bessere Gelegenheit in dem Buche zu sprechen, in welchem ich über
die Studien, welche ich in den Gummigegenden selbst und unter den
Indianern, die in der Nähe derselben liegen, berichten werde.[128] Ich
gehe deshalb hier nicht näher auf diese Frage ein.
Frondienste für die Weißen.
Die Chiriguanos und Chanés, die in ihrem eigenen Land bei der
zugezogenen weißen Rasse als Diener arbeiten, sind außerordentlich
schlecht bezahlt. Dies gilt besonders für abgelegene Gegenden, wo die
infolge der Konkurrenz höheren Arbeitspreise in den argentinischen
Zuckerfabriken nicht auf die Löhne haben zurückwirken können. Den
Chanés am Rio Parapiti wird z. B. selten mehr als 20 Centavos (nicht
ganz 35 Pf.) pro Tag nebst Kost bezahlt. Die Frauen verdienen ungefähr
halb soviel. Der Verdienst wird den Indianern teils in Branntwein
und Zucker, teils in Zeug und Werkzeug ausbezahlt. Das Zeug ist so
schlecht, daß ein Hemd aus einem solchen Stoff nicht viel länger
reicht, als die Zeit, die zum Verdienen desselben gebraucht wird.
Infolge dieses Systems fangen auch die Chanés und Chiriguanos an, wie
ihre Stammfreunde in den Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia, der
Schuldsklaverei zu verfallen.
Zu hoffen ist, daß die vom Ingenieur Herrmann in Gang gesetzten
großen Anlagen in San Franzisko am Rio Pilcomayo die indianischen
Lohnverhältnisse im allgemeinen verbessern werden. Bezahlt er besser
als andere, so kommen alle Indianer zu ihm, und die übrigen Arbeitgeber
müssen die Löhne erhöhen.
[Illustration: Abb. 133. Tongefäß. ⅑. Chiriguano. Caipipendi.]
Die Chiriguanos und Chanés sind somit auf dem besten Wege, in den alles
andere als glücklichen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
hineinzugeraten.
Die bolivianische Regierung sollte dafür sorgen, daß die Felder der
Indianer ins Grundbuch eingetragen werden, damit die Weißen sich nicht
ihrer bemächtigen können. Die Regierung müßte auch die Bedingung
aufstellen, daß kein Indianer sein Land verkaufen darf. Auf diese Weise
würde die Regierung den Indianern das Besitzrecht am Lande, aber nicht
das Eigentumsrecht an demselben zusichern.
Die Unsicherheit und die gedrückten Lohnverhältnisse, unter denen diese
Indianer leben, tragen natürlich zur Auswanderung nach Argentinien
und vor allem dazu bei, daß viele Indianer das Land nicht nur als
Saisonarbeiter, sondern für immer verlassen.
Will die bolivianische Regierung etwas für die Indianer tun, so
muß sie in erster Reihe ein Mittel gegen das schlimmste Übel, und
zwar den Alkoholismus, zu finden suchen. Zwischen Maisbier- und
Branntweintrinken ist nämlich ein ungeheurer Unterschied.
Ein Indianer, der sich in einheimischen Getränken betrunken hat, ist
niemals so auf Streit und Schlägerei erpicht, wie derjenige, der von
der Höllensuppe der Weißen gekostet hat. Außer daß der Branntwein
die Moral und Gesundheit der Indianer schädigt, ruiniert er sie
vollständig. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ein
Indianer für ein Fäßchen Branntwein seine beste Kuh hergeben kann.
Die Brennerei für den eigenen Bedarf ist in Bolivia noch gestattet. Sie
müßte verboten werden, ebenso, daß jeder an beliebiger Stelle Alkohol
verkaufen darf.
Ganz unvernünftig ist das bolivianische Militärgesetz, das die Indianer
zwingt, Militärdienst zu verrichten. Dasselbe kommt zwar sehr selten
zur Anwendung, wenn es aber geschieht, und wenn die Behörde einen
Jüngling zum Militärdienst abholt, ist er selbst und alle anderen
Indianer in der Gegend mit ihm außer sich vor Schreck. Man kann nicht
verlangen, daß die Indianer an der Verteidigung des Vaterlandes
teilnehmen, bevor sie dieselben Rechte wie andere Bürger haben und
wissen, welches ihr Vaterland ist.
