Ashluslays ausgeführt wird, will ich hier schildern. Die besten Fasern
erhält man von einer kleinen Varietät. Zuerst wird die Pflanze mit
einem Grabestock (Abb. 49) ausgegraben. Dann werden Stamm und Blätter
mit einer Holzsäge (Abb. 50) in der Weise abgesägt, daß die Säge
zwischen die große Zehe und die nächste Zehe gestellt und der Stamm
der Pflanze gegen die Säge gerieben wird. Diese Arbeit wird im Walde
vorgenommen. Die Blätter werden dann nach Hause getragen und die Fasern
mit einer Muschelschale (Abb. 51) oder einem hölzernen Messer (Abb.
17) abgeschabt. Nachdem diese Fasern gebündelt und getrocknet sind,
werden Fäden gesponnen. Hierbei wird kein anderes Werkzeug als die
Hände angewendet. Man dreht die Fäden an den mit Asche eingeriebenen
Schenkeln. Die gezwirnten Fäden werden in großen Bündeln gesammelt und
dann zu verschiedenen Zwecken angewendet. Ein Teil der Fäden wird mit
Tusca heller braun und mit Algarrobillo[44] dunkler braun gefärbt.
Außer aus Caraguatá flechten die Chorotis und Ashluslays Seile aus
Menschenhaaren. Das Material liefern ausschließlich die Frauen.
[Illustration: Abb. 52. Webstuhl. Ashluslay.]
Die Ashluslay- und auch die Chorotifrauen sind geschickte Weberinnen.
Gleichwohl verstehen es nur die ersteren, hübsche Ornamente zu weben
(Abb. 53).
Das Material, aus welchem die Frauen weben, ist stets Schafwolle.
Früher haben sie wahrscheinlich Caraguatá oder Baumwolle benutzt.
Die letztere Pflanze wird noch jetzt von den Ashluslays gebaut.
Anderenfalls müßte die Webkunst hier erst eingeführt worden sein,
nachdem diese Indianer die Schafe von den Weißen erhalten haben.
Die Frauen sind recht geschickte Töpfer. Die Tongefäße werden nach der
bei den Indianern gewöhnlichen Methode durch Aufbauen von Tonrollen
(Abb. 54) hergestellt.
[Illustration: Abb. 53. Von Ashluslays gewebter kleiner Mantel.]
Der Ton wird zuerst mit zerstoßenen, gebrannten Tonscherben vermischt,
damit die Gefäße beim Brennen nicht bersten. Zum Glätten der Gefäße
wird eine Muschelschale, eine Frucht oder ein Holzgerät angewendet
(Abb. 56). Die Chorotis haben keine bemalten Tongefäße. Solche sieht
man dagegen bei den Ashluslays (Abb. 59). Die „Farbe“ besteht aus
einem grünlichschwarzen Harz von einem „palo santo“ genannten Baum,
das gewärmt und auf das Gefäß gestrichen wird, nachdem dasselbe
ganz fertig ist. Bekommt ein Tongefäß einen Riß, so verklebt man
ihn mit Harz. Es wird dann wieder wasserdicht, kann aber nicht mehr
als Kochgefäß dienen. Sehr wahrscheinlich ist die Ausbesserung das
Primitiv gewesen, und man ist erst davon auf die Idee gekommen, die
Gefäße zu bemalen. Von den Tongefäßen sind die Wasserkrüge (Abb. 13
u. 58) außerordentlich charakteristisch für die Chacoindianer. Bei den
Ashluslays findet man die eigentümlichste Keramik (Abb. 59).
Arbeiten in Fell werden sowohl von Männern als Frauen ausgeführt, die
Zubereitung des Fells liegt aber ausschließlich in den Händen der
Männer. Das Gerben ist hier unbekannt. Dagegen versteht man es, das
Fell durch Kreuz- und Querschnitte auf der Unterseite zu erweichen. Man
macht auch das Fell durch Ziehen über einen gespaltenen Stock biegsam.
[Illustration: Abb. 54. Chorotifrau, ein Tongefäß bauend.]
[Illustration: Abb. 55. Töpferin. Choroti.]
Die Ashluslays wenden viel mehr Felle an als die Chorotis.
