Die von allen Choroti- und Ashluslaymännern, manchen Chorotifrauen,

aber keinen Ashluslayfrauen getragenen Ohrenklötze haben mit dem

Eintritt der Mannbarkeit nichts zu tun. Die Ashluslays durchbohren die

Ohren der Kinder, wenn diese drei bis vier Jahre, die Chorotis wenn

sie sieben bis zehn Jahre alt sind. In demselben Alter werden auch die

Ohren der Mädchen durchbohrt.

Der Vater sticht mit einem Kaktusdorn seinen Kindern Ohrlöcher ein.

Wenn die Kinder fünf bis sieben Jahre alt sind, werden sie

tätowiert. Bei den Chorotis sind die Männer in der Regel, die

Frauen stets tätowiert, bei den Ashluslays nur die Frauen. Ich habe

einige Tätowierungen wiedergegeben und gezeigt, wie man nach und

nach tätowiert, indem man bei den Chorotis mit dem Stirnzeichen,

bei den Ashluslays mit den Strichen auf dem Kinn beginnt. In der

Chorotitätowierung kommt in der Ornamentik eine gewisse Variation

vor, bei den Ashluslays ist die Tätowierung ein typisches, konstantes

Stammzeichen, in dem nur die Anzahl der Striche auf dem Kinn schwanken

kann.

[Illustration: Abb. 28. Tätowierung und Gesichtsbemalung. Chorotis. Rio

Pilcomayo.

a = etwa fünfjähriges Mädchen; b = ungefähr siebenjähriges Mädchen;

c = ca. achtzehnjähriges Mädchen; d = Frau; e = Frau; f = etwa

achtzehnjähriges Mädchen; g = Mann; h = Mädchen, dessen Mutter Choroti

und Vater Ashluslay ist; i = Mann. a–e nur tätowierte; f–i tätowierte

und bemalte. Zeichnung = Tätowierung. Lavierung = Gesichtsbemalung.

Diese letztere ist rot.]

[Illustration: Abb. 29 Tätowierung und Gesichtsbemalung. Chorotis,

Ashluslays und Matacos.

a = ca. fünfjähriges Mädchen; b = für die Ashluslayfrauen typische

Stammestätowierung; c–g = Männer; a–g = Ashluslays; a u. b Tätowierung;

c–g = Gesichtsbemalung (Ruß oder vom Verf. erhaltene grüne Farbe); h

= auf der Stirn und unter den Augen tätowiertes, auf den Wangen mit

roter Farbe und Ruß bemaltes Chorotimädchen; i = Matacomann, Crevaux,

tätowiert; j–k = Chorotis; j = Mann; k = Frau. Zeichnung = Tätowierung;

Lavierung = Gesichtsbemalung.]

[Illustration: Abb. 30. Alte Chorotifrau, die den Verf. tätowiert hat.]

Beinahe immer nimmt eine ältere Frau die Tätowierung vor.

Von der hierneben vorgestellten Alten habe ich ein Stirnzeichen auf

meinen Arm tätowieren lassen. Dies geschah in folgender Weise. In der

flachen Hand bereitete die Alte aus Kohle und Speichel schwarze Farbe.

Mit dieser malte sie dann mit einem Stäbchen eine Figur auf meinen Arm

und stach dann mit einigen Kaktusstacheln kräftig in diesen. Nachdem

es fertig war, spuckte sie auf die Wunde und rieb den Speichel mit der

Faust in mein Blut.

Moberg ist auch auf Chorotiart tätowiert. Ich glaube, er hat eine

Musterkarte aller möglichen Tätowierungsfiguren, mit denen die jüngsten

und schönsten Indianermädchen ihn geschmückt haben, auf seinem Körper.

Nach der ersten Menstruation haben die Mädchen ihre vollständige

Freiheit, die sie auch eiligst benutzen.

Die Jugend trifft sich auf der Tanzbahn.

In den größeren Dörfern ist sowohl bei den Chorotis wie bei den

Ashluslays jeden regenfreien Abend Ball, d. h. wenn der Magen nicht

leer ist. Dieser Tanz bildet das ganze Leben der Jugend, um ihn dreht

sich all ihr Interesse. Für ihn malen und schmücken sie sich.

Mehrere Stunden vor dem Ball beginnen die jungen Herren mit ihrer

Toilette. Mit äußerster Sorgfalt kämmen sie sich zuerst das Haar und

ordnen dann die Stirn- und Ohrenlocken. Die Augenbrauen und Augenhaare

werden ausgerissen, ebenso jedes Härchen, das sich auf Kinn oder

Oberlippe herauswagen sollte. Ebenso wird das Haar unter den Armen und

um die Geschlechtsteile entfernt.

Hierauf wird das Gesicht bemalt. Früher mußte man bei dieser wichtigen

Arbeit die Hilfe anderer in Anspruch nehmen. Nachdem der weiße Mann

den Spiegel eingeführt hat, kann man sich selbst malen und sich über

die Wirkung jedes roten, gelben oder schwarzen Striches freuen.

Diese ausgezeichnete Erfindung ermöglicht es den jungen Indianern,

stundenlang in andächtiger Bewunderung ihrer eigenen Schönheit dasitzen

zu können. Die rote Farbe erhält man aus den durch Tausch von den

Chiriguanos erhaltenen Samen eines Busches, Bixa orellana. Die gelbe

Farbe, die selten zur Anwendung kommt, wird durch Kauen einer Wurzel

bereitet. Die schwarze besteht ganz einfach aus Ruß und Speichel.

[Illustration: Tafel 7. Ashluslay-Tänzer.]

[Illustration: Abb. 31. Ashluslaymann.]

Es ist nichts Ungewöhnliches, daß man die Ornamente mit Stempeln

ins Gesicht drückt (Abb. 32). Diese sind als eine primitive Form

der bei den Yuracáreindianern und besonders bei den Stämmen in

Nord-Südamerika gewöhnlichen Stempel zur Vervielfältigung der oft

sehr schönen Ornamente zu betrachten. Den allereinfachsten Stempel,

den ich gesehen habe, beobachtete ich bei einer Tsirakuafrau, über

welche ich weiter unten zu berichten Gelegenheit haben werde. Sie

berußte zuerst die ganze Innenfläche der Hand und zeichnete dann ein

Ornament in den Ruß. Durch Drücken der Hand gegen die Backen bemalte

sie sich mit dem Negativ des aufgezeichneten Ornaments. Nachdem man

sich fertig gemalt hat, ordnet man die Halsketten aus Schneckenschalen

und den Federschmuck. Man prüft die Wirkung der auf verschiedene Weise

gedrehten Halsketten, man freut sich über den flatternden Federschmuck,

man putzt die Ohrenklötze.

Falls es nicht kalt ist, hat der junge Choroti oder Ashluslay so viel

Verstand, daß er sich auf dem Balle nicht mit den von den Weißen direkt

oder indirekt erhaltenen alten Hemden oder Hosen, welche den Chaco

zu überschwemmen drohen, bekleidet. Hauptsächlich die älteren Männer

fangen an, die europäische Kleidung oder richtiger Teile derselben zu

tragen, denn selten ist ein Choroti und noch weniger ein Ashluslay so

reich, daß er einen vollständigen Anzug besitzt. Hat er einen Rock, so

hat er wahrscheinlich keine Hosen, oder umgekehrt.

Die von den Männern angewendete Tracht ist ein Ledergürtel und ein auf

alle mögliche Weise drapierter Mantel aus Schafwolle (s. die Bilder).

An den Füßen tragen sie zuweilen Ledersandalen. Bisweilen haben sie

einen Riemen über die Brust gespannt. Um die Stirn haben die Männer

allerlei Bänder, und manchmal, wenn sie richtig fein sein wollen,

eine mit Schneckenmuscheln besetzte Haube. Andere Schmuckgegenstände

bestehen aus Zähnen, Stroh, Haaren, Glasperlen, Fischschuppen usw.

[Illustration: Abb. 32.

Stempel zur Gesichtsbemalung.

Ashluslay. ½.]

