Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt:
Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die
vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene
Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl
Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber
vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer
kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den
Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam
durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein
Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann
und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb
gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein
Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger
Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen,
ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in
ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten
Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die
göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert
zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe
die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische,
dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen,
worin immer es sich auch betätige!