Man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß die Gespräche mit diesen

Männern nur ein interessantes Studium waren. Ich fühlte mich wohl bei

diesen feinen, taktvollen, ja, warum nicht, gebildeten Menschen. Es war

eine reine Erquickung, wenn man von den oft platten, inhaltlosen Weißen

kam. Batirayu ist aber auch ein ungewöhnlicher Mann, der Stoff zu einem

großen Mann, der zur Untätigkeit verurteilt ist.

Batirayu ist ein Chané. Diese Indianer sprechen jetzt dieselbe Sprache

wie die Chiriguanos, und zwar Guarani. Die meisten ihrer Sitten und

Gebräuche stimmen auch mit denen der Chiriguanos überein, von denen sie

wahrscheinlich unterworfen worden sind. Ihrem Ursprung nach sind sie

indessen Arowaken und somit die am südlichsten Wohnenden dieser Gruppe,

die in Südamerika und auf den Antillen eine große Verbreitung hatte und

noch hat.

Wenn ich die Chanés und die Chiriguanos hier zusammen schildere,

so geschieht dies, weil ihre materielle Kultur so gleichartig ist.

Gleichwohl habe ich angegeben, bei welchem Stamm ich diese oder jene

Beobachtung gemacht habe; dies gilt besonders für das religiöse

Gebiet, auf welchem die Chanés, wenigstens am Rio Parapiti, viele alte

Vorstellungen beibehalten haben, die den Chiriguanos unbekannt sind.

Batirayu erzählte mir, einige von den Chanés wüßten noch einige Worte

der alten Sprache des Stammes. Besonders bei den Trinkgelagen, wenn

sie betrunken sind, pflegten sie sich damit wichtig zu machen, daß

sie unter sich die alte Chanésprache, die sonst den Charakter einer

Geheimsprache hat, sprechen.

In Begleitung Batirayus begab ich mich nach dem Dorfe „Huirapembe“,

wo die Indianer zu finden sein sollten, die am besten Chané konnten.

Es war nicht leicht, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Eigentlich

waren es nur die Jüngsten, die am allerwenigsten wußten, die mir etwas

mitteilen wollten.[48] Eine alte Frau, die ausgezeichnet Chané können

sollte, sagte, erst im Totenreiche wolle sie mich unterrichten. Da die

Indianer an diesem glücklichen Platze nicht von den Weißen, auch nicht

von den Ethnographen belästigt werden, war das Versprechen der Alten

nicht sehr freundlich.

Bei einer Menge Ausdrücke, die Schimpfwörter sind, wenden die Chanés

ihre alte Sprache an, z. B. karitimisóyti, das sie mit Sohn einer

H--e übersetzen. Eine Einladung zum Koitus nennen sie pocóne. Auch

Lieder finden sich in ihrer alten Sprache, z. B. siparakinánoyé,

siparakinánoyé, siparakinánoyé, tonéya, tonéya, tonéya, wofür sie keine

Übersetzung wußten.

Vom Rio Parapiti aus besuchte ich wieder den Chiriguanohäuptling

Taruiri im Caipipendital, wo ich so viel alte Schmucksachen und andere

Kostbarkeiten wie möglich zu kaufen suchte. Außer Taruiri besuchte ich

auch einen anderen Häuptling, Yumbay, einen alten Ehrenmann, der mich

immer zu umarmen und dabei zu sagen pflegte: „Ich bin Yumbay.“ „Ja, der

große, mächtige Yumbay“, fiel ich ein, worüber der heruntergekommene

arme Kerl sich sehr geschmeichelt fühlte.

[Illustration: Abb. 77. Von der Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay

hergestelltes Tongefäß. ⅙.]

Vom Caipipendital ging ich über Pipi zur Mission bei Ivu. Diese

liegt in einer trockenen, einsamen, wasserarmen Gegend, nahe einigen

mächtigen Bergen, und das Leben muß da fürchterlich sein. Als die

Blattern in der Gegend stark grassierten, wußte Vater Bernardino den

Einzug der Krankheit in die Mission mit Erfolg durch Vakzinierung aller

am Platze wohnenden Indianer zu verhindern. Vater Bernardino ist ein

wirklich uneigennütziger Mensch, ein wirklicher Missionar. Infolge

der Vakzinierung starb in Ivu niemand an den Blattern, während die

unheimliche Krankheit unter den Weißen, einige Meilen von der Station,

fürchterlich wütete. Es geschah ihnen beinahe recht. War einer an den

Blattern gestorben, so wurde der Leichnam auf einen mit Papierblumen

und einem Kruzifix geschmückten Tisch gelegt. Um diesen herum betranken

sich die anderen Schweine und tranken so lange obligos,[49] bis sie

auf den Tisch zu liegen kamen. Allein im Dorfe Cuevo starben in kurzer

Zeit von zweihundert Personen sechzig. Ich habe die 140 besucht. Sie

waren so lustig wie immer. Branntwein und Bier wurde in Massen verzehrt.

Dem Vater Bernardino wurde niemals die Ehre an diesem Werke zuteil,

sondern den Medizinmännern, welche die Krankheit verhext hatten, so daß

sie nicht nach Ivu kommen sollte. Auch die weißen Kolonisten ließen

zuweilen die Medizinmänner kommen, um die Krankheit zu vertreiben. Auch

sie glaubten nicht an die Vakzin.

Mit Ivu als Ausgangspunkt machte ich eine Exkursion nach dem

Igüembetal, um den Chiriguanohäuptling Maringay zu besuchen. Es war

ein hübscher Ritt auf hohe Bergkämme hinauf und in tiefe Täler hinab,

durch eine oft großartige, farbenreiche Landschaft. Diese Täler sind

waldarm. Nur in einer gut geschützten Schlucht, in welcher ein Bach

hervorsickert, ist die Vegetation üppig.

[Illustration: Abb. 78. Von der Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay

hergestelltes Tongefäß. ⅐.]

Mit dem alten Maringay wurde ich bald sehr gut befreundet. Der Alte

war konservativ, hielt fest an alten Sitten und meinte, die Indianer

sollten mit den Weißen auf gutem Fuße leben, ihre alten Sitten und

Gebräuche aber unverändert bewahren. Sein Dorf war außerordentlich

interessant und sehr reich an alten, hübschen Sachen. Die Keramik,

die ich dort antraf, gehört zu dem Allerbesten, was ich bei diesen

Indianern gesehen habe. (Abb. 77 und 78.)

Von Maringay kehrte ich über die Missionsstation Santa Rosa nach Ivu

zurück. Die erstere hat eine wunderbare Lage. Gleich einer alten Burg

ist sie auf einem engen Hügel gebaut. Unterhalb liegen in langen Reihen

die von niedrigem Wald mit Mimosazeen, Kakteen, kleinen Algorrobos und

anderen feinblättrigen Bäumen umgebenen graubraunen Chiriguanohütten.

Dieser Wald ist selten so dicht, daß man nicht leicht ohne Waldmesser

herauskommen kann. Als ich in Santa Rosa war, herrschte Trockenzeit und

alles war verbrannt. Der Regen zaubert aber wohl auch hier das Grün aus

dem trockenen Boden. Manchmal bleibt aber der Regen so lange aus, daß

die Indianer keinen Mais bekommen, und das bedeutet -- Hunger.

Von Santa Rosa sieht man weit hinaus über die Berge und über die große

Ebene Boyuovis, über das Land, welches das Vaterland der Chiriguanos

war, wo sie bei Curuyuqui ihren letzten Kampf mit den Christen gekämpft

haben, die sich das Recht anmaßen, alle schwächeren Völker zu bestehlen.

Nach dem Ausflug bei Maringay verließ ich das Land der Chiriguanos und

Chanés und machte meinen, in diesem Buche schon geschilderten zweiten

Besuch bei den Chorotis und Ashluslays.

Das von den Chiriguano- und Chanéindianern bebaute Gebiet ist wirklich

sehr ausgedehnt. Es hat eine wechselnde Natur, von üppigen Urwäldern

bis zu äußerst wasserarmen, vegetationsarmen Tälern und Ebenen. Es ist

teilweise sehr bergig, aber die Chiriguanos und die Chanés sind keine

Gebirgsvölker. Sie halten sich unten in den Tälern auf und klettern

nicht, wie die Quichuaindianer, auf Gipfel und Hochebenen hinauf.

