Harteck mußte lachen. »Ja, wenn ich so weise wäre wie Du ...«

»Ich bin nicht weise. Aber ich habe, Gott sei Dank! nicht Dein

entzündbares Temperament. Überhaupt begreife ich nicht, wie man sich

verlieben kann. Ich habe doch auch schon eine Menge hübscher Frauen und

Mädchen gesehen, ... daß aber eine, außer flüchtigem Gefallen, andere

Gefühle in mir wachgerufen hätte, ist mir nicht bekannt. Es darf nun

einmal nicht sein, und wenn man sich beizeiten vorsieht und der Versuchung

aus dem Weg geht, kann man das Übel im Keim ersticken. Mir ist die bloße

Vorstellung, der Narr einer solchen Dirne zu sein, um ihre Gunst zu betteln

und vielleicht von ihr verspottet zu werden, fürchterlich. In welche

Abhängigkeit gerät man nicht, wenn man auf die Verschwiegenheit eines

Frauenzimmers angewiesen ist! Und was für eine dumme Figur ein Geistlicher

macht, von dem die Gemeinde weiß, daß er verliebt ist, ... und solche

Dinge kommen immer an den Tag: die Weiber sind eitel und können den Mund

nicht halten. Das hast Du ja an Dir selbst erfahren.«

»Mein armes Mädchen ... Du sprichst ja wohl von Kathei? ... hat nicht

geschwatzt. Dazu hatte sie mich viel zu lieb. Die Leute haben es eben

gemerkt ... Das Mädel und ich waren zu sehr verbrannt ineinander, als daß

wir uns genügend hätten verstellen können.«

»Ich glaube wahrhaftig, Du schämst Dich nicht einmal,« rief Joachim

unwillig.

»Schämen? Nein, mein keuscher Freund; _dazu_ war die Sache zu traurig.

Aber das gestehe ich Dir gern: mein Leben würde ich gelassen haben, wenn

ich das arme Geschöpf nicht kennen gelernt hätte. Was sie gelitten hat,

wie sie beschimpft und verhöhnt worden ist, das weiß nur ich. Sie hat ihr

kurzes Liebesglück teuer bezahlen müssen ... Doch davon willst Du nichts

hören. Du siehst bloß den Fehltritt und den verurteilst Du. Was ihm

jedoch voranging, wie schwer sie rang, bevor sie Liebe für Liebe und mit

der Liebe die Ehre dahingab und was darauf folgte, ... darum bekümmerst Du

Dich nicht; das ist Nebensache, nicht der Rede wert.«

»Wie magst Du nur in einem so bitteren Ton zu mir sprechen!« sagte

Perkow. »Hältst Du mich für einen Unmenschen? Glaube mir, ich wäre der

erste gewesen, der Euch hilfreiche Hand geboten hätte, wenn ich Euch, da

Ihr im Elend wart, von Nutzen hätte sein können.«

»Wirklich?« rief Harteck und ergriff seine Hände. Er schien noch mehr

sagen zu wollen, besann sich jedoch und begnügte sich damit, daß er die

Hände des Freundes mit Wärme drückte.

»Ich will nun wieder an die Arbeit gehen,« sagte dieser. »Sonst kommt

der Abend und ich bin mit dem Packen nicht fertig.«

Die Folge bewies indessen, daß der junge Mann die übernommene Arbeit

überschätzt hatte. Als das Mittagbrot aufgetragen wurde, standen die paar

Kisten und Koffer gepackt und verschlossen da.

»Was tun wir jetzt?« fragte Perkow, als wieder abgetragen worden war.

»Wollen wir vielleicht kegeln?«

Harteck lehnte den Vorschlag ab.

»Oder ausgehen?«

»Es regnet ja ... Ich will lieber zu schlafen versuchen.«

»Auch gut. Während Du schläfst, werde ich in die Kirche gehen und

nachsehen, ob es dort nicht einiges zu tun gibt. Und dann will ich zur

Schule ... Die Kinder erhalten doch täglich Religionsunterricht?«

»Ja.«

»Leb wohl unterdessen.«

Nach zweistündiger Abwesenheit kehrte Perkow zu dem Freunde zurück und

fand diesen auf dem Bette liegend, mit geschlossenen Augen.

