die Indianer glauben, eine Schlange habe das Mädchen gestochen.
Wenn das Mädchen aus dieser Gefangenschaft kommt, ist sie heiratsfähig.
Wenn der Chanéknabe etwa 10-12 Jahr alt ist, wird seine Unterlippe von
einem hierin besonders erfahrenen Mann durchbohrt. In das Loch wird ein
Stückchen Holz gesteckt. Der Knabe muß einen Tag liegen. Sein Großvater
kommt und reißt tiefe Wunden in seinen Körper, damit er mutig im Kampf
und ein tüchtiger Jäger werde. Des Morgens, wenn es noch richtig kalt
ist, führt er ihn baden, damit er ein richtiger Mann werde.
Einen Tag lang darf der Vater nichts verzehren, damit der Knabe nicht
geschwätzig wird. Dies zeigt, daß die Indianer keine Schwätzer lieben.
Wenn der Knabe älter wird, erhält er statt des kleinen Hölzchens ein
größeres, und ist er ein Mann geworden, so kann er mit einem großen
Pflock, „Tembeta“, in der Unterlippe herumstolzieren (Abb. 79). Diese
soll aus Holz sein, in welches Türkisen- und Chrysocolstücke eingesetzt
sind. Bei den Chanés und den meisten Chiriguanos haben jetzt nur die
Alten die Tembeta. Beim Chiriguanohäuptling Maringay, der noch alte
Sitten ehrt, wird allen Knaben die Unterlippe durchbohrt. Maringay
gehört zu den Alten, die verächtlich sagen: Der „ava“, der Mann, der
keine Tembeta trägt, sieht wie eine „cuña“ (Frau) aus. Männern das
Schimpfwort Frau zurufen, heißt auf Chiriguanoweise beschimpfen. Diese,
die „ava“ sind, sagen von den Chanés, die kleine Tembetas haben,
„cuñareta“ (Weiber).
Jetzt werden die meisten Tembetas von den Weißen in den Gebirgsgegenden
aus Zinn und Glasstücken angefertigt. Unter denen, die solche gemacht
haben, ist der Italiener Pablo Piotti. Seine Werke sind sogar in
europäische Museen gekommen, ohne jemals in einem Indianerkinn
gesessen zu haben. Früher hatten die Chiriguanos auch Tembetas aus
durchsichtigem Harz.[78]
Will der Chané- oder Chiriguanoknabe heiraten, so schickt er den
Eltern des Mädchens allerlei Jagdbeute. Vocapoy erzählte mir, daß er
vor ihre Häuser Holz legt. Wird das Holz angewendet, so bedeutet es
Einwilligung, findet er das Holz unberührt, so ist er abgewiesen. Hat
er mit dem Holz Glück gehabt, so hält er bei der Mutter des Mädchens um
sie an. Diese antwortet dann, sie könne nicht wissen, ob er ein guter
Mann wird, der seiner Frau Essen schaffen kann. Um dies zu zeigen, muß
er bei der künftigen Schwiegermutter ungefähr ein Jahr lang dienen. Die
Ehe ist somit hier eine Art Kauf.
Auf dieselbe Weise, wie die Chané- und Chiriguanomänner heutigentags
werben, taten sie es vor zweihundert Jahren.[79]
In der Nacht vor der Hochzeit schläft der junge Mann bei seinem
Mädchen. Die Hochzeit wird mit einem Trinkgelage ohne andere Zeremonien
als vieles Maisbiertrinken gefeiert. Die Jungverheirateten erhalten
Glückwünsche. In der Regel wohnen die Jungen noch einige Zeit in dem
Hause der Schwiegermutter.
Die Ehen scheinen mir in der Regel glücklich zu sein. In dem Dorfe des
Chanéhäuptlings Vocapoy hatte ich Gelegenheit, mehrere jungverheiratete
Paare zu sehen. Das Glück des Honigmonats erschien mir ungeheuchelt,
und die jungen Frauen arbeiteten strebsam für ihre Männer. Bei den
Indianern, wie bei anderen Völkern, gibt es indessen Frauen ungleichen
Charakters. Es gab solche, die den ganzen Tag für ihr Heim arbeiteten,
und solche, die nur dazu da zu sein schienen, um sich zu amüsieren.
Geschwisterehen sind verboten, Cousins und Cousinen dürfen sich dagegen
heiraten (wenigstens bei den Chanés).
Dies ist dagegen, wie erwähnt, weder bei den Chorotis noch bei den
Matacos gestattet.
Unter den Chanés und Chiriguanos gibt es solche, die mehrere Frauen
haben. Dies gilt jedoch nicht für die Jungen, sondern für die Älteren,
besonders für die Häuptlinge. Vocapoy hatte vier Frauen, die in
verschiedenen Dörfern wohnten. Taco soll sieben haben, Maringay hat
zwei, die zusammen wohnen. Der alte Mandepora (Abb. 111) soll auch eine
größere Anzahl haben. Diese älteren hohen Herrn lassen oft ihre Frauen
sitzen und schaffen sich neue, junge und hübsche an.
[Illustration: Abb. 111. Der Chiriguanohäuptling Mandepora.]
Außer in diesen Fällen scheint der Altersunterschied zwischen den
Gatten in der Regel nicht mehr als ein paar Jahre zu betragen.
Spricht man mit den Missionaren über die sittlichen Verhältnisse unter
den Indianern, besonders unter den Chiriguanos, so malen sie dieselben
in schwarzen Farben. Der sittliche Wandel der christlichen Indianer
ist, fürchte ich, auch recht schlecht, aber in den Tälern, wo der weiße
Mann die Indianer nicht verdorben hat, habe ich niemals eine allgemeine
Liebe, wie bei den Chorotis, vorkommen sehen. Typisch für alte Sitten
ist Maringays Dorf, und dort herrscht eine so strenge Sittlichkeit, wie
ich sie nirgends sonst gesehen habe. In diesen rein heidnischen Dörfern
kam es niemals vor, daß den Mitgliedern der Expedition ein Mädchen
angeboten wurde, was dagegen in den Missionsstationen vorkam.
Folgendes Urteil gibt der Jesuit Pater Ignace Chomé in einem Briefe von
1735,[80] von einer Zeit, da sie von der Zivilisation der Weißen noch
vollständig unberührt waren, ab, ein Urteil, das ich hier wortgetreu
wiedergeben will:
„Ce qui m’a fort surpris, c’est que dans la licence où ils vivent, je
n’ai jamais remarqué qu’il échappât à aucun homme la moindre action
indécente à l’egard des femmes, et jamais je n’ai oui sortir de leur
bouche aucune parole tant soit peu déshonnête.“
Die Ehen der Chiriguanos schildert dieser Jesuitenpater indessen als
sehr locker.
Mit der Ehe beginnt für diese Indianer das Leben im Ernst. Es besteht
aus Arbeit und Maisbiertrinken. Die Arbeit habe ich schon ein wenig
beschrieben, ihre Trinkgelage werde ich weiterhin schildern.
[Illustration: Abb. 112. Alte Frau. Rio Itiyuro.
Ihre Enkel waren ungefähr 18 Jahre und jünger.]
Das Leben des Indianers und der Indianerin schwindet schneller als das
der Weißen. Das Alter eines Indianers ist, wenn man keine bestimmte
Zahl hat, an die man sich halten kann, sehr schwer bestimmbar.
Maringay erzählte mir, er sei der Älteste seines Stammes, es lebe
kein Altersgenosse von ihm mehr. Die Weißen sagten, Maringay sei über
100 Jahr alt. Dies ist jedoch übertrieben. Als jungverheirateter,
16-20jähriger Jüngling, besuchte Maringay den Präsidenten Belzu in
Sucre. Dieser regierte zwischen 1848-1855, der hundertjährige Maringay
ist also offenbar nicht älter, als ungefähr 80 Jahre. Ein 80jähriger
Indianer ist also der Älteste seines Stammes. Bei den Indianern sieht
man beinahe immer, daß derjenige, der erwachsene Enkelkinder hat, sehr
gebrechlich und greisenhaft ist und am Rande des Grabes steht. Die
Indianer und Indianerinnen entwickeln sich schnell, altern aber auch
schnell. Mit 50 Jahren ist der Indianer ein Greis, mit 70 ein sog.
