So finden wir die für die Chiriguanos charakteristische Serérepfeife

(Abb. 120) in Sammlungen von der Küste Perus[88]; die Nadel zur

Befestigung der Frauenkleider (Abb. 130) ist in ihrer Form typisch

peruanisch, ebenso der silberne Haarauszieher, von dem ich indessen

kein Exemplar habe. Die Festtracht des Mannes (Abb. 81) scheint mir

ebenfalls peruanischen Schnitt zu haben. Möglicherweise hat sich jedoch

der Einfluß von Peru unter den Chiriguanos erst nach der Eroberung der

Hochebene durch die Spanier geltend gemacht.

Boman[89] hat nachgewiesen, daß die Chiriguanos, oder richtiger der

Gúaranistamm, zu welchem diese Indianer gehören, sich früher viel

weiter südwärts ausgedehnt haben als jetzt. Er hat dort die für sie so

eigentümlichen Graburnen angetroffen.

Die materielle Kultur der Chanéindianer unterscheidet sich nicht sehr

von der Kultur der Chiriguanos im allgemeinen. Die Chanés, die mehr

abgesondert am Rio Parapiti wohnen, haben dagegen eine vollkommen

selbständige Keramik, die wir bei den Chiriguanos nicht wiederfinden.

Vergleichen wir im übrigen die Industrieerzeugnisse der Chanés und der

Chiriguanos, so finden wir keine größeren Unterschiede, als wir sie in

den verschiedenen Chiriguanodörfern auch finden.

[Illustration: Abb. 120. Serérepfeife. Chiriguano. ¼.]

Sammelt man z. B. Tongefäße im Iguembetal und im Caipipendital, welche

beide Täler von Chiriguanos bewohnt werden, so wird man unwillkürlich

finden, daß die Keramik, obschon in Ornamentik und Form stark verwandt,

doch auch lokal variiert. Über die individuellen Variationen habe ich

schon gesprochen (S. 235).

Von den verschiedenen Industrien steht bei den Chiriguanos und Chanés

besonders die Keramik hoch (s. die Abb.). Sie sind auch geschickte

Weber und Verzierer von Kalebassen. Korbflechten kommt vor, jedoch

meist im nördlichen Teil ihres Gebietes. Federarbeiten werden jetzt

nicht mehr angefertigt. Von Caraguatábast werden nur Seile und

Fischnetze, und am Rio Parapiti Hängematten und Tragnetze gemacht. Die

für die Chacostämme so charakteristischen Taschen aus diesem Material

werden niemals von den Chiriguanos und Chanés angefertigt, aber

zuweilen durch Handel zwischen den Stämmen erworben.

[Illustration: Abb. 121. Tongefäß. Chiriguano. Caipipendital. ¼.]

Bei den Chanés am Rio Itiyuro habe ich die Topfherstellung verfolgt.

Der Ton wird gemahlen und mit zerstoßenen, gebrannten Krugscherben

gemischt, damit das Gefäß nicht beim Brennen entzweigeht. Die Tongefäße

werden auf gewöhnliche Indianerweise aus Rollen aufgebaut. Zum Glätten

werden eine Muschelschale oder ein Maiskolben ohne Samen sowie ein

schmales Bambusstäbchen angewendet. Der Maiskolben macht parallele,

feine Ritzen.[90] Das Bambusstäbchen wird auch bei der Herstellung zum

Abmessen benutzt, um richtige Verhältnisse zu bekommen. Hiernach wird

das Gefäß einen Tag im Schatten getrocknet, bevor es gebrannt wird. In

der Regel hat man nur ein oder ein paar Gefäße gleichzeitig in Arbeit.

[Illustration: Abb. 122. Brennen von Tongefäßen. Chané. Rio Itiyuro.]

Die gröberen Gefäße sowie alle Kochgefäße werden nur mit

Fingereindrücken und aufgelegten Tonschleifen ornamentiert. Die

feineren Gefäße werden später bemalt (s. Taf. 19). Mit einem Pinsel

aus Agutihaaren[91] werden die Ornamente in Weiß, Dunkelbraun und

Schwarz bemalt. Die weiße Farbe ist eine Erdart (Kaolin), die anderen

werden aus Schiefer und Sandstein zubereitet. Man malt freihändig und

komponiert die Ornamente aus dem Gedächtnis und nicht nach Modellen.

