Dreizehntes Kapitel

Am darauffolgenden Tag gefiel es dem launenhaften April ein freundliches

Gesicht zu zeigen. Toni war selig darüber und jagte, einen Reif vor sich

hertreibend, über die Gartenwege, während Paula, ein Buch in der Hand, am

Geländer stand und abwechselnd auf das Kind und auf die Straße blickte.

Alle, die vorbei kamen, grüßten sie, manche blieben stehen und sprachen

ein paar Worte mit ihr, und Paula gab allen teilnahmvolle Antwort, --

gerade so, wie sie es sonst getan. Auch der junge Schullehrer kam des Weges

einher; er zögerte, da er des Mädchens ansichtig wurde, und überlegte,

ob er sie anreden sollte oder nicht; sein Gefühl siegte, er blieb stehen

und zog errötend den Hut vom Kopfe.

Sie waren einander arg entfremdet; selten sahen sie, noch seltener sprachen

sie sich. Er hatte diese Entfremdung niemals besser gefühlt als jetzt, wo

sie ihn anblickte und seinen Gruß so höflich und gleichgültig erwiderte,

-- nicht anders, als ob sie einen wildfremden Menschen grüßte.

»Wie steht Ihr Befinden, Fräulein Paula?« fragte er unsicheren Tones.

»Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?«

»Nun, so, so.« Er bohrte seinen Spazierstock in die Erde und betrachtete

ihn scheinbar aufmerksam. »Was liegt Ihnen auch an meinem Befinden!«

In der Tat, ihr lag nicht viel daran; aber sie erwiderte: »Lassen Sie uns

friedlich bleiben, ... ich bitte Sie darum. Was gibt es Neues?«

»Nichts von Belang. Der Nachfolger des Kooperators ist gestern hier

eingetroffen. Vielleicht interessiert Sie das.«

Sie schwieg.

»Und unser geliebter Seelsorger, Herr Harteck,« fuhr er mit einer

Grimasse fort und stieß die Spitze seines Stockes heftig in den Erdboden,

»ist ebenfalls heute morgen zurückgekehrt. Doch das war Ihnen ohne

Zweifel schon bekannt.«

»Nein,« sagte Paula.

»Nicht? Das wundert mich.« Er nahm den Hut vom Kopfe und wirbelte mit den

Fingern sein Haar auf. »Die Stunde, in der dieser Herr zum Teufel geht,

wird die schönste meines Lebens sein,« sprach er und aus seiner Stimme

schlug ingrimmige Schadenfreude heraus.

Paula wendete sich zum Gehen.

»O! bleiben Sie nur!« sagte der Lehrer. »Ich bin schon wieder artig.«

-- Finsteren Blickes starrte er die Straße hinab. »Der Wolf in der

Fabel!« murmelte er. »Dieser Mensch läuft aber auch immer über meinen

Weg.«

Er bemerkte, daß Paula zusammenschrack und der Richtung seiner Augen

folgte.

»Adieu!« rief er kurz und entfernte sich mit großen Schritten.

Sie beachtete ihn nicht weiter; dachte nicht einmal mehr an ihn. Ihr Blick

ruhte unverwandt auf der näherkommenden schwarzen Gestalt. Harteck war

nicht allein. An seinem Arm hing ein junger Mann, derselbe Geistliche,

der gestern Paulas Reisegefährte gewesen war. Die beiden sprachen

angelegentlich miteinander und schienen recht heiter zu sein; der fremde

Geistliche hatte eine jugendlich klare Stimme, sprach lebhaft und lachte

manchmal lustig auf.

Paula konnte sich nicht verhehlen, daß dieser Anblick ihr wehe tat;

Eifersucht regte sich in ihrer Brust. Wer war dieser Mensch, der sich

so vertraulich auf Georgs Arm stützte, ihn so fröhlich zu stimmen

wußte? ... Sie sah den jungen Mann mit zusammengezogenen Brauen und

durchdringendem, fast feindseligem Blicke an.