Hundertjähriger. Im Thurn[81] meint ebenfalls, daß die Indianer nicht
alt werden. Er glaubt, daß sie selten ein höheres Alter als 40-50
Jahre erreichen.
Maringays Haare waren leicht ergraut. Es gibt beinahe weißgelbhaarige
Indianer und Indianerinnen, aber sie sind selten (Abb. 112). Einen
kahlköpfigen Indianer habe ich niemals gesehen. Wenn sie älter sind,
ist das Gesicht stark gefurcht. Nicht selten werden sie im Alter blind,
aber weniger oft taub.
Bei den Chorotis und Ashluslays ist der Anblick der Alten oft
abschreckend, sie sind schmutzig, abgemergelt und triefäugig. Dies ist
bei den Chanés und Chiriguanos nicht der Fall. Diese Indianer verstehen
es, in Schönheit zu altern, und auch die Alten halten sich rein und
fein.
Erkrankt der Chané- oder Chiriguanoindianer schwer, so läßt man, wie
bei anderen Indianern, den Medizinmann kommen.
Die Chiriguanos und Chanés unterscheiden zwischen zwei Arten von
Medizinmännern, die sie „ipáye“ oder „ipáyepótchi“ nennen. Die ersteren
sind gut und heben die Verhexungen, die letzteren können die Verhexung
heben und verhexen.
Im Scherz fragte ich einmal einen Chiriguano, ob Vater Bernardino
in Ivu ein „ipáye“ oder ein „ipáyepótchi“ sei. Artig antwortete der
Indianer, ein „ipáye“. Die Stellung des Missionars unter den Indianern
ist die des Medizinmannes, er übernimmt ihre Macht und ihren Einfluß.
Im vorhergehenden habe ich erzählt, daß die Weißen in der Gegend von
Ivu einen indianischen Medizinmann zum Vertreiben der Pocken kommen
ließen. Es kommt auch vor, daß sie glauben, von den Indianern verhext
zu sein. Ein Kolonist, Gutierrez, hatte einen Indianer durchgepeitscht.
Dieser verhexte ihn so, daß er krank wurde. Es klang in seinem Magen
wie das Quaken eines Frosches.
Durch Räuchern suchen die Medizinmänner den Verhexer ausfindig zu
machen. Wie es dabei zugeht, habe ich nicht gesehen. Der Verhexer wird,
wenn er oder sie entdeckt wird, getötet.
Hier unten werde ich über die Verbindung der Medizinmänner mit den
großen Geistern sprechen.
Im Auftreten und in der Methode der Medizinmänner scheint bei den
Chorotis und Ashluslays und bei den Chanés und Chiriguanos kein
Unterschied zu herrschen. Es ist dasselbe Aussaugen fremder, durch
Verhexen in den Körper gelangter Gegenstände. Bei den letzteren sind
die Medizinmänner geheimnisvoller, als bei den ersteren. Vielleicht hat
die Berührung mit den Weißen bewirkt, daß sie selbst an ihrer Kunst zu
zweifeln beginnen.
Ein Unterschied herrscht indessen in den gewöhnlichen Heilmitteln. Die
erstgenannten Indianerstämme entnehmen ihre Heilmittel in der Regel dem
Pflanzenreich. Man kocht Dekokte von gewissen Gewächsen. Die Chanés und
Chiriguanos wenden dagegen, außer gewissen Pflanzen, animale Heilmittel
an. So benutzen die Chanés am Rio Itiyuro das Fett vom Reiher für
Geschwülste, das Wildschweinfett für das Fieber, das Jaguarfett für
Knochenschmerzen und Tukanschnäbel für Frauenblutungen. Die Chanés
am Rio Parapiti wendeten das Fett des Straußes gegen Brustschmerzen,
der Iguanaeidechse gegen Conjunctivitis, des Huhnes gegen alles, das
Maisbier gegen Erkältung an. Das Fett habe ich ausschließlich für den
äußeren Gebrauch anwenden sehen.