Der junge Indianer versucht auf den Bällen so elegant, so originell

gemalt und geschmückt wie möglich aufzutreten. Jeden Tag malt er sich

auf andere Weise und ordnet seine Schmucksachen verschieden. Er hält

sich jedoch immer innerhalb der von der Mode gesteckten Grenzen, und

eine neue Mode unter diese Menschen zu lancieren, ist keineswegs ein

leichtes. Eine von mir erfundene Gesichtsbemalung wurde z. B. niemals

anerkannt. Ein Glasperlentypus, der ihnen fremd war, erregte ihr

Mißfallen. Sobald man einen der leitenden Elegants bewogen hatte,

eine Sache modern zu machen, wollten bald alle sie haben. Ein paarmal

ist es sowohl mir als Moberg gelungen, auf den Bällen neue Moden zu

lancieren. Besonders Moberg trat auf diesen gewöhnlich wie ein Indianer

gemalt, gekleidet und geschmückt auf und wetteiferte um die Gunst der

braunhäutigen Indianerinnen. Ein Haupt höher als die anderen tanzte er

mit den Chorotis an den Sandufern des Pilcomayo und mit den Ashluslays

auf den offenen Plätzen in ihren Dörfern. Nicht so selten sah man

eine geschmeidige Indianerin hinter dem stattlichen, blonden Schweden

tanzen, ihre Hände auf seinen nackten Rücken legend.

[Illustration: Abb. 33. Chorotielegant.]

Im Gegensatz zu den Negern staffieren sich diese Indianer

niemals in allen möglichen, oder richtiger unmöglichen bunten

Farbenzusammensetzungen aus. Sie haben ja gute Gelegenheit hierzu,

wenn die Weißen mit bunten Tüchern als Tauschwaren zu ihnen kommen.

Die Indianer und Indianerinnen haben in der Regel Geschmack. Infolge

der zu vielen Berührung mit der Zivilisation verschwindet dieser aber.

Niemand putzt sich auch in so schreienden Farben, wie zivilisierte

Indianerinnen und Mestizenfrauen. Die Choroti- und Ashluslayindianer

lieben gleichwohl bunte Farben; am beliebtesten ist Rot. Legt man bei

einem Tauschhandel Bänder in verschiedenen Farben vor, so finden zuerst

die roten Absatz. Rote Taschentücher sind gesucht. Schwarz lieben sie

in der Regel auch. Gewisse Sachen, wie z. B. die Knöpfe für Halsketten,

werden weiß gewünscht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die

Schneckenhalsperlen, die sie anwenden, dieselbe Farbe haben.

In meinem Notizbuch hatte ich die verschiedenen Grundfarben und mehrere

Schattierungen aufgezeichnet, um zu sehen, wie viele Farben sie

unterscheiden könnten.

Die Chorotis nannten Rot, Rosa, Braun und Hellviolett „Chaté“, Gelb und

Gelbbraun „máhahi“, Blau und Grün „La-sá-se“, Schwarz, Dunkelviolett

und Dunkelgrau „Cho-hua-hí-ni“, Weiß und Hellgrau „La-ma-hí-ni“.

Die Ashluslays nannten Rosa und Rot „Yúk“, Gelb und Weiß „Kóshiash“,

Schwarz „Ya-cút“, Blau = Schwarz, Grün zuweilen = Schwarz und zuweilen

= Gelb, Violett = Schwarz, Braun bald = Schwarz, bald = Rot. Die

Chorotis haben also für fünf Farben Namen, die Ashluslays nur für

drei. Dasselbe Individuum ist oft betreffs des Namens einer Farbe

zweifelhaft. Er nennt einen Namen, sieht noch einmal hin, bereut es und

sagt einen anderen. Aus den beigefügten Photographien sehen wir einige

der zahlreichen verschiedenen Schmucksachen, welche die Choroti- und

Ashluslaymänner tragen. Zuweilen sieht man sie sich auch mit Blumen

schmücken. Die Ashluslays binden das Haar oft vorn zu einer Quaste

mitten auf der Stirn zusammen (Abb. 34). Die Chorotis drehen manchmal

das recht lange Haar mit einem Band zu einem Zopf im Nacken zusammen.

Die Federn, welche die Chorotis und Ashluslays im Stirnband tragen,

pflegen mit einer oder mehreren Kerben als Ornament versehen zu sein.

Wenn die Herren älter, solide, verheiratete Männer werden, so schmücken

sie sich nicht mehr für die Bälle, sondern nur zum Kriege. Diese

älteren Herren vernachlässigen ihre Toilette oft sehr stark und sind

sehr unsauber.

