Siebentes Kapitel

Wenige Tage später wurde die Schule geschlossen. Der Scharlach grassierte

im Dorfe und den umliegenden Ortschaften. Ein Kind war der Krankheit

bereits erlegen.

»Hier wird es mit jedem Tage angenehmer,« dachte Fräulein Aurelie,

die am Fenster stand, und drückte ihr gelbes Gesichtchen an die Scheibe.

»Ansteckende Krankheiten und immerwährend schlechtes Wetter ... Wie

es heute wieder regnet! Und dieser Kooperator läuft beständig im Regen

herum ... Da ist er schon wieder, er und sein liebenswürdiger Hund. Jetzt

bleibt er stehen. Natürlich! Kommt doch seine Auserwählte, die Uschei,

des Weges. Mit der hat er immer etwas zu verhandeln. O diese Geistlichen!

Alle haben einen so gemeinen Geschmack und geben sich mit Köchinnen und

Mägden ab ... =Fi donc!=«

Harteck stand, nicht ahnend, daß er beobachtet wurde, in der Tat vor dem

Hause und sprach mit der jungen Magd. Ein sehr harmloses Gespräch war es,

das er führte: er fragte sie, ob es im Dorfe nichts Neues gebe, ob nicht

vielleicht abermals ein Kind erkrankt wäre?

»Ja, heut' nacht is wieder über ein's der Scharlach kimma,« antwortete

Uschei. »Die kloan Toni vom Herrn Doktor is sehr krank.«

Harteck zuckte zusammen. Sein Herzblatt, sein süßer, schöner Liebling

schwer krank!

»Von wem haben Sie das gehört?« fragte er mit entfärbtem Gesichte.

»Vom Herrn Lehrer. Der hat das Kind g'sehen und g'sagt, daß' eahm

schlecht geht.«

»Wirklich,« murmelte Harteck und ging halb abwesend weiter. Wie teuer

ihm das Kind war, fühlte er jetzt. Und allsogleich malte er sich die Lage

Paulas aus ... In welcher Sorge mochte die sein um die kleine Schwester!

Wenn Toni stürbe --? Ihm schwindelte bei diesem Gedanken. Er suchte

den Lehrer auf. Dieser wußte ihm nichts Tröstliches zu berichten. Die

Krankheit trete sehr heftig auf; man müsse auf alles gefaßt sein.

»Und wie erträgt Tonis Schwester diesen Schlag?« fragte Harteck.

