NACHWINTER

9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die

ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der

Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß

davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im

Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So

Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des

berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern

abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit

diesem Winter-_Rückfall_ gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten

bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich

hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch

stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre

Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es

ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer

gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie

ich, und möge ich eine neue _Schneeschuh-Wurzen_ baldigst finden! Einer

machte schon eine _leise Anspielung_, aber es stellte sich heraus, daß

er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht

mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen.

Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er,

Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in

dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld

regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres

1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen:

„Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische

‚_Petrarca-Liebe_!‘“

Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte

Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte

Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen

Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein

Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, _Wollsocken_!“ —

„Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung

übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr

Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“

"Semmering 1912" · 第 156 / 325 题