Manchmal sieht man die Männer spielen. Das gewöhnlichste Spiel ist

jetzt taba, das mit dem Sprungbein einer Kuh gespielt wird und das

diese Indianer in den Zuckerfabriken gelernt haben. Auch Würfelspiele

sind dort nicht ungewöhnlich. Die Regeln für diese scheinen ihre

eigenen, oder vielmehr den Weißen nachgeahmte zu sein.

„Daro“, wie die Chiriguanos das Würfelspiel nach dem Spanischen nennen,

wird von zwei Personen mit von ihnen selbst verfertigten Würfeln

gespielt. In Tihuïpa habe ich folgende Regeln für dieses Spiel (Abb.

93) aufgezeichnet.

Alle übrigen Kombinationen sind = 0. Wer zuerst zehn Striche hat,

gewinnt. Die Striche werden auf dem Fußboden markiert.

Von eigenen Hazardspielen haben sie zwei. Das eine ist dasselbe, wie

wir es S. 73 von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben. Die

Chiriguanos nennen dieses Spiel „chúcaráy“, die Chanés „chunquánti“.[66]

Das andere den Chiriguanos und Chanés bekannte Spiel habe ich bei

keinen anderen Indianern gesehen. Sie nennen es tsúcareta und spielen

es mit einem Haufen Stäbchen, die auf der einen Seite konvex, auf der

anderen eben oder konkav sind (Abb. 95).

Zuerst wird ein Stäbchen (Máma) so ausgelegt, daß es auf den hinzeigt,

der werfen soll (Abb. 96). Nehmen wir an, daß es so gelegt ist, daß die

konvexe Seite nach oben gerichtet ist. Fallen zwei oder mehr Stäbchen

kreuzweise übereinander, und zwar mit der konvexen Seite nach oben und

ohne oben von einem Stäbchen mit der ebenen Seite nach oben berührt zu

werden, so fallen sie dem Werfenden zu. Wäre das Máma so gelegt worden,

daß die ebene Seite nach oben gelegt worden wäre, so hätten nur die

gezählt, die mit der ebenen Seite nach oben ein Kreuz gebildet haben.

Man schlägt abwechselnd und jeder legt das Máma beliebig aus. Wer die

meisten Stäbchen bekommen hat, hat gewonnen.

Hat man nur noch vier Stäbchen, so wird kein Máma mehr ausgelegt,

sondern man kommt überein, ob die konvexen oder ebenen (konkaven)

gelten sollen.

[Illustration: Abb. 93. Spielregel für „Daro“. Chiriguano. Tihuïpa.]

Bisweilen sieht man die Frauen ein Kegelspiel, von den Chiriguanos in

Tihuïpa „itarapóa“, von den Chanés am Rio Parapiti „tocoróre“ genannt,

spielen.

In Tihuïpa spielte man auf folgende Weise. Man stellte zwei Reihen

Maiskörner, je zwei aufeinander, als Kegel in einem Abstand von vier

bis fünf Fuß auf. Zwei spielten abwechselnd, indem sie die Maiskegel

des anderen mit einer steinernen Kugel abzuschlagen versuchten. Wer

zuerst alle Maiskegel des anderen abgeschlagen hatte, hatte gewonnen.

[Illustration: Abb. 94. Chunquanti spielende Chanéknaben am Rio

Itiyuro.]

[Illustration: Tafel 17. Palmenwald, unweit des Rio Pilcomayo.]

Am Rio Pilcomayo spielte man mit drei Kegeln auf jeder Seite. Der

Abstand zwischen den Kegeln des Gegners war drei Ellen. Jeder Kegel

bestand aus einem entsamten Maiskolben und der Abstand zwischen ihnen

sollte eine Handspanne[67] sein. Die angewandten Bälle sind aus

gebranntem Ton und hohl, mit kleinen, rasselnden Kugeln im Innern (Abb.

99).

Das Leben der Indianerkinder.

Wenn man vom Leben in den Dörfern spricht, darf man auch die Kinder

nicht vergessen. Die Kinder spielen, helfen aber auch den Großen.

Sie werden wie die Choroti- und Ashluslaykinder erzogen. In heiterer

Freiheit verbringen sie ihr Leben, ohne Prügel und harte Worte.

Die Chiriguano- und Chanékinder haben mehrere Spiele und Spielsachen,

welche man die Kinder der Weißen in Bolivia niemals anwenden sieht und

die mir alle echt indianisch zu sein scheinen.