»O! Fräulein Paula ist wie immer, ... stark und ruhig; spricht beinahe

nichts und weicht nicht von dem Kinde. Aber schlecht sieht sie aus, ... zum

Erbarmen. Ich will nachmittags wieder hinübergehen, ... vielleicht kann

ich dort von einigem Nutzen sein. Aufrichtig gesagt, mir bangt um Paula

beinahe mehr noch als um das Kind.«

»Mir ebenfalls,« sagte Harteck. Er hatte Paulas kaltes Betragen gegen

ihn vergessen. Sie hatte ja nicht wissen können, daß ihr Gesang ihn so

mächtig ergriffen und ihn gleichsam hingezogen hatte zu ihr. Und mußte

eine törichte Empfindlichkeit angesichts so großen Leides nicht zu Staub

zerfallen? Er fühlte mit Paula, als ob er ihr Bruder wäre. Warum stand er

ihr so ferne, warum durfte er sie nicht trösten und stützen und ihr das

Kind pflegen helfen? Dieser Lehrer, der ihr am Ende auch bloß ein

Fremder war, hatte das Recht in ihr Haus zu gehen, das Kind zu sehen, sich

dienstbar zu erweisen, ... _er_ nicht. Er mußte sich mit Mitteilungen aus

dritter Hand begnügen. Wie verwünschte er die feindselige Stellung, die

der Dekan gegenüber seiner Gemeinde einnahm und die folglich auch _ihn_

von allen Dorfbewohnern schied! Er verzehrte sich in Angst und Sorge um

das Kind. Oft, oft ging er am Hause des Arztes vorbei, spähte nach den

Fenstern, näherte sich der Schwelle und stand wieder still ... Er hatte da

drinnen nichts zu suchen; niemand erwartete ihn, niemand begehrte nach

ihm. Einmal erblickte er Paula am Fenster. Abend war es; das junge Mädchen

öffnete das Fenster, beugte sich heraus und schaute zum grauen Himmel

empor. Wie traurig verändert sie war, so blaß, um die Augen dunkle

Ringe, im Gesicht einen müden, zerquälten Ausdruck. Ihr Anblick tat ihm

unsäglich wehe. Schon stand er im Begriff, seine Scheu zu überwinden und

Paula anzusprechen, ... da zog sie sich zurück und schloß das Fenster.

Welcher Jammer mochte da drinnen wohnen! Und machtlos zuschauen müssen,

nicht einmal sein Mitgefühl zeigen dürfen, ... das war doch bitter.

Tag um Tag verstrich. Durch den Lehrer erhielt Harteck Nachricht über

Tonis Befinden; in einer Nacht war sie dem Tode nahe gewesen, endlich aber

trat eine Besserung ein. Das Kind war, wenn auch sehr entkräftet, doch

außer Gefahr.

Eines Abends war Harteck allein zu Hause. Draußen regnete es, wie

gewöhnlich. Beschäftigungslos saß der junge Mann auf seinem Bett und

unterhielt sich damit, daß er seinen Cäsar an den Ohren zog und den Hund

dadurch zum Bellen brachte. Da klopfte es an seine Tür. Rasch erhob er

sich, um aufzumachen. Auf der Schwelle stand Uschei und in der Nähe eine

andere, dunkelgekleidete Gestalt. Er erkannte auf den ersten Blick, daß

es Paula war. Ihr unvermuteter Anblick erschreckte ihn. Was führte sie zu

ihm? War Toni schlechter geworden und kam die Schwester zu dem Priester, um

ihn an das Sterbebett des Kindes zu holen? Doch nein; das war unmöglich.

In diesem Falle würde Paula die Kleine nicht verlassen, würde jemand

anderen geschickt haben ... Mit fragendem Blick näherte er sich dem jungen

Mädchen.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. Aus ihrer Stimme

klang eine unterdrückte Aufregung, eine gewisse Beklemmung, ... sie atmete

rasch. »Ich komme auf die Bitte meiner kleinen Schwester zu Ihnen.

Sie wünscht, Sie zu sehen. Sie war so krank und fühlt sich jetzt so

schwach, ... ich mußte ihrem Verlangen nachgeben. Sie will beichten, ...

das arme Kind, das nichts begangen hat ...«

Die Stimme versagte ihr, sie preßte wie trotzig die Lippen zusammen und

wandte das Gesicht ab. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme. Weshalb

war sie so erregt? Fürchtete sie sich oder war ihr der Wunsch des Kindes

peinlich? Das mochte es sein.

»Soll ich sogleich kommen?« fragte er sie sanft.

Ohne ihn anzusehen, nickte sie mit dem Kopfe.

Er griff nach seinem Hute.

»Ich bin bereit,« sagte er, ging voran und Paula folgte ihm schweigend;

sie verließen den Pfarrhof und schritten, ohne ein Wort zu sprechen, durch

die finstere Straße; Paula hielt den Blick zur Erde geheftet und ging sehr

langsam. Sie schien etwas sagen zu wollen, jedoch das rechte Wort nicht zu

finden ...

Er mißdeutete ihr Zögern und nahm es für eine Anwandlung körperlicher

Schwäche.

»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« fragte er sie. »Sie können sich

kaum auf den Füßen halten.«

»Ich danke Ihnen,« antwortete Paula fast unhörbar. »_Das_ ist es

nicht ...«

»Was sonst?« fragte er und blickte sie an.

