Sechstes Kapitel

Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern

strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten

sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der

zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich

zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich

bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr

selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine

Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr

Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in

den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden.

Mißvergnügt über die Stimmung, die in dem Volke Platz gegriffen hatte,

schlenderte der junge Schullehrer der Kirche zu. Seit einigen Wochen

fühlte er, daß seine mühsam errungene Popularität in bedenklicher Weise

abnahm. Er war ein »Liberaler«, hatte einiges dazu beigetragen, um die

Kluft zwischen den Bauern und dem Dekan zu erweitern, und das nahmen ihm

die Leute jetzt übel; besonders die Frauen. »Mit diesem Volk ist nichts

anzufangen,« dachte er verdrießlich. »Immer kehren sie auf halbem Wege

wieder um. Die Furcht vor der Hölle bannt sie stets aufs neue in den

Zauberkreis von Rom. Da ist nichts zu machen.«

Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf, denn er sah die kleine Toni,

festlich gekleidet, ihr Gebetbüchlein in der Hand, des Weges einherkommen.

»Guten Morgen, Toni,« sagte er und küßte sie trotz ihrem Widerstreben.

»Wie geht es Dir? Bist Du schlechter Laune?«

»Nein,« antwortete das Kind. »Aber ich mag das Küssen nicht leiden.«

Toni wußte, daß der Lehrer um ihre Gunst buhlte, und das machte sie

verwegen. Er ließ sich ja doch alles gefallen, ... ihn durfte sie ganz

ohne Zeremonie behandeln.

»Wo bleibt Deine Schwester?« fuhr er fort.

»Sie wird später kommen. Jetzt hat sie im Hause zu tun.«

»Und Du? Willst Du die ganze Predigt anhören?«

»Ja. Sie nicht?«

»Nein, mein Kind. Ich gehe lieber ein wenig spazieren. Komm mit mir und

laß die Predigt Predigt sein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich will den Herrn Katecheten nicht böse

machen.«

Fritz Stettner runzelte die Stirn. Dieser Katechet fing an, ihm nachgerade

unangenehm zu werden. Toni sprach so oft von ihm, schwärmte für ihn,

verehrte ihn, ... des Lehrers Herz empfand Groll und Eifersucht.

»Sag' mir, Toni ...«

Das Kind hörte ihn nicht einmal. Seine Augen späheten nach dem Pfarrhof

und das Blut stieg ihm in die Wangen. »Da kommt er!« flüsterte es

aufgeregt.

Georg Harteck trat aus dem Pfarrhof und näherte sich ihnen. Er trug den

schwarzen Priestertalar, sein Haupt war unbedeckt und zur Erde gesenkt. Er

bemerkte die beiden nicht.

»Herr Katechet!« rief Toni ein wenig schüchtern.

Er hemmte den Schritt, erblickte das Kind und seine Züge heiterten sich

auf. Toni näherte sich ihm mit verlegener kindlicher Grazie, das Köpfchen

auf die rechte Schulter geneigt, in den Augen und auf den Lippen ein

Lächeln.

»Gehen Sie in die Kirche, Herr Katechet?« fragte sie, seine Hand

küssend.

»Ja. Ich zelebriere heute das Hochamt.«

»Ach! Das ist gescheit! Ich werde so andächtig sein, o! so

andächtig ...«

»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.«

»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort.

»Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu.

»Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!«

Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln.

In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! _Ihn_

behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester

wäre! Aber so, ... was konnte er machen?

»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt

fängt schon an.«

Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam

niedergeschlagenen Augen.

»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer.

»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der

junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon.

Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem

Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat _er_ doch das

nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung,

die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula

käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten

Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein

Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein

sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige

Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber

beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das

Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit =poudre de riz=

bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des

Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf

ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen

und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges

Räuspern ertönen: »Hm! hm!«

Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin.

»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an

_sehr_ interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken

darf man ja was und woran man will.«

Er war gar nicht rot geworden. Das Fräulein stand vor ihm, nickend,

kichernd, mit schalkhaft erhobenem Zeigefinger. Harteck zwang sich zu einem

Lächeln.

»Sie sind heute gut gelaunt, gnädiges Fräulein,« sagte er.

