Fünftes Kapitel

In der Nähe des Hauptplatzes stand das Wohnhaus des Arztes. Efeu rankte

sich an den Mauern empor und umschlang mit grünen Armen den zierlich

geschnitzten Balkon, der die Aussicht nach dem Garten hatte. Auf dem Balkon

stand Toni und blickte nachdenklich zum Himmel empor. Seit mehreren

Tagen regnete es ununterbrochen. Die Bäume ließen die Zweige hängen,

Herbstesahnen zog durch die erkaltete Luft. Lang sah die Kleine dem

eintönigen Fallen der Regentropfen zu und erst, als sie drinnen im Hause

ihren Namen rufen hörte, fuhr sie aus ihrem Sinnen auf und sprang in das

Haus hinein.

»Willst Du etwas, Paula?« fragte sie. »Wo steckst Du denn?«

»Hier, in meinem Zimmer. Vater ist gekommen. Geh' ihm entgegen, Toni.«

Die Kleine lief die Treppe hinab, dem Haustor zu. Im Flur stand ein

großer, hagerer Mann von ungefähr sechzig Jahren. Er trug hohe

Wasserstiefel und einen Regenmantel und hielt einen Regenschirm, von dem

das Wasser herabrann, in der Hand.

»Bist naß geworden, Vater?« fragte Toni auf ihn zufliegend.

»Nur äußerlich. Der Mantel ist wasserdicht. Guten Abend, Kind. Ist etwas

vorgefallen?«

»Eine Frau war hier mit ihrem Kinde. Paula hat ihr einiges zu tun

verordnet. Wird der Scharlach werden, meint Paula.«

»Das ist böse. Schon der dritte Fall in einer Woche! Da heißt es

vorsichtig sein.«

»Wird am Ende gar die Schule geschlossen werden müssen?« fragte Toni.

»Wahrscheinlich; doch vorläufig will ich mich umkleiden.«

Die Zimmer im Erdgeschoß waren für das Laboratorium, die Apotheke,

die Arbeitsstube des Arztes, die Küche, die Vorratskammer und das

Dienstbotenzimmer eingerichtet. Das erste Stockwerk umfaßte vier Zimmer,

wovon eines als Speise- und Wohnzimmer und zwei zu Schlafstuben verwendet

wurden; das letzte gehörte Paula zu alleinigem Gebrauch. Doch gerade da

hielt Toni sich am liebsten auf; im Zimmer der Schwester machte die Kleine

ihre Schulaufgaben, übte auf der Zither, strickte oder spielte -- und

das alles konnte nur in Paulas Gesellschaft geschehen; hatte sie doch die

große Schwester jeden Augenblick um Rat zu fragen. Unter Paulas Anleitung

arbeitete es sich so leicht und gut ... und Paula wollte es so haben. Ihr

fehlte immer etwas, wenn sie das Schwesterchen nicht an der Seite hatte.

Der Arzt hatte den Regenmantel ausgezogen und an einen Nagel gehängt, Toni

schüttelte geschäftig das Wasser vom Regenschirm und stellte ihn in

eine Ecke, und hierauf schritt der Arzt, das Töchterchen an der Hand, die

Treppe hinan.

Im Stiegengang schon trat ihnen ein schlank gewachsenes junges Mädchen

entgegen. Sie hängte sich an den Arm des Arztes und führte den Vater in

das Wohnzimmer.

»Bist Du recht ermüdet und ausgekältet?« fragte sie. Ihre Stimme hatte

einen wohltönenden und weichen Klang.

»Es geht.« Er ließ sich auf den Divan nieder, der an der Hauptwand

stand. Paula setzte sich neben ihn und erstattete ihm ausführlichen

Bericht über das kranke Kind.

»Ich werde nach dem Abendessen hinübergehen zu der Frau und mir das Kind

ansehen,« sagte der Arzt. »Können wir bald essen?«

»Sogleich. Wir haben nur auf Dich gewartet.«

Sie erhob sich, um nach der Küche zu gehen. Der Tisch war bereits gedeckt

und die Hängelampe über demselben angezündet. Nach wenigen Minuten

erschienen Paula und die Magd und trugen das Abendbrot auf.