Das Tierleben in diesen Gegenden ist arm, ja sehr arm. Ein Jägervolk

könnte dort niemals wohnen. Hier und da ein Rehbock, ein Wildschwein,

einige Strauße, das ist alles, was man an Großwild sieht. Auch das

Vogelleben ist arm. Die Zahl der Seen ist sehr gering, und ihre Größe

nicht bedeutender, als daß wir sie in Europa Pfützen nennen würden.

Am Rio Parapiti sieht man die ihrer kostbaren Federn wegen berühmten

weißen Reiher[50] ziemlich zahlreich. Von den Waldvögeln liefert nur

das Huhn „pavas“[51] einen Beitrag zum Essen. Zuweilen sieht man einen

großschnabeligen „Tukan“.[52] Fette, mit Mais gemästete Tauben leben

oft in Massen in den Feldern der Indianer. Im Rio Pilcomayo herrscht

ein großer Fischreichtum, in den kleinen Flüssen sind die Fische

klein und schlecht. Die Indianer, die diese Gegenden bewohnen, müssen

Ackerbauer sein, und Maisbauer sind sie im allerhöchsten Grad. Mais ist

für sie Essen, Trinken, Freude, alles!

Abenteuer habe ich von diesen Indianern nicht zu berichten. Jedermann

kann unbehelligt unter ihnen reisen. Der größte Kummer des Ethnographen

ist, daß er nicht alles Interessante und Alte, was er dort sieht,

sammeln kann. Man kann nicht alles nach Hause mitnehmen.

Noch lebt in den Wildnissen des Chaco ein Chiriguanohäuptling

Cayuhuari, in dessen Dorf kein weißer Mann gewesen ist. Es soll an

einem großen See liegen. Dort weiden große Herden von Pferden und

Kühen, und die Maisscheunen sind immer voll. Dort sind die Indianer

reich, denn dort gibt es keine Weißen. So erzählt man wenigstens.

Cayuhuari, der seit der Empörung 1890 im Chaco lebt, hat eine weiße

geraubte Frau als Schwiegertochter. Man sagt, er habe zusammen mit den

Tobas die Zuckerfabriken in Nordargentinien besucht. Er hatte seine

Schwiegertochter mit. Die Besitzer der Fabrik erboten sich, sie von den

Indianern zu retten. „Ich will sie nicht verlassen,“ sagte sie. „Bei

ihnen habe ich meine Kinder.“ Diese Antwort ehrt sie.

Die Sitten und Gebräuche der Chiriguanoindianer sind von mehreren

Verfassern,[53] meistens Missionaren, geschildert worden, so daß wir

mehr von ihnen wissen, als von den Chorotis und den Ashluslays.

Ein Teil von dem, was ich über diese Indianer berichtet habe, ist nicht

neu, wenn auch in neuer Beleuchtung gesehen. Verschiedenes, besonders

was das Religiöse betrifft, unterscheidet sich gleichwohl von den

Schilderungen der verschiedenen Missionare. Was ich hierin gesammelt

habe, ist von den Chanés, und die Missionare kennen die Chiriguanos am

besten.

Was mich in verschiedenen Schilderungen der Missionare von den

Indianern unsympathisch berührt, das ist, daß sie danach zu streben

scheinen, ihre Fehler in allzu dunklen Farben auszumalen, damit ihre

eigene „zivilisatorische Arbeit“ so bedeutend wie möglich wirken soll.

Die Missionare scheinen mir die Religion der Indianer nicht objektiv

schildern zu können.

Wenn ich gelesen habe, wie die Missionare ihre eigene Eroberung

des Landes der Chiriguanoindianer beschreiben, so hat es mir nicht

gefallen, nur von dem Mut der ersteren und der Grausamkeit der

letzteren zu hören. Ich leugne es nicht, die Missionare waren

tapfer, mehr bewundere ich aber die Freiheitsliebe und den Mut der

Chiriguanoindianer. Ist es den Mönchen zu schwer geworden, so sind

ihnen beinahe immer Soldaten zu Hilfe gekommen. Die Indianer haben sich

den Missionaren nicht nur infolge der „Religion der Liebe“, sondern

infolge Kugel und Blei unterworfen. Der Weg zur alleinseligmachenden

Kirche ist nicht selten mit Blut getränkt worden.