Sie blieb stumm. Wie hätte sie ihm auch erklären können, was sie

beunruhigte! Dazu gebrach es ihr an Mut ... Paula war fromm, aber nicht in

der Art, wie der Dekan es verlangte. Sie beichtete selten und betete daheim

ebenso gern wie in der Kirche; sie blieb den Wallfahrten und Prozessionen

fern, ging jeder Schaustellung der Frömmigkeit absichtlich aus dem

Wege ... Der Dekan war ihr deshalb nicht wohlwollend gesinnt, das wußte

sie. Nun bangte ihr für Toni. Diese Priester, diese familienlosen,

einsamen Menschen sind oft so rücksichtslos ... Das Kind hatte dringend

nach seinem Religionslehrer verlangt; ihm diese Bitte abzuschlagen, war

unmöglich gewesen. Wie aber, wenn dieser Priester ein Finsterling wäre?

Wenn er das Kind ängstigte, ihm vom Tode vorredete? Das war es, was Paula

fürchtete; darum war sie auch selbst gegangen, ihn zu holen ... Sie hatte

ihn bitten wollen, die Kleine nicht zu quälen, ihr die Todesgedanken,

die Angst vor der Hölle, die das arme, geschwächte Kind bedrückten,

auszureden, ... und nun hatte sie nicht den Mut, ihm das zu sagen. Er war

ihr fremd. Wer weiß, ob er ihr die Bitte, die im Grunde genommen nichts

anderes war als ein Vorschreiben dessen, was er zu tun habe, nicht übel

nehmen würde! Er sah zwar weder hart noch finster aus, -- aber einem

Priester zu diktieren, wie er sich einem Kranken gegenüber zu betragen

habe, wäre doch ein außergewöhnliches Wagnis gewesen. Paula zögerte

immer noch und wußte nicht, was sie tun sollte.

Da stand das Haus. Nun war es vorbei. Paula öffnete das Tor und bat den

Geistlichen einzutreten. Einige Augenblicke kämpfte sie noch mit

sich, wollte sprechen; doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken.

Schweigend führte sie den Gast die Treppe hinan nach dem Zimmer, in dem

die kleine Kranke lag. Neben dem Bettchen des Kindes stand ein Nachttisch

und auf diesem eine Lampe. Das Kind saß aufrecht im Bette, auf der Decke

lag ein Gebetbuch, um die abgemagerten Fingerchen hatte Toni die Perlen

eines Rosenkranzes geschlungen. Das blasse, veränderte Gesicht des Kindes

drückte feierlichen Ernst aus und seine jetzt beinah unheimlich großen

Augen leuchteten in fieberhaftem Glanz.

»Da bringe ich Deinen Lehrer,« sagte Paula mit erzwungenem Lächeln.

Toni nickte stumm. Sie wagte nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen. Mit

scheuer Ehrfurcht blickte sie zu dem Priester auf.

Harteck trug einen Stuhl zu dem Bette, setzte sich und beugte sich auf das

Kind herab.

»Warum so ernst?« fragte er und küßte es auf die Stirn. »Bin ich Dir

in der kurzen Zeit so fremd geworden?«

»Ich will beichten,« flüsterte die arme Kleine.

»Das kannst Du ja tun, ... aber ohne Furcht. Komm, gib mir die Hand.«

Leise entwand er ihren Fingern den Rosenkranz und behielt die kleine Hand

in der seinen. »Nun sag, was Du mir zu sagen hast.« Er neigte sich nach

vorne und näherte das Ohr den Lippen des Kindes. Toni begann zu flüstern.

Paula stand abseits am Fenster und beobachtete die beiden. Ihre Besorgnis

war zu Ende ... Dieser Mann würde ihren Liebling nicht ängstigen, das

wußte sie nun. Er hatte das Kind angeschaut, so zärtlich und mitleidig,

hatte es so liebevoll geküßt und in einem so sanften Ton zu ihm

gesprochen. Nein, von dem war nichts zu befürchten. Zum ersten Mal

betrachtete ihn Paula mit Teilnahme und Aufmerksamkeit. Ihr forschender

Blick glitt über seine schlanke, schmalschultrige Gestalt, über die

mageren Männerhände, in denen die weichen Finger des Kindes ruhten; glitt

über sein Haupt mit dem dunklen Haar, aus dem die Tonsur hervorleuchtete,

über sein blasses, feines Profil ... Sein Gesicht hatte einen

eigentümlich leidenden Ausdruck, der sich jedoch rasch verlor, wenn der

Priester sprach oder lächelte; Paula glaubte ein schöneres, gütigeres

Lächeln niemals gesehen zu haben. Auf dem Kinn, den Wangen und über dem

Munde des Mannes zeigten sich die dunklen Spuren des wegrasierten Bartes.

