gehabt hatte. Vor dem Hause war ein großes Trinkgelage. Dort waren
Aguaratunpa, Tatutunpa und Dyori. Die Eltern des Mädchens nahmen sie
mit und setzten sie da auf den Boden, wo man mit Maisbiertrinken
beschäftigt war. Aguaratunpa fand, daß Inómu sehr hübsch sei. Das fand
auch Tatutunpa. „Ich werde das Mädchen schwanger machen“, sagte er und
begann zu graben. Aguaratunpa stellte sich davor. Tatutunpa grub sich
in die Erde und unter dem Mädchen hinauf.[107] Als Tatutunpa geendet
hatte, kroch er wieder heraus und erzählte Aguaratunpa, was er getan.
„Ich will auch versuchen“, sagte Aguaratunpa und kroch in den Gang
hinein. Er war nicht weit gekommen, da blieb er stecken. Tatutunpa
packte ihn am Schwanz und zog ihn heraus.
Als das Mädchen nach Hause kam, rief ein Vogel „Araqua“, daß sie
schwanger sei. Am folgenden Tage wurde sie groß. Sie war hochschwanger.
Ihre Mutter war erbittert. Sie sagte, sie wolle weit fort zum Vater
gehen und gebären. Inómu ging zur Höhle Tatutunpas und warf das Kind
hinein, ohne ihm Milch zu geben. Das Kind schrie täglich, und die
Mutter sah nach ihm, wenn sie aber kam, kroch es in die Höhle. Eines
Tages kam „Yahuéte“, der Jaguar mit zwei Köpfen, von denen der eine
trocken war, riß ihr die Augen aus und führte sie lebend fort.
Der Großvater ging nun aus, um den kleinen Tatutunpa zu fangen,
indem er ein Netz vor die Höhle legte, in welchem dieser sich fing.
Er führte ihn nach Hause. Dort wuchs er schnell und begann groß zu
werden. Er wurde mit Honig großgezogen. Eine Tages verlangte der kleine
Tatutunpa Pfeil und Bogen. Der Großvater machte ihm einen Pfeil mit
einer stumpfen Spitze aus Wachs. Mit dem ging er aus und jagte. Wenn
er den Stamm traf, fielen alle Tauben tot herunter. Es war eine große
Masse. Als Tatutunpa nach Hause kam, fragte der Großvater, wie er so
viele Tauben habe töten können, und da erzählte er, wie es zugegangen
war. Auf dieselbe Weise tötete er viele Vögel. Eines Tages sah er fünf
Araquavögel auf einem Baum. Tatutunpa schoß nach dem Baum, aber nur
vier fielen herunter. Der fünfte sagte: „Du tätest besser, deine Mutter
zu suchen, als Vögel zu schießen.“
Als Tatutunpa nach Hause kam, bat er den Großvater, ihm eine Keule aus
„Huirapucu“[108] zu schaffen. Er schlug mit ihr gegen einen dicken
Baumstamm, mußte aber zweimal schlagen, um den Stamm abzubekommen.
Tatutunpa sagte da zu dem Großvater, sie tauge nichts, und verlangte
eine Keule aus „Urundey“.[109] Er schlug mit ihr gegen einen dicken
Baumstamm und schlug den Stamm mit einem Schlage ab. „Diese ist gut“,
sagte Tatutunpa.
In Begleitung Dyoris machte sich Tatutunpa auf den Weg. Auf dem Wege
tötete er einen Tapir. Dyori[110] teilte ihn in vier Teile und fraß ihn
auf. Sogar das Blut leckte er vom Boden auf.
Tatutunpa fand die Mutter blind im Walde. Sie bat ihn, die Jaguare
zu töten, die sie gefangen hielten. „Sie kommen zur Tränke, um zu
trinken“, sagte sie.
Tatutunpa machte sich einen kleinen Schuppen, in welchem er sich
verborgen hielt. Dyori versteckte sich hinter ihm. Zuerst kam
„Embaracaya“[111] mit ihrer Beute. Mit einem Schlage zertrümmerte
Tatutunpa ihren Kopf und warf sie und ihre Beute Dyori hin, der alles
auffraß. Auf dieselbe Weise tötete er „Yahuapinta“[112] und die anderen
Katzentiere. Er warf sie Dyori hin, der sie alle auffraß. Zuletzt kam
Yahuéte, der zwei Köpfe hatte. Er bat Inómu um Wasser. Yahuéte trug
einen Tapir, den er getötet hatte. Inómu wies ihn zur Tränke.