Die Indianerkinder spielen vor allem die Spiele, die ich schon von

den Älteren erwähnt habe. Von den Spielen der Chorotis und Ashluslays

kennen sie das hockeyähnliche Ballspiel, das die Chiriguanos „táca“

nennen. Bei den Chanés habe ich es nicht spielen sehen. Als Tore

pflegen sie Gruben anzuwenden, und zuweilen schlagen sie die Bälle mit

Raketts. Das ist hier ein Knabenspiel. Ein außerordentlich hübsches

und schweres Spiel ist „tóki“, das ich von den Knaben der Chanés am

Rio Parapiti habe spielen sehen. Es wird von zwei, vier, sechs oder

mehr Personen in zwei Abteilungen gespielt. Die Bälle aus massivem

Gummi werden von einem der Spielenden erst in die Luft geworfen und

dann mit dem Kopf nach der gegnerischen Seite geworfen, wo er mit dem

Kopf wieder zurückgestoßen werden soll. Das Berühren des Balles mit der

Hand ist verboten. Die Partei, die, je nach Übereinkommen, fünf- oder

zehnmal den Ball verfehlt, hat verloren.

[Illustration: Abb. 95. Stäbchen zum Tshúcaretaspiel. ²⁄₉.]

Das Tókispiel wird in einer der Sagen der Chanéindianer erwähnt. In

dieser Sage sehen wir, wie schwer es den Chanés früher gefallen ist,

den Gummi für die Bälle zu erhalten, der, da es im Chaco keinen Gummi

gibt, von weit her geholt werden mußte.

Jetzt erhalten sie die Gummibälle von Santa Cruz de la Sierra. Ich

habe das „Tóki“ nur von Knaben spielen sehen. Früher wurde es nicht

allein von den Männern, sondern auch von den Göttern gespielt. Es ist

besonders von den Chiquitosindianern bekannt.[68]

[Illustration: Abb. 96. Máma wird ausgelegt. Tshúcaretaspiel. Tihuïpa.

Chiriguano.]

Auch d’Orbigny[69] erwähnt dieses hübsche Spiel von den Chiquitos. Am

Rio Guaporé habe ich Chiquitano sprechende Gummiarbeiter das Spiel

spielen sehen, die es außerordentlich gut verstanden, den Ball mit dem

Kopf weiterzustoßen. Auch niedrige, den Boden beinahe erreichende Bälle

fingen sie, auf dem Magen liegend, in gleicher Weise auf.

[Illustration: Abb. 97. Die Stäbchen werden geworfen. Tshúcaretaspiel.]

Spiele mit Gummibällen scheinen den Spaniern erst sehr spät bekannt

geworden zu sein. Dies geht aus dem Erstaunen hervor, mit dem

Gumilla[70] sie erwähnt. Merkwürdig, sagt er, sind die Bälle und die

Art, wie mit ihnen gespielt wird. Der Ball ist groß und aus einem

Holzsaft, Caucho genannt, gearbeitet, der bei einem leichten Stoß so

hoch springt, wie ein Mann lang ist.

Gumilla erzählt, daß die Indianer am Orinoco mit der rechten Schulter

spielten. Traf der Ball einen anderen Körperteil, so verlor der

Spielende einen Point. Er bewunderte ihr Spiel, da sie den Ball zehn-,

zwölfmal und noch öfter warfen, ohne den Boden zu berühren.

[Illustration: Abb. 98. Die Spielenden sehen nach, wie die Stäbchen

gefallen sind.]

Ein anderes nettes Spiel ist „sóuki“, das die Chanéknaben am

Rio Parapiti spielten (Abb. 102). Es wird von zwei Knaben mit

Maiskolbenpfeilen gespielt. Erst wirft der eine Knabe seinen Pfeil

auf den Boden, dann der andere, der ihm so nahe wie möglich zu kommen

sucht. Kommt er eine Handspanne oder noch näher an den Pfeil des

Gegners, so gewinnt er einen Point, d. h. bekommt einen Strich. Wer

zuerst sechs Points hat, wenn der andere keinen hat, hat gewonnen.

Jeder spielt mit bis zu drei Pfeilen. Die Points zählen so, daß nur das

gilt, was der eine mehr als der andere hat.

