Vierzehntes Kapitel

Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben

gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich

selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines

Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen

Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs

neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern

scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm

überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht

verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr

als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu

sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem

Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges:

»Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen

Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt

bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den

Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht

gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches

andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen

noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu

meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit

zu besiegen.

Am Abend fühlte er sich von dem vielen Umhergehen, Sprechen und

Abschiednehmen auf das äußerste erschöpft. Er ließ sich beim Dekan

entschuldigen: er könne am gemeinschaftlichen Mahl nicht teilnehmen, er

wäre allzu müde. Mochte der gewesene Prinzipal ihn unhöflich schelten!

Jetzt war doch alles gleichbedeutend und jeder Zwang überflüssig.

Harteck kam am folgenden Morgen später als sein Freund, der früher die

Messe gelesen hatte, in das Frühstückzimmer und traf dort bloß den

Mönch und den jungen Geistlichen an. Diese beiden schienen schon recht

gut bekannt miteinander, sie standen am Fenster, Joachim hielt ein

Zeitungsblatt in der Hand und der Mönch blickte über seine Schulter in

dasselbe.

»Ich habe für diesen Artikel große Lobsprüche geerntet,« sagte Perkow,

»sogar der Fürst-Erzbischof hat ihn gelesen und mir seine Zustimmung

ausdrücken lassen ... Das Polemisieren ist meine Passion. Sie können

sich wohl vorstellen, daß das Organ unserer Gegner dazu nicht geschwiegen

hat, ... aber ich weiß, was ich auf alle Einwürfe zu erwidern habe. Ich

bin im Recht. Den Gegenartikel trage ich bereits in der Tasche,« schloß

der junge Mann mit einem triumphierenden Lächeln und klopfte mit der Hand

auf die Brust. Jetzt erst gewahrte er den Freund.

»Guten Morgen, Georg,« sagte er.

»Guten Morgen,« sagte Harteck grüßend. »Wo sind die anderen?«

»Über Land gefahren,« berichtete der Mönch. »Sie werden erst abends

zurückkehren.«

»Desto besser!« sagte Perkow aufrichtig. »Gegen den Herrn Dekan habe

ich zwar nichts einzuwenden, aber seine Nichte, diese alte Jungfer, ist

ein unausstehliches Geschöpf. Ist sie immer so geziert und affektiert, wie

sie's gestern war?«

»Immer so,« sagte Benediktus. »Und boshaft! Davon haben Sie keinen

Begriff.«

»Das werden wir ihr austreiben,« sprach Joachim leichthin und setzte

sich. »Vorläufig aber wollen wir frühstücken.«

Der junge Pater nahm an seiner Seite Platz und heftete den Blick

unausgesetzt auf seinen blonden, sorglos und zufrieden aussehenden Nachbar.

Augenscheinlich bewunderte er ihn.

»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der

Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.«

»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt

zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel,

in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu

werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein

werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?«

»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige

Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln.

»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche.

»Keineswegs; ich meine nur ...«

»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der

Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch.

»So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein

ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen _uns_? Welche

Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man

duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt

man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen

ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht

gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten

verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles

lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte

einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre

Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie

wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand

rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die

ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen,

wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe

ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere

Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... _die_ sind es, die

der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie

katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich

zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird

aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen

dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in

das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt

wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr!

Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, -- aber sich feige

ergeben, -- das niemals!«

Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen

an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche.

»Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck,

der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein

Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte.

»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen

darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus -- teilweise

wenigstens -- nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die

Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein

und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle

spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der

Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im

Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten?

Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen

wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir

unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom

gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer

Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken.

Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns

mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der

Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie

das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und

darum mögen sie uns nicht.«

»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend

und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind

es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die

Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich

bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und

was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein,

würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer

Leitung anvertrauen.«

Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die

Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich

dachte, -- darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein

treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken.

Von _diesem_ idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber --

sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ...

alle gewiß nicht. Und ich -- ebenfalls nicht.«

Wohl war er sich bewußt, ein treuer und eifriger Diener der Kirche zu

sein, ... aber daß Ehrgeiz, Herrschlust und Eigenliebe ihm gänzlich

fremd, daß er nur die zukünftige, bessere Welt im Auge habe? So weit ging

seine Liebe zu Gott noch lange nicht. Fast beschämt blickte er vor sich

nieder und versank in Nachdenken.

