Fünfzehntes Kapitel

Er ging zu Paula. Sie war allein. Beschäftigungslos saß sie am Fenster

und rührte sich nicht, als sie ihn eintreten sah. Sie hatte seinen Schritt

erkannt. Im Anfang sprachen beide nichts. Georg setzte sich aufs Sofa und

zerrte an den Quasten, die von der Lehne herabhingen.

»Wo ist Ihr Vater?« fragte er endlich.

»Noch nicht daheim. Toni ist zu den Nachbarleuten gegangen. Soll ich sie

holen lassen?«

»Wozu? ... Sie brauchen sich vor einem Alleinsein mit mir nicht zu

fürchten.«

»Ich fürchte mich nicht,« sagte Paula; doch als sie seinem Blick

begegnete, schrak sie zusammen. Solch ein Blick voll Leidenschaft und

Seelenpein war ihr fremd. Mit gewaltsamer Fassung fragte sie: »Warum sind

Sie gestern nicht gekommen?«

»Weshalb hätte ich kommen sollen? Um noch mehr verachtet zu werden? Denn

Ihr Vater verachtet mich und mit Recht. Ich bin ein Feigling.«

»Vater hat mir von seiner Unterredung mit Ihnen erzählt,« sagte Paula

und ihre Stimme bebte. »Aber daß von anderem als von Ihrer Gesundheit die

Rede war, hat er mir nicht gesagt.«

»Nicht? Wahrscheinlich wollte er Ihnen nicht weh tun ... Aber ich

werde ihm beweisen, daß auch ich stark sein kann ... Ich habe ihm schon

versprochen, daß ich Ihnen niemals schreiben werde, daß Sie nie wieder

von mir hören sollen, und ich werde mein Wort halten.«

»Hat er es von Ihnen verlangt?« fuhr Paula auf. »Das kann er nicht

verlangt haben. Diesen armseligen letzten Trost kann er mir nicht rauben

wollen ... Ist er doch ohnehin gering genug!«

»Eben deshalb,« murmelte der Priester vor sich hin. »Das Wenige sättigt

nicht, ... es zeigt vielmehr bloß an, wie groß der Hunger ist.«

Paula stützte die Arme auf das Fensterbrett und legte das Kinn in die

gefalteten Hände. Ihre Augen schweiften über den grauen, endlosen Himmel.

»Bleibt es dabei, daß Sie übermorgen reisen?« fragte sie.

»Ja.« -- »Sie wird mir den Betrug verzeihen,« dachte er. »Ich tue es

zu ihrem Besten, ... sie wird mich verstehen.«

»Und Sie werden mir nicht schreiben, -- kein einziges Mal?« fuhr Paula

fort.

»Nein. Ich darf und will nicht. Zu tief habe ich mich an Ihnen

versündigt ... Lassen Sie uns der Tragödie ein für allemal ein Ende

machen.«

Paula beugte den Kopf. Lange konnte sie kein Wort hervorbringen.

»Sagen Sie mir,« hob sie endlich wieder mit dumpfer Stimme an, »warum

sind Sie Priester geworden?«

Er antwortete nicht sogleich.

»Fragen Sie meine Mutter,« sprach er dann. »Die wird es Ihnen sagen.«

Er stand auf und trat zu ihr hin.

»Meine Mutter hat es gewollt,« sprach er weiter. »Ich hätte freilich

nicht gehorchen müssen. Aber das hätte die alte Frau getötet. Sie ist

nicht schlecht, sie meinte es gut mit mir und darum klage ich sie nicht an.

Ich könnte heute noch den Priesterrock von mir werfen und ein neues Leben

anfangen, ... und ich habe, seit ich Sie kenne, Paula, manchmal daran

gedacht. Doch was mich davor zurückhält, ist meine alte Mutter, deren

Elend der Preis dieses Schrittes sein würde. Was sage ich Elend! Sie

würde in Seelenqual und Verzweiflung dem Tode entgegensehen, würde

glauben, daß ihr Sohn sich das Himmelreich verwirkt habe, ... ich würde

der Mörder ihres Friedens sein ... und das ... das kann ich nicht auf

mein Gewissen laden. Sie ist am Ende doch meine Mutter, ist alt, hat viel

gelitten, und ihr einziges Glück, ihr Trost und ihre Hoffnung ist der

geistliche Sohn, der, wie sie in ihrem Irrwahn glaubt, berufen sei, Gott

dem Herrn allein zu dienen und dadurch sich selbst und den Seinigen die

ewige Seligkeit zu sichern. Ein beklagenswerter Wahn, dem mein Leben zum

Opfer fiel, das sich viel schöner und segensreicher gestalten hätte

können, wenn meine Mutter mich meinen eigenen Weg hätte gehen lassen.