Holz, Maiskolben und Kuhexkremente werden um das Gefäß gehäuft. Das

Brennmaterial wird angezündet und muß eine Viertelstunde oder, wenn das

Gefäß groß ist, noch länger mit kräftigem Feuer brennen (Abb. 122).

Falls das Gefäß gemalt ist, wird es mit Harz, „taraviruti“, das von

einer Mimosoidee gesammelt ist, und mit Harz von palo santo (s. S. 93)

gefirnißt. Das erstere gibt einen gelblichen Glanz, das letztere sieht

wie grünschwarze Glasur aus.

Fertigt man einen Topf an, so tauft man ihn, bevor er erkaltet ist,

damit das Wasser in demselben schnell kocht.

In Maringays Dorf malte man einzelne Gefäße mit einer Mischung von

Uruku oder einer anderen Farbe und einem Pflanzenfett. Wie dies

letztere bereitet wird, habe ich nicht sehen können.

Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind geschickte Weberinnen. Das

Material für die indianischen Gewebe ist in der Regel Baumwolle und

manchmal auch Schafwolle.

Da durch die Weißen große Massen Zeug eingeführt werden, verschwinden

die einheimischen Gewebe immer mehr. So sah ich bei den Chanés im

Itiyurotal keine Webstühle und einheimische Gewebe waren sehr selten.

In der Regel sind alle Gewebe dieser Indianer ohne Ornamente oder

diese sind sehr einfach. Die Mädchen in den Missionen lernen von den

Mönchen allerlei Blumen, wie Rosen, Veilchen usw. sticken. Dies machen

sie ausgezeichnet. Merkwürdigerweise hören die Indianerinnen nach

dem Verlassen der Nähschule auf, diese Ornamente anzuwenden. Es wäre

richtiger, wenn die Missionare die Indianerkinder Ornamente lehrten,

die sich deren Phantasieleben anschließen. Die Resultate ihrer Arbeit

würden dann ganz andere sein.

Einige Chanéfrauen haben vor ein paar Generationen von einer

Quichuafrau Ornamente weben gelernt, die man noch jetzt auf

verschiedenen Chanégeweben sieht. Es waren stilisierte Tiere und

Menschen. Die Pflanzenornamentik macht wenig Eindruck auf die

Indianerinnen. Tier- und Menschenfiguren regen ihre Phantasie an und

sie lehren sie ihren Kindern.

[Illustration: Abb. 123. Webstuhl. Chiriguano. Tihuïpa.]

Die Chiriguano- und Chanémänner sind tüchtig im Verzieren von

Kalebassen (Abb. 126), schnitzen hübsche Pfeifen (Abb. 120) und

verstehen das Ledergerben, was sie wohl von den Weißen gelernt haben.

Von plastischen Darstellungen von Tieren und Menschenfiguren sieht

man bei diesen Indianern nicht viel. Die Tongefäße haben manchmal

Tierformen. Die Chanéfrauen am Rio Parapiti formten klumpige kleine

Puppen aus Wachs für die Kinder (Abb. 105). Einige der Tongefäße sind

mit Tierfiguren bemalt. Ein Gefäß vom Rio Itiyuro, das ich durch Tausch

erworben habe, ist mit Baumfiguren geschmückt. Vereinzelt sieht man

Tongefäße in Form von Früchten.

Menschen und Tiere darstellende Zeichnungen habe ich an den Wänden

in einigen Chanéhütten und an einigen Chiriguanokalebassen aus dem

Caipipendital gesehen.

[Illustration: Abb. 124. Sieb. Rio Parapiti. ⅛.]

[Illustration: Abb. 125. Korb. Chiriguano. Caipipendi. ⅙.]

Von Korbarbeiten sind die Siebe bei den Weißen so beliebt, daß sie

durch den Handel weit über das Chiriguano- und Chanégebiet hinaus

verbreitet werden. Im übrigen arbeiten die Chanés und Chiriguanos wenig

Körbe. Massen von Korbarbeiten finden wir bei den Indianern erst, wo

die paarblättrigen Palmen beginnen, und das ist bei Santa Cruz de la

Sierra.