Es ist unrecht, zu verlangen, daß sie helfen sollen, Bolivia zu
verteidigen, die Weißen zu verteidigen, die ihnen, ihren Begriffen
nach, ihr Land gestohlen haben. Auch die Chiriguanos und Chanés lieben
ihr Land, aber dieses Vaterland sind nur die Täler und Wälder, in denen
ihre Väter gerodet und ihre Mütter Tongefäße für die Feste gemalt haben.
Während der Entwicklungsperiode, die Bolivia jetzt durchmacht, ist
es wichtig, sich die indianische Arbeitskraft auch hier im Lande der
Chané- und Chiriguanoindianer zunutze zu machen.
Trotz ihrer eigenartigen Kultur setze ich keine großen Hoffnungen auf
die Zukunft der Chiriguano- und Chanéindianer. Sie werden indessen als
ein wichtiges Element der Mestizenrasse einverleibt werden, die in
Zukunft allein über die Trockenwälder des Parapititales und die letzten
Ausläufer der Anden nach El Gran Chaco herrschen wird.
Allmählich vergessen sie wohl ihre Sagen von Tatutunpa und Aguaratunpa
und den anderen Göttern.
Die Nachkommen Maringays, Vocapoys und der anderen werden dann
vielleicht studieren, was über ihre Vorväter in diesem Buche
geschrieben ist, das in einem Lande gedruckt ist, wo der Mais nicht
reift und die Palmen nur unter Glas wachsen. Sie werden vielleicht nach
Norden fliegen, um die Schmucksachen zu sehen, mit denen die Alten
bekleidet waren, und die schöngemalten Trinkgefäße, in welchen ihre
Stammütter das Maisbier zu den Festen gereicht haben.
Fußnoten:
[127] Tatahuasurenda = wo das große Feuer ist. Guaraniwort, von den
Missionaren erfunden.
[128] Ist unter dem Titel „Indianer och hvita i nordöstra Bolivia“,
Stockholm 1911, auf Schwedisch erschienen.
+Neunzehntes Kapitel.+
Die Tapieteindianer.
Zu diesen Indianern.
Hier habe ich zwei verschiedene indianische Kulturen geschildert, teils
eine, die wir bei den noch ursprünglichen Chorotis und Ashluslays
kennen gelernt haben, teils eine, die wir am Fuße der Anden bei den
halbzivilisierten Chanés und Chiriguanos angetroffen haben. Die
Indianer, über die ich hier berichten will, sind dadurch bemerkenswert,
daß sie die materielle Kultur der ersteren und die Sprache der
letzteren (Guarani) haben.
Ende Juli 1908 verweilte ich über eine Woche bei dem Tapietehäuptling
Yaré am Rio Pilcomayo, und im August desselben Jahres besuchte ich
ihre wilden, unzuverlässigen Stammfreunde am Rio Parapiti, welche dort
Yanayguas genannt werden.
Dieser letztere Besuch war recht abenteuerlich.
Mit Isiporenda am Rio Parapiti als Ausgangspunkt, hatte ich mit einem
Chiriguanoindianer als Dolmetscher ein kleines Yanayguadorf besucht,
aus dem die Indianer zu kommen pflegten, um bei den Chanés und manchmal
auch bei den Weißen Arbeit zu suchen. Dort hörte ich von einem großen
Yanayguadorf, das verborgen im Walde liegen sollte. Ein Yanaygua wurde
zu diesen Indianern mit einer Einladung geschickt, mich zu besuchen. Am
folgenden Tage kam er mit der Antwort. Sie lautete: „Haben die weißen
Männer uns etwas zu sagen, so mögen sie zu uns kommen.“ Sie selbst
wollten nicht zu dem weißen Mann kommen, der sie möglicherweise fangen
und nach den Gummigegenden verkaufen wollte.