„Nein, gib mir hier Wasser, es hält sich jemand an der Quelle
verborgen“, sagte Yahuéte.
„Nein, es ist niemand da, und wie soll ich, die ich blind bin, Wasser
holen können, ich falle ja“, sagte Inómu.
Yahuéte ging zur Tränke. Als er dorthin kam, schlug Tatutunpa mit der
Keule, um ihn zu töten, traf aber nur den trocknen Kopf und Yahuéte
sprang davon. Tatutunpa folgte ihm. Als Yahuéte sich verfolgt sah,
verbarg er sich unter dem „tiru“ (S. 200 erwähnte Frauentracht) des
Mondes.
„Wo ist Yahuéte?“ fragte Tatutunpa.
„Das weiß ich nicht“, antwortete die Frau (d. h. der Mond). Das war die
erste Lüge.
„Er ist unter deiner ‚tiru‘ verborgen“, sagte Tatutunpa und ging weiter.
Der Mond rief ihm da nach. „Yahuéte frißt mich auf.“
Tatutunpa ging zurück, um ihm zu helfen. Er sagte da, es sei nicht
wahr. Tatutunpa ging wieder weiter. Er rief nun wieder: „Yahuéte frißt
mich auf.“ Als Tatutunpa zurückkam, sagte er, es sei unwahr. Tatutunpa
ging wieder weiter. Wieder rief der Mond, Yahuéte wolle ihn auffressen.
Tatutunpa kehrte aber nicht mehr zurück. Nun war Yahuéte wirklich im
Begriff, ihn zu fressen.
Als Tatutunpa zu seiner Mutter zurückkehrte, sagte er, er werde dafür
sorgen, daß sie wieder sehen könne. Aus Taubenschmutz und Ton machte er
Augen und setzte sie in ihre leeren Augenhöhlen. Inómu rieb sich die
Augen, öffnete sie und konnte wieder sehen. Tatutunpa führte nun seine
Mutter nach Hause.
Batirayu hat mir dieselbe Sage mit einer langen Einleitung erzählt, die
in Yambásis Erzählung fehlt. Diese Einleitung will ich hier wiedergeben.
Es war einmal ein großes Trinkgelage. Dort waren viele Vögel
versammelt. Der Häuptling befahl Aguaratunpa, ein Mädchen Inómu, die
in einem Nachbardorfe war, zu holen, damit sie auch mit ihnen trinke.
Aguaratunpa ging. Als er ins Haus des Mädchens kam, traf er ihren Vater.
„Guten Tag, Onkel“, sagte Aguaratunpa.
„Setze dich“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen,“ sagte Aguaratunpa.
Er fragte nun, ob das Mädchen mit ihm gehen wolle, was es bejahte. Das
Mädchen machte sich fein, nahm seine Halskette um, zog seinen besten
„tiru“ an und folgte Aguaratunpa.
Als sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte das Mädchen: „Warum
soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so kehrte sie um.
Als Aguaratunpa ankam, fragte der Häuptling ihn, wie es gegangen sei.
Er erzählte nun, daß das Mädchen umgekehrt sei.
„Urapua“ (der schwarze Aasgeier) erbot sich, das Mädchen zu holen.
Urapua machte sich auf den Weg. Als er ins Haus des Mädchens kam, sagte
er:
„Guten Tag, Onkel.“
„Nimm Platz“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen
Maisbier zu trinken“, sagte Urapua. Er fragte das Mädchen, ob es
mitgehen wolle. Sie erklärte sich einverstanden und machte sich in
Ordnung. Als sie halbwegs gekommen waren, sagte das Mädchen: „Warum
soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist.“ Sie kehrte nach Hause
zurück.
Als Urapua ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er
erzählte, das Mädchen sei umgekehrt.
„Tiu“ erbot sich zu gehen. Als er in das Haus des Mädchens kam, sagte
er:
„Guten Tag, Onkel.“
„Nimm Platz“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen
Maisbier zu trinken“, sagte Tiu. Er fragte das Mädchen, ob es mitgehen
wolle. Als sie ein gutes Stück Weges gekommen waren, sagte das Mädchen:
„Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so ging sie
wieder nach Hause.
