Hause der Braut gefeiert. Der Gatte kam gegen

Abend in feierlichem Zuge zu seiner Gemahlin. Den Zug eröffneten viele

Jünglinge und Knaben aus dem Volke in ihrer gewöhnlichen Kleidung; sie

trugen Palmenzweige oder sehr hohe Stangen mit bunten Tüchern, die

wie Fahnen flatterten. Ihnen folgte Musik, Gongs und Trommeln und

hierauf eine Art Leibwache mit sehr schönen Lanzen, von welcher eine

Abtheilung dunkelbraune, die andere zimmetbraune Sarongs trug, die in

faltenreichen Spitzen bis an die Waden hinab fielen. Der Oberkörper und

die Füße waren mit lichtgelber Farbe bemalt; auf dem Kopfe trugen sie

eine Art Krone von Goldblech oder Messing. Sie sahen sehr geschmackvoll

und kriegerisch aus. Zwischen jeder Abtheilung ging Musik. Der

Bräutigam kam in einem vierspännigen Europäischen Wagen gefahren,

von zwei Frauen (Verwandten) begleitet. An dem Hause angekommen,

stellte sich das Gefolge in Reihen auf, und der Bräutigam schritt mit

gesenktem Haupte und beinahe geschlossenen Augen in den Empfangssaal,

in dessen Hintergrunde die Braut, umgeben von Frauen und Mädchen, auf

einem schönen Teppiche saß. Stillschweigend, ohne Gruß, ohne die Augen

aufzuschlagen, nahm der Bräutigam an der Seite der Braut Platz. Beide

blieben bis neun Uhr so stumm und unbeweglich wie Statuen sitzen.

Braut und Bräutigam waren beinahe gleich gekleidet; sie trugen lange,

golddurchwirkte seidene Sarongs. Der Bräutigam hatte den Oberkörper

unbekleidet und gelb bemalt, die Braut trug ein lichtgelbes, seidenes,

sehr knapp anschließendes Leibchen, die Arme hatte sie bis an die

Achseln ebenfalls nackt und gelb bemalt. Auf dem Kopfe trugen beide

Kränze von Melati. Drei Reihen dieser Blumen fielen von den Schläfen

bis an die Brust hinab. Außer den Blumen hatten sie noch einige

Verzierungen auf dem Kopfe. Das Brautpaar war von vielen Verwandten

umgeben, aber alle saßen stumm und bewegungslos da. Um acht Uhr wurde

Thee und Backwerk gereicht; die ganze Gesellschaft aß und trank, ohne

auch nur ein Wort zu sprechen. Um neun Uhr verschwand das Brautpaar auf

einige Augenblicke, um sich umzukleiden, erschien wieder in einfachen

Hauskleidern und blieb dann noch ungefähr eine Stunde sitzen. An diesem

Tage wird zwar die Braut dem Bräutigam übergeben; allein er darf sie

noch nicht in sein Haus führen; er muß sogar noch einen dritten Abend

in dem ihrigen zubringen.

Auch hier ist es wie auf Celebes bei Reichen und Vornehmen nicht Sitte,

die Mädchen gar zu jung zu verheirathen; gewöhnlich geschieht es

zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre[35]. Manche beobachten

den Gebrauch, daß die Braut den Bräutigam erst in der Moschee kennen

lernt.

Ein großes Fest bei den reichen Javanesen wird auch gefeiert, wenn ein

Jüngling seine Schulzeit vollendet hat. Der Jüngling sitzt obenan, die

Eltern und Verwandten um ihn, dann alle seine Lehrer; erstere fragen

ihn über alles aus, was er gelernt hat.

Von den öffentlichen Anstalten Surabayas gefiel mir am besten das

Hospital: es ist in jeder Hinsicht das vollkommenste, das ich sah, und

dieß will viel sagen, denn in allen Holländisch-Indischen Besitzungen

sind die Hospitäler vortrefflich eingerichtet. Dieses hat für

achthundert Kranke Raum und ist in mehrere Gebäude abgetheilt, deren

jedes von Wiesen und Gärten, mit Blumen und Bäumen umgeben ist. In

einem der Gärten sah ich eine Wasserpalme, die merkwürdigste unter den

Palmen, die mir auf Java und Sumatra vorkamen. Die Blätter sind zwölf

bis fünfzehn Fuß lang und schießen einzeln aus dem Stamme, der kaum

fünfzehn Fuß hoch sein mag, gerade in die Höhe. Sie schließen sich

eines an das andere und bilden einen vollkommenen regelmäßigen Fächer.