Merkwürdig ist der Chanéindianer als Aseptiker. Ich habe mehrmals
gesehen, wie sie Wunden nach einer höchst modernen Methode behandeln,
nämlich mit gekochtem Wasser. Das ist etwas anderes, als wenn die
Weißen Schweineexkremente und frischen Urin vom Menschen mit Salz zu
demselben Zwecke anwenden. Die Ursache, daß diese Indianer eine so
moderne Methode kennen, ist sicher ihre große Reinlichkeit. Sie sind
daran gewöhnt, sich beständig zu waschen. Daß sie auf die Idee gekommen
sind, das Wasser zu kochen, kommt wahrscheinlich daher, daß sie
makroskopische Tiere in demselben haben töten wollen. Zum Verbinden von
Wunden wenden die Chanés zuweilen frische Blätter an.
Sollte trotz der Anstrengungen des Medizinmannes die Verhexung nicht
gehoben werden können und der Chané- oder Chiriguanoindianer sterben,
so wird er oder sie in einem großen Tongefäß unter der Hütte begraben.
Bevor der Sterbende richtig tot ist oder gleich nach dem Tode, wird er
so zusammengefaltet, daß die Knie unter das Kinn kommen, und die Arme
werden kreuzweise über die Brust gelegt. Am Rio Parapiti hat jahrelang
ein Chanéindianer gelebt, der auf diese Weise zusammengefaltet worden
war, der aber, bevor er in die Graburne gestopft worden war, von
einem weißen Manne gerettet wurde. Der Tote wird angekleidet, mit
einer Wasserkalebasse im Knie, in das Gefäß gesetzt. Das Wasser soll
der Tote mithaben, wenn er auf den Bergen umhergeht, sagte mir der
Chanéhäuptling Vocapoy. Das Gefäß wird in der Hütte vergraben und als
Deckel ein anderes Gefäß darübergestülpt.
Bei Tatarenda in der Nähe von Yacuiba verbrennt man, wie ich
gehört habe, nach dem Begräbnis die Hütte. Dies ist jedoch nicht
das Gewöhnliche. Dagegen pflegt man die Hütte einige Zeit nach dem
Begräbnis zu verlassen, um später wieder hinzuziehen. So geschah es
z. B. in einem Chanédorf am Rio Itiyuro, in welcher ich kurz nach dem
Begräbnisse war.
Die großen Maisbiergefäße (Abb. 113) werden als Sarg angewendet.
Herrscht Mangel an Gefäßen, so begräbt man oft auf andere Weise. In
einem Chanédorf, Copéri, am Rio Parapiti, begrub man kurz vor meiner
Ankunft ein Kind in einer Haut unter der Hütte.
Auf den Gräbern ihrer toten Verwandten verleben diese Indianer ihr
Leben, und oft ist es so voll in der Hütte, daß ein Nachbegräbnis in
alten Töpfen notwendig wird.
„Der Christ schleppt seine Toten weit von seinem Hause fort. Wir
Indianer, die eine größere Liebe für sie hegen, bewahren sie in unseren
Häusern.“ So ungefähr sprach Vocapoy einmal zu mir, als das Gespräch
auf diese eigentümliche Begräbnisart kam.
Wird ein Chiriguano von einem Jaguar getötet, so wird er mit dem Kopf
nach unten begraben, damit er nicht als ein solches Tier umgeht. Diese
Vorstellung vom Jaguar, der ein Mensch war, ist besonders unter den
Quichuas verbreitet, wo dieses merkwürdige Tier, wie schon erwähnt,
Uturunco genannt wird (vgl. S. 12). Heult der Fuchs des Nachts nahe dem
Dorfe, so stirbt jemand.
[Illustration: Abb. 113. Chiriguanograb. Caipipendi.]
Stirbt der Mann, so soll die Frau das Haar kurz schneiden. Hat sie
ihn sehr geliebt, tut sie es zweimal. Erst wenn das Haar wieder lang
gewachsen ist, darf sie eine neue Ehe eingehen. Stirbt ihr Vater oder
ihre Mutter, so schneidet sie das Haar kurz, stirbt ihr Kind, ihr
Bruder oder Schwager, so schneidet sie es halblang. Unter langen Haaren
versteht man, daß sie bis zur Schulter reichen. Meine Frage, ob auch
die Männer bei Trauer ihr Haar schneiden, wurde mit einem Gelächter
beantwortet. Sie begnügen sich damit, eins der allerlängsten zu
verkürzen. Die Männer dürfen sich erst ungefähr ein Jahr nach dem Tode
der Frau wiederverheiraten.