Da erbot sich „Choe“ zu gehen. Als er ankam, ging er direkt zum Mädchen
und fragte sie, ob sie mit ihm kommen und ihm helfen wolle, Maisbier
zu trinken. Das Mädchen gab ihm eine Kalebaßschale Maisbier und war
bereit, ihm zu folgen. Sie gingen. Als sie ganz nahe dem Dorfe waren,
wo ein großes Trinkgelage war, sagte das Mädchen, es wolle nicht mit
ihm gehen, er habe so schwarze Beine, und kehrte um.
Als er ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er
erzählte, daß das Mädchen umgekehrt sei. Alle die anderen Vögel
versuchten, aber mit keinem wollte das Mädchen gehen. Zuletzt ging
„Churincui“.
„Paß auf,“ sagte der Häuptling, „er bekommt bestimmt das Mädchen mit
sich.“ Churincui ging direkt zu dem Mädchen und fragte es, ob es mit
ihm gehen und ihm helfen wolle, Maisbier zu trinken. Das Mädchen war
bereit und folgte ihm bis dahin und setzte sich zu den anderen Frauen.
Aguaratunpa ging erbost umher.
Der Häuptling fragte, ob jemand singen könne. Aguaratunpa kleidete sich
in seinen „tirucumbai“ (Abb. 81) und machte sich zum Singen bereit, er
konnte aber nicht mehr als „púhuaté, púhuaté“. Urapua kam nun hervor
und wollte singen, er konnte aber nur „hú, hú“ sagen.
Da bat der Häuptling „Húiratucúhua“ zu singen und dieser sang:
„Huaté púhuatékos rárásé mánura lúhuaya chúshico ti, ti, ti, ti ...“
Dort war ein Mann, der mit seinem Bruder und allen den anderen Vögeln
verfeindet war, der nicht am Trinkgelage teilnahm, sondern umherging
und jagte.
Auf einem Baum saßen viele Papageien. Unter diesen war ein weißer
Papagei. „Den will ich fangen“, sagte er und versuchte es, ihn mit
einer Schlinge an einer Rute zu fangen, aber es gelang ihm nicht. Er
zielte nun mit dem Bogen nach dem Papagei. Dieser fing zu sprechen an
und sagte: „Warum willst du mich töten?“
Der Papagei lehrte ihn nun, wie er singen solle, und sagte ihm, wenn
er mitten unter die käme, die trinken, solle er den Arm über den Kopf
hochstrecken.
Er ging nun um diejenigen, die tranken, herum und sang. Dann ging er
mitten unter sie und streckte den Arm hoch. Als er dies tat, wurden
diejenigen, die standen, in Vögel, und die, die saßen, in Steine
verwandelt, außer Inómu, Tatutunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasu.
Tatutunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasu saßen nicht mit den anderen
zusammen, sondern standen in der Nähe. Tatutunpa sagte zu Aguaratunpa:
„Du sollst sehen, ich mache das Mädchen schwanger.[113] Wenn sie den
Körper dreht, ist es geschehen.“ Er grub nun ein Loch in der Erde unter
dem Mädchen ...
Die Fortsetzung von Batirayus Erzählung ist mit der Yambásis beinahe
identisch.
In ihren Grundzügen scheint mir diese Sage echt indianisch zu sein.
Es sind jedoch Elemente darin, die von den Weißen geliehen zu sein
scheinen, nämlich die Geschichte von den Lügen des Mondes. Diese kommt
in Batirayus Version der Sage nicht vor. Sie erinnert mich auch sehr
an den Knaben, der um Hilfe zu rufen pflegte, ohne daß eine Gefahr
vorhanden war. Als schließlich die Wölfe dabei waren, ihn aufzufressen,
kümmerte sich keiner um ihn -- eine Sage, die in Europa bekannt ist
und die ich in Schweden als Kind gehört habe.
Ein Teil dieser Sage erinnert stark an eine von d’Orbigny[114] von den
Yuracáreindianern wiedergegebene Sage. Dem Tatutunpa entspricht dort
„Tiri“, der, um seine Mutter zu rächen, alle Katzentiere, außer dem
Jaguar mit den vier Augen, der seine Zuflucht zum Monde nimmt, tötet.