Ich entschloß mich sofort für die Visite. Meine schwedischen Begleiter
waren natürlich sofort zu dem Abenteuer bereit, und der Dolmetscher,
der die Segnungen der Zivilisation durch die Mission kennen gelernt
hatte, wurde durch eine Geldsumme mutig gemacht. Mit einem Yanaygua als
Wegweiser machten wir uns auf. Über die blendend weißen Sandfelder des
ausgetrockneten Rio Parapiti und auf Indianerpfaden reitend, die uns
über große Dünen und durch trockene Gebüsche und Wälder führten, kamen
wir nach dem Dorf.
Es lag auf einem Hügel in einem Kesseltal. Der Platz war gut gewählt,
da das Dorf schwerlich von den Feinden der Yanayguaindianer, den
Tsirakuaindianern, überfallen werden konnte, ohne daß die Einwohner
Zeit hatten, sich auf die Verteidigung vorzubereiten. Als wir uns dem
Dorfe näherten, tauchten überall bewaffnete Leute, wie aus dem Boden
hervorgezaubert, auf. Seine Gäste mit Waffen in der Hand empfangen,
hielt ich für etwas unhöflich, ich entschuldige aber das Mißtrauen
dieser Indianer gegen die Weißen. Vor einigen Jahren waren andere
Weiße, wie ich, mit Geschenken gekommen und hatten mehrere Männer in
einen Hinterhalt gelockt. Diese wurden gebunden nach Santa Cruz de la
Sierra gebracht, um nach den Gummigegenden verkauft zu werden, aber
schließlich durch die Vermittlung einiger humaner Leute freigelassen.
Ohne auf die Waffen zu blicken und tuend, als würden wir auf die
liebenswürdigste Weise empfangen, ritten wir mitten in das Dorf hinein
und fragten nach dem Häuptling. Ein Herr in mittleren Jahren, mit einem
Schurkengesicht und einem Streitkolben in der Hand, kam zu uns hin und
erhielt sofort ein Waldmesser zum Geschenk. Andere Geschenke wurden
ausgeteilt, und das Ganze schien sich auf die freundschaftlichste
Weise zu entwickeln. Man bot uns Holzklötze zum Sitzen an, und ich
packte bunte Halstücher, Messer, rote und grüne Bänder, Nähnadeln,
Mundharmonikas und vieles andere aus den Satteltaschen aus und begann
einen lebhaften Tauschhandel.
An einem der Lagerfeuer saß eine einsame, verschüchterte Frau. Sie
war eine Kriegsgefangene von dem letzten Kriege der Yanayguas mit den
Tsirakuas.
Diese letzteren hatten eine Yanayguafrau und deren Kind getötet,
welchen Mord die Yanayguas bei der ersten Gelegenheit zu rächen
beschlossen. Eines Tages befanden sie sich auf einer Wanderung in der
Wildnis, um wilde Früchte zu suchen, als sie Spuren von Menschen sahen.
Infolge der eigentümlichen Abdrücke der großen viereckigen Sandalen
(Abb. 138) verstanden sie, daß die Spuren von den Tsirakuaindianern
herrührten. Sie folgten ihnen und kamen in deren Dörfer. Die Tsirakuas
wurden sie jedoch gewahr und konnten fliehen. Die Yanayguas folgten
den Spuren und spürten am Abend ihr Lager auf. Sie zogen sich jedoch
zurück und fielen sie in der allerfrühesten Morgendämmerung an. Der
Überfall kam dem Feinde unvermutet, und er suchte seine Rettung in
wilder Flucht. Ein Tsirakuamann wurde getötet und zwei verwundet. Zwei
Frauen und sechs Kinder, sowie alles, was sie von der Habe der Indianer
mitschleppen konnten, wurden die Beute der Sieger.
Mit Ausnahme der Gefangenen übernahm ich die Kriegsbeute. Es war
eine bemerkenswerte Sammlung von Grabkeulen, Wurfkeulen, primitiven
Werkzeugen, Mänteln aus Bast usw. Eine der gefangenen Frauen (Abb.
134) verkauften die Yanayguas für vierzehn (14) Pesos in schlechtem
Branntwein, ungereinigtem Zucker und Sirup an die Weißen.
Diese arme Frau hat mir in einer Sprache, von der ich nicht die Worte,
aber doch beinahe alles verstand, ihre Leiden erzählt. Sie erzählte von
ihren Kindern, die nun mutterlos in der Wildnis waren. Sie lehrte mich
auch etwas von ihrer Sprache.