Hat die Frau Trauer, so trägt sie keinen Schmuck. Als ich bei Maringay
war, hatte seine Schwiegertochter ihr kleines Kind verloren. Während
alle anderen Frauen im Dorfe zahlreiche Halsketten trugen, hatte sie
keinen einzigen Schmuckgegenstand. Sie nahm auch an keinem Feste teil.
Die Indianer, welche die Missionare taufen, sehen es nicht immer
gern, daß sie ihre Toten auf dem Kirchhof begraben müssen. Sie wollen
wenigstens, daß die Toten Wasser mit ins Grab bekommen.
Man befreit sich nicht so leicht von alten, ererbten Vorstellungen, um
sie gegen neue einzutauschen.
[Illustration: Tafel 18. Chanéfrau mit Kind. Rio Itiyuro]
Fußnoten:
[74] Karl v. d. Steinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens.
Berlin 1894.
[75] Psidium guayava.
[76] Corrado: El Colegio Franciscano De Tarija y sus misiones.
Quaracchi 1884. S. 526-527.
[77] P. Chomé, S. 320. Derselbe Pater spricht auch von dem Brauche der
Couvade bei diesen Indianern, S. 321. Lettres édifiantes. T. XXIV.
[78] P. Chomé: Lettres édifiantes. T. XXIV, S. 317.
[79] P. Chomé, l. c. S. 319.
[80] Chomé, l. c. S. 318.
[81] Im Thurn l. c. S. 190.
+Dreizehntes Kapitel.+
=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).
Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
In der Sprache der Weißen gibt es, wie bekannt, eine Anzahl Worte,
die man in anständiger Gesellschaft nicht anwenden darf. Gewisse
Körperteile dürfen Personen desselben Geschlechts nur mit lateinischen
Namen nennen, während Personen verschiedenen Geschlechts in der Regel
gar nicht miteinander darüber sprechen. Ein Wort kann für häßlich
gelten, während ein anderes Wort für denselben Gegenstand beliebig
angewendet werden kann. Der Grund, warum ein Wort verboten ist, ist
sicher oft schwer zu ermitteln.
K. v. d. Steinen[82] und Koch-Grünberg[83] haben darauf hingewiesen,
daß auch die Weiber unter den Indianern am Xingu und Rio Negro von den
Geschlechtsteilen ganz offen, als von etwas Natürlichem reden. Ebenso
ist es bei den Indianern, die ich kennen gelernt habe. Als ich nach
Worten fragte, welche die allerintimsten Dinge berührten, gaben auch
die Weiber, ja die jungen Mädchen, auf die allernatürlichste Weise
Auskunft darüber.
Es gibt indessen Worte, die verboten sind. Solche Worte sind bei
den Chorotis „ametché“, das ein Schimpfwort ist, „ictivähi“, das
homosexuellen Geschlechtsverkehr bezeichnet, „huéle“, das Onanie
bedeutet, und „tévi“ bei den Chanés und Chiriguanos, das dieselbe
Bedeutung wie ictivähi hat. Das Unnatürliche im Geschlechtsleben ist
auch hier so schändlich, daß es sich nicht paßt, darüber zu sprechen.
Es gibt auch Indianer, die niemals über solche Gegenstände sprechen
wollen. So beschaffen war z. B. ein Chiriguano, den ich auf meinem
ersten Ausflug den Rio Parapiti herunter mithatte. Er stellte sich
sogar so, als hätte er niemals von etwas Derartigem reden hören. Als
ich ihn über die Homosexualität bei seinen Landsleuten befragte,
stellte er sich dumm und sagte ungefähr: „Pflegen das die Weißen zu
tun?“
Unter den Indianern gibt es gleichwohl, wie auch bei uns, solche, denen
es Spaß macht, obszöne Geschichten zu erzählen. Ein solcher war der
alte Chané Bóyra, er, der den Schimpfnamen yúruhuasu, Großmaul, hatte.
Je schlimmere Sachen er erzählte, um so mehr amüsierte sich der alte
Bóyra. Zuweilen erzählte er so, daß sogar mein Freund Batirayu, der zu
dolmetschen pflegte, sich richtig genierte. Der alte Chiriguano Yambási
war auch einer, der alle möglichen Unanständigkeiten zu erzählen wußte.
