Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten
und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet
kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen
Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang
wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären
können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so
hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der
Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war.
Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung
entgegen.
»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich,
und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr
erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn
verantwortlich?«
»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh
etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich
begierig, daß die Nachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr
antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu
gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser
Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein
Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein
Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne
Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die
gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte
sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was half _ihm_ des
Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht
bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war
ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote
zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals
kennen gelernt hätte, ... _ihn_ würde sie trotzdem nicht geliebt haben.
Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war
ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks
wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch
gehofft, -- mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst
nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er
aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich
schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem
Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten
Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt,
trotzig und teilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor
dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an
allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch
verachtete und mit ihnen auch _seine_ treue und reine Liebe, und das
brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich
ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er
heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht.
Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würde
_er_ sie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein
anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben
hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen
Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit
Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte,
konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und
das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie
schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter
einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie
schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen,
Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich
lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine
Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach
und den Bäumen, und auch in _sein_ Herz war der Winter gezogen. Es ist
doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ...
Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick
auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu
kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die
Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf
einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und
Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges
Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor.
»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie
mich gerufen, ... bei dieser Kälte?«
»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst.
Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so
fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich
und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?«
»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er.
»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!«
»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.«
»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er
tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um
und rannte in das Haus hinein.
Horchend blieb der Lehrer stehen.
»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimme der Kleinen rufen. Das
Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille.
Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes
Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte
er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser
Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber
war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja
doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte
nichts von ihm, wollte allein sein, -- mochte sie's denn allein tragen. Und
rasch entschlossen ging er nach Hause. --
Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte
Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer
ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten
Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte:
»So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise
ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf
unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran
dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den
Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines
schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar
machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes
hatte voraussetzen können.
Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows
bekannt wurde. Um Zeit zu sparen, hatte Joachim den mühsamen Weg über den
Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf
dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien
noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester,
den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen,
entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte
ringsum.
Etwas wie Grabeshauch lag auf der Gestalt und dem Gesicht des jungen
Mannes. Aus seinen Zügen war der frohe Lebensmut gewichen und kein
Lächeln trat auf seine Lippen, als der Dekan auf ihn zukam und ihm die
Hand entgegenstreckte.
»Sie haben -- hm! -- einen schweren Verlust erlitten,« redete der Dekan
ihn an. »Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.«
»Ich ebenfalls,« lispelte Aurelie.
»Danke,« sagte Juchei und faßte den Hund fester am Halsband. Das Tier
stieß ein klägliches Winseln aus und drängte sich zitternd an die Kniee
des Geistlichen. »Der Hund ist noch ganz verstört,« fuhr Joachim fort.
»Er sucht beständig nach seinem Herrn.«
Der Dekan tätschelte Cäsars Kopf und Aurelie machte sich ebenfalls mit
dem Tiere zu schaffen.
»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe,« sagte Juchei. »Er ist sehr
unzugänglich und bissig geworden.«
Das Fräulein tat einen affektierten Schrei und wich zurück. Joachim
schenkte dem keine Beachtung, sondern sagte bloß: »Gehen wir nach
Hause.«
Er grüßte die Leute, die ihm achtungsvoll Platz machten, und die kleine
Gesellschaft schlug den Weg nach dem Pfarrhof ein.
Überall begegnete Joachim teilnahmvollen Blicken und Grüßen und der
Hund erregte große Aufmerksamkeit. »Da ist sein Hund!« sagten viele mit
leiser Stimme. Juchei sah weder nach rechts noch nach links und zog bloß
mechanisch den Hut ab, wenn ein Gruß an sein Ohr schlug. Nur als sie am
Hause des Arztes vorüberkamen, erhob er den Blick vom Boden und schaute
auf das Haus. Da jedoch weder am Tor noch hinter den Fenstern jemand zu
sehen war, senkte er die Augen wieder und schritt schweigend fürbaß.
Sie erreichten den Pfarrhof, und als Cäsar des ihm wohlbekannten Hauses
ansichtig wurde, fing er zu rennen an, stürzte zum Tor hinein, über die
Treppe hinauf und kratzte zitternd und heulend an die Tür, die in die
ehemalige Wohnung seines Herrn führte. Joachim eilte dem Hunde nach. Mit
großer Freude begrüßte ihn Cäsar, zerrte ihn an den Kleidern zur Tür
hin, sprang an ihm empor, bellte und keuchte ... O! Diese Tiersprache war
beredt genug: Öffne, öffne doch! Er muß ja hier sein ... Armes, treues
Tier! ... Juchei tat ihm seinen Willen und schloß die Tür auf, -- Cäsar
schoß wie ein Pfeil hinein, durchsuchte die Zimmer, schnüffelte in jede
Ecke und brach plötzlich in ein lautes, jämmerliches Geheul aus.
»Cäsar! Cäsar!« rief Juchei erschüttert, kniete bei ihm nieder
und drückte seinen großen Kopf an die Brust. Der Hund schaute ihn mit
blutunterlaufenen Augen an und knurrte zornig ...
»Ich kann Dir Deinen Herrn nicht wiedergeben,« sagte Juchei. »O! Wenn
ich's könnte! ...« Er preßte die Hände an die Augen. Wie diese
Räume ihn an alles mahnten! War es denn möglich, war es denn wirklich,
unwiderruflich wahr?
