Die Indianerfrau gebiert leicht und geht schnell, oft schon nach

einem Tage, wieder an ihre Arbeit. Eine ältere Frau übernimmt die

Rolle der Hebamme. Bei den Chorotis kommt, wie bei vielen anderen

Indianerstämmen, der Brauch vor, daß der Vater des Kindes im Wochenbett

liegt und Diät hält.

Die Chorotis haben in der Regel nur zwei bis vier Kinder, die

Ashluslays scheinen etwas mehr zu haben. Zwillinge habe ich niemals

bei den Indianern gesehen. Keine dieser Indianerfrauen schafft sich

ein neues Kind, bevor das vorhergehende herumlaufen kann und ihr

nicht allzusehr zur Last fällt. Für diese Indianer, die umfassende

Wanderungen vornehmen, ist es nicht ratsam, daß jede Frau mehr als

ein Kind hat, das beständig getragen werden muß. Das Zwei- bis

Dreikindersystem ist deshalb hier ein gesunder und natürlicher Brauch.

Die Kinder bekommen in der Regel erst Namen, wenn sie alt genug sind,

um darauf zu hören. Einige Chorotinamen habe ich aufgezeichnet,

z. B. für Männer Yóselianéc (Fuchstöter), Hótenic (Mataco), Éstiáhua

(Charata, ein Hühnervogel), und für Frauen Häku (nicht süß), Kósoki

(mit Ausschlag), Aséshnialo (viele Frauen).

Die Frau repräsentiert hier, wie ich gesagt habe, das fleißigste

Element des Gemeinwesens. Auf ihr Los kommt vor allem das meiste der

Arbeit innerhalb des Dorfes. Die Frau führt bei diesen Indianern

beinahe alle die Arbeit aus, die Kunstfertigkeit und Geduld erfordert.

Sie bindet die stilvollen Taschen aus Caraguatáfasern (Abb. 48), webt

(Abb. 52) und macht Tongefäße (Abb. 54), alles das, was Handfertigkeit

erheischt. Nur in der Holzarbeit zeigt der Mann Proben seiner

Arbeitstauglichkeit. Der Mann hat hier die Industrie übernommen, zu

welcher die schneidenden Werkzeuge, welche er früher von den auf der

Jagd und beim Fischfang von ihm getöteten Tieren erhielt, erforderlich

sind, und er ist auch im Besitze der oft wenigen eisernen Messer, die

im Stamme vorhanden sind und die er von den Weißen erhalten hat. In

abgelegenen Dörfern im Chaco leben die Frauen noch oft im „Holzalter“

und wenden Werkzeuge aus hartem Holze an, während die Männer Messer aus

Eisen haben.

Die Wetzsteine, die man im inneren Chaco im Besitze der Indianer

findet, sind alle von weit her und sind sicher durch Handel zwischen

den Stämmen nach dem Chaco gekommen. In früheren Zeiten waren die

Steine sicher kostbar und die Steingeräte selten. Vielleicht haben sie

niemals Steinwerkzeuge gehabt. Ich habe in keinem Dorfe eine Steinaxt

gesehen und niemals gehört, daß bei den Chorotis oder Ashluslays solche

gefunden worden sind. Harte Hölzer und Knochen, aus denen Werkzeuge

gemacht werden können, gibt es dagegen in reicher Fülle. Noch sieht

man auch, wie schon erwähnt, besonders bei den Ashluslays viele solche

primitive Werkzeuge und Geräte im Gebrauch (Abb. 17). Die Holzgeräte

sind beinahe alle aus Palosanto[28][29], einem sehr harten, schweren

und wohlriechenden Holze. Um diese Geräte herzustellen, sucht man an

den Stellen, wo der Wald niedergebrannt ist und viel getrocknetes Holz

auf der Erde liegt, Stücke von geeigneter Form und Größe aus. Nach der

Angabe eines alten Ashluslayhäuptlings, Mentisa, wurden die Holzgeräte

früher mit Holz, Muschelschalen und Feuer bearbeitet. Steingeräte

kannte er nicht. Die Mörtel brennen die Ashluslays noch aus. Außer

primitiven Gerätschaften aus Holz sieht man auch solche aus Zähnen,

Knochen und Muschelschalen.

