[Illustration: Abb. 44. Krankenstuhl. Ashluslay.]

In diesem Zusammenhang will ich auch erzählen, wie ich bei den den

Chorotis und Ashluslays kulturell nahestehenden Matacoindianern eine

kranke Frau habe heilen sehen.

Eines Nachts besuchte ich einige Matacoindianer, die ihr Lager vor der

Zuckerfabrik Esperanza in Argentinien aufgeschlagen hatten, wohin

sie gekommen waren, um Arbeit zu suchen. Sie hatten mir versprochen,

bei einem ihrer Tänze zugegen sein zu dürfen. Das Tanzlokal war der

offene Platz zwischen den Hütten. Die Beleuchtung war eine von mir

mitgebrachte kleine Laterne. Die Trachten waren von den Weißen gekaufte

Kleider sowie Glocken und Klappern. In den Händen hatten die sechs

Tänzer Stöcke. Eigentümlicherweise hatten einige von ihnen ein Tuch

über das Gesicht (entsprechend Tanzmasken?). Erst standen alle außer

einem still. Dieser tanzte umher, indem er Laute wie ä, ä, ä, jä, jä,

jä, lä, lä ... ausstieß. Dann liefen drei von ihnen im Gänsemarsch im

Kreise herum und dann unter Geheul in mehreren Schlangenwindungen.

Hierauf kam eine kranke Frau hinzu, und sie umtanzten dieselbe

heulend und mit gebogenen Knien, indem sie mit den Füßen auf- und

niederstampften. Von der Frau entnahm einer von ihnen sechs angekohlte

schwarze Stäbchen, von denen er eins aus dem Rücken und eins aus dem

Unterrock hervorholte. Diese warf er dann ein Stückchen von sich auf

den Boden, wo ich sie mir holte. Der Dolmetscher sagte mir, diese,

die die Ursache ihrer Krankheit seien, hätten sie aus ihrem Körper

herausgeholt. Hierauf wurde der Tanz eine längere Zeit in derselben

Weise fortgesetzt.

Die Matacos verhexen, wie der bolivianische Gouverneur, Dr. L. Trigo,

mir erzählt hat, auf folgende Weise: Sie sammeln von dem Feinde,

den sie verhexen wollen, Exkremente, Urin, Speichel, Haare, Nägel.

Alles dies stopfen sie einem Frosch ins Maul und nähen dann Maul,

Nasenlöcher, Ohren und andere Öffnungen des Frosches sorgfältig

zusammen. Darauf hängen sie ihn in der Nähe einer Feuerstätte auf, wo

er anschwillt und stirbt. Dasselbe widrige Schicksal trifft den, der

verhext werden soll, unter ähnlichen Qualen stirbt er. Die Verhexung

kann nur von einem Medizinmann gelöst werden, der größere Kraft hat,

als derjenige, der verhext hat.

Auch wenn ein Hund stirbt, so glauben die Indianer, daß er verhext

worden ist. Ein weißer Mann hatte einige Matacohunde mit Strychnin

vergiftet, und als nun die Matacos den einen Hund nach dem anderen

plötzlich krank werden und sterben sahen, fürchteten sie diesen Weißen,

der, wie sie glaubten, ihre Hunde verhext hatte, sehr.

Die Chorotis und Ashluslays sowie auch die hier oben genannten Matacos

wenden auch eine große Anzahl Pflanzen als Heilmittel an. Diese werden

nicht von den Medizinmännern verordnet, sondern sind allen Mitgliedern

des Stammes bekannt.

Den lateinischen Namen dieser Pflanzen kenne ich nicht. Ich gebe hier

einige mit ihrem Namen auf Choroti wieder:

toshsala -- wird gekocht und der Kopf damit gebadet, wenn man krank ist;

lákiole -- wird gekocht; es werden bösartige Geschwüre damit gewaschen;

lácosoki -- wird wie das vorige angewandt;

lashhuätis -- wird gekocht und bei Magenschmerzen getrunken;

lahuóle -- wird getrocknet und in einen hohlen, schmerzenden Zahn

gelegt;

lésini cósoki -- wird gemahlen und geweicht und dann in ein

schmerzendes Ohr gestopft.

Wird jemand von einer Schlange gebissen, lassen die Matacos die

Menstruation in die Wunde träufeln. Das Mittel soll auch von den

Weißen in Argentinien angewendet werden. Die Chorotis wenden die

Asche gewisser Pflanzen für bösartige Geschwüre, Schanker u. dgl. an.

Merkwürdigerweise scheinen sie den Schanker heilen zu können, denn sie

bekommen selten Bubonen.

Von dem englischen Arzt Dr. Paterson, an der im Anfang dieses Buches

erwähnten Zuckerfabrik, bekamen die Indianer das Zeugnis, daß sie, im

Gegensatz zu den argentinischen Mestizen, sehr geduldig sind, wenn es

gilt Schmerzen zu ertragen.

Ich selbst habe auch einige Male während meines Aufenthaltes unter den

Indianern im ärztlichen Gewerbe gepfuscht, hörte aber bald wieder

damit auf. Es ist unmöglich einen Indianer zu bewegen, sich eine

längere Zeit zu pflegen. Es soll gleich wieder gut sein, sonst taugt

das Heilmittel nichts. Morphium, Kokain und Opium sind die einzigen

Mittel, die ihren Beifall haben. Diejenigen, die in den Zuckerfabriken

die Vakzinierung gegen Pocken kennen gelernt haben, wollen auf dem Arm

gern die drei wundertätigen Male haben.

Ich habe niemals einen Choroti oder Ashluslay sterben sehen, habe aber

(1902) einige der ersteren ausgegraben. Dies ist mit Genehmigung der

Verwandten geschehen. Durch ein kleines Geschenk an jeden Verwandten

läßt sich dies leicht ordnen. Eigentümlicherweise kam es bei den den

Chorotis nahestehenden Matacos ein paarmal vor, daß die Verwandten

beim Ausgraben zugegen waren. Sie fanden die Sache ganz natürlich und

zeigten gar keine Furcht.

Beigaben traf ich nur sehr wenige. Das einzige, was der Tote

mitbekommen hatte, war eine Tasche mit einem Pfriemen, einem Löffel

oder sonst einer Kleinigkeit sowie vereinzelt eine Schale, die Wasser

enthalten hatte.

Von dem, was diese Indianer über das Schicksal der Menschen nach dem

Tode glauben, weiß ich nicht viel. Die Geister gehen eine Zeitlang

in den Häusern und Wäldern umher. Die Matacos meinten, ihre Toten

seien nicht gefährlich. Dagegen wollen die Toten der Christen die

Nachtwandrer gern erschrecken. Sie wandern somit auch in Feld und

Wald umher. Die Matacos nennen die Geister „aut“. Sie sagen, sie

verschwänden allmählich. Die Chorotis nennen sie „amoxi“. Ein Mataco

hat auf meinen Wunsch einen solchen Geist gezeichnet, welches Porträt

ich hier wiedergebe. Die Punkte um seinen Körper bedeuten die Kleider

(Abb. 45).

Stirbt der Mann oder ein anderer naher Verwandter, so schneiden

sich die Ashluslay- und Chorotiweiber mit den scharfen Zähnen des

Palometafisches die Haare ab und verbrennen sie. Für seine eigene oder

eine andere Frau begeht der Mann nicht die gleiche Aufopferung. Wenn

man in einem Choroti- oder Ashluslaydorf wohnt, so hört man besonders

des Morgens beinahe immer lautes Klagen und Singen. Auf diese Weise

werden die Toten beweint. Wir sind alle Brüder und Schwestern, sagen

die Indianer. Wir trauern gemeinsam. Eine richtige Mutter trauert tief

über ihr totes Kind, ob sie nun in einem feinen Hause in Europa oder

in einer kleinen grasbedeckten Hütte am Ufer des Pilcomayo sitzt, und

ebenso betrauern die Kinder eine Mutter, die für sie gearbeitet und

gestrebt hat. Bei den Ashluslays und Chorotis wird mit der Trauer viel

Spektakel gemacht, ich bin aber fest überzeugt davon, daß bei ihnen

auch viel wirkliches Gefühl vorhanden ist. Berufstrauerweiber kommen

bei diesen Indianern nicht vor.