Wenn wir eine Sammlung von den Chiriguanos und Chanés anlegen, dürfen

wir nicht vergessen, daß sie durch den Handel zwischen den Stämmen

viele Sachen von den Matacos, Tobas, Chorotis und Tapietes erhalten

haben, sonst bekommen wir eine unrichtige Vorstellung von dem großen

Unterschied zwischen der materiellen Kultur der hier genannten

Chacostämme und der Chiriguanos und Chanés.

Wenn wir die materielle Kultur der Chorotis und Chanés mit der hier

ebenfalls beschriebenen der Chorotis und Ashluslays vergleichen,

müssen wir u. a. an folgendes denken. Die Chiriguanos und Chanés

machen Korbarbeiten -- die Chorotis und Ashluslays niemals. Die

ersteren verstehen es, die Tongefäße vor dem Brennen zu bemalen, was

den letzteren unbekannt ist. Die Chiriguanos und Chanés arbeiten

niemals Taschen aus Caraguatá usw. Vergleichen wir im übrigen

sämtliche Arbeitserzeugnisse der Chanés und Chiriguanos mit denen

der Chorotis und Ashluslays, so finden wir, daß die allermeisten

vollständig verschieden sind. Die Herstellung gewisser Sachen, wie der

Serére- (Abb. 120) und Huiramimbipfeifen (Abb. 36 und 80) haben die

Chacoindianer wahrscheinlich von den Chiriguanos gelernt, dies ist aber

verhältnismäßig unbedeutend.

[Illustration: Abb. 126. Verzierte Kalebaßschale. Chiriguano. Yacuiba.

⅕.]

Wir sehen hier, wie zwei Kulturen hunderte Jahre lang nebeneinander

existieren können, ohne zu verschmelzen.

Folgen wir dem Rio Pilcomayo nach den Gebirgen herunter, so treffen wir

zuerst die Quichuakultur, dann kommen die Chiriguanos und Chanés und

hierauf die chaquensische Kultur, die ganz gleichartig die Matacos,

Tobas, Chorotis, Ashluslays sowie die Lenguas und andere Stämme im

Chaco Paraguay umfaßt. Diese drei Kulturen sind vollständig verschieden.

Fußnoten:

[88] Serére kommen noch bei den Lenguas, Ashluslays, Chiriguanos,

Chanés, Churápas und Yuracáres vor.

[89] Boman: Antiquités de la Région Andine. Tome 1-2. Paris 1908.

[90] Aus ähnlichen Ritzen an Tongefäßen, die man bei archäologischen

Ausgrabungen findet, kann man sehen, daß die Hersteller der Tongefäße

Mais gehabt haben. Dies habe ich z. B. an Tongefäßen von Ojo de Agua in

Quebrada del Toro in Nordargentinien gesehen.

[91] Dasyprocta.

+Siebzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Sage und Religion.

Es war einmal ein alter Indianer, der des Abends am Feuer in der Hütte

zu sitzen und von alten Tagen, von Tieren, Menschen und Geistern zu

erzählen pflegte. Lauschend sammelte sich die Jugend um ihn. Der Alte

erzählte und erzählte. Mit Mund, Augen, Händen und Füßen erzählte er.

Einer der Jungen nach dem anderen verließ gleichwohl bald den Kreis

der Lauschenden und legte sich schlafen. Zuletzt saß der Alte allein

am erlöschenden Feuer und erzählte sich selbst von den Abenteuern des

Fuchsgottes und des Gürteltiergottes.

Dieser Alte steht vor mir als der Vertreter alter Traditionen, einer

Kultur, die verschwindet. Die Jungen hören ein Weilchen zu, bald wird

es ihnen aber zu viel. Sie haben neue Interessen. Sie haben angefangen,

mit in dem großen Tanz zu tanzen, den die Christen Zivilisation nennen,

wo meistens um das goldene Kalb getanzt wird.

Ich habe auch als Lauscher dort gesessen und mir die Sagen erklären

lassen. Ich glaube, die Alten hatten mich gern, weil ich ein so großes

Interesse für ihre alten Erinnerungen gezeigt habe. Wenn ich sie nun

wiedergebe, hoffe ich, daß der Leser mit mir und meinen alten Freunden

Nachsicht haben wird, mit mir, weil ich nicht so gut zu erzählen vermag

wie die Alten, und mit den Alten, weil sie alles lieben, was ein wenig

frivol ist.