Bóyra erzählte, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, und die Iguanaeidechse,
Téyuhuasu, in einem homosexuellen Verhältnis zueinander standen.
Bóyras Erzählung war so außerordentlich realistisch, daß ich sie hier
unmöglich wiedergeben kann. Er erzählte auch, wie der Fuchs sich mit
einem Waldhuhn[84] „Kése-Kése“ verheiratete, das auch ein Mann war.
Aguara (der Fuchs) kam einmal zur Hütte des Waldhuhns.
„Wie geht es dir, Bruder?“ sagte der Fuchs.
„Gut, komm, setz’ dich, Bruder“, sagte das Waldhuhn.
Der Fuchs setzte sich. Das Waldhuhn hatte viele Erdratten „angúyatúto“
aufgehängt, die es getötet hatte.
„Willst du Erdratten essen?“ sagte das Waldhuhn.
„Ja“, sagt der Fuchs und aß eine. Er verlangte dann noch eine und noch
eine usw.
Schließlich bat er darum, zwei für seine Kinder mitnehmen zu dürfen.
Das Waldhuhn gab sie ihm. Der Fuchs, der keine Kinder hatte, fraß auch
diese auf.
„Hast du eine Frau?“ sagte der Fuchs.
„Nein, ich wohne hier mit meiner Schwester,“ sagte das Waldhuhn.
Der Fuchs ging hierauf fort. Als er zu einer Pflanze „supua“ gekommen
war, hing er seinen Penis auf, nahm eine Frucht herunter und setzte sie
an die Stelle, wo der Penis gesessen hatte. Die Supua sieht nämlich wie
eine Vulva aus. Der Fuchs nahm dann die Tembeta heraus und verstopfte
das Loch. Er kam dann an ein Haus, wo einige Frauen wohnten.
„Wollt Ihr Tiru (Frauentracht), Halskette und Haarband mit mir gegen
ein Pferd tauschen?“ sagte der Fuchs.
„Wo hast du dein Pferd?“ sagten die Frauen.
„Mit dem komme ich morgen“, sagte der Fuchs. Er bekam nun Tiru,
Halskette und Haarband, legte alles dies an und begab sich auf einem
anderen Wege nach dem Hause des Waldhuhns. Als er dorthin kam, war
niemand zu Hause. Er legte sich da in die Hängematte. Nach einer Weile
kam das Waldhuhn nach Hause.
„Woher kommst du?“ sagte das Waldhuhn.
„Von meinem Vater“, antwortete der Fuchs. Der Fuchs kochte nun zwei
Erdratten und aß sie auf. Dann kochte er noch zwei und aß auch diese
auf. Hierauf kochte er noch zwei und aß sie auf.
Am Abend fragte der Fuchs die Schwester des Waldhuhns: „Wo willst du
liegen?“ „Hier“, sagte sie.
„Dann lege ich mich neben dich“, sagte der Fuchs. Ein bißchen davon
legte sich das Waldhuhn. Als die Schwester eingeschlafen war, streckte
der Fuchs die Hand aus und faßte das Waldhuhn an. Dieses kam und legte
sich neben den Fuchs.
„Bist du verheiratet?“ sagte das Waldhuhn.
„Nein, meine Mama hat mich nicht verheiraten wollen“, antwortete der
Fuchs ...[85]
Der Fuchs schlief nun zwei Nächte bei dem Waldhuhn und wurde schwanger.
Nach einiger Zeit gebar der Fuchs.
Eines Tages kamen einige Vögel dort vorbei. „Gib mir Bogen und Pfeil,
ich will schießen“, sagte der Fuchs. „Du kannst wohl nicht schießen, du
bist ja kein Mann“, sagte das Waldhuhn.
„Ich bin ein Mann“, sagte der Fuchs, nahm Pfeil und Bogen und ging
fort. Als er zur „Supua“ kam, nahm er seinen Penis herunter und setzte
ihn sich wieder an.
Man erzählte mir von einem Chanéindianer von Yacundai am Rio
Parapiti, der sich in fremden Dörfern als Schmarotzer herumzutreiben
pflegte. Die Indianer wurden zuletzt seiner über, und als er einmal
vollständig betrunken war, schändeten ihn einige Chiriguanoindianer
im Caipipendital. Er begab sich nach diesem Schimpf nach dem unteren
Rio Parapiti. Als die Kenntnis von dem, was ihm in Caipipendi passiert
war, dorthin gedrungen war, hängte er sich in Verzweiflung über diese
Schande.
