Sie sollte kommen, diese Zeit, und eher, als beide ahnten. --

Nach Ablauf einer Stunde kehrte Harteck zu Paula zurück. Er fand die

Mädchen im Wohnzimmer, Toni schrieb Schulaufgaben und Paula überwachte

sie dabei. Er setzte sich zwischen beide, legte den Arm auf die Lehne des

Stuhles, auf dem Toni saß und sah zu, wie sie schrieb.

»Störe ich?« fragte Toni mit kindlicher Unschuld. »Soll ich gehen,

Paula?«

»Nein, bleibe bei uns,« antwortete die Schwester.

Harteck blickte sie an. Das Wörtchen ›bei uns‹ rührte ihn seltsam; es

klang so vertraulich, als ob sie ihn ganz zu sich gehörend betrachtete ...

»Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?« fragte er sie.

Sie gestand ihm, daß sie in Keßten gewesen war; von den Mühen und Plagen

der Wanderung sagte sie nichts, und seine Frage, welchen Eindruck der Ort

auf sie gemacht hätte, beantwortete sie ausweichend. Sie erzählte ihm

nur, was sie in seinem neuen Hause getan hatte, zog ihr Notizbuch hervor

und nannte ihm alle jene Hausgegenstände, die noch angeschafft werden

mußten; und der Gedanke, wie ganz anders, wie schön und traulich es

wäre, wenn sie ihm als seine Hausfrau folgen könnte in das neue Heim, lag

bei diesem Wirtschaftsgespräch so nahe, daß er beiden zur gleichen Zeit

kam. Sie fühlte, daß sein Auge auf ihr ruhte, und senkte das Gesicht.

»Ich hoffe immer noch, daß nichts daraus wird,« sagte sie und blätterte

in dem Notizbuch. »Ich meine aus Ihrer Versetzung nach Keßten ... Die

Luft dort ist sehr rauh und ich fürchte, daß sie Ihnen nicht gut tun

wird ... Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie sich von meinem

Vater untersuchen ließen. Er wird Ihnen ehrlich sagen, was er von Ihrer

Gesundheit hält; und wenn er den Ausspruch täte, daß eine rauhe Luft

Ihnen nicht zuträglich sei, könnten Sie vielleicht doch noch den Versuch

machen, zu erwirken, daß Ihnen ein anderer, milderer Ort zugewiesen

werde.«

Er schüttelte das Haupt. »Dazu ist es zu spät. Auch würde es nichts

helfen. Weshalb aber beunruhigen Sie sich? Ich bin ja leidlich gesund.«

»Leidlich! Sie müssen also selbst zugeben, daß Sie nicht _ganz_ gesund

sind. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab! Sprechen Sie mit meinem

Vater!« sagte sie drängend.

»Wenn Sie es durchaus wünschen, Paula, will ich Ihnen den Gefallen

tun, ... obschon es ein wenig lächerlich ist, wenn ein gesunder Mensch aus

Furcht, daß er vielleicht krank sein _könnte_, einen Arzt konsultiert.«

»Nehmen Sie das, wie Sie wollen, ... ich bin es zufrieden, wenn Sie es

überhaupt tun.« Sie fragte ihn hierauf nach seiner Familie und ob er in

Kufstein angenehme Tage verlebt hätte, und er erzählte ihr, was er zu

berichten für passend fand, zeigte ihr die neueste Photographie seines

kleinen Neffen, die die Schwester ihm geschenkt hatte, sprach sanft und

nachsichtig von den Seinen, ohne irgendwelche Bitterkeit, und hob nur ihre

guten Eigenschaften hervor.

»Meine Mutter war ganz glücklich, mich wieder einmal die Messe lesen zu

hören,« sagte er, »und ich habe sie wiederholt gebeten, mich bald in

Keßten zu besuchen; dann kann sie dieses Vergnügen täglich haben.«

Errötend und ohne ihn anzusehen, fragte ihn Paula, ob seine Wäsche und

Kleider in gutem Stande wären und ob sie Schadhaftes vielleicht ausbessern

dürfte; es würde ihr große Freude bereiten, für seine Bequemlichkeit zu

sorgen.

Er lehnte ihr Anerbieten dankend ab. »Das alles kann meine Wirtschafterin

in Ordnung bringen,« sagte er.

