Erstes Kapitel

Abend war es, ein schöner, warmer Sommerabend. Über den Feldpfad, der vom

Bahnhof in das Dorf führte, schritt ein junger Mann. Ein großer schwarzer

Neufundländer folgte ihm auf dem Fuße. Der Ankömmling stand still,

entblößte das Haupt und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Dabei

tat er einen tiefen Atemzug und ließ den Blick über das vor ihm liegende

Dorf schweifen ... Das also war seine neue Heimat!

Still und friedlich lag der Ort da, die Kirchtürme ragten zwischen den

Häusern hervor und rings umher erhoben sich grüne Hügel und felsige

oder bewaldete Berge. Die Glocken läuteten zum Abendgebet; in den Wiesen

zirpten Grillen, aus den Laubwerken leuchteten Johanniskäfer auf und

am Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Das war seine neue Heimat! Ein

Gefühl der Rührung, der Bangigkeit, fast der Liebe durchzog seine Brust;

er wollte sich hier recht glücklich fühlen, sich recht innig schließen

an diese schöne Natur und auch an die Menschen, falls sie sich dessen wert

zeigen sollten. Von diesen Gedanken beseelt, setzte er seinen Weg fort; der

Hund ging dicht hinter ihm.

Sie kamen bei den ersten Häusern an. Meistens waren es einstöckige

Häuser mit weiß getünchten Wänden und Schindeldächern, grün oder gelb

angestrichenen Jalousien und Haustoren; viele hatten an der Gassenfronte

einen Balkon und neben manchen lag Holz aufgespeichert; an einigen rankten

sich wilder Wein und Efeu empor und auf den Veranden standen Blumentöpfe.

Der Wanderer erreichte den Hauptplatz; in der Mitte des Platzes stand eine

Säule und auf derselben ein heiliger Florian, der einen Kübel Wasser

über ein brennendes Häuslein ausgoß. An den Häusern, in allen Ecken

waren Heiligenbilder oder Heiligenstatuen angebracht; kein Wunder: lag doch

das Dorf St. Jakob im Norden des glaubensstarken Landes Tirol.

Die Dorfbewohner schliefen schon oder saßen in den Wirtshäusern.

Ohne jemandem zu begegnen, langten Herr und Hund bei der Kirche an, und

diese war das Ziel ihrer Wanderung; neben der Kirche stand der Pfarrhof,

und dorthin gehörte der Ankömmling von dieser Stunde an.

Den Plan, auf dem die Kirche und rechts davon der Pfarrhof standen,

friedete ein schwarzes Gitter ein. Die beiden Gebäude waren höher

gelegen als die übrigen Häuser und ragten einsam hervor, gleichsam,

um anzuzeigen, daß sie einen höheren, von den Alltagsinteressen der

Dorfbewohner streng geschiedenen Zweck zu erfüllen hätten. Die Kirche

machte, wie alle Dorfkirchen, einen friedlichen Eindruck; der große, kahle

Pfarrhof hingegen sah düster wie eine Kaserne aus.

Der Fremde schritt auf das Haus zu und zog an der Glocke. Sogleich erscholl

drinnen heiseres Gebell, dann ertönten Schritte, begütigende Zurufe

wurden laut, die Tür ging auf und eine junge Bauerndirne, die einen

knurrenden Hofhund am Halsband festhielt, zeigte sich auf der Schwelle.

»Grüasch Gott, Hochwürden,« sagte das Mädchen treuherzig. »Die Hand

kann ich dem Herrn nicht geben, weil ich das Hundsvieh halten muß. Aber

der Burschel tut nichts, er tut nur im Anfang so wüst. Wollen der Herr

nicht vorausspazieren? Seine Zimmer sind in der feinsten Ordnung. Wir haben

alles recht nett herg'richt.«

Derjenige, den sie »Hochwürden« genannt hatte und dessen glattrasiertes

Gesicht, Collare und schwarze Kleidung den katholischen Priester zur

Genüge kennzeichneten, trat, den eigenen Hund am Halsband führend, in das

Haus.