»Nur äußerlich,« antwortete sie mit einem Seufzer und blickte ihr

Gebetbuch an. »Ich will nun in die Kirche gehen und beten, ... um den

inneren Frieden will ich bitten.«

»Tun Sie das,« sagte er zerstreut.

»Erwarten Sie jemanden?« fragte sie, von dem stimmungsvollen Tone

plötzlich in einen gereizt klingenden übergehend.

»Weshalb diese Frage?«

»Nun, -- so. Sie sehen danach aus. Ich will Sie nicht länger stören,

hochwürdiger Herr,« sagte sie pikiert.

»Aber, mein Fräulein ...«

»Schon gut, schon gut, mein Herr. Ich _bedauere_ Sie gestört zu haben,«

schloß sie mit Emphase und ging in die Kirche hinein.

»Was hat sie nur?« dachte Harteck. »War ich schon wieder unhöflich?«

Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein

Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb

abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander

sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen

war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung

sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie

ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit

ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der

Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel

besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie

diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie

konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben?

Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen

Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen

lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder

beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig,

redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu

wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf.

»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht

anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,«

hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?«

»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er

hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick

genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke,

sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich

unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein

Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine,

ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie

dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der

schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war.

»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich!

Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.«

Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden.

Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, -- heute freute er sich auf die

Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt.

Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme

ertönte, -- so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so

weit besser geschult und seelenvoller, -- da durchrieselte die Glieder des

jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis

für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in

der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte

er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame

Befriedigung, wenn unmittelbar auf _seine_ Stimme der Gesang des Mädchens

einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne

gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, -- aber

das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und

Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine

Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser

belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob

Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich

in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen

Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein,

Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden

und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen;

er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn

entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß

sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht

würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf

einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch

nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie.

Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester

und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare

entgegen, -- die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten

ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen;

sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den

Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte

nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble

Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und

die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand,

vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, -- er

nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause.

Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm

schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die

Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und

Schwester; die konnte er auch später lesen.

»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen.

»Im Garten.«

Gut, daß er das hörte. Er hatte die Absicht gehabt, nach dem Frühstück

in den Garten zu gehen; jetzt aber ließ er den Plan hurtig fahren.

»Sie sollten Ihren Hund jedesmal, wenn Sie fortgehen, sorgfältig

einschließen,« sagte der Pater. »Er hat sich schon wieder mit dem

Hofhund gerauft. Der Herr Dekan war darüber sehr aufgebracht.«

»Ist meinem Hunde etwas geschehen?« fragte Harteck beunruhigt.

»Nein; aber der andere ist ganz zerbissen. Weshalb haben Sie sich auch ein

so bösartiges Tier angeschafft?«

»Bösartig? _Mein_ Hund? Der ist fromm wie ein Lamm. Aber der andere

fängt immer mit ihm zu raufen an. Es wäre kein Schaden gewesen, wenn mein

Cäsar die Bestie totgebissen hätte.«

»Meinen Sie? Ich weiß nicht, was der gnädige Herr dazu gesagt haben

würde. Jedenfalls hätte Ihr Hund aus dem Hause müssen.«

»So?« sprach Harteck zwischen den Zähnen. Der bloße Gedanke, ihn

von seinem Hunde trennen zu wollen, machte sein Blut kochen. Aber er

beherrschte sich.

»Ich werde den Hund künftighin in meine Stube einsperren,« sagte er,

»und damit werden diese Balgereien ein Ende haben.«

Er verzehrte sein Frühstück und verließ sodann den Mönch. Auf der

Treppe nach seiner Wohnung begegnete ihm Uschei, die junge, freundliche

Magd. Ihr Gesicht glühte über und über.

»Jetzt han i mi so g'ärgert, Herr Koppratter,« flüsterte sie, ihn beim

Arme fassend. »Frei' net zuschau'n han i kinna[6], wie's den armen Hund

g'schlagen haben ... und weswegen? Wegen' Burschel, dem Sakra, der alleweil

z'raufen anfangt, ... völlig rähren[7] hätt' i kinna!«

»_Wer_ hat meinen Hund geschlagen?« fragte Harteck mit starker Stimme und

zornblassem Gesicht.