„Huirahuahua“ ist ein Spiel (Abb. 103), das nur von den jüngeren

Chanéknaben am Rio Parapiti gespielt wird. Es wird von zwei Knaben

mit je einem Stäbchen gespielt. Der eine wirft sein Stäbchen so, daß

die Spitze auf den Boden schlägt und so weit wie möglich aufspringt.

Nachher wirft der zweite. Wer am weitesten geworfen hat, bekommt einen

Strich auf dem Boden. Wer zuerst acht Striche hat, wenn der andere auf

Null steht, hat gewonnen.

[Illustration: Abb. 99. Geteilter Ball zum Tocorórespiel. ½. Chané.

Rio Parapiti.]

Das „Parama“-Spiel habe ich von den Chiriguanos im Caipipendital

spielen sehen. Es wird von zweien gespielt. Ein Knopf oder dergleichen

wird als Tor auf einen Stein gelegt, worauf man mit runden Steinchen

aus Tonscherben wirft. Der Knopf soll heruntergeschlagen werden, und

wer demselben am nächsten kommt, hat einen Strich gewonnen. Das Spiel

wird so lange fortgesetzt, bis der eine, je nach Übereinkommen, fünf

oder mehr Striche hat.

[Illustration: Abb. 100. Spielstock. ¹⁄₁₆. Tihuïpa. Chiriguano.]

[Illustration: Abb. 101. Rakett. ¹⁄₁₆. Tihuïpa. Chiriguano.]

Die Chané- und Chiriguanokinder haben auch mehrere Spielsachen, die

hier abgebildet sind (Abb. 104-105). Von diesen ist „mou-mou“ (Abb.

104) eigentümlich. Mit ihm wird, wenn die Fäden erst gezwirnt und dann

gespannt werden, ein summender Ton hervorgebracht.

Nun habe ich meine Leser wohl ordentlich mit indianischen Spielen

und Spielsachen gelangweilt. Vielleicht habe ich mich bei diesem in

Südamerika so wenig studierten Gegenstande, der mich auf meiner Reise

lebhaft interessiert hat, zu lange aufgehalten. Wie bei den Chorotis

und Ashluslays, habe ich gern mit den Knaben gespielt. Dies ist auch

eine Art und Weise, den Indianern näher zu kommen, ihr Vertrauen zu

gewinnen.

[Illustration: Abb. 102. Maiskolbenpfeil. ⅓. „Sóuki“. Chané. Rio

Parapiti.]

[Illustration: Abb. 103. Stäbchen zum Huirahuahuaspiel. ⅓. Chané. Rio

Parapiti.]

Wie die Choroti- und Ashluslaykinder, langweilen sich die Kinder der

Chanés und Chiriguanos selten, wie diese sind es artige und gute

Kinder. Auf den Spielplätzen in den Dörfern geht es in der Regel sehr

munter zu. Dies gilt für die Heiden. Die Kinder, die in die Hände der

Mönche geraten sind, sehen düster und verschlossen aus, sie haben schon

etwas von dem zu kosten bekommen, was die Kinder des weißen Mannes

lernen, Erziehung und beginnende Zivilisation. „Du sollst ...“ „Du

sollst nicht ...“

Die Spiele und Spielzeuge sind vom anthropo-geographischen

Gesichtspunkte aus von großem Interesse. Eine Mehrzahl von ihnen

finden wir nicht außerhalb des Chaco und der angrenzenden Gegenden

in Südamerika. Dagegen finden wir sie in Nordamerika. Infolgedessen

habe ich den Schluß gezogen,[71] daß die Spiele und Spielsachen

Überbleibsel aus einer Zeit sind, in der der kulturelle Austausch

zwischen Nord- und Südamerika größer als jetzt war, oder richtiger, daß

Spuren eines von Norden ausgehenden Kulturstromes bis nach Argentinien

hinunter gegangen sind. Eine merkwürdige Ähnlichkeit herrscht auch

zwischen den Typen von Tabakspfeifen, die man im südlichen Südamerika

und in Nordamerika trifft. Die Dreifußkeramik, die ich bei meinen

Ausgrabungen im östlichen Bolivia, in Mojos, gefunden habe, deutet auch

auf Einflüsse von Norden.

[Illustration: Abb. 104. Spielzeug. Chané und Chiriguano.

A = „mou-mou“. ⅙. Chané. Rio Parapiti.