Der Mangel an Steinen ist bei den Ashluslays so groß, daß man sie

ihre von den Weißen erhaltenen Messer sehr oft an den Blättern der

Holzspaten schleifen sieht. Deshalb ist auch die eine Seite der Spaten

gewöhnlich vollständig glattpoliert.

In diesem primitiven Gemeinwesen ist die Arbeitsverteilung zwischen

den Geschlechtern äußerst streng durchgeführt. Es kann niemals die

Rede davon sein, daß ein Mann z. B. ein Tongefäß formt oder eine

Frau einen Spaten schnitzt. Das wäre ganz einfach unerhört. Jedes

Geschlecht stellt indessen nicht alles her, was es anwendet. So sind

die Mäntel und Taschen der Männer von den Frauen gearbeitet, während

die Holzwerkzeuge, die die Frauen benutzen, von den Männern geschnitzt

werden.

Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen.

Männer Frauen

Fischfang + +[30]

Jagd +

Einsammeln von

Honig + ?

Netzstricken +

Mattenbinden +[31]

Federarbeit +

Landbau (Jäten des

Ackers) + +

Säen + +

Ernten + +

Kochen +[32] +

Holztragen +

Bereitung berauschender

Getränke +[33] +

Keramik +

Holzarbeiten +

Herstellung von Taschen

aus Caraguatá +

Lederarbeiten + +

Waffenanfertigung +

Schneiden von

Kalebassen +

Hausbau +

Weben, Bänderflechten. +

Einsammeln wilder

Früchte +

Viehzucht +

Nähen + +

Die Ashluslay- und Chorotistämme sind sozial insofern gleichgestellt,

als ein Chorotimädchen ein Liebesverhältnis mit einem Ashluslaymann,

und eine Ashluslayfrau ein solches mit einem Chorotimann haben kann.

Anders verhält es sich z. B. zwischen Chorotis und Chiriguanos.

Chiriguanoindianer haben sehr häufig zufällige Verbindungen mit

Chorotimädchen, wenn sie sich auf einem gemeinsamen Arbeitsplatz

treffen; daß eine Chiriguanoindianerin sich einem Chorotiindianer

hingäbe, ist dagegen undenkbar. Die Chiriguanos sehen auf die anderen

Chacostämme herab, und diese bewundern ihrerseits die Chiriguanos.

[Illustration: Tafel 9. Chorotifrau mit eingesammelten wilden Früchten

und Holz auf dem Heimweg.]

Wie bei mehreren anderen Volksstämmen, wo die freie Liebe blüht, hat

sich diese Institution bei den Chorotis und anderen Chacostämmen zur

Prostitution entwickelt, wenn der Stamm mit den Weißen in Berührung

kam. So schicken die in dieser Beziehung den Chorotis moralisch

gleichstehenden Tobas Gruppen junger Mädchen unter Leitung einer

älteren Frau nach Argentinien. Die Matacos sagten offen, am besten

verdienten in den Fabriken die jungen Mädchen. Die Chorotimädchen

verkauften sich an die Weißen für ca. 50 Centavos oder vier Ellen

Zeug. Die bolivianischen Soldaten bekamen sie für ein Stück Brot. Die

jüngsten Mädchen hielten sich in der Regel ausschließlich an die jungen

Indianer und mischten sich wenig mit den Weißen. Die verheirateten

Frauen hatten niemals Verbindungen mit den Weißen. Bei den Ashluslays

hat das Verderben 1909 noch wenig Eingang gefunden.

Von älteren unverheirateten Mädchen habe ich bei den Chacoindianern

nie reden hören. Dagegen wurde mir bei den Chorotis als große

Merkwürdigkeit ein Mann gezeigt, der niemals eine Frau gehabt hatte.

[Illustration: Abb. 38. Tongefäß. Ashluslay. ⅓.]

Fußnoten:

[24] Dicholophus Burmeisteri.

[25] Das Schwirrholz besteht aus einer ovalen Holzscheibe, an die man

eine Schnur gebunden hat.

[26] Lehmann-Nitsche. Patagonische Gesänge und Musikbogen. Anthrop. Bd.

