Zweites Kapitel

Der neu angekommene Priester war am nächsten Morgen schon frühzeitig

außer Bett. Von seinem Hunde begleitet, begab er sich in den Garten und

besichtigte diesen. Der Garten war ziemlich groß, hatte alte, laubreiche

Bäume und gut gehaltene Blumenbeete. Hinter den Bergen, die, eine

grandiose Kette, empor zum Himmel strebten, ging eben leuchtend die Sonne

auf. In den Blumenkelchen und auf den Halmen glitzerten Tautropfen; die

Luft war klar und scharf, -- eine echte Gebirgsluft. Der junge Priester

entblößte das Haupt und ließ die würzige Luft mit seinen Haaren

spielen. Langsam, mit gesenktem Kopfe, wandelte er die Kieswege auf und

ab und dachte an allerhand: was der Tag bringen, wie sein neues Leben

sich gestalten würde? Da hörte er Schritte hinter sich; er stand still,

wendete sich um und sah einen jungen Mann in brauner Kutte auf sich

zuschreiten.

»Guten Morgen!« rief dieser ihm entgegen und nahm sein Käppchen ab, so

daß sein kurz geschorenes Haar sichtbar wurde. »Schon so früh auf? Sie

sind kein Langschläfer.«

Der junge Mönch hatte ein rundes, beinahe kindliches, gut gefärbtes

Gesicht, aus dem zwei unschuldige braune Augen ernst und harmlos in die

Welt schauten. Um die Lenden trug er einen Strick, an dem ein Rosenkranz

hing, und seine Füße staken in Sandalen.

Der Priester erwiderte seinen Gruß und stellte sich ihm vor: »Mein Name

ist Harteck. Ich freue mich herzlich, Sie kennen zu lernen.«

»Mich heißt man den Pater Benediktus. Seien Sie mir viele Male

willkommen, Herr Kooperator.«

Sie schüttelten einander die Hände.

»Ich würde gestern gern auf Ihr Zimmer gekommen sein, um Sie zu

begrüßen,« sprach Benediktus weiter. »Aber, als Sie eintrafen, hatte

ich gerade im Spital zu tun und später fürchtete ich, Sie zu stören.«

»Sie würden mich keineswegs gestört haben, -- im Gegenteil!«

Eine kurze Pause trat ein. Der Pater sah ein Blumenbeet an und Harteck

betrachtete den Mönch.

»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Geistliche

sodann. Der Pater war damit einverstanden.

»Wie lange sind Sie schon hier?« lautete die nächste Frage des

Priesters.

»Seit einem Jahre.«

»Es gibt hier viel zu tun, wie ich gehört habe?«

»Sehr viel. Das Dorf ist groß und alle umliegenden Ortschaften, ja sogar

das Nachbarstädtchen zählen zu unserem Sprengel. Der Herr Dekan bekommt

in einem fort Besuche, Gesuche und Briefe und hat zur Seelsorge wenig

Zeit.«

»Was für ein Mensch ist der Dekan?«

»Hm, ... er ist ein sehr eifriger und tätiger Mann. Nur beschäftigt er

sich zu viel mit Politik. Er hat vor kurzem für den Landtag kandidiert

und ist unbegreiflicherweise nicht gewählt worden. Seitdem ist er stets

leidlich verstimmt.«

»Ich habe von seiner Niederlage gehört und mich darüber gewundert. Ist

man denn hier im Ort und in der Umgebung so liberal gesinnt?«

»Es scheint so. Die Herren in der Nachbarstadt haben den Ausschlag

gegeben; die wollten durchaus einen Advokaten durchbringen und haben es

auch durchgesetzt. Unsere Bauern sind ebenfalls aufgehetzt worden.«

»Von wem?«

»Nun, von den Liberalen im Orte, ... dem Schullehrer, dem Arzte, den drei

Herren von der Eisenbahn und den paar Krämern, die sich der Himmel weiß

wie weise dünken, wenn sie einem geistlichen Herrn Opposition machen.

Viele bleiben auch jetzt der Kirche fern, wenn der Herr Dekan predigt; daß

er nicht immer zum Sanftesten spricht, ist ihm wohl nicht zu verübeln.«

Darauf sagte der Priester nichts.

»Wie steht es mit der Schule?« fragte er sodann.