Die Sagen geben uns einen Einblick in die Vorstellungen des Indianers

vom Leben im Jenseits und von den Geistern. Teils durch sie und teils

durch die Erklärungen, welche mir die Indianer gegeben haben, können

wir ihre Religion verstehen. Wir werden hier von dem Weltuntergang und

dem Raub des Feuers, vom Besuch im Totenreich und vor allem von den

Abenteuern der Geister hören, wir werden davon hören, wie sie einander

und die Menschen betrogen, hören von ihren Kämpfen und Lastern.

Morallehre ist in diesen Sagen sehr wenig enthalten. Die in demselben

Handelnden sind oft „tunpa“, d. h. sie besitzen übermenschliche Kräfte,

das ist alles.

Infolge der Berührung mit den Weißen sind die Sagen nicht frei von

fremden Elementen. Die meisten sind jedoch rein indianisch.

I. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu vom Rio Parapiti.

Es war einmal in alten Tagen ein sehr armer Mann, der in den Wäldern

umherirrte und keinen festen Wohnsitz hatte. Wenn er in die Dörfer kam,

jagte man ihn fort und hetzte die Hunde auf ihn. Als der Mann sah,

daß man ihn in keinem Dorfe wohnen lassen wollte, machte er sich eine

Hütte, „tocay“.[92] Dort kamen allerlei schöne Vögel zur Hütte, und die

meisten wurden bald so zahm, daß er sie fangen konnte. Der Mann dachte:

„Gehe ich mit diesen prächtigen Vögeln in ein Dorf, so nimmt man mich

vielleicht auf.“ Er nahm nun die Vögel und ging in die Dörfer. Alle

fanden die Vögel schön, nirgends wollte man ihn aber wohnen lassen. Der

Mann ging nach seiner Hütte zurück. Eines Tages kam Añatunpa[93] in

Gestalt eines schönen Vogels zu ihm. Was ist das für ein merkwürdiger

Vogel, dachte der Mann. Añatunpa sagte, er sei gekommen, um ihm zu

helfen, und gab ihm ein Paar Flügel.

„Wenn du in ein Dorf kommst, sollst du die Flügel bewegen und dann

donnert es,“ sagte Añatunpa. „Wollen sie dich trotzdem nicht wohnen

lassen, so erhebe die Flügel.“

Der Mann ging in ein Dorf, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Man

wollte ihn nicht aufnehmen. Er bewegte die Flügel und es donnerte. Man

glaubte, die Medizinmänner seien es, die donnerten, und kümmerte sich

nicht um ihn. Wieder bewegte er die Flügel und es donnerte. Man glaubte

immer noch, es seien die Medizinmänner, die donnerten, und kümmerte

sich nicht um ihn. Als er endlich sah, daß man ihn nicht wohnen lassen

wollte, sondern ihn fortjagte, erhob er die Flügel, die er verborgen

hatte. Da kam ein Sturm, der riß alle fort, außer zwei Knaben und einem

Mädchen.

Diese, die nun allein waren, wollten kochen, aber sie hatten kein

Feuer. Sie hatten Kürbis und Mais, konnten sie aber nicht rösten.

Da kam ein alter Mann, die Sonne, mit einem Feuerbrand zu ihnen. Er

röstete einen Kürbis und aß ihn, als er aber fort ging, nahm er das

Feuer wieder mit. Er wollte ihnen nichts davon abgeben. Als der Alte

das nächste Mal kam, beschlossen sie, ihm das Feuer zu stehlen. Als

er an dem mitgebrachten Feuerbrand einen Kürbis röstete, schlug einer

der Knaben mit einem Knüttel darauf, so daß die Glut umhersprühte. Der

Alte sammelte sie schnell auf. Einen ganz kleinen Funken fanden sie

gleichwohl unter einem halben Kürbis, der auf der Erde gelegen hatte.