III. 1908. Siehe auch weiterhin in diesem Buche.

[27] Eine richtige Auffassung der Stellung der Frau im indianischen

Gemeinwesen hat Koch-Grünberg in seiner ausgezeichneten Schilderung des

Indianerlebens am Rio Negro gegeben. Zwei Jahre unter den Indianern.

Berlin 1909.

[28] Bulnesia Sarmienti.

[29] Infolge der Armut an Steingeräten wäre das archäologische Studium

eines Volkes, das auf seinen Begräbnisplätzen nicht mehr hinterlassen

hat, als die Chacovölker, eine sehr undankbare Aufgabe. Wenige

Tonscherben, Schneckenschalen und knöcherne Pfriemen sind alles, was

man finden könnte. Sie legen sehr wenig Beigaben in die Gräber. Die

Völker, die auf demselben Standpunkt wie die Chacovölker gestanden und

unter ähnlichen Verhältnissen gelebt haben, können wir niemals durch

archäologische Forschungen näher kennen zu lernen hoffen.

[30] Mit Körben bei den Ashluslays.

[31] Nur bei den Ashluslays.

[32] Rösten der Nahrung.

[33] Nur Gären.

+Sechstes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Trinkgelage.

Man könnte beinahe sagen, daß das Leben für den Choroti- und

Ashluslayindianer aus drei Perioden besteht. Die erste ist dem Spiele,

die zweite der Liebe und die dritte dem Trinken geweiht. Der Mann hat

ja auch einige Zeit der Versorgung seiner Familie zu widmen, aber am

meisten interessieren ihn, wenn er älter ist, die Trinkgelage. Die

Frauen bereiten die berauschenden Getränke zu und verwenden darauf

einen außerordentlichen Fleiß. Den ganzen Tag streifen sie umher, um

die Früchte, aus denen jene bereitet werden, zu sammeln, zu mahlen,

zu kochen usw., und gleichwohl sind sie von den Festen vollständig

ausgeschlossen. Das einzige, womit der Mann sich befaßt, ist die

Gärung. Diese ist der Gegenstand einer geradezu religiösen Sorgfalt.

Die geistigen Getränke werden aus Tusca, Algarrobo, Chañar,

Wassermelone und Mais bereitet. Alle diese, mit Ausnahme solcher

aus Wassermelonen, habe ich gekostet. Sie sind, außer dem aus der

Algarrobo bereiteten, der infolge des großen Zuckergehalts der Frucht

außerordentlich alkoholreich ist, ziemlich unschuldig. Im November und

Dezember, wo die Algarrobofrucht reif ist, finden auch in den Choroti-

und Ashluslaydörfern wilde Zechgelage, tägliche Orgien statt, an denen

der arme Ethnograph, falls er mit den Indianern auf gutem Fuß zu stehen

wünscht, teilzunehmen gezwungen ist.

[Illustration: Abb. 39. Ashluslay mit einer Kalebasse Algarrobobier.]

Das Tuscabier wird so zubereitet, daß man die Frucht mahlt, Wasser

hinzusetzt und das Ganze dann in einer schmutzigen Haut oder in großen

Kalebassen gären läßt. Eines Nachts war ich mit dabei, als in einem

Chorotidorf das Tuscabier gegoren wurde. Dies begann damit, daß zwei

Männer im Männerhaus, den Rücken einander zugewendet, um das Feuer

herumsaßen und sangen und den Takt mit den Kalebaßklappern angaben.

Etwas später setzte man sich um die Haut, in welcher man das Bier zu

gären begann. Ein Mann und ein Jüngling sangen, von einer Klapper

akkompagniert, das Gesicht dem Monde zugekehrt. Hier und da johlten

und klapperten andere Männer. Hierauf wurde die Tongefäßtrommel

herbeigeholt und auf einen Strohring gestellt. Mit eintönigen Schlägen

begleitete man den Gesang. Mitten in der Nacht wurde er unterbrochen

und man lief nach dem Fluß und fischte mit ganz gutem Erfolg. Die

Fische wurden geröstet und verzehrt. Nachdem das Nachtmahl gehalten

war, begann wieder der Gesang und wurde mit einer Trommel und vier

Klappern fortgesetzt. Die Gesänge kamen mir wie bloße Refrains vor:

Höö, höö, höö, höö, la e la, höö, la e la ... höö, höö, la e la. Man

sang erst leise, dann plötzlich ansteigend und wieder abfallend.

