Er griff nach ihrer Hand. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein.«

»Kann ich nicht irgend etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie dankbar ich

Ihnen bin, ... Tonis wegen?« fragte Paula mit stockender Stimme.

»O ja,« antwortete er. »Sie können sehr viel für mich tun; aber

nicht, um mir zu danken, sondern um mir zu zeigen, daß Sie mir eine Freude

bereiten wollen, wenn ich Sie darum bitte.«

»Was kann ich denn tun?«

»Singen Sie in der Kirche, so oft ich Hochamt halte ... Wollen Sie mir das

versprechen?«

»Ja,« sagte Paula.

»Ich danke Ihnen.« Er beugte sich auf ihre Hand herab, als ob er sie

küssen wollte. Vielleicht fiel ihm aber dabei ein, daß sich dies mit

seinem Priesterberuf nicht recht vertragen würde; er gab die Hand des

Mädchens frei, grüßte und entfernte sich. Paula schaute ihm nicht nach;

schweigend stand sie am Geländer, pflückte ein Blatt nach dem anderen

ab und ließ sie auf die Erde fallen. Erst als sie sich beim Namen

rufen hörte, machte sie eine Bewegung wie jemand, der aus einem Traum

emporfährt, strich sich mit der Hand über die Stirn und ging langsam in

das Haus hinein.

Ebenso langsamen Schrittes war Harteck zum Pfarrhof zurückgekehrt. Er

verfügte sich in den Garten, setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, unter

den Lindenbaum, faltete die Hände im Schoße und zeichnete mit dem Fuße

Figuren in den Sand. Entsagen, wieder entsagen; das alte, wohlbekannte

Lied, das er so oft schon hatte singen hören. Daß er sich noch nicht

daran gewöhnt hatte, daß er noch immer die Kraft und den Mut besaß, sich

neuen Menschen anzuschließen, Pläne zu machen; daß er nicht lang schon

jede Hoffnung auf Erfüllung großer und kleiner Wünsche aufgegeben hatte!

Er wunderte sich über die Zähigkeit seines Herzens.

Herbst war es geworden. Der traurige November hielt seinen Einzug. Entlaubt

standen die Bäume da und auf der Erde lagen die dürren Blätter. Von Zeit

zu Zeit erhob sich ein Windstoß, wirbelte die Blätter auf und spielte mit

den Haaren des jungen Priesters, der, ungeachtet der frostigen Luft, mit

unbedecktem Kopfe dasaß. Er dachte an Paula. Er hatte sich gewöhnt an

sie und sie sich an ihn, und nun war wieder alles vorbei und der schöne,

harmonische Verkehr hatte ein Ende. Wie sie ihn angesehen hatte, -- so

ernst und kummervoll, -- es tat ihr wie ihm wehe, daß es so gekommen war,

-- vielleicht bloß seinetwegen. Sie wußte ja, wie einsam er lebte, wie er

sich sehnte nach Mitgefühl und Freundschaft; sie wußte, was sie ihm

galt, und nun wird Tag um Tag verstreichen und er wird sie nicht

sprechen, vielleicht nicht einmal sehen. Ja, dieses schwarze Kleid und

die priesterliche Tonsur, -- die erforderten schwere Opfer; die hatten ihm

schon viel gekostet, -- unsäglich viel.

Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den

er im Pfarrhof noch genossen, eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und

wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um

ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein

Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif

gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig

die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie

entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch

ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch

kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter

enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß

die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich

genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem,

was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit

jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon

vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei

Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach

einem Wiedersehen, -- es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und

Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die

Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem

Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit

erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von

Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn

Berge zwischen ihnen lagen und sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn

Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm

sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen

geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden

mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den

Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen

Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit

unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt

ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten

schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen

Priester, -- Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen

Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn

ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. -- Alle betrachteten ihn

mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er,

daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner

Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das

Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte

an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben.

So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem

Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen

häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen;

schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der

Erde wölbte sich ein grauer, trüber Himmel. Die Straßen, auf denen halb

zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger

Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem

Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den

Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche

folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete

und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn

dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck

gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter.

Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur

anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch

wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie

wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah

sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier,

in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und

barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß

er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit

Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der

Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus,

wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne

jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem

Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ...

Paula hörte ihr schweigend zu und sah die kleine Schwester manchmal von

der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind

sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm,

plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im

Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe

unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten

mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der

Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen.

Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten

zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war

eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr

so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang

aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit

oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen

ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier

feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit

beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute

ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick,

der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar

dieses karge Glück!? -- Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur

getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige

Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen

wollen, -- weiter nichts. Hatte er ahnen können, daß Paula, seine

kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose

Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem

Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um

so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten?

Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr

und sie -- behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht

zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen

gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich

seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine

Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht,

weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er

fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln.

Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden

Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen,

auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte

fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula

achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher,

als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine

schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht

und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu

sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals.

Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden

im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet, Konzerte,

Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft

dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus

dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür

noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn

der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte,

antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut

unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt

hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich

an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende

Antwort von ihren Lippen zu vernehmen.

Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß

ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!?

In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum

Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses -- Menschen

zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf

unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte

diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte

tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines

Hauses langsam untergrub.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 16 / 35 题