»Dieser Faulpelz!« murmelte Joachim vor sich hin und wollte sich

zurückziehen. Da schlug Harteck die Augen auf.

»Ich habe nicht schlafen können,« sagte er. »Bleib bei mir, Juchei.«

Perkow setzte sich auf den Rand des Bettes.

»Wie spät ist es?«

»Drei Uhr.«

»Erst drei Uhr! Dieser Tag nimmt kein Ende.«

»Soll ich Dir etwas vorlesen?« fragte Juchei.

»Meinetwegen. Was? gilt mir gleich. Wähle selber.«

Perkow holte Bücher und Zeitungen herbei und las dem Freunde daraus vor.

Auf diese Weise verstrich eine Stunde.

»Leg das Zeug beiseite,« sagte Harteck plötzlich, »und sieh nach dem

Wetter. Vielleicht hat es zu regnen aufgehört.«

Juchei trat ans Fenster.

»Es regnet nicht mehr,« sagte er.

»Dann gehen wir ins Freie,« sprach Harteck und erhob sich. »In mir ist

eine unbeschreibliche Ruhelosigkeit, ... ich kann es in dieser engen Stube

nicht länger aushalten.«

Juchei war es zufrieden und, von Cäsar begleitet, verließen die Freunde

das Haus. Trotz Nässe und Kälte schlenderten sie lange umher, und wenn

Juchei, um die zarte Gesundheit Georgs besorgt, den Vorschlag machte,

umzukehren, sagte Harteck jedesmal: »Noch nicht, ... es ist noch zu

früh.«

Eine nervöse Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er ging so rasch, als

ob er gehetzt würde; seine Wangen glühten und er atmete mit Anstrengung.

»Ich gehe keinen Schritt weiter,« erklärte Joachim endlich. »Du siehst

ganz erschöpft aus. Willst Du Dich absichtlich zugrunde richten?«

Harteck fügte sich und sie schlugen den Heimweg ein. Als sie zu Hause

anlangten, verkündete die Turmuhr die siebente Stunde.

»Willst Du nicht etwas essen?« fragte Juchei, setzte sich und betrachtete

seine mit Schmutz bespritzten Stiefel. »Ich, meinerseits, bin hungrig wie

ein Jagdhund.«

»Dann laß Dir etwas zu essen geben,« sagte Harteck. Er schritt im Zimmer

auf und ab, trat wiederholt zum Fenster hin, las zerknüllte Papiere

vom Boden auf und zerriß sie. In seinem jetzt wieder todblassen Gesicht

spiegelten sich Gefühle aller Art: Pein, Unruhe, Mißmut ... Endlich blieb

er vor dem Freunde stehen.

»Joachim ...«

»Nun?«

»Ich muß fort.«

»Wohin denn? Was hast Du vor?«

»Ich kämpfe schon den ganzen Tag. Ich habe stark bleiben, mir auch

dieses Letzte versagen wollen, ... aber ich kann nicht ... So ganz ohne

Abschied, ... nein! Das geht über meine Kräfte.«

Er griff nach seinem Hute.

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte Joachim sich erhebend. »Wovon oder von

wem sprichst Du?«

»Ich kehre bald zurück,« sagte Harteck, ohne die Frage zu beachten;

vielleicht hatte er sie nicht einmal gehört.

»Willst Du nicht den Hund mitnehmen?« fragte Perkow, der, obschon er

sich das Benehmen des anderen nicht erklären konnte, von der Ahnung eines

Unheiles erfaßt wurde. Es würde ihn beruhigt haben, wenn er wenigstens

ein Tier dem Freunde zur Seite gewußt hätte. Harteck aber sagte Nein zu

dem Vorschlag, und ehe Joachim Zeit gefunden, noch ein weiteres Wort zu

sprechen, hatte jener das Zimmer verlassen.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 26 / 35 题