WINTER AUF DEM SEMMERING

Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue

hinzubekommen — — — den _Schnee_! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit

Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie

Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten,

betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele

hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen,

realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und

enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn

zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines

Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher

verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen

Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen,

kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und

gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine

unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir

ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in

sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor

Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht

benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht

kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger

Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte

„unglückliche Liebe“ meiner Seele!

"Semmering 1912" · 第 154 / 325 题