Die starke Gebirgsluft hatte sein Gesicht nicht gerötet, nur stark

gebräunt; bloß die Stirn, in die das Haar hing, war sehr bleich; die Nase

leicht gebogen; um die Lippen und in den nicht großen, dunklen Augen lag

etwas, das auf allerhand schließen ließ ... Dieser Mann mußte schon

mancherlei erfahren, erlitten und überwunden haben ... Paula dachte

wenigstens so. Wie hatten sie ihn so falsch beurteilen können? Ein so

warmes Auge ist doch immer der Widerschein eines warmen Herzens ... Paula

begriff jetzt nicht, wie sie von ihm Schlimmes zu erwarten vermocht hatte.

Die Beichte der kleinen Toni war rasch beendet. Das Kind hatte nicht viel

zu sagen und der Beichtiger wenig zu ermahnen. Ein paar gütige Lehren

erteilte er der Kleinen, gab ihr die Absolution und sprach dann von anderen

Dingen: daß sie trachten müsse, bald wieder ganz gesund zu werden, daß

sie brav essen und viel schlafen und guten Mutes sein solle, dann werde sie

in kurzer Zeit wieder vollkommen hergestellt sein. Er bat Paula hierauf um

ein Erzählungsbuch und las dem Kinde einige Geschichten daraus vor, und

als er dann bemerkte, daß die Kleine den Kopf müde auf das Kissen sinken

ließ, fragte er sie, ob sie schläfrig wäre.

»Nein, o nein,« antwortete das Kind.

»Das werden wir sogleich erproben,« versetzte er. »Verhalte Dich einige

Minuten lang ganz ruhig. Wenn Du dann noch nicht eingeschlafen bist, will

ich Dir eine neue Geschichte vorlesen. Ist es Dir so recht?«

Sie sagte ja dazu und schloß die Augen. Nach einer kurzen Weile war sie in

Schlaf gesunken. Der Priester betrachtete sie, küßte ihre Händchen und

stand auf.

»Sie schläft,« sagte er gedämpften Tones zu Paula, ergriff die Lampe

und stellte sie auf den Ofen, so daß die Kleine im Halbdunkel lag. Dann

grüßte er das junge Mädchen und wollte sich entfernen. Paula machte eine

Bewegung nach ihm hin.

»Herr Kooperator ...«

Er stand still. Sie trat auf ihn zu.

»Ich danke Ihnen, ... ich danke Ihnen herzlich,« sagte sie leise und

demütig.

Er schaute in ihr bewegtes Gesicht und ihre großen, wundersamen Augen, die

ihn wie reuevoll anblickten, und entgegnete:

»Wofür danken Sie mir?«

»Sie waren so gut gegen das Kind ...«

»Das ist doch kein Verdienst, ... ich habe Ihre kleine Schwester sehr

lieb.«

Paula senkte die Augen.

»Ich muß Sie auch um Verzeihung bitten,« sagte sie.

»Mich?«

»Ja. Wenn ich jemandem -- und wäre es auch nur im Geiste -- unrecht tat,

quält mich das so lange, bis ich es eingestanden habe. Ich glaubte ... ich

fürchtete, daß Sie anders sein, daß Sie Toni ... ängstigen würden, ...

manche Priester halten es für ihre Pflicht, kranke Menschen auf den Tod

hinzuweisen und machen selbst bei Kindern keine Ausnahme, ... ich habe mich

in Ihnen geirrt. Bitte, vergeben Sie mir.«

Er sah vor sich nieder.