Paula beschrieb ihm darauf die Frau, die sie im Pfarrhof vorgefunden hatte,

und legte ihm ans Herz, sie in seinem Hause zu behalten: sie scheine gut

und anhänglich zu sein und er würde sich gewiß bald an sie gewöhnen.

»Aber verraten Sie ihr nicht, daß Sie es auf _meine_ Bitte hin tun

wollen,« setzte Paula hinzu. »Ich sagte ihr, daß ich Ihnen gleichgültig

bin, und Sie müssen sie in diesem Glauben erhalten. _Mich_ kennt sie

nicht; was sie von mir denkt, spielt folglich keine Rolle. Aber Sie, der

Sie in Keßten leben werden, müssen achtsam sein auf Ihren guten Ruf.«

Er mußte lächeln über ihre Worte, seine Stimme jedoch klang gepreßt,

als er jetzt sagte: »Sie sind um meinen Ruf besorgt, -- um den Ihrigen

aber kümmern Sie sich nicht. Jetzt, wo Sie wissen, daß ich bald

gehe, gestatten Sie mir, täglich zu Ihnen zu kommen, weil Sie in Ihrer

Selbstlosigkeit folgern, daß es mir nun nichts mehr anhaben könne. Von

diesem Standpunkt aus haben Sie freilich recht, -- ich gehe, -- aber Sie?

Sie bleiben zurück und -- merken Sie es wohl, Paula: die Menschen werden

den Stab über Sie brechen.«

»Daran habe ich noch nicht gedacht,« schaltete sie ruhig ein.

»Aber ich! Glauben Sie mir, ... so sehr es mich in Ihre Nähe zieht und

so glücklich ich mich fühle, wenn ich Sie an meiner Seite habe, ... es

kostet mir jedesmal einen schweren Kampf, zu Ihnen zu gehen. Ich kann mir

nicht verhehlen, daß ich es bin, der Ihren Ruf untergräbt, und das macht

mich elend.«

Paula wies mit den Augen auf Toni, die verwundert aufhorchte. Er biß sich

auf die Lippe und schwieg.

»Wie hat Ihnen mein Freund gefallen?« fragte er nach einer Weile.

»Nicht sonderlich gut, wenn ich aufrichtig sein soll,« erwiderte Paula.

»Im Anfang mag er schroff scheinen; ich zweifle jedoch nicht, daß Sie ihn

lieb gewinnen werden, wenn Sie ihn näher kennen. Ich will ihn nicht allzu

sehr loben, um Sie nicht neuerdings zu erzürnen, aber ich versichere

Ihnen, daß er ein vortreffliches Herz hat. Und was mir vorzugsweise an ihm

gefällt: er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Predigen müssen

Sie ihn hören! Er ist immer so ganz bei der Sache, ist so durch und durch

Priester und würde für seinen Stand durchs Feuer gehen. Er besitzt eben

alle guten Eigenschaften, die mir abgehen.«

»Sie setzen sich immer herab,« warf Paula dazwischen. »Finden Sie die

Arroganz Ihres vielgerühmten Freundes gleichfalls bewunderungswürdig?«

»Er ist nicht arrogant, ... nur nicht biegsam oder zugänglich ...

Bedenken Sie, daß er im Waisenhause aufgewachsen ist, niemals Liebe

genossen hat, und wer selbst nie verzärtelt worden ist, verzärtelt auch

andere nicht. Mir jedoch ist er treu ergeben und einen besseren Freund

werde ich schwerlich jemals mehr finden. Das alles muß Sie doch ein klein

wenig für ihn einnehmen,« schloß er zuredend und bittend zugleich.

»Gewiß,« sagte Paula. »Wenn es ihm erwünscht ist, will ich gern mit

ihm verkehren ... Aber wird er es wollen? Ich zweifle daran.«

»Mit der Zeit, ... wer weiß? ... Er hat mich lieb und auch Sie sind mir

gut, ... der Gedanke, daß Sie beide von mir sprechen, wird mich trösten

in meiner Einsamkeit ... Und wenn Joachim mich besucht, kann er mir von

Ihnen erzählen, und er wird mir dann doppelt teuer sein ...«

Paula stieß einen Wehruf aus und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Paula!« rief der Priester erschrocken und Toni sprang auf und eilte

zu der Schwester hin -- »Paula,« -- er beugte sich über sie -- »liebe

Paula, was hab' ich Ihnen getan?«

»_Müssen_ Sie davon sprechen?« brachte sie mühsam heraus. »Haben wir

uns nicht gelobt, nie, nie den Abschied zu berühren? ... Und nun malen Sie

die Zukunft so deutlich aus ...«

Sie erhob sich, nahm Toni bei der Hand und ging, ehe er's hindern konnte,

rasch aus dem Zimmer.

Eine halbe Stunde später kam der Arzt nach Hause. Er fuhr zusammen, als

er, in das Wohnzimmer tretend, den Geistlichen am Tisch sitzen sah ...

Harteck erblickte ihn, stand auf und verbeugte sich stumm. Die Blässe und

Alteration seiner Züge entgingen dem Arzt keineswegs; aber er hatte sich

bereits gefaßt und fragte den Priester so ruhig wie möglich nach seinem

Begehr.

Mit abgerissenen Worten brachte Harteck vor, was Paula ihm zu sagen

aufgetragen hatte. Der Arzt ersuchte ihn, Rock und Weste abzulegen, und als

Harteck dem nachgekommen war, lehnte jener das Ohr an seine Brust und bat

ihn, tief Atem zu holen. Er untersuchte ihn aufmerksam, befühlte seinen

Puls und fragte ihn dann: »Husten Sie öfters?«

»Im Herbst und Frühjahr beständig. Ich erkälte mich überhaupt sehr

leicht.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein.«

»Auch nicht zwischen den Schulterblättern, wenn Sie zum Beispiel viel

gegangen sind?«

»Das ist wahr. Das hatte ich vergessen. Nach weiten Spaziergängen

oder wenn ich lang Klavier gespielt habe, empfinde ich im Rücken einen

stechenden Schmerz.«

»Hm! ... Ihre Stimme klingt umflort. Ist das Ihre natürliche Stimme?«

»Ich bin seit einiger Zeit etwas heiser.«

»Wie schlafen Sie? Geraten Sie beim Schlafen oft in Schweiß?«

»Sehr oft.«

»Rauchen Sie?«

»Nur wenig; ich vertrage das Rauchen schlecht.«

»Wahrscheinlich reizt es Sie zum Husten?«

»Ja.«

Der Arzt betrachtete seine Hände. Sie waren blaß und mager.

»An welcher Krankheit ist Ihr Vater gestorben?« fragte er dann.

»An der Lungentuberkulose.«

»War das ein Ausnahmefall, oder ist dieses Übel erblich in seiner

Familie?«

»Soviel mir bekannt ist, sind alle Verwandten meines Vaters eben dieser

Krankheit erlegen.«

»Hm!« sagte der Arzt noch einmal. »Sie müssen vorsichtig sein, sich

schonen. In Keßten soll das Klima sehr rauh sein?«

»Man sagt so.«

»Für Sie wäre es besser, wenn Sie nach Südtirol kämen ... Würde sich

das nicht machen lassen?«

»Jetzt nicht. Vielleicht später. Wenn mir der Aufenthalt in Keßten nicht

gut tut, kann ich um meine Versetzung einkommen.«

Er griff nach seinem Rock und seiner Weste; der Arzt war ihm beim Ankleiden

behilflich.

»Aber brustkrank bin ich noch nicht?« fragte Harteck und blickte dem

anderen fest in die Augen.

»Nein. Indessen darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß Sie einige Anlage

zu diesem Leiden besitzen.«

Harteck nickte wie jemand, der etwas hört, worauf er schon vorbereitet

war, und langte nach seinem Hute.

»Ich empfehle Ihnen noch einmal dringend an, auf Ihre Gesundheit acht

zu geben,« sagte der Arzt. »Dieses Übel ist heimtückischer Art und

schöpft aus allem Nahrung ... Es genügt nicht, sich körperlich zu

schonen und zu pflegen, ... auch der Geist muß frei und leicht sein.

Kummer, Unzufriedenheit, Sorgen sind die besten Förderer dieses

schleichenden Übels, sind oft verhängnisvoller als körperliche

Unvorsichtigkeiten ... Trachten Sie daher, so viel wie möglich eine

gleichmäßige, heitere oder doch ruhige Stimmung anzustreben; grübeln

Sie nicht nach, bekämpfen Sie Schwermut und Traurigkeit, beschäftigen Sie

sich stets, damit Sie keine Zeit haben, trüben Gedanken nachzuhängen und

meiden Sie alles, was Ihnen körperlich von Nachteil sein könnte; Schlaf,

kräftige Speisen, gute Luft und ein ruhiges Gemüt sind und bleiben

die besten, ja, die einzigen Mittel, um solchen Krankheitsanlagen

entgegenzuwirken.«

Er hatte bis dahin als Arzt gesprochen, ohne ein persönliches Motiv zu

berücksichtigen: unparteiisch, teilnehmend und voll Interesse, wie er es

jedem Fremden gegenüber tat, der einen ärztlichen Rat von ihm begehrte.

Doch jetzt, da er fertig war, verbeugte er sich wie verabschiedend und sah

den jungen Priester, der unbeweglich stehen blieb, mit strengem Blick an.

»Wünschen Sie noch etwas von mir?« fragte er ihn.

»Ich verlasse St. Jakob in einigen Tagen,« sagte Harteck mit unsicher

klingender Stimme, »und da ich vielleicht nicht mehr Gelegenheit haben

werde, Sie zu sehen, möchte ich Ihnen jetzt schon Adieu sagen ...«

Er streckte dem anderen die Hand entgegen. Der Arzt erfaßte sie, ließ sie

jedoch sogleich wieder fallen.

»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und wendete sich von dem Priester ab.

Dieser tat einen Schritt gegen ihn hin.

»Lassen Sie mich hoffen, daß Sie sich meiner nicht mit Haß erinnern

werden ... Ich habe schweres Leid über Ihr Haus gebracht, ... aber ich

büße hart dafür, Gott weiß es.«

Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung.

»In kurzer Zeit ist alles vorbei,« sprach Harteck weiter. »Ich gehe und

damit ist das Spiel zu Ende. Nur zu gut fühle ich, daß es in diesem

Fall keinen Mittelweg gibt: es heißt entweder alles wagen oder auf

alles verzichten. Ich wähle das zweite. Niemals werde ich Ihrer Tochter

schreiben, und wenn sie, in ihrer Güte, sich einfallen lassen sollte,

einen Brief an mich zu richten ...«

Der Arzt unterbrach ihn.

»Ich erlasse Ihnen diese Versprechungen,« sagte er. »Glauben Sie denn,

daß ich dieser Sache nicht längst schon ein Ende gesetzt haben würde,

wenn ich nicht wüßte, daß in solchen Fällen Gewalt und Zwang das Übel

nur vergrößern, anstatt es auszurotten?« Ein fürchterlich ernster Blick

war es, den er bei diesen Worten auf den Priester heftete, ein Blick, vor

dem Harteck die Augen senken mußte. »Glauben Sie, daß ich bis jetzt

geschwiegen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, in Ihnen auch

mein Kind zu treffen? Paula würde alles, was ich Ihnen gesagt hätte, als

eine persönliche Kränkung empfunden und ich würde dadurch meine Tochter

ganz verloren haben. Nein; versprechen Sie mir nichts. Paula mag tun, was

ihr gefällt; wenn sie nicht freiwillig entsagt, helfen alle Gewaltmittel

nichts. Sie gehe ihren eigenen Weg; mag sie das, was sie an mir und sich

selbst verübt, mit ihrem Gewissen ausmachen. Über das _Herz_ eines Kindes

gebietet der Vater nicht, und wenn dieses Herz durchaus unrecht tun will,

dann verlohnt es sich auch nicht der Mühe, es zurückhalten zu wollen.«

Hochaufgerichtet stand er da, als er so sprach. Harteck war zumute, als ob

der ernste, hagere Mann zu riesiger Größe emporwüchse, zu einer Größe,

neben der er zwerghaft klein erschien. Er kam sich neben dem schwer

gekränkten Vater so elend, armselig und verächtlich vor, daß er es für

eine Wohltat angesehen haben würde, wenn der Fußboden sich aufgetan und

ihn verschlungen hätte. Vorwürfe, Schmähungen, ja Mißhandlungen sogar

würde er leichter ertragen haben, als dieses kalte und stolze: Tut, was

Ihr wollt.

Der Arzt mochte erraten, was im Innern des Mannes vorging, der in der

scheuen Haltung eines Verbrechers vor ihm stand, und in seiner Brust regte

sich eine Empfindung, die an Mitleid streifte.

»Wir haben ausgesprochen, denke ich,« sagte er und trat zum Tisch hin.

»Ja,« murmelte Harteck, verneigte sich ungeschickt und verließ das

Zimmer. Er kam sich vor wie ein Dieb, dem der Bestohlene die Strafe

erläßt.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 24 / 35 题