Früher standen die Chiriguanos und Chanés sicher in Verbindung mit den
Yuracáreindianern. Als die Weißen das Land um Santa Cruz de la Sierra
eroberten, zogen die Chiriguanos nach Süden und die Yuracáres nach
Norden. Auf meiner letzten Reise habe ich auch die Yuracáreindianer
besucht, die ich später in einem anderen Buche schildern werde.
Der Mann, der sich mit der Tochter des Donnergottes, Chiqueritunpa,
verheiratete.
Erzählt vom Chanéhäuptling Bóyra.
Es waren einmal in alten Zeiten drei arme Männer, die keine Verwandten
hatten. Sie waren sehr hungrig. Zwei von ihnen gingen, um etwas zum
Essen zu suchen. Erst kamen sie in einen großen Wald, durch den ein
Pfad ging. Nach drei Tagen kamen sie auf eine große Ebene. Mitten
in der Ebene war ein Haus. Sie gingen um das Haus herum, fanden
aber keinen Eingang. Schließlich kam aber eine Frau heraus, es war
Chiquéritunpas Schwester. Sie bat sie, hineinzukommen. „Wir sind
schmutzig“, sagten sie und wollten nicht hineingehen. Sie brachte dem
einen Maisbier. Er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus. Sie brachte
dem anderen Maisbier. Auch er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus.
„Geht nun und badet euch,“ sagte sie, „und wascht euch den Kopf.“ Sie
gab ihnen die Wurzel der „yúag“.[115]
Als sie gebadet und sich gewaschen hatten, kamen sie wieder. Sie gab
ihnen Uruku, um sich zu bemalen. „Geht nun und ruht aus. Nachher sollt
ihr Holz holen,“ sagte sie und gab ihnen eine Axt. Sie suchten überall
in der Ebene, fanden aber kein Holz. „Habt ihr kein Holz gefunden?“
fragte die Frau.
„Nein“, sagten sie.
„Saht ihr dort keinen alten Mann? Er hat Holz. Gebt ihm einen Hieb mit
der Axt“, sagte die Frau.
Sie gingen wieder auf die Ebene, um Holz zu suchen. Dort fanden sie den
Alten, sie schämten sich aber, ihm einen Hieb mit der Axt zu geben, und
kehrten zur Frau zurück.
„Habt ihr den Alten getroffen?“ sagte sie.
„Ja,“ antworteten sie, „aber wir schämten uns, ihn zu töten.“
„Haut den Alten, er ist Holz!“ sagte die Frau.
Sie gingen wieder auf die Ebene und fanden ihn. Sie gaben ihm einen
Axthieb, und er verwandelte sich in Holz, das sie zur Stube trugen. Die
Frau kochte. Dann spann sie Fäden.
„Warum seid ihr hierhergekommen?“ sagte sie.
„Wir suchten uns eine Mutter. Wir waren drei, aber einen haben wir
zurückgelassen“, sagten sie.
„Warum habt ihr ihn nicht mitgenommen?“ sagte die Frau.
Sie ließ die Männer baden. Sie badeten und die Frau badete auch. Sie
sahen, daß sie ein hübsches Weib war.
„Hier sollt ihr eine Hütte und eine Falle machen und Tauben fangen!
Wenn die Tauben kommen, werden sie sich in Frauen verwandeln. Wenn
diese baden, sollt ihr ihre Kleider nehmen und laufen!“ sagte die Frau.
Eine Masse Tauben kamen und setzten sich auf die Bäume um den Sumpf.
Unter ihnen war ihr großer Häuptling. Die Tauben flogen ans Ufer und
verwandelten sich in Frauen und nahmen ihre Kleider (tiru) ab. Die
Männer schlichen sich heran, jeder von ihnen nahm drei Kleider und lief
davon. Die Frauen liefen ihnen nach. Der eine warf zwei Kleider fort
und kam mit einem Kleid und einer der Frauen ins Haus. Der andere lief
mit allen drei Kleidern. Die Frauen holten ihn ein und prügelten ihn
ordentlich. Derjenige, der mit einem Kleid gekommen war, kam mit seiner
Frau ins Haus.
„Legt euch schlafen!“ sagte die Schwester Chiquéritunpas.
[Illustration: Abb. 128. Kalebaßschale. Chiriguano. Itapenbia. ¼.]