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,« erwiderte er. »Dieses Vorurteil

gegen meinen Stand mag ein begründetes sein, ... ich weiß es nicht.«

Er schwieg ein paar Augenblicke und Paula stand während der kurzen Stille

ziemlich unbehaglich vor ihm; dann sagte er: »Sie haben eine schwere Zeit

durchgemacht. Die Kleine war recht schlimm, wie mir erzählt wurde.«

»Sehr schlimm. Als ich erkannte, daß sie den Scharlach hätte, glaubte

ich umsinken zu müssen. Solang man niemand Teuren hat sterben sehen,

glaubt man nicht recht an den Tod; man weiß zwar, daß alle Menschen

sterben müssen, aber man denkt niemals ernsthaft darüber nach ...

Ich jedoch habe schon erfahren, was verlieren heißt. Was Vater und ich

ausgestanden haben in der Nacht, wo wir meinten, daß Toni sterben würde,

kann ich mit Worten nicht wiedergeben, ... wir weinten nicht, wir standen

da wie Bildsäulen und starrten das Kind an, ... es war fürchterlich ...«

Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn und warf einen Blick voll Liebe auf

die schlafende Kleine. »Gott sei Dank! ich habe sie noch!« murmelte sie

dabei und faltete die Hände. Der Priester sah sie mit Rührung an. Bei

ihrem Anblick kam ihm unwillkürlich die Gottesmutter in den Sinn. Auch

Paula war rein und liebevoll, war Jungfrau und Mutter zugleich ...

»Darf ich Sie wieder holen lassen, wenn Toni abermals nach Ihnen verlangen

sollte?« fragte ihn Paula und sah ihm bittend ins Auge.

»Ist dazu erst eine Erlaubnis nötig?« erwiderte er ein wenig gekränkt.

»Ich sagte Ihnen doch, daß ich die Kleine sehr lieb hätte ...«

Nach diesen Worten nahm er Abschied von Paula und verließ sie.

Toni war außer sich, ihn bei ihrem Erwachen nicht mehr zu finden. Nur das

Versprechen, daß er morgen wiederkommen würde, vermochte das erregte Kind

halbwegs zu beruhigen. Bald darauf kam der Arzt nach Hause und brachte den

jungen Schullehrer mit. Dieser wollte sich nach Tonis Befinden erkundigen.

Die Kleine behandelte ihn höchst ungnädig. Er sprach so lebhaft, machte

so viele Gesten, war so zärtlich gegen sie, -- das alles regte sie auf.

Dem Vater erzählte sie, daß ihr Religionslehrer dagewesen wäre, welche

Mitteilung Herrn Stettner nicht angenehm zu berühren schien.

»Was hatte der Pfaff hier zu suchen?« fragte er Paula, die, über eine

Handarbeit gebeugt, am Bette saß.

»Von wem sprechen Sie?« entgegnete Paula, ohne aufzublicken.

»Nun, ... vom Kooperator.«

»Ach so. -- Toni begehrte ihn zu sehen.«

»Wird er wiederkommen?«

»Ja. Das Kind will es so haben.«

Er zerdrückte seinen Künstlerhut in den Händen und durchmaß die Stube

mit großen Schritten.

»Das gefällt mir nicht,« sagte er, endlich vor Paula stehend bleibend.

»Sie sollten das nicht angehen lassen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil« ... er fuhr mit den Fingern durch sein langes Haar ... »weil ich

den Umgang mit Priestern für unnütz und schädlich halte ... Toni wird

noch eine Betschwester werden.«

Paula mußte lachen. »Lassen Sie doch Ihren Hut in Ruhe,« sagte sie.

»Sie werden ihn verderben. Sind Sie vielleicht eifersüchtig?«

»Ja,« antwortete er, trotzig wie ein Kind. »Toni hat diesen -- Herrn

viel lieber als mich. Das verdrießt mich.«

»Er weiß sie auch besser zu behandeln als Sie, ... er ist so sanft, seine

Nähe wirkt so beruhigend ... Das kann man Ihnen nicht nachrühmen.«

»Er ist, mit einem Wort, ein Engel,« sagte der Lehrer bitter und

höhnisch.

