Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre.
Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke,
bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar
und trat also gerüstet in das Speisezimmer.
Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber
nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich
gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das
häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht
sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor
kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und
ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt.
Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und
erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß
mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der
Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ
einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich,
wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie
überfloß.
»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd.
»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den
Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie!
Du wirst wieder etwas zerbrechen. -- Und Sie, Herr Kooperator, nehmen
gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit
meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator
Harteck.«
Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen
Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß
und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem
Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann
gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der
Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.«
»Ach, Onkelchen, nicht böse sein!« antwortete sie und faltete kindlich
die Hände. »Ich habe mich verschlafen. Als ich erwachte, war es bereits
zu spät, zur Messe zu gehen, ... ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich
anzukleiden und mein Haar in Ordnung zu bringen, ... ich schäme mich _so_
vor dem Herrn Kooperator,« sagte sie unter heftigem Kopfschütteln, drehte
ihre Tasse hin und her und lächelte den Kaffee an. »Was soll er von mir
denken!«
»Ich, gnädiges Fräulein?« fragte Harteck aufblickend. »Ich würde
trostlos sein, wenn Sie sich meinetwegen irgendeinen Zwang auferlegten.«
»Sie sind _zu_ freundlich,« sagte sie mit denselben Gesten wie vorhin.
»Aber ich weiß, daß es sich nicht schickt, vor Herren ...« Sie stockte
und errötete. »Wirklich, ich schäme mich zu Tode.«
»Laß jetzt diesen Gegenstand fallen und steh' in Zukunft früher auf,«
sagte der Dekan.
»Wie kann ich das, Onkelchen, wenn ich so schlecht schlafe in der Nacht?
Ich habe mich gestern sehr geärgert, und wenn ich mich ärgere, kann ich
nicht schlafen.«
»Ich möchte doch wissen, worüber oder über wen Du Dich schon wieder
geärgert hast,« versetzte der Dekan mit einem Achselzucken.
»Nun, ... über Fräulein Reinberg, Onkel.«
Der Dekan fuhr von seinem Sitze auf: »Habe ich Dir nicht schon zu
wiederholten Malen untersagt, mit diesen Leuten umzugehen?«
»Verzeih' mir, Goldonkelchen!« antwortete sie und faltete neuerdings die
Hände. »Ich bin nun einmal so, ... ich kann die Menschen nicht entbehren.
Den ganzen Tag bin ich allein, ... alle Welt ist beschäftigt und hat keine
Zeit, mit mir zu plaudern ... und das macht mich ganz krank. In meiner
Verzweiflung bin ich denn gestern zu Fräulein Reinberg gegangen und habe
sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgefordert.«
»Nun, und sie? Sie hat doch nicht die Unverfrorenheit gehabt, Dich
abzuweisen?«
»Das nicht, ... aber sie ist eine so kalte, man möchte sagen hochmütige
Person. Hochmütig, Onkel, gegen _mich_! Ich bitte Dich! Denn ohne mir zu
schmeicheln, nehme ich doch in der Welt eine ganz andere Stellung ein als
Fräulein Reinberg, ihr Vater ist am Ende nur ein simpler Landarzt, und sie
sollte sich, meinte man, beglückt fühlen, wenn die Tochter eines Hofrates
sich herbeiläßt, mit ihr zu verkehren ...«
»Dir geschieht ganz recht. Wer Pech angreift, besudelt sich, und wer sich
in den Kopf setzt, mit Leuten zu verkehren, die nicht zu ihm passen, wird
immer unangenehme Erfahrungen machen.«
»Du hast ja so recht, Onkelchen. Nicht wahr, ich bereite Dir viel
Verdruß? Ich wette, ich wette,« sagte Fräulein Aurelie und drohte
schelmisch mit dem Finger, »daß Du im Grunde Deines Herzens manchmal
denkst: Wenn doch meine querköpfige, närrische kleine Nichte wieder fort
wäre! Ist es nicht so?«
»Du bist vom Gegenteil so gut überzeugt wie ich,« versetzte der Dekan
und stand auf. »Herr Kooperator,« wendete er sich an diesen, der sich
gleichzeitig mit dem Dekan erhoben hatte und dem Gespräche ohne eine Miene
zu verziehen gefolgt war, »Sie bitte ich, sich nach Ablauf einer
halben Stunde in meinem Arbeitszimmer einzufinden. Ich habe wegen der
Kirchenordnung, der Geschäftseinteilung, des Unterrichts und so weiter mit
Ihnen zu sprechen.«
Harteck verneigte sich, der Dekan grüßte und ging aus dem Zimmer. Die
beiden anderen Herren wollten sich ebenfalls entfernen.
»Sie haben einen schönen Hund, Herr Kooperator,« sagte da Fräulein
Aurelie und zwang ihn dadurch zu bleiben, während der junge Mönch, dessen
stummer Gruß von der Dame nicht erwidert wurde, schleunig seiner Wege
ging.
»Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt,« sagte Harteck mit einem
Lächeln.
»Ja, er gefällt mir. Wie heißt er?«
»Cäsar.«
»Besitzen Sie ihn schon lange?«
»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und
nicht größer als ein Schoßhündchen.«
»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit
mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und
folgsam?«
»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.«
»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf
meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man
möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu
gehen.«
Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete
das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen
Spaziergängen« anbieten würde?
»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte
er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen
Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht
der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm
abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.«
Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr
Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte
die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone
gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem
Zimmer.
Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den
Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er -- hatte ihr gefallen.
(Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem
Neste! Nichts als Bauern und -- Geistliche, ... denn mit den übrigen
Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich
bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen
Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim
war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm
zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat
hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die
Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von
Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot,
der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau
Gemahlin hatte ihn -- Gott sei es geklagt! -- mit fünf Kindern beschert.
Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie
kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe,
gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so
mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht
gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr
jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem
schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des
hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht
übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel
besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie
bereits -- dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man
ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie
hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine
Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der
Fassung gebracht, ... so elegant und =gentlemanlike= hatte sie sich einen
Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges
darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige
Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch,
daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse.
Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen,
nicht _einmal_ das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt,
fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen,
aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die
Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann
behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die
Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie,
legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch _so_
interessant aus!«
Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein
Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt,
wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die
lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts
hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in
dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des
Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit
in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie
wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie,
das Gesicht mit =poudre de riz= überstäubt, in ihren Hakenschuhen und
städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute
bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von
denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen
glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte
zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem
Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte.