Neuntes Kapitel

Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten

und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den

Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen

zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und

schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte

gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie

die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem

Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie

Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten

Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich

das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer,

schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie

angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee.

»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund

liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei

still!« raunte sie ihr zu und spähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin

sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein

Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann,

der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt

erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und

schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an

ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten.

Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie

noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die

schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf

in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte

wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte

Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme,

das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich

stehen.

»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie

sind ganz blaß.«

Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, -- das

wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte

er Miene, seinen Weg fortzusetzen.

»Wohin gehen Sie?« fragte Paula mit Anstrengung.

»Ich habe kein eigentliches Ziel ... Komm her zu mir, Cäsar!« sagte er

zu dem Hunde, der die Kleider der Mädchen beroch.

»Ach, lassen Sie ihn!« bat Toni und faßte das Tier am Halsband. »Er

beißt doch nicht?«

»O nein. Wenn Du ihn glücklich machen willst, dann laß ihn Steine

apportieren. Das ist seine Passion.«

Toni las einen Stein auf und schleuderte ihn so weit sie konnte. Der

Hund stieß ein freudiges Gebell aus, rannte dem Steine nach, brachte ihn

zurück und legte ihn vor Tonis Füße. Dann stellte er sich erwartungsvoll

vor das Kind hin, scharrte mit den Hinterpfoten und bellte abermals. Toni

verstand ihn und lief, den Stein hoch in die Luft haltend, davon; der Hund

folgte ihr mit großen Sprüngen.

Paula und Harteck blickten den beiden eine Weile nach.

»Wie geht es Ihnen?« fragte der Priester endlich. »Wir sehen einander so

selten.«

»Sehr selten. Mir geht es gut. Und Ihnen? Sie husten, wie ich höre.«

»Das hat nichts zu bedeuten. In der rauhen Jahreszeit huste ich immer.«

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 17 / 35 题