Indianerinnen genieren sich sogar, die Brust zu zeigen. Die Moral sinkt
in dem Maße, wie das Schamgefühl steigt.
Dies sollten alle diejenigen bedenken, die für nackte Heidenkinder
Kleider nähen.
Viele meiner Leser finden vielleicht, daß dieses Kapitel nicht in
meinem Buche hätte enthalten sein sollen. Es scheint mir gleichwohl
richtig, etwas über die Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete
zu sprechen. Es trägt zum Verständnis der Menschen, die ich hier
schildere, bei. Natürlich habe ich hier nicht über all den Realismus,
der bei den Gesprächen am Lagerfeuer manchmal zutage trat, sprechen
können.[87]
Die natürliche Seite des Geschlechtslebens fassen die Indianer so
ganz verschieden von dem, wie wir es in der Regel sehen, auf. All die
Verderbnis, die in der zivilisierten Gesellschaft ist, treffen wir
bei diesen Menschen nicht, verschiedenes findet sich aber schon hier.
Was besonders die Homosexualität betrifft, so zeigen, wie bekannt,
die Verhältnisse bei den Naturvölkern, daß die Ursache des Übels viel
tiefer, als in unserer Hyperzivilisation liegt.
Fußnoten:
[82] K. v. d. Steinen: l. c. S. 25.
[83] Koch-Grünberg: l. c. Bd. I S. 133.
[84] Penelope.
[85] Als allzu realistisch ausgelassen.
[86] Westermarck: Ursprung und Entwickelung der Moralbegriffe. Bd. II.
Leipzig 1909.
[87] Wenn unsere täglichen Zeitungen, die wohl für die Öffentlichkeit
bestimmt sind, über alles mögliche schreiben, so braucht man ja in
einer Reiseschilderung nicht allzu prüde zu sein.
+Vierzehntes Kapitel.+
=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).
Häuptlinge und Gesetze.
Die Häuptlinge bei den Chanés und Chiriguanos haben eine ganz andere
Stellung als bei den Ashluslays und Chorotis. Sie haben eine bedeutende
Macht. Unter den Häuptlingen finden sich die großen Häuptlinge, die
über mehrere Dörfer herrschen, und die Dorfhäuptlinge, die nur über ein
Dorf oder einen Teil eines solchen gebieten. Von großen Häuptlingen,
die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert die alte Vuáyruyi,
die Häuptling über die Chanédörfer am Rio Itiyuro ist, Taruiri, der
über den größeren Teil des Caipipenditales herrscht, Mandepora (Abb.
111), der früher eine bedeutende Macht in und um Machareti hatte, und
Maringay im Iguembetal.
Jetzt haben die Häuptlinge keine anderen Zeichen ihrer Würde, als
silberbeschlagene Stöcke. Nach Corrado trugen sie früher einen großen
Haarbüschel auf dem Kopfe, „yattira“, sowie grüne Steine, die an den
Ohren hingen. Bei den Festen und Tänzen hatten sie das Recht, die
„yandugua“, eine mit einem Bündel Straußenfedern geschmückte Stange,
und „iguirape“, einen mit eigentümlichen Figuren geschnitzten Stab,
anzuwenden. Von diesen habe ich nur eine Yandugua erwerben können. Die
übrigen habe ich nicht einmal gesehen.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel erblich zu sein. Doch sind
Tüchtigkeit und die Kunst, seine Worte wohl zu setzen, erforderlich.
Vocapoy hat mir seinen Stammbaum mitgeteilt, den ich hier wiedergebe,
da er sehr lehrreich ist, und ich zu glauben wage, daß es den Leser
interessieren kann, einen indianischen Stammbaum zu studieren.