B = brummender Kreisel. ²⁄₉. Chiriguano. Caipipendi.

C, C1 = Reifen mit Peitsche. Chané. Rio Itiyuro.

D = Musikbogen. ¼. Chané. Rio Parapiti.]

[Illustration: Abb. 105. Puppen aus Wachs. ¹⁄₁. Chané. Rio Parapiti.]

Alltagskleidung.

In den Dörfern, wo der Einfluß der Weißen nicht die alten Trachten

verdrängt hat, tragen die Chané- und Chiriguanofrauen ein sackförmiges

Kleidungsstück, „tiru“ (Abb. 106). Dieses kann, wie aus den

Photographien ersichtlich, auf verschiedene Weise getragen werden.

Früher scheint der Tiru nicht die jetzige Form gehabt zu haben.

Viedma[72] sagt, die Chiriguanofrauen hatten nur ein Stück Zeug um die

Hüften. Sicher hat sich die Tracht unter dem Einfluß der „moralischen“

Christen so entwickelt, daß sie „anständiger“ geworden ist.

[Illustration: Abb. 106. Chanéfrau von Rio Parapiti, in „Tiru“

gekleidet.]

Von einheimischen Schmucksachen sieht man Halsketten aus Türkis- und

Chrysocolperlen und aus schwarzen Körnern.

Nach eigenen Angaben finden die Indianer die Steinperlen in der Erde,

wo alte Wohnplätze und Gräber sind. Die Mestizen im Tarijatal, die in

ihren Feldern eine große Menge dieser Perlen finden, verkaufen sie den

Chiriguanos und Chanés zu hohen Preisen. Früher wurde eine Halskette

aus diesen Perlen mit einem Pferd bezahlt.

Das Haar tragen die Chané- und Chiriguanofrauen halblang, mitten auf

der Stirn gescheitelt und manchmal im Nacken oder auf dem Kopf mit

einem Band zusammengebunden.

[Illustration: Abb. 107. Gesichtsbemalung. Chiriguano. Itapenbia. Rote

Farbe. A u. B = Männer. C u. D = Frauen.]

Die Männer tragen jetzt alle die europäische Tracht. Bei der Arbeit

sieht man sie jedoch nicht selten nur in einem die Geschlechtsteile

schützenden Stück Zeug. Bei den Chanés am Rio Parapiti waren Mäntel

gleich denen, die wir von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt

haben, sehr gewöhnlich. Die älteren Männer, sowie auch die jüngeren in

den Chiriguanodörfern am oberen Rio Pilcomayo, tragen das Haar lang,

um den Kopf gewunden und von einem in der Regel roten oder blauen Band

zusammengehalten. Nach vorn ist das Haar abgeschnitten, sie haben also

Stirnlocken und eine Locke vor jedem Ohr. Es greift jedoch immer mehr

die Sitte um sich, das Haar kurz zu schneiden, um ebenso fein zu sein,

wie die Weißen. An den Füßen tragen sie, wenn sie auf steinigem oder

dornigem Boden wandern, wie die Frauen, Sandalen.

Diese Indianer malen sich alltags nicht oft. Zuweilen sieht man eine

Frau, die sich das Gesicht rot gemalt hat. Die Weißen behaupten,

es bedeute, sie sei heiratslustig, oder, wenn sie verheiratet ist,

lüstern. Ich wage jedoch nicht zu sagen, daß dies wahr ist. Einen roten

Strich hier und da ins Gesicht malen sich die Frauen auch alltags, oder

sie kleben ganz einfach eine Blume an jede Wange. Die Männer bemalen

auch manchmal das Gesicht und den Körper rot. Als große Seltenheit

habe ich ein paar Chiriguanofrauen gesehen, die auf dem Arm tätowiert

waren (Abb. 108). Im Caipipendital haben die Chiriguanofrauen die

abscheuliche Sitte, ihre sonst weißen und gesunden Zähne zu schwärzen.

Viedma erzählt, daß die Chiriguanomänner ihre Zähne blau zu malen

pflegten.

[Illustration: Abb. 108.

Tätowierter Frauenarm. Chiriguano. Itapenbia.]

Reinlichkeit.