Aber ich will mich darein ergeben. Wenn das Opfer nun einmal gebracht

werden _muß_, soll es wenigstens mit christlicher Demut geschehen.

Gott wird mir mein Kreuz tragen helfen, ohne daß ich unter seiner Last

zusammenbreche.«

Er schwieg und beugte sich über Paula, die in sich versunken dasaß. Sie

erfaßte seine Hände und lehnte das Gesicht an seine Brust.

»Ach! Dieses kalte schwarze Kleid!« sprach sie zurückschaudernd. »Wie

schwer haben die Menschen sich an Ihnen vergangen!«

»Nicht doch, Paula. Klagen Sie niemanden an. Soviel bin ich doch Christ

und Priester, daß ich aus ganzem Herzen verzeihen kann.«

»Aber ich nicht! Gott helfe mir! Ich kann nicht...«

Sie verkreuzte die Arme, sah zu ihm empor, dann zu Boden und grub die

Zähne in die Unterlippe ein. In ihren Zügen arbeitete ein heftiger,

innerer Kampf.

»Meine tote Mutter wird es mir vergeben,« sprach sie endlich.

»Was wollen Sie damit sagen, Paula? Worüber sinnen Sie nach?«

»Hören Sie mich an,« fuhr sie mit unbeugsamer Entschlossenheit fort.

»Ich habe oft darüber nachgedacht; denken auch Sie darüber nach. Wir

werden voneinander scheiden. Versuchen Sie es, sich darein zu schicken.

Doch wenn es Ihnen unmöglich, wenn Sie fühlen, daß Sie meiner bedürfen

zum Leben, -- dann rufen Sie mich. Ich werde warten, -- wochen-, monate-,

jahrelang, wenn es sein muß. Ich gehöre Ihnen, wenn Sie es wollen, und

ich bleibe hier, wenn Sie anders entscheiden.«

»Sie wissen nicht, was Sie reden, Paula,« sagte er und faßte sich an der

Stirn. »Es ist nicht großmütig, einen Menschen in solche Versuchung zu

führen. Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich nur einen Augenblick

schwanken könnte. Bedenken Sie ... Ihr Vater, Ihre kleine Schwester, die

Ihrer so notwendig bedarf, ... Ihr eigenes Leben, Ihre ganze Zukunft ...«

»Ich habe alles bedacht. An meinem Leben und meiner Zukunft ist wenig

gelegen. Und Vater und Toni würden mich vergessen, wie man eine Unwürdige

vergißt.«

»Sie sprechen damit Ihr Urteil aus. _Sie_, die Sie so ehrlich,

pflichtgetreu und opferwillig sind, wollten etwas begehen, was, wie Sie

selbst gestehen, unwürdig ist? Sie würden elend werden und auch mich

elend machen, wenn ich ruchlos genug wäre, Sie Ihrem Hause zu entreißen.

Wissen Sie, was Reue heißt? Sie würden es erfahren. Liebesbande, wie es

diejenigen sind, die Sie mit Ihrem Vater und Ihrer Schwester verbinden,

lassen sich nicht zerreißen. Sie würden sie immer fühlen, diese Bande,

würden sich zurücksehnen nach Ihrem reinen Familienleben, würden sich

und mich verfluchen. Nein, Paula. _Dazu_ soll es niemals kommen. Glücklich

zu werden ist uns verneint; fügen wir zum Schmerz nicht noch die Sünde

hinzu. Wir beide sind nicht schlecht geboren, ... wir könnten uns

vielleicht zum Schlechtsein zwingen, vielleicht eine Zeitlang wähnen

glücklich zu sein ... wenigstens _ich_, der ich Sie so sehr liebe ...,

dann aber würden wir erwachen und uns gänzlich verarmt finden. Sie,

Paula, die Geliebte eines katholischen Priesters, ... verachtet, verhöhnt,

ausgestoßen von allen, ... und ich an Ihrer Seite, unfähig, Sie zu

schützen, ohnmächtig gegenüber allem Spott und Hohn ... Nein! Tausendmal

nein. Für solch ein Glück danke ich.«

»Es ist gut,« sagte Paula. »Ich will Sie nicht weiter drängen. Wie

ich denke, wissen Sie. Vergessen Sie es nicht. Und wenn eine Zeit kommen

sollte, wo Sie denken wie ich, dann erinnern Sie sich, daß ich warte.«

Sie stand auf.

