Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben
gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich
selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines
Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen
Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs
neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern
scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm
überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht
verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr
als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu
sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem
Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges:
»Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen
Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt
bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den
Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht
gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches
andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen
noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu
meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit
zu besiegen.
Am Abend fühlte er sich von dem vielen Umhergehen, Sprechen und
Abschiednehmen auf das äußerste erschöpft. Er ließ sich beim Dekan
entschuldigen: er könne am gemeinschaftlichen Mahl nicht teilnehmen, er
wäre allzu müde. Mochte der gewesene Prinzipal ihn unhöflich schelten!
Jetzt war doch alles gleichbedeutend und jeder Zwang überflüssig.
Harteck kam am folgenden Morgen später als sein Freund, der früher die
Messe gelesen hatte, in das Frühstückzimmer und traf dort bloß den
Mönch und den jungen Geistlichen an. Diese beiden schienen schon recht
gut bekannt miteinander, sie standen am Fenster, Joachim hielt ein
Zeitungsblatt in der Hand und der Mönch blickte über seine Schulter in
dasselbe.
»Ich habe für diesen Artikel große Lobsprüche geerntet,« sagte Perkow,
»sogar der Fürst-Erzbischof hat ihn gelesen und mir seine Zustimmung
ausdrücken lassen ... Das Polemisieren ist meine Passion. Sie können
sich wohl vorstellen, daß das Organ unserer Gegner dazu nicht geschwiegen
hat, ... aber ich weiß, was ich auf alle Einwürfe zu erwidern habe. Ich
bin im Recht. Den Gegenartikel trage ich bereits in der Tasche,« schloß
der junge Mann mit einem triumphierenden Lächeln und klopfte mit der Hand
auf die Brust. Jetzt erst gewahrte er den Freund.
»Guten Morgen, Georg,« sagte er.
»Guten Morgen,« sagte Harteck grüßend. »Wo sind die anderen?«
»Über Land gefahren,« berichtete der Mönch. »Sie werden erst abends
zurückkehren.«
»Desto besser!« sagte Perkow aufrichtig. »Gegen den Herrn Dekan habe
ich zwar nichts einzuwenden, aber seine Nichte, diese alte Jungfer, ist
ein unausstehliches Geschöpf. Ist sie immer so geziert und affektiert, wie
sie's gestern war?«
»Immer so,« sagte Benediktus. »Und boshaft! Davon haben Sie keinen
Begriff.«
»Das werden wir ihr austreiben,« sprach Joachim leichthin und setzte
sich. »Vorläufig aber wollen wir frühstücken.«
Der junge Pater nahm an seiner Seite Platz und heftete den Blick
unausgesetzt auf seinen blonden, sorglos und zufrieden aussehenden Nachbar.
Augenscheinlich bewunderte er ihn.
»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der
Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.«
»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt
zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel,
in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu
werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein
werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?«
»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige
Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln.
»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche.
»Keineswegs; ich meine nur ...«
»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der
Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch.
»So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein
ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen _uns_? Welche
Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man
duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt
man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen
ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht
gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten
verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles
lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte
einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre
Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie
wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand
rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die
ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen,
wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe
ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere
Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... _die_ sind es, die
der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie
katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich
zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird
aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen
dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in
das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt
wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr!
Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, -- aber sich feige
ergeben, -- das niemals!«
Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen
an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche.
»Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck,
der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein
Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte.
»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen
darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus -- teilweise
wenigstens -- nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die
Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein
und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle
spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der
Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im
Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten?
Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen
wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir
unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom
gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer
Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken.
Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns
mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der
Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie
das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und
darum mögen sie uns nicht.«
»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend
und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind
es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die
Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich
bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und
was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein,
würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer
Leitung anvertrauen.«
Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die
Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich
dachte, -- darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein
treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken.
Von _diesem_ idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber --
sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ...
alle gewiß nicht. Und ich -- ebenfalls nicht.«
Wohl war er sich bewußt, ein treuer und eifriger Diener der Kirche zu
sein, ... aber daß Ehrgeiz, Herrschlust und Eigenliebe ihm gänzlich
fremd, daß er nur die zukünftige, bessere Welt im Auge habe? So weit ging
seine Liebe zu Gott noch lange nicht. Fast beschämt blickte er vor sich
nieder und versank in Nachdenken.
