Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße
windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt),
die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und
schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am
Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende
der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß
empor und führt auf einer Hochebene fort.
Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere
vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach +Priaman+ an die
Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang verschifft.
Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und
schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und
Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt
werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht
Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel
machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften
Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht
lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein
gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis
dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und
weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt.
Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß
Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe
majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen
Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe.
In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes,
Herrn Oberst van der +Hardt+, ab, einem ausgezeichneten Offiziere, der
alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht hat und
zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den Eingang
des Thales +Silidong+ (Groß-Toba) vorgedrungen ist. Ich hatte Herrn
van der Hardt[1] schon in Batavia, wohin er auf Urlaub gegangen war,
kennen gelernt und in seiner Gesellschaft die Reise von Batavia
nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und
Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete sogleich eine Partie, um
mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der Umgegend zu zeigen, den
schönen und reichen Kampon +Kotto-Godong+ (drei Paal). Dieser Kampon
ist wirklich der geschmackvollste und reichste von allen, die ich nicht
nur auf Sumatra, sondern auch auf Java und den übrigen Holländischen
Besitzungen sah. Am meisten fiel mir die Bauart der Häuser auf:
viel länger als breit, mit schmal zulaufenden Endseiten, die das
Mittelgebäude überragen, gleichen sie eher Schiffen als Häusern. Die
Dächer sind zwei- bis dreimal ausgeschweift und jede Ausschweifung mit
zwei Spitzen versehen, was ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt.
Die Häuser sind von Holz und mit hellen Oelfarben angestrichen, die
Vorder- und Seitenwände mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft
ganz bedeckt. Sie stehen auf Pfählen, von welchen man aber nichts
sieht, da sie von Bambus- und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann
sich wirklich nichts geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen.
Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge
und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und
auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht
ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern,
Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum
Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine
Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten
und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem
Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und
angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient.
In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm,
sondern nur was zu einer Familie gehört.
Da der Rajah des Kampons[2] von unserm Kommen unterrichtet war, so
fanden wir seine Familie in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer
mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum
entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst
geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs,
die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem,
rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher
von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden,
sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von
sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den
Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete
goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige
Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen
goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und
das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist.
Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen
Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er
trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von
weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel,
ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den
komischsten Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als
Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste,
ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit
einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel.
Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug,
erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht
versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir
sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten.
Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in
welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien
beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der
wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen
blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer
Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das
er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles
überall aufzuschlagen.
Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus
einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied
ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben,
während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden.
An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren
Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung,
dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten,
schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken;
die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um
die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie
blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat
hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle
Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu
Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein
zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang
zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher
sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig
finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-,
Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes
Stück Holz durch.
Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die
Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in
mancher Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst
originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern,
die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen.
Wenn z. B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem
Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die
beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am
Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe
folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie
über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur
nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt,
keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern
Kampon wohnt.
Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt
sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut
hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie
gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem
Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel,
Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen.
Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache
verlassen; die Frau darf hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie
erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die
Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien
wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie
neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann
sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne
verbinden[3].
Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen
beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die
eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das
Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen
Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter,
oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben
dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder
weiblichen Verwandten.
Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes
Ereigniß Anlaß gegeben haben:
Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag,
träumte durch mehrere Nächte, daß er, um sein Glück zu befestigen, ein
großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher
Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter
Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot.
Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele
Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter
großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen
ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu
bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte
es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst
einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt
forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe -- mit leichter
Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung!
In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine
eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre
dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel +Nias+, sind
entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie
Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie
Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß
sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit nicht überladen
und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn
Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie
fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden.
Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht
mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau,
die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise
auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer
verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde
die Freiheit gegeben.
+Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!+
Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich
als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein.
In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den
hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300
Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an
die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal
entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für
den Transport von den Magazinen an die Seeküste bezahlt man per Pikul
und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet.
Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen,
was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing,
sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang
im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der
Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs
Rupien.
Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner
Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte
hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie
angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei.
Im Jahre 1851 wurden ausgeführt:
Kaffee der Pikul ~à~ 20½ Rupien 120000 Pikul,
Reis „ „ „ 2½ „ 50000 „
Benzoe, 1. Sorte, der Pikul ~à~ 250 Rupien, 250 „
Benzoe, 2. Sorte, „ „ „ 75-100 R., 4000 „
Drachenblut „ „ „ 75 Rupien,
Cassia „ „ „ 10 „
Schwarzer Pfeffer „ „ „ 14 „
Weißer „ „ „ „ 22 „
Gutta-Percha „ „ „ 30 „
Gummi-Elastique „ „ „ 25 „
Gambir „ „ „ 18 „
Muskatnüsse (hier frei) der Pikul ~à~ 90 Rupien.
Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel
jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7
bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück.
Am +24. Juli+ setzte ich meine Reise wieder fort.
Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen,
mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen
und mir Pferde nebst einen Führer bis +Palembajang+ (20 Paal) zu geben.
Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal,
welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt
ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene
Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein
steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen,
von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile
auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine
Thal +Karbauwengat+.
Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer
stürmisch wogenden See hätte vergleichen können. Hie und da an den
Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer
Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen
hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und
Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum
einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten.
+25. Juli.+ +Bonjol+, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis sieben Paal
ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht nennen
konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel des
Flusses +Massang+, das Geschrei der Affen waren die einzigen Töne, die
mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine Brücke über
den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von frischen, ewig
grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief unten schäumt
der Fluß durch das enge Felsbett.
Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen
+Alahan-Bajang+, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die See
für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste
Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu
kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein
und Felsmassen unterbrochenen Fall.
Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen,
verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald
ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu
5-7000 Fuß. Der +Ophir+ auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß.
Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel.
Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend
fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch
mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf.
+26. Juli.+ +Lubuskoping+, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem ich
abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine Strecke
Weges. Als wir an den Fluß +Alahan-Bajang+ kamen (zwei Paal), fanden
wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu denken war; wir
mußten zurück nach Bonjol.
Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des
Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da
viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden.
Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende
ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es
nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und
man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging
ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde.
Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man
ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem
kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen.
Ich passirte heute den Aequator zu Pferde.
Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen
hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und
gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr
steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt
so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in
jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle,
um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über
ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit
gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie
wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes
Pferd bekam.
Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den
Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich
zertheilen und hierdurch einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom
Fuße bis zur Spitze gestatten.
In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß
im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und
haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder
andern Kleinigkeiten geziert ist.
+27. Juli.+ +Panty+, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte durch schöne
Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab es häufige
Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra ist an Tigern
sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das Land tragen, gehen
Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise veranstalten weder die
Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in Brittisch-Indien.
Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die
Eingebornen fangen sie in Fallen.
+Panty+ liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen ungeachtet
sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die Leute sind
zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben hier überhaupt
in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene Töpfe und einige
Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und sehen sehr
schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie haben zwar
der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst keine Abgaben.
Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und dem Müssiggange,
unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei uns die Kinder,
Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen Drachen steigen,
schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit kleinen Steinchen
todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage lang beisammen, ohne
etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder zu schwatzen. Hätte unser
herrlicher Schiller in diesem Lande das Licht der Welt erblickt, er
würde die Männer „das leer geschwätzige Geschlecht“ genannt haben, und
nicht uns Frauen.
Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den
Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf
einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen,
auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den
Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit
einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und
einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während
der Mann leer daneben ging.
Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie
arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen
mit Büffeln das Feld und pflanzen den Reis, -- allerdings eine
beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser
stehen müssen.
An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der
Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil
nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben,
das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen.
Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java,
sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf
einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf
dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von
Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei
Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht,
mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können.
Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein
Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der
Sonne.
Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis
achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt.
+28. Juli.+ +Rau+, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter Kampon mit
einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen Bretterhäusern
und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr ungesund; es
herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den Europäern häufig
in Auszehrung oder Wassersucht übergehen.
Hier beginnt die Provinz +Mandelling+, mit dem Distrikte +Ulu+ (von
den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder Lubuaner werden von
manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für verwilderte Malaien.
In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker an.
+29. Juli.+ +Muara-Sipongie+, 10 Paal. Langweiliger Ritt durch
wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler. Man
sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut -- alles war
todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s.
Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man
diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung
stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach
Menschenfleisch entsagen müssen.
Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor +Schoggers+ auf die
zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da
ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten wurde, ging ich
mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch
sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes
viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir
fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig
gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen
gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß
man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der
Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas
Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für
das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler.
Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die
Hälfte an seinen Rajah abgeben.
Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein
kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge
Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten,
und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische
Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig
gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen.
Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u. s. w.
gingen in derselben Art vor sich, wie auf Java; nur machten hier die
Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht,
Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf
seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und
es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ
der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt,
obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist
aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der
geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem
grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen
Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der
Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es
noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe.
Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische
Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit
ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in
das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das
gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu,
daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige
Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester mit
Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute
auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen
Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen.
Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr
Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue
Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf.
Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von
vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau
sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s,
so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch
fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche
Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich
tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise
vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten.
Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt.
Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe,
die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die
Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann
fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es
mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf geht es an die Theilung. Die
Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes
Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper
erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der
Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten
sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht
erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen.
Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß
Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.
Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden,
werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer
Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder
Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d. i.
Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine
Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.
Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche;
sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an
gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von
letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten
sie, der böse Geist sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen
Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist
auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch
verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen.
Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch
angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom
Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen,
geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und
benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine
Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den
Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des
Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war.
Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur
wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur
Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte
und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das
Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen
hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken[4] und getanzt.
Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist
das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm
wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer
strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist.
Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath
zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines
Vaters, die er zu den seinigen machen kann.
Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird
nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die
Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie
nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann
zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner
Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als
eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen.
Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie
lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und
zweckmäßig sein, -- bei alle dem aber sind sie Menschenfresser.
Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der
Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung
genau und willig erfüllen, daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher
anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen
höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde,
in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene
ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht
statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage
vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt.
Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung,
noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft
sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte
Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner
Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet.
Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit
entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und
kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde
auf den Richtplatz.
Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt
den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne
zu.
+30. Juli.+ +Kotto-Nopau+, 11 Paal. Das Land fortwährend hügelig und
größtentheils mit Alang-Alang bedeckt. An Kampons war kein Mangel,
die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert alles
auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt ein
Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen Hausrath
ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes, dunkelblaues
Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen und Weiber
häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als Taubenschläge,
sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten -- sie dienten
ebenfalls zu Wohnungen.
Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in
diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute
an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch
dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich.
Vier oder fünf Meilen von +Muara-Sipongie+ besah ich abseits der Straße
in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie bestanden aus
viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß Höhe, auf
welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren mit vier
Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt, die den
jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem Dache
bedeckt und von einem hölzernen Geländer umgeben. Die Leiche liegt
nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde.
+31. Juli.+ Fort +Elout+ (Panjabungan), achtzehn Paal. Waldparthien,
Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen Stellen das
traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem großen,
hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der Sitz eines
Assistent-Residenten.
Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als
in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des
gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn +Godoon+ zu. Die Hütten sind
zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen, regelmäßigen
Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath darf nicht unter
die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und das Hornvieh hat
seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war diese Gegend sehr
ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an Reinlichkeit gewöhnt
sind, herrschen viel weniger Krankheiten.
Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten.
Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten.
Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir
überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im
Gebrauche ist. Die Holländische Regierung läßt aber alle Straßen so
bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben.
Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da
ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind.
Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der
Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie
mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten
Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So
mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und
die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken
oder einigen Brettern schleppen.
Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die
Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind
es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren
Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das
Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie,
bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in
vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker
nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder
Schaden bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht
viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen
unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und
auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig.
Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen,
ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge
u. dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher
Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es
mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als
sie eigentlich sollten.
Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig
bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie
möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den
Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen,
daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe.
+1. August.+ +Surumentingi+, 20 Paal. Obwohl sich der Charakter des
Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche Ansichten.
Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch viele
Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und zwar
von außerordentlicher Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand. Die
Rohre sollen viel Wasser enthalten.
Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der
nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und
Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten
Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig
Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte
ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten
Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und
aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern
voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und
konnte mich in einem weichen Bette ausruhen.
+2. August.+ +Padang-Sidimpuang+, 20 Paal. Fortgesetztes Hügelland,
jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette nimmt stets
an Höhe ab.
Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein
kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und
einen Kontrolor, Herrn +Hammers+, bei welchem ich abstieg.
Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich
stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste
Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz
gab aber nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen,
die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu.
Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach
dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese
Gewohnheit so sehr als heute -- ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden
Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien
und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte.
Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An
dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er
hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn
Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt
-- heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht
wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie
so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in
ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre.
Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein
Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne
mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr
als erst noch im vergangenen Jahre einige Uneinigkeiten zwischen den
Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen
Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und
27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige
Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer,
die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen
üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen.
Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im
Niederbrennen einiger Kampons. Herr +Hammers+ erzählte mir, daß vor
kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter der
Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien.
Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich
wollte durch das große Thal +Silindong+ bis an den Land-See +Eier-Tau+
(großes Wasser) vordringen, welchen noch kein Europäer gesehen hat,
und von dessen Vorhandensein man bloß durch die Erzählungen der
Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage, Größe, von den an seinen
Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz unvollständige Begriffe. Ich
konnte dem zu Folge keinen Plan dieser Reise machen und mußte alles
dem Schicksale und meinem bisher stets treuen Glücke überlassen. Herr
Hammers war so gütig, mich mit Briefen für einige Rajah’s, die mit den
Holländern in Verkehr standen, so wie mit einem Führer zu versehen. Ich
ordnete einige Papiere, die ich im Falle des Nichtwiederkehrens für
meine Familie zurückließ, und nahm recht herzlichen Abschied von den
Europäern. Sie konnten vielleicht die letzten sein, die mir auf dieser
Welt zu Gesicht kamen.
[1] Er wurde im folgenden Jahre Gouverneur auf Celebes.
[2] Jeder Kampon auf den holländischen Besitzungen in Sumatra hat
seinen Rajah beibehalten. Letzterer bezieht von der Regierung
einen kleinen Gehalt und trägt dafür Sorge, daß seine Gemeinde
die Gesetze und Befehle der Regierung erfüllt und ausführt.
[3] Diese Gesetze für Ehescheidungen, Wiedervereinigungen oder neu zu
schließende Ehen sind bei allen Malaien dieselben.
[4] Der Suri wird aus der Arenga-Palme gezogen. Auch Zucker wird aus
dem Safte dieser Palme gewonnen.
Achtes Kapitel.
Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. -- Das Nachtlager
im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. --
Haly-Bonar. -- Opferung eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong.
-- Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. -- Wiederholte
wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. --
Paija-Kombo. -- Besteigung des Merapi. -- Rückkunft nach Padang.
Am +5. August+ trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis
+Sipirok+, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer kleinen
Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der größten
Thäler Sumatras, das wellenförmige +Lawas-Thal+.
Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich
fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo
nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus
werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen
Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten,
Rhinozerosse) bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern,
blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang.
Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für
Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es
viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr
gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von
der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich
ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein
die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern,
selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor
(mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen
nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter
suchen, und zwar -- die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen
Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen
vereint, sich unabhängig erklären könnten.
+Sipirok+ liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht das
letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen Schreibers.
Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was mir
Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick war
eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus wie bei den Malaien, nur
noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der
Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich
so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren
sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten
die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den
ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von
Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen
sich mit Kaffeebohnen.
Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin
abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte
sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden
allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf
die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe,
Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u. dgl. aus. Mit gierigen Blicken
sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die
Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, -- es gab der
verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer
Stunde war der Bazar zu Ende, d. h. die Pflanzer waren ihr Geld los.
Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in
Borneo allen Bequemlichkeiten des Lebens auf einige Zeit entsagen und
meine Fußwanderungen beginnen.
+6. August.+ +Danau+, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter Waldungen
über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen Pfaden.
In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte,
die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta
(die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu
Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch
keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und
die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht
gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein
Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren
in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf
dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen
Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete
sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei
warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, -- ein
grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag
ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem
Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von Husten. Leider konnte ich
dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch
sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte.
Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel
mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das
Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische,
fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen
Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u. s. w. Die Männer führten ihn zum
nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete
niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder
Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr
unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben
als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt.
Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden
Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig.
Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet
viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen
Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht.
Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ
den Rajah ersuchen, mir eine andere Hütte anzuweisen. Er war so
gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk
aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von
nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis
Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich
die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und
schnarchten um die Wette.
Den +7. August+ mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen nach
noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich ohne
seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von hier
beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei den
Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme
verwenden.
Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb
schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen
Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen.
Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend
Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten.
Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände
halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der
Niederen gegen die Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte
zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für
mich bestimmt war.
Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen,
hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem
Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an
den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All
dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen
mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen
hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste
stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare
lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber
Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige
Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da
die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf
dieselbe Weise um den Körper schlagen.
Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche
unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste
Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß
rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen.
Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des
Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie
bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s
unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen,
daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling
tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war.
Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung
beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz
ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann
begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit
ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob,
als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber
erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie
in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben
ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das
Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er
kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis
er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das
Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und
größtentheils unter das Volk vertheilt. Für mich ward die Leber, als
das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße,
aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte
daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden
war, mit Reis und Salz begnügen.
+8. August.+ Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als zwanzig
Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze (drei
Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand und
wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine
Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch
Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf
abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr
ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den
Sinn, von der Reise abzustehen.
Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute,
meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer.
Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe
undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir
sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele
Spuren von wilden Thieren, besonders von Tigern. Bei einem Flusse
angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden
Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten,
benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich
gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser.
Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir die
herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von dem
Flusse +Padang-Toru+ in unzähligen Krümmungen durchschnitten waren.
Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in schöner
Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen wir oft
ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot schaukelte
sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles menschenleer --
es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde.
In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und
leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo
war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter
belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel
verzichten mußte -- einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag
noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich
nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte. Mein Führer,
der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte
stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen
bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch
genommen -- fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten,
sie nachzubringen.
Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu
im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell
ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern;
allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über
die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse,
an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern
waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und
Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem
Holze mehr glimmte als brannte.
Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in
dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne
Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich
war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute
legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste
daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den
kleinen Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange
liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume
Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann
die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren
Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer
in die Erde steckte, und ein wenig gebraten.
Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen,
die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte
ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen
Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen
dennoch vortrefflich.
Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht
hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu
scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte
sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß
war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief
keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren
fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte
ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube
raschelte, dachte ich an Schlangen -- es war eine schauderhafte Nacht!
+9. August.+ +Soßor-Doluk+, siebzehn Paal. Wenig gestärkt durch das
gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich ohne Imbiß
fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir noch keine
ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche Waldungen,
voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes Alang-Alang,
durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet werden
mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen Regen. Ganz
steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren gefährlich
zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß man keinen
festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich noch ein
hochstämmiges Schilf (~Saccharum Koenigri~), das in einer Höhe von
vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß man nur
in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand an solchen
Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben voll Schlamm
und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß vor den andern
zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und wollte man sich
am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es einem noch
schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es Stämmchen
mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig riß.
Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am ganzen
Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten Theil
dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte ich mit
bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen morastigen,
theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines Schuhzeuges
zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre. Meine Füße
wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang ganz
zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten Tagereise
mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen lassen.
Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise; die
großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft waren
meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht fort zu
können -- dennoch ging es täglich weiter.
Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges
Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir
verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen
endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus
dem Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses +Puli+,
und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im
Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget. Der
Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem
fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt
in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt
ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und
machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus
der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum
hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich
öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn
die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf.
Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern
wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen
auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß
Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende
behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig
suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die
Wälder zu natürlichen Gärten um.
Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise
glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere
Kampf mit den Menschen.
Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das Land war noch immer
hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der
Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder
Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor.
Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten,
uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine
von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden
Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe,
ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es
war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen,
finsteren Walde.
Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von
+Sigumpolang+ (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier auf
Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die
Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende
verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann
gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und
zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet.
Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch.
Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit
heilsam.
+10. August.+ Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah dieses
Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis, begleitete
uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer Hängebrücke, die aus
einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen Bambusrohre bestand,
das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte. Dünne Stämmchen
formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch, gleich jenem auf
der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur dazu diente,
das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen Bau, sowie
die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr schwebte
vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf Baumstämmen.
Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte es -- ich
dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte. Dieses
einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen.
Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch
an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren.
Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter
nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um
mich da dem Volke und mehreren Rajah’s[5] vorzustellen. Er that dieß
in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta
dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich
auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre
Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte,
schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das
Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer
verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte
mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten,
kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man
sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was
sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen
-- der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta
zurückgeblieben.
Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die
Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen
hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die
Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht
sehr dunkel. Gekleidet gingen beide Geschlechter in Sarongs. Die
Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke
Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete
Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit
durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s
trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren
durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen
Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing.
Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln
geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art
Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den
Dayakern.
Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte,
führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta.
Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der
Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben
sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden
der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser,
so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen.
Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der
Aranga-Palme gedeckt. An manchen Häusern waren die Vorderseiten
angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon
Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren.
Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie
angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach
der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern
steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer
Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen
Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede
in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man
gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe,
die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll
ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das
Feuer beinahe fortwährend brennt.
In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle
schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die
Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz
zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig
Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde.
Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend, ja sehr reich
im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der
Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen,
vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u. s. w.
Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene
Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und
Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz
der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die
Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun
hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe
alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der
heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird
ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug
das meinige hier auf.
Hali-Bonar erbot sich, mich bis +Silindong+ (Groß-Toba) zu begleiten,
ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm, als mich der
Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ.
Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch
Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir
zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise nichts
in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit
ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der
seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem
Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf
Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das
Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte
Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das
Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten
auch seinen Theil.
Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den
Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die
Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und
eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um
den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang
und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei
Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen.
Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn,
in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete
glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal
gegen den Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß
hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das
Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und
dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm,
mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem
Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne,
der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der
Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal
das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende
des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der
Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals
die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit
ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei
dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese
Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem
Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen
Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend
so feierliche Ceremonie.
Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren, kamen andere, die
einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten.
Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten
jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste
wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet
und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ
Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen
Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig
ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war -- man
gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen
sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee,
die Verdauung befördern soll.
Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen
zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen
jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen.
Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige
Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen,
sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget
hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden.
Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen.
Die beiden Kämpfer oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst
vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen
und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze
wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier
Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige
Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden;
die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft,
mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier
schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden.
Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der
Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist.
Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen
Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes
Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine
Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas
Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen
Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in
die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm
einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele,
das Blut wurde sorgfältig aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die
Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte,
tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige
hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie
das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom
Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und
führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als
mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen
als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag
es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird.
Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen
Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten,
in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen
Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen
unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen.
+12. August.+ +Si-Pijarajah+, 10 Paal. Die klare Morgensonne
verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich
die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom
+Padang-Toru+, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen
konnte. Zwei Eingeborne reichten mir jeder eine Hand, ich hielt den
Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege
waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne
Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte
verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis
1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen
oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die
Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze,
da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes
Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur).
In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich
wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das
Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau.
Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in
denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in
die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers
selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u. s. w.“ Keiner traute den
Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war
ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese
Barbaren thaten mir die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen
zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen
waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und
verschliefen da den Rest der Nacht.
In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere
Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und
zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte,
wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich
zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe
forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper
trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der
Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens
gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male
die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend
und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel
als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel
sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über
mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig.
Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages
die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich
konnte die Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und
Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten
Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der
Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß,
wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle.
Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um
sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen
den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß
ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn
getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen,
wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen
sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt,
sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese
ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas
Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u. s. w. sah.
Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder
Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser
und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am
meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder
säugten und auf dem Rücken trugen. Kinder von drei Jahren nahmen
noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum.
Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn
es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band
es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit
dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder
aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre
Hausgeschäfte.
+13. August.+ +Silindong+, Groß Toba, zwölf Paal. Die erste Hälfte
der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte, hügelige Thäler;
dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und das überraschend
schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu unseren Füßen. Ich
hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen als von einigen
Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier erblickte ich
eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht Paal breit sein
mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen durchschnitten
und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt. Eine unzählige
Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen, grünen Teppich
gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein Utta.
Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete mir Hali-Bonar, mich
nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben.
Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich,
mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten
Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall
war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle.
Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer
versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den
Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen,
mich weiter gehen zu lassen.
An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig
bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen
vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke
hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die
Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie
waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge
leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte -- das
große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem
Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen
und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht
schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten müssen. Ich
hatte zwar Angst -- die Scene war zu entsetzlich -- doch verlor ich
nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und
vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten
auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht
umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich
nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit
einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die
Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich
war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen
gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache
gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen
gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil
über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder -- eine Kleinigkeit ist
oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte
dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich
auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch,
halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am
wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe
ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen, daß
ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer
zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur
bis +Eier-Tau+ führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein
Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit,
mein Zutrauen gefiel ihnen -- ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die
Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter,
im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die
Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis +Tugala+, wo mich der Rajah
Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm.
+14. August.+ Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde Scenen
unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich bis zu
dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und die
Hälfte des folgenden bleiben mußte.
Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick
kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald
war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe
wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe.
So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren
und Mühseligkeiten umkehren -- das war doch sehr hart! Nach der
Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als zehn bis zwölf
Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige
Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie
sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit
ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen
Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden.
Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und
allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch
Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch
wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten
mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten
hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu
gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen
ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne
feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein.
Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit
den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden
zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der
Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen.
Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien,
als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man
sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen
hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt
kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte,
wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen
und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher
sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden,
denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden
zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie
in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir
der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen
Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich
unter dieses Volk zu wagen.
Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich
wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit
der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und
war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei
Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich
langsam um die Leiche, stießen taktmäßig mit den Füßen auf den Boden,
murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die
entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden
Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die
übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten
von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte
Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der
aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt
werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder
oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem
Hause.
Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den
Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die
Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die
sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um
an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte
ihnen Hilfe.