Der Mann legte sich mit seiner Frau, die die Tochter Chiquéritunpas
war, schlafen. Sie schliefen den ganzen Tag zusammen und am Abend
gebar sie. Am folgenden Tag kam Chiquéritunpa. Er wollte seine Tochter
schlagen. Er schickte nach einem Pferd, einem Esel und einer Stute, um
seine Tochter und seinen Schwiegersohn nach Hause zu bringen. Nachdem
sie gegessen hatten, ritten sie fort.
Der Mann, der von den Frauen geprügelt worden war, weinte. „Weine nicht
so sehr“, sagte die Schwester Chiquéritunpas. Als sie ein Stückchen
geritten waren, trafen sie einen Christen, der arbeitete.
„Was für Arbeit hast du vor?“ fragte der Mann. „Ich will Mandioka und
Mais säen. Hier will ich wohnen und hierhin will ich ein Weib bringen“,
sagte der Christ.
Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. „Was für Arbeit
hast du vor?“ fragte der Mann. Übel gelaunt antwortete der Christ:
„Hier will ich Hügel mit dornigen Büschen säen.“
Sie setzten ihre Reise fort und trafen einen anderen Christen, der mit
dem Fällen von Bäumen beschäftigt war. „Was für Arbeit hast du vor?“
fragte der Mann. „Ich haue Stangen zur Einzäunung für die Tiere, denn
hier will ich Vieh haben. Alles nehme ich hierher, Kleider werde ich
mir schaffen“, sagte der Christ.
Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. „Was für Arbeit
hast du vor?“ fragte der Mann. Übel gelaunt antwortete der Christ: „Ich
arbeite, um Steine zu ernten.“
Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen, der tischlerte.
„Was machst du hier?“ fragten sie. „Ich will mir ein Haus bauen, wo ich
Kleider und alles mögliche andere haben will“, antwortete der Christ.
Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. „Woran arbeitest
du?“ fragte der Mann. Übel gelaunt erwiderte der Christ: „Hier will ich
Chuchio[116] säen, damit niemand passieren kann.“
Als sie nahe dem Hause des Chiquéritunpa waren, sagte dessen Tochter zu
ihrem Mann: „Erst werde ich mit dem Knaben absteigen, der schon gehen
kann. Hierauf sollst du absteigen, und wenn du dich auf die Bank setzt,
sollst du dich nicht wundern, wenn sie sich bewegt. Bewegt sich das
Haus, sollst du dich nicht wundern. Du sollst nicht meine Mutter grüßen
und auch nicht meinen Bruder. Nur den Vater sollst du grüßen.“
Als sie ankamen, stieg sie zuerst ab und trat ein. Ihr folgte der
Knabe, der schon gehen konnte. Zuletzt stieg der Mann vom Pferde. Als
er vom Pferde stieg, verwandelte es sich in einen Haufen Knochen. Er
ging hinein und setzte sich auf einen Schemel. Derselbe bewegte sich,
denn er war eine große Schlange. Er tat, als merke er nichts. Auch das
Haus bewegte sich, er tat aber, als kümmere er sich nicht darum. Zuerst
kam seine Schwiegermutter und grüßte ihn, er beantwortete aber den Gruß
nicht. Darauf kam sein Schwager und grüßte, aber er beantwortete auch
dessen Gruß nicht. Der Schwager schlug ihm vor, sie sollten spielen, er
antwortete ihm aber nicht.
„Heute Nacht sollst du nicht bei mir schlafen. Ich schlafe in einer
Hängematte, mein Sohn in einer und du in einer dritten,“ sagte
Chiquéritunpas Schwester zu ihrem Mann. „Morgen sollst du mit meinem
Bruder spielen“, sagte sie. Sie legten sich nun schlafen.
Am folgenden Tage rief der Hahn früh: „Jesus Christus, Jesus Christus!“
Als der erste Christ, der ihnen begegnet war, nach seinem Acker kam,
fand er ihn voll von Mais und Mandioka und außerdem eine Hütte und ein
hübsches Weib. Der zweite Christ, der geantwortet hatte, er wolle Hügel
mit dornigen Büschen säen, fand seinen Acker in solche verwandelt. Der
dritte Christ fand seine Umzäunung für die Tiere schon fertig und voll
von schönem Vieh. Derjenige, der geantwortet hatte, er wolle Steine
säen, fand seinen Acker voller Steine. Derjenige, der getischlert
hatte, um sich ein Haus zu bauen, fand es schon fertig und voller
Kleider. Derjenige, der übellaunig geantwortet hatte, er wolle Chuchio
säen, fand den Acker in dichtes Gestrüpp verwandelt, durch das niemand
konnte.