»Hm, ... könnte besser sein. Es gibt eben fortwährend Reibereien. Der

Schullehrer ist ein Liberaler und möchte am liebsten, daß die Kinder gar

keinen Religionsunterricht genössen, und die Glaubenslehre soll und muß

doch der Hauptgegenstand sein. Der Herr Dekan, seinerseits, ist wieder mit

der Unterrichtsmethode des Lehrers nicht zufrieden ... Er überbürde die

Kinder, meint er, und mache es den älteren Knaben und Mädchen vor lauter

Lernen unmöglich, ihren Eltern bei den Haus- und Feldarbeiten zu helfen.

Wir brauchen, meint der Herr Dekan, tüchtige Bauern und Bäuerinnen, aber

keine Gelehrten.«

Auch dieser Rede stimmte Harteck weder bei, noch widersprach er ihr.

»Sind die Leute fromm?« fragte er.

»Wie man es nimmt. Die Weiber gehen noch an, ... die Männer jedoch,

besonders die Burschen, sitzen lieber im Wirtshaus als in der Kirche. Das

macht das böse Beispiel. Seit jener verunglückten Kandidatur herrscht

zwischen dem gnädigen Herrn und den Bauern eine gewisse Spannung. Der Herr

Dekan zeigt ihnen unverhohlen, daß er unzufrieden mit ihnen ist, und sie

gehen ihm, so viel sie können, aus dem Wege. Hoffentlich wird es mit der

Zeit anders werden.«

»Auf welche Weise bringt man hier die freien Stunden zu? Mit wem kann man

verkehren?«

»Sie meinen, mit wem _wir_ verkehren können? Jetzt mit niemandem. Der

Herr Dekan hat jeden Umgang abgebrochen. Manchmal jedoch kommen geistliche

Herren aus den Nachbardörfern zum Besuche, ... die kegeln oder spielen

Tarock mit dem gnädigen Herrn, und daran können auch Sie sich beteiligen,

wenn Sie Lust dazu haben.«

»Mit den Bauern kann man jetzt ebenfalls nicht verkehren? Ich möchte die

Leute doch kennen lernen.«

»Sie können das halten, wie Sie wollen. Ob der Herr Dekan es gern sehen

würde, kann ich freilich nicht sagen.«

Eine Zeitlang wandelten sie schweigend nebeneinander her. Der Priester

schien in Nachdenken versunken.

»Wird hier Musik getrieben?« fragte er dann plötzlich.

»Musik? Ach freilich! Der Schullehrer hat so eine Art von Musikverein ins

Leben gerufen, und der spielt an jedem Sonn- und Feiertag im Gasthausgarten

vom Bärenwirt. Die Leute sollen recht gut spielen. Ich, für meine Person,

habe mit derlei Dingen nichts zu schaffen.«

»Wer singt denn auf dem Chor?«

»Die Töchter vom Bärenwirt, vom Kaufmann und vom Arzte. Die Tochter des

Arztes hat eine schöne Altstimme.«

»Wer spielt die Orgel?«

»Der Schullehrer. Dem Herrn Dekan ist das zwar nicht ganz recht, aber

außer dem Schullehrer versteht niemand im Orte die Orgel zu spielen. Und

dem Mann trägt es Geld ein, und außerdem macht es ihm in doppelter Weise

Vergnügen ... Dazu ist die Kirche, die er sonst nie besucht, doch gut.«

»Wieso macht ihm das Spiel in doppelter Weise Vergnügen? Wie meinen Sie

das?«

»Nun, ich habe gehört, daß er sich um die Hand der Tochter des Arztes

bewerbe, und da das Fräulein auf dem Chor singt, ist es ihm natürlich

angenehm, sie begleiten zu dürfen.«

»Ach so!«

Abermals trat eine Pause ein.

»Wo liegt das Spital?« fragte der Priester nach einer Weile.

»Sie können es vom Garten aus sehen.« Er wies mit der Hand über die

Gartenmauer nach einem freistehenden dreistockhohen Hause. »Es ist gut

gehalten und wird vortrefflich geleitet. Vier Schwestern wohnen dort und

pflegen die Kranken. Auch alte, arme, arbeitsunfähige Leute nimmt das

Spital auf und versorgt sie. Es ist vorzugsweise _meine_ Aufgabe, zu den

Kranken zu gehen und ihnen die heiligen Sakramente zu spenden. Beinahe jede

Nacht werde ich geweckt, weil einer der Kranken nach mir verlangt hat.«

»Das ist eine mühevolle Aufgabe für einen einzelnen. Künftighin werde

ich sie mit Ihnen teilen.«

»Das ist nicht nötig. Mir sind meine Berufspflichten niemals noch

zu schwer oder zu viel gewesen. Sie werden mit der Seelsorge und dem

Unterricht genug zu tun haben. Lassen Sie mir meine Kranken!«

Der junge Kooperator nickte und streichelte den Kopf seines Hundes, der

sich dicht an ihn drängte und augenscheinlich beachtet werden wollte.