Mit der Sammlung beladen, verließen wir die Yanayguas mit dem
gegenseitigen Versprechen, uns wieder zu treffen. Ich glaubte, die
Freundschaft sei fest gegründet. Am Abend desselben Tages, an dem wir
bei ihnen waren, zündeten die Yanayguas gleichwohl ihr Dorf an und
zogen sich in die Wildnisse des Chacos zurück, da sie von vielleicht
dem einzigen Indianerfreund, den sie unter den Weißen kennen gelernt
hatten, Verrat fürchteten.
[Illustration: Abb. 134. Tsirakuafrau. Rio Parapiti.]
Ein Jahr darauf besuchte ich, wie erwähnt, wieder den Rio Parapiti.
Von dem ganzen Yanayguastamm war keine Spur vorhanden. Sie waren nach
Gegenden verschwunden, in die der Weiße niemals dringt, aus Furcht, vor
Durst umzukommen, da er die wenigen Wasserstellen nicht kennt.
Die Tsirakuafrau traf ich dagegen bei dem Priester in Charagua, einem
Dorfe der Weißen, wohin sie nebst einem kleinen beinahe einjährigen
Knaben, den sie während der Gefangenschaft geboren hatte, verkauft
worden war. Wir waren richtig gute Freunde, die häßliche Alte und ich.
Ich kam zu ihr mit Zucker und Kuchen, und sie zeigte mir mit Stolz und
Freude ihren kleinen Jungen, ihren Trost in der Einsamkeit unter den
Weißen.
So zog ich weiter.
Der letzte, der sie sah, war Moberg. Eines Tages, als er auf der
Dorfstraße ging, traf er eine in Lumpen gehüllte, verzweifelte,
verweinte Frau, die ihn am Arm packte und von Haus zu Haus zog, damit
er ihr helfe, ihren kleinen Knaben zu finden. Die „Wildin“ aus den
Urwäldern des Chacos verstand instinktmäßig, daß dieser blonde Mann
mehr Herz hatte, als die anderen Weißen.
Den Knaben hatte der Priester verschenkt oder verkauft, diese arme Frau
von allem, dem einzigen, was sie in der Welt besaß, trennend.
Da sie ihr Kind nicht fand, entfloh sie in die Wälder. Ich hoffe,
wage es aber nicht zu glauben, daß es ihr gelungen ist, die
Ihrigen zu finden, und nicht von den Todfeinden ihres Stammes, den
Yanayguaindianern, wieder eingefangen worden ist.
Der Besuch beim Tapietehäuptling Yaré in Yuquirenda am Rio Pilcomayo,
verlief dagegen ganz friedlich. Wir wurden richtig gute Freunde, ja
so gute Freunde, daß Yaré, nachdem ich das Dorf verlassen hatte, über
100 km ging, um mich zu treffen und mir die Übergriffe der Weißen zu
berichten. Yaré bildete sich nämlich ein, ich sei ein mächtiger Mann
unter den Weißen.
Was konnte ich für ihn tun? Ich schrieb einen Brief an den Gouverneur
im Chaco, Dr. L. Trigo, der den Indianern helfen wollte und auch
konnte. Der Brief kam niemals an.
Als ich in Yarés Dorf war, kam eines Tages ein alter, schwacher Tapiete
und seine blinde Frau, beide gehegt und gepflegt von einer keineswegs
schönen oder jungen Tochter, aus dem Innern des Chacos. Der Greis war
krank und die Frauen waren um ihn beschäftigt.
Man holte auch den weißen Mann, der auch den Ärzten ins Handwerk
zu pfuschen pflegte, aber schwere Fälle nicht liebte. Wenn ein
gebrechlicher Greis am Rande des Grabes steht, ist für einen Arzt nicht
viel zu tun, und noch weniger für einen Mann, der von der Heilkunde
nichts versteht. Trotz meiner und der Frauen Anstrengung starb der Alte.
Grenzenlos war die Trauer der Frauen, und auch die Männer weinten.