Über die religiösen Vorstellungen der Chorotis und Ashluslays habe

ich nur sehr wenig erfahren können. Sie glauben, wie schon erwähnt,

an ein Leben im Jenseits. Ein großer, allmächtiger Gott ist ihnen

etwas Fremdes, gleichwohl scheint aber dieser Begriff sich Eingang

zu verschaffen. Diese Indianer hören auf den Arbeitsfeldern von der

Religion, von der die katholischen Missionare reden, und teilen dann

das Gehörte anderen mit. Auf diese Weise verbreiten sich auch außerhalb

des direkten Wirksamkeitsfeldes der Missionare dunkle Vorstellungen

über das Christentum. Die Menge übernatürlicher, mächtiger Wesen in den

Sagen der Chanes und Chiriguanos, mit denen wir späterhin Bekanntschaft

machen werden, finden wir in den Erzählungen dieser Indianer nicht.

Alles was erwähnt wird, sind einige mystische Tiere. So wohnt in

einem See unweit Guachalla am Rio Pilcomayo ein kleines, von den

Chorotis „kiáliki“ genanntes Wesen, das wie ein Mensch aussieht, aber

vollständig schwarz ist. Nähern sich ältere Personen dem See, so tut es

ihnen nichts. Kinder raubt es dagegen. Vielleicht ist es der „schwarze

Mann“ der Indianer.

[Illustration: Abb. 45. ¹⁄₁.]

Eine andere Chorotierzählung lautet folgendermaßen: „In einem See lebte

eine Schlange, die war dick wie zwischen zwei ausgestreckten Armen.

Diese verschluckte einen Choroti, dieser tötete aber die Schlange,

indem er ihr das Herz durchbohrte, und grub sich heraus. Von der Hitze

im Magen der Schlange war er ganz rot und haarlos geworden. Als er nach

Hause kam, kannte ihn seine Frau nicht wieder. Er erzählte ihr da, wie

er von der Schlange verschluckt worden sei.“

Ein mystisches Tier frißt am Mond, wenn Mondfinsternis ist. Diese

nennen die Chorotis „sóoli“, die Ashluslays „sutlásh“. Ein Meteor

bedeutet einen Todesfall.

Im vorhergehenden habe ich eine Chorotisage von dem Weltbrand und dem

Raub des Feuers wiedergegeben. Dies ist die einzige Kulturmythe, die

ich von diesen Indianern habe.

Wie schon erwähnt, habe ich dagegen von den den Chorotis kulturell

nahestehenden Matacos einige Sagen oder Kulturmythen gesammelt, die ich

hier wiedergeben will. Sie sind von dem Matacoindianer Na-yás vom Rio

Bermejo erzählt und von Chetsin, von demselben Stamme, übersetzt.

Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen.

+Der Raub des Feuers.+[35]

Wie erzählt wird, hat der Jaguar das Feuer bewacht, bevor die Matacos

es erhielten. Es wird erzählt, daß man fischen ging. Alle Matacos waren

fischen gegangen und ein Meerschweinchen besuchte, wie erzählt wird,

die Jaguare und brachte ihnen einen Fisch mit. Es wird erzählt, daß es

zum Feuer hingehen wollte. Es wird erzählt, daß der Jaguar das Feuer

bewachte und ihm keinen Feuerbrand abgeben wollte. Es wird erzählt, daß

das Meerschweinchen heimlich etwas von dem Feuer mitgenommen hatte.

Der Jaguar fragte es, was es mitnehme. Es sagte, es habe nichts. Es

wird erzählt, daß es sich fortbegab. Als die Fischer kamen, hatte

das Meerschweinchen ein großes Feuer angemacht und die Fische in

einem Augenblick gebraten. Als die Fischer weggingen, hatte das Gras

angefangen zu brennen. Es wird erzählt, daß die Jaguare angesprungen

kamen, als sie das Feuer sahen, und daß sie Wasser zum Löschen

desselben mitgebracht hatten. Als die Fischer wiederkamen, machten sie

von den Feuerbränden, die sie mitgenommen hatten, Feuer an. Nachher

waren sie wieder gegangen, und seitdem ist das Feuer nicht erloschen.

Jetzt fehlt keinem Mataco das Feuer.

+Die Frau, die sich mit den Hunden verheiratet hat.+

Eine Frau hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn verheiratete

sich mit der Tochter[36] und die Frau verheiratete sich mit den Hunden

und verschwand. Mit den Hunden hatte sie fünf Kinder. Diese rodeten

den Wald und säeten Kürbis. Als die Tochter im Walde war, kam sie zu

der Rodung und wollte Kürbisse gegen Schmucksachen eintauschen. Sie

antworteten, sie wären von demselben Stamme und wollten nicht Kürbisse

gegen Schmucksachen tauschen, sondern sie schenkten ihr Kürbisse

(Zapallo).

+Die große Feuersbrunst.+

Vor langer Zeit brannte alles, der ganze Chaco brannte. Die Mataco

retteten sich unter dem hohen Schilf am Flußufer. Dort blieben sie

sehr lange. Als sie herauskamen, war alles verbrannt. Dort war kein

Quebracho, kein Algarrobo, kein einziger Baumstamm. Sie glaubten

zuerst nicht, daß es dasselbe Land sei, als aber dieselben Pflanzen zu

wachsen begannen, wie an den Plätzen, wo es gebrannt hatte, verstanden

sie, daß es dasselbe Land war.

+Der Maisraub.+

Das Kugelgürteltier[37] bewachte die Maissamen. Ein Wildschwein

war in die Äcker der Kugelgürteltiere gedrungen und stahl, da

diese dem Wildschwein keinen Mais geben wollten, den Mais und die

Kugelgürteltiere töteten das Wildschwein.

+Der Sohn des Chuña.+[38]

Die Kara-kara[39] und die Chuña hatten mit den schwarzen Geiern und

den Flamingos gekämpft. Die Kara-kara-Vögel hatten mit Pfeilen, die

Chuña mit Boleadoras, die schwarzen Geier und Flamingos mit Pfeilen

gekämpft. Die schwarzen Geier und die Flamingos waren besiegt worden.

Die schwarzen Geier waren ohne Haut am Kopf und die Flamingos ohne Haut

an den Beinen entkommen. Kein Kara-kara oder Chuña war verwundet worden.

Ein Chuña hatte sich verheiraten wollen, die Frauen wollten ihn aber

nicht, weil er so schmale, schwarze Beine hatte. Es wird erzählt, daß

er einen Haufen Sperma auf dem Boden zurückgelassen hat.

[Illustration: Tafel 10. Matacoindianer rösten „Palometas“ und andere

Fische. Crevaux. Rio Pilcomayo.]

Die Frauen der Chuña waren Früchte suchen gegangen und hatten das

Sperma gefunden. Eine hatte es aufgegessen und wollte den anderen

nichts davon abgeben. Es wird erzählt, daß sie nach drei Tagen

schwanger war und nach weiteren drei Tagen ein Kind geboren hatte, aber

noch wußte niemand, wer die Frau schwanger gemacht hatte. Nach zwei

Tagen war der Knabe groß und niemand wußte, wer sein Vater war. Es

wird erzählt, daß viele herbeikamen, um den Knaben zu sehen. Es wird

erzählt, daß er weder von den Kara-kara-Vögeln noch von einem anderen

Spielzeugbogen und Pfeile annehmen wollte. Sie versuchten, ihm Pfeile

und Spielzeugbogen zu geben, er nahm sie aber nicht. Der Chuña war

gekommen, um ihm Pfeile und Spielzeugbogen zu geben, und er nahm sie.

Sie wußten nun, wer sein Vater war.

+Als die Matacos und die Christen die Welt teilten.+

Vor langer, langer Zeit gab es keine Christen, sondern alle, die

Vorväter der Matacoindianer wie der Christen, lebten in einem Hause.

In diesem war alles. Dort gab es Äxte und Werkzeug und Pferde und Vieh

und schöne Kleider für die Frauen. Die Vorväter der Christen nahmen

die Äxte, das Werkzeug, die Pferde, das Vieh und die schönen Kleider

für die Frauen und gingen weg und ließen für die Matacos nur Tonkrüge,

Hunde und andere schlechte Sachen zurück. Deshalb haben die Christen

jetzt Äxte, Werkzeug, Pferde, Vieh, schöne Kleider für die Frauen und

die Matacos sind arm und haben nur Tonkrüge, Caraguatátaschen und Hunde.