Ganz in sein Gespräch vertieft, bemerkte er sie nicht. Harteck jedoch

wendete den Kopf nach dem Garten hin und entdeckte das junge Mädchen. Er

sagte seinem Begleiter etwas ins Ohr, was zur Folge hatte, daß dieser

die Augen auf Paula heftete und den Arm des anderen fahren ließ. Harteck

schritt auf Paula zu, während der Fremde in einiger Entfernung stehen

blieb und sich mit Cäsar, der auch dabei war, zu schaffen machte.

Harteck reichte dem jungen Mädchen über dem Gartenzaun die Hand, und zum

erstenmal zögerte Paula, seine Hand zu ergreifen; sie tat es am Ende doch,

wenn auch sehr flüchtig, und fragte rasch: »Wer ist der Herr?«

»Denken Sie sich diesen eigentümlichen Zufall,« sagte Harteck und

der Ton seiner Stimme wie das schwache Rot auf seinen Wangen bekundeten

freudige Erregung. »Ich habe Ihnen einige Male von einem Freunde

erzählt, ... demjenigen, den ich wartete, da er krank war, ... übrigens

habe ich bloß den _einen_ Freund ... und eben der ist bestimmt, mich hier

zu ersetzen.«

»In der Tat,« sagte Paula, »das ist ein seltsames Zusammentreffen.

Es ... es freut Sie wohl sehr, ihn wiederzusehen?«

»Sehr,« gab er arglos zu. »Er ist ein so prächtiger, lieber Mensch.«

Zärtlich sah er nach ihm hin, und der junge Geistliche, der fühlen

mochte, daß von ihm die Rede war, blickte ebenfalls auf die beiden.

»Wollen Sie, daß ich ihn Ihnen vorstelle?«

»Nein,« sagte Paula ablehnend. »Lieber ein anderes Mal.«

Sie sagte es so gereizt, daß er sie befremdet ansah.

»Was ist Ihnen?« fragte er. »Habe ich wider Willen das Unglück gehabt,

Ihnen in irgend etwas zu mißfallen?«

Worte und Ton entwaffneten sie, und sie versetzte mit kleinlauter Stimme:

»Seien Sie mir nicht böse, ... aber ich kann Ihnen nicht verschweigen,

daß es mir wehe tut, Sie so ganz erfüllt von Ihrem Freunde zu sehen, ...

und das ein paar Tage vor Ihrem Abschied von hier und ... von mir ...«

Sie kehrte das Gesicht weg.

»Wie grausam Sie sind!« entgegnete er mit plötzlichem Ernst.

»Mißgönnen Sie mir das Glück, jemanden lieb zu haben, und möchten Sie

mich lieber traurig als ein wenig gefaßt und aufgeheitert sehen?«

»Nein! O nein!« sprach sie rasch. »Aber ich sehe voraus, daß Sie sich

während dieser letzten Tage ganz Ihrem Freunde widmen, mich vollständig

vernachlässigen werden ...«

»Das denken Sie nicht,« fiel er ein. »Das können Sie nicht denken,

Paula.«

Sie glaubte ihm und fühlte sich beschämt.

»Rufen Sie Ihren Freund her, ich bitte Sie darum,« sprach sie errötend.

In seinem Gesicht prägte sich ungeschminkte Freude aus. »Juchei[20]!«

rief er sich umwendend und winkte dem jungen Geistlichen, heranzukommen.

Dieser trat grüßend auf sie zu.

»Mein Freund, Kooperator Perkow, Fräulein Reinberg,« sagte Harteck.

Der Geistliche verneigte sich abermals.

»Ich habe gestern schon das Vergnügen gehabt, das Fräulein zu sehen,«

sagte er. »Wir sind eine Strecke weit zusammen gefahren.«

»Davon hast Du mir gar nichts gesagt,« warf Harteck ein.