+Vocapoys Stammbaum.+
X.
|
+----------------------------+
| |
Hinu Parava Basavi
Oberhäuptling |
| |
| Chucúri Tupáre
| Dorfhäuptling Dorfhäuptling
+--------------------------------------------------------------------+
| |
Chori Chápacu Húracay Huáyupa Kótchoy Vuáyruyi (Frau)
† jung † jung | † Oberhäuptling † Ober- Oberhäuptling
| kinderlos häuptling |
| | |
ein Sohn, starb | Copoy, wird nach
vor dem Vater | Vocapoy Häuptling
+-----------------------------------+----+
| |
Vocapoy Huacápi Mátya Yaumainti
Regent infolge des hohen
Alters Vuáyruyis
|
Vuráve
Wir finden somit, daß der eigentliche Häuptling am Rio Itiyuro eine
Frau ist. Ich habe die alte Vuáyruyi besucht. Sie empfing mich, in
ihrer Hängematte liegend, mit großer Würde. Da die Frau alt und
schwach ist, regiert Vocapoy und sucht, so gut wie er kann, die Seinen
gegen die Weißen zu schützen, die ihr Land vollständig in Beschlag
genommen haben. Ich fragte Vocapoy, warum Vuáyruyi, als Frau Häuptling
geworden ist. „Ihr Vater Hinu Parawa hat sie sprechen gelehrt“, sagte
Vocapoy. Es wird somit von diesen Indianern, um regieren zu können,
als höchst wichtig betrachtet, die Sprache in seiner Gewalt zu haben.
Diese Menschen können die Klugheit höher schätzen, als die Stärke.
Niemand wird Häuptling, wenn er nicht ein älterer Mann ist. Der Mann
der Vuáyruyi war nicht Häuptling, sondern nur „Prinzgemahl“. Die
Dorfhäuptlinge gehören ebenfalls dem Geschlechte Hinu Paravas an.
Taruiri ist auch nicht der richtige Häuptling, sondern vertritt einen
jüngeren Verwandten, der infolge seiner beständigen Betrunkenheit als
untauglich betrachtet wird. Taruiri herrscht im Caipipendital, wo sein
Gebiet noch frei ist, von den Weißen aber wohl bald usurpiert werden
wird. In Ivu ist ein Chiriguanohäuptling, der auch Medizinmann ist.
Dies ist das einzige Beispiel von Theokratie, das ich kennen gelernt
habe.
Die Häuptlingsfamilien bilden unter den Chiriguanos und Chanés eine
Art Aristokratie. Mehrmals habe ich Indianer sich mit ihren feinen
Familienverbindungen großtun hören. Ein Chiriguano, der mich eine
längere Zeit als Dolmetscher begleitete, war eifrigst bemüht, mir
einzuprägen, daß er mit den bekanntesten Oberhäuptlingen verwandt war.
Wie der Verfasser dieses Buches als Sohn von Adolf Nordenskiöld
vorgestellt zu werden pflegt, so pflegten die Indianer in ähnlicher
Weise die Söhne ihrer „großen Männer“ vorzustellen.
Ich bin sogar hinter ein bißchen Betrügerei mit dem Stammbaum gekommen.
Ein Chané behauptete, direkt von dem großen Hinu Parava herzustammen,
was aber nicht wahr sein soll.
Will man bei diesen Indianern hübsche Sachen aus alten Zeiten finden,
so hat man sie zuerst bei den Häuptlingsfamilien zu suchen. Sie
bewahren die alten Kleinodien.
Immer mehr beginnen die weißen Behörden die Häuptlinge zu ernennen. Man
kann also in einer Gegend einen von den Weißen gestützten Häuptling und
einen legitimen finden.
Die Häuptlinge haben eine große Macht, und man gehorcht ihnen, im
Gegensatz zu dem, was bei den Chorotis und Ashluslays der Fall war,
soweit ich gesehen habe, immer. Sie besitzen den Boden (wenigstens
in gewissen Gegenden), aber nicht für eigene Rechnung, sondern für
den Stamm. Braucht man in einem Chané- oder Chiriguanodorf Träger, so
erhält man sie von dem Häuptling, und kein Indianer weigert sich, die
Befehle des Häuptlings auszuführen.
Obschon der Häuptling einen so großen Einfluß hat, arbeitet er doch in
derselben Weise, wie die übrigen Indianer. Vocapoy z. B. trug selbst
das schwere Holz zum Maisbierkochen nach Hause, und seine Frau mußte
kochen und fegen, wie die anderen Frauen. Dem Beispiele der Weißen
folgend, haben jedoch jetzt einige der zivilisiertesten und reichsten
Indianer, wie Taco, Diener aus ihrem eigenen Stamme, aber dies ist
nicht das Ursprüngliche. Dagegen ist es, wie ich an anderer Stelle
schon erwähnt habe, nichts Ungewöhnliches, daß die Mataco-Vejos und die
Tapiete für die Chiriguanos und Chanés arbeiten.
