Diese Sage scheint mir vollständig rein von fremden Elementen zu sein.

Mit der hier erwähnten Leiter meint man einen langen Stock, in den man

Trittstufen gehauen hat. Solche wenden besonders die Chiriguanos sowie

die Chanés am Itiyuro stets für die Maisscheunen an, die auf Pfählen

gebaut sind (s. Abb. 84 b).

Wie Aguaratunpa Tatutunpa tötete und dann selbst getötet wurde.

Erzählt von dem Chanéhäuptling Batirayu.

Es waren einmal in alter Zeit zwei verrückte Mädchen. Nicht weit davon

wohnte Tatutunpa. Sie hörten ihn so schön auf seinem „huiramimbi“ (s.

Abb. 80 a) pfeifen. Die eine sagte zu der anderen: „Wir wollen hingehen

und sehen, wer so schön spielt.“ Sie gingen zu Tatutunpa, der in seiner

Hängematte lag. Tatutunpa nahm das jüngste der Mädchen zur Frau.

Aguaratunpa hatte erfahren, daß die Mädchen sich zu Tatutunpa begeben

hatten. Er ging hin, verbarg sich in dem Acker, wo Tatutunpa arbeitete

und tötete ihn mit einem Knüppel. Hierauf zog er vorsichtig die

Kopfhaut ab und bekleidete sich damit. Auf diese Weise dem Tatutunpa

gleichend, ging er zu dessen Hütte.

„Sieh, dort kommt dein Mann“, sagte die ältere Schwester. Sie stellte

Essen auf den Tisch. Da Tatutunpa sehr wenig zu essen pflegte, nur ein

paar Bohnen und eine kleine Schale Maisbier, trug sie nicht mehr auf.

Als Aguaratunpa kam, aß er alles auf und verlangte noch mehr. Als er

dies gegessen hatte, verlangte er noch mehr. Das Mädchen fragte sich,

ob dies wirklich ihr Mann sein könne, der so viel aß, es konnte ja aber

kein anderer sein.

Am Abend bat Aguaratunpa seine Frau, sie möchte ihn lausen. Sie

setzte sich und suchte Läuse auf dem Kopfe Aguaratunpas. Während sie

suchte, schlief Aguaratunpa ein. Sie sah da, daß die Haut auf seinem

Kopf zusammengenäht war, und verstand, daß er ihren Mann getötet und

abgehäutet hatte. Sie erzählte dies ihrer Schwester, und sie töteten

Aguaratunpa mit einen Knüppel.

Der Mann, der Añatunpa verbrannte.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambási am Rio Grande.

Wenn die Menschen Honig sammelten, suchte Añatunpa[122] sie auf und

fraß sie auf.

Es war einmal ein Mann, der Honig sammelte. Da kam Añatunpa und fragte

ihn, was er tue. „Ich sammle Honig“, sagte der Mann. „Fahre damit

fort“, sagte Añatunpa. Als der Mann genug gesammelt hatte, tötete

er ihn und warf ihn Dyóri hin, der ihn auffraß und sogar das Blut

aufleckte. Auf diese Weise tötete Añatunpa viele Menschen.

Ein Mann war ausgegangen, um Honig zu sammeln. Der Tukan[123] sagte

zu ihm: „Wenn Añatunpa kommt, so bitte ihn, dich nach seinem Hause zu

tragen und dich dort zu töten.“

Während der Mann Honig sammelte, kam Añatunpa. „Was willst du?“ fragte

der Mann.

„Ich will dich auffressen“, sagte Añatunpa.

„Tue das nicht hier, sondern trag mich nach deinem Hause und friß mich

dort auf“, sagte der Mann. Añatunpa nahm nun den Mann auf den Nacken

und trug ihn zu sich.

„Brich Zweige ab und mache auf dem Nacken Añatunpas Feuer an“, sagte

der Tukan. Als Añatunpa durch das dichte Gestrüpp ging, brach der Mann

Zweige und Äste ab und machte auf dem Nacken Añatunpas vorsichtig Feuer

an.

[Illustration: Abb. 130. Silberne Nadel zur Befestigung des Tiru. Die

Form indianisch, die Ornamente spanisch. Chiriguano. Parapiti. ⅓.]

„Wenn du an einen niedrigen Zweig kommst, so klammere dich fest!“ sagte

der Tukan zum Manne. Das tat dieser. Bald merkte Añatunpa, daß es ihm

im Nacken brenne und begann zu laufen. Das Feuer nahm zu. Seine Haare

fingen Feuer und bald verbrannte Añatunpa vollständig und starb.

Der Mann, der Añatunpa tötete.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambási am Rio Grande.

Añatunpa fraß alle Menschen auf, die er erwischen konnte. Da kam ein

Mann, der zu Añatunpas Höhle Holz trug. „Komm, wir wollen spielen!“

sagte Añatunpa.

„Was für ein Spiel?“ sagte der Mann.

„Du sollst mir mit einer Axt einen Hieb vor die Stirn versetzen, und

wenn ich nicht sterbe, schlage ich dich“, sagte Añatunpa.

Añatunpa stellte sich gerade auf, reichte dem Mann die Stirn und dieser

schlug ihn mitten auf dieselbe. Da Añatunpas Stirn hart wie Eisen war,

tat ihm dies nichts. Añatunpa gab nun dem Mann einen Schlag vor die

Stirn, tötete ihn und warf ihn Dyóri zu, der ihn auffraß.

Ein anderes Mal kam ein anderer Mann zu Añatunpas Höhle. Añatunpa

schlug ihm dasselbe Spiel vor. Eine Fliege „Mbéru“ rief ihm da zu,

er solle ihn nicht auf die Stirn, sondern in den Nacken hauen. Als

Añatunpa sich mit geschlossenen Augen aufstellte, um den Hieb zu

erhalten, ging der Mann hinter ihn, hieb ihn in den Nacken und Añatunpa

fiel tot nieder. Dyóri fragte ihn, wie er habe Añatunpa töten können.

Der Mann erzählte ihm, was Mbéru gesagt hatte.

„Sehr gut“, sagte Dyóri.

Wie Bisose Reichtümer aus dem Berge holte.

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu.

Ein Chané, Bisose, wollte in einem tiefen Pfuhl angeln. Erst angelte er

viele kleine Fische. Plötzlich angelte er einen so großen Fisch, daß er

ihn nicht heraufzuziehen vermochte. Er ging erst um den Pfuhl herum,

weil er Angst hatte, hineinzugehen. Schließlich stieg er vorsichtig ins

Wasser, indem er der Angelschnur mit der Hand folgte. Als er in tiefes

Wasser gekommen war, fühlte er, daß ihn jemand ums Bein faßte und in

die Tiefe zog. Es war die große Schlange „Boyhuasu“. Diese führte

Bisose im Gebirge umher und nach los Campos del guanaco. Schließlich

führte sie ihn durch einen engen Paß in den Berg hinein. Dort gab sie

ihm blaue Steine und Silber. Bisose belud sich damit. Als er aus dem

Paß herauswollte, war er so eng, daß er nur wenig mitnehmen konnte.

Deshalb sind diese Steine und Silbersachen so selten. Boyhuasu führte

ihn dann zum Pfuhl zurück. Er kam an derselben Stelle heraus, wo er ins

Wasser gestiegen war.

In dieser Sage werden unter den Kostbarkeiten, die Bisose aus der Tiefe

holte, blaue Steine erwähnt. Durchbohrte Türkise und Chrysocol schätzen

diese Indianer auch als Halskettenperlen hoch.

Der Fuchs und der Jaguar.

Erzählt von dem Chanéhäuptling Bóyra.

Der Fuchs traf den Jaguar in seinem Acker. Dieser war mit Säen

beschäftigt.

„Willst du, daß ich dir helfen soll, Onkel?“ sagte der Fuchs.

„Ja, Neffe. Ich will mir die Grabestöcke holen“, sagte der Jaguar.

„Das will ich“, sagte der Fuchs und ging zur Hütte des Jaguars.

Als er dorthin gekommen war, sagte er zur Frau des Jaguars: „Ich schäme

mich, dir mein Anliegen zu sagen.“

„Wieso?“ sagte sie.

„Ja,“ sagte der Fuchs, „der Jaguar hat mich hierher geschickt, damit

ich bei dir und deinen beiden Töchtern schlafe.“ Das glaubte die Frau

des Jaguars nicht.

„Ja, es ist wahr,“ sagte der Fuchs. „Du sollst hören, was er sagt,“ und

nun rief er: „Soll ich sie alle nehmen?“

„Alle“, rief der Jaguar als Antwort.

Der Fuchs schlief nun zuerst bei der Frau des Jaguars und dann bei der

ältesten Tochter und dann bei der jüngeren. Sie war noch Jungfer, und

er tat ihr weh.[124] Darauf ging der Fuchs weg. Er lief im Grase, damit

die Spuren nicht sichtbar wären. Er sprang auf einen langen Holzstamm.

Zuletzt kam er an einen Pfuhl. Er tauchte unter und kam an der anderen

Seite wieder herauf. Er lief, was er laufen konnte, bis er zu einem

Baum mit dornigem Stamm kam. Er kroch an demselben hinauf und legte

sich schlafen. „Hier will ich liegen und von der Frau und den Töchtern

des Jaguars träumen, bei denen ich geschlafen habe“, sagte der Fuchs.

Er legte sich hin und schlief ein.

Als der Jaguar merkte, daß der Fuchs nicht mit den Grabehölzern kam,

dachte er: „Ich will doch nachsehen, was aus dem Fuchs geworden ist.

Der Fuchs ist doch ein Schwindler.“

Als der Jaguar nach seinem Hause kam, sagte seine Frau zu ihm: „Wie

kannst du so grausam sein und den Fuchs herschicken, daß er bei uns

schlafe?“

Ergrimmt machte sich der Jaguar auf den Weg, um den Fuchs zu suchen. Er

folgte seinen Spuren und kam zu dem Pfuhl, wo die Spuren des Fuchses

ein Ende nahmen. Überall suchte er ihn. Schließlich verstand er, daß

der Fuchs in den Pfuhl getaucht war. Der Jaguar tauchte nun auch nieder

und fand die Spuren des Fuchses auf der anderen Seite. Er folgte ihnen

und kam zu dem Baume. Überall um den Baum suchte er die Fortsetzung

der Spuren, fand sie aber nicht. Da sah er auf und sah den Fuchs, der

schlief. Er kletterte hinauf, brach vorsichtig einen Zweig ab und

kitzelte den Fuchs in den Nasenlöchern. Dieser nieste, wischte sich die

Nase und sagte: „Können die Moskitos mich nicht in Ruhe lassen, wo ich

gerade von der Frau und den Töchtern des Jaguars träume, bei denen ich

geschlafen habe!“

[Illustration: Abb. 131. Brustschmuck aus Silber. Chiriguano.

Caipipendi. Wird von Männern getragen.]

Nun kitzelte ihn der Jaguar etwas kräftiger, und der Fuchs erwachte.

Der Jaguar machte sich bereit, ihn zu packen.

Der Fuchs kroch zusammen, und da der Jaguar zögerte, ihn zu fassen,

sprang er mit einem Satz zur Erde und begann zu laufen, alles was er

laufen konnte. Der Jaguar verfolgte ihn. Schließlich ermattete der

Fuchs jedoch, und der Jaguar fing ihn und verschluckte ihn. Der Fuchs

wurde im Magen des Jaguars wieder lebendig. Dieser brach ihn aus. Der

Jaguar fraß den Fuchs wieder auf, dieser wurde aber wieder in seinem

Magen lebendig und wieder ausgeworfen. Wiederum fraß der Jaguar den

Fuchs auf, der wieder lebendig wurde usw.

Diese Sage hat eine weite Verbreitung. In etwas verschiedener Form habe

ich sie in Carmen in Mojos erzählen hören.

Als die Schildkröte „Carumbe“ den Jaguar tötete.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambási.

Es war einmal ein großes Trinkgelage. Dort waren Aguaratunpa,

Carumbe und „Taturapua“ (das Kugelgürteltier). Der kleine Sohn der

Schildkröte weinte. Da man ihn fragte, warum er weine, sagte er, er

wolle die Krallen des Jaguars haben, um damit zu spielen. Die Frau der

Schildkröte sagte zu ihrem Manne, er solle die Krallen des Jaguars

holen, damit der Kleine damit spielen könne.

Die Schildkröte machte sich auf den Weg und kam zu einem Stamm „samuo“

mit großen, scharfen Dornen. Dort blieb sie stehen und wartete auf den

Jaguar. In der Entfernung hörte sie sein Brüllen. Der Jaguar kam, immer

brüllend, näher und fand die Schildkröte am Fuße des Baumes.