Mehrere johlten unisono. Ruhte die eine Gruppe, so begann eine andere.

Des Morgens wurde wieder gefischt und zum Frühstück das mit so großer

Sorgfalt zubereitete Tuscabier getrunken, das, nachdem es durch eine

schmutzige Tasche geseiht worden war, in Kalebaßschalen gereicht wurde.

Die Choroti glauben durch Singen die Gärung zu beschleunigen.

Das Tuscabier hat einen säuerlichen, erfrischenden Geschmack, aber

einen ekelhaften Geruch.

Die Chañarfrüchte kocht man und läßt sodann die ganze Suppe gären.

Die Algarrobofrüchte werden gemahlen und in Wasser gewärmt, worauf man

sie, wie die vorhergehenden, in großen schmutzigen Kalebassen oder

in gewaltigen Holzmulden aus Flaschenbaumholz[34] gären läßt. Die

Ashluslays habe ich die Hefe in der Weise bereiten sehen, daß sie einen

Teil des gemahlenen Algarrobo kauen und dann zu dem übrigen hinspeien.

Das Chañarbier hat einen süßsäuerlichen, etwas ekligen Geschmack, das

Algarrobobier ist gut. Es hat einen süßen, etwas zusammenziehenden

Geschmack. Hat es zu lange gegoren, so ist es stark berauschend. Wie

das Maisbier zubereitet wird, habe ich nicht gesehen. Es ist bei

einer Menge Indianerstämme in Südamerika gut bekannt. Es hat einen

erfrischenden, angenehmen Geschmack.

Bei den Ashluslays habe ich an verschiedenen großen, bei den

Chorotis an einigen kleineren Trinkgelagen teilgenommen. Es war

interessant, hat aber einige Selbstüberwindung gekostet. In den

Dörfern befindet sich gewöhnlich ein den Trinkgelagen geweihter

Platz. Um die Mittagszeit versammeln sich dort die Männer, jeder

kommt mit seiner Sitzmatte und seiner zwei bis drei Liter haltenden

Kalebaßschale. Die Frauen schaffen gewaltige Kalebassen mit Bier

herbei. Dies wird zuweilen in ein großes Tongefäß (Abb. 40) gefüllt,

aus dem es dann dargereicht wird. Bei einem Fest bei dem alten Aslú

wurde das Algarrobobier in einem echt europäischen Nachtgeschirr von

wohlbekannter Form herumgereicht. Die Alten fischen mit den Händen

den Staub aus dem Bier, das sie dann zwischen den schmutzigen Fingern

durchseihen.

[Illustration: Abb. 40. „Bowle“, aus einem Ashluslaydorf. ¹⁄₁₂.]

Der Gast wird, besonders wenn er das Unglück hat, beliebt zu sein,

sehr gut behandelt. Er erhält eine Sitzmatte und eine zwei bis drei

Liter enthaltende Kalebasse. Setzt er sich, winken ihm alle mit der

Hand zu, und er muß das gleiche tun. Das ist ein Gruß. Dann heißt es

trinken, denn hier gilt es auszutrinken, sonst ist man unhöflich.

Ist es einem gelungen, seinen Liter herunterzubekommen, ohne sich zu

übergeben, dann beginnt wieder das Winken. Die in der Nähe sitzenden

Alten wischen einem nun, der eine nach dem anderen, immer mit ihren

schmutzigen Fingern den Mund. Das ist der Gipfel der Freundlichkeit.

Muß man nach allem diesem einmal austreten, dann darf man keinesfalls

vergessen, seinen Nachbarn mit der Hand zuzuwinken und „paa“ zu sagen,

denn sonst ist man ungezogen. Das schlimmste ist, daß man zurückkommen

und aushalten muß, bis das Fest aus ist, bis die Wirte betrunken sind

und heulen, Reden halten, in die Bowle spucken und sonst ihr Vergnügen

haben. Ohne die Pfeifenspitze abzuwischen, muß man ruhig mit alten,

schmutzigen, geifernden Greisen abwechselnd rauchen.

Als die Alten richtig in Stimmung gekommen waren, haben sie mir das

Gesicht mit Ruß und Speichel schwarz bemalt. Meine Augenbrauen und

Augenhaare wollten sie ausreißen, sie verspotteten mich wegen meines

langen, häßlichen Bartes, in meine Ohren wollten sie Löcher bohren.

Bei diesen Trinkgelagen, wo alle betrunken sind, habe ich niemals ein

hartes Wort sagen hören, niemals bemerkt, daß die geringste Zänkerei

entstanden ist. Ist der Indianer von seinem selbstgebrauten Bier

betrunken, so ist er nicht angenehm, er wird aber niemals unverschämt,

er gehört zu dem Typ Betrunkener, die alle umarmen wollen, deren

Freundlichkeit unangenehm übertrieben ist. Er wird mutig und prahlt mit

seinen Kriegertaten. Feldzugspläne werden besprochen, die vergessen

sind, wenn der Rausch vorüber ist. Er singt und ist heiter.

Will man das Herz dieser Indianer gewinnen, so muß man versuchen, ihr

Leben zu leben, alles zu essen und zu trinken, was einem angeboten

wird, mit ihnen zu tanzen und zu singen, sich ins Gesicht speien zu

lassen und so wie sie gekleidet zu gehen.

Man muß auch, ebenso wie wenn man unter weißen Menschen ist, taktvoll

und rücksichtsvoll auftreten, wie die Indianer selbst. So manches

Mal habe ich Beispiele von dem taktvollen Auftreten der Indianer

gesehen. Nach einem großen Fischzug, den einige Ashluslays und Chorotis

gemeinschaftlich vorgenommen hatten, kam ich mit einigen Chorotis

vorbei. Ich tauschte mir bei den Indianern zwei Arten Fische ein, eine

dritte bekamen meine Begleiter als Geschenk. Ich ließ meine Freunde

durch den Dolmetscher fragen, welche Art Fische die beste sei, dieser

wollte aber, offenbar um den Geber nicht zu verletzen, der einen

weniger guten Fisch geschenkt hatte, meine Frage nicht beantworten.

Der Branntwein ist bei den Ashluslays noch unbekannt, und auch die

Chorotis haben selten Gelegenheit, solchen zu trinken. Das kommt

aber wohl noch, dafür sorgen schon allmählich die Weißen. Auf der

argentinischen Seite des Rio Pilcomayo gibt es schon genug Feuerwasser

und ein auserlesenes Gesindel Weiße. Die Bolivianer, die den Rio

Pilcomayo hinuntergedrungen sind, sind dagegen in der Regel anständige

Menschen.

[Illustration: Abb. 41. Pfeifenkopf. Ashluslay.]

[Illustration: Abb. 42. Pfeifenkopf. Ashluslay. ½.]

[Illustration: Abb. 43. Pfeifenkopf. Ashluslay. ¼.]

Das Tabakrauchen.

Man sagt ja, keine Mauer sei so hoch, daß nicht ein goldbeladener

Esel hinüberkomme. Mit einem mit Tabak beladenen Esel kommt man im

Chaco beinahe überall durch, auch in Gegenden, wo das Gold als wertlos

betrachtet wird. Teilt man in den Dörfern etwas Tabak aus, wird man gut

aufgenommen und kann Essen und alles, was man braucht, eintauschen.

Ein großer Tabakvorrat ist das Akkreditiv, das jeder, der unter den

Indianern des Chacos reisen will, mithaben muß. Die Indianer sind

in so hohem Grade passionierte Raucher, daß ein alter, verdorbener

weißer Tabakraucher darüber in Staunen geraten muß. So boten mir die

Mataco-Guisnay am Rio Pilcomayo für ein bißchen Tabak ihre Messer, ihre

unentbehrlichen Messer an. In jedem Indianerdorf im Chaco, in das ich

gekommen bin, habe ich auch reichlich Tabak ausgeteilt und damit einen

sicheren Grund zur Freundschaft gelegt.

