Sie schaute rasch zu ihm auf. »Und ängstigt Sie das nicht?«

»Weshalb? Ich bin daran gewöhnt.«

Paula blickte wieder zur Erde. »Sind Sie schwach auf der Brust?« fragte

sie.

»Aus Ihnen spricht die Tochter des Arztes,« entgegnete er lachend. »Ich

habe allerdings empfindliche Lungen. Das ist ein Erbteil meines Vaters.«

»Ist Ihr Vater schon lange tot?«

»Seit zwanzig Jahren.«

»War er ein guter Mann? Hatten Sie ihn lieb?«

»Ich glaube, daß er ein gutmütiger Mensch war, ... wenigstens ließ er

jedermann seinen eigenen Weg wandeln.«

»Das ist viel ... Wenige Eltern können sich entschließen, ihren Kindern

volle Freiheit zu gewähren, und wenn ich etwas verabscheue, dann ist es

jede Art von Tyrannei. Hier, in unserem Dorfe, begegnet man ihr häufig ...

Eltern zwingen ihre Töchter zu einer ihnen passend scheinenden Ehe und

ziehen dabei das Glück der Kinder nicht im entferntesten in Betracht, ...

das ist Nebensache. Wenn nur der Bräutigam die nötigen Äcker und Wiesen

besitzt! ... Das ist doch ein Verbrechen, ... oder nicht?«

»Mindestens ist es eine Vermessenheit, das Schicksal anderer spielen zu

wollen. Wie aber denken Sie von den Menschen, die solchem Zwange gehorchen?

Die gelten in Ihren Augen wohl für Feiglinge?« -- Er hatte ganz ruhig

gesprochen, ... dennoch fühlte Paula, daß diese Frage nicht allgemein,

daß sie persönlich gemeint war.

»Das kommt auf die Umstände an,« erwiderte sie langsam und stand auf.

»Mir ist kalt. Ich will mit Toni nach Hause gehen.«

»Ach! Bleiben Sie noch!« bat er sie zurückhaltend. »Sehen Sie, wie Ihr

Schwesterchen sich vergnügt!«

Sie sagte weder Ja noch Nein auf seine Aufforderung, aber sie blieb.

Sie blieb ja so gern bei ihm, hätte ihn so gern vieles gefragt und ihm

mancherlei gesagt, ... aber ihr Vater, die Leute ... Wie ein Liebespaar,

das ein Stelldichein verabredet hat, standen sie nebeneinander ... Wenn

jemand sie so sähe! Sie drückte den Muff an Kinn und Mund und blickte

starr auf den Schnee.

»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Priester.

»Ihre Blässe beunruhigt mich. Ich fürchte, daß Sie sich erkältet

haben.«

Sie schüttelte den Kopf, fügte sich jedoch seinem Vorschlag. Langsam

wandelten sie die Straße auf und nieder.

»Ich bin immer gesund,« bemerkte Paula. »Vater hat uns frühe an

Abhärtungen aller Art gewöhnt.«

»Ihr Vater scheint ein vortrefflicher Mann zu sein,« sagte Harteck.

»Ja, das ist er; wie geschaffen zu dem Berufe, den er sich erwählt hat.

Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich Arzt sein oder Priester ... Diese