„Was tust du hier?“ sagte der Jaguar.

„Ich spiele“, sagte die Schildkröte.

„Wie geht das zu?“ sagte der Jaguar.

„Ich klettere auf den Samuo hinauf und dann rolle ich herunter“, sagte

die Schildkröte.

„Laß mich sehen“, sagte der Jaguar, der Lust hatte, die Schildkröte

aufzufressen.

Diese kletterte am Stamme bis zum Gipfel hinauf und rollte herab, ohne

sich zu beschädigen. Dies machte dem Jaguar Spaß, und die Schildkröte

mußte wieder hinaufklettern. Wieder rollte sie herunter, ohne sich zu

beschädigen. Der Jaguar wollte es auch versuchen. Er kletterte hinauf

und rollte herunter, riß sich aber an den Dornen alle seine Eingeweide

auf und starb.

Die Schildkröte nahm die Krallen des Jaguars als Spielzeug für ihren

kleinen Sohn mit nach Hause.

Die Liebessage des Kolibris.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambási.

Es waren zwei Mädchen, die Chinu (Kolibri) die Flöte spielen hörten. Er

spielte so schön, daß eins der Mädchen sagte: „Ihn will ich zum Manne

haben.“ Sie suchte den Kolibri auf und schlief bei ihm.

„Wir wollen in mein Haus gehen“, sagte der Kolibri. Als sie dorthin

kamen, war es so klein, daß das Mädchen keinen Platz fand. Sie ging

deshalb in ihr Dorf zurück.

Am Abend kam der Kolibri vor das Dorf und spielte Flöte, um sie zu

locken. Das Mädchen lauschte und sagte: „Der Kolibri ist’s, der

spielt.“ Sie ging aber nicht mehr zu ihm. Jeden Abend kam der Kolibri

vor das Dorf und spielte seine schönsten Weisen, das Mädchen wollte

aber nicht mit ihm gehen, der eine so kleine Hütte hatte.

Als die Zecke, Yatéu, mit dem Strauß, Yándu, um die Wette lief.

Die Zecke und der Strauß wollten einen Wettlauf veranstalten, um zu

sehen, wer am besten laufen konnte. Als sie zu laufen begannen, hüpfte

die Zecke auf den Strauß und biß sich in den Augenwinkeln fest.

Als der Strauß eine Strecke gelaufen war, schielte er nach der Seite,

um zu sehen, ob die Zecke auch mit war. Da sie in dem Augenwinkel war,

sah er sie an seiner Seite.

Der Strauß beeilte sich. Als er ein Stückchen gelaufen war, schielte er

wieder zur Seite und sah, daß die Zecke noch an seiner Seite war.

Der Strauß lief aus Leibeskräften. Als er dem Ziele ganz nahe war,

hüpfte die Zecke von dem Augenwinkel und kam als erster an.

Die Zecke hatte den Wettlauf gewonnen.

Diese kleinen Tiersagen haben eine ungeheuere Verbreitung. So finden

wir die Sage von der Schildkröte und dem Jaguar beinahe unverändert in

Santarem an dem Zusammenfluß des Rio Tapajo in den Amazonenstrom.[125]

Auch ähnliche Wettlaufsagen sind von der Küste Brasiliens bekannt.[125]

Diese letzteren finden sich, wie bekannt, auch bei uns.

Man hat, wie schon erwähnt, nachgewiesen,[126] daß gewisse Sagen von

Nordamerika und Asien bis nach Südamerika heruntergewandert sind. Da

hier indessen nicht der rechte Platz zu vergleichenden Studien über die

von mir gesammelten Sagen ist, habe ich mich damit begnügt, nur das

Material vorzulegen.

Wie wir gesehen haben, lernen wir aus den Sagen einen Teil der

religiösen Vorstellungen der Indianer verstehen. Sie sind auch aus dem

Gesichtspunkt interessant, daß in ihnen eine ganze Menge kleiner Züge

aus dem Leben der Indianer wiedergegeben werden. Sie geben uns einen

Einblick in ihre Phantasiewelt.

Nur der Inhalt der von mir gesammelten Sagen, nicht die Form, ist

als Forschungsmaterial verwendbar. Ich hoffe, daß besonders die

eingeborenen südamerikanischen Ethnographen die von mir gemachten

Sammlungen fortsetzen und die Sagen auch in den Originalsprachen

aufzeichnen werden. Um dies zu können, ist jedoch eine vollständige

Beherrschung derselben notwendig. Die beste Methode wäre, die Indianer

diese Sagen in einen Phonographen sprechen zu lassen.