Paula sah ihn mit ihren ernsten Augen strafend an.

»Sie ärgern sich über alles, was man sagt,« erwiderte sie. »Ich werde

künftighin in Ihrer Gesellschaft ganz stumm bleiben.«

Er bat sie um Entschuldigung; er habe es nicht böse gemeint. Sein Gesicht

aber blieb finster und er ging sehr bald wieder fort.

Harteck kam in der Tat am nächsten und auch an den folgenden Tagen.

Toni hatte darum gebeten und ihrem Wunsche mußte nachgegeben werden. Der

Geistliche hielt sich niemals lange auf, höchstens eine Stunde, plauderte

mit dem Kinde, erzählte ihm Geschichten oder las ihm vor und brachte ihm

täglich etwas: Spielzeug, Naschwerk, Heiligenbildchen oder sonst eine

Kleinigkeit. Paula zog sich gewöhnlich in ihre Fensternische zurück,

beschäftigte sich mit einer Näherei und horchte auf das, was der Priester

und das Kind zusammen sprachen. Sie selbst sagte fast nichts, aber sie nahm

im Geiste teil an dem Gespräche, lächelte manchmal, legte die Arbeit in

den Schoß und schaute den jungen Priester gedankenvoll an. Einmal fragte

sie ihn, ob er jüngere Geschwister hätte.

»Leider nicht,« gab er zur Antwort. »Wenn ich welche besäße und einmal

Pfarrer wäre, müßten alle zu mir kommen. Ich bete die Kinder an.«

»Haben Sie Aussicht, bald Pfarrer zu werden?« fragte Paula.

»Nicht die geringste und ich freue mich darüber. Ich bin sehr gern

hier.«

Paula sagte nichts darauf, aber auch sie war froh über diese Mitteilung.

Wenigstens würde er noch längere Zeit am Orte bleiben.

Sie dachte viel über ihn nach. Gleich allen jenen, die sich wenig mit sich

selbst beschäftigen, sann sie gern über die Menschen nach, mit denen sie

verkehrte. Über Harteck konnte sie sich noch kein Urteil bilden, denn,

wenn er nicht gefragt wurde, sprach er niemals von sich selbst; er besaß

überhaupt ein sehr gleichmäßiges Temperament. Paula hätte gern gewußt,

ob er sich mit dem Dekan und den übrigen Bewohnern des Pfarrhofes gut

vertrage; sie wünschte es seinetwegen; am Ende waren diese die einzigen

Menschen, mit denen er vertraulicheren Umgang pflegen durfte. Sie lenkte

einmal das Gespräch auf den Dekan, das Fräulein und den Mönch, erhielt

jedoch nur ungenügende Auskunft über das, was sie zu wissen begehrte.

Der junge Priester sagte bloß, daß er allen diesen Personen noch ziemlich

fremd gegenüberstehe und daß es mit der Zeit wohl anders werden würde;

aber er urteilte über niemanden, wie er überhaupt höchst selten bei

Menschen oder Dingen verweilte, die auch nur im entferntesten an seinen

Beruf erinnerten.

Manchmal, wenn Toni ungeduldig fragte, ob denn ihr geistlicher Freund

noch immer nicht käme, stellte Paula sich ans Fenster und wartete sein

Eintreffen ab. Da bemerkte sie auch mehr als einmal, daß sein Gesicht

einen verdüsterten Ausdruck hatte, jenen eigentümlichen, zergrämten

Ausdruck, der sich den Zügen derjenigen einzuprägen pflegt, die ein

geheim gehaltenes Leid in der Brust tragen. Jedoch wenn er ins Zimmer trat,

sie begrüßte, mit ihr und der Kleinen sprach, verlor sich dieser Ausdruck

wieder und Harteck sagte auch nie ein Wort, das hätte vermuten lassen,

daß er sich nicht glücklich fühlte. -- Ob er jemanden liebte? Er hatte

doch ein warmes, liebebedürftiges Herz; würde er sonst die kleine Toni

so lieb haben können? Wen aber liebte er? Er sprach nie von jemandem, von

keinem Freunde, keinem Verwandten. Stand er denn ganz allein? Eines Tages

entschloß sich Paula, ihn um seine Familie zu befragen, ob er noch eine

hätte und wo sie lebte.