[Illustration: Abb. 34. Ashluslay mit einer mit Schneckenschalen

besetzten Mütze.]

Die Tracht der Frauen besteht aus einem Schurzfell um die Hüften.

Dasselbe wird schon im Alter von drei bis vier Jahren angelegt. Die

jüngeren unverheirateten Chorotimädchen tragen jetzt viel den von den

Weißen eingeführten Tipoy, ein Kleidungsstück, das ursprünglich von den

Chiriguanos kommt. Derselbe verdeckt den Oberkörper vor den lüsternen

Blicken der Christen. Ein Indianermädchen, das nur ein Schurzfell

um die Hüften trägt, gibt sich in der Regel den Weißen nicht hin.

Diejenigen dagegen, welche die „anständige Kleidung“ tragen, sind alle

Prostituierte. Mit Ausnahme der Chorotimädchen, die Weiße zu Freunden

haben, tragen die Mädchen hier sehr wenig Schmucksachen. Irgend eine

einfache Halskette, ein aus Blättern geflochtenes Stirnband, ein

Armband aus Rehbockfell, einige Ringe aus Eidechsenhaut, das ist alles.

Die Frauen tragen niemals Federn. Dagegen sind sie, wie schon bemerkt,

mehr tätowiert als die Männer und nicht selten bemalt.

Das Schurzfell, das die Chorotifrauen um die Hüften tragen, ist aus

hausgewebtem Wollstoff. Die Ashluslayfrauen tragen ein ähnliches

Schurzfell aus Rehbockleder. Diese letzteren haben nicht selten aus

Nutria oder Schaffellen zusammengenähte warme Mäntel von dem Typ, wie

wir ihn nur von den Indianern Patagoniens und des Feuerlandes her

kennen.

Sowohl die Choroti- wie die Ashluslayfrauen entfernen die Haare unter

den Armen und an den Geschlechtsteilen.

Man muß zugeben, daß die Indianer mit ihren Schmucksachen sehr

vorsichtig umgehen. Die Federn werden in Futteralen aus Rohr bewahrt,

die Schmucksachen werden oft auf neue Schnüre gezogen. Sie stopfen die

Löcher ihrer Kleider. Es gibt ältere Frauen, deren Schurzfell beinahe

nur aus gestopften Löchern besteht. Lohnt es sich nicht mehr, die

Löcher zu stopfen, so begnügt man sich damit, sie zu besetzen. Sie

sind auch um ihre Kleider besorgt und wenden, wenn sie, was selten der

Fall ist, Kleider zum Wechseln haben, bei der Arbeit die schlechtesten

Lumpen an. Die Ashluslays habe ich niemals ihre Kleider waschen sehen,

die Chorotis nur, wenn sie es von den Weißen gelernt haben.

[Illustration: Tafel 8. Tanzende Ashluslaymänner.]

Baden des Badens wegen geschieht nur, wenn es sehr heiß ist. Der

Fischfang zwingt indessen die Männer, viel im Wasser zu sein. Die

Kinder spielen ebenfalls oft im Wasser und bleiben auf diese Weise

rein. Die jüngsten Kinder werden von den Müttern gewaschen, wenn sie

zum Flusse gehen.

Juckt es, so reicht man das Tier einem Verwandten oder Bekannten,

der es aufißt. Moberg und ich hatten, wenn wir in den Indianerhütten

verkehrten, auch zuweilen Läuse. Unsere Indianerfreunde waren doch

stets, wenn es nötig war, so liebenswürdig, sie zu essen.

Die Chorotimädchen schmieren ihren Körper oft mit Fischfett ein, was

ihnen einen unangenehmen Geruch verleiht. Sie selbst sind sicher

anderer Ansicht. Sie finden, daß wir Weißen einen Kuhgeruch an uns

haben.

Die Eleganz der Männer erreichen die Indianermädchen niemals. Sie

können sich jedenfalls freuen, daß die „Herren der Schöpfung“, wohl

in erster Reihe ihretwegen, mehrere Stunden täglich auf ihre Toilette

anwenden.

Um den Tanz dreht sich, wie erwähnt, das ganze Interesse der jungen

Männer und der jungen Mädchen. Geht die Sonne unter, so fängt er an.