»Ich habe ja nicht gewußt, daß Du mit dem Fräulein bekannt bist,«

entgegnete der junge Mann. »Freilich hätte ich es mir denken können. Der

Ort ist nicht so groß, als daß nicht alle Welt einander kennen sollte.

Wohnen Sie schon längere Zeit in St. Jakob?« fragte er Paula.

Sie bejahte die Frage, und weil er sich einige Auskünfte über Land und

Leute von ihr erbat, erzählte sie ihm verschiedenes, wovon sie dachte,

daß es ihn interessieren könnte; und schließlich sprach sie den Wunsch

aus, daß es ihm hier recht gut gefallen möchte.

»Das bezweifle ich keineswegs,« sagte der junge Priester. »Es gefällt

mir hier recht wohl, die Gegend, der Ort, alles.«

»Auch der Dekan?« fragte Harteck mit einem Lächeln.

»Weshalb nicht? Wir werden uns gewiß miteinander vertragen. Übrigens war

mein früherer Prinzipal auch kein Engel.«

»Ich habe Dir schon mehrere Ratschläge erteilt,« sagte Harteck. »Durch

Erfahrung wird man klug, und ich rate Dir alles das zu befolgen, was ich

leider zu tun versäumt habe. Der Dekan will geschmeichelt sein, und seinem

Fräulein Nichte mußt Du, wenn Du Dich in ihre Gunst setzen willst, ein

wenig den Hof machen.«

»Den Hof machen?« wiederholte der andere und zuckte mit den Achseln.

»Davon verstehe ich nichts.«

Paula blickte ihn an. Sein junges, hübsches Gesicht sah sehr verständig,

aber auch sehr unverdorben aus ... Eine, man könnte fast sagen

jungfräuliche Herbheit wohnte in diesen männlichen Zügen, in diesen

kalten blauen Augen. »Daß Du davon nichts verstehst noch verstehen

willst, glaube ich Dir aufs Wort,« dachte Paula.

Toni hatte sich verstohlen genähert und stand an die große Schwester

gelehnt; in der einen Hand hielt sie den Reif, mit dem freien Arm umschlang

sie Paulas schlanken Leib und schaute den fremden Geistlichen mit ihrem

offenen Kindesblick neugierig an.

»Meine Schwester,« sagte Paula und drückte das Kind an sich. »Gib dem

Herrn die Hand, Toni.«

Lächelnd und errötend gehorchte die Kleine. Perkow blickte sie ziemlich

gleichgültig an.

»Sind Sie kein Kinderfreund?« fragte ihn Paula, etwas pikiert darüber,

daß ihr Schwesterchen so gar keinen Eindruck hervorzurufen schien.

»Ich mag Kinder wohl leiden,« versetzte der Gefragte, »vorausgesetzt

nämlich, daß sie gut erzogen sind, sich nicht unnütz machen und vor

allem gehorchen.«

»Bist Du ein solches Musterkind, Toni?« sagte Paula zu ihrem

Schwesterchen. Die Kleine drückte das Kinn an den Hals und verzog die

Lippen. Der neue geistliche Herr mißfiel ihr in hohem Grade.

»Sie scheint ein bißchen trotzig zu sein,« bemerkte dieser. »Lernt sie

brav?«

»Sie ist die beste Schülerin,« sagte Paula, »und daß sie trotzig sei,

hat bis jetzt noch niemand herausgefunden.«

Der junge Geistliche wollte etwas entgegnen, doch Harteck berührte leise

seinen Arm und bat ihn mit den Augen, zu schweigen. Eine Pause trat ein ...

Hierauf sagte Perkow: »Wir haben das Fräulein lang genug aufgehalten.

Wollen wir uns nicht verabschieden?«

»Wie es Dir gefällig ist,« sagte Harteck unzufriedenen Tones. Sie

grüßten, die Schwestern dankten schweigend, und während Perkow sich

in Bewegung setzte, blieb Harteck noch stehen und fragte Paula mit leiser

Stimme: »Gestatten Sie, daß ich heute noch einmal bei Ihnen vorspreche?«

»Wenn Sie Zeit für mich haben, ...« antwortete sie ziemlich kalt.