Als wir im Dorfe Vocapoys von der Jagd heimkehrten und mit dem
Häuptling unsere Beute teilten, nahm seine Frau alles an, ging aber
dann in den Häusern herum und gab den Nachbarn alles, was sie erhalten
hatte.
Man kann hier nicht von reich und arm in demselben Dorfe sprechen,
obschon auch der Anfang zu einem Adelsstand vorhanden ist. Dagegen gibt
es arme und reiche Dörfer. Einzelne verhältnismäßig reiche Indianer
gibt es, diese leben aber, wie Taco, wie die Weißen.
[Illustration: Abb. 115. Kalebasse. Chiriguano. Itapenbia. ⅙.]
Der Häuptling ist Richter und war früher Heerführer.
Vocapoy sagte mir, Totschlag werde in der Weise bestraft, daß der
Totschläger dazu verurteilt wird, bis zu einem halben Jahre für die
Familie des Getöteten zu arbeiten. Ein Dieb bekommt bis zu fünfzig
Rutenschläge und wird, um nicht getötet zu werden, nach einem anderen
Dorf geschickt. Nach Vocapoy ist es die Hauptaufgabe des Häuptlings,
Blutrache zu verhindern, indem man die Verbrecher fortschickt, damit
sie nicht gemordet werden. Vater-, Mutter- und Kindesmord sind, seiner
Behauptung nach, in seiner Gegend unbekannt.
Nach Batirayu, dessen Angaben zuverlässiger als die Vocapoys sind,
beschäftigt sich der Oberhäuptling der Chanés am Rio Parapiti mit
keinen anderen Verbrechen, als mit Mord, Verführung einer anderen Frau
und Verhexung. Mord mit vergiftetem Chicha, „bád-dyási“, kam früher bei
den Chanés vor. Mörder und Verhexer wurden verbrannt. Der Verführer
einer Frau wurde aller seiner Habe beraubt. Im übrigen wurden Diebstahl
und andere Verbrechen durch Duell geschlichtet. Hatte jemand gestohlen,
so riefen der Gekränkte und der Dieb ihre Verwandten herbei, und man
kämpfte auf dem offenen Platz im Dorfe.
Die Behörden der Weißen greifen jetzt immer mehr in die
Rechtsverhältnisse der Indianer ein.
Im Krieg mit anderen Stämmen führte der Häuptling den Befehl, wie sie
es auch bei den Empörungen der Indianer gegen die Weißen getan haben.
Nach Vocapoy besitzt der Häuptling den Boden für den Stamm. Batirayu
sagte, das Recht an dem Grundbesitz werde so geordnet, daß jeder
anbaut, was er will. Schon bebauter Boden hat seinen Besitzer, wenn er
auch jahrelang brachgelegen hat. So wird auch Brachland vererbt.
Die Erbschaften werden im übrigen dadurch bedeutend eingeschränkt, daß
der Tote einen Teil seiner Kostbarkeiten mit in das Grab nimmt.
Wie bei den Ashluslays und Chorotis, ist auch hier das Besitzrecht
gut ausgebildet, und die Frauen besitzen auch das, was sie anwenden
und herstellen. Wie bei den genannten Stämmen, ist auch hier die
Mildtätigkeit sehr groß, wenn sie auch dank unserer „Zivilisation“ und
der Mission weniger ausgeprägt ist.
Das Chiriguanogemeinwesen -- das ursprüngliche Chanégemeinwesen
kennen wir nicht -- hat eine viel festere Organisation gehabt als das
Gemeinwesen bei den Chorotis und Ashluslays. Die Chiriguanos waren ein
Eroberungsvolk, das wahrscheinlich die Chanés unterjocht und mutig
und erfolgreich gegen die Inkas gekämpft sowie lange der Invasion der
Weißen Widerstand geleistet hat. Hätte es statt der vielen Häuptlinge
nur einen einzigen gegeben, so hätte die Eroberung des Chiriguanolandes
ganz sicher das Leben doppelt so vieler Weißen gekostet, als jetzt.