Während des Essens sprachen sie von den kleinen Tagesereignissen. Toni

mußte berichten, was sie gearbeitet und in der Schule gelernt hätte, denn

der Arzt war den ganzen Tag über vom Hause fort gewesen. Die Kleine zeigte

sich sehr mitteilsam. Sie wäre gelobt worden, vom Lehrer und vom Herrn

Katecheten; dieser hätte ihr sogar ein Heiligenbildchen geschenkt. Sollte

sie es dem Vater zeigen? Er bejahte die Frage, und Toni sprang davon und

brachte das kleine Bild. Es stellte ein Kind dar, das über einen schmalen

Weg schreitet und über dem sein Schutzengel schwebt.

»Sehr schön!« sagte der Arzt. Dann erzählte er, bei wem er gewesen, wie

es mit den Kranken stände, die er gesehen hatte, und Paula warf manchmal

eine Frage dazwischen, die verriet, daß sie mit allem, was in den Beruf

des Vaters einschlug, wohl vertraut war.

Nach dem Essen ging der Arzt wieder fort, und als er nach Ablauf einer

halben Stunde zurückkehrte, hatte Paula die kleine Schwester mittlerweile

zu Bett gebracht. Toni schlief noch nicht; sie wartete die Rückkunft des

Vaters ab, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Als das geschehen war,

sprach sie ihr Nachtgebet und sank dann sehr bald in den glücklichen

Kindesschlaf.

Vater und Tochter saßen nun allein beisammen im Wohnzimmer.

Sie hielten es jeden Abend so, seit die Mutter tot; sprachen miteinander,

oder er las und sie arbeitete; manchmal sagte er von seinem Buche

aufblickend: »Singe etwas,« und dann erhob sie sich, holte ihre Zither

und sang ihm mehrere Lieder vor.

Heute fühlte er sich zu ermüdet, um zu sprechen. Er saß am Tische und

hatte ein Buch vor sich liegen; Paula saß ihm gegenüber und besserte

Wäsche aus. Dann und wann erhob sie den Blick zum Vater, wie um zu

erforschen, ob er vielleicht etwas brauche; doch da sie ihn eifrig lesen

sah, beugte sie sich wieder über ihre Arbeit.

Sie war ein schönes Mädchen; nicht gerade blendend, nicht ins Auge

fallend, wohl aber schön für denjenigen, der geistige Schönheit zu

verstehen imstande ist. Ihr dunkles reiches Haar war in Zöpfen um das

Haupt gewunden und legte sich in natürlichen Wellen um die blasse Stirn.

Sie hielt den Kopf nach vorne gesenkt und diese Stellung zeigte, wie fein

geformt ihr schlanker Hals war und wie anmutig die kleinen Locken im Nacken

an der weißen Haut spielten. Ihr Gesicht war blaß, die Wangen sanft

gerundet und die etwas kurze Oberlippe schloß sich selten ganz über den

kleinen weißen Zähnen. Das Schönste in ihrem Gesichte waren die Augen;

groß und tiefgrau waren diese langbewimperten Augen und hatten einen

ernsten, sinnenden Blick. Den mädchenhaften Körper umschloß ein

einfaches schwarzes Wollenkleid, die kleinen Ohren und schlanken Hände

entbehrten jedes Schmuckes. Im Haar hatte Paula eine gelbe Rose stecken.

»Paula,« sagte ihr Vater plötzlich.

Sie blickte horchend auf.

»Wann wirst Du wieder einmal in der Kirche singen? Die Leute sprechen

schon davon.«

»Die Leute sprechen immer. Sagten sie doch vor einiger Zeit, daß ich

bloß deshalb so oft singe, weil ich auf dem Chor den Lehrer treffe. Sie

sollen ihren Irrtum einsehen lernen.«

»Also wegen der Leute --?«

»Nein, Vater. Nicht deshalb. Aber ich will Herrn Stettner aus dem Wege

gehen.«

»Belästigt er Dich in irgendeiner Weise?«

»Er sieht mich immerfort an und das ist mir unangenehm.«

»Überwinde Dich einmal und singe nächsten Sonntag, -- mir zu Gefallen.