Im Herzen des Chaco sehen wir, wie schon erwähnt, bei den Ashluslays,
den Toba-Pilagas und Mataco-Guisnays zahlreich die von Patagonien
und dem Feuerland, aber nicht von dem übrigen Südamerika bekannten
Pelzmäntel. Im Chaco werden sie nur von den Frauen angewendet, während
die Männer die leichteren gewebten Mäntel tragen. Wir können uns leicht
denken, daß die Chacoindianer, sowohl Männer wie Frauen, alle früher,
gleich den ihnen in kultureller Beziehung nahestehenden Patagoniern,
Pelzmäntel angewendet haben. Als sie von den Weißen das Schaf
erhielten, begannen sie Mäntel und Schurzfelle aus Wolle zu weben.
Diese wurden zuerst nur von den Männern getragen, bis sie bei den
Chorotis und anderen die Pelzmäntel vollständig verdrängten, während
sie von den Ashluslays noch von den Frauen angewendet werden.
[Illustration: Tafel 11. Chorotifrauen tragen wilde Früchte in ihren
Caraguatátaschen nach Hause.]
Wie gewöhnlich bei diesen Indianern, begnügen sich die Frauen mit dem
Älteren und Schlechteren. Sie repräsentieren das konservative Element
im Gemeinwesen. Wie wir weißen Männer nicht ungern sehen, daß unsere
Frauen schick gekleidet sind, so lieben es die Indianer, ihre Männer
mit schön ornamentierten Mänteln auszustaffieren, obschon ihnen dies
viele Arbeit kostet.
Korbarbeiten sind, wie erwähnt, vollständig unbekannt. Die
Ashluslayfrauen knüpfen Sitzmatten aus einem auf Spanisch totora
genannten Schilf.
Die hauptsächlichste Industrie der Männer ist die Holzschnitzerei. Sie
fertigen Pfeifen zum Rauchen, Pfeifen, Stempel, die im vorhergehenden
erwähnten Werkzeuge usw. an. Sie schnitzen auch die Kalebassen zu
und ornamentieren sie. Diese werden zur Aufbewahrung von Bier, als
Eßschalen, als Schachteln zur Verwahrung von kleineren Gegenständen
usw. angewendet. Recht oft sind sie mit liniierten, eingeritzten oder
eingebrannten, schlecht gearbeiteten Ornamenten versehen, obschon die
Indianer behaupteten, sie seien és (schön), hätten aber keine Bedeutung.
[Illustration: Abb. 56. Für die Tongefäßherstellung angewendetes
hölzernes Gerät. ⅓. Ashluslay. Ähnliche wenden die Chorotis an.]
Bei den Mataco-Vejos habe ich indessen Erklärungen über ähnliche
Figuren bekommen, die beweisen, daß sie keineswegs so bedeutungslos
sind (Abb. 62). Vielleicht sind sie dies niemals. Die Indianer bessern
eine Kalebasse, die gesprungen ist, stets mit sehr großer Sorgfalt
wieder aus. Sie nähen sie mit Caraguatáfasern zu und dichten sie
dann mit Wachs. Auf wenig Dinge legten die Chorotis und Ashluslays
so viel Wert, wie auf richtig große Kalebassen (Abb. 39). Niemals
waren die Indianer und ich so verschiedener Ansicht über den Wert von
Gegenständen, mit denen wir ein Tauschgeschäft machen wollten, als wenn
es diese galt. Eine große Kalebasse wurde als von viel größerem Wert
betrachtet als ein Tongefäß von entsprechender Größe. Ganz allgemein
sind die Kalebaßschachteln von dem auf Abb. 61 abgebildeten Typ. Die
Deckel dazu sollen ausgeschnitten werden, wenn die Früchte noch an den
Pflanzen hängen und nicht ganz vollreif sind.
[Illustration: Abb. 57. Trommel aus einem Tongefäß. ⅓. (Kochtopf.)
Choroti.]
[Illustration: Abb. 58. Wasserkrug. ⅙. Ashluslay.]
[Illustration: Abb. 59 a. Bierkrug. ⅙. Ashluslay.]
Die Federarbeiten bieten bei diesen Indianern keine Proben einer
entwickelten Kunstfertigkeit. Die Federn, welche die Chorotis und
Ashluslays im Stirnband tragen, sind oft hakenförmig ausgeschnitten
(Abb. 68). Diese Haken scheinen nur als Ornament zu dienen. Sie selbst
erklären nur, sie seien schön.
Die Indianer als Zeichner
Von den Chorotis, Ashluslays und Matacos habe ich verschiedene
Zeichnungen gesammelt, die diese in meinem Notizbuch ausgeführt haben.
Es sind dieselben beschreibenden Zeichnungen, die wir durch Karl v.
d. Steinen, Koch-Grünberg u. a. von den Indianern Südamerikas kennen
gelernt haben.
[Illustration: Abb. 59 b. Bierkrug. Ashluslay. ⅙.]
[Illustration: Abb. 60. Kalebasse. Choroti. ⅓.]
[Illustration: Abb. 61. Kalebasse. Ashluslay. ¼.]
Ganz gewöhnlich war es, unter den Chorotis und Ashluslays solche zu
finden, die gar nicht zeichnen konnten, sondern auf dem Stadium des
„Kritzelns“ standen, d. h. auf demselben Standpunkt, wie unsere zwei-
bis dreijährigen Kinder (Abb. 63). Sahen sie dann andere zeichnen, so
imitierten sie und zeichneten dann besser.
Die Kinder zeichneten zuweilen besser als die Älteren. So habe ich
mehrere verhältnismäßig gute Zeichnungen von einem zirka siebenjährigen
Ashluslayknaben (Abb. 65).
Da die Indianer sich außerordentlich leicht von den Zeichnungen,
die man selbst gemacht hat, beeinflussen lassen, darf man in einem
Dorfe, wo man solche zu sammeln beabsichtigt, nicht selbst zeichnen.
Ich pflegte beispielsweise in meinem Notizbuch schnell Gesichter zu
zeichnen, in welche ich Tätowierungen und Gesichtsbemalungen einführte.
Vergleichen wir die beiden Zeichnungen Abb. 64 A u. B, so ist die erste
1908 ausgeführt, ohne daß die Zeichnerin, ein Chorotimädchen, Ashlisi,
von diesen meinen Zeichnungen beeinflußt worden ist, während sie bei 64
B, gezeichnet 1909, mich schon imitiert.
Zu den allerprimitivsten Zeichnungen pflegten die Indianer höchst
eigentümliche Erklärungen zu geben. Keiner meiner Leser wird, nehme
ich an, verstehen, daß die Abb. 63 wiedergegebene Zeichnung eine Mais
erntende Frau darstellen soll. Unsere kleinen Kinder sehen auch oft in
ihren Zeichnungen vieles, was wir Älteren nicht Phantasie genug haben,
zu begreifen.
Die Abb. 65 abgebildete Frau zeigt uns die kindliche Unschuld der
Indianer.
Fußnoten:
[43] K. v. d. Steinen, Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens.
Berlin 1894.
[44] Acacia moniliformis.
+Achtes Kapitel.+
=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).
Krieg und Frieden.
Als ich die Chorotis und Ashluslays im Jahre 1908 besuchte, herrschte
zwischen diesen beiden und den Matacos ein sehr gespanntes Verhältnis.
Die Chorotis und Tobas waren ebenfalls keine Freunde. In welchem
Verhältnis die Ashluslays zu den Tobas standen, weiß ich nicht, da ich
die Gegenden, wo diese Stämme aneinandergrenzen, in diesem Jahre nicht
besuchte.
1909 war die äußere politische Lage verändert. Die Chorotis und
Ashluslays hatten mit den Matacos Frieden geschlossen. Dagegen lebten
die Ashluslays mit den Tobas in erbitterter Fehde.
[Illustration: Abb. 62. Kalebaßschale. Mataco-Vejos. ¼.
a = Strauß. c = Ebene (Pampas).
b = Weg. d = Wald.]
Die Ursache der Kriege zwischen diesen Stämmen ist gewöhnlich der
Fischfang und die Plünderungssucht. Ein Stamm sperrt den Fluß ab, so
daß die Fische nicht zu den Fischplätzen des anderen hinaufkommen
können. Dieser versucht die Sperre zu zerstören, einer der Stämme
verwundet oder tötet einen von der Gegenpartei, und der Krieg ist in
vollem Gange.
Beide Stämme ziehen sich so weit zurück, daß zwischen ihnen eine
unbewohnte Zone entsteht. Geordnete Schlachten scheinen selten
geschlagen zu werden und in der Regel ist die Zahl der Getöteten eine
sehr geringe.
[Illustration: Abb. 63. Mais sammelnde Frau. Gezeichnet von einer
Matacofrau. Esperanza. ¹⁄₁.]
Ein weißer Mann hat mir über eine Schlacht zwischen den Chorotis und
Matacos folgende Schilderung gemacht, die sehr charakteristisch, wenn
auch etwas übertrieben ist.
[Illustration: Abb. 64. Zeichnungen des Chorotimädchens Ashlisi. ½.
A = Frau; e = Stirntätowierung, c = Nasentätowierung, d = Tätowierung
unter den Augen, a = Backenknochentätowierung, b = Kinntätowierung.
B = Frau. a = Haare.
C = Erland Nordenskiöld, d. h. seine Brille.]
In der Nähe seiner Ansiedelung hatten zwei bedeutende Gruppen sich
einen ganzen Tag bekämpft. Eine Menge Schüsse waren abgefeuert worden,
denn einige der Indianer hatten Feuerwaffen. Des Abends kam ein Choroti
fliehend an seinem Hause vorbei:
„Wie ist es gegangen?“ wurde er gefragt.
„Schlecht“, war die Antwort.
„Wie viele sind denn getötet worden?“
„Keiner.“
„Dann habt ihr wohl viele Verwundete gehabt?“
„Keine“, war die Antwort.
Man hatte sich offenbar zuerst außerhalb der Schußweite bekämpft. Als
die Matacos dann mit großer Tapferkeit etwas näher gingen, waren die
Chorotis davongelaufen.
Alle Kämpfe verlaufen indessen keineswegs so unblutig.
In dem Kampf zwischen den Ashluslays und den Tobas, die ich am Anfang
des Buches erwähnt habe, wurden zehn Ashluslays und ein Toba getötet.
Dieser letztere war ein zur Rekognoszierung vorausgesandter Späher. Zur
Erforschung der feindlichen Stellung wurden nämlich zahlreiche Späher
angewendet.
Die besten Krieger sollen die älteren Männer und die Greise sein. Die
Jugend hält sich gern zurück. In geeigneter Entfernung von den Dörfern
sind Aussichtsposten gebaut. Auf den Kreuzwegen geben auf gewisse Art
gelegte Zweige u. dgl. dem Freunde an, welchen Weg er einschlagen soll.
[Illustration: Abb. 65. Zeichnungen eines Ashluslayknaben. ½.
A = Frau; a = Kleidung, b = Vulva, c = Clitoris. Gezeichnet von einem
etwa 7 jährigen Knaben.
B = Ashluslay zu Pferde; a = Mann (der schwarze Punkt mitten auf dem
Körper ist der Nabel), d = Pferd, b = Schwanz, c = Zähne. Gezeichnet
von demselben Knaben, wie das Vorhergehende.]
Eine wichtige Neuigkeit wird durch Eilboten von Dorf zu Dorf
verbreitet. Mehrere Tage, bevor ich zu dem äußersten bolivianischen
Militärposten am Rio Pilcomayo kam, gingen die Indianer zu dem Chef
desselben und sagten zu ihm: „Elle (der kleine Papagei) kommt.“ Sie
berichteten ihm auch, wie viel Mann der kleine Papagei mithatte,
und sonst noch alles mögliche, was er nicht verstand, da er keinen
Dolmetscher hatte und nicht wußte, daß ich, d. h. der Papagei, kommen
würde.
Sowohl die Chorotis und Ashluslays wie auch die Tobas und Matacos
skalpieren ihre getöteten Feinde. Der Skalp eines Tobapilage, den
ich nach vielen Unterhandlungen von einem Ashluslay eingetauscht
habe, ist hier abgebildet (Abb. 70). Diese Skalpe hängen bei schönem
Wetter, an Lanzen angebunden, zu Ehren des Siegers vor den Hütten. Bei
Trinkgelagen spielen sie eine große Rolle. Dorfschaften, die nicht so
glücklich sind, daß einer der Ihren einen Skalp genommen hat, leihen
einen solchen von einem Nachbardorf für ihre Feste.
[Illustration: Abb. 66. Zeichnungen eines 20jährigen Ashluslaymannes.
A = Kuh; a = Zähne, b = Horn, c = Schwanz. -- B = Jaguar.]
Wenn die Indianer zum Kampfe ausziehen, stellen sie zuerst ein
ordentliches Trinkgelage an, bemalen sich kohlschwarz und schmücken
sich mit Federschmuck, Magenpanzer aus dickem Fell, Jacken und Mützen
aus Jaguarhaut usw.
Die Ashluslays führen richtige Kriegsspiele, richtige Feldmanöver auf,
wo man sich übt oder richtiger amüsiert. Diejenigen, die den Feind
vorstellen, bekommen immer Prügel. Die Häuptlinge sind, wie schon
gesagt, im Kriege Befehlshaber. Eine Disziplin ist nicht vorhanden.
[Illustration: Abb. 67. Ashluslaykrieger.]
Die Waffen im Kampfe sind Pfeil und Bogen sowie Streitkolben. Durch
Umwicklung des linken Handgelenks schützt man sich gegen die
Bogensehnen (Taf. 4). Einige der Ashluslays, die beritten sind, wenden
Lanzen an. Die Matacos benutzen bisweilen Brandpfeile, mit denen sie
die Dörfer der Feinde in Brand setzen.
Der bitterste Feind der Ashluslays ist der Tobahäuptling Taycolique,
der, wie ich vorher erzählt habe, seine Leute systematisch mit
Feuerwaffen bewaffnet. Ich fragte einmal Dr. L. Trigo, der fünf Jahre
lang Gouverneur im bolivianischen Chaco war und als solcher viel mit
den Indianern zu tun gehabt hat, ob er unter ihnen eine bedeutende,
leitende Persönlichkeit, einen „großen Mann“, angetroffen habe. Er
antwortete, der einzige sei Taycolique.
[Illustration: Abb. 68. Federschmuck. ¼. Wird im Stirnband getragen.
Ashluslay.]
Unter den Indianern geht das Gerücht, daß dieser Häuptling eine
allgemeine indianische Empörung gegen die Weißen anzustiften
versucht habe. Er hat mit dem Chiriguanohäuptling Mandepora und dem
Chanéhäuptling Vocapoy geheime Konferenzen gehabt. Dies geschah 1909
unter dem Einfluß des Gerüchts, daß zwischen Bolivia und Argentinien
ein Krieg im Anzug sei.
Ein Friede zwischen den Stämmen wird in der Weise geschlossen, daß an
die Angehörigen der im Kampfe Gefallenen Schafe, Pferde und andere
Gaben ausgeteilt werden. Beide Stämme, auch die Sieger, bezahlen
einander Blutschuld. Der Friede wird somit eigentlich zwischen den
Individuen und nicht zwischen den Stämmen geschlossen. Haben alle
Individuen der Stämme ihre gegenseitigen Streitigkeiten beglichen, so
hört der Krieg auf. Mein Dolmetscher Manuel Flores, von dem ich vorher
gesprochen habe, hat auf diese Weise 1908 die Blutschuldauszahlungen
zwischen den Matacos und den Chorotis geordnet, worauf sie in Frieden,
wenn auch in einem bewaffneten Frieden, lebten. Ihre gefangenen Kinder
versuchten die Ashluslays mitten im Kriege von den Tobas gegen Pferde
zurückzukaufen. Einige Mataco-Guisnays, die unter den Tobas lebten und
eine eigentümliche neutrale Stellung zu beobachten schienen, dienten
als Zwischenhändler.
[Illustration: Abb. 69. Federschmuck. ⅕. Wird auf dem Kopfe getragen.
Ashluslay.]
[Illustration: Abb. 70. Skalp eines Tobapilaga. ¼. Ashluslay.]
[Illustration: Abb. 71. Streitkolben. ⅕. Ashluslay.]
[Illustration: Tafel 12. Ashluslaykrieger.]
Verschiedene der Kriege im Chaco sind sicher auch Ausrottungskriege,
die nicht eher aufhören, als bis der eine Stamm unterjocht wird oder
auswandert. Ein solcher Krieg ist sicher der zwischen den Tapiete-
(Yanaygua) und den Tsirakuaindianern, über den ich am Schlusse dieses
Buches zu sprechen Gelegenheit haben werde.
Infolge der Kriege verändern sich die Verbreitungsgebiete der Stämme.
Auf diese Weise läßt es sich erklären, daß Campos[45] die Stämme 1883
an ganz anderen Stellen fand, als wo sie 1908 und 1909 wohnten. Wird
der Krieg zwischen den Tobas und den Ashluslays fortgesetzt, so drängen
die ersteren die letzteren wahrscheinlich ganz vom Flusse fort. Die
Eroberung der bolivianischen Seite des Rio Pilcomayo ist auch für die
Tobas außerordentlich wichtig, da die Argentinier sie immer mehr zur
Unterwerfung zu zwingen suchen.
Kämpfe um den Fluß und den Fischfang haben hier wohl zu allen Zeiten
geherrscht. Die stärkeren Stämme haben sich der Nahrungsquelle Rio
Pilcomayo bemächtigt und die schwächeren nach noch unerforschten
Gegenden des nördlichen Chaco gedrängt, wo wir wahrscheinlich Reste von
Stämmen finden können, deren Namen uns nicht einmal bekannt ist.
Handel.
Auch eine friedliche Verbindung herrscht zwischen den Stämmen. So habe
ich am Rio Parapiti von den dort Yanaygua genannten Tapieteindianern
runde, durchbohrte, kleine Scheiben Muschelschalen eingetauscht.
Diese erhalten sie von den Ashluslays, die sie wieder von einem mir
unbekannten Stamm, von den Ashluslays Manslé (möglicherweise = Lengua)
genannt, bekommen, der unweit des Rio Paraguay wohnt und reiche Vorräte
von Eisen, besonders Töpfe und Wagenachsen, zu besitzen scheint. Die
Manslé sollen durch den nördlichen Chaco bis zum Chorotigebiet auf
Wegen gehen, die nicht dem Rio Pilcomayo folgen. Sie haben Eisen und
Schneckenschalen mit, die sie gegen Tiere und Mäntel aus Pelz und
Wolle eintauschen. Man sieht Chorotis, die bis zu zehn bis zwanzig
Meter lange Halsketten aus diesen kleinen Schneckenschalen haben (s.
Abb. 33).
Nimmt man übrigens eine Sammlung von Gegenständen z. B. bei den
Chorotis vor, so darf man keineswegs glauben, daß alles, was man
erhält, an Ort und Stelle angefertigt ist. Mit Geräten, Geweben,
Taschen aus Caraguatá usw. wird ein bedeutender Tauschhandel zwischen
den Stämmen betrieben. Von den Chiriguanos erhalten die Chorotis die
rote Farbe, Uruku. Für ein kleines Stück davon bezahlen die Chorotis
einen warmen und großen Mantel aus Wolle. Von den Chorotis erwerben
dann die Ashluslays diese beliebte Farbe.
Auch im Paraguayer Chaco ist Uruku eine Handelsware. Nach Boggiani[46]
erhalten die Chamacocoindianer die kostbare Farbe von den Caduveis.
Domenico del Campana[47] erwähnt, daß die Chiriguanos Uruku zum Verkauf
nach Gegenden, wo dieser Busch nicht wächst, herstellen.
In Eric von Rosens schöner Sammlung von den Chorotis, die in der Nähe
von Caiza, nicht weit von dem letzten Gebirgskamm der Anden nach dem
Chaco, wohnten, befindet sich ein ornamentiertes Gewebe, das durch
Handel von den weit davon wohnenden Ashluslays erhalten sein muß.
Das Eisen ist im Chaco seit langem eine wichtige Handelsware. Sowohl
die Ashluslays wie die Chorotis haben dasselbe ihrer eigenen Angabe
nach erst von Osten, d. h. von Paraguay, erhalten. Der Stamm, der wohl
am längsten am Rio Pilcomayo gewohnt hat, ohne das Eisen zu kennen,
war der der Chorotis, obschon sie jetzt viel mehr Werkzeuge aus diesem
Material besitzen, als die Ashluslays.
[Illustration: Tafel 13. Ashluslaymann im Magenpanzer.]
Ich habe einmal einen Handelsreisenden in Eisen gesehen. Es war ein
Choroti, der mit allerlei Schrot, Nägeln u. dgl. auf dem Wege nach dem
Innern des Ashluslaygebietes begriffen war. Seinem wenig wertvollen
Lager nach zu urteilen, muß die Nachfrage nach der Ware eine sehr große
sein.
Von sehr großer Bedeutung ist der Handel mit getrockneten Fischen. Die
Chorotis wie auch die Matacos, Tobas und Tapietes bringen solche Fische
zu den Chanéindianern am Rio Itiyuro und zu den Chiriguanos, und die
Chiriguanos bringen wieder Mais zu den Stämmen am Rio Pilcomayo, wo
sie ihre Fischeinkäufe machen. Man mißt den Mais in großen Tongefäßen,
„Yambuy“, und in Kalebassen. Die Maße sind natürlich ungefähre.
[Illustration: Abb. 72. Ashluslaytänzer zum Besuch bei den Chorotis.
Die Mädchen, die rechts sichtbar sind, sind Chorotis.]
Meine Tauschwaren wurden durch den Handel der Indianer untereinander
weit umher verbreitet. In einem Chorotidorf hatte ich mehrere bunte
Hemden in den Tausch gegeben. Als ich einige Tage später den Fluß
weiter herunter kam, waren meine grelleuchtenden Hemden das erste, was
ich in den Dörfern sah. Sie hatten schon den Eigentümer gewechselt.
In den Ashluslaydörfern war es nichts Ungewöhnliches, daß ein
Indianer hunderte große Nähnadeln durch Tausch an sich brachte, und
höchstwahrscheinlich werden sie von diesen Grossisten in Nähnadeln als
Tauschwaren für im Inneren des Chaco wohnende Indianer angewendet.
Ein anderer Handel ist der mit Pferden, Schafen usw. Zuweilen sind
diese Pferde gestohlen, und hat ein solches gestohlenes Pferd mehrere
Male den Besitzer gewechselt, so haben die Weißen große Schwierigkeit,
es zurückzubekommen. Die Indianer verstehen das Unrechte, zu stehlen,
aber nicht das, gestohlene Waren zu kaufen.
Dieser Handel zwischen den Stämmen ist natürlich für die Vermittlung
von allerlei Kultureinflüssen von großer Bedeutung. Für den
Ethnographen ist er sehr zum Ärger, da er den umbildenden Einfluß der
Weißen auf Indianer, die in keiner direkten Verbindung mit irgend
welchen Fremden gestanden haben, vermittelt.
Von Interesse ist es zu beobachten, wie die Indianer beim Tauschhandel
ihre Habseligkeiten taxieren. Am teuersten sind z. B. bei den Chorotis
die Halsketten, die Mäntel, die sehr großen Caraguatátaschen, die
Netze, Kalebassen und die Urukufarbe. Die Chorotis und die Ashluslays
haben die ganz natürliche Auffassung, daß das, was ihnen die meiste
Arbeit macht, durch die gesuchtesten Tauschwaren, wie Zeuge, Messer
u. dgl., ersetzt werden muß. Für die Halsketten bezahlen sie selbst
Schafe, und diese schätzen sie sehr hoch. Daß sie den wirklichen
Wert der ihnen angebotenen Tauschwaren nicht kennen, ist natürlich.
Hatte ich irgend welche Gegenstände nach Ansicht der Indianer zu
hoch bezahlt, so verbreitete sich sofort das Gerücht davon und mir
wurden überall solche angeboten. Eine Herabsetzung des Preises für
einen Gegenstand, weil der Vorrat groß war, war für die Indianer
unbegreiflich und deshalb schwer. Beinahe unmöglich war es, gewisse
Gegenstände einzutauschen, die sie für unentbehrlich hielten. Sehr
große Caraguatátaschen gaben sie deshalb, falls sie nicht mehrere
Exemplare davon hatten, nicht her, weil sie dieselben notwendig zum
Einsammeln wilder Früchte gebrauchten.
Außer im El Gran Chaco, hat man in Bolivia nicht häufig Gelegenheit,
den Handel zwischen den Stämmen zu studieren. In den übrigen Teilen von
Ostbolivia gibt es zwar noch äußerst primitive Indianer, diese sind
aber beinahe überall nach den unzugänglichsten Wäldern hingedrängt und
die verschiedenen Stämme wohnen isoliert voneinander.
Besuch in fremden Dörfern.