»Bleib' draußen -- Du!« sagte das Mädchen zu Burschel, drängte ihn ins

Freie hinaus und schloß das Tor hinter ihm ab. Der Hund ließ ein zorniges

Gebell erschallen.

Das Mädchen führte den Fremden zwei Holztreppen hoch bis vor eine Tür.

»Da wären wir!« sagte sie, die Tür öffnend und machte Licht, und

er konnte nun die Stube in Augenschein nehmen. Sauber war sie, blank

gescheuert, und an den Fenstern hingen blütenweiße Gardinen. Die

Einrichtung war freilich in hohem Grade einfach und bestand durchweg

aus Holz; die Wände schmückten oder, richtiger gesagt, verunzierten

fratzenhafte Heiligenbilder aller Art und an der Tür hing ein kleiner

Weihwasserkessel.

»Gefallt's dem Herrn?« fragte das Mädchen.

»Sehr gut,« antwortete er und überlegte im Geiste, wohin er seinen

Bücherschrank, sein Klavier und mehrere andere Gegenstände, die

demnächst eintreffen würden, stellen sollte; und die Heiligenbilder

wollte er entfernen lassen, ... diesen Entschluß faßte er sogleich.

»Und nebenan ist die Schlafstube,« sagte das Mädchen.

»Schön; und nun eine wichtige Frage: kann ich etwas zu essen bekommen?«

»O ja. Der gnädige Herr hat wohl schon zu Nacht 'gessen, aber es wird

schon noch was da sein. Freilich, der Herr werden hungrig sein nach der

langen Fahrt, und i will gleich in die Küch' laufen und was bringen.«

Sie entfernte sich, der Priester ergriff das Licht und begab sich in die

Stube nebenan. Auch diese war sehr sauber und hatte weiße Mullgardinen an

den Fenstern. Im übrigen aber machte sie einen fast traurigen Eindruck. In

der Nähe des Bettes stand ein Betschemel und über diesem erhob sich ein

hölzerner Christus am Kreuze, dessen unverhältnismäßig großes

Haupt wie ein Wasserkopf aussah. Über dem Bette selbst war das Bild der

schmerzhaften Mutter Gottes angebracht; ihr Herz war sichtbar -- sie wies

mit der Hand darauf -- und dieses Herz durchdrang ein Schwert. Auch in

dieser Stube befand sich ein Weihwasserkessel und an den Wänden hingen

oder klebten Heiligenbilder; an einer der Wände waren mittels einer Kohle

die Worte: =Memento mori!= aufgezeichnet, und auf dem Nachttisch stand

unter einem gläsernen Sturz ein kleines eisernes Kreuz, zu dessen Fuß ein

Totenschädel und kreuzweise übereinander gelegte Gebeine ruhten.

Der Priester sah das alles aufmerksam an und legte sodann Handtasche und

Überzieher auf das Bett.

»Asketisch, sehr asketisch sind diese Zimmer eingerichtet,« dachte er.

»Nicht _ein_ weicher Stuhl, kein Teppich, und statt des Sofas eine Bank

aus Holz. Sind wir denn Mönche?«

Er ging zum Waschtisch hin und wusch sich den Reisestaub vom Gesicht und

den Händen, holte aus seiner Reisetasche einen Kamm, eine Bürste und

einen kleinen Spiegel -- einen solchen gab es hier nicht --, kämmte

sein Haar und strich mit der Bürste seine verstaubten, vom langen Fahren

zerdrückten Kleider rein und glatt. Als er damit fertig war, trat er zum

Fenster hin, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das Fenster hatte die

Aussicht auf den Garten, der zum Pfarrhof gehörte; die Bäume und Blumen

strömten einen balsamischen Duft aus. Im Hintergrunde zeigten sich die

Umrisse hoher Berge; auf dem Gipfel des erhabensten leuchtete ewiger

Schnee. Der Hund war dem Herrn nachgeschlichen, richtete sich empor

und legte die schweren Vorderpfoten auf das Fensterbrett. Mit einem

Arm umschlang der Priester den Hals des mächtigen Tieres, drückte den

zottigen Kopf an die Brust, und Herr und Hund schauten in die Nacht hinaus.