Die Chanés und Chiriguanos sind sehr reinlich. Sie beginnen, wie schon

erwähnt, den Morgen mit einem Bad, und baden dann oft mehrmals im Laufe

des Tages. Diese Reinlichkeit ist bei Stämmen, die oft in Gegenden

wohnen, wo, wie z. B. im Chipipendital, großer Wassermangel herrscht,

merkwürdig. In der Trockenzeit können sie dort niemals ein Bad nehmen,

wenigstens die Frauen waschen aber ihren Körper jeden Morgen gründlich

ab.

Der Gegensatz, der sich hier in dem Reinlichkeitseifer der

verschiedenen Stämme zeigt, läßt sich, meiner Ansicht nach, durch ihre

Wanderungen erklären. Die Chorotis, Ashluslays und Matacos, welche sich

noch teilweise in Pelzmäntel kleiden, scheinen mir, wie die Feuerländer

und Patagonier, aus den kalten Pampas im Süden, wo ein Waschen höchst

unangenehm war, nach dem Chaco eingewandert zu sein, während die

Chiriguanos und Chanés vom Norden, aus den feuchtwarmen Urwäldern, von

den großen Flüssen kommen, wo das Baden immer schön und erfrischend

war. Nun, wo sie unter denselben klimatischen Verhältnissen leben,

haben die ersteren ihren Schmutz, die letzteren ihre Reinlichkeit

bewahrt.

[Illustration: Abb. 109. Kämme zum Kämmen des Haares, nicht zur

Befestigung in dasselbe.

A. von den Chanés. B, C, D von den Chiriguanos.]

Im Thurn[73] berichtet, daß die Indianer in Guayana sofort nach dem

Essen baden, ohne daß ihnen dies schlecht bekommt. Dasselbe habe ich

hier oft beobachtet.

Den Kopf schampunieren die Chiriguanos und verschiedene Chanés mit den

Samen von „nyantéra“, die sie mahlen. Zu demselben Zweck benutzen die

Chanés am Rio Parapiti die Rinde des Mistol, „yúag“. Auch die Nägel,

und nicht zum wenigsten die Zehennägel, werden sauber gepflegt.

Zum Kämmen wenden sie in Holz geschnittene oder aus Rohrstäbchen

zusammengebundene Kämme an.

Ihre Bedürfnisse verrichten die Chanés und Chiriguanos niemals ganz

nahe den Hütten. Besondere Abtritte habe ich aber niemals bei irgend

welchen Indianern, und auch nicht bei vielen Weißen in Bolivia, gesehen.

Die Chanés und Chiriguanos gehen mit ihren Kleidern sehr sorgfältig

um. Sie halten sie rein und flicken sie, wenn es nötig ist. Jedes

Geschlecht wäscht und flickt seine Sachen selbst. Der Mann näht hier

vollkommen ebenso gut wie die Frau.

Ich habe hier von dem Alltagsleben bei diesen Indianern gesprochen.

Nun will ich die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben, in ihrem

Gemeinwesen, ihre Feste, ihre Industrie usw. schildern, um zuletzt zu

ihren Sagen und ihrer Religion überzugehen.

Fußnoten:

[57] Annua de la Compañia de Jesus. -- Tucuman y Perú -- 1596.

Relaciones geográficas de Indias. Madrid 1885. Tomo II. S. CIV.

[58] Viedma: l. c.

[59] Die Frauen fischen in der Regel in seichtem, die Männer in tiefem

Wasser.

[60] Nehmen manchmal an der Zubereitung der Jagdbeute teil.

[61] Bei den Chanés am Rio Parapiti.

[62] Am Rio Parapiti sammelten die Chanéfrauen das Material zu dem

Dache, d. h. langes Gras.

[63] Nur bei Maringay.

[64] Unbedeutend, eigentlich nur am Rio Parapiti.

[65] Schon Viedma erwähnt diese Tracht, S. 181.

[66] Vgl. Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethn., 1910, H. 3 u. 4.

[67] Längster Abstand zwischen Daumen und kleinem Finger.

[68] Erbauliche und angenehme Geschichten. Wien 1729. S. 55.

[69] d’Orbigny: Voyage. Partie historique. Tome 2, S. 594-595.

[70] Gumilla: El Orinoco Ilustrado. Madrid 1745. S. 190.

[71] S. auch Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethnologie, 1910. H. 3

u. 4.

[72] Viedma, 1. c. S. 181.

[73] Im Thurn: Among the indians of Guiana. London 1883.

+Zwölftes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Vom Mutterleib bis zum Grabe.

