Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten
und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den
Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen
zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und
schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte
gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie
die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem
Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie
Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten
Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich
das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer,
schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie
angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee.
»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund
liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei
still!« raunte sie ihr zu und spähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin
sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein
Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann,
der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt
erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und
schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an
ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten.
Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie
noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die
schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf
in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte
wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte
Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme,
das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich
stehen.
»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie
sind ganz blaß.«
Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, -- das
wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte
er Miene, seinen Weg fortzusetzen.
»Wohin gehen Sie?« fragte Paula mit Anstrengung.
»Ich habe kein eigentliches Ziel ... Komm her zu mir, Cäsar!« sagte er
zu dem Hunde, der die Kleider der Mädchen beroch.
»Ach, lassen Sie ihn!« bat Toni und faßte das Tier am Halsband. »Er
beißt doch nicht?«
»O nein. Wenn Du ihn glücklich machen willst, dann laß ihn Steine
apportieren. Das ist seine Passion.«
Toni las einen Stein auf und schleuderte ihn so weit sie konnte. Der
Hund stieß ein freudiges Gebell aus, rannte dem Steine nach, brachte ihn
zurück und legte ihn vor Tonis Füße. Dann stellte er sich erwartungsvoll
vor das Kind hin, scharrte mit den Hinterpfoten und bellte abermals. Toni
verstand ihn und lief, den Stein hoch in die Luft haltend, davon; der Hund
folgte ihr mit großen Sprüngen.
Paula und Harteck blickten den beiden eine Weile nach.
»Wie geht es Ihnen?« fragte der Priester endlich. »Wir sehen einander so
selten.«
»Sehr selten. Mir geht es gut. Und Ihnen? Sie husten, wie ich höre.«
»Das hat nichts zu bedeuten. In der rauhen Jahreszeit huste ich immer.«