»Jetzt haben Sie mich nach allem gefragt, nur nach der Kirche nicht,«

bemerkte der Mönch nach einer Stille. »Ohne Zweifel haben Sie dieselbe

schon besichtigt?«

Eine flüchtige Röte trat auf die Wangen des Priesters.

»Noch nicht,« antwortete er. »Ich werde sie ja sehen, wenn ich die Messe

lese,« fügte er rasch hinzu.

Der junge Mönch sah ihn bloß an und erwiderte keine Silbe.

»Um wieviel Uhr wird die erste Messe gelesen?« fragte Harteck, dem dieses

Schweigen, in dem ein verhaltener Tadel zu liegen schien, unbehaglich war.

»Um halb sieben Uhr; um sieben Uhr kommt die Reihe an Sie. Die erste Messe

liest immer der Herr Dekan. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. Es ist Zeit,

unsere Gebete vorzunehmen. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« sprach Harteck nach, und der Mönch entfernte

sich. Harteck setzte sich auf eine Bank, die unter einem breitästigen

Kastanienbaum stand, und zog sein Brevier aus der Tasche. Zerstreut wendete

er die Blätter um.

Ein abgeschlossener, ruhiger, mit sich selbst einiger Mensch, dieser junge

Mönch. Er fragt nicht, er ist nicht neugierig, er antwortet bloß; alles,

was außerhalb seines Berufes liegt, scheint ihm gleichgültig zu sein;

aber alles, was zu seinem Berufe gehört, ist ihm heilig.

»Hätte ich doch nach der Kirche gefragt!« dachte Harteck. »Es lag so

nahe, ... aber weiß der Himmel, wie es kam, ... ich vergaß sie ganz und

gar.«

Mittlerweile war es sechs Uhr geworden; die Stunde des Gebetes. Um die

Unterlassungssünde halbwegs gut zu machen, beschloß Harteck, jetzt, bevor

die Messe begann, in die Kirche zu gehen und schlug mit seinem Hunde den

Weg nach dem Gotteshause ein. Er hieß Cäsar draußen warten und trat, das

geöffnete Brevier in den Händen, in die Kirche.

Das Innere derselben war, wie es bei vielen Dorfkirchen der Fall ist,

überreich an Vergoldungen, kleinen Engeln und Heiligenbildern. Über dem

Altar, mittels eines Drahtes an der Decke befestigt, schwebte eine große,

weiße, aus Holz geschnitzte Taube, den heiligen Geist vorstellend. Neben

dem Altar stand ein vergoldeter Armstuhl, auf dem eine blaugekleidete

hölzerne Figur saß, die ein Kind in den Armen hielt. Mutter und Kind, die

Jungfrau mit dem Jesuknaben, trugen goldene Krönlein auf den Häuptern.

An den Wänden hingen die in allen katholischen Kirchen üblichen vierzehn

Leidensstationen Jesu Christi. Das Altarblatt stellte die heiligste

Dreifaltigkeit dar, und über den Seitenaltären rechts und links waren

Bilder eines Christus am Kreuze und einer schmerzhaften Maria angebracht.

Die Landesheilige, die fromme Notburg, war ebenfalls vertreten, und der

Maler hatte sie in dem Augenblicke festgehalten, wo sie die Sichel in die

Luft geworfen hat und diese in der Luft hängen bleibt, zum Zeichen, daß

Gott Vater es vorziehe, wenn Menschen am Feierabend beten, anstatt zu

arbeiten, was die heilige Notburg, der Überlieferung gemäß, auch getan

hat.

Der junge Priester machte einen Rundgang durch die Kirche, betrachtete

alles mit gleichgültigem Blick und ging dann wieder ins Freie.

Bemerkenswertes bot die Kirche nicht; er hatte schon viele gesehen, die

dieser auf ein Haar glichen.

Aber er stellte sich in der Nähe des Kirchleins auf, denn er sah von allen

Seiten Leute nahen, die der Glocke Geläut zur Frühmesse rief, und er

wollte diese Menschen, zu deren Seelenheil er bestellt war, von Angesicht

kennen lernen. Zuerst kamen die Klosterfrauen aus dem Spital, gefolgt von

alten Pfründnern beiderlei Geschlechtes und den weiblichen Schulkindern.