Klageschreie ertönten im ganzen Dorfe. „Mein Freund ist tot, mein
Freund ist tot“, schrie und sang die blinde Frau. Ihre Trauer, wenn
auch affektiert maßlos in ihren wilden Ausbrüchen, machte auf mich den
Eindruck der Echtheit.
Die Frauen kleideten den Alten ein. Er wurde in seine besten Lumpen
gehüllt und erhielt Sandalen an die Füße. Die Knie wurden ihm bis ans
Kinn hinaufgezogen, die Arme kreuzweise über die Brust gelegt und
der Kopf abwärts gebogen. So zusammengebogen, wurde er in ein großes
Tragnetz gesteckt, das fest um seinen Körper gezogen wurde.
Nun sollte der Alte begraben werden. Seine Frau und Tochter wollten ihn
in der Hütte begraben, Yaré sagte aber, er solle in den Wald getragen
werden. Weinend versuchte die blinde Witwe ihrem Manne mit den Händen
eine Grube in der Hütte zu graben, der Häuptling war aber unbeweglich.
Er und noch ein Mann hängten das Bündel mit dem Mann an eine lange
Stange, die sie zwischen sich trugen, um ihn in den Wald zu bringen.
Außer diesen beiden bestand der Leichenzug nur aus der Tochter, die
ihre blinde Mutter nach dem Grabe des Alten führte.
Erst wollte ich mitgehen, dann aber zauderte ich. Der Mensch in mir
gewann die Oberhand über den neugierigen Forscher. Ich fühlte, daß ich
diese Frauen nicht in ihrer Trauer stören dürfe, daß ich nicht das
Recht hatte, mit dem Photographieapparat angelaufen zu kommen.
Von Yaré hörte ich später, daß der Alte mit einer Kalebasse Wasser im
Schoß in eine runde Grube gelegt worden war. Kein Grabzeichen zeigt, wo
er liegt.
Sobald der Alte gestorben war, schnitten Tochter und Frau die Haare ab
und verbrannten sie zum Zeichen ihrer Trauer.
Nach dem Tode des Alten herrschte Trübseligkeit im Tapietedorf.
Beständig, besonders des Morgens, hörte man die laute Klage der Frauen,
an der auch die Männer teilnahmen.
Wir können sicher sein, daß es auch unter diesen Menschen Männer und
Frauen gibt, die Hand in Hand durchs Leben gewandert sind, die sich
geliebt haben.
Dies war das einzige Mal, daß ich einen Indianer habe sterben sehen.
Kultur und Sprache der Tapieteindianer.
Die Tapietes sprechen dieselbe Sprache wie die Chiriguanos, nämlich
Guarani. Im vorhergehenden habe ich berichtet, wie auch die Chanés,
obschon anderen Ursprungs als die Chiriguanos, deren Sprache angenommen
haben.
Ein Chiriguano, der lange bei den Tapietes gewesen ist, behauptete mit
Bestimmtheit, daß sie unter sich eine andere Sprache sprechen, die er
nicht verstand. Diese Spuren habe ich auf mehrfache Weise zu verfolgen
gesucht. Der Tapietehäuptling Yaré beteuerte jedoch, daß dies nicht
wahr sei.
Am Rio Parapiti suchte ich in Batirayus Gesellschaft einen Chané,
Batcha, auf, der ungefähr ein Jahr mit den Tapietes gelebt hat. Er
sagte ebenfalls, er habe sie niemals eine eigene Sprache sprechen
hören. Was die Weißen für eine Geheimsprache hielten, sei Choroti,
das einige von ihnen sprechen könnten. In der Zeit, die ich bei den
Tapietes verlebt habe, habe ich sie nie etwas anderes als Guarani
sprechen hören.
Wir kennen somit von ihnen keine andere Sprache, als diese.
Kulturell gehören die Tapietes eher zu den Matacos, Chorotis und Tobas,
als zu den Chiriguanos. Dies ist besonders für die wilden Tapietes
(Yanayguas) der Fall.
Die Tapietes scheinen mir deshalb ein zur Mataco-Chorotigruppe
gehöriger Stamm zu sein, der die Chiriguanosprache angenommen hat,
obschon sie ihre eigene Kultur bewahrt haben.