»Cäsar!« sagte der Geistliche endlich und noch einmal leise und bewegt:

»Cäsar!« und verbarg das Gesicht in dem weichen Halsfell des Tieres.

»Ich habe jetzt niemanden als Dich, und Du hast niemanden als mich ... Wir

wollen treu zueinander halten, gelt, alter Kerl?«

Der Hund wedelte, drehte den Kopf zur Seite und leckte seinem Herrn die

Hand. »Verstehe schon!« schienen seine treuherzigen Tieraugen zu sagen.

»Und wenn Dein Herr in Träumereien versinkt,« sprach der Priester

weiter, »dann zupfe ihn am Rock oder belle oder treibe sonst irgendeinen

Unsinn. Du weißt, daß Dein Herr nicht träumen soll. Hast Du mich

verstanden?«

Schwerlich. Aber er gab sich den Anschein danach, schaute seinen Herrn mit

kluger Miene an, glitt vom Fenster herab und stand, mit den Hinterpfoten am

Boden scharrend, erwartungsvoll da. Dann spitzte er die Ohren und lief zur

Tür hin. Die Magd war mit Speise und Trank eingetroffen und deckte den

Tisch. In der Tür lehnend, sah der Geistliche ihrem Treiben zu und fragte

nach einer Weile: »Kann ich dem Herrn Dekan heute noch meine Aufwartung

machen?«

»Heut' wird's wohl nimmer recht angehen ... Der gnädige Herr sein schon

im Schlafzimmer.«

»Wann und wo wird gefrühstückt?«

»Um halb acht, ... wann halt die Messen g'lesen sein. Das Speiszimmer

ist drunten im ersten Stock. Da werd'ns a junge G'sellschaft finden: die

gnädige Fräul'n und den Herrn Pater.«

»Wer sind diese?«

»Die Fräul'n ist eine Nichte vom gnädigen Herrn, ... sie ist aus Wien

und bleibt übern Sommer hier, ... wegen der Luft, hab' i g'hört, ... und

der Herr Pater ist ein Herr Franziskaner, der zur Aushilf' kommen is ...

Es gibt halt so grausam viel zu tun in der Kirchen und da haben's die

geistlichen Herren halt nimmer richten können, und deswegen ist der Pater

hier.«

»Ein noch junger Mann?«

»O blutjung! Und so schüchtern! In einem fort wird er rot, und völlig

net anz'schauen traut er sich die Weibsleut' ...« Sie lachte in sich

hinein. »Aber a guader[1] Mensch is er, oa herzensguader ... Ich mag ihn

schon leiden. Brauchen Hochwürden noch was oder kann ich gehen?« fragte

sie abbrechend.

Nur noch eine Schüssel für den Hund, damit er ihn trinken lassen könne.

Sie brachte auch die Schüssel.

»Wann's 'gessen haben, gangen's[2] nur ruhig schlafen,« sagte sie. »Ich

werd' schon nachher kimma und die Sachen da hinaustragen. Jetzt wünsch'

ich guaden Appetit und oa guade Nacht.«

»Noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte der Priester, sie

zurückhaltend. »Wie heißen Sie denn?«

»Uschei[3], Hochwürden,« antwortete sie mit einem Knicks.