Diese moderne Sage hat hier eine große Verbreitung. Ich kenne sie z. B.

auch vom Rio Parapiti, wo sie mir in etwas verschiedener Form von den

Chanes erzählt wurde.

+Der Fuchs und der Stier.+

Es wird erzählt, der Fuchs habe den Stier eingeholt. Es wird erzählt,

daß er Feuer vor den Stier getragen hat. Es wird erzählt, daß er gesagt

hat, er wolle dem Stier die Steine abschneiden. Wiederum hatte er Feuer

angemacht und den Stier verfolgt, indem er sagte, daß er dem Stier die

Steine abschneiden wolle. Der Stier war zuletzt ermüdet, aber er hat

ihm nichts abgeschnitten. Es wird gesagt, daß er gesagt hat: Warum soll

ich ihn verfolgen, ich will ihm nichts abschneiden, und ließ die Füchse

ärgerlich zurück. Die Füchse haben geweint, da sie hungrig waren. Sie

gingen dann und suchten Tusca und Algarrobo.

Diese Sage ist beinahe unbegreiflich. Mit Steine abschneiden meint man

wohl töten. Die Sage dürfte ganz modern sein.

Ehrenreich hat nachgewiesen, wie Sagen mit fremden Elementen aus

Nordamerika nach Südamerika eingewandert sind. Boas und Bogoras haben

früher den Zusammenhang zwischen den nordamerikanischen und den

nordasiatischen Sagen dargetan.

Von den hier von den Matacos angeführten Sagen ist besonders eine, die

von diesem Gesichtspunkte aus von Interesse ist. Es ist die von dem

Sohn des Chuña. Die eigentümliche Zeugung sowie die Art der Erforschung

der Vaterschaft stimmt besonders mit der Osttupi-Variation[40] dieser

Sage überein. Auch dort wurde der als Vater betrachtet, von dem der

Knabe Pfeil und Bogen annahm.

Ehrenreich[41] hat gezeigt, wie diese Sage, besonders die peruanische

Variation, auf ganz merkwürdige Weise mit einer von Bastian aus Siam

aufgezeichneten Sage übereinstimmt.

Möglicherweise zeigt uns das Vorkommen der Sage bei den Matacos den

Weg, den sie von Peru zu den Osttupis in Brasilien gewandert ist. Wie

sie von Siam nach Peru gekommen ist, ist eine Frage, die Ehrenreich

offen läßt. Es ist wohl eine für künftige Ethnologen hart zu knackende

Nuß.

Sollte mich etwas Besonderes nach dem Rio Pilcomayo zurücklocken, so

wäre es das Studium der religiösen Vorstellungen dieser Indianer.

Es gibt viel, was sie mir nicht haben mitteilen wollen. Was ist

beispielsweise der oben von mir beschriebene mystische Gesang bei der

Zubereitung des Tuscabieres anders als eine religiöse Zeremonie. Des

Nachts hörte ich zuweilen in den Hütten Gesang zum Takte der Klappern.

Als ich hineinging, wurde alles still. In aller Freundschaft hatte man

mir die Tür gewiesen. Warum setzten sie auf die elende Tontrommel,

ein mit Wasser zur Hälfte angefülltes Tongefäß, über welches ein

Fell gespannt ist, einen so großen Wert, wenn sie nicht heilig wäre?

Die Matacos wollten die Trommel nicht hergeben, denn dann stirbt

einer. Wie von Rosen, ist es auch mir gelungen, von den Chorotis eine

solche Trommel zu erhalten, von den Matacos ist es unmöglich. Es

scheint mir, als ob bei den verschlossenen Matacoindianern[42] das

Religiöse eine größere Rolle spielt, als bei den heiteren, sorglosen

Chorotiindianern. Will man die Religion dieser Indianer studieren,

so muß man sehr lange bei ihnen verweilen und alle Gedanken an eine

Expedition zur Heimführung großer Sammlungen aufgeben. Weiterhin

in diesem Buche werde ich die religiösen Begriffe eines anderen

höherstehenden Indianerstammes, die ich zu verstehen glaube, schildern.

Wie interessant wäre es gewesen, Vergleiche mit den niedrigerstehenden

anstellen zu können.

Fußnoten:

[34] Chorisia.

[35] Alle Überschriften der Sagen sind von mir erfunden, um den Inhalt

ungefähr wiederzugeben.

[36] Eigentümlicherweise werden in den Indianersagen, wie wir finden

werden, nicht selten Geschwisterehen erwähnt, obschon solche nie bei

den Indianern vorkommen. Wir werden weiterhin mit einigen ähnlichen

Fällen Bekanntschaft machen. Es ist kaum denkbar, daß diese Sagen so

weit zurückgehen, daß sie aus einer Zeit stammen, wo die Geschwisterehe

erlaubt war.

[37] Tolypeutes conurus.

[38] Dicholophus Burmeisteri.

[39] Polyporus vulgaris.

[40] Ehrenreich, Die Mythen usw. S. 62.

[41] Ehrenreich, Die Mythen usw. S. 94.

[42] Pelleschi gibt uns einen ganz guten Einblick in die religiösen

Vorstellungen einiger Matacoindianer. Eight months in the Gran Chaco.

London 1886.

+Siebentes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Kunst und Industrie.

Es gibt ein kleines Wort, das die Chorotiindianer stets anwenden,

nämlich és. Die Ashluslays sagen ìs. Es bedeutet gut, gesund, wohl und

hübsch. Wenn wir die Industrie und primitive Kunst dieser Menschen

beurteilen, so dürfen wir auch die Bedeutung dieses Wortes nicht

unterschätzen. Er, oder richtiger sie, denn in der Regel ist es

die Frau, die etwas Kunstfertigkeit besitzt, will, daß das von ihr

Hergestellte és ist. Sie ist stolz, wenn es richtig és ist. Sie lacht

vor Vergnügen, wenn sogar ein weißer Mann eins ihrer Erzeugnisse für és

findet. Die Ideen zu einem Ornament erhält sie auf verschiedene Weise.

Die Technik der Tongefäßerzeugung hat ihr die Idee gegeben, die Rollen,

aus denen sie das Tongefäß aufgebaut hat, auf einem Teil desselben als

Ornament stehen zu lassen (Abb. 46). Sie schmückt das Gefäß, indem

sie die Fingereindrücke, die sie in dem weichen Ton gesehen hat, zu

regelmäßigen macht. Durch Variation der Anzahl Fäden gelingt es ihr, an

den von ihr aus Caraguatábast hergestellten Taschen -- eine Industrie,

in der sie es sehr weit gebracht hat -- immer verwickeltere Ornamente

anzubringen. Sie macht die Taschen immer mehr és. Fremde Ornamente an

Gegenständen, die durch den Handel mit anderen Stämmen zu ihrem Stamm

gekommen sind, geben ihr neue Ideen. Was ich hiermit sagen will, ist

das, daß wir die Freude, die auch Naturvölker an der Herstellung oder

dem Besitz schöner, ornamentierter Sachen haben, nicht unterschätzen

dürfen.

Wenn die kleinen Kinder spielen, muß die Phantasie oft die Einzelheiten

einer Spielsache ausfüllen. Ein Holzklotz kann eine Lokomotive, ein

anderer ein Lastwagen sein. Was nicht in der Wirklichkeit vorhanden

ist, findet sich in der Erinnerung der mehr detaillierten Lokomotiven

und Wagen, die das Kind gesehen hat. Auf dieselbe Weise kann ein

solcher Hutpilz, wie er Abb. 47, Fig. 3 abgebildet ist, einen Maulesel

darstellen. Die Phantasie des Naturkindes füllt das Fehlende aus.

Betrachten wir die nebenanstehenden Figuren, so sehen wir, wie das

eine Detail nach dem anderen fortgefallen ist, bis das vierfüßige

Tier einbeinig und für den Uneingeweihten unerkennbar dasteht. Diese

eigentümlichen Tiere habe ich von Chorotimamas bekommen, die sie für

ihre Kleinen modelliert hatten.

[Illustration: Abb. 46. Tongefäß, an welchem die Rollen, von denen

es aufgebaut ist, als Ornament stehen geblieben sind. ¼. Von den

Mataco-Vejos. Ähnliche sieht man auch bei den Chorotis.]

[Illustration: Abb. 47. Puppen, von denen alle, außer 4, die von den

Tapiete stammen, von den Chorotis sind. ½.

1 = Maulesel.

2 = „

3 = „

4 = Frau.

5 = „ A = Kopf; B = Stirntätowierung; C = Nasentätowierung; D

= Tätowierung der Wangen; E = Auge; F = Kinntätowierung; G =

Frauenbrust.

6 = Gesichtstätowierung. Chorotifrau, Rio Pilcomayo.

7 = Frau. A = Haare; B = Tätowierung der Wangen; C = Frauenbrust; D =

Auge; G = Haare; E = Kinntätowierung; F = Stirntätowierung.

8 a = Mann. A = Stirntätowierung; B = Tätowierung unter den Augen; C

= Kopf mit Haaren.

8 b = Tätowierung der vorigen Figur. A = Stirntätowierung; B und C

Tätowierungen unter den Augen.

9 = Gesichtstätowierung. Chorotimann. Rio Pilcomayo.

10 = Mann. A = Stirntätowierung; B = Nasentätowierung; C = Kopf.

11 = Frau mit einem kleinen Kind. A = Rudimente der Tätowierung.

12 = Frau, die ein kleines Mädchen auf Chorotiweise trägt.

13 = Frau. A = Tätowierung der Wange; B = Stirntätowierung; C = Haar.

14 = Dieselbe Figur wie 13, von der Seite gesehen. A = Tätowierung

der Wangen; C = Haar.

15 = Frau. A = Kopf; B = Tätowierung der Wangen; C =

Nasentätowierung; D = Augen.

16 = Frau. A = Nasentätowierung; B = Rudimente der Tätowierung der

Wangen.

17 = Frau. A = Rudimente der Tätowierung.

18 = Frau. A = Rudimente der Tätowierung; B = Augen.]

Hier sind auch einige Puppen von den Chorotis abgebildet, zu deren

Verständnis ebenfalls eine Erklärung notwendig ist. Die Form ist bis

zur Äußerlichkeit vereinfacht worden, während man sie gleichzeitig

mit einem erklärenden Detail versehen hat. Sie haben weder Arme und

Beine, noch rudimentäre Köpfe, aber eine genau ausgeführte Tätowierung,

welche allerdings im Gesicht und nicht, wie hier bei den Puppen, auf

dem ganzen Körper sitzen soll. Dies bedeutet jedoch nicht viel. Das

Wichtigste ist, daß sie überhaupt mitgekommen ist. Es ist ganz

dasselbe, als wenn die Bororóindianer K. v. d. Steinens[43] den

Schnurrbart auf die Stirn zeichneten. Er sollte in der Beschreibung,

die der Naturmensch mit seiner Zeichnung von diesem weißen Mann

gab, mit dabei sein. Nicht an allen Puppen hat man die Tätowierung

ordentlich ausgeführt, auch sie wird allmählich bis zu einem bloßen

Ornament vereinfacht.

[Illustration: Abb. 48. A Strumpf aus Caraguatá, angewendet zum Schutz

gegen den Biß der Palometafische. Ashluslays. B, C, D Taschen aus

Caraguatá. Chorotis.]

Die Chorotiindianer haben eine Industrie, in der sie sehr bedeutend

sind. Dies ist die Herstellung von Taschen und Hemden aus Blattfasern

der Caraguatá. (Taf. 16.) Wer in den Trockenwäldern des Chaco gewandert

ist, erinnert sich sicher sein Leben lang der Caraguatápflanze, mit

ihren krummen Stacheln, erinnert sich, wie schwer es gewesen ist,

auf Boden vorwärts zu kommen, der mit dieser so nützlichen und so

unangenehmen Pflanze dicht bewachsen war, erinnert sich, wie er sich

die Kleider und die eigene Haut zerrissen hat.

[Illustration: Abb. 49. Grabestock. ¹⁄₁₅. Ashluslay.]

[Illustration: Abb. 50. Säge aus hartem Holz. ⅓. Ashluslay.]

[Illustration: Abb. 51. Scharre aus Muschelschalen.

⅓. Ashluslay.]

Indianerleben · 第 7 / 21 段