»Werde ich heute abend Gelegenheit haben, das gnädige Fräulein zu

sehen?« fragte Harteck, sich an den Pater wendend. »Ich möchte doch

nicht ohne Abschied von ihr gehen.«

»Sie hat gesagt -- warum weiß ich nicht --, daß sie diesem Abschied

auszuweichen gesonnen wäre,« antwortete Benediktus.

»Dann laß die Närrin!« rief Georgs heißblütiger Freund. »Dir wird

doch nicht darum zu tun sein, noch einmal in ihre wässerigen Augen zu

schauen.«

»Ich will von aller Welt in Frieden scheiden,« versetzte Harteck. »Wie

immer auch die Menschen hier sich gegen _mich_ betragen haben, ... _ich_

will allen beweisen, daß ich keinem grolle und es mit jedem gut meinte.«

Der Mönch schlug bei diesen Worten die Augen zu Boden.

»Komm, Joachim,« sagte Harteck mit einem Blick auf den Pater. »Wir haben

noch viel zu tun.«

Die Freunde standen auf und verfügten sich in Hartecks Wohnung. Die Möbel

und das Klavier waren bereits verpackt und sollten heute schon mittels der

Eisenbahn nach Hartecks neuem Wohnort befördert werden.

»Willst Du mir beim Packen behilflich sein?« fragte Georg.

»Natürlich! Du magst die ganze Arbeit getrost _mir_ überlassen. Du

siehst ohnehin ermüdet aus. Hast Du schlecht geschlafen?«

»Es geht an. Beginne denn mit den Büchern, wenn Du so gut sein willst,

mir diese Arbeit abzunehmen ... Ich will einstweilen meine Papiere

ordnen.«

Perkow machte sich an die Arbeit und Harteck kramte in Papieren, die auf

dem Tische lagen, zerknitterte manche und warf sie auf den Boden, während

er andere wieder sorgsam aufeinander legte. Knechte traten ein, luden die

Möbel auf ihre Schultern und trugen sie hinaus. Unruhig lief Cäsar hin

und her.

»Der Hund weiß, daß wir abermals wandern müssen,« sagte Harteck. »Er

hat solchen Umzug schon mehrere Male mitgemacht und ist kein Freund davon.

Leg Dich nieder, Cäsar. Du wirst bald wieder dein wohlgeordnetes Daheim

haben, und um etwas anderes ist Dir ja nicht zu tun. _Dir_ bleibt nichts

Liebes hier zurück,« schloß er mit einem Seufzer.

»Ich habe Dir doch schon gesagt, daß ich Dich oft besuchen werde,«

sprach Joachim, auf dem Boden knieend, und tat einen Stoß Bücher in die

vor ihm stehende Kiste. »Gib mir ein Staubtuch, wenn Du eines besitzest.

Deine Bücher sind nicht im besten Stand ... Schau, wie der Staub aus den

Blättern fliegt! Diese Werke liest Du wohl selten?«

»Sehr selten.« (Es waren Bücher theologischen Inhaltes.)

»Ach! dann gib sie mir!« rief Juchei. »Ich überlasse Dir andere dafür;

ja, Georg?«

»Behalte, was Dir gefällt. Ich verlange nichts dafür. Es freut mich,

wenn ich Dir etwas schenken darf.«

»Dann danke ich schönstens,« sagte der junge Priester und legte mehrere

Werke beiseite. Das Packen ging langsam von statten. Perkow blätterte

wiederholt in den Büchern, die er für sich zurückgelegt hatte, und

vertiefte sich darein. Endlich aber wurde er doch fertig.

»Nun kommen die Wäsche und Kleider an die Reihe,« sagte er und fuhr mit

dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht. »Uff! Bei dem Packen wird

einem warm. Sollten wir uns nicht Bier bringen lassen, Georg?«

»Ich will sogleich den Auftrag dazu geben,« sagte Harteck und stand auf.