Sie machten nun Feuer an. Huapi (der Webervogel?) sagte zu ihnen, sie

sollten das Feuer gut aufbewahren, so daß es niemals ausgehe. Er sagte

ihnen auch, sie sollten, wenn das Feuer erlösche, mit dem „Tatay“[94]

Feuer reiben.

Der jüngere Bruder nahm nun seine Schwester zur Frau. Der ältere hatte

keine Frau. Sie legten einen Kürbis in eine kleine Hängematte und

wiegten sie. Der Kürbis wuchs zu einem Mädchen, das bald zu einer Frau

emporwuchs. Diese nahm der ältere Bruder zur Frau. Von diesen beiden

Paaren stammen alle Chanés.

2. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+

Erzählt von dem Chanéhäuptling Vocapoy.

Ein Jüngling hatte sich in den Wald begeben und in einer Lache das Bild

eines schönen Mädchens gesehen, dem er folgte. Er blieb eine lange

Zeit bei ihr, einen Monat, und seine Mutter glaubte schon, er sei tot,

und schnitt sich die Haare ab. Sie glaubte, er wäre von einer Schlange

gebissen worden oder dergleichen. Eines Tages kam der Sohn jedoch nach

Hause und erzählte, daß er ein hübsches Mädchen gefunden, mit dem er

sich verheiratet habe. Die Mutter sagte ihm da, er solle sie holen, und

braute eine Masse Maisbier, um ihre Ankunft zu feiern.

Der Jüngling kam mit seiner Frau, und sie war hübsch und wohlgekleidet.

Während des Festes verwandelte sie sich und wurde sehr häßlich.

Hierüber machte die Schwägerin eine Bemerkung, und sie wurde böse und

verließ sie und ging dahin zurück, woher sie gekommen war, indem sie

erklärte, sie werde sich rächen. Sie sagte jedoch, man solle erst

einen Knaben und ein Mädchen in ein großes Tongefäß setzen. Ein Bruder

und eine Schwester wurden zusammen mit den Samen von Mais, Kürbis und

Bohnen in ein Tongefäß gesetzt und der Krug gut zugedeckt. Als dies

geschehen war, begann es fürchterlich zu regnen, und Häuser und alles

wurde mit Wasser bedeckt. Der Krug floß jedoch oben. Alle Menschen und

Tiere ertranken in dem steigenden Wasser. Lange floß das Tongefäß umher

und der Knabe und das Mädchen begannen schon groß zu werden. Das Wasser

sank dann, als sie aber aussteigen wollten, war der Boden noch sumpfig,

und sie mußten warten, bis er getrocknet war.

Als sie aus dem Tongefäß kamen, säeten sie von den mitgehabten Samen

Mais, Kürbis und Bohnen. Diese reiften in einem halben Monat. Sie

hatten kein Feuer. In einiger Entfernung sahen sie Feuer. Es war

„Tosté“,[95] ein Watvogel, der an den Flußufern schreit, der Feuer

hatte. Als sie sich dem Feuer näherten, verschwand es jedoch weiterhin.

Der Frosch versprach, ihnen Feuer zu rauben. Er hüpfte zu Tostés

Lagerfeuer und setzte sich, vor Kälte bebend, daran, um sich zu wärmen.

Von Zeit zu Zeit scharrte er die Glut näher zu sich hin, gleichsam um

sich besser zu wärmen, und als niemand es sah, stopfte er einen kleinen

Feuerbrand in den Mund und hüpfte davon.

Zu dem Knaben und dem Mädchen hingekommen, machte er Feuer an, und

seitdem haben die Chanéindianer Feuer. Die Schwester und der Bruder,

die nun groß geworden waren, verheirateten sich, und sie wurde

schwanger. Sie bauten sich eine Hütte. Das Mädchen bekam Kinder. Als

diese Kinder groß waren, verheirateten sie sich miteinander. Von ihren

Kindern stammen alle Chanés. Von den Kindern des ältesten Knaben

stammen die Häuptlinge her.

Es kann ja eigentümlich erscheinen, daß ich zwei ganz verschiedene

Sagen gefunden habe, die denselben Stoff bei demselben Volk behandeln.

Dies ist dadurch zu erklären, daß die Chanés ein zersprengter Stamm

sind, der keine eigene, selbständige Kultur mehr hat.