Streng arbeiten die Chané- und Chiriguanofrauen auch während der

Schwangerschaft, bis sie gebären sollen. Im Dorfe Vocapoys war eine

schwangere Frau, der ich eine von mir geschossene Taube schenkte.

Vocapoy erklärte mir da ganz erregt, eine schwangere Frau dürfe keine

Tauben essen. Kommt ein Chané- oder Chiriguanokind zur Welt, verursacht

es seiner Mutter sicherlich nicht viel Schmerzen. Diese Frauen sind

gesund und gebären leicht, wie alle Indianerfrauen, die eine gesunde

Lebensweise führen und niemals eng anliegende Kleider getragen haben.

Sie liegen auch nicht im Wochenbett, das muß statt dessen der Papa

des Kleinen. Auch hier treffen wir diesen eigentümlichen Brauch, die

„Couvade“, die von so vielen Indianerstämmen her bekannt ist. Mehrere

Tage soll der Mann liegen und Diät halten. Bei den Chanés am Rio

Parapiti darf er die ersten Tage nur gekochten Mais und Maissuppe,

später auch süße Kartoffeln essen. Mehrere Tage lang darf er kein

Fleisch essen. Ißt er z. B. das Fleisch einer Ziege, so stirbt er,

meckernd wie diese. Der Chiriguanoindianer Taco erzählte mir, er habe

seinen dicken Magen deswegen bekommen, weil er diesen wichtigen Brauch

nicht innegehalten habe. „Fünf Tage hätte ich liegen und Diät halten

sollen“, sagte er.

Die Sitte der Couvade hat, wie bekannt, in Südamerika eine sehr große

Ausdehnung. Bei den Stämmen, die ich kennen gelernt habe, kommt sie

sicher, außer bei den Chiriguanos und Chanés, bei den Chorotis,

Gúarayús und Chacobos vor. K. v. d. Steinen,[74] der diesen Brauch

ausführlich vom Rio Xingu schildert, sagt, er sei wahrscheinlich für

alle brasilianischen Stämme bekannt. Dagegen scheint der Brauch der

Couvade von den Quichuas und Aymaras, d. h. von der Gebirgskultur

in Bolivia und Peru, unbekannt zu sein. Dies ist einer der vielen

Gegensätze, die zwischen den Indianern des Gebirges und des Urwaldes

bestehen.

Die Gúarayúindianer in Nordost-Bolivia sagten mir, wenn ein Mann gleich

nach der Entbindung seiner Frau auf die Jagd geht und z. B. einen

Papagei schießt, so kann er sein Kind töten. In den ersten Tagen des

Lebens folgt nämlich die Seele des Kindes dem Vater.

Sehr selten werden bei den Chanés und Chiriguanos außereheliche Kinder

geboren. Ich glaube, vielleicht irre ich mich, daß die Frauen dieser

Indianer keusch sind, bevor sie heiraten. Am Rio Itiyuro befand sich

unter etwa 500 Chanés nur ein von einer unverheirateten Frau geborenes

Kind. Mißgestaltete Kinder werden sehr selten geboren. So gibt es, nach

dem, was ich gesehen und Batirayu angegeben, im ganzen Parapitital

unter 1500-2000 Chanés keinen Blindgeborenen, keinen Schielenden,

keinen Idioten und nur einen mit mißgestalteten Extremitäten und vier

Taubstumme. Stark stammelnde Indianer habe ich nicht beobachtet.

Ich weiß nicht, ob die mißgestalteten Kinder auch bei diesen Indianern

gleich getötet werden, aber wahrscheinlich ist dies der Fall. Ich

weiß auch nicht, ob Abtreibung der Leibesfrucht vorkommt. Sicher ist

aber, daß diese gesunden Frauen selten Kinder gebären, die nicht

wohlgestaltet sind. Im Parapitital fand sich gleichwohl, wie erwähnt,

ein Knabe mit mißgestalteten Extremitäten. Das eine Hüftbein war zu

kurz und der eine Arm auch verkrüppelt. Dieser Knabe wurde von allen

mit außerordentlichem Wohlwollen behandelt, und man drückte laut

seinen Beifall aus, als ich ihm einige kleine Geschenke gab.