»In Kufstein wohnen meine Leute,« antwortete er. »Mein Vater ist seit

langem tot. Aber meine Mutter und Schwester leben noch.«

»Besuchen Sie Ihre Familie manchmal?«

»Sehr selten. Wir sind einander entfremdet. Sehen Sie, Fräulein,« fuhr

er nach einer augenblicklichen Stille fort, »diese Entfremdung von der

Familie ist eine notwendige Folge der Erziehung, die wir genießen. Ich

hatte meine Mutter und besonders meine Schwester sehr lieb, solang ich

bei ihnen lebte, und die Trennung vom Hause fiel mir sehr schwer. Ich war

trostlos, wenn die Vakanzen, die ich daheim verbrachte, zu Ende waren und

ich zurück mußte ins Seminar. Mit den Jahren aber wurde es anders. Die

Herzensbildung spielt beim Kleriker insofern eine untergeordnete Rolle, als

man ihn im Seminar nichts anderes lehrt, als daß er für die Kirche und

deren Interessen zu wirken habe. Wir durften niemals das tun, wozu

wir gerade Lust hatten, mußten auf Befehl lernen, lesen, beten,

spazierengehen, mußten unsere Neigungen unbeugsamen Gesetzen unterordnen,

und bei einer so soldatischen Dressur wird man -- wenn auch nicht hart --

so doch gleichgültig. Ich fand das Leben im Seminar oft recht schwer und

traurig. Mich verlangte allein zu sein, zu träumen, zu schweigen, mich

diesem oder jenem meiner Studiengenossen anzuschließen, ... aber allem und

jedem setzte sich ein unerbittliches Nein entgegen. Wir durften immer

nur scharenweise oder im besten Falle zu dreien ausgehen, damit keine

Freundschaft zwischen zweien der Zöglinge entstehe, und an unsere Familie

war uns nur selten zu schreiben gestattet; und selbst dann wußten wir

nicht, ob nicht unsere Briefe gelesen würden, bevor sie an ihre Adresse

abgingen. Auf diese Weise lösen sich langsam alle Bande, die uns an unsere

Familie knüpfen, und wir verlernen zu lieben, -- im einzelnen wenigstens.

Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um mich zu beklagen. Es ist ganz in

der Ordnung so, -- man muß den Priester auf das einsame Leben, das

ihm bevorsteht, frühzeitig vorbereiten. Ich wollte mich nur vor Ihnen

rechtfertigen darüber, daß ich so gleichgültig von meiner Familie

sprach.«

»_Ein_ Gutes bringt eine so strenge Erziehung unfehlbar mit

sich,« bemerkte Paula. »Sie lehrt eine sehr schwierige Tugend: die

Selbstbeherrschung.«

Da er ihr keine Antwort gab, fragte Paula ablenkend: »Haben Sie unter

Ihren Berufsgenossen niemals einen Freund gefunden?«

»O doch!« versetzte er. »Einen wohl: an dem Pfarrort, wo ich lebte,

bevor ich hierher versetzt wurde. Er ist noch sehr jung und hat erst vor

kurzem die Weihen empfangen. Ich freute mich jedesmal, wenn ich ihn ansah,

er ist so jugendfroh und arbeitsfreudig, so eifrig und gutherzig, ... ein

prächtiger Mensch, mit einem Worte. Eine Zeitlang war er sehr krank und

ich pflegte ihn und das brachte uns einander so nahe. Der arme Junge! Er

wollte recht stark scheinen, als ich scheiden mußte, sprach in einem fort

und lachte, obwohl Tränen in seinen Augen standen, ... und plötzlich fiel

er mir um den Hals und schluchzte: ›Ich kann Dich nicht verlieren! Das

ist ja nicht möglich!‹ ... Und ich mußte ihn noch beruhigen und mir war

doch selber schwer zumute ...«

Er brach ab, trat zum Fenster hin und blickte zum Himmel auf.