Es ist merkwürdig, daß die Indianer so eifrig hinter dem Tabak her

sind, da sie doch selbst solchen bauen. Man braucht indessen ihren

Tabak nur zu versuchen, um zu verstehen, daß sie lieber den des weißen

Mannes rauchen, denn ihr eigener ist geschmacklos und schlecht. Sie

verstehen offenbar nicht, ihn aufzubewahren, sondern lassen ihn

vermodern, so daß er wie Kompost aussieht. Die Chacoindianer wollen

starken Tabak. Sie sind alle Pfeifenraucher, und man sieht im Chaco

einen großen Reichtum an Pfeifentypen.

Die Frauen rauchen in der Regel nicht. Eine Ausnahme bilden jedoch die

Chorotimädchen, die viel mit Weißen gelebt haben. Schenkt man einer

Frau Tabak, so gibt sie das Erhaltene ihrem Manne. Die Knaben sind,

wenn sie über Tabak kommen, große Raucher. Oft sieht man Knaben von

vier bis fünf Jahren mit Wohlbehagen qualmen.

Die Indianer rauchen, wie schon erwähnt, immer abwechselnd, d. h. die

Pfeife geht von Mund zu Mund. Jeder tut ein paar kräftige Züge und dann

geht die Pfeife weiter zum nächsten Mann. Manchmal ist es mir passiert,

daß ein Indianer mir die Pfeife oder Zigarette aus dem Mund genommen,

einige Züge getan und sie mir dann wieder in den Mund gesteckt hat. Man

gewöhnt sich so sehr an diese Sitte, daß man sich förmlich geniert,

so geizig zu sein, allein zu rauchen. In der Regel reichte ich meine

Pfeife nach ein paar Zügen einem Indianer, um sie dann, wenn sie die

Reihe entlang gegangen war, ausgeraucht zurückzubekommen. Die Chorotis

im Chaco mischen den Tabak oft mit Spänen einer außerordentlich

wohlriechenden Rinde, was dem Rauch einen sehr pikanten Geschmack gibt.

Diese Rinde erhalten sie von den bei Caiza, nahe den letzten Ausläufern

der Anden gegen den Chaco, wohnenden Chorotis.

Besonders liegt es den Indianern am Herzen, daß bei den Trinkgelagen

genügend Tabak vorhanden ist. Dieser ist ebenso notwendig, wie

Zigarren zum Punsch und Kaffee für viele Schweden. Wandert man mit

diesen Indianern, so muß man sich auch darein finden, daß jede zweite

Stunde Halt gemacht und eine Pfeife geraucht wird. Dies ist so wichtig,

daß man es nicht im Gehen tun kann, sondern sitzend, in allerschönster

Ruhe, soll man den herrlichen Rauch genießen.

Jedem, der im Chaco reist, will ich deshalb den Rat geben, so

viel Tabak mitzunehmen, wie man es für Geschenke und Tauschwaren

erforderlich hält -- und dann noch einmal soviel -- dann reist

man je nach den Verhältnissen ebensogut wie derjenige, der in der

zivilisierten Welt mit einer mit Gold gespickten Börse reist.

Medizinmänner, religiöse Vorstellungen.

Nach den großen Trinkgelagen werden die Indianer nicht selten krank.

Irgendeiner hat eins seiner eigenen Haare oder Exkremente in das

gelegt, was er getrunken hat. Er ist verhext worden. Die Medizinmänner

werden herbeigerufen, um die Verhexung zu lösen. Will man nicht

verhext werden, dann hat man, wenn man in einem fremden Dorfe ist, vor

allem darauf zu achten, daß niemand sieht, wo man seine Bedürfnisse

verrichtet. Man setzt sich sonst dem aus, daß man etwas davon zu essen

bekommt, und das soll nicht gut sein.

Mehrmals habe ich die Medizinmänner in den Dörfern bei der Ausübung

ihres Berufs gesehen. Eines Tages, als ich bei den Chorotis war, fühlte

ich mich etwas unwohl und ließ einen dieser Herren nach meinem Lager

rufen. Ich gab vor, im unteren Teil der Brust einen heftigen Schmerz zu

verspüren, und fragte ihn, ob er mich heilen wolle. Er versprach mir am

Abend zu kommen. In der Dunkelstunde fand er sich zusammen mit einem

Kollegen ein. Sie verlangten allein mit mir gelassen zu werden. Moberg

und Andersson wurden hinausgewiesen und Posten wurden aufgestellt,

damit kein Unbefugter in die Hütte komme.