Leider haben in den Kämpfen der Weißen gegen die Indianer beinahe stets
einige Häuptlinge auf der Seite der Feinde gegen ihren eigenen Stamm
gekämpft. Bei dem letzten, durch den Kampf bei Curuyuqui entschiedenen
Aufruhr hatten die Weißen eine Hilfstruppe von ein paar tausend
Indianern, mit denen sie zusammen deren Stammfreunde bekämpften.
Wie sich alles im Leben der Indianer verändert, wenn die Weißen ihr
Land erobert haben, so verwandeln sich auch die sozialen Verhältnisse.
Wenn Vocapoy, Maringay, Mandepora und einige andere in den Tongefäßen
unter den Hütten liegen, dann ist das Ende herbeigekommen, dann haben
die Indianer keine anderen Gesetze als die der Weißen, keine anderen
Behörden, als deren Vögte. Die Chanés am Rio Parapiti haben, wie
erwähnt, keinen Oberhäuptling mehr. Batirayu ist diese Würde angeboten
worden, er will aber nicht der Knecht der Weißen sein, dazu ist er
zu stolz. „Es ist nicht wie in alten Zeiten“, sagte Batirayu zu dem
wunderlichen Weißen, der das Vertrauen und das Verständnis der Indianer
suchte.
+Fünfzehntes Kapitel.+
Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos.
Erzählt ein Chané oder Chiriguano eine Sage, so beginnt er sie oft
so: „Vor langer Zeit war einmal ein großes Trinkgelage.“ Berichtet er
von etwas, was passiert ist, von der Krankheit eines Verwandten oder
dergleichen, so sagt er: „Es war vor oder nach dem Fest.“ Bei diesen
Festen hört und sieht man auch das meiste, was von der alten Kultur
dieser Indianer übriggeblieben ist. Da kommen die schönsten Tongefäße
zum Vorschein, da sieht man Trachten aus früheren Zeiten, da werden die
Steinschmucksachen aus den Schatztöpfen hervorgeholt.
Eine Hausmutter bei uns ist stolz, wenn sie ihren Gästen schöne
Tischtücher und schönes Porzellan zeigen kann. So denken auch die
Chané- und Chiriguanofrauen. Beim Feste will jede Frau, daß das
Maisbier in ihrem Hause in schöneren Tongefäßen als denen der
Nachbarinnen aufgetragen und in Kalebassen serviert wird, die eleganter
geschmückt sind, als bei einem anderen.
[Illustration: Abb. 116. Chanémädchen stoßen Mais in einem Mörser. Rio
Parapiti.]
Deshalb beschäftigen die Frauen sich vor jedem Feste mit der
Herstellung von Tongefäßen und die Männer mit der Verzierung der
Kalebassen. In den Chané- und Chiriguanodörfern sieht man auch
prächtige Sammlungen von Tongefäßen. Besonders einige Frauen verstehen
es, diese mit ausgezeichneter Geschicklichkeit und Eleganz zu malen.
Man sieht beinahe niemals drei Krüge, die sich vollständig gleichen.
Jede sucht bei dem Feste mit etwas Originellem aufzutreten, etwas
Neues und Hübsches zu malen. Was die lineare Ornamentik betrifft, so
versteht man es, die alten Ornamente zu variieren, man versteht es
aber nicht, oder will sich nicht von ihnen frei machen und neue Bahnen
brechen. Die Indianerin ist in ihrer Kunst konservativ und vermag
sich nur, wenn sie ihre Motive direkt aus der Natur nimmt und Tiere
malt, von den Vorbildern aus der Zeit der Mutter oder Großmutter
freizumachen. Keineswegs alle Frauen in den Dörfern sind Künstlerinnen.