Die erstgenannte Version ist wahrscheinlich ihre eigene, während sie

die andere von den Chiriguanos geliehen haben. Domenico del Campana[96]

erwähnt, daß diese letzteren eine Flußsage haben, in welcher zwei

Kinder auf ähnliche Weise in einem Tongefäß gerettet werden.

Die Chorotis und die Matacos berichten, daß die Welt durch Feuer, die

Chanés am Rio Parapiti, daß sie durch Sturm und die Chiriguanos und

Chanés am Rio Itiyuro, daß sie durch Wasser untergegangen sei.

Die erstgenannten leben auch in Gegenden, wo große Pampasbrände

gewesen sind, am Rio Parapiti herrschen oft schwere Stürme und die

Chiriguanos sind wahrscheinlich aus Gegenden gekommen, wo große

Überschwemmungen gewöhnlich sind.

Daß diese Weltuntergangsagen innig mit der Natur des Landes, in dem

sie entstanden sind, zusammenhängen, ist, wie Ehrenreich[97], Im

Thurn[98] u. a. gezeigt haben, sicher. Ehrenreich sagt, eine solche

anthropomorphe Auffassung der Sonne, wie hier in der ersten Sage, sei

in Südamerika selten.

+Besuche in Aguararenta+ (dem Dorfe der Füchse).

Batirayu erzählte mir folgendes über den Glauben der Chanéindianer vom

Leben im Jenseits und dem Totenreiche. Aguararenta (aguara = Fuchs,

tenta = Dorf) ist ein Dorf, wo die Toten, aña, wohnen. Es liegt im

Osten. Des Nachts sind die Toten dort in Menschengestalt, am Tage

gehen sie als Füchse, Ratten und andere Tiere umher oder gehen in

einen Baumstamm. Jede Nacht sind in Aguararenta große Trinkgelage.

Alle Chanés, Kinder, Frauen und Männer, kommen dorthin. Auch Verhexer

(ipáyepótchi) und Mörder kommen nach dem genannten Dorf. Niemand wird

im Totenreich der Chanés bestraft.

Auch Lebende haben Aguararenta besucht und erzählt, was sie dort

gesehen haben. Ein paar solche Erzählungen will ich hier wiedergeben.

Sie geben uns einen guten Einblick in die Vorstellungen der Indianer

vom Jenseits.

+Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte.+

Erzählt von einem Chanéindianer in Aguarati (weißer Fuchs) am Rio

Parapiti.

Ein Mädchen wollte sich mit einem Mann verheiraten, aber er starb.

Sie hatte ihn sehr gern gehabt. Am Morgen, am Tage nach seinem Tode,

während es noch finster war, stand sie vor dem Hause ihrer Eltern und

stieß in den Mörser. Da kam jemand und erfaßte den Mörserstab.

„Wer bist du?“ fragte sie.

„Ich bin es,“ sagte er. Es war ihr toter Mann. „Willst du mitkommen?“

„Ja“, sagte sie, da sie ihn sehr liebte.

Er begab sich nun fort in der Richtung, wo die Sonne aufgeht. Sein

Gesicht war verhüllt, damit niemand es sähe. Sie ging hinter ihm her.

Sie gingen durch den Wald, sie gingen über die Pampas und wieder durch

den Wald. Am Tage schlief er und des Nachts war er wach.

Als der Vater seine Tochter vermißte, ging er, um sie zu suchen. Er

folgte ihren Spuren. Vor diesen ging eine Fuchsspur. „Aña hat meine

Tochter genommen“, sagte der Vater. Zuletzt fand er sie tot am Wege.

Er machte sie jedoch wieder lebendig und brachte sie nach Hause. Als

sie über die Pampas gingen, sahen sie einen Fuchs umherstreifen. Am

folgenden Tage starb sie. Der Vater weinte. Da kam der weiße Kondor

„Ururuti“ und sagte, er solle nicht klagen. Ururuti nahm ihn auf den

Rücken und flog mit ihm nach Aguararenta.

In Aguararenta schlief man am Tage und war wach des Nachts. Als der

Vater dorthin kam, trank man Maisbier. Ururuti brachte ihn nach

dem Hause seines Schwiegersohnes. Er redete seine Tochter an, sie

antwortete ihm aber nicht. Sie sah nicht wie ein Mensch aus. Wieder

redete er sie an, er bekam aber keine Antwort. Er ging nun zu Ururuti,

der ihn nach Hause brachte. Weder er noch seine Frau beweinten die tote

Tochter.