Fußnoten:

[48]

Chané. Chiriguano. Mojo.

Wasser úne y une

Mais sopóro ahuáti seponi

Feuer yucu táta yucu

Hund tamúco yaúmba tamucu

Chicha (gutes) liqui cángui itico

Ratte cóvo angúya cozo

[49] Trinkt jemand obligo mit einem, so muß dieser austrinken.

[50] Ardea.

[51] Penelope.

[52] Rhamphastus.

[53] Die allermeiste Literatur finden wir von Domenico del Campana

angeführt: Notizie etc. l. c.

+Zehntes Kapitel.+

Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.

Indianer als Geographen.

Gibt es auf dem südamerikanischen Kontinent einen einzigen bewohnbaren

Platz, der nicht von den Indianern entdeckt ist?

Diese Frage wage ich mit „Nein“ zu beantworten. Auf den höchsten

Gipfeln der Anden finden wir Indianer, in den trockenen Buschwäldern

des nördlichen Chaco gibt es Indianer, in den tiefen Urwäldern von

Ost-Bolivia streifen Indianer umher, die ungastfreundlichen Inseln

um das Feuerland werden von Indianern bewohnt, in den Pampas in

Argentinien haben früher viele Indianer gelebt.

Welch kolossale Zeit haben diese Menschen nicht gebraucht, um

jeden Bach, jede Pfütze, jede Klippe, jedes Wäldchen auf dem

südamerikanischen Kontinent zu entdecken. Vierhundert Jahre lang hat

der weiße Mann mit allen seinen Hilfsmitteln Südamerika zu erforschen

gesucht, und doch ist noch viel mehr unerforscht, als man gewöhnlich

glaubt. Er kennt im inneren Südamerika alle die größeren Flüsse und

Verkehrsstraßen, ungeheuer sind aber noch die Gebiete, die niemals der

Fuß eines Weißen betreten hat. Die Indianer kennen jeden Winkel, oder

haben ihn wenigstens gekannt.

Die Zeit, die zur Entdeckung dieses Kontinents und zur Anpassung an

das wechselnde Klima, die wechselnde Pflanzen- und Tierwelt vergangen

ist, ist sicher eine sehr, sehr lange gewesen. Das beweisen auch die

hunderte Indianersprachen, die von Südamerika her bekannt sind.

Das Gebiet, das jeder Indianer in der Regel kennt, ist kein großes, er

kennt es aber genau. Ich habe, wie ich hier schon erwähnt habe, mit

den Ashluslayindianern eine Wanderung von etwa 250 km in den Wäldern

vorgenommen. Dies geschah in ihrem eigenen Land, und das kannten sie

vollständig. Einzelne Individuen kennen infolge des Handelsverkehrs

etwas von dem Lande der befreundeten Nachbarstämme.

Ich habe stets die Indianer gefragt, von welchen Stämmen sie gehört

haben, und habe sie gebeten, diese aufzuzählen. Dies taten sie gern,

solche Stämme aber, von denen sie glaubten, daß ich sie nicht kenne,

erwähnten sie ganz einfach nicht. Sie wollen die Kenntnis des weißen

Mannes vom Lande nicht unnötig erweitern. Dies ist der Grund, warum

es oft so schwer ist, unter den Indianern einen Wegweiser zu finden.

Wer den weißen Mann in ein diesem unbekanntes Dorf führt, ist ein

elender, des Todes werter Verräter. Die Chorotis sagen immer, im

Innern ihres Landes, vom Rio Pilcomayo an gerechnet, wo noch niemals

ein Weißer gewesen ist, gebe es keine Menschen. Die Ashluslayindianer

waren sehr erstaunt, als ich ihnen das charakteristische Besitztum der

Tsirakuaindianer beschrieb und ihnen von den Yanayguas erzählte. Daß

der weiße Mann diese Stämme kennt, war ihnen vollständig unverständlich.

Sehr umfassend sind die Kenntnisse der Indianer von dem Kontinent,

den sie bewohnen, nicht. Kein Indianer südlich von Santa Cruz de la

Sierra kennt z. B. die nördlich von dieser Stadt wohnenden. Der Rio

Paraguay ist den Chanéindianern eigentümlicherweise bekannt. Die

dortigen Stämme kannten sie nicht. Dort wohnt, sagten sie, ein großer

Häuptling. Sie fragten mich, ob ich von diesem Häuptling ausgesandt

sei, um alle Gegenstände aus alten Zeiten zu sammeln, damit sie nicht

verloren gingen. Diesen großen Häuptling in Paraguay meinte ein

alter Sagenerzähler, als er eine Abschiedsrede für mich hielt, die

folgendermaßen begann: „Nun kannst du deinem großen Häuptling sagen,

daß du uns und unsere Armut gesehen hast ...“

Das Orientierungsvermögen der Indianer ist viel besprochen. Der

Indianer besitzt sicher eine sehr ausgebildete Beobachtungsgabe, sein

Orientierungsvermögen ist aber nicht so bedeutend. Ich bin mit den

Guarayúindianern im östlichen Bolivia etwa 250 km in tiefen, großen

Wäldern, die sie nicht kannten, und in denen wir uns oft mit dem

Waldmesser Schritt für Schritt einen Weg bahnen mußten, gewandert. Sie

führten mich, wenn die Sonne von Wolken bedeckt war, oft irre, was ich

an meinem Kompaß sah. Für einen weißen Mann, der aus dem Stadtleben

direkt in die Wildnis versetzt wird, ist die Vertrautheit des Indianers

mit der Natur merkwürdig. Ist man erst selbst an dieses Leben gewöhnt,

so sieht man die Sache mit anderen Augen an.

[Illustration: Abb. 79. Alter Chiriguano mit großem Lippenknopf.

Tihuïpa.]

Die Entfernung von einem Platz zu einem anderen wird von allen

Indianern dadurch angegeben, daß sie zeigen, wie weit die Sonne gehen

muß, ehe man ankommt. Ist es weit, so sagt der Indianer, wie viele

Nachtlager man bis dahin aufschlagen muß. Lange und kurze Wege sind ja

auch bei uns in verschiedenen Gegenden verschiedene Begriffe. Was wir

in der Stadt weit nennen, wird auf dem Lande oft kurz genannt. Für den

Indianer sind Wege, die dem weißen Mann kurz erscheinen, in der Regel

lang. Es fehlt den Indianern des Urwaldes die Marschfertigkeit, die wir

bei den Gebirgsindianern finden.

Jedem Hügel, jeder Ebene, jeder Talschlucht hat der Indianer einen

Namen gegeben. Die Chanés sagen, vor langer Zeit, als alle Völker

an den Ufern des Parapitiflusses fischten, kam ein großer Geist

(Añatunpa) zu Pferde und gab den verschiedenen Stellen Namen. Dieser

Fluß soll Parapiti (wo getötet wird) heißen, diese Stelle Amboró

usw., sagte Añatunpa. Von den Namen von Chanédörfern seien erwähnt:

Húirayúasa (Vögel treffen sich), Aguaráti (weißer Fuchs), Aguarátimi

(weißes Füchslein), Yóvi (grünes Wasser), Ouivarénda (wo es Chuchio

gibt),[54] usw. Die letztgenannte Pflanze, deren Blütenstengel von

vielen Indianerstämmen in Südamerika als Pfeilschaft angewendet wird,

ist jetzt durch die Rinderherden am Rio Parapiti ausgerottet. Die

Chané, die ihre Pfeile früher aus Chuchio machten, bauen jetzt eine Art

Schilf an, das sie, gleich den anderen Chacoindianern, als Pfeilschaft

anwenden. Andere Orte sind nach Häuptlingen benannt, wie Tamachindi,

Tamané und Corópa. Ein Dorf nennen sie Yahuanau. Früher war dort ein

Sumpf, an dessen Ufern sich kleine schwarze Geschöpfe (Yahuanau) zu

sonnen pflegten. Viele Chanéortsnamen sind unübersetzbar, von einem

weiß ich, daß er unanständig ist. Einige indianische Ortsnamen sind

sicher sehr alt, denn sie beziehen sich auf Pflanzen, Seen oder Sümpfe,

die nicht mehr existieren. Im Caipipendital am Parapiti ist ein Dorf

namens Tapiirenda. Das Tal ist jetzt ausschließlich von Chiriguanos

bewohnt und keiner von ihnen erinnert sich, daß dort, wie der Ortsname

angibt, Tapii (Chanés) gewohnt haben.