»Was haben Sie vor?« fragte er erschrocken und hielt sie am Kleide fest.

»Wollen Sie mich schon verlassen?«

»Ich muß. Für heute ist es genug. Vater kann jeden Augenblick kommen und

ich will, daß er mich ruhig finde, ... und so lang Sie bei mir sind ...«

Sie lächelte mühsam und streckte ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir

von dem allen nicht weiter sprechen und gelassen Abschied voneinander

nehmen, ... ja?«

Er neigte sich über ihre Hand und drückte die Lippen darauf. Jetzt wurde

es Ernst. Gott im Himmel! So schwer hatte er sich diesen Augenblick nicht

gedacht.

»Auf morgen denn,« sagte Paula.

»Auf morgen,« sprach er nach. Er war blaß wie eine Leiche. Fort, fort

von hier; keine nutzlose Verlängerung des Todeskampfes.

Eine halbe Minute später stand er auf der Straße. Der Wind peitschte

seine Kleider und fuhr ihm mit mürrischem Gruß ins Gesicht. Es war

vorüber. --

Geduldig lehnte Perkow am Fenster und wartete auf den Freund. Er sah ihn

kommen und eilte ihm entgegen.

»Schon zurück?« redete er ihn an, verstummte jedoch allsogleich. Das

Aussehen des anderen war so sonderbar ...

»Ist Dir etwas geschehen?« fragte Joachim erschreckt.

Harteck wollte antworten, vermocht' es aber nicht.

Stumm schritt er durch das Zimmer nach seiner Schlafstube und warf sich

dort auf das Bett. Der junge Priester war ihm gefolgt.

»Um Gottes willen, was hast Du nur?« fragte Joachim und beugte sich über

ihn.

Harteck stieß ihn von sich.

»Laß mich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich will schlafen.«

Ohne ein Wort zu erwidern, zog Perkow sich zurück in das Wohnzimmer,

setzte sich und starrte mit trüber Verwunderung im Gesicht auf den Boden.

Unsäglich langsam verstrich die Zeit. Der Geistliche stützte den Kopf mit

beiden Händen und dachte über den Freund nach. Es war so still, so

dunkel in der Stube, tief und ruhig atmend lag Cäsar unter dem Tische

ausgestreckt, ... der junge Mann versank in eine Art Halbschlummer. Das

Geräusch eines näher rollenden Wagens brachte ihn indessen bald wieder

zu sich; er hörte den Wagen am Tor halten, vernahm Stimmen; der Dekan und

dessen Nichte waren von ihrem Ausfluge heimgekehrt.

Harteck fuhr aus seinem dumpfen Schlaf empor.

»Ist es schon Morgen? Muß ich fort?« fragte er verwirrt. »Ich höre

einen Wagen.«

Joachim trat zu ihm hin.

»Es ist zehn Uhr,« sagte er. »Der Dekan und das Fräulein sind

zurückgekommen. Schlafe nur weiter; der Wagen geht Dich nichts an.«

Harteck seufzte und stöhnte wie ein Mensch, der physische und geistige

Qual erduldet, und fiel neuerdings auf die Kissen zurück.

»In den Kleidern schläft es sich schlecht,« sagte Joachim. »Willst Du

sie nicht ablegen? Komm, ich will Dir dabei behilflich sein.«

Georg nickte stumm und ließ sich wie ein Kind von dem Freunde auskleiden.

»Vergiß nicht, mich morgen rechtzeitig zu wecken,« sagte er dann und

schloß die Augen.

»Sei ohne Sorge.«

Joachim rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich und wachte am

Lager des Freundes. Dieser schlief bald wieder ein, doch sein Schlaf war

unruhiger Art. Um Mitternacht erwachte er.