Der Geistliche zog vor den Schwestern den Hut ab, und sie dankten seinem

Gruß, indem sie demütig das Haupt neigten, und die Kinder, die Greise

und Greisinnen grüßten ihn und alle schauten ihn neugierig an. Dann kamen

auch die Schulknaben, hübsche, fröhliche Jungen mit hellen Augen, und

Bäuerinnen in der Landestracht, darunter manche bildhübsche Dirne, und

er mußte jedem einzelnen danken, denn alle riefen oder nickten ihm

einen Gruß zu, und wenn sie an ihm vorbei waren, steckten sie die Köpfe

zusammen und flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr. Endlich wurde es

still, niemand mehr kam, die Glocke schwieg; die Messe hatte begonnen.

Langsamen Schrittes schlenderte der Geistliche die Kirche entlang und

trat durch ein Hinterpförtchen in die Sakristei, um sich für die Messe

anzukleiden. Der Meßner, ein etwas schiefgewachsener, grauköpfiger

Mensch, bewillkommnete ihn mit einem tiefen Bückling und zeigte ihm nicht

ohne Stolz die geistlichen Ornate, die in den Schränken aufbewahrt lagen.

Dann half er ihm beim Ankleiden und stellte ihm einen kleinen Buben, der

sich einstweilen eingefunden hatte und dem Priester die Hand küßte, als

seinen Ministranten vor. Harteck richtete an den Jungen einige Fragen;

da jedoch aus diesem nichts anderes als Ja oder Nein herauszubringen war,

verstummte das Gespräch sehr bald. Übrigens war dazu auch keine Zeit

mehr. Die Tür, die nach der Kirche führte, wurde aufgestoßen und herein

trat ein anderer Ministrant, gefolgt vom Herrn Dekan. So also sah sein

neuer Gebieter aus! Der junge Priester erhob sich rasch und machte eine

tiefe Verbeugung. Ohne ihm die Hand zu reichen und ohne zu lächeln,

schaute der Dekan ihn an, nickte mit dem Kopfe und ließ sich von dem

Meßner das Meßgewand vom Leibe ziehen.

»Zum Begrüßen ist jetzt keine Zeit,« sagte er. »He! Kleiner! Gib das

Glockenzeichen zur zweiten Messe.«

Hartecks Ministrant zog an einer Glocke, die neben der Tür hing, der

junge Geistliche ergriff die Meßgerätschaften und trat, ihm voran der

Ministrant, in die Kirche. Während er die Messe zelebrierte, beschäftigte

sein Geist sich mit dem Dekan, der -- das konnte er sich nicht verhehlen

-- einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Die große, beleibte,

muskulöse Gestalt, das fast dreieckige Gesicht mit den hängenden Lippen

und Wangen, die von zahllosen Fältchen umgebenen kleinen, hartblickenden

Augen, die starke Nase und spitzige Stirn, in die ein Büschel der noch

dunklen und spröden Haare hing, was dem Gesichte einen eigentümlich

finsteren und trotzigen Ausdruck verlieh, ... nichts war an der Erscheinung

des Dekans, das Vertrauen oder Sympathie hätte erwecken können. Und die

Worte, die er gesprochen, und mehr noch der _Ton_, ... freundlich hatten

die nicht geklungen! Indessen suchte Harteck sich darüber zu trösten.

Vielleicht tat der Dekan nur in der Kirche so streng und abgemessen: manche

Priester glauben, daß sie anders nicht sein dürfen. Dann aber fielen ihm

wieder die Mitteilungen des jungen Mönches ein. Ein Seelsorger, der mit

seiner Gemeinde in Groll und Hader lebte, ... stand von solchem Manne viel

Erfreuliches zu erwarten? Hatte Harteck nicht schon erfahren, in welchen

Zorn der Dekan eines fehlgeschlagenen Wunsches wegen geraten konnte? Ließ

dieser Umstand allein nicht auf eine verbissene Reizbarkeit und einen

schwer zu behandelnden Charakter schließen? Selten noch hatte Harteck die

heilige Messe mit geringerer Aufmerksamkeit gelesen als dieses Mal. Als

er am Ende den Anwesenden den Segen erteilte und alle sich so fromm und

ehrfurchtsvoll erhoben und bekreuzigten, durchzuckte seine Brust ein

Gefühl wehmütiger Scham.

»Was für ein Priester ich bin!« dachte er und schüttelte das Haupt

über sich selbst.

Er atmete gleichsam auf, als er wieder außerhalb der Kirche stand und mit

seinem Cäsar, der vor der Tür auf ihn gewartet hatte, in den Pfarrhof

zurückkehrte.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 9 / 35 题