Die Indianer und die Naturerscheinungen.

In einer der Chanésagen wird erzählt, wie Yahuéte, der zweiköpfige

Jaguar, im Begriffe war, den Mond aufzufressen. Maringay nannte Yahuéte

„Yahuaróhui“. Sonnen- und Mondfinsternisse erklären diese Indianer

so, daß Sonne und Mond von Yahuéte angegriffen werden. Die Chorotis

sprechen, wie schon erwähnt, auch von einem Raubtier, das die Sonne und

den Mond anfällt.

Wandert man in einer sternklaren Nacht mit einem Indianer durch Wald

und Flur, so ist der Sternhimmel sein Kompaß und seine Uhr. Er deutet

auf den Orion oder auf ein anderes Sternbild hin und zeigt, wieviel es

sich weiter bewegt hat, bis man ankommt.

Er gibt nicht vielen Sternbildern Namen, er kennt sie aber alle. Den

dem südlichsten Kreuz am nächsten liegenden Teil der Milchstraße

nennen die Chanés „yándurape“, d. h. Straußweg, das südliche Kreuz

nebst einigen nahegelegenen Sternen ist „yánduinyaka“, der Kopf des

Straußes, die beiden größten Sterne im Zentaur sind „yánduipoy“,

Halskette des Straußes, die Venus heißt „coemilla“, Morgen, Orion mit

dem Dolche „húirayúasa (Vögel begegnen sich). Ein anderes Sternbild

ist „huázupucu“, Rehbockhorn, ein anderes „borévi“ Tapir. Die Plejaden

nennen sie „ychu“, die Bedeutung des Namens wissen sie aber nicht, und

dies ist das wichtigste Sternbild von allen.

Sitzt man mit den Indianern in der Hütte, so können sie den Platz der

wichtigsten Sternbilder am Himmel bezeichnen, ohne sie zu sehen. Sie

kennen ihre Lage zu allen Jahreszeiten.

Der Sternhimmel ist nicht nur die Uhr und der Kompaß der Indianer. Er

ist auch ihr Kalender. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei

hier, wie bei anderen Indianern, die Plejaden. Wenn sie zuerst in der

Morgendämmerung am Horizonte sichtbar werden, so ist die geeignete

Zeit für die Maissaat gekommen. Daß gerade dieses relativ unbedeutende

Sternbild eine so große Rolle in der Astronomie der Indianer spielt,

hat zu phantastischen Spekulationen über babylonischen Einfluß Anlaß

gegeben.

Fragt man einen Indianer nach der Größe der Sterne und ihren Abstand

von uns, so stehen sie unschlüssig da und antworten am liebsten gar

nicht. Sie verstehen gleichwohl, daß sie weit entfernt sein müssen.

In den Sagen spielen die Sterne keine große Rolle. Der

Chiriguanohäuptling Maringay erzählte jedoch, es war einmal ein Bruder,

der mit seinem Schwesterchen spielte. Sie suchten sich zu haschen,

sangen und sprangen. Nun sitzen sie als zwei Sterne am Himmelsgewölbe.

Zwei Sternhaufen im Süden des südlichen Himmelsgewölbes sind die Asche

eines alten Mannes und einer alten Frau, sagte einmal ein Chiriguano zu

mir. Es war eines Abends im August.

Die Sonne ist in der Sage ein Mann und der Mond eine Frau. Einem alten

Mann, der Sonne, stahlen die Chanékinder das Feuer, und unter dem Tiru

der Mondfrau verbarg sich der zweiköpfige Yahuéte, als er von dem Sohn

des Gürteltiergottes verfolgt wurde.

Die Ab- und Zunahme des Mondes hing nach Maringays Erklärung davon ab,

daß ein größeres oder kleineres Stück desselben in das Himmelsgewölbe

gesteckt wird.

Die Sonne geht über dem Wasser auf und leuchtet uns dann am Tage. Am

Abend steigt sie wieder ins Wasser, und des Abends leuchtet sie den

anderen Menschen jenseits der Erde. So dachte sich Maringay den Lauf

der Sonne. Ich glaube jedoch, daß er dies von den Weißen gelernt hat.