»Juchei!«

»Was willst Du?«

»Du bist so gut, ... Ich muß Dir noch etwas sagen, Dich um etwas

bitten, ... Du wirst es mir nicht abschlagen.«

»Wenn es in meiner Macht steht, Deinen Wunsch zu erfüllen ...«

»Hier lebt ein Mädchen. Du kennst sie, ... sie heißt Paula Reinberg.

Versprich mir, freundlich gegen sie zu sein, wenn sie Dich nach mir fragen

sollte, ... ja, noch mehr, ... suche sie manchmal auf und erzähle ihr

unaufgefordert von mir ... Willst Du mir das geloben?«

»Ja,« antwortete Juchei gepreßten Tones. Jetzt war ihm alles klar.

»Dank, tausend Dank,« sagte Harteck und drückte die Hände des Freundes.

»Nun bin ich ruhig.«

Er sank in Schlaf und Juchei wachte getreulich an seiner Seite. Erst als

der Morgen zu dämmern begann und der junge Priester bemerkte, daß Georg

fest schlief, beugte sich Joachim, vom Wachen müde, auf das Bett herab und

legte den Kopf auf den Rand des Kissens. Sein Blondhaar streifte das dunkle

Gelock des Freundes, ihre Atemzüge flossen ineinander und beide schliefen

bis zum Morgen.

Joachim war es, der zuerst erwachte. Rasch machte er Toilette, suchte

Uschei auf und bat sie, in einer halben Stunde das Frühstück zu bringen

und anspannen zu lassen. Dann erst weckte er den Freund. Georg sah sehr

schlecht aus, war jedoch leidlich heiter oder stellte sich wenigstens so,

und die zwei Freunde verfügten sich in die Kirche, um dort eine heilige

Messe zu lesen. Dann kehrten sie in den Pfarrhof zurück und setzten sich

zum Frühstück nieder. Während sie damit beschäftigt waren und mehrere

Knechte das Gepäck hinaustrugen, um es hinten an dem Wagen festzubinden,

trat der Dekan in das Zimmer.

»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er, mit der Hand winkend, da die

jungen Männer sich erhoben. Harteck bot ihm einen Stuhl an. Der Dekan

setzte sich. Man mag einem Menschen noch so unhold gesinnt sein: im

Moment des Scheidens sieht man ihn immer mit milderen Augen an. Der Dekan

betrachtete das blasse, hagere Gesicht des jungen Priesters, das im fahlen

Frühlicht beinahe grau erschien, und etwas wie Mitleid regte sich in

seiner Brust. Hatte er ihn vielleicht nicht doch allzu hart beurteilt und

verurteilt? Nun aber waren die Würfel gefallen. Die leisen Selbstvorwürfe

kamen zu spät.

»Wie reisen Sie?« fragte der Dekan sich räuspernd. »Wenn ich nicht

irre, muß man einen Berg übersetzen, um nach Keßten zu gelangen.«

»Das wäre freilich der kürzeste Weg,« sagte Harteck. »Aber ich habe

meiner Bagage wegen beschlossen, um den Berg herumzufahren. Ich muß die

Fahrt im Schritt zurücklegen und werde Keßten vor dem Abend schwerlich

erreichen.«

»So, so,« sprach der Dekan. Er hätte ihm gern etwas Freundliches gesagt,

aber es fiel ihm nichts ein. »Wenn es Ihnen angenehm ist,« fuhr er nach

längerer Überlegung fort, »kann Herr Perkow Sie begleiten und morgen

mit dem Wagen hierher zurückkehren. Ich gebe ihm gern einen zweitägigen

Urlaub.«

Überraschung und Freude malten sich im Gesicht des Priesters; er stand auf

und ergriff die Hand des Prinzipals.

»Ich danke Ihnen, Herr Dekan,« sprach er mit Wärme.

»Aber bis morgen abend müssen Sie zurück sein,« sagte der Dekan

zu Perkow gewendet. »Übermorgen ist Bittgang und den müssen Sie

anführen.«

»Sie dürfen sich auf mich verlassen, gnädiger Herr,« sprach Joachim,

der sich gleichfalls erhoben hatte.

Der Dekan nickte und legte die Hand auf Hartecks Schulter.