Eigentümlicherweise wird es unter diesen Indianern nicht als eine
Schande betrachtet, in einem homosexuellen Verhältnis der Aktive zu
sein, der Passive wird aber tief verachtet. Er wird als ein Weib
betrachtet. Dies ist der Grund, warum ein Teil rücksichtslose Weiße
unverbesserliche Indianer mit -- einem Klistier bestrafen. Ein so
gekränkter Indianer verschwindet für immer. Man nimmt an, daß er
Selbstmord begeht. Mittels „tévi“ bestraft ein Indianer seine ungetreue
Frau und verläßt sie dann. Chanéknaben habe ich „tévi“ spielen sehen.
Nach Westermarck[86] ist die Homosexualität sehr verbreitet unter
den Indianern Amerikas. Die Auffassung, daß dies eine Schändlichkeit
ist, ist keineswegs überall so ausgeprägt, wie bei den hier erwähnten
Indianern.
Über Onanie habe ich bei den Chanés und Chiriguanos nichts gehört. Sie
soll dagegen bei den Chorotis von den Männern, die beim Tanz von den
Frauen übergangen werden, betrieben werden.
Perversitäten im Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die im alten
Peru gewöhnlich waren, scheinen hier nicht vorzukommen. Primitive
Säugetierstellung beim Koitus soll bei den Chacostämmen gewöhnlich sein.
Mataco gab mir eine Wurzel, die sie als Aphrodisiakum anwendeten.
Das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren ist in den Sagen der
Indianer so intim verflochten, daß man nicht immer bestimmen kann,
ob sie das eine oder das andere meinen. Die Sagen, welche die
Liebesverhältnisse zwischen Menschen und Tieren schildern, sind keine
Schilderungen von Bestialität, die bei diesen Indianern unbekannt zu
sein scheint.
Das Schamgefühl ist bei diesen Völkern sehr verschieden entwickelt. Es
scheint mir sehr stark von der Kleidertracht abzuhängen. Keiner dieser
Indianer oder Indianerinnen, von denen ich hier erzähle, betrachtet
es, soweit sie nicht vollständig verdorben oder zivilisiert sind, als
unpassend, den Oberkörper zu zeigen. Die Chiriguano- und Chanéfrauen
sind viel verschämter als die Chorotis und Ashluslays, wenn sie die
Geschlechtsteile zeigen. Die letzteren wollten sich höchst ungern
vollständig entkleiden, um photographiert zu werden. Den ersteren wagte
ich so etwas nicht einmal vorzuschlagen.
Saß man des Abends am Feuer in der Hütte und war mit der Familie
bekannt, so schienen sie gleichwohl ganz ungeniert zu sein. Die
Choroti- und Ashluslaymänner sind sehr schamlos. Die Männer unter den
Chanés und Chiriguanos dagegen weniger. Es ist sehr gewöhnlich, daß
die Chiriguano- und Chanéfrauen, in einer Gesellschaft konversierend,
stehend Wasser lassen und den Urin das Bein herunterlaufen lassen,
was ja als weniger sauber gelten darf. Die Männer gehen dagegen immer
abseits, um dieses Bedürfnis zu verrichten.
[Illustration: Abb. 114. Junge Chanéfrau entblößt den Oberkörper, um
sich photographieren zu lassen. Rio Parapiti.]
Der Geschlechtsakt geht, wie erwähnt, bei den Ashluslays oft in
Gegenwart von Zuschauern vor sich. Bei den Chorotitänzen mußte man sich
in der Dunkelheit vorsehen, nicht über die liebenden Paare zu stolpern.
Dergleichen sieht man niemals bei den Chiriguanos oder Chanés. Da viele
in derselben Hütte liegen, sieht man gleichwohl auch bei ihnen vieles,
was man immer sieht, wenn man Schlafgäste hat. Dies nicht zum wenigsten
ist der Grund, daß das Geschlechtsleben selbst für die kleinen Kinder
keine Geheimnisse hat.