Leben zwei Stämme auf freundschaftlichem Fuße miteinander, so besucht

sich die Jugend oft und tanzt auf den Tanzbahnen der anderen. Manche

Nacht bin ich auf einem Tanzplatz gewesen, wo sich sowohl die Choroti-

als die Ashluslayjugend zu versammeln pflegte. Niemals hörte ich einen

Zank zwischen der Jugend der verschiedenen Stämme, noch weniger war ich

Zeuge irgend einer Schlägerei. Die Mädchen der verschiedenen Stämme

sollen sich jedoch zuweilen gründlich prügeln.

Kommt ein Indianer nach einem fremden Dorf, so erfordert es die

Höflichkeit, daß er die ganze Nacht über zum Takt einer Kalebaßklapper

singt. Bei solcher Gelegenheit wurde folgendes Chorotilied gesungen:

anám, anám, ta ayén skíales, átashlé ayén sikiáles, lám sis, hähuin néo

húäsis, ta lám sis yám, po hayéne sítyusis, sis, hälea húäsis, nä lámes.

Das bedeutet ungefähr: Ich bin gekommen, ich bin gekommen, um meine

Brüder zu sehen. Ich bin von weither gekommen, um meine Kinder zu

sehen. Nun geht es ihnen gut. Sie werden nicht die Feinde sehen. Jetzt

geht es ihnen gut, zusammen mit mir. Ich bin gekommen, um meine Brüder

zu sehen. Die Feinde werden sie nicht töten. Jetzt geht es ihnen gut.

Mein Dolmetscher, der die Sitten und Gebräuche der Indianer

kannte, sang auch die ganze erste Nacht, die wir im Dorf des

Ashluslayhäuptlings Toné waren, diesen Gesang. Auf solche

Aufmerksamkeit von den Weißen legen die Indianer Wert. Das halten sie

für gute Lebensart.

Das Verhältnis zu den Weißen.

Alle längs des Rio Pilcomayo lebenden Chorotis stehen seit einigen

Jahren mit den ihr ganzes Gebiet bewohnenden Weißen in lebhafter

Berührung. Einige Meilen vom Fluß entfernt leben sie jedoch vollständig

unabhängig, und die Gegenden, die sie dort bewohnen, sind unerforscht.

Die Ashluslays wurden erst 1883 von Campos entdeckt und dann von Trigo

1906 sowie später von Herrmann besucht. Innerhalb ihres eigentlichen

Gebietes am Flusse liegt jetzt ein bolivianischer Militärposten. Als

der erste Weiße habe ich einen Teil ihres Hinterlandes besucht, das

nach allen Wegen, die ich auf meinem Ausfluge sah (s. die Karte), und

aus den Auskünften, die ich von den Indianern erhalten habe, sehr

umfangreich sein muß.

In Bolivia habe ich die Indianer niemals von den Weißen so gut

behandelt gesehen, als am Rio Pilcomayo. Das ist das Verdienst einer

Person, und zwar des Dr. L. Trigo, eines Mannes, der es verstanden hat,

sich die Sympathien der Indianer wie der Indianerinnen zu erwerben,

der sie immer als Freunde und Kameraden behandelt hat, der nicht als

hoher Gouverneur, sondern als ein warmherziger und feingebildeter,

verstehender Mensch aufgetreten ist.

Dr. Trigo hat sie manchmal bestraft, denn wenn der weiße Mann in das

Gebiet der Indianer eindringt, muß es zu Konflikten kommen, noch öfter

hat er sie aber, trotz der energischen Aufforderungen der weißen

Kolonisten zu einer exemplarischen Bestrafung, unbestraft gelassen.

Trigo hat mit Tabak, Decken, bunten Zeugen u. dgl. ein großes Gebiet

im Chaco erobert. Pulver und Blei hat er nur im äußersten Notfall

angewendet.

Kommt ein Fremder in ein Indianerdorf, so dauert es einige Zeit, bis

die Indianer ihren wirklichen Charakter zeigen. Im Anfang erscheinen

sie verschlossener, als sie es in Wirklichkeit sind. Sind Neugier und

Argwohn vorüber, so sind die Indianer wieder sie selbst. Im Dorfe

ertönt den ganzen Tag über heiterer Scherz, man spielt, tanzt und

vergnügt sich.