Es gibt solche, denen die Natur die Gabe der Kunst verliehen hat, und
richtige Pfuscher. Wer kann Tongefäße so malen, wie die eine Frau des
Chiriguanohäuptlings Maringay? Sie sind weitberühmt in den Tälern,
und jeder versucht, ihre Werke durch Tausch zu erwerben. Nicht zum
wenigsten ich habe ihre sichere und geschmackvolle Kunst bewundert. Die
Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy (Taf. 19) ist auch kein Stümper.
Wo die Indianer reich sind, d. h. große Maisernten haben, da ist
die Keramik schön. Wo man arm und der Kampf ums Dasein hart ist, da
hat man nicht viel Zeit zu künstlerischer Arbeit. Wenn die Kunst im
Indianerheim gedeihen soll, muß Freude und Munterkeit herrschen.
Die jüngere Generation wird, fürchte ich, deutsches Porzellan und
Emailgefäße vorziehen, und damit wird auch die Chiriguano- und
Chanékunst zu dem vielen Schönen und Feinen gehören, das vor der
brutalen Zivilisation des weißen Mannes verschwindet. In vielen Dörfern
muß man schon in den Winkeln der Hütten herumkramen, wenn man mit
sicherer Hand und natürlichem Geschmack gemalte Gefäße finden will.
Das Schlimmste ist jedoch, daß die Weißen Gefallen an den Tongefäßen
der Indianer zu finden beginnen. Dadurch entsteht Massenherstellung.
Für die Weißen ist alles gut genug, da braucht es weder schön noch gut
gearbeitet zu sein. Sie wünschen nicht das Geschmackvolle und Einfache,
sondern das Grelle und Merkwürdige, „curiosidades“, wie der Kreole
sagt. Vor diesem Merkwürdigen müssen sich unsere Museen hüten, denn das
gibt eine unrichtige Vorstellung von dem rein Indianischen.
Die Frauen brauen das Bier zum Feste. Dieses soll aus Mais (am liebsten
gelbem oder weißem) sein, und nur die armen Chanés am Rio Parapiti
müssen sich oft mit Bier aus süßen Kartoffeln begnügen. Ist Algarrobo
vorhanden, so wird auch aus dieser Frucht Bier gebraut. „Es ist gut und
berauscht so schön“, sagen die Indianer.
Ist die Maisernte reich, so herrscht Freude in den Dörfern, dann ist
Speise und Trank in jeder Hütte. Mißrät die Maisernte, dann ist keine
Freude, die Magen sind leer und auf dem Festplatz ist es still. Sind
die Scheunen voll Mais, dann ist der Indianer stolz und kümmert sich
nicht um Weiße, Unterdrückung und Sorgen. Ist die Scheune leer, dann
ist er untergeben und düster.
[Illustration: Abb. 117. Kochen des Maisbieres. Chané. Rio Itiyuro.]
Nachdem die Frauen den Mais aus den Scheunen geholt und die Männer
Holz und die Frauen Wasser herbeigeschleppt haben, beginnt das Brauen.
Erst wird der Mais in großen Mörsern gestoßen. Nacht und Tag hört man,
wie die fleißigen Frauen stoßen. Der gestoßene Mais wird gesiebt und
dann in gewaltigen Tongefäßen mit Wasser gemischt und gekocht. Hierauf
wird ein Teil herausgenommen, gekaut und ordentlich mit Speichel
vermengt. Dies wird dann zu dem übrigen geschüttet und muß, nachdem es
geseiht ist, in großen offenen Gefäßen bei schwacher Wärme gären. Mit
großen Holzspaten (Abb. 118 a) oder mit geschafteten Schulterblättern
(Abb. 118 b) rührt man in den Töpfen um. Es ist der Stolz jeder Frau,
gutes Bier, „cangui“, und viel Bier zu brauen. Sie sind auch rastlos
fleißig. Den ganzen Tag sieht man sie arbeiten, und auch des Nachts
beschäftigen sie sich mit Kochen und Mahlen. Keine Familie darf sich
der Zubereitung von Cangui entziehen.
Daß Speichel angewendet wird, erscheint vielleicht unsauber. Anfangs
dachte ich dies auch, bald war ich aber so verhärtet, daß mir auf
Indianerweise mit Speichelhefe zubereitetes Cangui besser schmeckte,
als das von den Weißen auf zivilisiertere Weise gebraute.