Ich will nicht, daß man glaube, wir hätten die Absicht den Dekan zu

beleidigen.«

»Gut, Vater. Ich will es tun.«

Er las darauf noch eine kurze Weile und zog sich dann in sein Schlafzimmer

zurück. Paula hatte noch keinen Schlaf. Sie trat ans Fenster und blickte

hinauf zum dunklen, sternenlosen Himmel, -- nicht träumerisch oder

sehnsuchtsvoll, sondern ruhig, wie Menschen tun, in deren Herzen der Friede

wohnt. Sie dachte an allerlei, aber ihre Gedanken gingen nicht über das

kleine Haus hinaus; alle ihre Wünsche, ihre Liebe und Hoffnungen lagen

hier, in ihrem Heim. Ihr Auge glitt über die Möbel, die in dem Zimmer

standen; wie waren alle ihr lieb und vertraut! Als Kind schon hatte sie

diese Möbel gekannt, und während sie altmodisch wurden und ihre Farben

verblaßten, war Paula groß geworden. Ein jedes dieser Einrichtungsstücke

sprach ihr von den Kindertagen, der ersten Jugendzeit und der Mutter, für

die diese Möbel gekauft worden waren, als sie als junge Frau in das Haus

des Gatten zog. Auf diesem Divan hatte die Mutter oft geruht, da sie schon

krank, und dort hatte der Vater Paula eines Tages niedersetzen heißen,

hatte sich an ihre Seite gesetzt und sie stumm ans Herz gezogen. Er hatte

dabei so schwer geatmet, so schwer, ... und da hatte Paula plötzlich

gewußt, daß die Mutter verloren war, daß sie bald sterben mußte. Und:

»Vater!« hatte sie mit halb erstarrter Zunge gestammelt und noch einmal:

»Vater!« und hatte in seinen Rock gebissen, um nicht aufzuschreien, denn

sie wußte, das die Kranke im Nebenzimmer war. Der Arzt hatte die Tochter

in seine Arme genommen und zusammen waren sie hinaus ins Freie gegangen.

An seinem Arm hängend, vom Vater unterstützt, hatte sie sich

weitergeschleppt, und so waren sie bis außerhalb der Stadt Innsbruck

gekommen, wo sie damals wohnten, und dort waren sie auf die Kniee gesunken

und hatten geweint. Geweint? _Geschrieen_ hatten sie, geschrieen in ihrem

hilflosen, verzweiflungsvollen Jammer, bis sie endlich einander ermattet in

die Arme gesunken waren.

»Weiß sie ...?« hatte Paula endlich gefragt.

»Ja! Sie hat mit mir davon gesprochen und mir Dich und die Kleine an das

Herz gelegt.«

O traurige Zeit einer letzten Krankheit! Leiden sehen müssen dasjenige,

was man so innig liebt, und schließlich -- grausame Notwendigkeit! --

_wünschen_ müssen, daß der Tod der Tragödie ein Ende machen möge,

damit die Qual endlich, endlich vorüber sei. Und dann, _wenn_ sie

vorüber, ... welche Leere in der Brust, welche Einsamkeit außen und im

Hause! Häßlicher, häßlicher Tod. --

Da saß Paula in ihrem schwarzen Kleide oder schlich durch die verödeten

Räume, nachgrübelnd darüber, was sie tun sollte, um das zerstückte

Familienleben wieder halbwegs aufzubauen. Sie war erst sechzehnjährig,

aber sie hatte Mut und fühlte die Kraft in sich, den Versuch zu wagen, ob

sie die Mutter, so weit das eben möglich, nicht ersetzen könnte. Da war

der Vater, der nach wie vor seinem Berufe nachging und sich äußerlich

stark zeigte, der Kinder wegen, aber dem der Schmerz am Herzen fraß, der

einmal hatte weinen können und dann nie wieder. Da war die dreijährige

Toni, das mutterlose Kind, das noch nicht verstand, was es verloren hatte;

da war das Haus ohne Hausfrau ... und Vater, Kind und Haus umfaßte Paula

mit ihren jungen Armen und mutigem Herzen; sie dachte niemals an sich; sie

lebte nur für den Vater, die Kleine und das Haus und gewann mit den Jahren

die wehmutvolle und erhebende Überzeugung, daß sie imstande war, die

Mutter zu ersetzen, so gut eben der Platz, den eine Mutter leer gelassen,

ausgefüllt werden kann.

