Ida Pfeiffer,
Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
und der „Frauenfahrt um die Welt.“
Zweiter Theil.
Sumatra. Java. Celebes. Die Molukken.
Wien.
Carl Gerold’s Sohn.
1856.
Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
Verfasserin vor.
Druck von Carl Gerold’s Sohn.
Inhalt des zweiten Bandes.
=Siebentes Kapitel.= Seite
Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere.
-- Fort de Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame
Gesetze. -- Muara-Sipongie. -- Widerrathen der
Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und Gesetze.
-- Abschied von den letzten Europäern 1
=Achtes Kapitel.=
Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. --
Das Nachtlager im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen
mit den Kannibalen. -- Haly-Bonar. -- Opferung
eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong. --
Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. --
Wiederholte wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den
Holländischen Besitzungen. -- Paija-Kombo. -- Besteigung
des Merapi. -- Rückkunft nach Padang 44
=Neuntes Kapitel.=
Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan.
-- Besuch der freien Fürstenthümer Djogokarta
und Surukarta. -- Der Tempel Boro-Budoo. -- Die
heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. --
Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei
dem Susubunan. -- Rückkehr nach Samarang. -- Reise
nach Surabaya 101
=Zehntes Kapitel.=
Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen.
-- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri
Emma. -- Saparua. -- Ceram. -- Fußreise durch das
Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die Alforen.
-- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch
bei dem Sultan 142
=Elftes Kapitel.=
Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. --
Die holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise
in das Innere von Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl.
-- Tanette. -- Baru. -- Fest der Zahnfeilung.
-- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König 194
=Zwölftes Kapitel.=
Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein
königliches Mahl. -- Rückkehr nach Sidenring. -- Die
Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan von Goa. -- Abreise
von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische
Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach
Batavia 242
Siebentes Kapitel.
Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere. -- Fort de
Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame Gesetze. -- Muara-Sipongie.
-- Widerrathen der Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und
Gesetze. -- Abschied von den letzten Europäern.
Schon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine Reise
nach +Sumatra+ (560 M.) zu machen; allein die Kosten des Dampfschiffes
(fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren zu groß. Herr
van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige Ueberfahrt.
Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr er nach der
Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem eine Karte
eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und zurück. Wie
groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen.
Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen
Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich
zu besorgen. Ich sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie
versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich
gemacht habe.
Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft,
Kapitän +Bergner+, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell
gemacht, und am 8. +Juli+ 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an
Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van
Rees.
Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne
jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s
Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder.
10. +Juli.+ Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus dem
Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten. Ein
schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge.
Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet.
11. +Juli.+ Wir sollten zu +Benkula+, dem Hauptorte der Residentschaft
gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist selbst für
Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns dieses nicht
begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte +Pulu-Bay+
einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande nach Benkula und kam erst den
folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise weiter.
13. +Juli.+ Morgens kamen wir zu +Padang+ an, dem Hauptorte der
Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt ist
außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel und
niedere Berge, darunter der +Gunang Batu+ der höchste (950 Fuß), der
schroff aufsteigende 350 Fuß hohe +Affenberg+ der auffallendste.
Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und mit dem Lande nur
durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden erhebt sich in der
Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner Gebirgszug; zwischen
diesem und der Stadt breitet sich eine sehr fruchtbare Ebene aus.
Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung
von 27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von
der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „+Wellkom+“ ein schönes Haus
bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die
Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser
der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen
Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist.
Ich stieg zu Padang bei Herrn Major +Kreling+ ab; allein kaum hatte der
Gouverneur, Herr van +Switen+, meine Ankunft erfahren, als er selbst
kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch denselben Tag
fuhr.
Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen; ich
wollte das sogenannte +Oberland+, +Benjol+, +Mandelling+, +Ankolla+,
+Groß-Toba+ u. s. w. besuchen, und bis zu den freien, wilden Battakern
unter die Kannibalen gehen. Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich
zu bereden, diesen Plan aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im
Jahre 1835 zwei Missionäre, die Herren +Layman+ und +Mansor+, von
den Battakern getödtet und auch gefressen worden seien, sich kein
Europäer ohne Militärbegleitung unter sie wage. Man rieth mir, mich mit
den Holländischen Besitzungen zu benügen, und mich nicht der beinah
unvermeidlichen Gefahr auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu
verlieren. Allein gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese
von den Europäern so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was
mich zu dieser Reise anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht
die Schwäche meines Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den
Warnungen kein Gehör, und trat am
19. +Juli+ unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu Pferde
an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten Tage
meiner Reise ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr zwang.
Als ich nämlich in die Nähe des Flusses +Udjong-Karang+ kam, fand
ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens weit und
breit überschwemmt -- das Wasser reichte den Pferden bis über die
Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der Nacht
weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht
geordnet. Ich mußte nach Padang zurück.
20. +Juli.+ Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte ich
beständigen Regen. Ich ging bis +Lubulong+, 20 Paal oder zwei Etappen.
Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt, d. h. in
Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal. Auf den
Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines Fort, oder
irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man die Nacht
zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder Aufseher,
welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen.
Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas
wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung,
Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß
zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da
ein großer Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind
auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut.
In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen,
von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch
Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten
(Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind,
auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese
Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee
(letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis
und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch
die Nacht zubringen.
Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und
vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen
Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem
Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte
mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht
verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine
enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten
vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen -- sie meinten Steine wären
Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er
zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät,
sie wieder aufzufinden.
In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von
Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit
hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre
Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen
des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen
findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche
geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit
versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und
haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als
unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen.
Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich
dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon
vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem
Arme trugen.
21. +Juli.+ Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis +Kaju-Tanam+.
Schön und freundlich war es diesen Morgen; die Sonne schien so
bescheiden, daß ich der Nähe des Aequators ganz vergaß. Einige Vögel
sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in Europa, allein für
ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten und sprangen von
Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge großartiger und
wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der +Singallang+ und
+Merapi+, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch.
Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang
sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen
hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so
war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer
wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden,
so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere,
die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht
aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und
sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem
Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel,
wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch.
Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich
auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne
Unterbrechung und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort
und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung
auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd.
Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn +Barthelemy+, der mich
sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er begleitete
mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und Reptilien zu
suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten.