Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander
gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer
Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei
geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den
Tisch und stand auf.
»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule
kann Montag wieder eröffnet werden.«
»Und Toni?« fragte Paula.
»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon
zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise
wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der
Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der
Schule sehen und sprechen.«
Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte
dann die Augen.
»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in
unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche
müssen wieder ein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein
Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.«
»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre
Lippen zuckten verächtlich.
»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der
Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern
sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.«
»Von wem hast Du das gehört?«
»Von verschiedenen Personen.«
»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie
jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier
wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer
Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt
blickte das junge Mädchen staunend an.
»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich
falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf
gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen,
auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür;
aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht
daraus.«
Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen:
»Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.«
»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich
vorhin nach Hause kam, schaute ich von der Straße aus zufällig zu Deinem
Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du
blicktest zu Boden und er auf Dich, -- wie eben ein Mann ein junges
Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...«
»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören
dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in
den Schoß.
»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde
die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und
einem dreißigjährigen Priester glauben?«
»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.«
Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und
ab.
»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er
endlich.
»Wir _sind_ einig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche
nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines
möchte ich Dich bitten: sag _Du_ ihm, was Du ihm sagen willst, daß er
nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.«
Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück.
»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu
haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange
und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren.
»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe
diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber
denken wirst.«
Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, -- so
eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal
war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen
eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß
aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester
nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht
gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen
hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos
wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander
innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch
nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und
damit suchte er sich zu trösten.
Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur:
»Wird der Kooperator heute kommen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula.
»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?«
»Zwischen fünf und sechs Uhr.«
»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.«
Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen
kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine
Schülerin mache.
»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird
sie, wie die anderen, die Schule besuchen. Verwöhnen Sie das Kind nicht
allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni
glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei,
um deren Befinden sich alle Welt kümmert.«
»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der
junge Mann bestürzt.
Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten:
»Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ
sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer.
Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er,
unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig
entfernte.
»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt,
als Paula wieder in das Zimmer trat.
»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und
schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches
Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus
nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden.
Ich will kein Gerede wachrufen.«
Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt
oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.
Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig
erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre.
Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im
Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu,
wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er
jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder
gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als
sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm
so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und
griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon:
man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.
»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr
bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als
sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz
des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen
umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich
Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«
Der Geistliche schüttelte das Haupt.
»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte
er.
»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm
die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit
freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück.
Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer
und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht
vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen
tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.
Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er
den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula.
Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe,
zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen,
die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie
mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob
plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete
er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu,
stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander
trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide
nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den
Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.
»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich.
»Geschah das auf _Ihren_ Wunsch?«
Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die
des jungen Mädchens.
»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit,
die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich
habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht.
Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die
alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefunden
haben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.«