»Also, Uschei,« sprach er weiter, »hören Sie mich. Morgen mit dem

Frühzug wird mein Gepäck ankommen. Tragen Sie Sorge dafür, daß es

mir sogleich ins Haus geschafft werde, denn ich möchte mich sobald wie

möglich heimisch hier fühlen, und ohne meine Bücher und mein Klavier

geht es nicht.«

»Ja, ich werd's den Knechten sagen. Gnade Ruh', Hochwürden.«

»Noa! unser neuer Herr Kop'ratter is oa liaber Mensch!« sagte sie unten

in der Gesindestube. »So freundlich und fein, und Klavierspiel'n tuat er

a ... Da wird's dächt'[4] a bissel lustiger bei ins[5] werden.«

* * * * *

Während diese kleine Szene im zweiten Stockwerk des Pfarrhofes sich

abspielte, saß der Dekan von St. Jakob im Arbeitszimmer vor dem großen

Pulte und beschäftigte sich mit dem Lesen von Briefen. Drei Briefe waren

es, die er langsam nacheinander entfaltete, aufmerksam studierte und dann

wieder zusammenlegte. Er hatte die Briefe erst kürzlich erhalten und ihr

Inhalt mußte für ihn von hohem Interesse sein: denn kaum daß er sie zu

Ende gelesen hatte, nahm er abermals den ersten zur Hand und begann ihn

neuerdings zu lesen. Er war von einer zitternden Greisenhand geschrieben

und enthielt Folgendes:

»In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 15. Juni 18--,

hochverehrter, hochwürdiger Herr Dekan, erlaube ich mir, Ihnen

nachstehende Mitteilungen zu machen. Der junge Mann, über den Sie sich bei

mir zu erkundigen beliebten, wurde meiner Pfarre vor sechs Jahren zugeteilt

und brachte beinahe zwei Jahre in meinem Hause zu. Er hatte damals erst

vor wenigen Tagen die Weihen empfangen und war in der praktischen

Seelsorge noch gänzlich unbewandert; ich bin mir bewußt, ihm freundlich

entgegengekommen zu sein und mir alle Mühe gegeben zu haben, ihm, wo

und wie immer ich nur konnte, hilfreich an die Hand zu gehen. Der junge

Koadjutor blieb mir jedoch, obschon er äußerlich zuvorkommend und fügsam

war, innerlich ein Fremder und erfüllte auch seine Berufspflichten nicht

mit jenem Eifer und jener Hingebung, die von einem Priester erwartet und

gefordert werden dürfen. Ebenso machte ich bald die Wahrnehmung, daß

er mit allen Leuten lieber verkehrte als mit mir und in Gesellschaft

von Bauern sehr aufgeräumt sein konnte, während er im Pfarrhof stets

schweigsam und verschlossen war. Indessen will ich dem jungen Manne nicht

schaden, und es sollte mich freuen, wenn nichts anderes als das noch

Ungewohnte seines Berufes und der große Unterschied der Jahre, der

zwischen ihm und mir bestand, es gewesen wären, die ein vertrauliches

Zusammenleben und Wirken nicht recht aufkommen ließen. Seinen Sitten

kann ich nichts Ungünstiges nachsagen und ebenso muß ich mich gegen die

Vermutung, daß _ich_ es gewesen wäre, der auf seine Versetzung von meinem

Pfarrhof in einen anderen gedrungen hätte, entschieden verwahren. Ich

bin mit dem jungen Manne stets leidlich gut ausgekommen und sah ihn sogar

ziemlich ungern scheiden, weil ich mich an ihn gewöhnt hatte. Die Ursache

seiner Versetzung war keine andere, als daß ein Kooperator plötzlich

starb, dessen Stelle sofort besetzt werden mußte. Zum Lobe meines

ehemaligen Koadjutors will ich noch hinzufügen, daß er sich am Orte

großer Beliebtheit erfreute und sein Scheiden allgemeines Bedauern

hervorrief. Indem ich Sie bitte, hochverehrter und hochwürdiger Herr

Dekan, von dieser vertraulichen Mitteilung keinerlei Gebrauch zu machen

und Ihrem neuen Mitarbeiter mit unbefangenem Wohlwollen entgegenzukommen,

zeichne ich« usw.