»Der Herr Dekan, die gnädige Fräul'n, die Knecht', ... alle sein über

ihn herg'fallen.«

»Wo ist der Hund?«

»Vor Ihrer Tür liegt er. I han eahm[8] was z'essen 'bracht und han eahm

g'schmeichelt, ... er ist ganz verschreckt.«

Harteck drückte ihre Hand. »Ich danke Ihnen, liebe Uschei,« sagte er.

»Sie sind ein gutes Mädchen. Ich danke Ihnen herzlich ...«

Und eilig lief er die Treppe hinauf. Vor der Tür lag Cäsar, den Kopf

zwischen den Vorderpfoten, und schaute seinen Herrn demütig und traurig

an.

»Cäsar!« rief Harteck. Der Hund bewegte die Rute.

»Steh' auf, mein Alter!« sagte der Geistliche im liebreichsten Tone.

»Was haben sie Dir denn getan?«

Cäsar sprang in die Höhe und schmiegte sich an die Kniee des Gebieters.

»Geschlagen haben sie Dich, nicht wahr?« fuhr Harteck, den Hund

streichelnd und liebkosend, fort. »Na, laß es gut sein.«

Er öffnete die Tür und der Hund sprang vergnügt an ihm empor. Er schien

gefürchtet zu haben, daß auch sein Herr böse auf ihn sein würde.

»Komm herein!« sagte Harteck und schloß die Tür ab. Dann setzte er sich

auf einen Stuhl, umfaßte mit beiden Händen den Kopf des Hundes, der neben

ihm stand, und ließ Cäsars Ohren durch die Finger gleiten. Sein Gesicht

nahm dabei einen finsteren, gespannten Ausdruck an. Es war, als ob Schatten

seiner Brust entstiegen und sich verdunkelnd auf seine Züge legten.

Schatten aus der Vergangenheit, unvergeßliche Stunden, sie kamen wieder,

tauchten auf aus ihrem dürftig bedeckten Grab und stellten sich vor ihn

hin. Er mochte die Augen wenden, wohin er wollte, ... überall stand

die Vergangenheit und nickte ihm höhnisch zu. Er hatte sich strenges,

unverbrüchliches Schweigen auferlegt; nicht den Menschen gegenüber: _das_

hatte er gelernt von Jugend auf; wohl aber gegenüber sich selbst. Nicht

rühren an der Vergangenheit, nicht grübeln oder trauern, nicht fragen,

ob sie nicht besser hätte sein können, nicht jammern über Dinge, die

nun einmal nicht zu ändern waren, ... das war es, was er sich zugeschworen

hatte und auch treulich hielt. Aber heute wankte er in seinem Entschluß.