beiden haben den edelsten und aufopferungsvollsten Beruf auf Erden.«

Harteck ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte nichts. Paula

hingegen fuhr mit bewegter Stimme fort: »Wenn ich in der Kirche bin,

ergreift es mich oft wunderbar. Unser Kult ist so schön, so reich,

schmeichelt allen Sinnen und spricht zum Herzen ... Ich meine, daß der

ungläubigste Mensch erschüttert werden müßte, wenn er einem feierlichen

katholischen Gottesdienste beiwohnte. Am Altar zu stehen, hinter sich die

andachtsvolle Menge, dazu das Orgelspiel, der Gesang auf dem Chor und der

Weihrauchduft: katholischer Priester zu sein ist eine hohe und herrliche

Aufgabe. Die ganze Gemeinde ist seine Familie, er kann bessern, veredeln,

aufrichten, wenn er seinen Beruf mit dem Herzen ausübt, ... er kann

unsäglich viel Gutes tun in seinem Dorfe, ... und dieser Gedanke muß

beruhigend und beglückend wirken, muß über vieles hinweghelfen ...«

Noch immer blieb Harteck stumm. Weshalb sagte sie ihm das, ihm, einem

Priester? Wollte sie ihn trösten, ihn versöhnen mit dem Lose, das ihm

zugefallen war? Gutes Mädchen! Das alles hatte er sich schon tausende Male

vorgesagt, ohne daß es je ein Echo gefunden hätte in seinem Herzen.

»Warum sind Sie nicht meine Schwester!« sagte er plötzlich, -- fast

unwillkürlich.

»Ich würde mich wenigstens bemühen, Ihnen etwas zu sein,« antwortete

Paula mit dumpfer Stimme. »Wir würden uns gut vertragen, ... Sie, Vater,

Toni und ich« ... Sie brach ab und wendete das Haupt zur Seite. Der

Priester biß sich in die Lippe, um den Seufzer, der sich seinem

Herzen abrang, zurückzudrängen. Beide konnten eine Weile kein Wort

hervorbringen. Endlich fragte Harteck mit erzwungener Fassung: »Haben Sie

schon Vorbereitungen für Weihnachten getroffen?«

»Ja. Die Geschenke für Vater und Toni liegen bereit. Werden Sie die

Feiertage hier oder bei den Ihren verleben?«

»Ich bleibe hier. Zu Weihnachten gibt es in der Kirche viel zu tun,

da kann ich mich nicht entfernen. Aber ich werde an meine Leute kleine

Geschenke senden, um sie an mich zu erinnern.«

»Beschenkt man Sie ebenfalls?«

»Ja. An solchen äußerlichen Aufmerksamkeiten läßt es meine Familie

niemals fehlen.«

»Daß Ihre Mutter und Schwester Sie nicht abgöttisch lieben, begreife

ich nicht,« sagte Paula und eine dunkle Röte flammte in ihren Wangen auf.

»Sie sind ja so gut.«

»Ich weiß nicht, ob ich gut bin,« entgegnete er, das Mädchen

betrachtend, das die Erregung seltsam verschönte. »Nicht jedermann

beurteilt mich so nachsichtig, wie Sie es tun.«

Sie errötete noch tiefer und senkte vor seinem Blick die Augen. Er schaute

sie noch immer an.

»Es ist spät,« sagte Paula hastig. »Wir müssen fort, ...

wahrhaftig ... Toni, komm!«

»Gleich!« antwortete das Kind aus der Ferne.

»Bevor ich gehe, habe ich Ihnen noch etwas zu sagen, Sie um etwas zu

bitten,« sprach Paula rasch und leise.

»Und das wäre?«

»Aber Sie dürfen mich nicht mißverstehen, dürfen nicht böse

werden ...«

»Wie könnte ich? Es macht mich ja glücklich, wenn Sie irgendeinen Dienst

von mir verlangen.«

Paula holte schwer Atem und sagte mühsam: »Geloben Sie mir, daß Sie

mich kein zweites Mal ansprechen werden, wenn wir einander auf der Straße

begegnen sollten, ... es geht doch nicht an, ... mein Vater will es nicht

haben.«

In seinen Zügen prägte sich peinliche Enttäuschung aus; aber ohne ein

Wort zu erwidern, neigte er das Haupt. Paula faßte Toni, die herzugelaufen

war, an der Hand, nickte dem Priester einen stummen Gruß zu, und sie und

das Kind entfernten sich mit eiligen Schritten. Paula ging so rasch, daß

Toni Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie zupfte die Schwester am Kleide.

»Warum sind wir nicht länger geblieben, Paula?«

»Weil mir kalt war. Schau nicht zurück und komm! Der fremde Hund geht

Dich nichts an.«

Eingeschüchtert trippelte das Kind neben der großen Schwester einher.

In so strengem Tone hatte Paula noch niemals zu ihm gesprochen. »Bist Du

böse?« fragte es kleinlaut.

»Nein. Aber laß mich jetzt in Ruhe.«

Sie langten im Dorfe an und kamen an dem Pfarrhof vorbei. Fräulein

Aurelie stand hinter einem der Fenster und sah hämischen Blickes auf

das Schwesternpaar herab. »Sie kommen aus derselben Richtung, die der

ehrenwerte Herr Kooperator genommen hat,« dachte Aurelie. »Hm! ...

Wir wollen einmal abwarten, ob dieser Herr ihnen nicht in Bälde folgen

wird ...«

Ihre Vermutung bestätigte sich. Nach kaum einer Viertelstunde traf Harteck

im Pfarrhof ein. Aurelie nickte befriedigt und begab sich schnurstracks zu

ihrem Oheim.

»Ich habe mit Dir zu sprechen, Onkelchen,« sagte sie mit geheimnisvoller

Miene.

»Was gibt es denn?« fragte der Dekan. Seit einiger Zeit hatte seine

Stimmung umgeschlagen. Die Bauern krochen zu Kreuze. Die Kirche war an

jedem Sonn- und Feiertag überfüllt, die Wallfahrten zahlreich besucht und

dem Opferstock flossen reichliche Gaben zu. Diese »Kerle« wollten eine

Versöhnung herbeiführen. Der Herr Dekan spielte zwar äußerlich noch

den Beleidigten, im Innern aber dachte er schon friedlicher: er hatte die

Absicht, demnächst eine ernste, ermahnende und gleichzeitig milde Predigt

zu halten.

»Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sprach Aurelie weiter. »Ich

glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß

Dein Kooperator und Fräulein Paula Reinberg in zärtlichen Beziehungen

zueinander stehen. Soeben haben sie auf der Heerstraße ein Rendezvous

gehabt.«

Der Dekan zog die Augenbrauen in die Höhe; seine feisten Wangen wackelten.

»Bist Du dessen gewiß?« fragte er.

»So gewiß wie meiner selbst. Das ist doch eine Schande und eine

Schmach!«

»Wenn es so ist, wie Du sagst, müßte ich allerdings ein ernstes Wort mit

diesem Herrn sprechen. Aber in solchen Dingen heißt es vorsichtig sein.«

Das Fräulein nickte. Sie hatte die Absicht gehabt, im Herbst nach Wien

zurückzukehren, ihren Entschluß jedoch geändert. Auf dem Lande war es

so still und angenehm, kein Kindergeschrei, keine Stiefmutter, die

ein schiefes Gesicht zieht, wenn man, anstatt zu arbeiten, einen Roman

liest ... Außerdem verlangte die Familie nicht nach ihr. In jedem Briefe

hieß es: Bleib noch auf dem Lande, die Luft wird Dir gut tun ... Nun!

Sie sollten ihren Willen haben. Der Oheim ließ ihr völlige Freiheit,

sie verbrachte den Tag in süßem Nichtstun, aß vortrefflich und niemand

störte sie; sie durfte auch spionieren und kleine Kabalen anzetteln ...

Das lag zwar nicht in ihrer Natur und sie würde es sicherlich unterlassen

haben, wenn Georg Harteck weniger geschmacklos gewesen wäre. Sie würde

ihn -- sollte man's glauben? -- mit ihrer Freundschaft beglückt, ihn

auf seinen Spaziergängen begleitet und ihn durch ihr großstädtisches

Geplauder amüsiert haben, -- alles in Anstand und Ehren, natürlich!

Aber er hatte nicht gewollt. Dieser Narr! Dieser Geck! Sie würde ihm zu

Weihnachten eine eigenhändig verfertigte Stickerei überreicht haben, ...

aber so, wie die Dinge standen, war die Stickerei unvollendet geblieben.