Der Dekan legte den Brief auf das Pult und griff nach dem zweiten

Schreiben.

»Hochgeehrter Herr Dekan!« hieß es darin. »Zu meinem Bedauern sehe ich

mich gezwungen, Ihnen auf die von mir verlangte Auskunft über die Konduite

des Herrn Kooperators H-- eine ungünstige Antwort zu geben. Drei Jahre

lang habe ich mich mit diesem Herrn geplagt und geärgert, und ich danke

heute unserem Herrgott, daß es meinen wiederholten Bitten um seine

Versetzung endlich gelungen ist, ihn mir vom Halse zu schaffen. Er mißfiel

mir vom ersten Augenblick an, obwohl er im Anfang sich alle Mühe gab,

mich über seinen wahren Charakter zu täuschen; ich aber durchschaute ihn

sofort und wußte, mit welcher Art von Menschen ich zu tun hätte. Meiner

Ansicht nach hätte dieser Herr niemals Priester werden sollen. Junge

Geistliche, die das Haar lang und lockig tragen und sich bemühen, die

Tonsur zu verbergen, sich zierlich kleiden und ohne den Spiegel nicht

existieren könnten, sind mir von jeher antipathisch gewesen. Jener junge

Herr war nicht nur eitel auf seine äußere Erscheinung, sondern auch über

alle Maßen weltlich gesinnt, vergnügungssüchtig und eigensinnig; Kirche

und Pfarrhof waren die Orte, wo er sich am unliebsten aufhielt, -- aber mit

Bauern und Städtern unnützes Zeug schwatzen, in alle Häuser, wo junge

Frauenzimmer wohnten, laufen, musizieren, lesen, spazierengehen, -- ja,

_das_ behagte seinem hoffärtigen Sinne. Sie können sich nach dem eben

Gehörten wohl ohne Mühe vorstellen, daß ich den jungen Mann nicht allzu

sanft behandelte; ich wollte ihn bessern, -- aber da kam ich schön an!

Er widersetzte sich allem, was ich ihm zu tun befahl oder zu unterlassen

gebot, konspirierte mit den Aufgeklärten (=sic!=) im Orte gegen mich und

ging mir wie einem Pestkranken aus dem Wege. Im letzten Jahre setzte

er seinem Benehmen die Krone auf, indem er mit einer Dirne, die meine

Wirtschafterin (eine sehr achtbare Person) ins Haus genommen hatte,

ein intimes Liebesverhältnis einging. Glücklicherweise bekam meine

Wirtschafterin bald Wind davon und drang darauf, daß die Dirne das Haus

verlasse. Ich war damit natürlich einverstanden und schickte das Mädchen,

das nicht aus unserem Dorfe war, in ihren Heimatsort zurück. Würden Sie

an meiner Stelle anders gehandelt haben? Es ist wahr, und ich rühme

mich dessen: ich habe der Dirne tüchtig den Kopf gewaschen und ihr meine

Meinung gesagt. An ihrem Heulen war mir wenig gelegen. Aber daß mich mein

Herr Untergebener darüber förmlich zur Rede stellte und mir mit einer

mir völlig fremden Leidenschaftlichkeit meine »Roheiten« gegen ein

unglückliches, wehrloses Mädchen (=sic!=) vorwarf, -- das war doch eine

unerhörte Frechheit! Ich habe sie ihn auch entgelten lassen und ihn

von dieser Stunde an mit rücksichtsloser Härte behandelt. Wenn er Reue

gezeigt hätte, würde ich ihm vielleicht verziehen haben. Aber (bloß

um mich zu ärgern!) gab er sich den Anschein, als ob er die Dirne nicht

vergessen könnte, stand in Briefwechsel mit ihr, aß fast nichts,

rannte in der Nacht in den Straßen herum anstatt zu schlafen, -- kurzum,

gebärdete sich wie ein Narr. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht,

daß sein Mädchen sich verlobt hätte und darauf wurde er -- äußerlich

wenigstens -- ruhiger. Dessenungeachtet ließ ich alle Minen springen, um

ihn los zu werden, und als ich meinen Zweck endlich erreicht hatte, schied

er, -- natürlich ohne mich um Verzeihung gebeten zu haben, und verbarg

ebensowenig, wie lieb es ihm wäre, von hier fortzukommen.

