Sechzehntes Kapitel

Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die

Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten

sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst

wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in

der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein

Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt

und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem

Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater

freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula

zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die

vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte

sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde

schließen.

Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der

Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn

manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten

aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen

mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und

gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte,

weshalb die Menschen gerade so oft mit _ihr_ von dem Geschiedenen redeten.

Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer

wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und

Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten;

doch wenn es geschah, war es ein Gebet für _ihn_, ... daß Gott ihn sie

vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie

wußte, daß _diese_ Bitte nicht erfüllt werden konnte.

Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute,

als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als

aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr

gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von

ihm, -- da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da

wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß

ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um

sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie

zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in

einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt,

ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich

nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was

mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...«

»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten

Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß

sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest

Du es noch nicht verstehen.«

Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er

-- suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, -- wie eifrig er

wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf

ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider

ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen?

_Den_ hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie

sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter

Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen

hätte ... Der neue Kooperator hingegen, -- ja der, das wäre ein Mann!

Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem

solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben

immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen.

Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und

daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. _Der_

durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine

Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während _sie_ alle ihre Liebe

in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese

Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte.

Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor

demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute

um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow

erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran.

»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an.

»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob

Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat

neulich davon gesprochen ...«

Um ihr _das_ zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte

keine Lust, ihm zu helfen.

»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte.

»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen

aussprach, -- »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten

haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.«

Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm

plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ...

Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu

hören.

»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage

sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten.

Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?«

»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen

Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf.

Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr

weg, die Straße hinab.

»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen

unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so

muß ich denn =nolens volens= zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht

nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches

Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich

es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du

vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße

hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe?

Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser

Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die

Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die

Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde

auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen.

Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der

Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich

als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und

Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs

Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die

Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins

herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen

es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste

sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen.

Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde

lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich

mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern

übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und

schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die

Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts

angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich

es lieber sein.

Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt.

Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm

ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich

brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür

reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles

bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering.

Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine

Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin

und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und

jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen

Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst

sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann

ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen.

Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut

stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde

Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so

jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen.

Ich gebe sehr gern, -- aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir

versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art

Gemüsehandel getrieben, -- das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt,

ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, -- das

Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer.

Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute

sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend

etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis

verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft -- Bauern

streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu

übervorteilen --, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden

recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt

und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, -- das ist die Hauptsache.

Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, -- es gehört eine

große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich

nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe

ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr,

daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte,

daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen.

Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff.

Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft

ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die

Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß

die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die

Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber

rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen

irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus.

Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der

Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ...

das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht

mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit -- Du lieber Gott! Was alles habe

ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich

wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat.

Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt

und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das

Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig

pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter

Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als

früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu

ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir

täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das,

weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du,

daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist?

Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir

wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich

unaussprechlich nach Dir --

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 28 / 35 题