[Illustration: Abb. 129. Tongefäß. Chiriguano. Caipipendi. ⅕.]
Chiquéritunpas Sohn schlug seinem Schwager ein Spiel vor.
„Was für ein Spiel?“ sagte er. „Wir wollen das Haus wegrücken“, sagte
Chiquéritunpas Sohn und versetzte es mit einem Arm. Mit seiner ganzen
Stärke rückte der Mann das Haus weg. „Nun wollen wir das Pferd wieder
lebendig machen“, sagte Chiquéritunpas Sohn und hob die Beine des
Pferdes, auf welchem der Mann gekommen war, hoch. Es verwandelte sich
in ein sehr fettes Pferd mit feuersprühendem Mund. Auch dies machte der
Mann nach.
Am folgenden Tag schlug der Mann seinem Schwager, Chiquéritunpas
Sohn, ein Spiel vor. „Was wollen wir spielen?“ sagte er. „Wir wollen
die Sonne herunternehmen“, sagte der Mann. Mit einer langen Rute aus
Chuchio nahm er die Sonne herunter. Es wurde nun so warm, daß sowohl
Chiquéritunpa wie sein Sohn davonliefen. Am folgenden Tag wurde der
Mann Häuptling.
Derjenige, der von den Mädchen Prügel bekommen hatte, denen er ihre
Kleider geraubt hatte, blieb bei der Schwester Chiquéritunpas. Eines
Tages sagte sie zu ihm, er solle nach einem großen See gehen. Dort
solle er tauchen und eine Handvoll Sand heraufholen. Diesen Sand solle
er in das Haus legen. Er ging nun zum See, tauchte und holte eine
Handvoll Sand herauf, den er ins Haus legte. Am folgenden Tage sagte
die Schwester von Chiquéritunpa: „Sieh nun nach, was aus dem Sande
geworden ist!“ An Stelle des Sandes fand er ein hübsches Weib. „Dies
soll deine Frau sein“, sagte Chiquéritunpas Schwester.
Am Tage pflegte er mit ihr am See zu baden. Dort spielte er mit ihr,
liebkoste sie und im Bade bespritzten sie sich mit Wasser.
„Bade nicht mit ihr so viel am See. Denke daran, daß sie nur aus Sand
gemacht ist“, sagte Chiquéritunpas Schwester.
Er hörte nicht auf sie, sondern spielte und koste mit ihr unten am
Seeufer. Eines Tages, als er mit ihr spielte, wurde sie immer schmaler,
bis sie sich zuletzt in einen Haufen Sand verwandelte. Weinend ging der
Mann zur Schwester Chiquéritunpas. Hayma opama! (Und mehr war es nicht).
Diese Sage ist, wie wir sehen, nicht frei von europäischen Elementen.
In ihren Hauptzügen ist sie jedoch rein indianisch. Keine der von mir
hier mitgeteilten Sagen scheint mir so phantasiereich, wie diese.
„Choihuihuis“ Frauenraub.
Erzählt von dem Chanéhäuptling Bóyra.
Es war einmal in alten Zeiten ein großes Trinkgelage. Dort waren
Aguaratunpa, Tatutunpa, Teyuhuasu, Inómu,[117] Choihuihui[118] und
viele andere. Aguaratunpa war gegangen, um Inómu zu holen. Sie blieb
vier Tage und trank mit ihnen. Zuletzt kam ihre Mutter, die sehr
ärgerlich war, daß sie so lange fortgeblieben war. Sie verwandelte
alle, die dort waren, in Vögel und nahm Inómu mit nach Hause. Nur
Aguaratunpa, Tatutunpa und Choihuihui waren dort geblieben. Tatutunpa
ging nach Hause. Aguaratunpa, der keine feste Wohnstätte hatte,
streifte umher und betrog die Menschen. Choihuihui machte sich auch auf
den Weg. Er kam nach einem Hause. Dort wohnte eine verheiratete Frau
mit ihrer Tochter. Er grüßte sie. Sie bot ihm Maisbier und er trank.