Die Männer tanzen im Kreise oder in einer Reihe und singen den Takt,

z. B. Táe-a-sa-lé, Táe-a-sa-lé.

Je nach dem Takt wird langsam oder schnell getanzt. Musik ist

auf diesen Bällen unbekannt. Die hierbei gesungenen Lieder sind

unübersetzliche Kehrreime, die oft international sind, d. h. von

mehreren Stämmen angewendet werden.

[Illustration: Abb. 35.

Junger Chorotimann am Alltag.]

Hinter den Männern tanzen die Mädchen.

Bei den Chorotiindianern ergreift das Mädchen die Initiative zu den

Liebesabenteuern. Sie führt den jungen Herrn, den sie zum Liebhaber für

die Nacht wünscht, ganz einfach fort vom Balle.

Stattlich nehmen sich die Tänze aus, wenn der Mond oder ein Feuer

aus Pampasgras die Körper beleuchtet. Bis zu hundert Männer habe ich

in demselben Ringe tanzen sehen. Zuweilen tanzten sie ganz langsam,

zuweilen in schwindelnder Fahrt, so daß der Staub hochwirbelte,

und alles, was man sah, ein Wirrwarr von Körpern und flatternden

Straußenfedern war.

Gesang und Gelächter ertönte auf der Tanzbahn.

Die älteren Mädchen tanzten hinter ihren Liebhabern, die jüngsten

schlichen hier und da heran, um einen Augenblick hinter einem

wohlgebildeten männlichen Körper zu tanzen und gleich darauf, lüstern

aber ängstlich, hinter Büschen und Sträuchern zu verschwinden. Beinahe

stets war die Anzahl der Männer größer als die der Frauen, und

glücklich der Mann, der geraubt und verführt wurde.

Musik ist, wie gesagt, bei diesen Bällen unbekannt. Beinahe jeder

tanzende Indianer trägt zwar eine Pfeife (Abb. 36), man pfeift

aber nicht den Takt zum Tanz. Bei diesen Indianern findet man auch

nur wenige Musikinstrumente. Von Saiteninstrumenten kommt nur der

Musikbogen von dem von den Araukaniern her bekannten Typ vor.[26] Die

Flöten sind sehr schlecht und vielleicht geradezu Imitationen von

den Chiriguanos. Die besonders von den Chiriguanos bekannte Pfeife,

auf welcher man wie auf einen Schlüssel pfeift, habe ich bei den

Ashluslays nur als eine Seltenheit gesehen. Von Trommeln kennt man

nur die primitive Tongefäßtrommel (Abb. 57). Diese besteht aus einem

gewöhnlichen irdenen, halb mit Wasser gefüllten Topf, über den ein Fell

gespannt ist. Als Trommelstock wird ein Holzstab, und zwar immer nur

einer angewendet.

Auch mitten am Tage kann es einem warmblütigen Chorotimädchen

einfallen, als Verführerin aufzutreten. Aus meinem Lager zog einmal ein

solches Mädchen, unbekümmert um allen Scherz und alle Anzüglichkeiten,

mit einem glückstrahlenden Ashluslay in den Wald. Es ist nichts

Ungewöhnliches, daß die Mädchen in den Chorotidörfern sich etwas

abseits vom Dorfe eine besondere Hütte bauen, wo sie Herrenbesuche

entgegennehmen.

[Illustration: Abb. 36.

a Pfeife. Choroti. ¹⁄₁.

b Durchschnitt derselben.]

Die Männer scheinen sich wenig um das Aussehen der Mädchen zu kümmern.

Um ihren Geschmack zu erfahren, habe ich sie oft gefragt, welches

Mädchen sie für die hübscheste hielten. Mit dem gewöhnlichen Takt

der Indianer antworteten sie immer ausweichend. Die Männer kommen

niemals um Frauen in Schlägerei. Dagegen herrscht bei den Frauen

die Eifersucht. Mit Boxhandschuhen aus Tapirhaut (Abb. 37) oder

einem anderen harten Material und schlimmstenfalls mit Pfriemen aus

Knochen kämpfen sie um den begehrten Mann. Es scheint mir, als ob die

Indianerfrauen sich mehr durch die Schönheit des Gesichts als des

Körpers angezogen fühlten. Unter den Chorotimännern beobachtete ich

besonders zwei, welche die Günstlinge der Frauen zu sein schienen.