Wenn das Kind zu gehen anfängt, erhält es einen Namen. Diesen gibt

nicht der Vater oder die Mutter, sondern seine Großeltern. Bei den

Chanés am Rio Parapiti habe ich einige Namen aufgezeichnet. Ist es

ein Knabe, so wird er z. B. yatéurembi (Lippe der Zecke), huásucaca

(Guanako), tátunambi (Gürteltierohr), yánducúpe (Straußrücken),

vacainyáca (Kuhkopf), aguárachivi (Fuchsharn), derésa paravéte

(deine armen Augen) genannt; ist es ein Mädchen, z. B. árasaypoti

(Guayavablüte).[75] Ein großer Teil der Namen ist unübersetzbar. Zu

diesem Namen kommt nicht selten ein Spottname. So wurde z. B. der

Chanéhäuptling Boyra (Boy-Schlange) yúruhuasu genannt, was Großmaul

bedeutet. Der alte Boyra war auch ein Schwätzer, der für alles, was ein

wenig unanständig war, eine große Schwäche hatte.

Ungewöhnlich lange stillen die Mütter, und es dauert in der Regel

mehrere Jahre, bis sie wieder ein Kind bekommen. Vielleicht vertreibt

sie auch ein wenig, wie die Chorotifrau, die Leibesfrucht, damit die

Familie nicht allzu sehr belästigt wird.

In der Missionsstation in Ivu suchte ich über die Anzahl überlebender

Kinder in 127 Chiriguanoehen eine Statistik aufzustellen und fand da,

daß in 10 Ehen kein, in 27 ein, in 35 zwei, in 29 drei, in 13 vier,

in 9 fünf und in 4 sechs Kinder waren. Diese Zahlen sind jedoch ganz

unsicher. Sie zeigen jedoch, daß man hier, wie bei vielen anderen

Indianerstämmen, eine Art Zweikindersystem hat.

Corrado[76] behauptet mit Bestimmtheit, daß unter den Chiriguanos

Kindermord vorkommt. Das tut man in verzweifelten Fällen auch bei uns,

das von Corrado angeführte Beispiel hat daher nichts zu bedeuten. Die

Frage ist: kommt Kindermord und Abtreibung der Leibesfrucht als eine

vom Stamme angenommene Institution, wie bei den Chorotis, vor?

[Illustration: Abb. 110. Chanéknabe. Rio Parapiti. Er hat Pfeile mit

stumpfen Spitzen in der Hand.]

Die Chané- und Chiriguanokinder werden auch, wie erwähnt, in Freiheit

erzogen. Unter Spielen verleben sie die Kinderjahre. Allmählich

beginnt das Kind den Eltern bei Kleinigkeiten, z. B. beim Wasser- und

Holztragen, Fesseln der Haustiere, Fischen usw. zu helfen. Die Mädchen

lernen von den Müttern das Spinnen, Weben, Anfertigen von Tongefäßen,

Brauen des Maisbiers usw. Sie lernen alles durch Imitation. Die Knaben

verfolgen die kleinen Vögel um das Dorf und lernen auf diese Weise den

Waffengebrauch. Die Kinder begleiten die Eltern zum Fischen und Ackern.

Der Knabe begleitet den Vater auf die Jagd und fühlt sich ordentlich

stolz und tüchtig, wenn er mit der „gemeinsamen“ Jagdbeute nach Hause

gehen darf. Die Kinder sehen und lernen. Es macht ihnen Spaß, Vater und

Mutter zu helfen.

Wie verschieden ist nicht die Kindererziehung in den Missionen, die auf

Spionage und Angeberei basiert ist.

Mutterlose Kinder werden von den Verwandten aufgenommen. Nicht selten

sieht man auch hier ältere Tanten die Kinder anderer liebkosen.

Wenn das Mädchen ihre erste Menstruation bekommt, wird sie in einen

Verschlag in der Hütte, eine Art Schrank, gesetzt. Ihr Haar wird

kurz geschnitten, und sie darf erst wieder heraus, wenn es halblang

gewachsen ist. In Begleitung der Mutter darf sie ausgehen und das

Notwendigste tun, z. B. baden usw. Zwischen der ersten und zweiten

Menstruation muß sie Diät halten. Sie darf gekochten Mais und Mehl

essen. Diese Sitte nennen die Chanés „yimundia“.

In einem Chanédorf, Aguaráti, sah ich ein Mädchen, das in einem solchen

Schrank saß. Sie spann. Ich guckte in den Schrank, was wohl unrecht von

mir war, denn am nächsten Tage waren Mädchen und Schrank verschwunden.

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