Eine Magd rief ihn zum Abendessen. Er schloß den Hund in die Stube ein,
verfügte sich in das Speisezimmer und setzte sich auf den Platz, den Georg
sonst eingenommen. Mechanisch aß und trank er, beantwortete mechanisch die
Fragen, die die Tischgesellschaft an ihn richtete, und wunderte sich nur
über eines: daß alle Welt ihm sein Betragen gegen den toten Freund so
hoch anrechnete, ihn darum belobte ... Was hatte er denn so Besonderes
getan? Er hatte den Toten geliebt: verstanden die Menschen denn nicht, was
das hieß?
Die Mahlzeit war kaum vorüber, als Juchei sich unter dem Vorwand großer
Ermüdung erhob und zurückzog. Er ging jedoch bloß in seine Wohnung,
um Cäsar zu holen und verließ dann mit dem Hunde das Haus. Die Leute im
Dorfe schliefen bereits, und ohne daß jemand ihn sah, erreichte Joachim
das Ziel seiner kurzen Wanderung, ... das Haus des Arztes. Er klingelte und
fragte die ihm öffnende Dienstmagd, ob ihr Herr noch zu sprechen wäre.
Sie bejahte die Frage, leuchtete ihm über die Treppe hinauf und bat ihn,
einzutreten. Er klopfte an und trat in das Zimmer.
Die Familie hatte soeben das Abendbrot eingenommen. Der Arzt saß am
Tische und rauchte, Paula ihm gegenüber, mit verschränkten Armen vor sich
hinstarrend, und Toni stand neben ihr. Als sie den Geistlichen und Cäsar
eintreten sahen, erhob sich der Arzt und warf einen raschen Blick auf seine
Tochter. Paula wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie sank auf
den Stuhl zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Schweigend standen
der Arzt und Perkow da und schauten auf das junge Mädchen. Keiner war
imstande, zu sprechen. Nur Toni näherte sich dem Hunde und streichelte
ihn.
»Cäsar! Armer Cäsar!«
Das Tier schien sie nicht zu erkennen. Es zog den Schwanz ein und zeigte
dem Kinde die Zähne.
»Cäsar, was hast Du? _Ich_ bin es ja,« sagte Toni furchtlos und
zärtlich. Der Arzt faßte sie am Arm und führte sie aus dem Zimmer.
»Der Hund ist krank; geh Du schlafen,« sagte er, kehrte dann zu den
anderen zurück und bot dem Gast einen Stuhl an. Juchei setzte sich; der
Arzt blieb stehen.
»Verzeihen Sie mein Eindrängen,« sagte Juchei endlich. »Es soll nicht
wieder geschehen. Aber dieses eine Mal mußte es sein ... Ich bin gekommen,
um Ihnen die letzten Grüße meines Freundes zu überbringen.«
Niemand antwortete. Paula verharrte unbeweglich in ihrer trostlosen
Stellung. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht von Zeit zu
Zeit ein Zittern ihren Leib durchlaufen hätte.
»Bis zu seinem Ende,« fuhr Joachim fort, »hat ihn der Gedanke gequält,
daß er Leid über Ihr Haus gebracht ... Lassen Sie mich hoffen, daß seine
Reue, sein Tod Sie versöhnen ...«
Die Stimme versagte ihm.
»Alles ist vergeben und vergessen,« sprach der Arzt.
Paula erhob sich und ging aus dem Zimmer.
»Amen,« murmelte Juchei ihr nachblickend. Der Arzt tat dasselbe.
»Hat er viel gelitten?« fragte er dann.
»O!« sprach Joachim mit einer traurigen Bewegung. »Seine Jugend und
die mörderische Krankheit kämpften einen fürchterlichen Kampf
miteinander, ... aber sein Tod war ein sanfter. Er schlief in meinen Armen
ein ...«
Eine neue Pause folgte.
»Sein Gemüt war -- bedrückt,« sagte der Arzt hierauf. »Das ist eine
siegreiche Waffe für diese Krankheiten. Aber ich will doch nach dem
Mädchen sehen, ... Sie verzeihen, ... ich bin so sehr besorgt um sie.«
Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen.
Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen
ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten
im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie
betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf
ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie
nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das
Unabänderliche erfahren.
Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie
blickte ihn nur unverwandt an.
»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm
zu wenden.
»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln.
»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während
ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie
dann, »wenn es so hätte kommen _müssen_. Gegen das Schicksal sind wir
machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei
ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit,
der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um
ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er
noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und
Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich
es.«
»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,«
erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie
taten.«
»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es
sich bloß um _mich_, um _mein_ Glück handelte! Wenn aber etwas, das ich
liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. -- Noch eines quält mich,«
fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die
Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so
verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben
vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß
es auch sein. Nicht meinetwegen. _Mein_ Leben ist abgetan. Aber des Vaters
halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen
allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieser Stunde an
versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß
auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor
Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie
gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen,
wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig
hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte,
brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf
wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun
hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet
hat und daß ich nicht gekommen bin ...«
»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu
lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie -- warum
sollte ich's Ihnen verschweigen? -- sehr geliebt und redete noch im
Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß
Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur
gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden
willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn
nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.«
»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.«
Perkow erhob sich.
»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.«
Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme, daß sogar der Hund,
als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte.
»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula
die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...«
»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich,
unversöhnlich.«
»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein,
daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich
werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.«
Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie
blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft
flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ...
von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die
Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde
bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich,
unversöhnlich.