Nach meinen Begriffen sahen sie sehr gut aus. Diese Herren hatten

stets an den Händen und im Gesicht Kratzwunden. Das sind Erinnerungen

an zärtliche Neckereien. Ein Choroti- oder Ashluslaymädchen küßt

niemals den Geliebten, sie kratzt ihn und speit ihm ins Gesicht. Die

Chorotifrau sucht sich nach ihrer ersten Menstruation einen Mann aus,

der einige Monate lang ihr Liebhaber ist, dann wechselt sie und lebt

einige Jahre in Freuden. Schließlich wählt sie ihren Begleiter fürs

ganze Leben und wird eine treue und sehr arbeitsame Frau.

Bei den Ashluslays sind die Verhältnisse ebenso frei wie bei den

Chorotis, nur, wie mir scheint, etwas primitiver. Nach dem Tanze gehen

Mädchen und junge Männer getrennt nach Hause. Die ersteren legen sich

vor die Hütten, wo sie der Reihe nach von den letzteren besucht werden.

Das sog. Schamgefühl scheint wenig entwickelt zu sein, mehrere Paare

liegen zusammen, und Zuschauer sind nicht ungewöhnlich. Auch diese

Mädchen werden, nachdem die Periode der freien Liebe zu Ende ist, gute

und tüchtige Hausfrauen.

Die Choroti- wie auch wahrscheinlich die Ashluslaymädchen haben keine

Kinder vor der Ehe. Dies wird, wie schon erwähnt, durch Abtreibung der

Leibesfrucht und Kindesmord geordnet.

Der Leser des Obenstehenden meint wahrscheinlich, daß die „Moral“ unter

meinen Pilcomayofreunden nicht hoch stehe. Ich will jedoch darauf

hinweisen, daß die Chorotis und Ashluslays, trotz der vollständig

freien Liebe in der Jugend, gesunde und kräftige Menschen sind, und

daß diese Mädchen, die alle von Blume zu Blume geflogen sind, wenn

sie einen eigenen Hausstand gründen, gesunde, wohlgestaltete Kinder

bekommen. Durch die von den Weißen eingeführten Geschlechtskrankheiten

degenerieren diese Stämme indessen und gehen unter. Die freie Liebe

ist für diese Menschen etwas ganz Natürliches; daß in diesem sog.

unmoralischen Leben etwas Unrechtes liegt, ist den Indianern und

Indianerinnen vollständig unbekannt. Wir dürfen nicht glauben, daß

diese Mädchen, die jede oder jede zweite Nacht ihren Liebhaber

wechseln, irgendwie schlechter sind, als wenn sie unberührt wären. Sie

sind gut und arbeitsam und werden, wie gesagt, tüchtige Hausfrauen und

gute Mütter. Das Leben, das sie führen, ist für sie wie für ihre Eltern

und anderen Verwandten etwas ganz Natürliches.

[Illustration: Abb. 37. Boxhandschuh. Ashluslay. ½.]

Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter fürs Leben aus. Wie sie

bei den Liebesabenteuern die Verführerin ist, so ergreift sie auch zu

der festen Verbindung, in welcher sie Kinder zu bekommen gedenkt, die

Initiative. Wie es in dieser Beziehung bei den Ashluslays ist, ist mir

unbekannt.

In der Regel nimmt die Chorotifrau ihren Mann aus einem anderen Dorfe,

doch kommen auch Ehen zwischen Individuen desselben Dorfes vor. Ehen

zwischen Chorotis und Ashluslays sind in dem Grenzgebiet zwischen den

beiden Stämmen, gleichwie auch zwischen Mataco-Notén und Chorotis und

Mataco-Guisnays und Ashluslays nicht ungewöhnlich. In der Ehe zwischen

Ashluslays und Chorotis folgen die Mädchen der Tätowierung der Frauen,

die Knaben der der Männer.

Der Chorotimann zieht, wenn er sich verheiratet hat, nach dem Dorfe

seiner Frau und wohnt dort wenigstens einige Zeit.