»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und seine Stimme klang nicht ganz rein,

»und lassen Sie sich Ihre Pflichten recht angelegen sein. Der Herr gebe

Ihnen seinen Segen dazu.«

»Ich stelle mich unter seinen Schutz,« antwortete Harteck. »Leben Sie

wohl, Herr Dekan.«

Dieser entfernte sich rasch.

Uschei trat ein mit der Meldung, daß der Wagen bereit stehe.

Harteck gab auch ihr die Hand und sprach mit ihr, während Joachim, einen

Plaid und Georgs Handtasche über dem Arm, zum Wagen hinabeilte. Georg

folgte ihm bald.

»Wo ist der Pater?« fragte er, im Begriff einzusteigen.

Der Pater war nicht zu Hause. Hatte eine Pflicht ihn abgerufen oder wollte

er dem Abschied aus dem Wege gehen? Harteck zerbrach sich nicht lang den

Kopf darüber, trug Uschei auf, den Pater von ihm zu grüßen, schüttelte

die Hände des um ihn versammelten Gesindes und stieg in den Wagen. Cäsar

hatte keine Lust, ein gleiches zu tun und sprang, trotz Jucheis Pfeifen und

Locken, laut bellend vor den Pferden her.

»Mag er laufen!« sagte Harteck. »Wenn er müde ist, bequemt er sich

wohl, hereinzukommen. -- Das gnädige Fräulein schläft wahrscheinlich

noch?« wendete er sich an Uschei.

»Ja,« sagte diese.

»Vermelden Sie auch ihr meine Grüße und Empfehlungen. -- Vorwärts,

Kutscher!«

Die Pferde zogen an, die Knechte schwenkten die Mützen, die Dirnen winkten

mit den Händen und die gefühlvolle Uschei führte ihre Schürze an die

Augen. Juchei breitete den Plaid über die Kniee des Freundes, und, hart

aneinander gerückt, fuhren sie in den kühlen Morgen hinaus. Georgs Lippen

zitterten und an seinen Wimpern hingen schwere Tränen.

»Nicht weinen, Alter,« sagte Juchei bittend und schmiegte sich an ihn.

»Sieh, wie schön die Sonne hervorbricht!«

Georg schaute nach Osten.

»Ade,« sprach er leise. Wem galt dieser letzte Gruß? Joachim ahnte, wem

er gelten mochte, aber er sagte nichts und überließ den Freund seinen

Gedanken.

* * * * *

Fräulein Aurelie war an diesem Morgen bitter verstimmt. Daß Harteck fort

war, ärgerte sie nicht, wohl aber, daß sie sein Fortgehen hatte wünschen

müssen. Ein so unhöflicher, geschmackloser Mensch! Aber der neue

»Pfaff« war auch nicht besser. Harteck war doch wenigstens gutmütig

gewesen, -- aber dieser junge Lecker verstand so spöttisch zu blicken und

so herrisch zu sprechen, daß man billig staunen mußte. Dazu eine wahrhaft

empörende Gleichgültigkeit gegen -- sie ... _Das_ war es. Um sich zu

zerstreuen, unternahm das Fräulein nach dem Frühstück einen Spaziergang.

Auf dem Wege begegnete ihr Paula, die gerade vom Markte kam.

Aurelie blieb stehen, grüßte überaus höflich und erkundigte sich nach

Paulas Befinden. »Sie müssen krank sein, meine Liebe,« sagte sie mit

süßlichem Lächeln. »Sie sehen erschreckend schlecht aus, nicht anders,

als ob Sie die ganze Nacht gewacht und geweint hätten. Wahrhaftig! _so_

sehen Sie aus. Der Herr Kooperator -- oder, wie er jetzt heißt, der Herr

Vikar -- sah vorgestern ebenso aus, -- genau so schlecht wie Sie.«

Paula fühlte den Stich, gab jedoch keine Antwort.

»Sie wissen ja, daß er uns heute verlassen hat?« sprach Aurelie, noch

immer lächelnd, weiter und verwandte keinen Blick von dem Mädchen.

»Heute?« wiederholte Paula mit tonloser Stimme. »Ich dachte, ... erst

morgen ...«

»Nein, heute schon. Wußten Sie's nicht? Das nimmt mich Wunder.«

Hämisch fixierte sie das junge Mädchen, dessen farbloses, bestürztes

Gesicht jedem anderen als ihr einiges Mitleid hätte einflößen müssen.

