Achtes Kapitel

Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander

gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer

Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei

geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den

Tisch und stand auf.

»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule

kann Montag wieder eröffnet werden.«

»Und Toni?« fragte Paula.

»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon

zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise

wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der

Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der

Schule sehen und sprechen.«

Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte

dann die Augen.

»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in

unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche

müssen wieder ein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein

Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.«

»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre

Lippen zuckten verächtlich.

»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der

Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern

sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.«

»Von wem hast Du das gehört?«

»Von verschiedenen Personen.«

»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie

jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier

wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer

Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt

blickte das junge Mädchen staunend an.

»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich

falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf

gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen,

auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür;

aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht

daraus.«

Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen:

»Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.«

»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich

vorhin nach Hause kam, schaute ich von der Straße aus zufällig zu Deinem

Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du

blicktest zu Boden und er auf Dich, -- wie eben ein Mann ein junges

Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...«

»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören

dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in

den Schoß.

»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde

die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und

einem dreißigjährigen Priester glauben?«

»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.«

Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und

ab.

»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er

endlich.

»Wir _sind_ einig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche

nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines

möchte ich Dich bitten: sag _Du_ ihm, was Du ihm sagen willst, daß er

nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.«

Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück.

»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu

haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange

und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren.

»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe

diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber

denken wirst.«

Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, -- so

eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal

war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen

eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß

aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester

nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht

gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen

hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos

wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander

innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch

nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und

damit suchte er sich zu trösten.

Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur:

»Wird der Kooperator heute kommen?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula.

»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?«

»Zwischen fünf und sechs Uhr.«

»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.«

Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen

kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine

Schülerin mache.

»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird

sie, wie die anderen, die Schule besuchen. Verwöhnen Sie das Kind nicht

allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni

glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei,

um deren Befinden sich alle Welt kümmert.«

»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der

junge Mann bestürzt.

Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten:

»Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ

sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer.

Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er,

unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig

entfernte.

»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt,

als Paula wieder in das Zimmer trat.

»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und

schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches

Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus

nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden.

Ich will kein Gerede wachrufen.«

Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt

oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.

Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig

erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre.

Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im

Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu,

wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er

jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder

gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als

sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm

so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und

griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon:

man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.

»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr

bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als

sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz

des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen

umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich

Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«

Der Geistliche schüttelte das Haupt.

»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte

er.

»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm

die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit

freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück.

Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer

und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht

vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen

tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.

Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er

den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula.

Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe,

zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen,

die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie

mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob

plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete

er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu,

stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander

trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide

nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den

Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.

»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich.

»Geschah das auf _Ihren_ Wunsch?«

Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die

des jungen Mädchens.

»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit,

die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich

habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht.

Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die

alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefunden

haben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.«

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 15 / 35 题