»Werde ich heute abend Gelegenheit haben, das gnädige Fräulein zu
sehen?« fragte Harteck, sich an den Pater wendend. »Ich möchte doch
nicht ohne Abschied von ihr gehen.«
»Sie hat gesagt -- warum weiß ich nicht --, daß sie diesem Abschied
auszuweichen gesonnen wäre,« antwortete Benediktus.
»Dann laß die Närrin!« rief Georgs heißblütiger Freund. »Dir wird
doch nicht darum zu tun sein, noch einmal in ihre wässerigen Augen zu
schauen.«
»Ich will von aller Welt in Frieden scheiden,« versetzte Harteck. »Wie
immer auch die Menschen hier sich gegen _mich_ betragen haben, ... _ich_
will allen beweisen, daß ich keinem grolle und es mit jedem gut meinte.«
Der Mönch schlug bei diesen Worten die Augen zu Boden.
»Komm, Joachim,« sagte Harteck mit einem Blick auf den Pater. »Wir haben
noch viel zu tun.«
Die Freunde standen auf und verfügten sich in Hartecks Wohnung. Die Möbel
und das Klavier waren bereits verpackt und sollten heute schon mittels der
Eisenbahn nach Hartecks neuem Wohnort befördert werden.
»Willst Du mir beim Packen behilflich sein?« fragte Georg.
»Natürlich! Du magst die ganze Arbeit getrost _mir_ überlassen. Du
siehst ohnehin ermüdet aus. Hast Du schlecht geschlafen?«
»Es geht an. Beginne denn mit den Büchern, wenn Du so gut sein willst,
mir diese Arbeit abzunehmen ... Ich will einstweilen meine Papiere
ordnen.«
Perkow machte sich an die Arbeit und Harteck kramte in Papieren, die auf
dem Tische lagen, zerknitterte manche und warf sie auf den Boden, während
er andere wieder sorgsam aufeinander legte. Knechte traten ein, luden die
Möbel auf ihre Schultern und trugen sie hinaus. Unruhig lief Cäsar hin
und her.
»Der Hund weiß, daß wir abermals wandern müssen,« sagte Harteck. »Er
hat solchen Umzug schon mehrere Male mitgemacht und ist kein Freund davon.
Leg Dich nieder, Cäsar. Du wirst bald wieder dein wohlgeordnetes Daheim
haben, und um etwas anderes ist Dir ja nicht zu tun. _Dir_ bleibt nichts
Liebes hier zurück,« schloß er mit einem Seufzer.
»Ich habe Dir doch schon gesagt, daß ich Dich oft besuchen werde,«
sprach Joachim, auf dem Boden knieend, und tat einen Stoß Bücher in die
vor ihm stehende Kiste. »Gib mir ein Staubtuch, wenn Du eines besitzest.
Deine Bücher sind nicht im besten Stand ... Schau, wie der Staub aus den
Blättern fliegt! Diese Werke liest Du wohl selten?«
»Sehr selten.« (Es waren Bücher theologischen Inhaltes.)
»Ach! dann gib sie mir!« rief Juchei. »Ich überlasse Dir andere dafür;
ja, Georg?«
»Behalte, was Dir gefällt. Ich verlange nichts dafür. Es freut mich,
wenn ich Dir etwas schenken darf.«
»Dann danke ich schönstens,« sagte der junge Priester und legte mehrere
Werke beiseite. Das Packen ging langsam von statten. Perkow blätterte
wiederholt in den Büchern, die er für sich zurückgelegt hatte, und
vertiefte sich darein. Endlich aber wurde er doch fertig.
»Nun kommen die Wäsche und Kleider an die Reihe,« sagte er und fuhr mit
dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht. »Uff! Bei dem Packen wird
einem warm. Sollten wir uns nicht Bier bringen lassen, Georg?«
»Ich will sogleich den Auftrag dazu geben,« sagte Harteck und stand auf.