Das Land der Tapietes ist ein gewaltiges Gebiet, das sich vom Rio
Pilcomayo bis zum Rio Parapiti und tief in den großen, unbekannten
nördlichen Chaco hinein erstreckt. Es ist ein Land, das zeitweise so
trocken ist, daß die dort Lebenden kein anderes Wasser haben, als das,
das sie aus der Wurzel des „sipoy“ bekommen können. Den Weißen ist es
deshalb nicht gelungen, das Land der Tapietes zu erforschen. Diese
haben das Glück, ein Gebiet zu besitzen, das den Eroberer nicht hat
locken können. Die Schwierigkeit, Nahrung zu finden, und das Eisen
der Weißen hat sie jedoch aus ihren Wildnissen herausgelockt und zur
Abhängigkeit geführt.
Zuweilen sind sie auch gekommen, um bei den Chiriguanos und Chanés
zu dienen. Der Hunger hat sie getrieben. Es ist somit nichts
Ungewöhnliches, daß die Tapietes mit Kindern, Hab und Gut, Hunden und
Schmutz angewandert kommen und sich in der Nähe eines Chiriguano-
oder Chanédorfes niederlassen. Sie müssen dort alle mögliche Arbeit
verrichten und werden in Mais bezahlt. Diese Art des Wanderns ist ganz
verschieden von der der Chiriguanos und Chanés, stimmt aber mit den
Sitten und Gebräuchen der Matacos, Chorotis und Tobas überein.
In dem indianischen Gemeinwesen gibt es keine Diener, habe ich gesagt.
Der Häuptling arbeitet ebenso wie die anderen des Stammes. Wir sehen
jedoch hier wieder, daß Indianer des einen Stammes bei Indianern eines
anderen Stammes dienen können. Die verschiedene Entwicklungsart der
Stämme ist hier der Grund eines sehr scharfen Klassenunterschiedes. Daß
ein Chiriguano einem Tapiete dienen könnte, wäre unsinnig, lächerlich,
ebenso unmöglich, als wenn ein Chiriguanomädchen die Geliebte eines
schmutzigen Choroti sein würde. Dies hindert jedoch nicht, daß, wie
ich gesagt habe, ein Chiriguano sich mit einem hübschen Chorotimädchen
amüsiert. Zur Frau nimmt er sie nicht, das wäre allzu idiotisch.
Innerhalb der Stämme herrscht somit kein Klassenunterschied, zwischen
den einzelnen Stämmen kann er dagegen äußerst scharf sein.
Die Kultur der Tapietes kann ich hier nicht schildern. Das wäre
ungefähr eine Wiederholung des über die Chorotis und Ashluslays
Gesagten.[129] Von den Chiriguanos haben ihre Männer den Gebrauch des
Lippenknopfes, der Tembeta, angenommen. Ihre Weiber sind beinahe wie
die Chorotis tätowiert.
Bevor ich diese Indianer verlasse, will ich jedoch einige ihrer Sagen
sowie einige Zeichen ihrer Taubstummensprache wiedergeben.
Tapietesagen.
Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen.
Es war einmal eine Frau, die hatte „huirakuio“ gegessen. Es wird
erzählt, daß sie zwei kleine Klöße aufgespart hatte. Am nächsten Tage,
als sie essen wollte und hinging, um sie zu holen, hatten sie sich
in kleine Papageien verwandelt. Nach zwei Tagen hatten diese Flügel.
Nach fünf Tagen konnten sie fliegen und waren gegangen, um Nahrung zu
suchen. Sie hatten Mais gefunden und vier Körner geholt, die sie ihrer
Frau gaben. Sie sagten, sie solle dieselben säen. Am folgenden Tage
waren sie wieder gegangen, um von diesem Mais zu fressen und waren
mit schmutzigem Schnabel zurückgekehrt. Am folgenden Tage hatten sie
von dem Mais gegessen, den die Alte gesäet hatte. Sie kamen und sagten
zu ihrer Frau, sie solle den Mais holen. Sie waren mit vier Maiskolben
zurückgekehrt und hatten jedem von der Familie einen gegeben. Darauf
waren sie einen Augenblick ausgegangen und wieder hineingekommen. Es
war dort viel Mais, ein ganzer Haufe.
Seitdem haben die Tapietes Mais.