Der untere Theil der Blätter so wie der Stamm enthalten Wasser. Diese

Palme ist auf Madagascar heimisch; auf Sumatra und Java fand ich sie

nur als Zierde in den Gärten der Europäer.

Die Strafhäuser sind gleich jenen in Batavia der Art eingerichtet, daß

man beinahe sagen könnte, für Verbrecher sei die Menschlichkeit zu

weit getrieben. Die Holländischen Soldaten[36] haben hübsche Zimmer,

nette Gärtchen und erhalten eine sehr gute Kost. Die eingebornen

Verbrecher sind gemeinschaftlich in große Räume gesperrt und werden zu

verschiedenen Arbeiten in- und außerhalb des Gefängnisses verwendet,

wofür sie per Tag einige Deute für Siri bekommen. Keiner der Gefangenen

ist geschlossen; die Eingebornen tragen nur um den Hals einen eisernen

Ring; dessen ungeachtet soll das Entfliehen zu den sehr seltenen Fällen

gehören. Die Eingebornen haben vor den Gesetzen viel mehr Achtung, als

die Weißen.

Die Gefängnisse waren stark besetzt, wie man mir sagte, mit

zwölfhundert Sträflingen, meistens Dieben. Die schweren Verbrecher

werden nach der Aburtheilung nach verschiedenen Inseln, besonders nach

den Molukken verwiesen, wo sie für die Regierung arbeiten, oder gegen

Lohn an Privatleute vermiethet werden. Todesstrafen haben höchst selten

statt.

Die Fabrik für Ausbesserung und Zusammenstellung von Dampf- und anderen

Maschinen besuchte ich ebenfalls. Diese Fabrik ist für Java sehr

nothwendig, da es der Dampfschiffe, Zuckermühlen und andern Anstalten

schon in großer Menge gibt. Man könnte hier die Dampfmaschinen auch

ganz neu verfertigen; allein sie würden höher zu stehen kommen als in

Europa, denn da die Eingebornen nicht gezwungen sind, in den Fabriken

zu arbeiten, muß man sie gut bezahlen, um sie dazu zu bewegen. Es waren

in dieser Fabrik täglich an sechshundert Arbeiter beschäftiget, welche,

die Werkmeister ausgenommen, alle Eingeborne sind und per Tag von

dreißig bis hundertzwanzig Deut erhalten.

Nicht minder vollkommen eingerichtet ist das Arsenal, in welchem

alle Gattungen Kugeln für Kanonen, Bomben und Gewehre gegossen, die

Wagengestelle für die Artillerie, alles Riemwerk für Soldaten und

Pferde gemacht werden. Auch hier arbeiten beinahe nur Eingeborne;

man zieht sie den Europäern bedeutend vor. Sie sind sehr gelehrig

und besonders im Nachahmen sehr geschickt, arbeiten ruhig, fleißig

und höchst genau, und schwatzen, zanken und trinken nicht. Ich sah

in beiden Fabriken die vollendetsten Arbeiten aus den Händen der

Eingebornen hervorgehen, unter andern ein großes Staatssiegel in

Messing gestochen, welches von dem besten Siegelstecher in Europa nicht

besser hätte ausgearbeitet werden können[37].

Ich besah auch das Trockendock, eine herrliche Anstalt zur Ausbesserung

der Schiffe. Das Becken, groß genug für das größte Schiff, steht durch

einen Canal mit der See in Verbindung; das Wasser wird, wenn das Schiff

im Becken liegt, mittelst einer Dampfmaschine in fünf bis sechs Stunden

gänzlich ausgepumpt. Wenn keine Regierungsschiffe in der Ausbesserung

liegen, werden auch Handelsschiffe angenommen, für welche per Tag und

per Tonne eine bestimmte Summe zu bezahlen ist. Es lag eben ein Schiff

von zwölfhundert Tonnen in dem Becken, das täglich dreihundert Rupien

für nichts als den Platz bezahlte. Diese Anstalt mag großen Nutzen

tragen, denn der Kostenaufwand ist sehr gering, und an Schiffen, die

der Ausbesserung bedürfen, fehlt es nie.