»Setz jetzt ein wenig aus. Auf dem Tisch liegt meine Zigarrentasche, wenn
Du vielleicht Lust hast zu rauchen.«
Er ging aus dem Zimmer. Juchei brannte sich eine Zigarre an und schaute,
die Hände auf dem Rücken gefaltet, zum Fenster hinaus. Es regnete leise,
aber ununterbrochen. »Hoffentlich hat er morgen zu seiner Reise besseres
Wetter,« dachte Joachim. »Dieser trostlose Regen wirkt bedrückend auf
die Nerven ein, und lustig ist der arme Kerl ohnehin nicht ... Was aber
kann ihm den Abschied von hier so schwer machen? Mit dem Dekan steht er
nicht sonderlich gut und das ist bei uns doch immer die Hauptsache.«
Georg kehrte zurück mit der Meldung, daß das Bier sofort gebracht werden
würde. Der junge Geistliche nickte und beobachtete den Freund, der sich an
den Tisch setzte und traurig vor sich hinstarrte. In diesem Augenblick
fiel Joachim auch auf, wie blaß und mager sein Gesicht war. Er ging zu dem
Freunde hin und nahm ihn bei der Hand.
»Na, Georg?« sagte er fragend. »Hast Du Deine Papiere schon in Ordnung
gebracht?«
»Ja.«
»Wohin soll ich sie legen? Zur Wäsche?«
»Wohin Du willst.« Er lehnte die Stirn an den Arm des jüngeren Kollegen.
»Ach, Joachim,« sagte er und nichts weiter.
»Nun, nun,« sagte Perkow liebreich und besorgt, »was ist Dir denn, mein
Alter?«
»Nichts,« versetzte Georg trüb. Sie verstummten eine Zeitlang. Als
sie dann die Tür gehen hörten und Uschei mit dem Bier und zwei Gläsern
eintreten sahen, richtete Harteck sich in die Höhe und zwang sich zu einem
Lächeln.
»Das war sehr schnell,« sagte er zu dem Mädchen.
»I bin recht g'rennt[21], dös is schon wahr,« sagte diese und stellte
Krug und Gläser auf den Tisch. »Sie soll'n nix über mi' z'sagen haben am
letzten Tag.«
»Ich hatte niemals etwas über Sie zu sagen,« versetzte Harteck und
ergriff ihre Hand. Joachim sah ihn und die junge Magd, die ein bißchen
geziert tat, mit zweifelhaften Blicken an.
»Was i no' sagen hab' wollen,« sprach Uschei. »Ja, richtig. Wenn die
Herren eppes heut' hier, in dem Zimmer da, essen wollen, kann's leicht
g'schehen. Der Herr Pater is weit furt gangen zu oam Kranken und ißt a
drenten. Sie zwoa sein ganz alloani dahoam, ... Sie können also essen,
wo's wollen.«
»Dann essen wir hier,« entschied Harteck und goß die Gläser voll. »Da,
nehmen Sie einen Schluck, Uschei.« Sie ergriff das dargebotene Glas und
schwenkte es lächelnd gegen Perkow hin. »Zum Wohl! Herr Kopp'ratter,«
sagte sie dabei.
»Danke,« sprach Joachim ziemlich ungerührt und stieß flüchtig mit ihr
an. Des Mädchens blühende Gestalt brachte nicht den geringsten Eindruck
auf ihn hervor. Er sah nichts anderes in ihr als eine Magd, die sich
vertraulicher benahm, als eben nötig war, -- und das war alles. Harteck
entging nicht die leise Ungeduld in den Zügen des unerschütterlichen
Freundes und er sagte zu Uschei: »Sorgen Sie nur, daß wir was Gutes zu
essen bekommen.«
»Die Herren werden scho' zufrieden sein,« antwortete Uschei, knickste und
ließ sie allein.
»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?« sagte Harteck lächelnd zu Perkow.
»O ja,« antwortete dieser gleichgültig ... »Ich verstehe nicht, wie man
sich für die Weiber so sehr interessieren kann. Sie gehen Dich nichts an.
Laß sie doch in Ruhe.«