Wie die Tapietes das Schaf bekamen.
Es war einmal eine alte Tapietefrau, die hatte zwei ganz kleine junge
Hunde. Alles hatte sie gegessen. Sie hatte nichts. Sie hatte einen
Poncho aus Gras.
Es wird erzählt, Tunpa sei zur Alten gekommen und habe gesagt: „Ich
will deine jungen Hunde mitnehmen, und ich komme zurück.“
Nach drei Tagen kam er mit den Hunden, die trächtig waren, zurück. Er
sagte zur Frau, sie solle zehn Stöcke in eine Reihe stellen und die
Hunde anbinden. In der Nacht verwandelten sich diese in zehn Schafe,
die an die Stöcke gebunden waren. Tunpa sagte, sie solle Ponchos
machen, und die Alte machte eine Spindel.
Es wird auch erzählt, daß Tunpa gegangen sei, um für die Frau
Gesellschaft zu suchen. Er kam mit einem Mädchen und einem Knaben. Als
diese groß waren, verheirateten sie sich. Die Frau gebar einen Knaben
und danach ein Mädchen. Diese verheirateten sich wieder und bekamen
Kinder, die sich wieder miteinander verheirateten.
Von diesen stammen alle Tapietes.
Der Raub des Feuers.
Der schwarze Geier hatte Feuer, das er durch den Blitz vom Himmel (ára)
bekommen hatte. Die Tapietes hatten kein Feuer. Ein kleiner Vogel,
„cáca“, stahl ihnen Feuer, es erlosch aber. Sie hatten kein Feuer,
um das Fleisch des Wildschweines, des Rehbocks und anderer Tiere zu
braten. Sie froren sehr.
Der Frosch empfand Mitleid mit ihnen. Er ging zu dem Feuer des
schwarzen Geiers und setzte sich dorthin. Als der schwarze Geier sich
gerade wärmte, nahm der Frosch zwei Funken und verbarg sie im Munde.
Darauf hüpfte er davon und machte dann den Tapietes ein Feuer an. Seit
dieser Zeit haben die Tapietes Feuer.
Das Feuer des schwarzen Geiers erlosch. Der Frosch hatte alles
gestohlen. Die Hände über den Kopf setzte sich der schwarze Geier hin
und weinte. Alle Vögel sammelten sich nun, um zu verhindern, daß jemand
dem schwarzen Geier Feuer gab.
Das Entstehen der Zahnschmerzen.
Die Alten hatten Zähne aus Silber. Wenn sie aßen, verschluckten sie
Knochen, Fleisch und alles. Sie gaben ihren Hunden nichts zu fressen.
Dies machte, daß Tunpa Mitleid mit den Hunden empfand. Er gab deshalb
den Menschen Samen von Zapallo (Kürbis). Sie aßen Kürbisse und ihre
Zähne verwandelten sich in Knochen.
Von dieser Zeit an bekamen die Hunde Essen und die Menschen
Zahnschmerzen.
Diese Sagen von den Tapietes sind Kulturmythen. Wir erfahren hier, wie
diese Indianer das Feuer, ihre zwei wichtigsten Kulturpflanzen, den
Mais und den Kürbis, sowie ihr nunmehr unentbehrliches Haustier, das
Schaf, erhalten haben.
Die letztere Sage ist natürlich ganz modern, da die Tapietes die
Schafe erst durch die Weißen erhalten haben. Es erscheint mir nicht
unmöglich, daß mehrere der Kulturmythen viel moderner sein können, als
man im allgemeinen glaubt. Denken wir uns z. B., daß ein Stamm keinen
Mais gehabt hat, weil sie Mißernte gehabt hatten und vielleicht aus
Hunger gezwungen gewesen waren, aufzuessen, was sie zur nächsten Saat
aufbewahrt hatten. Sie müssen da versuchen, neue Saat zu bekommen und
werden vielleicht gezwungen, sie einem anderen feindlichen Stamm zu
stehlen. Dieses wahrscheinlich gefährliche Abenteuer gibt Veranlassung
zu einer Kulturmythe, in welcher, wie immer in der Phantasie der
Indianer, die Tiere eine große Rolle spielen.
Die Taubstummen der Tapietes.