»Wahrhaftig! Dieser Mensch ist sein eigener Feind!« dachte das Fräulein,

das alles überlegend.

»Was wirst Du in dieser Angelegenheit tun, Onkel?« fragte sie scheinbar

gleichgültig.

»Das weiß ich noch nicht.« Er ging zur Tür hin und öffnete sie.

»Heda! Uschei!« rief er laut.

»Was gibt's?« scholl es von unten herauf.

»Ist der Pater zu Hause?«

»Ja.«

»Ich lasse ihn bitten, zu mir zu kommen.«

Er schloß die Tür und kehrte zu seiner Nichte zurück.

Eine Minute später trat nach schüchternem Anklopfen der junge Mönch ein.

Er schien von der Anwesenheit des Fräuleins nicht sonderlich entzückt,

indessen faßte er sich schnell und fragte, was dem gnädigen Herrn zu

Diensten stehe.

»Das sollen Sie sogleich erfahren.« Der Dekan stellte sich, die Hände

auf dem Rücken gefaltet, vor den Mönch hin und fixierte ihn mit scharfen

Blicken. »Ich glaube, daß Sie mir aufrichtig ergeben sind.« (Der Pater

verneigte sich stumm.) »Oft schon habe ich mit Ihnen über den Kooperator

Harteck gesprochen und Sie wissen, daß ich sehr unzufrieden mit ihm bin.

Alles an ihm ist Grimasse. Er trägt das geistliche Kleid, aber seine

Gedanken weilen draußen bei der Welt und ihren Verlockungen, bei den

Weibern.« (Aurelie räusperte sich, der Mönch schlug die Augen nieder.)

»Ein schöner Mithelfer ist mir da gegeben worden!« fuhr der Dekan fort.

»Ebenso gut hätte man mir einen Holzklotz schicken können, ... der

würde mir dieselben Dienste leisten. Seine scheinbare Unterwürfigkeit

täuscht mich nicht. Ich weiß ja doch, daß er mir im geheimen

widerspricht und alles, was ich tue, anders machen möchte ... O! ich kenne

diesen Herrn. Keiner seiner Pfarrherren mochte ihn leiden, alle waren froh,

ihn los zu werden. Leute, die uns kritisieren und nicht unbedingt _für_

uns sind, die bloß aus Zwang gehorchen, taugen nicht für uns. Wir

brauchen tätige Menschen, die, aus welchem Grunde immer, für unsere

Sache ins Feuer gehen würden, ... nicht aber so teilnahmlose Lappen. Meine

Geduld ist erschöpft. Ich habe diesen Herrn satt bekommen. Priester

seines Schlages müssen unschädlich gemacht werden, müssen im Dunkel

verschwinden. Wie man mir schreibt, liegt der Herr Vikar von Keßten

hoffnungslos krank danieder. Das Vikariat in Keßten ist armselig und, so

zu sagen, außerhalb der Welt gelegen ... Dort wäre Herr Harteck an seinem

Platze. Der Sprengel ist klein und wird von lauter armen, stumpfsinnigen

Bauern bewohnt ... Die Geistlichen, die dorthin versetzt werden, versumpfen

mit der Zeit. Ich werde dieser Tage nach Salzburg reisen und dort den

Vorschlag machen, Herrn Harteck nach Keßten zu schicken, falls der Vikar

sterben sollte. Man versetzt solche Priester an einen der Welt entrückten

Ort und dann mag sie der Kuckuck holen. Ihre Laufbahn ist damit zu Ende und

sie mögen zusehen, wie sie mit dem Leben fertig werden. -- Was sagen Sie

zu meinem Plane?«

»Ich kann ihn nur gutheißen,« antwortete der Mönch.

»Das freut mich, denn ich möchte nicht ungerecht sein ... Ist es

wahr, daß zwischen Herrn Harteck und der Tochter unseres Arztes ein

Liebesverhältnis besteht?«

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 18 / 35 题