+15. August.+ Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das
Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf
welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack
von einem Utta zum andern; es war als wollten mir die Battaker die
Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es
zu betreten.
Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und
mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb
derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch
überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz
schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird.
Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen
und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war,
zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns,
umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier,
wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit
großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal
sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und
die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde
mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen;
er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den
Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen.
Erst nach langen Erläuterungen und lebhaftem Wortwechsel, erwirkte
Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare
gehangen zu haben.
Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer
knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser
blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang
durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als
möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang
unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und
bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt
die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf
beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir
ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen
wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu
schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden.
+16. August.+ Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der Häuser
stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre ihr das
größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines Schmuckes
nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles sorgfältig
in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf sich da
neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich wieder auf und
eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war. Ich hielt dieses
Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte mir, daß es diesen
Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen und Messingringe)
Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es bittere Thränen,
während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge vielleicht
trocken bleibt! --
Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum
andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu
vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein
mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren,
warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen
waren.
In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets
auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi
(süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits
beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der
Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen
wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk
Wasser zu erlangen.
+17. August.+ Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern
gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden.
+18. August.+ Endlich war das schöne Thal +Silindong+, dessen Anblick
mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so
gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken.
Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem
größere Theil[6].
Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr
als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen
noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus
zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den
großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis
fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch
ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur
eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta
durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine
Bevölkerung von 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht
übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht
ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend.
Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild
und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und
kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und
Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist
lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder
lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem
Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von
schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt
sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und
vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang
und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak
rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen
Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls
rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich
glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und
dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche
mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre schon über den Schultern
hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über
alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie
geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie
baden sich wohl, d. h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu
waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan.
Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In
letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus
und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde
in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen
und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene
erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht
wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu
charakteristisch, um verschwiegen zu werden.
Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt
war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte.
Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es
mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft
worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel -- es entleerte sich
von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen sitzen,
rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund
alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß
er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das
Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich
einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen!
Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich
meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und
Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese
unbeschreibliche Unreinlichkeit.
Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des
Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu.
+19. August. Bolanahito.+ Hier nahm ich Abschied von meinem wackeren
Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als einmal
das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“
durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker
von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir
Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten
sollten.
20. und +21. August+. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen und
Entbehrungen, an Regen und Hitze, an die ermüdendsten Märsche,
überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald
gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht
gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich
kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit
großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich,
mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht
gedacht hatten, mich wiederzusehen.
Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem
Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis
zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die
aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde
und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines
großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen,
denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche
hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der
stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer,
auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet
sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in dem Handel gar
nicht vor[7], da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die
Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur
Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks
verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser
sein, als jener von Japan oder China.
Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen
aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr
eigentliches Vaterland ist.
+22. August.+ In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo
möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte
nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen
zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich
nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger
versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der
Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon.
Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem
Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu
zeigen, wie man oft mit den Führern hintergangen und der Willkür und
Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu
Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich
hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich
nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir
Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr
ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl
während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem
ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen
in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben.
Ich ging diesen Tag bis +Sipirok+, wo die Fußreise ein Ende hatte.
Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen gerade
nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren
Herkules-Arbeit zu vergleichen.
+23. August.+ +Padang-Sidimpuang.+ Nachmittags vier Uhr kam ich
glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, -- ich hatte seit
gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine erste
Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein
tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von
dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller
Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten
setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen
und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu
schätzen und zu würdigen.
Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege
nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am +9.
September+ traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein
heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen
Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten,
wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald
wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr
hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte.
Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung
und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich.
Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich
meine Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor
+Bauer+, ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und
botanischen Kenntnisse, war zu +Paya-Kombo+ stationirt. Ich wollte die
Bekanntschaft dieses Mannes machen und zugleich diese Gegend Sumatras
sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll.
Am +18. September+ saß ich wieder zu Pferde und ritt zweiundzwanzig
Paal nach +Paya-Kombo+. Das wellenförmige Hügelland verschwindet
allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen Raum. Herrliche
Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der +Merapi+, der
+Singallang+, die höchsten, der +Sago+, minder hoch, aber seiner
besonderen Form wegen in die Augen fallend. Sein Sattel zieht sich
ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und Felsparthieen zieren ihn
und bewirken einen schönen Kontrast zu den üppigen Waldungen, die seine
Nachbarn bekleiden.
Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon +Titti+.
Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene
geworfen, -- welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so
weit weggeschleudert haben!