»Er fuhr sehr früh fort,« sagte Aurelie. »Ich habe seinetwegen

meinen Schlaf natürlich nicht abbrechen wollen und seine Wegfahrt auch

verschlafen. Er ist mir immer höchst gleichgültig gewesen.«

Sie sprach diese Worte affektiert genug, -- aber Paula war zu zerstreut,

um darauf zu achten. Sie dachte bloß an ihn, der ohne Abschied von ihr

gegangen war, ... wahrscheinlich, um sie zu schonen. Darum also war er

gestern so blaß gewesen, hatte er sie so lang angesehen, so lang, als

ob er ihr Bild seiner Seele einprägen gewollt ... Er hatte ihr im Geiste

Lebewohl gesagt und sie hatte nichts geahnt.

Und aus diesem höhnischen Munde hören müssen, daß er fort! Das war

unerträglich. Sie nickte dem lächelnden Fräulein einen Gruß zu und

ließ sie stehen. Schadenfroh blickte Aurelie ihr nach. Sie wußte und

verstand nicht, was in diesem armen jungen Herzen vorging: sonst hätte

sie erröten müssen darüber, daß sie bei so tiefem, wortlosem Weh nichts

anderes empfand als hämische Schadenfreude.

* * * * *

In Keßten war man von dem Eintreffen des neuen Seelsorgers bereits

unterrichtet. Um die siebente Abendstunde langten ein paar kleine Buben

atemlos im Dorfe an, mit der Meldung, daß der Herr Vikar angefahren komme.

Wirklich tauchte auf der Heerstraße ein Wagen auf, der sich im Schritt

dem Dorfe näherte. Alles, was Beine hatte, voran die Alten, hinterher die

Jungen, eilte dem neuen Seelsorger entgegen.

»Das ist Keßten,« rief Juchei, sich von seinem Sitz erhebend; doch als

er die Leute kommen sah, setzte er sich wieder und drückte sich in die

Ecke. Die Leute sollten wissen, daß nicht _er_, sondern der Priester an

seiner Seite der Erwartete wäre.

»Es ist für unsereinen doch viel besser, auf dem Lande als in einer Stadt

zu leben,« sagt er zu Harteck. »Hier gelten wir doch etwas ... Nimm den

Hut ab, Georg, ... Deine Gemeinde ist schon ganz nahe.«

Harteck richtete sich in die Höhe und tat, was der Freund von ihm begehrte

hatte. Mit inniger Rührung sah er auf seine neue Gemeinde und sein Herz

fing beim Anblick des kleinen, armen Dorfes laut zu schlagen an. Seine

neue Heimat, -- ach! die wievielte schon!? Aber er schüttelte die

schwermütigen Gedanken rasch wieder ab; diese Menschen kamen ihm mit Liebe

entgegen, -- er wollte die sich ihm entgegenstreckenden Hände mit gleicher

Liebe erfassen.

Und näher rückte der kleine Zug, immer näher. »Grüß Gott!« ertönte

es aus alten und jungen Kehlen. Einige Mütterchen fingen zu weinen an,

-- froh vielleicht, einen Anlaß zu haben, ihren Tränen freien Lauf zu

lassen. Weiber hoben ihre Kinder in die Höhe: »Siescht[22], Seppei[23],

dös ischt der neue Herr Vikar!« Die Burschen und Dirnen grüßten mit

lachenden Augen. Der junge Vikar winkte nach allen Seiten und reichte

denjenigen, die sich besonders nah an den Wagen herandrängten, die Hand.

Im Dorfe läuteten die Glocken, barhaupt gingen Männer und Burschen neben

dem Wagen einher, die Weiberleute folgten hinten nach. Am Pfarrhof hielt

der Wagen. Harteck öffnete den Schlag und sprang heraus, dankte den

Dorfältesten, die um ihn herumstanden, für den liebevollen Empfang,

drückte noch viele von schwerer Arbeit rauhe, mit Schwielen bedeckte

Hände, schwenkte den Hut gegen das versammelte Landvolk hin und ging in

das Haus hinein.