Kenner, nicht allein Indianer, sollen derselben Ansicht sein wie ich.
Wichtig ist jedoch, daß das Cangui kalt getrunken wird, lauwarm ist es
ekelhaft. Wenn es lange gestanden hat, ist es etwas berauschend, jedoch
nicht so stark wie das Algarrobobier.
Beim Canguitrinken geht es sehr zeremoniell zu. Vorn sitzen auf Bänken
und Schemeln (Abb. 85) die Männer, und hinter ihnen, auf dem Boden,
die Frauen. Die älteren Damen bekommen die besten Plätze. Die Wirtin
bringt das Cangui in ihren feinsten Tongefäßen, „yambuy“, herein und
stellt diese vor ihre Gäste (Abb. 77 u. 78). Wem ein Gefäß mit Cangui
hingestellt wird, der muß servieren. Das gilt auch für die Häuptlinge.
Sogar ich habe auf Indianergesellschaften serviert. Es ist nichts
Ungewöhnliches, daß die Männer die Frauen bedienen und umgekehrt.
Man füllt das Cangui in verzierte Kalebassen, die man der Reihe nach
umherreicht. Jeder muß austrinken. Wer sich weigert, ist unhöflich
und ungebildet. Sich selbst einzuschenken, ist nicht passend. Will
man gegen den Servierenden höflich sein, so trinkt man erst seine
Schale aus, füllt sie dann selbst und bietet sie jenem an. Trinkt man
alles, wozu man eingeladen wird, dann ist man der Freund der Indianer.
Weigert man sich, dann fassen die Indianer Mißtrauen zu einem. Ein
alter Chané sagte auch einmal zu mir: „Du bist ein netter Christ, schon
am Morgen trinkst du Maisbier mit uns.“ Wenn Moberg mit Beute beladen
von der Jagd heimkehrte, drängten sich die jungen und hübschen Frauen
um den glücklichen Jäger und bewillkommneten ihn mit einer Kalebasse
Maisbier. Was waren die Mühseligkeiten der Jagd gegen die des
Trinkens, denn die Frau, deren Schale er unberührt ließ, vergaß niemals
den Schimpf. Wenn man Feinde hat, kann das Canguitrinken gefährlich
sein, denn wer weiß, ob nicht jemand etwas von den eigenen Exkrementen
oder Haaren in das Bier gelegt hat, so daß man verhext wird und stirbt.
Dergleichen geschieht in diesen Dörfern.
Bei den Festen kommen oft Züge von Indianerhumor zum Vorschein. Ein
Scherz ist z. B. zu tun, als ob man Cangui in einer umgestülpten
Kalebasse herumreicht, ein anderer, einen zu bitten, auf einem
unförmlichen Rohr Flöte zu blasen.
[Illustration: Abb. 118. Suppenspatel. Chiriguano.
A = Tihuipa. ⅛.
B = Caipipendi. ⅙.]
Tanzmasken werden von den Chiriguanos und Chanés jetzt nur während des
Karnevals, dem großen Zechfest der Christen, getragen. Diejenigen, die
ich gesehen habe, hatten die Form von menschlichen Gesichtern (Abb.
119).
Sehr verschiedene Ansichten herrschen unter den Indianern, ob die
Masken hier ursprünglich indianisch sind oder nicht. Vocapoy sagte,
die Idee zu ihnen sei ursprünglich von den Weißen gekommen. Batirayu
behauptete dagegen, als Knabe am Rio Parapiti bei den Chanés von den
jetzigen verschiedene Masken gesehen zu haben, die bei ihren großen
Festen benutzt wurden. Seiner Ansicht nach haben die Chanés Masken
angewendet, bevor die Weißen ins Land gekommen sind. Man hatte
damals auch Klappern aus Früchten um die Beine und Federschmuck aus
Papageifedern auf dem Kopfe.
Die Chiriguanos und Chanés zerstören immer die Masken nach dem
Karneval. Sie werden entweder verbrannt oder in den Fluß geworfen. Die
Chanés nennen die Masken „añañya“.