»Setz jetzt ein wenig aus. Auf dem Tisch liegt meine Zigarrentasche, wenn

Du vielleicht Lust hast zu rauchen.«

Er ging aus dem Zimmer. Juchei brannte sich eine Zigarre an und schaute,

die Hände auf dem Rücken gefaltet, zum Fenster hinaus. Es regnete leise,

aber ununterbrochen. »Hoffentlich hat er morgen zu seiner Reise besseres

Wetter,« dachte Joachim. »Dieser trostlose Regen wirkt bedrückend auf

die Nerven ein, und lustig ist der arme Kerl ohnehin nicht ... Was aber

kann ihm den Abschied von hier so schwer machen? Mit dem Dekan steht er

nicht sonderlich gut und das ist bei uns doch immer die Hauptsache.«

Georg kehrte zurück mit der Meldung, daß das Bier sofort gebracht werden

würde. Der junge Geistliche nickte und beobachtete den Freund, der sich an

den Tisch setzte und traurig vor sich hinstarrte. In diesem Augenblick

fiel Joachim auch auf, wie blaß und mager sein Gesicht war. Er ging zu dem

Freunde hin und nahm ihn bei der Hand.

»Na, Georg?« sagte er fragend. »Hast Du Deine Papiere schon in Ordnung

gebracht?«

»Ja.«

»Wohin soll ich sie legen? Zur Wäsche?«

»Wohin Du willst.« Er lehnte die Stirn an den Arm des jüngeren Kollegen.

»Ach, Joachim,« sagte er und nichts weiter.

»Nun, nun,« sagte Perkow liebreich und besorgt, »was ist Dir denn, mein

Alter?«

»Nichts,« versetzte Georg trüb. Sie verstummten eine Zeitlang. Als

sie dann die Tür gehen hörten und Uschei mit dem Bier und zwei Gläsern

eintreten sahen, richtete Harteck sich in die Höhe und zwang sich zu einem

Lächeln.

»Das war sehr schnell,« sagte er zu dem Mädchen.

»I bin recht g'rennt[21], dös is schon wahr,« sagte diese und stellte

Krug und Gläser auf den Tisch. »Sie soll'n nix über mi' z'sagen haben am

letzten Tag.«

»Ich hatte niemals etwas über Sie zu sagen,« versetzte Harteck und

ergriff ihre Hand. Joachim sah ihn und die junge Magd, die ein bißchen

geziert tat, mit zweifelhaften Blicken an.

»Was i no' sagen hab' wollen,« sprach Uschei. »Ja, richtig. Wenn die

Herren eppes heut' hier, in dem Zimmer da, essen wollen, kann's leicht

g'schehen. Der Herr Pater is weit furt gangen zu oam Kranken und ißt a

drenten. Sie zwoa sein ganz alloani dahoam, ... Sie können also essen,

wo's wollen.«

»Dann essen wir hier,« entschied Harteck und goß die Gläser voll. »Da,

nehmen Sie einen Schluck, Uschei.« Sie ergriff das dargebotene Glas und

schwenkte es lächelnd gegen Perkow hin. »Zum Wohl! Herr Kopp'ratter,«

sagte sie dabei.

»Danke,« sprach Joachim ziemlich ungerührt und stieß flüchtig mit ihr

an. Des Mädchens blühende Gestalt brachte nicht den geringsten Eindruck

auf ihn hervor. Er sah nichts anderes in ihr als eine Magd, die sich

vertraulicher benahm, als eben nötig war, -- und das war alles. Harteck

entging nicht die leise Ungeduld in den Zügen des unerschütterlichen

Freundes und er sagte zu Uschei: »Sorgen Sie nur, daß wir was Gutes zu

essen bekommen.«

»Die Herren werden scho' zufrieden sein,« antwortete Uschei, knickste und

ließ sie allein.

»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?« sagte Harteck lächelnd zu Perkow.

»O ja,« antwortete dieser gleichgültig ... »Ich verstehe nicht, wie man

sich für die Weiber so sehr interessieren kann. Sie gehen Dich nichts an.

Laß sie doch in Ruhe.«

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 25 / 35 题