»Es fängt schon wieder zu regnen an,« sagte er. Seine Stimme klang

verschleiert. Paula folgte ihm. Sie standen nahe nebeneinander, ihr Kleid

streifte das seine. Gern hätte sie ihm etwas Liebreiches, Tröstendes

gesagt, ... ihr Blick hing an seinem aufwärts gekehrten, traurigen Gesicht

und schüchtern fragte sie: »Kommt er nicht manchmal zu Ihnen oder Sie zu

ihm?«

Stumm schüttelte er den Kopf und sah eine Weile trübe vor sich hin. Dann

ermannte er sich, strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte das

junge Mädchen, das ihn noch immer ansah, freundlich an.

»Beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen,« sagte er. »Finden und

verlieren ist eben Menschenlos und muß getragen werden. Komm her, Toni!«

rief er sich umwendend und nahm das Kind, das nunmehr beinahe vollständig

gesund war und sich ihnen genähert hatte, auf den Arm. »Du bist jetzt

mein kleiner Freund, nicht wahr?«

»Ja, ich und Paula,« sagte Toni. Er lachte und stellte die Kleine wieder

auf den Boden. Dabei warf er einen Blick auf Paula, die noch am Fenster

stand und mit einem etwas unzufriedenen Gesicht auf die Straße sah. Diese

ärgerliche Miene kleidete sie sehr gut. Ihre Wangen waren röter als

gewöhnlich und zwischen ihren Brauen lag eine zornige Falte. Sie glättete

mit der Hand ihr Haar und strich es hinter die kleinen heißen Ohren

zurück, -- augenscheinlich wollte sie irgend etwas tun, um dem Blicke des

jungen Mannes nicht begegnen zu müssen. Harteck trat an ihre Seite und

fragte mit halblauter Stimme: »Weshalb sind Sie so böse? Verdrießt es

Sie im Ernste, daß Ihre Schwester Sie für meine Freundin hält?«

»O nein! Das verdrießt mich nicht,« versetzte Paula ohne ihn anzusehen,

»wohl aber, daß Toni so unbesonnen schwatzt, ... nicht anders, als ob sie

solche und ähnliche Dinge von mir hörte ...«

»Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist,« entgegnete er

besänftigend. »Lassen Sie keine Mißstimmung -- und wäre es auch nur

eine momentane und geringfügige -- zwischen uns eintreten, Fräulein

Paula. Ich komme sehr gern hierher, hier fühle ich mich wohl und wie zu

Hause, ich habe Toni sehr lieb und -- auch Sie,« sagte er mit einigem

Zögern. »Sie sind die einzigen Menschen im Dorfe, an deren Umgang mir

gelegen ist: lassen Sie mir daher die Freude zu glauben, daß auch _Sie_

mir freundlich gesinnt seien ... Ich werde darum noch immer nicht anmaßend

werden.«

»Ich habe auch nicht gesagt,« begann Paula, stockte jedoch und blickte

nach der Tür. Der Arzt trat ein. Unwillkürlich, ohne etwas dabei zu

denken, entfernte sich Harteck einige Schritte weit von Paula; der Arzt

begrüßte ihn mit der ihm eigenen Zurückhaltung, reichte Paula, die ihm

entgegenging, die Hand und streichelte Tonis Haar. Er und der Priester

kannten einander wenig. Um die Stunde, wo Harteck in das Haus kam, war der

Arzt meistens in Geschäften abwesend, und außerhalb des Hauses suchte

einer den anderen nicht auf.

»Toni muß zu Bett,« sagte der Arzt auf die Uhr blickend. »Es ist schon

spät.«

Harteck nahm diese Worte für einen Wink, daß er gehen sollte; er

wechselte noch ein paar Reden mit dem Arzte und verabschiedete sich

dann. Herr Reinberg begleitete ihn bis an das Tor und kehrte darauf

gedankenvollen Antlitzes zu den beiden Mädchen zurück.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 14 / 35 题