Sie waren von Innsbruck fortgezogen und in das Dorf übersiedelt, wo sie

heute noch lebten. Der Vater hatte vollauf zu tun, und wenn er nach Hause

kam, empfing ihn ein wohlgeordnetes Haus, trat Paula ihm entgegen mit

liebevollem Gruß, das Kind an der Hand. Nunmehr _ihr_ Kind. Sie liebte

dieses Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit, sie mußte ihm ja Mutter

sein. Das Kind gehörte ihr, ihr allein. Niemand anders als sie durfte es

überwachen, pflegen, erziehen. Wenn jemand die Kleine küßte, bewunderte,

ihr schön tat und Toni dazu lächelte, empfand Paula eine eifersüchtige

Regung: das Kind könnte ihr entwendet werden, könnte sich an Fremde

anschließen, ... oder aber sie fürchtete wieder, daß sie die Kleine

nicht richtig erziehe, zu streng oder zu schwach wäre, daß Toni sterben

könnte. Wenn das Kind Kopfweh hatte oder stiller war als sonst, fieberte

Paula vor Angst. Was sie für sich selbst niemals gewesen war, -- für

Toni war sie eitel und konnte stundenlang über Schnitt und Aufputz eines

Kinderkleidchens nachdenken. Und was für eine Freude war es dann später

für sie, das Kind zu unterrichten, es lesen, schreiben und zählen zu

lehren und den jungen Geist zu bilden. Wie glücklich machte es sie, mit

dem Kinde spazieren zu gehen und zu sehen, wie munter Toni voransprang

und wie gesund und kräftig sie war und wie gelenk die schön geformten

Glieder. Oft gingen die Mädchen dem Vater entgegen und Paula hing sich

dann an seinen Arm und sprach mit ihm von seinen Kranken, denn sie hatte

sich so sehr in seinen Beruf hineingelebt, daß sie in allem und jedem

Bescheid wußte und er sie oft scherzend seinen Assistenten nannte. Mit den

Jahren war Paulas Liebe für die Kleine, wenn auch nicht weniger innig, so

doch ruhiger geworden. Sie war ihres Lieblings sicher und wußte, daß sie

Toni richtig erzog. Paula zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Das Haus,

der Vater, die Schwester waren ihre Welt. Sie hatte eine schwere Aufgabe zu

erfüllen, dessen war sie sich wohl bewußt; aber in der Erfüllung ihrer

Pflicht lag gleichzeitig auch ihr Glück.

Seit dem Tode der Mutter war kein Tag verstrichen, wo das junge Mädchen

nicht an die Verstorbene gedacht hätte. In Paulas Zimmer stand ein kleiner

Schrank, in dem lauter Erinnerungszeichen an die Mutter aufbewahrt lagen.

Vor diesem Schranke kniete Paula nieder und nahm die ihr heiligen

Reliquien heraus. Da waren Briefe der Mutter, ihr Gebetbuch, ihre

Haushaltungsbücher, ihr Schmuck, ihr Brautkranz und Schleier und der

Leuchter, der neben dem Bette gestanden hatte, als sie starb. Die Kerze

darinnen war fast gänzlich herabgebrannt ... Die Mutter hatte Licht

gemacht und war dann eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen. Als Paula,

erschreckt durch die Stille, in das Zimmer geeilt war, hatte sie die

brennende Kerze und der Mutter Totenantlitz gesehen. Die Gute war still

hinübergegangen, hatte den Ihrigen den gräßlichen Anblick des letzten

Kampfes erspart ... Ja, gut war sie gewesen, gut und liebevoll bis zum

letzten Augenblick.

Über dem Schranke hing das Bild der Mutter. Zu dem erhob Paula nun die

Augen. Sie blickten ernst und dankbar, aber nicht kummervoll. Paula wußte,

daß sie ein gutes Kind gewesen war und der Mutter mit Absicht niemals

einen Schmerz bereitet hatte; daß sie treu in dem verwaisten Hause waltete

und der gute Engel derjenigen war, die ihre Mutter über alles geliebt

hatte. »Bist Du mit mir zufrieden?« fragte Paula leise. »Nie, hörst Du,

Mutter? nie will ich sie verlassen; nie soll es anders werden, als es heute

ist.«

Mit ruhiger Hand machte sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des

Kreuzes, ihr Herz schlug friedvoll und leidenschaftslos, als sie jetzt

ihr Lager aufsuchte und, bevor sie es tat, das Händchen der kleinen Toni

küßte, die sanft schlummernd in ihrem Bette lag.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 12 / 35 题