Leider konnte ich, wie gesagt, weder den Feuerberg Brumo, noch das von

manchen Reisenden so schauervoll beschriebene „Todtenthal“ besuchen, in

welchem der Baum Upas steht. Die Ausdünstung dieses Giftbaumes soll,

nach deren Behauptung, jedem lebendem Wesen, das sich in seine Nähe

wagt, Mensch oder Thier, Tod und Verderben bringen.

Der Saft des Baumes diente zur Vergiftung der Pfeile, und um das Gift

zu erlangen, sollen die Sultane dieses Landes den schweren Verbrechern

die Strafe auferlegt haben, eine gewisse Menge Saftes von dem Baume

zu bringen. Hatte der Verbrecher das Glück, mit dem Winde in das

Thal zu gehen, so konnte er den Auftrag vollführen, mit dem Leben

zurückkehren, und jede weitere Strafe war ihm in diesem Falle erlassen.

Kam ihm jedoch bei diesem Gang der Wind in’s Gesicht, so war sein Tod

unvermeidlich.

Ich selbst erinnere mich, Beschreibungen dieser Art gelesen zu haben;

es hieß ferner, daß dieses Thal voll von Skeletten von Menschen und

Thieren sei. Jeder Vogel, der über das Thal fliege, stürze als Leiche

nieder u. s. w. -- Sehr glaubwürdige Leute versicherten mir, daß

an allem diesem Geschwätze kein wahres Wort sei. Es stehe zwar ein

Upas-Baum in einem kleinen Thale; allein Mensch und Thier kann sich ihm

ohne die geringste Gefahr nahen, der Wind mag kommen, von welcher Seite

er will. Hier und da ströme zwar aus dem Boden dieses Thales einiges

Gas aus, das sich aber nicht über zwei Fuß erhebe. Man führt, um dem

Fremden dieß zu zeigen, gleich wie in die Hundsgrotte zu Neapel, kleine

Hunde dahin, die nach einigen Minuten von Zuckungen ergriffen dem Tode

verfallen würden, zöge man sie nicht sogleich aus der Stickluft.

Auf Java habe ich keinen Upas-Baum gesehen, dagegen in Borneo mehrere,

an welchen ich oft ganz nahe vorbei kam. Die Eingebornen warnten mich

bloß, weder den Stamm noch die Aeste zu berühren; sie sagten, die Hand

schwölle auf und schmerze einige Stunden. Vielleicht ist auch dieß

nicht wahr; ich wagte aber doch nicht, es zu versuchen.

Da ich gerade von so Sonderbarem spreche, will ich auch eines

rätselhaften Ereignisses erwähnen, das sich vor mehreren Jahren

auf Java zutrug und so viel Aufsehen machte, daß es sogar die

Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nahm.

In der Cheriboner Residentschaft lag ein Häuschen, in welchem es, wie

die Leute behaupteten, arg spukte. Sobald der Abend einbrach, begann

ein Steinregen und Sirigespuck von allen Seiten in dem Gemache. Die

Steine, wie das Gespuck fielen knapp neben den Leuten, die sich darin

befanden, nieder, ohne jedoch Jemanden zu treffen. Dieser Spuk schien

hauptsächlich gegen ein kleines Kind gerichtet. Es wurde von dieser

unerklärlichen Sache so viel gesprochen, daß am Ende die Regierung

einen verläßlichen Stabs-Officier beauftragte, sie zu untersuchen.