Ich wünsche von Herzen, hochwürdiger Herr Dekan, daß der verunglückte

Mensch sich gebessert haben oder daß es Ihrem Einflusse gelingen möge,

ihn zu bessern, und verbleibe« usw.

»Das klingt schon anders als das erste Zeugnis,« murmelte der Dekan.

»Der junge Mann hat Fortschritte gemacht.«

Er schlug das dritte Schreiben auseinander. Dieses war sehr kurz und

lautete wie folgt:

»Hochwürdiger, hochgeehrter Herr Dekan! Ich bedaure lebhaft, Ihre

Nachfrage hinsichtlich des Herrn Kooperators H. nur ungenügend beantworten

zu können. Stets von Geschäften überbürdet, ist es mir nicht möglich,

mich eingehend mit den Charakteren der vier mir unterstehenden Kooperatoren

und Koadjutoren zu beschäftigen. Herr H. lebte kaum ein Jahr bei mir und

blieb mir beinahe völlig fremd. Im Anfang seines Hierseins war er immer

leidend und wahrscheinlich auch infolgedessen still und traurig. Später

erholte er sich und kam seinen Berufspflichten stets pünktlich nach. Im

großen und ganzen kann ich ihn weder loben noch tadeln. Er ist, wie ich

glaube, ein indifferenter Mensch. Umgang pflog er mit wenig Leuten; meinen

Geistlichen gegenüber verhielt er sich zurückhaltend; nur als mein

jüngster Koadjutor am Typhus erkrankte, pflegte ihn Herr H., wie ich

gehört habe, mit aufopferungsvoller Fürsorge und schloß sich dem jungen

Manne, als dieser genesen war, auch näher an. Dieser selbe Herr Koadjutor

hat sein Scheiden schmerzlich empfunden. Was die Sitten Herrn H.s

anbelangt, so enthalte ich mich darüber jedes Urteiles, indem ich mich um

das, was meine Herren _außerhalb_ des Pfarrhofes treiben, grundsätzlich

nicht bekümmere. Übrigens ist mir nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen.

Genehmigen Sie« usw.

Der Dekan verschloß die Briefe im Pulte und blieb in nachdenklicher

Stellung sitzen. Er wußte nun, wie sein neuer Kooperator beschaffen war;

er hatte drei kompetente Urteile über den jungen Mann gehört, ... denn

kompetent waren diese Stimmen, wenigstens nach seiner Meinung, und nun

kannte er ihn, glaubte ihn zu kennen. »Mit dem werden wir schon fertig

werden. Es ist gut, wenn man gleich am Anfang weiß, wie man sich einem

Menschen gegenüber zu verhalten hat.«

Die Frage, ob der Verkehr nicht weit unbefangener und ungezwungener gewesen

wäre, wenn er diese Spionage unterlassen und den jungen Mann selbst

geprüft und kennen zu lernen versucht hätte, ohne sich im voraus ein auf

fremde Aussprüche gestütztes Urteil über ihn zu bilden, diese Frage kam

dem Dekan nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig war er geneigt, aus

den Briefen anderes herauszulesen, als daß Georg Harteck ein

pflichtvergessener Priester war und einen störrigen, ziemlich sittenlosen

Charakter besaß. Er streichelte mit der Hand sein spitzes Kinn, nickte wie

einer, der weiß, was er zu tun hat, stand auf und verfügte sich in sein

Schlafzimmer.

Der geistliche Tod: Roman. Zehnte Auflage. · 第 8 / 35 题