Die Leute zerstreuten sich bald. »Ein feiner Herr und so freundlich,«

sagten einige. »Aber gar so viel blaß,« meinten andere. »Der Blonde

sieht viel lustiger aus.«

Im großen und ganzen waren sie jedoch seines Lobes voll; er hatte

jedermann gefallen.

Im Hausflur trat Harteck die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars

entgegen. Sie brach in Tränen aus, und als er sie um die Ursache ihres

Kummers befragte, sagte sie schluchzend: »Sie erinnern mich halt gar so

viel an meinen seligen Herrn ... Gerade so ein leutseliges G'schau[24] wie

Sie hat er gehabt.«

Er bat sie, sich zu beruhigen: er werde sich alle Mühe geben, ihr den

Verstorbenen zu ersetzen, und sie faßte sich auch und geleitete ihn in

das Wohnzimmer, wo der gedeckte Tisch ihn belehrte, daß er erwartet worden

war.

»Aber auf zwei Gäste haben Sie nicht gerechnet?« fragte Harteck

lächelnd. »Ist genug Essen vorhanden für mich und meinen Freund und

können Sie ihm ein Lager bereiten?«

Sie antwortete, daß sich das schon werde machen lassen, nur müßten die

Herren eben mit geringem vorlieb nehmen. Ihre Miene blieb eine bekümmerte,

in ihren Augen glänzten Tränen und alles, was sie sagte, brachte sie in

traurigem Tone vor.

»Der tote Herr will mir halt nicht aus dem Sinn,« sagte sie, sich

gleichsam entschuldigend. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme; hatte doch

Paula von ihr und für sie gesprochen. Er nahm sich vor, gut und geduldig

gegen die arme Frau zu sein.

Während diese sich anschickte, das Essen aufzutragen, besichtigten die

Geistlichen den Pfarrhof. Das Haus war allerdings armselig, die Zimmerchen

niedrig und in schlechtem Stande. Aber Georg ließ sich dadurch nicht

verstimmen, sondern sprach die Hoffnung aus, daß es ihm wohl gelingen

würde, sein kleines Besitztum wohnlich zu gestalten, und Joachim

bestärkte ihn in seiner Zuversicht. Heiterer als sie gedacht hatten,

setzten sie sich an den gedeckten Tisch und verzehrten das einfache Mahl.

Am folgenden Tag war ihre erste Sorge, in die Kirche zu gehen und die Messe

zu zelebrieren. Die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden und wohnte mit

großer Andacht der heiligen Messe bei, und als der Gottesdienst vorüber

war, kamen viele Leute in die Sakristei und begehrten mit dem neuen Vikar

zu sprechen; ein jeder hatte ein anderes Anliegen und alle wollten gehört

sein. Harteck ersuchte die Leute, nach Ablauf einer Stunde in den Pfarrhof

zu kommen, dort werde er alle Wünsche entgegennehmen, und kehrte mit

Juchei in den Pfarrhof zurück. Da nahmen sie das Frühstück ein und

plauderten eine Weile; dann stand Juchei auf und sagte, daß es Zeit für

ihn wäre, die Heimfahrt anzutreten. Harteck schloß ihn in die Arme und

Juchei hing lang an seinem Halse.

»Laß es Dir gut gehen,« sagte Juchei endlich mit schwankender Stimme,

»und schreib mir oft ...«

Er riß sich aus seinen Armen und ging rasch davon. Harteck stellte sich

ans Fenster. Er sah Juchei aus dem Hause treten und in den Wagen steigen.

»Besuche mich bald!« rief er hinunter.

»Sobald ich kann,« antwortete Juchei und erhob grüßend die Hand. Ein

stechender Schmerz durchzuckte Hartecks Brust, als jetzt der Wagen sich in

Bewegung setzte. War ihm doch, als ob die Pferde sein Einziges, das Letzte,

was das Schicksal ihm gelassen hatte, entführten. Jetzt erst fühlte er,

wie teuer und notwendig der Freund ihm war und wie einsam, wie freudlos

das neue Leben. Er trat vom Fenster zurück. Er konnte den Freund nicht

fortfahren sehen. Und drunten auf der Straße fuhr Joachim, drückte sich

in eine Ecke und zog den Hut bis auf die Augen herab, -- damit niemand die

Tränen sehe, die der Abschied vom Freunde ihm erpreßte.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 27 / 35 题