Dieser ließ das Häuschen von auserwählten, treuen Soldaten umstellen,

welche niemand den Aus- oder Eingang gestatteten, untersuchte alles

genau, und setzte sich dann, das Kind auf den Schooß nehmend, in das

verrufene Gemach. Zu Abend begann der Stein- und Siri-Regen wie

immer, alles fiel knapp um den Officier und das Kind nieder, ohne

sie zu berühren. Abermals wurde jeder Winkel, jedes Loch untersucht

und -- nichts gefunden. Der Officier konnte aus der Sache nicht klug

werden. Er ließ die Steine aufheben, sie bezeichnen und sie an einem

weit entfernten Orte verbergen -- vergebens, dieselben bezeichneten

Steine flogen zur selben Stunde wieder in das Gemach. Um dieser

unbegreiflichen Geschichte ein Ende zu machen ließ die Regierung das

Häuschen niederreißen.

* * * * *

Nach Batavia zurückgekommen, war ich abermals unentschlossen, wohin

ich meinen Wanderstab wenden sollte. Von Indien hatte ich das

Interessanteste gesehen (Englisch Indien auf meiner ersten Reise

um die Welt), nach Australien verlangte ich nicht sehr, auch lagen

keine Schiffe für dorthin im Hafen, wohl aber gab es deren zwei für

Nord-Amerika, und zwar eines für Baltimore (Vereinigte Staaten), das

zweite für San Francisco in Kalifornien.

Ich wandte mich an den Amerikanischen Consul, Herrn Reed, ihn

ersuchend, mit den Kapitänen dieser Schiffe zu sprechen und mir,

wo möglich, einen billigen Ueberfahrtspreis zu erwirken. Herr Reed

überbrachte mir schon nach einigen Tagen die erfreuliche Nachricht,

daß der Kapitän des für San Francisco bestimmten Schiffes bereit sei,

mich ohne die geringste Vergütung auf diese lange Reise (über 10,000

Seemeilen) mitzunehmen.

Beinahe mit wehmüthiger Empfindung nahm ich Abschied von den

Holländisch-Indischen Besitzungen. Ich sah in diesen Ländern viel des

Herrlichen und Großen in der wundervollen Natur, ich kam mit neuen

Völkern in Berührung, deren Bekanntschaft mir, trotz der Gefahren, mit

welchen ich sie mitunter erkaufte, höchst genußreiche und interessante

Beobachtungen bot. Und nicht nur Geist und Auge fanden Genüsse auf

dieser Reise, auch das Herz hatte seinen Theil, denn überall begegnete

ich unter den Holländern vielen guten Menschen, die mir auf die

liebevollste Weise mit Rath und That an die Hand gingen. Diesen, wie

auch den Deutschen, die ich an einigen Orten traf, verdanke ich es, daß

mir das Reisen nicht nur überhaupt ausführbar, sondern auch (die Länder

der wilden Dayaker, Battaker und, Alforen ausgenommen, wo es keine

Europäer gab) so leicht und angenehm gemacht wurde, als es nur immer

möglich war.

So lange ich lebe, werden die Eindrücke dieser schönen Reise eben so

wenig aus meinem Gedächtnisse schwinden, wie die Erinnerung an die

Zuvorkommenheit und wahre Gastfreundschaft der Holländer.

[33] Man findet sehr selten weißes Salz, gewöhnlich ist es so

schmutzig und dunkel wie Asche.

[34] Die Leute versprechen alles mit der größten Bereitwilligkeit;

ersucht man sie um etwas, so bekommt man stets „Ja“ zur Antwort;

allein höchst selten halten sie Wort.

[35] Bei den Europäern scheint frühes Heirathen sehr Sitte gewesen

zu sein. Die Regierung hat in neuerer Zeit einen Befehl

erlassen, welchem zu Folge kein Europäisches Mädchen vor dem

fünfzehnten Jahre heirathen darf.

[36] Die eingebornen Soldaten werden nicht mit den Holländischen in

dasselbe Gefängniß gesperrt.

[37] Ich sah bei Oberst +von Schierbrandt+ in Batavia eine

Haus-Einrichtung in Gothischem Style, die er in Surabaya

verfertigen ließ. Die Stühle, Kanapees, Schränke u. s. w. waren

höchst kunstvoll ausgeschnitzt, die Tapezierer-Arbeit nicht

minder vollkommen. Aber bis auf die kleinsten Details mußte Herr

Schierbrandt den Leuten Zeichnungen geben, aus eigner Erfindung

können sie nichts schaffen.

Meine zweite Weltreise(#75639) · 第 7 / 7 题