Es war doch nur eine Kleinigkeit, die ihn dazu brachte; der Hund hatte die

ungerechten Schläge schon wieder abgeschüttelt, ... und dennoch: just

dieser Kleinigkeit, dieses Tropfens hatte es bedurft, und die Schale floß

plötzlich über. Ertragen, immer ertragen müssen, nicht schützen dürfen

das, was man liebt ... Gott im Himmel! _Er_ war kein Weichling, er litt ja

alles, biß die Zähne zusammen und überwand den Schmerz, ... aber nur die

Menschen, die er liebte, sollten sie nicht kränken. Er dachte nicht an den

Hund. Das arme Tier! Dem hatten die Schläge nicht so wehe getan; ein

paar Liebkosungen oder ein Knochen -- und vergessen war das Leid. Aber ein

anderes Unrecht schwebte dem Priester vor, ein ungesühntes und nicht zu

sühnendes. Unrecht ...? Die Herren urteilten anders. Der Dekan hatte

ihm niemals gesagt, daß er bei seinen früheren Vorgesetzten nach seiner

Vergangenheit gefragt; aber Harteck fühlte und ahnte das. Sie hatten ihn

nicht geliebt, diese seine Vorgesetzten. Der erste war noch zu ertragen,

war ein gutherziger, schwacher alter Mann gewesen, der sich sogar recht

schwer von ihm getrennt hatte. Aber der zweite. Der hatte ihn gehaßt,

haßte ihn noch und würde ihm schaden, wo immer er nur konnte. Der hatte

ihm auch geschadet bei dem Dekan, das fühlte Harteck instinktiv; auch

hatte manche Andeutung des Dekans ihn vermuten lassen, daß der Prinzipal

um seine Vergangenheit wisse. Einmal hatte er zu ihm gesagt: »Sie sprechen

sehr häufig mit der Uschei ... Lassen Sie sich nicht einfallen, dem

Mädchen unerlaubte Gedanken in den Kopf zu setzen. In meinem Hause würde

dergleichen ebensowenig geduldet werden wie anderswo.« Hatte das eine

Anspielung sein sollen? Vielleicht! Der Mund des jungen Priesters verzog

sich zu einem matten Lächeln, er stand auf, ging zu einem Schranke hin,

zog eine der Laden heraus und kramte darin herum. Bald hatte er gefunden,

was er suchte. Ein kleines Paket war es, das eine Photographie und einen

Brief enthielt. Die Photographie stellte ein Tiroler Bauernmädchen im

Sonntagsstaat dar. Es schaute ihn an aus treuherzigen blauen Augen, und

während er es betrachtete, dachte er an vergangene Stunden und wie oft

er diese Augen, diese Lippen, dieses blonde Haar geküßt, wie oft diesen

jungen, blühenden Leib umfangen ... Armes, zärtliches, liebevolles

Mädchen! An _ihr_ hatten die Menschen schweres Unrecht verübt. Sie hatte

ihn geliebt mit selbstloser, hingebungsvoller Liebe, hatte nichts begehrt,

keinen Schwur, keinen Ring, und hatte ihm doch alles gegeben, was ein

Weib dem Manne geben kann, ... und was war der Lohn dafür! Ein verbotenes

Liebesglück, Spott, Verachtung, und dann hatte der Pfarrer sie aus dem

Hause gejagt. In Hartecks Abwesenheit war es geschehen. Der Pfarrer hatte

ihn fortgeschickt, und während er ihr fern, hatten der harte Mann und

dessen tugendhafte Wirtschafterin dem Mädchen Beleidigung um Beleidigung

ins Gesicht geschleudert, und sie hatte vor ihnen auf den Knieen gelegen

und sie angefleht, Erbarmen mit ihr zu haben: sie würde ja gehen, auf

immer gehen ... Sie aber hatten kein Erbarmen gehabt, hatten sie gehöhnt

und beschimpft, und er war nicht dabei gewesen, hatte sie nicht schützen,

nicht mit seinem Leibe decken können ... Als er heimkam, war die

Unglückliche schon weit, und von den Knechten und Mägden hörte er, was

sich begeben in seiner Abwesenheit.

Sie war ihm noch immer teuer und würde ihm teuer bleiben, solang Leben

und Atem in ihm. Wohl war der Liebesrausch verflogen, und er gestand

sich heute, daß es besser gewesen war für ihn und sie, daß man sie

voneinander gerissen hatte. Im Anfang hatten sie sich oft geschrieben;

das ist ja der einzige Trost zweier Menschen, die das Schicksal auf immer

getrennt hat. Er hatte diese Briefe später verbrannt, -- bis auf einen,

den letzten, den er von seinem Mädchen erhalten. Der lag getreulich

aufbewahrt neben der Photographie und den schlug er auch jetzt auseinander

und las ihn durch.

»Ich schreibe Dir heute zum letztenmal,« hieß es darin. »Du mußt mir

deshalb nicht böse sein, liebster Georg, aber ich kann nicht anders. Ich

hab' Dir genug Plage und Schmerz gekostet und das soll jetzt aufhören und

Du mußt mich vergessen. Ich hab' einen braven Mann kennen gelernt und der

will mich heiraten. Ich hab' ihm alles gesagt und er hat mir's verziehen,

aber schreiben darf ich Dir nicht mehr und so muß ich Abschied von Dir

nehmen. Ich hab' mich ja doch schwer versündigt an unserem Herrgott, dem

lieben Heiland, der Jungfrau und den Engeln, daß ich einen Priester gern

gehabt hab' und ich will umkehren und wieder rechtschaffen werden. Mein

zukünftiger Mann hat von seiner ersten seligen Frau drei liebe Kinder und

denen will ich mit dem Beistand der hochgebenedeiten Jungfrau Maria eine

gute Mutter werden. Ich hab' so viel zu ihr gebetet und ich glaube, daß

sie mich erhört hat und daß es so am besten ist. Ach, Georg, ich hab'

Dich so lieb gehabt und mir ist oft so bang um Dich und ich meine, daß ich

Dir doch recht abgehen muß. Verzeih mir, daß ich so rede, es soll nicht

mehr geschehen, das alles ist ja vorbei. Denk an mich wie an eine Tote und

bete für mich, und die Photographie schicke ich Dir zum Andenken; die heb

auf und vergiß nie, daß Du mein alles gewesen bist, daß Du auf Deine

Gesundheit schauen und wieder lustig werden mußt; denn das Herz tät mir

brechen, wenn ich hören tät, daß Du Dich heruntergrämst wegen mir und

krank bist. Schau, das mußt Du nicht tun, das wär' ein armes Dirndel wie

ich gar nicht wert. Ich hab' gehört, daß Du vom Ort fortkommen wirst, und

ich bin froh drum. Du wirst einen besseren Pfarrer finden und neue Freunde

und dann wird wieder alles gut sein. Und so leb' wohl, lieber Georg. Ich

denke Tag und Nacht an Dich --

_Deine Kathrin_.«

So oft er diesen Brief durchlas, beschlich ihn ein Gefühl, das halb

Beruhigung, halb Wehmut war. Gott sei Dank! er hatte das gute Mädchen

nicht ganz zugrunde gerichtet; rechtzeitig noch hatte sie sich emporgerafft

und ein neues Leben angefangen. Wohl mochte ihr das im Anfang schwer

gefallen sein, aber sie hatte sich tapfer durchgerungen und lebte heute

geachtet und geliebt von allen im Hause ihres Gatten. Seit einem halben

Jahre hatte sie auch ein eigen Kind. Das alles wußte er durch Fremde, denn

sie hatte ihm, ihrem Vorsatz getreu, nie wiedergeschrieben. Ein paarmal

hatte sie ihm durch dritte Grüße zukommen und ihm sagen lassen, daß

es ihr wohl ergehe und daß ihr Kind ein kleiner Engel sei. Er wußte sie

versorgt und geborgen und somit war alles gut.