Zuerst mußte ich mich nackend ausziehen und hinlegen. Dann strichen

sie mir über Brust, Seiten und Magen und hierauf bespuckten sie mich.

Danach begannen sie mich anzupusten und später legten sie sich nieder

und saugten kräftig an meiner Brust, besonders an der Stelle, wo ich

mich über Schmerzen beklagt hatte. Nachdem sie ein Weilchen gesaugt

hatten, wandten sie sich ab und taten, als übergäben sie sich. Das

Erbrochene zeigten sie mir nicht, als sie es aber zwischen den Fingern

zermahlten, sah es aus, als ob sie Würmer zerdrückten. Das Ganze

dauerte wohl eine Stunde, und als ich mich wieder ankleiden durfte,

hatte ich überall Saugflecken. Die werten Herren unterhielten während

der ganzen Heilung ein lebhaftes Gespräch, das ich nicht verstand. Aus

der Mimik konnte ich jedoch verstehen, daß es sich um eine Konsultation

(Beschwörung) handelte. Als Honorar erhielt der eine Arzt ein Hemd und

der andere ein Paar enganschließende Unterhosen.

Früh am folgenden Tage versammelte sich um mein Lager eine Menge

schmutziger alter Männer, die sich nach meinem Wohlbefinden

erkundigten. Es war offenbar die ganze medizinische Fakultät der

Chorotis. Ich erklärte mich vollständig geheilt, und meine Chorotiärzte

lächelten selbstgefällig und zufrieden, ganz so, wie es manche ihrer

zivilisierten Kollegen in ähnlicher Lage ebenfalls getan hätten.

Einmal erkrankte der Sohn eines alten, einflußreichen Chorotihäuptlings

vom Ashluslaystamm, und es wurden nicht weniger als sieben

Medizinmänner gerufen. Es waren offenbar bedeutende Männer aus beiden

Stämmen, von denen einige von weither gekommen waren. Der Fall

wurde als schwierig betrachtet. Wahrscheinlich war es Kolik. Ein

Schaf wurde geschlachtet, und den werten Herren wurden große Haufen

Essen vorgesetzt. Die Höflichkeit erfordert augenscheinlich, daß

die Medizinmänner während der ganzen Zeit, wo sie ihren Beruf nicht

ausüben, essen sollen. Mehreremal ging ich hinein und setzte mich

zu ihnen, teilte Tabak aus und konnte somit sehen, wie sie den Mann

heilten. Wenn sie nicht aßen, so saugten sie und spuckten und bliesen

ihn an. Zuweilen saugten sie alle auf einmal, zeigten etwas mit einer

wichtigen Miene, gingen dann abseits und vergruben es. Ich benutzte

die Gelegenheit und bat sie mir zu zeigen, was es sei, und der Arzt --

der Zauberer -- reichte mir einige Haare.

Als dieser Indianer geheilt wurde, saßen sowohl Kinder wie Frauen um

die Medizinmänner, und diesem bewundernden Publikum zeigten die werten

Herren, was sie aus dem Körper des Kranken herauszusaugen vermocht

hatten.

Für den Kranken hatte man einen Krankenstuhl gemacht, den wir hier

auf der Zeichnung sehen (Abb. 44). Er bestand aus drei in den Boden

gestoßenen und mit Querriegeln verbundenen Stangen. Man kann ruhig

sagen, daß er einfach war. In diesem Stuhl oder richtiger gegen diese

Stütze saß der Kranke, um sich auszuruhen.

Auch Neugeborene habe ich durch Aussaugen heilen sehen. Auch Weiße

lassen Medizinmänner kommen, und diese erzählten, wie sie jene geheilt

hätten, nachdem alle möglichen Arzneien, die sie für teures Geld

gekauft hatten, nichts geholfen hätten. Ich meine auch, die ärztliche

Kunst der indianischen Medizinmänner kann ebenso gut sein, wie

elektrisches Öl, Williams Pillen, das wundertätige Salz und andere von

den Weißen hier massenweise verkaufte amerikanische Humbugarzneien.

Indianerleben · 第 6 / 21 段