Unfern von Titti stürzt sich der +Pattang-Agam+ wild brausend und
schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte
Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische
Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen
und anderen Pflanzen übersponnen aufthürmt. Lange weilte ich auf
der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde
Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke
zu überschauen.
Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen
von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden
Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr
belebt und reich kultivirt.
Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich,
alles, was mich umgab, war lieblich -- eine Landschaft in rosigem
Lichte.
Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. +Bauer+ ab. Auch er hatte schon manches
von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd. Die Tage,
die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft zubrachte, werden
mir unvergeßlich bleiben.
Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant
Freiherrn +von Bülow+, der von +Fort de Kapellen+ auf Besuch gekommen
war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s. Unter
anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine
schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft
besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir
sogleich den Entschluß faßten, ihn gemeinschaftlich zu besteigen.
Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den
Assistent-Residenten Herrn +Netscher+ zu ersuchen, auf dem Berge eine
kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen.
Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden Tag,
+20. September+, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach Fort de Kapellen,
auf Malaisch +Pagar-udjong+, im Distrikte +Tanar-Dater+, zwanzig Paal.
Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei
sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von
+Sungi-djambu+ zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein wenig
in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte
errichten zu lassen.
Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon +Pugger-zuijong+,
in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen Inschriften liegen,
die bisher noch von niemandem entziffert werden konnten. Mich erinnerte
die Form dieser Steine an die Runensteine, die ich in Island und
Norwegen gesehen hatte.
+21. September.+ Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben Paal
reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi
angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem Kampon
Sungi-djambu, der gleich jenem von +Kotto-Godong+ seiner Wohlhabenheit
wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser mit Oelfarben
angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den Bewohnern
schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und viel echtes
Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl einnehmen.
Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und
gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für
uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem
und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage
dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und
an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen
Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines
Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u. s.
w. vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und
Trank.
Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir
uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten,
wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen.
Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden
durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen pittoresken Spitzen
und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare
Spiegelfläche des +Sinkara-Sees+[8] schimmerte gleich einem Silberflor
aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer begrenzte in
weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare Thäler
breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt uns
dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung von
Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen
erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der
Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein
Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne,
zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell
heranrückenden Dämmerung.
Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger
Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe
kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer
als Antwort auf.
+22. September.+ Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu
steigen -- eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt;
allein so weit konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert
werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu
erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt
haben mochte -- seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke.
Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab
geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem
Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und
Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei.
Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in
einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben;
aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen
sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch
wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten
Werkstätte Wurzel zu fassen.
Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele
Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem
vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere
Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr
schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke
hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus
zwei Oeffnungen steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein
beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie
ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir
mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu
betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch.
Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät
nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de
Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der
Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch
Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund[9].
Am +23. September+ waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und
am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader
Richtung nach Fort de Kock.
Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die
hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich
dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht
der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte
wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der
Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor
mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt.
Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen.
Am +30. September+ verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück zu
kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte einen
Abstecher nach +Priaman+ und +Tiku+ an die See, um meine noch sehr
unbedeutende Fischsammlung zu vermehren.
Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über
den +Mangui+; diese Brücke ist die längste auf Sumatra.
In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn +Godin+ ab,
ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit der
Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter verdarb
mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen Ausflug,
der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht hätte, denn
das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten schöne Wege, und
zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich fand keine Gegend
auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so bevölkert, wie diese
längs des Seegestades.
Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo.
Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte
oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche
Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser
dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen.
Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte,
ritt ich unter Regen wieder nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine
Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das
jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur
zwei Tage.
Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten
Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman
gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden
hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen;
zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch
reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte,
hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das
meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu
wiederholen[10].
Am +7. Oktober+ langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich ein so
heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte und in
Padang selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van +Genepp+,
in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm. Freundliche,
sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen Familie aus
vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch hier wie auf
Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als nach acht
Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so weit
hergestellt, um mitzugehen.
Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An
allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf
die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte
mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man
gab mir Leute und Pferde -- mit einem Worte alles was ich benöthigte.
Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der
interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus
zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört
diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.
[5] Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah. Dieser
vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle
Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen.
[6] Einige Zeit später begaben sich drei Französische Missionäre in
das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und
Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola.
Sie wurden von den Kannibalen erschlagen und unter großen
Freudenfesten verzehrt.
[7] Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich höchstens
zwei Pikul.
[8] Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300 Fuß
über der Meeresfläche.