[Illustration: Tafel 14. Ashluslayfischer gehen über den Rio Pilcomayo.]

Manchmal können die Indianer in ihren Freudenausbrüchen ganz

ausgelassen und wild sein. So erinnere ich mich einer Nacht im Dorfe

des Chorotihäuptlings Waldhuhn. Bemalt und nackt, mit Federn und

Halsketten geschmückt, tanzte ich mit meinen Freunden, während der

zweitälteste Sohn des Häuptlings die Rolle des „Elle“ in Stanleyhelm,

Brille und Mantel spielte und überall Tabak verteilte. Die Indianer

krümmten sich vor Lachen. Wir amüsierten uns diese Nacht und viele

andere ebenfalls.

Die Indianer sind sehr leicht beleidigt, handelt es sich aber um

Kleinigkeiten, so verschwindet der Unwille schnell. Schwer zu

beurteilen ist, ob sie in Ernstfällen nachtragend sind, aber ich glaube

es beinahe. Sie sind sehr eingebildet. Eine kleine Schmeichelei nehmen

sie in der Regel gut, eine Bemerkung sehr übel auf. Als ich z. B. zu

einem Chorotimädchen einmal sagte, das Ausreißen der Augenhaare habe

sie sehr häßlich gemacht, war sie mir sehr böse. Eine Höflichkeit über

einen kleidsamen Federschmuck oder derartiges nehmen die Chorotis sehr

wohl auf. Eine gute Art, die Chorotimädchen zu ärgern, ist, wenn man

ihnen erzählt, wie viele hübsche Mädchen man bei den Ashluslays sieht.

Den Versprechungen der Indianer kann man wenig trauen. Den einen Tag

versprechen sie z. B. auf einer Exkursion mitzufolgen, am anderen

brechen sie das Übereinkommen ungeniert.

In der Regel schienen mir besonders die Chorotis sehr undankbar. So

hatte ich z. B. einmal einen Choroti mehrere Tage zu Gaste in meinem

Lager und bewirtete ihn reichlich. Kurz darauf kam ich zu Besuch in

sein Dorf. Der Indianer war auf dem Fischfang. Als er mit Fischen

beladen nach Hause kam, glaubte ich, er würde mir einen Fisch schenken,

ich täuschte mich aber gewaltig. Ich bekam nichts. Statt dessen

forderte er Tabak und einen Hut von mir.

Ähnliches habe ich mehrmals erlebt und ich wurde zuweilen dadurch

verstimmt. Dies war dumm von mir. Ich hätte verstehen müssen, daß

ein Mann, der ein paar mit Zeugen, Messern, Nadeln, Glasperlen usw.

beladene Maulesel besitzt, vom Gesichtspunkt der Indianer aus so

kolossal reich ist, daß er von den armen Indianern keine Gaben fordern

darf.

Unter sich sind sie ja so freigebig, daß sie verschenken, was sie

selbst gebrauchen könnten. Wie oft kam es vor, daß ein hungriger

Indianer, dem ich einen Teller Essen angeboten hatte, diesen mit

allen teilte und selbst nichts bekam. Die von den Weißen unberührten

Ashluslays waren viel gastfreier als die Chorotis und schenkten mir

beständig Fische, Mais, Algarrobo u. a.

Wenn wir in ein niemals von Weißen besuchtes Ashluslaydorf kamen,

forderten die Indianer keine Geschenke. Anders ist es leider in den

Dörfern, in denen die Indianer in die Fabriken in Argentinien zu gehen

pflegen. Sie halten es ganz einfach für selbstverständlich, daß man

ihnen wenigstens Tabak gibt. Es scheint mir beinahe, als betrachten die

Indianer in gewissen Gegenden die Tabakverteilung als eine Steuer, die

der durchziehende Weiße zu entrichten verpflichtet ist.

Von den Weißen werden die Indianer der Unehrlichkeit beschuldigt.

Es läßt sich auch nicht leugnen, daß sie Vieh stehlen und daß die

Ashluslays sich vor einigen Jahren durch Diebstahl achtzig Pferde

zugelegt haben, daß sie einen Teil des Maises, den die Kolonisten säen,

ernten usw.

Meine Erfahrung ist jedoch die, daß die Indianer recht ehrlich sind.

Von seinen Freunden stiehlt man nämlich nicht. Es geschah wohl

zuweilen, daß jemand z. B. meine Hosen, meinen Stanleyhelm oder meine

Stiefel ohne Erlaubnis lieh, dies geschah aber nur, um ein Weilchen

damit herumzustolzieren, nicht um zu stehlen.

Sicher beschuldigen die Weißen die Indianer auch solcher Diebstähle,

die sie unter sich begehen. So war ich einmal in einem kleinen

Kolonistenhof am Rio Pilcomayo. Der Besitzer war krank geworden

und verreist. Zufällig sah ich, wie die weißen Diener in seine

Vorratskammer gingen und Zucker, Konserven und Zeug stahlen. Ein junger

Chorotiindianer wurde aufgefordert, den Raub zu teilen. Mit einem

verächtlichen Lächeln verließ er sie.

[Illustration: Abb. 73. Ashluslayfischer. Rio Pilcomayo.]

Als der Diebstahl entdeckt wurde, hatte natürlich das verdammte

indianische Pack oder richtiger „esos indios c--s“ seine Hand dabei

gehabt.

Daß die Indianer zuweilen eine Kuh stehlen und schlachten, wenn der

Magen leer ist, ist nicht zu verwundern. Das würde unter ähnlichen

Umständen ein Weißer auch tun.

Die Weißen nehmen den Indianern das Land stückweise ab, zwingen sie

weit ab vom Flusse, wo kein Vieh in der Nähe ist, zu bauen, ohne den

Indianern Arbeit zu geben. Wenn die Indianer ihr Land an die Weißen

verlieren, so ist es recht und billig, daß diese ihnen so viel Arbeit

geben, daß sie genügend für Essen, Werkzeuge, Kleider usw. verdienen

können, denn einmal in Berührung mit der Zivilisation der Weißen,

bekommen die Indianer neue Ansprüche an das Leben.

Zu meiner Ehrlichkeit hatten die Indianer ein sehr großes Vertrauen. So

pflegten, als ich einige Tage mich bei dem Militärposten in Guachalla

aufhielt, die Ashluslays, und darunter viele, die ich kaum kannte, ihre

Habe mir in Verwahrung zu geben. Dieses Vertrauen teilte ich nur mit

dem Dolmetscher Manuel Flores und mit Dr. Trigo.

Trotz ihrer Fehler sind mir die Choroti- und Ashluslayindianer sehr

sympathisch. Ihre Unzuverlässigkeit, Undankbarkeit und Lügenhaftigkeit

schreibe ich zum großen Teil den Weißen zu, denn diese häßlichen

Seiten scheinen nur meistens bei der Berührung mit den Eindringlingen

hervorzutreten.

Solche generellen Urteile, wie ich sie hier über den Charakter einer

großen Menge Menschen fälle, sind natürlich immer etwas schwebend. Es

gilt hier, wie bei den zivilisierten Menschen, daß die Individuen so

verschieden sind. Der eine ist still und verschlossen, der andere geht

lachend durchs Leben. Der eine ist äußerst eitel, dem anderen liegt

nichts daran, sich geltend zu machen. Am liebsten möchte ich jedes

Individuum, das ich näher kennen gelernt habe, besonders schildern, in

der Regel war ich aber allzu kurze Zeit mit ihnen zusammen, um mich auf

die Individualpsychologie einzulassen.

[Illustration: Tafel 15. Ashluslayfrau auf der Wanderung. Das Pferd ist

von den Weißen gestohlen.]

Außerordentlich glücklich wäre es, wenn Dr. Trigos kluge

Indianerpolitik im Chaco fortgesetzt würde. Die Indianer brauchen keine

Schutzgesetze, sondern warmherzige und energische Männer, die die

Gerechtigkeit mit Klugheit und Geduld, vor allem Geduld, handhaben.

Zuletzt ein paar Mutmaßungen. Dr. Trigo schätzt die Zahl der Chorotis

auf etwa 4000. Ich glaube nicht, daß diese Zahl stark übertrieben ist,

wenn man berechnet, daß zahlreiche Chorotis im Innern des nördlichen

Chaco leben.

Wie viel Ashluslays gibt es? Moberg und der Verfasser sind in

einundzwanzig Dörfern gewesen, von denen mehrere sehr volkreich waren.

Berechnen wir, daß jedes Dorf durchschnittlich 200 Einwohner hat, so

erhalten wir 4200 Indianer. Wahrscheinlich gibt es mindestens ebenso

viele Dörfer, die wir nicht besucht haben. Ein ganzer Teil soll sich im

Innern des Chaco befinden. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn

der Ashluslaystamm nahezu 10000 Individuen zählte. Das ist natürlich

nur eine Annahme. Aus der Karte sieht man jedoch, daß dieser Stamm eine

große Verbreitung hat.

Ich verlasse nun die Chorotis und Ashluslays. In den Fachzeitschriften

werde ich auf ihre Kunst und Industrie, die ich hier nur flüchtig

berührt habe, zurückkommen.

In meinen Schilderungen ist nicht viel von der Poesie des letzten

Mohikaners, ich beschreibe hier nicht die Helden der Indianerbücher,

sondern ganz einfach gewöhnliche Menschen. Die Jüngsten lieben das

Spiel, die Jungen die Liebe, die Alten Essen, Trinken und Tabak. Sie

kämpfen, wie andere, ihren Kampf ums Dasein, und dieser Kampf ist

sicher oft hart. Besser als wir verstehen sie es, zusammenzuhalten,

einander zu helfen. Deshalb liebe ich sie -- und ich wäre froh, wenn

auch der Leser etwas Sympathie für sie bekommen hätte.

Fußnoten:

[45] Campos, Expedition Boliviana de 1883. Buenos Aires-La Plata 1888.

[46] Boggiani, Compendió de Etnografia Paraguaya moderna. Revista del

Inst. Paraguayo. 1900.

[47] Domenico del Campana: Notizie intorno ai Ciriguani. Arch. per

L’Anthr. e la Etn. Firenze 1902. S. 61.

+Neuntes Kapitel.+

Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer.

Wie ich ein Bild des Lebens der Choroti- und Ashluslayindianer zu geben

versucht habe, will ich auch die Chané- und Chiriguanoindianer und

meine verschiedenen Besuche bei ihnen zu schildern versuchen. Diese

Indianer stehen bedeutend höher als die „Wilden“ des Chaco. Sie leben

zum allergrößten Teil in Abhängigkeit von den Weißen, und ihre alte

eigenartige Kultur verschwindet immer mehr.

Die Chiriguanos sind auch jetzt zu einem ganz bedeutenden Teil

Christen. Seit über 300 Jahren haben zuerst die Jesuiten und dann die

Franziskaner sie mit wechselndem Erfolg zu dem alleinseligmachenden

christlichen Glauben zu bekehren versucht. Bei den Chiriguanos befinden

sich auch jetzt noch mehrere Missionsstationen, bei den Chanés dagegen

keine.

In den Chanés und Chiriguanos lernen wir Menschen mit einer höheren

Kultur kennen, Menschen, die von den Indianern, von denen wir in

den vorigen Kapiteln gelesen haben, vollständig verschieden sind.

Vergleiche zwischen den beiden Kulturtypen, die wir im Chaco antreffen,

sind natürlich von Interesse.

Was den Leser vielleicht am meisten wundert, ist der Umstand, daß

beide primitive Kulturen nebeneinander bestehen können und sicher

jahrhundertelang bestanden haben, ohne ineinander zu verschmelzen, ja

ohne voneinander zu lernen, und dies, obschon hier keine natürlichen

Grenzen vorhanden sind.

Im Mai 1908 besuchte ich, wie gesagt, den Chanéhäuptling Vocapoy am Rio

Itiyuro in Argentinien nahe der bolivianischen Grenze. Dies ist einer

der Flüsse, der vergebens den Wildnissen des Chaco zu entrinnen sucht.

Er entspringt den äußersten, urwaldbestandenen Quellen der Anden und

verschwindet in den Trockenwäldern des Chaco.

Vocapoy lag im Streit mit den Weißen, die sein Land usurpiert hatten

und seine Auffassung, daß sie nur seine Pächter seien, nicht gelten

lassen wollten. Er bat mich um Rat, wie er die Weißen dazu bewegen

könne, das Recht der Indianer an dem Land anzuerkennen. Ich riet ihm,

sich an den großen Häuptling der Weißen, den Präsident der Republik, zu

wenden, und nahm Stellung als Feldmesser der Indianer an. Ich streifte

mit den Indianern durch ihr Gebiet und zeichnete eine kleine Skizze,

die Vocapoy mit zum Präsidenten nehmen sollte. Die Indianer hießen

meine Skizze nicht gut, sondern zeichneten selbst eine Karte von dem

Lande.

[Illustration: Abb. 74. Vocapoys Dorf am Rio Itiyuro.]

Leider weiß ich nicht, ob Vocapoy die lange Reise nach dem Dorfe des

großen Häuptlings vorgenommen hat, ich erwarb mir aber durch die

Feldmessung das Vertrauen der Indianer.

[Illustration: Abb. 75. Chanéindianer. Rio Itiyuro.]

Als ich Ende Juli 1908 die Chorotis und Ashluslays verließ, begab ich

mich über Yacuiba nach San Francisco am Rio Pilcomayo. San Francisco

war eine Missionsstation, die die Franziskaner unter den Chiriguanos

gehabt hatten, die aber jetzt eingezogen ist. Nicht weit davon wohnen

die Tapieteindianer, bei denen ich im August 1908 eine Woche zubrachte.

[Illustration: Abb. 76. Chanéindianer. Rio Papapiti.]

In Tihuïpa eröffnete ich einige Tage lang ein richtiges kleines

Materialwarengeschäft. Indianer und Indianerinnen, besonders die

letzteren, drängten sich um den Ladentisch. Es war ein eigentümlicher

Laden. Kam eine Indianerin mit Geld dorthin, um zu kaufen, wurde sie

vom Ladendiener höflich abgewiesen, kam sie dagegen mit einem hübschen

alten Tongefäß, so wurde sie die glückliche Besitzerin von Korallen,

feuerroten Bändern, Ohrringen mit wirklichen „Diamanten“, Ringen mit

„Saphiren“ oder von anderem Wackeren, womit sie dann beim nächsten

Trinkgelage prahlen konnte.

In diesen Missionsstationen befinden sich immer zwei Dörfer, eins für

die Heiden, eins für die Christen. Ich für meine Person fühlte mich

immer in dem ersteren am wohlsten, und dies nicht allein deswegen, weil

dort mehr hübsche, alte Gegenstände zu sammeln waren, sondern auch,

weil man dort in seinem Benehmen freundlicher, taktvoller und feiner

war. Die Missionskinder waren zudringlich und frech.

Bei Machareti ist eine große Talmulde, in welcher ein kleiner Bach

fließt, der nach einem heftigen tropischen Regen wahrscheinlich zu

einem brausenden Fluß anschwillt und sich in den Wildnissen des Chaco

verliert. Ganz nahe der Mission verläßt er die hübsch zerschnittenen

Berge, wo überall in den Rissen der Klippen kleine Petroleumquellen

hervorsickern. Er fließt dann durch eine Hügellandschaft, die

allmählich in das gewaltige Flachgebiet des Chaco übergeht. Die

Vegetation in diesen Gegenden ist keine sehr üppige. Der Wald, wenn

solcher vorhanden ist, ist dünn, niedrig, strauchig und einförmig. Die

Felder scheinen reiche Ernten zu geben, die Dürre selten zu groß zu

sein. Oft werden diese Gegenden von gewaltigen Heuschreckenschwärmen

verheert. Wie große, rotbraune Wolken habe ich diese schädlichen Tiere

die Wälder bedecken gesehen.

Von Machareti gingen wir über Itatiqui, einem ganz interessanten

Chiriguanodorf in einer wasserarmen Gegend, nach dem Rio Parapiti.

Dieser kommt von Pomabamba und Sauzes, von den Gebirgen der

Quichuaindianer. Wenn er diese verläßt, ist er in der Regenzeit ein

brausender, seine Ufer überschwemmender Strom. In der Trockenzeit

führt er wenig Wasser. Auch der Rio Parapiti endet im Chaco. Während

der Regenzeit verliert er sich in den Morästen, in der Trockenzeit

verschwindet er in dem feinen Sand. Wenn der Rio Parapiti auf den

Karten als südlichster Nebenfluß des Amazonenstromes stolziert, so ist

dies also nur eine leere Prahlerei von ihm. Die Wälder längs des Rio

Parapiti bestehen meistens aus Büschen und niedrigen, feinblättrigen

Bäumen, Caraguatá und Kakteen.

In der Trockenzeit häuft der Wind große Dünen längs der Ufer des

Flusses auf. Nachdem er die Berge verlassen hat, erhält er keinen

Nebenarm. Der Rio Parapiti ist sehr breit, aber niemals tief. Während

der trockensten Zeit ist sein Bett in eine Sandwüste verwandelt, wo

der Wind mit dem feinen Flußsand spielt. Stürmt es, so wird der Sand

über den Flußboden gepeitscht. Will man an einem solchen Tag herüber,

so macht man sich vielleicht die Füße nicht naß, muß aber seine Augen

hüten.

Der Rio Parapiti ist fischreich, die Fische sind aber winzig klein.

Die Ufer sind recht fruchtbar, da sie aber während der Regenzeit

überschwemmt werden, gehen die Ernten leicht verloren. In der

Trockenzeit wird oft alles durch die brennende Dürre verzehrt. Auch die

Heuschrecken hausieren in diesen Gegenden und hinterlassen in ihren

eigenen unappetitlichen Körpern einen schlechten Ersatz für das, was

sie zerstört haben.

Am Rio Parapiti wohnen ganz hoch oben am Gebirge die Quichuaindianer,

dann kommen die Chiriguanos, hierauf nahe dem Flusse die Tapietes, auch

Yanayguas genannt, danach die Chanés und zuletzt in den unbekannten

Wildnissen die Tsirakuaindianer.

Mein erster Besuch am Rio Parapiti galt dem Padre Carmelo, der dort

eine kleine Missionsstation unter den Chiriguanos hatte. Diesen Mönch

habe ich sehr lieb gewonnen, er hatte eine so vertraueneinflößende

Freundlichkeit. Er gehört zu den Missionaren, die hier erforderlich

sind, Menschen, die sich für andere aufopfern wollen und können, die

allen eine gleich große Freundschaft erweisen.

Ich setzte nun längs des Rio Parapiti nach Isiporenda, am Nordufer des

Flusses, fort. Gegenüber Isiporenda wohnen die Tapietes. Einen Besuch,

den ich bei ihnen machte, will ich später schildern.

Bei Isiporenda traf ich den ersten Chané oder, wie sie hier genannt

werden, Tapuy. Ich besuchte dann den größten Teil ihrer Dörfer.

Besonders machte ich mit einigen ihrer Sagenerzähler Bekanntschaft, von

denen Batirayu, der Neffe des letzten großen Häuptlings Aringuis, mein

guter Freund wurde.

Vom unteren Rio Parapiti begab ich mich über Charagua, einem beinahe

ausschließlich von Weißen bewohnten Dorf, nach dem Caipipendital, wo

ich mich bei dem Chiriguanohäuptling Taruiri aufhielt.

Man kann sich wundern, daß ein Mensch in diesem wälderlosen Tale,

wo man nur ein salziges, schmutziges Wasser findet, wohnen will, im

Caipipendital braucht man aber kein Wasser zu trinken, denn dort

gibt der Mais herrliche Ernten und dort herrscht niemals Mangel an

Maisbier. Die Bewohner des Caipipenditals sind reich, und herrscht in

anderen Gegenden Not, so kommen die Indianer von weither zu diesen

Stammverwandten, um ihre Kostbarkeiten gegen Mais einzutauschen.

Es ist auch für Sammler ein herrliches Tal. Silberne Schmucksachen,

silberne Schalen, fein geschnitzte Musikinstrumente und viele andere

Seltenheiten fanden wir in diesem Paradies des Ethnographen. Steinäxte,

Ruinen, Grabfelder von verschiedenen Völkern beweisen, daß das

Caipipendital lange von den Indianern hoch geschätzt war.

Tief hat das Wasser sich in dieses Tal eingeschnitten. In der Regenzeit

regnet es wohl auch dort.

Von Caipipendi kehrte ich über die Berge durch ein seiner heißen

Quellen und seiner Schönheit wegen berühmtes Tal nach Charagua zurück,

um dann längs der Anden in der Richtung nach Santa Cruz de la Sierra

fortzusetzen.

Es war im Oktober 1908. Nicht ganz ein Jahr später, im Juli 1909,

besuchte ich, nach umfassenden Flußfahrten weit hinten an der Grenze

Brasiliens, den Chaco wieder. In einem anderen Buche werde ich diese

Fahrten auf großen, schiffbaren Flüssen und durch Urwälder, deren

üppiges Grün überwältigt, schildern.

Von Santa Cruz de la Sierra kam ich, wie gesagt, im Juli 1909 nach dem

Chaco zurück. Ich reiste nun zuerst über den Rio Grande nach dem Rio

Parapiti, um vor allem meinen Freund Batirayu zu besuchen.

Der Rio Grande ist der südlichste Nebenfluß des Amazonenstromes.

Er kommt von den höchsten Bergen der Anden und fließt bei Sucre

vorüber, welche Stadt lange der Stadt La Paz den Rang als Hauptstadt

Bolivias streitig gemacht hat. Wenn er aus dem Gebirge tritt, ist

er ein brausender, mächtiger Fluß. Weiter unten hat er einen höchst

unbeständigen, sehr wenig bekannten Lauf. Nördlich von Santa Cruz de

la Sierra nimmt der Rio Grande den Rio Piray auf und vereinigt sich

schließlich mit dem Rio Mamoré. Einige Chiriguanos wohnen an diesem

Fluß, auch wilde Tsirakuas und Sirionos streifen in den Urwäldern an

demselben umher.

Zwischen dem Rio Grande und dem Rio Parapiti ist ein höchst

wasserarmes, zum großen Teil mit vollständig undurchdringlichem

Gestrüpp und niedrigem Buschwald voller Caraguatá und Kakteen bedecktes

Gebiet. Diese einförmige, düstere Vegetation wird hier und da durch

Hügel und Grasebenen unterbrochen.

Außer den wilden Tsirakuaindianern, die diese Dickichte unsicher

machen, findet man hier eine andere Merkwürdigkeit, nämlich den Guanako

(auchenia). Es ist ganz sonderbar, ein Tier wie den Guanako, den man

sich nur im Zusammenhang mit den kalten Hochebenen der Anden oder den

oft unter Frost leidenden Pampas von Patagonien denken kann, in diesen

oft von der Dürre verbrannten Gebüschen zu finden. Es wäre interessant,

bestimmen zu können, ob dieser Guanako des tropischen Urwaldes wirklich

derselbe ist, den man von kälteren Gegenden her kennt. Intelligente

Weiße, mit denen ich hierüber gesprochen habe und die beide gesehen

haben, halten sie gleichwohl für dieselbe Art.

Nach dem Rio Parapiti zurückgekommen, suchte ich Batirayu auf, mit dem

ich schon 1908 intim bekannt wurde und der auch ein ausgezeichnetes

Spanisch spricht.

Keinem Indianer, den ich kennen gelernt habe, bin ich so nahe gekommen,

wie Batirayu. Er verstand, daß ich die alten Erinnerungszeichen aus

Interesse für seinen Stamm sammele. Batirayu tat sein bestes, mir die

religiösen Begriffe seines Stammes zu erklären. Des Abends saßen wir

bei einer Zigarette in seiner Stube, und er erzählte von alten Zeiten,

Zauberern, Häuptlingen und Geistern. Zuweilen kam ein alter Häuptling

Bóyra dazu, und von ihm hörte ich viele hübsche Chanésagen. Bis spät in

die Nacht hinein saßen wir und plauderten bei einem flackernden Licht,

das ich mithatte, um Aufzeichnungen zu machen.

Indianerleben · 第 9 / 21 段