Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die
Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten
sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst
wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in
der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein
Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt
und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem
Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater
freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula
zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die
vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte
sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde
schließen.
Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der
Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn
manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten
aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen
mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und
gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte,
weshalb die Menschen gerade so oft mit _ihr_ von dem Geschiedenen redeten.
Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer
wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und
Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten;
doch wenn es geschah, war es ein Gebet für _ihn_, ... daß Gott ihn sie
vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie
wußte, daß _diese_ Bitte nicht erfüllt werden konnte.
Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute,
als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als
aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr
gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von
ihm, -- da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da
wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß
ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um
sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie
zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in
einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt,
ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich
nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was
mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...«
»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten
Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß
sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest
Du es noch nicht verstehen.«
Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er
-- suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, -- wie eifrig er
wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf
ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider
ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen?
_Den_ hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie
sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter
Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen
hätte ... Der neue Kooperator hingegen, -- ja der, das wäre ein Mann!
Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem
solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben
immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen.
Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und
daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. _Der_
durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine
Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während _sie_ alle ihre Liebe
in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese
Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte.
Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor
demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute
um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow
erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran.
»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an.
»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob
Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat
neulich davon gesprochen ...«
Um ihr _das_ zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte
keine Lust, ihm zu helfen.
»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte.
»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen
aussprach, -- »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten
haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.«
Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm
plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ...
Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu
hören.
»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme.
»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage
sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten.
Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?«
»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen
Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf.
Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr
weg, die Straße hinab.
»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen
unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so
muß ich denn =nolens volens= zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht
nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches
Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich
es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du
vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße
hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe?
Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser
Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die
Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die
Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde
auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen.
Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der
Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich
als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und
Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs
Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die
Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins
herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen
es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste
sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen.
Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde
lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich
mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern
übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und
schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die
Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts
angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich
es lieber sein.
Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt.
Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm
ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich
brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür
reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles
bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering.
Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine
Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin
und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und
jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen
Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst
sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann
ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen.
Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut
stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde
Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so
jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen.
Ich gebe sehr gern, -- aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir
versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art
Gemüsehandel getrieben, -- das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt,
ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, -- das
Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer.
Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute
sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend
etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis
verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft -- Bauern
streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu
übervorteilen --, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden
recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt
und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, -- das ist die Hauptsache.
Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, -- es gehört eine
große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich
nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe
ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr,
daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte,
daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen.
Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff.
Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft
ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die
Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß
die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die
Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber
rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen
irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus.
Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der
Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ...
das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht
mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit -- Du lieber Gott! Was alles habe
ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich
wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat.
Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt
und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das
Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig
pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter
Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als
früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu
ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir
täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das,
weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du,
daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist?
Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir
wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich
unaussprechlich nach Dir --