Vielweiberei scheint sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays

unbekannt zu sein. Geschwister- und Cousinehe ist verboten. Die Frau

ist in der Regel einige Jahre jünger als der Mann. Nur einmal hörte

ich von einer aufgelösten Ehe. Es war die meines Chorotifreundes

Nyato, dessen Frau sich kurz vorher mit einem anderen Manne nach

den Zuckerfabriken in Argentinien begeben hatte. Nyato war sehr

melancholisch, aber doch schon wieder verheiratet.

Verschiedene Reiseschilderer[27] malen die Stellung der verheirateten

Frau bei den Indianern als sehr beklagenswert aus. Dies rührt sicher

in den meisten Fällen von einer oberflächlichen Beobachtung her. Man

hat den nur seine Waffen tragenden Mann in Begleitung seiner mit dem

ganzen Mobiliar beladenen Frau lange Wanderungen machen sehen und ist

über die ungerechte Behandlung der Frau empört. Dies ist jedoch ganz

natürlich und gerecht. Der Mann trägt die Waffen und keine andere Last,

um bereit zu sein, die Seinigen zu verteidigen und zu jagen, wenn sich

Gelegenheit bietet. Richtig ist, daß die Choroti- und Ashluslayfrauen

hart arbeiten müssen, sie werden aber nicht schlecht behandelt. Die

Männer helfen ihnen in vielem. Viele der von den Frauen angewendeten

Werkzeuge werden von den Männern verfertigt. Ihnen gehören alle Geräte,

Kleider usw., die sie anwenden, und die Männer respektieren ihr

Besitzrecht. Macht der Mann ein Tauschgeschäft, wird die Frau oft um

Rat gefragt.

Ich war einmal mit einem Chorotiindianer übereingekommen, mir gegen

ein Waldmesser einen Matacoskalp, den er besaß, einzutauschen. Das

Geschäft war schon geregelt, da kam seine Frau hinzu. Sie verbot den

Tausch ganz einfach. Schließlich bot ich für den Skalp ein Pferd, aber

es half nichts. Die Alte war eigensinnig, und der Mann stand unter

„der Sandale“. Man sollte wirklich meinen, daß der Mann über eine

Kriegstrophäe, die er selbst erworben, auch zu verfügen habe.

Die Frau repräsentiert das arbeitende Element im Stamme, sie ist aber

keine Sklavin. Vollkommen freiwillig arbeitet sie fleißig für den

Unterhalt ihrer Familie.

An den großen Trinkgelagen, die ich späterhin besprechen werde, nehmen

sowohl Chiriguanofrauen als -männer teil. Die letzteren nehmen jedoch

den Ehrenplatz ein. Die Choroti- und Ashluslaymänner vertrinken

alles allein. Bei allen diesen Indianern essen Frauen und Männer

nicht gemeinsam. Man hat auch an das zu denken, was wir betreffend

des Geschlechtslebens der verschiedenen Stämme kennen gelernt

haben. Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter durchs Leben, bei

den Chiriguanos ergreift der Mann die Initiative. Die Chorotifrau

wählt sich einen Mann, um für und mit ihm zu arbeiten, während

die Chiriguanofrau gemeinsam mit dem Manne für das Haus arbeitet.

Verheiratet sich ein Chorotimädchen, so ist sie schon etwas verblüht.

Der Chiriguanoindianer nimmt ein unberührtes Mädchen zur Frau. Für die

Chorotifrau beginnt mit der Heirat die dritte Periode ihres Lebens, die

Arbeitsperiode, die Chiriguanofrau hat, wenn sie sich verheiratet, noch

ihre Jugend und kann ihrem Mann noch gefallen. Wir sehen somit, daß die

Stellung der Frau eine bessere ist, wenn die Männer werben, als wenn

sie es selbst tut.

Die verheirateten Frauen nehmen niemals am Tanz teil, die verheirateten

Männer höchst selten. Wenn die letzteren tanzen, tun sie es in fremden

Dörfern und vielleicht, ohne daß die Frau etwas davon weiß. Die

verheiratete Frau betrügt ihren Mann in der Regel nicht, auf die Treue

des Mannes kann sie sich jedoch nicht allzusehr verlassen. Hat er eine

Geliebte, und bekommt die Frau sie in ihre Hände, dann entsteht eine

Schlägerei, und oft eine blutige.

Indianerleben · 第 5 / 21 段