Darauf nahm er Abschied und ging. Er blieb jedoch, in einen Choihuihui
verwandelt, ganz in der Nähe, um zu spionieren. Nach einem Weilchen
kam der Mann der Frau nach Hause. Dieser nahm sie mit und sie gingen
nach dem Felde, sie um zu ernten, er um zu graben. Als sie dorthin
gekommen waren, machten sie Feuer an. Er ging, um zu graben, sie blieb
beim Feuer mit der kleinen Tochter und röstete Mais. Choihuihui war
ihnen nachgegangen. Er blieb in der Nähe. Nach einem Weilchen ging die
Frau abseits, um ihre Notdurft zu verrichten. Als sie in den Wald kam,
umschlang Choihuihui sie. In einen Vogel verwandelt, flog er mit ihr
davon.
Da die Mutter nicht zurückkam, begann das Mädchen zu weinen. Als der
Vater dies hörte, ging er dorthin. Er rief seine Frau, aber niemand
hörte. Er suchte sie und fand ihre und Choihuihuis Spur. Vergebens
versuchte er ihnen zu folgen. Nachdem er lange gesucht hatte, suchte er
die Brüder seiner Frau auf, damit sie ihm suchen hälfen. Sie suchten,
fanden aber niemand. Die Brüder glaubten, der Mann habe seine Frau aus
Eifersucht getötet. Als sie an einem großen Baum vorüber kamen, sahen
sie im Gipfel das Nest eines „Tuyuyu“.[119] Die Brüder sagten zu dem
Manne, er solle die Vögel fangen, um sein Kind zu trösten. Da der Baum
einen hohen, geraden Stamm hatte, machten sie eine Leiter und der Mann
kletterte hinauf. Als er bis zum Gipfel des Baumes gekommen war, nahmen
die Brüder die Leiter weg, damit der Mann nicht herunter könne. „Dort
sollst du sitzen bleiben und verhungern, weil du deine Frau getötet
hast“, sagten sie. Der Mann begann zu weinen. Zuletzt schlief er, an
den Stamm gelehnt, ein.
Als er erwachte, saß er in einer Hütte. Neben ihm saßen zwei hübsche
Frauen. Sie fragten ihn, wie er dorthin gekommen sei. Er erzählte nun,
daß ein Mann in sein Haus gekommen sei usw. (hier wird die ganze Sage
wiederholt).
Die Frauen begannen zu lachen. „Avayurupiagua hat deine Frau
fortgeführt“, sagten sie.
Er fragte sie, wer ihr Vater sei. „Er ist nach Itica[120] gegangen, um
Fische[121] zu holen“, sagten sie.
Die Jüngste sagte, er solle bei ihr schlafen, was er tat. Auch die
Älteste wollte bei ihm schlafen. „Wird deine Mutter nicht ärgerlich,
wenn ich es tue?“ sagte er. „Nein, du sollst bei uns schlafen, denn
hierher kommt niemals ein Mann“, sagten sie. Er schlief somit bei
beiden Frauen.
Nach einigen Tagen kam der Vater der Mädchen nach Hause. Er brachte
zwei große Bürden getrockneter Fische mit. Der Vater fragte, wie
er hierher gekommen sei. Er erzählte usw. (hier wird die ganze Sage
wiederholt).
Der Vater sagte, er sei ihm nicht böse, weil er bei seinen beiden
Töchtern geschlafen habe, und versprach ihm seine Hilfe, um die Frau
zurückzubekommen. Sie ist am Itica bei Avayurupiagua,“ sagte er. „Dort
ist ein großes Trinkgelage und wir wollen hin. Du sollst mit mir kommen
und tun, was ich sage. Erst sollst du alle grüßen, und zuletzt sollst
du deine Frau grüßen. Sie wird dich nicht erkennen. Wenn sie dich grüßt
und dir Maisbier anbietet, so schlingst du deine Arme um sie und ich
schlage dich auf den Steiß“, sagte er. Sie begaben sich nun nach Itica.
Als sie dorthin kamen, grüßte der Vater zuerst alle. Zuletzt grüßte der
Mann seine Frau. Sie bot ihm eine Kalebasse Maisbier. Er umschlang sie
und der Alte klopfte ihn auf den Steiß. In einen Tuyuyu verwandelt,
flog er mit seiner Frau davon. Als Avayurupiagua dies sah, stürzte er
ärgerlich in sein Haus, um Bogen und Pfeile zu holen. Er schoß einen
Pfeil nach dem anderen ab, konnte sie aber nicht treffen.