Wenn ein Meteor, „baeréndi“, niederfällt, bedeutet es den Tod eines

Häuptlings. Über eine Sternschnuppe sagten die Chanés am Rio Parapiti:

„Er geht, um bei seinem Mädchen zu schlafen.“ Maringay war in seiner

Erklärung realistischer. „Der Stern läßt etwas fallen“, sagte der Alte.

Wenn es donnert, geht Chiquéritunpa um. Die Medizinmänner, „ipáye“,

können Regen machen. Wenn die Schwalben „máchurupimpi“, niedrig

fliegen, regnet es, sagen die Indianer. Ein anderer Vogel, „chóncho“,

verkündet Regen. Reist man, so soll man nicht einen Krug ins Wasser

stecken, sondern das Wasser mit einer Kalebasse schöpfen, sonst

regnet es. In einer mir von den Chanés am Rio Itiyuro erzählten

Weltuntergangssage geht die Welt durch Wasser unter. Die Chanés am Rio

Parapiti erzählten mir, wie die Welt durch einen Sturm untergegangen

sei. Der Wind spielt sonst in den Sagen eine unbedeutende Rolle. Setzt

man einen erwärmten Krug in rinnendes Wasser, so kommt Sturm, sagen die

Chanés am Rio Parapiti. Der Regenbogen, „yii“, ist eine Schlange.

Fußnoten:

[92] Tocay ist eine Hütte, in welcher der Jäger verborgen liegt, um von

dort Vögel mit Schlinge oder Pfeil zu fangen.

[93] Der Große Geist (s. S. 257).

[94] Feuerzeug aus Holzstäbchen.

[95] Ein anderer Chané erzählte mir, daß der Frosch das Feuer vom

schwarzen Geier gestohlen habe.

[96] Domenico del Campana: l. c. S. 22.

[97] Ehrenreich: l. c. S. 30-31.

[98] Im Thurn: Among the Indians of Guyana. London 1883, l. c. S. 375.

[99] Vgl. Domenico del Campana: l. c. S. 39.

[100] Ava = Chiriguano.

[101] Dies ist sicher ein moderner Zusatz zur Sage. Dasselbe finden wir

in einer hier wiedergegebenen Matacosage.

[102] Lagostomus.

[103] Wahrscheinlich eine Carambycide.

[104] Vgl. S. 51.

[105] Kürbis einer wohlschmeckenden Art.

[106] Ara = Himmelsgewölbe, Weltraum.

[107] Gemildert.

[108] Huirapucu ist ein weiches Holz (Salix Humboldtiana).

[109] „Urundey“ ist rotes Quebracho oder nahestehend.

[110] Dyori wird immer als der Unersättliche geschildert. Er entspricht

dem Móconomóco in den Sagen von Mojos.

[111] Eine große Wildkatze.

[112] Puma (Felix concolor).

[113] Gemildert.

[114] d’Orbigny. Voyage dans l’Amérique Méridionale. T. 3, I. Paris

1834, S. 212.

[115] = Mistol.

[116] Siehe S. 166.

[117] Inómus Geschichte ist im Vorhergehenden erzählt.

[118] Ein Vogel.

[119] Wahrscheinlich Flamingo.

[120] Rio Pilcomayo.

[121] S. 139 wird der bedeutende Handel mit getrockneten Fischen, der

zwischen den Stämmen betrieben wird, geschildert.

[122] Hier wird nicht gesagt, welcher Añatunpa gemeint ist.

[123] Rhamphastus.

[124] Gemildert.

[125] Vgl. Fredr. Hartt: Tortoise Myths. Rio de Janeiro 1875.

[126] Ehrenreich: l. c.

+Achtzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos.

Allmählich müssen alle Indianer unter den Einfluß der Weißen kommen.

Das ist unvermeidlich. Mit jedem Tage vermindern sich die Gebiete, in

denen sie noch unabhängig leben. Sobald ihre Gebiete erobert sind,

werden sie auf die eine oder andere Weise gezwungen, für die Weißen

zu arbeiten und kommen in vollständige Abhängigkeit von ihnen. In der

Regel werden sie auch schlecht behandelt, ausgesogen und moralisch

verdorben.