Am folgenden Tage starb der Vater.

+Version 2. Erzählt von Batirayu.+ Es war eine Frau, deren Mann

gestorben war. In der Nacht kam er zu ihr in der Gestalt eines Mannes

und schlief bei ihr. Er bat sie, mit ihm nach seinem Dorfe Aguararenta

zu kommen. Sie folgte ihm. Als sie unweit des Dorfes kamen, hörten

sie Gesang und Tanz. Sie ging mit ihrem Mann nach dem Marktplatz, wo

ein großes Trinkgelage stattfand. Sie sah dort viele Tote, die sie

kannte. Die Toten hatten jedoch Angst vor ihr und hielten sich fern

von ihr. Sie blieb dort, bis es Morgen wurde. Da verschwanden alle

Hütten, und sie befand sich auf einer Ebene voller Fuchsspuren. Ihr

Mann verwandelte sich in eine Ratte (angúya). Sie blieb dort den ganzen

Tag, auf dem Stamm einer Algarrobo sitzend. Als es finster wurde,

kamen die Menschen wieder und es fand dort ein großes Trinkgelage

statt. Am Morgen sagten die Toten: „chéahata húirasécuera (ich gehe als

Baumstamm), chéahata augúyara (ich gehe als Ratte), chéahata kárakárara

(ich gehe als Geier), chéahata águarára (ich gehe als Fuchs), chéahata

ándirára (ich gehe als Fledermaus)“ usw. Sie kehrte nach Hause zurück.

Ihr Mann sagte, er werde kommen, um sie zu holen. Nach drei Tagen war

sie tot. Sie war ihrem Mann nach Aguararenta gefolgt.

Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte mir von einem Mann, der am

Wege eingeschlafen war. In der Nacht kam seine tote Frau zu ihm, und

er schlief bei ihr. Als er erwachte, war sie verschwunden. Er nahm das

im Schlaf Erlebte als Wirklichkeit an. Bei den Chanés und Chiriguanos

ist der Glaube an ein jenseitiges Leben, wie bei anderen Indianern,

auf Träume gegründet. Sie treffen im Traume einen Toten, sie besuchen

im Traume das Totenreich. Es ist indessen unrichtig zu sagen, daß die

Indianer an ein Leben im Jenseits glauben. Er weiß, daß es ein solches

gibt, denn Lebende haben die Toten gesehen, haben mit ihnen der Liebe

gepflogen, haben Maisbier mit ihnen getrunken, haben sie sich in

Füchse, Ratten, Baumstämme usw. verwandeln sehen.

Geister- und Tiersagen.

„Die Toten sind aña“, sagte Batirayu. Unter diesen gibt es mehrere,

die Tunpa (am besten mit groß zu übersetzen) sind und übermenschliche

Kräfte besitzen.

Der Größte unter den Añatunpas ist Yamándutunpa. Andere der Großen

sind Mariutunpa und Tipaytunpa. Chiquéritunpa, der in einigen der hier

wiedergegebenen Sagen auftritt, ist der, der den Donner hervorbringt.

Chiquéritunpa heult des Nachts, wenn es Krieg gibt. Diese Añatunpa

greifen in das Leben der Menschen ein, besonders die Zauberer stehen

mit ihnen in Verbindung. So erzählte Batirayu, daß die Añatunpa des

Nachts zu Tsuhuandico, einem großen, jetzt verstorbenen Zauberer,

kamen und mit ihm Maisbier tranken. Sie sagten ihm, wenn es regnet,

wenn jemand krank wird, ob eine Mißernte eintritt usw. Batirayu

berichtete auch, daß Angúya, ein Verwandter des Aringui, der letzte

große Häuptling, den Añatunpa Tabak anzubieten pflegte, wenn sie bei

Tsuhuandico waren. Die Añatunpas tranken nur ganz wenig Maisbier. Wenn

sie kamen, sah man sie nicht, man hörte aber gleichsam das Klingen von

Sporen.

Indianerleben · 第 15 / 21 段