Er legte die Photographie und den Brief in die Lade zurück und erinnerte

sich dabei an die Briefe, die der Mönch ihm eingehändigt und die er noch

nicht gelesen hatte. Er griff in die Tasche seiner Soutane, zog die Briefe

hervor und erbrach sie. Sie enthielten nichts Neues. Das Leben seiner

Mutter und Schwester, die in seiner Vaterstadt, in Kufstein, wohnten, ging

seinen hergebrachten Gang. Die Mutter schrieb ihm, wie gewöhnlich, in

strengem pietistischen Ton, sprach von Gott und der Kirche und hielt ihm

seine Priesterpflichten vor. Der Sohn war ihr immer noch nicht geistlich,

nicht ernst und fromm genug. Ein zärtliches Wort, der Wunsch ihn zu sehen,

die Hoffnung, daß er sich glücklich fühle, sprachen nicht aus dem langen

Schreiben; es enthielt bloß Ermahnungen. Die Schwester schrieb in einem

anderen Tone; kurz und verständig, wenn auch nicht liebevoll. Sie war erst

siebenundzwanzig Jahre alt und schon Witwe, hatte einen einzigen kleinen

Knaben und lebte in geordneten Verhältnissen. Sie sprach in ihrem Briefe

hauptsächlich von sich und dem Kinde und daß sie ihre Schwiegereltern um

den kleinen Finger wickele, daß diese alles täten, was sie wünschte und

den Knaben sehr verzögen, und so nebenbei erkundigte sie sich auch

nach dem Befinden des Bruders und forderte ihn auf, ihr wieder einmal zu

schreiben. Harteck durchflog die Briefe, legte sie dann in eine Lade und

klappte sein Album auf. Er wollte die Bilder der Mutter und Schwester

betrachten. Da standen sie nebeneinander, beide so gut getroffen, so

lebenswahr. Das waren die harten Züge der Mutter, ihr festgeschlossener

Mund, der niemals lächelte, ihr silbergraues Haar und ihre

strengblickenden Augen; und das nebenan war das feine, kluge Gesichtchen

der Schwester, mit dem spöttischen Ausdruck und den kalten, klaren

Augen, aus denen grenzenlose Selbstsucht und eine gewisse mitleidige

Geringschätzung sprachen, ... ja, das war sie, wie sie leibte und

lebte. Als Kind schon hatte sie die Menschen zu bezaubern verstanden, und

jedermann, obwohl sie äußerlich so sanft und still tat, nach ihrer Pfeife

tanzen lassen; den Bruder hatte sie immer beherrscht und ihm alles, was

er besaß, Spielsachen, Naschwerk, abgeschmeichelt ... Er hatte sie

abgöttisch geliebt und sie -- nun! sie war ihm leidlich gut gewesen, weil

er immer ihren Willen tat, jedes von ihr verübte Vergehen und die darauf

folgende Strafe auf sich nahm, die Schulaufgaben für sie machte und ihr

jeden Wunsch erfüllte. Mit dem Plan der Mutter, daß er Priester werden

sollte, war sie höchlich einverstanden gewesen; da kostete seine Erziehung

nichts, weil ein ihnen befreundeter Priester die Kosten davon tragen

wollte, er konnte nicht heiraten und somit gehörte alles, was die Mutter

besaß, ihr allein; er brauchte ja nichts, hätte als allein lebender

Priester an seiner Einnahme genug ... Er wußte, daß ihre Gedanken solcher

Art waren, obschon sie ganz anders sprach, ihm das Schöne und Erhabene des

Priesterberufes vorhielt, und daß der Mutter Herz an diesem Plane

hinge und: »Du bist so gut, Georg, Du wirst der Mutter dieses Opfer

bringen« ... Und er hatte es gebracht und Gott allein weiß, was dieses

Opfer ihm gekostet hatte. Doch nichts davon. Daran durfte er niemals

rühren; das war nun einmal geschehen und mußte getragen werden. Genug!

Er hatte ihnen ihren Willen getan und sie waren es zufrieden. Die kluge

Schwester hatte sich mit neunzehn Jahren vermählt; nicht aus Liebe. Aber

ihr Mann war jung, gutherzig und vermögend, ein einziger Sohn. Sie wußte

ihm Liebe vorzuheucheln und schmeichelte sich in sein und seiner Eltern

Herz, und er heiratete sie in dem festen Glauben, daß sie ihn ebenso

liebe wie er sie, und sie war klug genug, ihm eine liebenswürdige,

pflichtgetreue Gattin zu sein. Er starb nach kurzer Ehe, sie trug Trauer

um ihn, verblieb im Hause der Schwiegereltern, deren alleiniger Erbe ihr

Söhnchen war, und lebte heute nur für das Kind, das sie, weil ein Stück

von ihr, wirklich liebte. Die Mutter lebte allein. Das war Georgs Familie,

waren die einzigen Menschen, die ihm verwandt.

Beim Nachdenken über die Seinen kamen ihm plötzlich Paula und Toni in den

Sinn. Ja, das war Geschwisterliebe; eine solche Liebe würde, müßte

über vieles hinweghelfen. Wenn seine Schwester Paula oder der kleinen Toni

gliche, wenn die Mutter ihn so geliebt hätte, wie der Arzt seine Töchter

liebte, wenn ihm ein so schönes, harmonisches Familienleben beschieden

gewesen wäre: dann würde er wohl nicht geworden sein, was er war. Schon

wieder! Er wollte ja daran nicht denken. Rasch entschlossen griff er nach

einem Buche, setzte sich ans Fenster und fing zu lesen an. Cäsar, der alle

seine Bewegungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, legte sich zu seinen

Füßen nieder, postierte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und verhielt

sich ganz ruhig. Fliegen summten in der Stube, durch das offene Fenster

strömte die frische Herbstluft herein und auf den Gartenwegen stolzierte

Fräulein Aurelie auf und ab und tat oft einen verstohlenen Blick aufwärts

nach dem Priester, in der Hoffnung, daß er sie bemerken, grüßen,

vielleicht -- man kann nicht wissen -- herunter in den Garten kommen

würde ... Aber Harteck blickte kein einziges Mal von seinem Buche auf.

Die Lektüre fesselte ihn. Seine Züge hatten ihren gewohnten resignierten

Ausdruck angenommen. In seinem Herzen war es wieder still geworden.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 13 / 35 题