Eigentümlich ist es, eine wie große Rolle der Karneval jetzt als Fest
bei den Indianern spielt. Dies kommt sicher daher, daß die Weißen da
Massen von Branntwein verteilten und daß die Indianer, die bei diesen
arbeiten, dann einige Tage frei bekamen.
Zu den Festen kommen die Gäste oft aus weiter Ferne. Sie treten dort
in ihren feinsten Kleidern und Schmucksachen, neu bemalt und fein
gekämmt, auf. Die meisten alten Trachten und Schmucksachen sind jedoch
schon verschwunden. Frauen in hausgewebten Kleidern mit Halsketten aus
Chrysocol und Türkis sieht man jedoch noch. Das silberne Diadem und
die silbernen Nadeln, die zur Festtracht gehören, habe ich indessen
niemals im Gebrauch gesehen. Die blauen Trachten der Männer (Abb. 81)
mit silbernem Brustschmuck sieht man oftmals in den Hütten bei den
Alten verwahrt, zu den Festen werden sie aber nicht angewendet. Bei den
Chanés im Itiyurotal habe ich die Indianer bei einem Canguifest tanzen
sehen. Um einen „Yambuy“ mit Cangui standen einige der alten Männer
zu zweien, ein eintöniges Lied singend und den Takt mit den Füßen
schlagend. Die Frauen gingen langsam im Takt des Liedes außerhalb des
Kreises der Männer auf und nieder.
Bei den Chanés und Chiriguanos verdrängt die Tracht des weißen Mannes
alles Alte und Hübsche, und von meinen vielen alten Häuptlingsfreunden
unter diesen Indianern verachtet nur allein Maringay die Lumpen der
Weißen.
Der Branntwein dringt immer mehr bei diesen Indianern ein, und die
zeremoniellen, gutmütigen Maisbierfeste verwandeln sich in rohe
Trinkgelage.
Ich vergesse nie eine Nacht im Dorfe Vocapoys. Die Männer waren
zu den Christen gegangen, um Branntwein zu trinken. Als sie zurück
kamen, fielen harte Worte und die Messer kamen hervor. Der Branntwein
hätte blutige Opfer gefordert, wenn die mutigen Frauen sich nicht
mit Feuerbränden vom Maisbierkochen zwischen die streitenden Männer
geworfen und sie, nachdem sie sie getrennt hatten, unter beruhigenden
Schmeichelworten nach Hause gebracht hätten.
[Illustration: Abb. 119. Tanzmaske. Chiriguano. Yacuiba. ⅙.]
+Sechzehntes Kapitel.+
=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).
Kunst und Industrie.
Die Chiriguanos und Chanés sind Stämme, deren Kunstindustrie sehr hoch
steht. Besucht man eine der Hütten der weißen Ansiedler in diesen
Gegenden, so wird man nicht viele Erzeugnisse einheimischer Industrie,
nicht viel von eigener Kultur sehen. Ich weiß rein gar nichts, was
diese Menschen können, was mit der Keramik und Webetechnik der Indianer
konkurrieren kann. Sicher ist, je mehr die Indianer „zivilisiert“
werden, um so weniger leisten sie kunstindustriell. Von den Weißen
lernen sie nicht viel mehr, als Branntwein bereiten und trinken. Die
indianische Kunstindustrie verschwindet hier allmählich, je mehr die
Indianer mit den Weißen in Berührung kommen, sie wird aber nicht
umgebildet. Sie verbleibt zum großen Teil rein indianisch bis zu
ihrem schließlichen Untergang. Eine Industrie ist indessen jetzt in
den Händen der Weißen, und zwar die Metallindustrie. Die silbernen
Schmucksachen, welche z. B. die Chiriguanos und Chanés anwenden, werden
von den Schmieden in den Dörfern der Gebirgsgegenden gearbeitet. Die
halbweiße oder quichuaindianische Bevölkerung, die wir in den Gebirgen
westlich vom Lande der Chiriguano- und Chanéindianer antreffen, ist
recht kunstfertig. Besonders die Webetechnik steht dort hoch. Vom
Westen haben die Chiriguanos und Chanés sicher viel gelernt.
[Illustration: Tafel 19. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy malt ein
Tongefäß. Rio Itiyuro.]