Er verbeugte sich stumm und eilte dem Freunde nach.

»Bist Du immer so streitlustig, wenn Du mit Frauen zu tun hast?« fragte

er, als er ihn eingeholt hatte.

»Ich? Streitsüchtig?« entgegnete Perkow mit ungeheucheltem Erstaunen.

»Du bist wohl nicht recht gescheit. Verschweigen kann ich Dir zwar nicht,

daß mir dieses Fräulein nicht gefällt. Ich liebe so ernste, blasse,

empfindliche und eingebildete Frauenzimmer keineswegs. Junge Mädchen

sollen heiter und bescheiden sein.«

»Du bist, trotz Deinen sechsundzwanzig Jahren, nicht wenig pedant,« sagte

Harteck.

»Mag sein. Das gehört übrigens zu unserem Berufe. Wohin würde der

schuldige Respekt kommen, wenn wir alle diese frauenzimmerlichen Grillen

und Launen nachsichtig oder gar wohlgefällig beurteilten? Zwischen

dem Auftreten eines Priesters und dem anderer Leute muß doch immer ein

gewisser Unterschied bestehen, ... eine Grenze, die nicht überschritten

werden darf. Jede Art von Familiarität muß streng vermieden werden. Wenn

ich schon durchaus mit Frauen verkehren soll, dann mag es mit Bäuerinnen

sein. Diese städtisch gekleideten Dorfbewohnerinnen sind mir von jeher

zuwider gewesen; sie dünken sich etwas Besonderes und wollen sich,

vermöge ihrer sogenannten Bildung, auf eine Stufe mit uns stellen, ...

und das heißt nichts. Ich bin nicht gewohnt, daß junge Mädchen ihrem

Seelsorger in so kategorischem Tone antworten, wie Dein Fräulein Reinberg

getan hat.«

Harteck schwieg auf diese Rede, sein Gesicht aber drückte Unzufriedenheit

aus.

»Ich sehe, daß meine Sprache Dir mißfällt,« sagte Perkow und hängte

sich an seinen Arm. »Lassen wir das Gespräch daher lieber fallen. Eines

jedoch muß ich Dir noch bemerken: Du weißt eben niemals, was Du in Deiner

Stellung als Priester zu tun und zu lassen hast. Das sage nicht ich allein,

sondern alle Geistlichen, die Dich kennen. Nimmermehr würdest Du in

das armselige Keßten versetzt worden sein, wenn Du Dich den allgemeinen

Ansichten besser anzupassen verstanden hättest.«

»Sehr wahr,« sagte Harteck mit einem Seufzer und ließ den Kopf hängen.

»Na, werde nicht melancholisch,« sprach der junge Geistliche tröstend

und drückte seinen Arm. »Ich will Dir täglich schreiben und Dich

besuchen, so oft ich's werde tun können.«

»Was wird Dein Prinzipal dazu sagen?« warf Harteck ein. »Du weißt, daß

er mich nicht leiden kann.«

»Mag er sagen, was ihm gefällt! Ich kann und will Dich nicht so ganz Dir

selbst überlassen. Du bist mir das Teuerste, was ich auf Erden habe. Gern

würde ich Dir jedes erlaubte Opfer bringen, wenn ich dadurch Dein

Leben erhellen könnte ... Aber leider vermag ich Dir, außer meiner

Freundschaft, nichts zu bieten.«

Harteck war versöhnt. Alles Mißliebige, was der junge Priester

gesprochen, verschwand vor diesem treuherzigen Bekenntnisse echter, warmer

Freundschaft.

»Ich danke Dir für Deine Worte,« sagte er. »Wer weiß, ob nicht die

Zeit kommen wird, wo ich größere Opfer von Dir fordern werde.«

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 23 / 35 题