Es ist deshalb ein Glück im Unglück, daß es aufopfernde Menschen

gegeben hat und gibt, die etwas getan haben und tun wollen, um den

Indianern zu helfen. Diese Menschen sind die Missionare. Es läßt sich

nicht leugnen, daß diese eine bedeutende zivilisatorische Arbeit unter

ihnen versucht und auch vorgenommen haben. Enthusiasmus und Wille

zur Aufopferung sind erforderlich, um Missionar zu werden. Seines

Vergnügens wegen kann kein Mensch sein ganzes Leben in Gegenden leben,

wo die Einsamkeit auf die Dauer schrecklich sein muß und wo das Leben

keine Zerstreuungen oder Genüsse gewährt.

Für den Missionar ist die religiöse Bekehrungsarbeit die Hauptsache.

Er will die Seelen aus der Hölle „tatahuasurenda“[127] erretten.

Glücklicherweise sind die katholischen Missionare klug genug, auch ein

wenig an dieses Leben zu denken und eine Verbesserung der materiellen

Daseinsbedingungen der Indianer zu erstreben.

Der Indianer, der ein unabhängiges Leben liebt, aber mit in den

Zivilisationstanz hineingezwungen wird, will kein Missionskind werden,

wählt dieses aber als das geringere Übel. In der Mission steht er unter

Vormunden, aber nicht unter Unterdrückern.

Als mein Freund, der Chanéindianer Batirayu, von dem ich hier mehrmals

gesprochen habe, mich fragte, ob es nicht das beste sei, die Missionare

zu bitten, zu den Chanés am Rio Parapiti zu kommen, dachte er sie sich

als Retter von der Bedrückung der weißen Herren.

Als ich den Chiriguanohäuptling Maringay fragte, ob er nicht wolle, daß

die Missionare nach seinem Dorfe kämen, wurde der Alte ganz aufgebracht

und sagte mürrisch: „Ich habe wohl nichts Böses getan.“

Die größte Bedeutung der Missionare liegt darin, daß sie die Indianer

von der Bedrückung und den Lastern der Weißen zu schützen suchen.

Mit Freude habe ich gesehen, wie die Missionare den Branntwein, den

verdammten Branntwein, in den Missionsstationen verbieten.

Ich glaube dennoch nicht an die Zukunft der Missionen. Sie scheinen

mir zum Verschwinden verurteilt zu sein. In demselben Maße, wie die

Indianer von den übrigen Weißen besser behandelt werden und für

ihre Arbeit eine ordentliche Entschädigung erhalten, werden sie die

Missionen verlassen und sich der Bevormundung der Franziskanermönche

entziehen.

Immer aber werden die Missionare die Ehre haben, daß sie die Indianer

wenigstens etwas vor den anderen Christen zu schützen versucht haben.

Ehre haben sie auch mit den Studien, die sie über Sprache, Sitten und

Gebräuche der Indianer gemacht haben, eingelegt.

Die Furcht vor den Gummigegenden.

In einem vorhergehenden Kapitel habe ich über die Wanderung der

Indianer nach Argentinien gesprochen. Im nördlichsten Gebiet der

Chiriguanoindianer findet noch eine andere Auswanderung statt. Sie

unterscheidet sich von der ersteren u. a. dadurch, daß sie nicht

freiwillig ist. Es handelt sich um die Gummigegenden im nordöstlichen

Bolivia. Jeder Indianer, der nach den argentinischen Zuckerfabriken

geht, weiß, daß er, wenn kein Unglück eintrifft, wieder zurückkommt.

Keiner hält ihn mit Gewalt zurück. Von den Gummigegenden kommt dagegen

niemals einer wieder.

[Illustration: Abb. 132. Chanékinder. Rio Parapiti.]

Ist es wahr, sagen sie, daß dort ein Riese ist, der Menschen frißt? Ist

es wahr, daß die Menschen zu Gummi gemahlen werden? Ist es wahr, daß

das Fleisch, das in Blechbüchsen kommt, von Menschen ist? Dies sind

Fragen, welche die Indianer an mich gerichtet haben.

Auf eine schamlose Weise sind die Chiriguanoindianer, besonders

vom Caipipendital, nach den Gummigegenden im nördlichen Bolivia

gelockt worden, wo sie als Arbeiter verkauft worden sind. Unter

Bewachung bewaffneter Leute sind sie über Quatro-Ojos den Rio Mamoré

heruntergebracht worden.

Indianerleben · 第 18 / 21 段