Die Ortsnamen der höherstehenden Indianer werden von den Weißen,

auch wenn sie die Herren im Lande geworden sind, beibehalten. So

haben beinahe alle von ihnen im Chiriguanogebiet bewohnten Plätze

Guaraninamen, wie Charagua (Name der vom Wasser eigentümlich

ausgeschnittenen Klippen), Carandaiti (wo Palmen wachsen). Die

Ortsnamen der niedrigeren Stämme werden dagegen von den Weißen

nicht bewahrt. So kennt kein Weißer die Mataco- oder Chorotinamen

der verschiedenen Plätze am Rio Pilcomayo. Die Ansiedlungen der

Weißen werden nach Heiligen, bolivianischen Staatsmännern und

Forschungsreisenden benannt. Wird ein Stamm, wie z. B. die Chorotis,

ausgerottet, so bleibt von dessen Sprache nichts in den Ortsnamen

zurück. Dies dürfen Ortsnamenforscher nicht übersehen.

Durch die Verbindung mit den Weißen erweitern sich die geographischen

Kenntnisse der Indianer bedeutend. Sie gehen immer weitere Wege, um

Arbeit zu suchen, und sehen Länder, von denen sie früher keine Ahnung

gehabt haben.

Der Indianer als Historiker.

Falls wir die Geschichte der Chorotis und Ashluslays schreiben

wollten, könnten wir in der Zeit nicht weit zurückgreifen. Erst in den

letzten Jahrzehnten sehen wir sie in der Literatur näher erwähnt. Die

Chiriguanos kennen wir dagegen schon von ihren Kämpfen mit dem großen

Herrscher Inca Yupanqui, aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas

her. Über seine Versuche, das Land zu erobern, berichtet Garcilasso

de la Vega.[55] Seine Beschreibung der Chiriguanos als einer äußerst

niedrig stehenden, menschenfressenden Rasse ist sicher seiner eigenen

Phantasie entsprungen. In den Gebirgstälern hat sich die Tradition von

diesen Kämpfen noch bewahrt.

In der spanischen Zeit ist das Gebiet der Chiriguanos trotz der

jahrhundertelangen tapferen Verteidigung Schritt für Schritt erobert

worden. Erst noch 1890 unternahm ein Teil von ihnen einen letzten

Empörungsversuch, wurde aber, wie erwähnt, in der Schlacht bei

Curuyuqui, auf der Ebene von Boyuovis, besiegt. Etwa fünftausend

Indianer hatten sich dort gesammelt und kämpften einen ganzen Tag mit

den Weißen den ungleichen Kampf gegen die Feuerwaffen. Der Kampf hatte

des Morgens begonnen, und des Abends, als es dunkel wurde, war er noch

nicht beendigt. Die Lage begann für die Weißen höchst unangenehm zu

werden, da ihre Munition beinahe zu Ende war. Der moralische Mut der

Indianer war jedoch leider gebrochen. Sie verließen in der Stille der

Nacht ihre Verschanzungen.

Ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte dieser Indianer ist auch

die lange und beharrliche Arbeit der Missionare, das Land der Indianer

auf verhältnismäßig friedliche Weise zu erobern. Diese wird in der

Literatur ausführlich behandelt.

Hier will ich jedoch nicht von der Geschichte dieser Indianer, wie wir

sie durch die Literatur kennen, sprechen, sondern von dem Indianer als

Historiker.

Spricht man mit den Indianern, so wissen sie von ihrer eigenen

Geschichte nicht viel, ihre Tradition geht nicht weit zurück. Die

Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, sie hätten erst am oberen Rio

Parapiti gewohnt,[56] seien aber von einem großen Häuptling von dort

vertrieben worden. Einige blieben, wo sie jetzt wohnen, andere begaben

sich durch den Chaco nach dem Rio Paraguay, welcher Fluß, wie gesagt,

den Indianern nicht unbekannt ist. Am Rio Paraguay finden sich auch

Arowaken.

[Illustration: Abb. 80 a. Pfeife. „Huiramimbi“. Tihuïpa.

b. Zeigt a im Durchschnitt. ⅔.]

[Illustration: Abb. 81: Festtracht für Männer. „Tirucumbai“. Chané. Rio

Parapiti. ¹⁄₂₂.

b = Öffnung für den Kopf, a = Armlöcher.]

Die Chiriguanos wohnten zuerst am unteren Rio Parapiti und wurden von

den Chanés von dort vertrieben. Dies ist möglicherweise „offizielle

Geschichte“, denn wahrscheinlicher haben wohl die Chiriguanos die

Chanés aus den fruchtbaren Tälern des oberen Rio Parapiti gejagt.

Batirayu hat mir alles erzählt, was er über die Geschichte der

Chanéindianer am Rio Parapiti wußte. Der letzte große Häuptling war

Batirayus Onkel, Aringui. Dieser führte viele Indianer seines Stammes

zur Arbeit nach Argentinien. Sein Vorgänger war Yámbáe. Vor ihm hatte

Ochoápi die Häuptlingswürde bekleidet. Zu seiner Zeit begannen die

Weißen ins Land zu dringen. Dieser Häuptling wird als ein bedeutender

Mann geschildert, der die Sitten und Gebräuche der Weißen unter

seinen Indianern einzuführen suchte. Bekannt ist Ochoápi wegen seiner

umfassenden Reisen und seiner Verfolgung der Zauberer. Er soll in

Buenos Aires gewesen sein. Vor ihm hatte Chótchori die Häuptlingswürde.

Zu seiner Zeit waren die Weißen noch nicht bis zum unteren Rio Parapiti

gekommen. Hier ist die Tradition zu Ende. Die hier erwähnten Häuptlinge

waren aus demselben Geschlecht, die Regierung geht aber nicht vom Vater

auf den Sohn über.

Von den Chanés am Rio Itiyuro könnte ich ein wenig Geschichte erzählen,

will aber nicht durch zu viele Namen ermüden. Auch dort geht die

Tradition nicht weit zurück, drei Generationen, das ist alles.

In den Sagen dieser Indianer, von denen ich weiterhin mehrere

wiedergegeben habe, erfahren wir nichts über die Geschichte dieser

Völker. Keine geschichtlichen Ereignisse scheinen dort zu Sagen

umgebildet zu sein. Sie haben ganz andere Motive.

Es ist wirklich ganz eigentümlich, daß bei diesen Indianerstämmen

ihre Geschichte, der Name ihrer Häuptlinge in Vergessenheit geraten

ist, während die Sagen sicher, wenn auch in veränderter Form,

jahrhundertelang von Generation zu Generation bewahrt worden sind. Für

das hohe Alter der Sagen spricht vor allem ihre große geographische

Verbreitung.

Die Gestalten der Sagen und deren Erlebnisse regen die Phantasie an,

werden behalten und weitererzählt. Die geschichtlichen Persönlichkeiten

und Ereignisse vergißt man.

Sucht man in den Chané- und Chiriguanohäusern, so findet man viele

Sachen bewahrt, die jetzt außer Gebrauch sind, die sie aber als

Erinnerung an frühere Zeiten ehren und oft nicht hergeben wollen. So

sieht man hübsche, runde Pfeifen, „huiramimbi“ (Abb. 80), die sicher

von Generation zu Generation gegangen sind. Sie wurden früher bei

Kriegszügen angewendet. Der alte Maringay hatte alles mögliche aus

alter Zeit aufgehoben. Es bereitete mir ein großes Vergnügen, in den

Verwahrungsstellen des Alten herumzuwühlen. Ich wollte gern etwas von

ihm kaufen, es genierte mich aber, ihm Geld für seine Erinnerungen zu

bieten.

In die Wände gestochen fand ich einst Bündel hübscher, ganz

verräucherter alter Pfeilspitzen. „Würdest du mir sie nicht verkaufen

wollen?“ fragte ich meinen alten Freund zögernd. „Du sollst drei

geschenkt bekommen“, sagte Maringay. Nach dieser Abweisung ließ ich ihn

seine lieben Sachen behalten.

Indianerleben · 第 10 / 21 段