wasserarm, und während der Trockenzeit haben die Indianer häufig
kaum Wasser. Sie graben deshalb Brunnen. Solche habe ich bei den
Ashluslays bis zu einer Tiefe von 4 m gesehen.[23] Die Forderungen
eines Indianers an die Beschaffenheit des Wassers sind sehr gering. So
habe ich die Ashluslays aus Sümpfen mit braungrünem, stinkendem Wasser
trinken sehen, ohne daß es ihnen irgendwie schlecht zu bekommen schien.
Wahrscheinlich gibt es in den abgelegenen Gegenden, wo die Ashluslays
wohnen, weder Typhoid- noch Dysenteriebakterien.
[Illustration: Abb. 14. Algarrobomehl seihende Ashluslayfrau.]
Ich selbst bin fest überzeugt, daß ich, falls ich z. B. in Schweden
all den Schmutz getrunken hätte, den ich im Chaco genossen habe, jetzt
nicht mehr unter den Lebenden wäre.
Wie man bei den Ashluslays und Chorotis ißt.
Wäre ich zu einem Ashluslay- oder Chorotimittag eingeladen und könnte
selbst die Speisekarte wählen, so würde ich sicher über Kohlen
gebratene und auf grünen Blättern servierte Fische begehren. Hätte
ich sie selbst etwas salzen dürfen, denn Salz wenden die Ashluslays
und Chorotis selten an, so wären sie ganz einfach lecker. Niemand
kann so wie ein Indianer Fische rösten. Von den Fischen würde ich
dann so viel essen, daß ich nichts anderes zu berühren brauchte,
denn schreckliche Sachen können serviert werden. Es gibt Dinge, die
selbst der fanatischste Ethnograph nicht zu verzehren vermag. Die
Ingredienzien selbst brauchen nicht so schlecht zu sein, der Schmutz
bei der Zubereitung ist aber unerhört. Därme werden z. B. niemals vor
dem Kochen gewaschen, sondern ganz einfach entleert. Bisweilen muß
jedoch der Darminhalt als Gemüse zum Fleisch dienen. So werden die
Erdratten mit Eingeweide und Exkrementen verzehrt. Sie werden ganz ins
Feuer gelegt, wo sie durch die Hitze anschwellen. Dann werden Löcher
in den Magen gestochen, damit die Luft, nur die Luft herauskommt. Auch
Eidechsen werden mit Eingeweide und allem gegessen. Frösche, Füchse
und in der Regel, aber nicht immer, Geier werden als nicht eßbar
betrachtet. Verschiedene Früchte, z. B. Algarrobo, werden gewöhnlich
in folgender Weise gegessen: die Frucht wird zerklopft und in einer
großen Kalebasse mit Wasser gemengt. Um diese setzen sich mehrere
Personen, immer vom gleichen Geschlecht, denn Männer und Frauen essen
nicht zusammen. Jeder nimmt sich mit den Fingern ein ordentliches
Stück, saugt daran und spuckt es dann wieder in das gemeinschaftliche
Gefäß. Daß es unangenehm sein könnte, den Speichel eines anderen in den
Mund zu bekommen, ist den Indianern vollständig unbegreiflich. Will
man eine längere Zeit bei den Ashluslays und Chorotis hausen und ihr
Leben zu leben versuchen, muß man sich über „Vorurteile“, die man in
dieser Beziehung haben kann, hinwegsetzen, und man wird wirklich bald
unbegreiflich verhärtet.
Die Ashluslayindianer essen Honig mit Bürsten aus Caraguatástämmen,
die sie in den Honig tauchen, ablecken, wieder eintauchen, dem Nachbar
reichen usw. Wie wenn wir mit Rasierpinseln äßen -- denn so sehen diese
Werkzeuge aus (Abb. 15).
Bestimmte Mahlzeiten habe ich bei den Chorotis und Ashluslays nicht
beobachten können. Ist genügend Nahrung vorhanden, so essen diese
Indianer auch des Nachts.
Als Reisezehrung auf den Wanderungen werden getrocknete Fische,
Maiskuchen, Klöße aus gekochter Chañarfrucht und solche von
Algarrobomehl angewendet. Die letzteren sind wirklich gut. Wie sie
zubereitet werden, ist mir unbekannt, denn da ich sie auf meinen
Streifzügen mit den Ashluslayindianern stets zu essen pflegte,
beschloß ich, dieses Geheimnis, aus Furcht, daß ich, nachdem ich es
kennen gelernt habe, auf die guten Klöße verzichten würde, niemals zu
erforschen.
[Illustration: Abb. 15. Eßbürste, Ashluslays. ½.]
Die umsichtigen Frauen bereiten, wenn Überfluß an Speisen vorhanden
ist, Konserven. Früchte werden in großen Massen getrocknet. Zuweilen
ziehen sie in Begleitung der Männer nach abgelegenen fruchtreichen
Gegenden, und lassen sich dort eine Zeitlang unter eifriger Arbeit
nieder. Wenn man eine solche „Konservenfabrik“ sieht, muß man
unwillkürlich an die Ähnlichkeit mit dem Einmachen unserer nordischen
Frauen zur Herbstzeit denken. Überall liegen Haufen von rohen,
gekochten, gebratenen und getrockneten Früchten.
Von großem Interesse sind die von den Ashluslays zum Rösten
angewendeten Öfen. Ein solcher Ofen ist hierneben beschrieben und
abgebildet (Abb. 16). Er ist von demselben Typ, wie der von den
Tsirákuaindianern im Nordchaco angewendete. Nachdem die Früchte
geröstet sind, werden sie getrocknet und können dann monatelang
aufbewahrt werden. Die Indianerfrau ist ein umsichtiges Hausmütterchen.
[Illustration: Abb. 16. In die Erde gegrabener Ofen. Ashluslays.
a = Erdoberfläche; b = Rinde, Gras u. a.; c = Gang, durch welchen man
die Glut anbläst; d = Glut.]
Dies verwundert vielleicht den Leser, der möglicherweise die
Naturvölker hat beschreiben hören, als lebten sie nur für den Tag und
dächten niemals an die Zeiten der Not.
[Illustration: Abb. 17. Hölzernes Messer. Ashluslays.
Wird zum Abschuppen und Ausnehmen der Fische angewendet.]
Das Essen kochen die Indianerinnen in einfachen irdenen Töpfen. Man ißt
in der Regel aus Schalen von Kalebassen und mit den Fingern oder mit
einem Löffel aus einer Muschel oder Kalebasse. Da die Frauen sich nicht
immer eiserne Messer verschaffen können, benutzen sie noch hölzerne
Messer (Abb. 17), mit denen sie die Fische abschuppen und ausnehmen.
Mörtel aus hartem Holz mit Keulen aus demselben Material sind
allgemein. Die Ashluslays wenden auch Mörtel einer ganz anderen,
höchst merkwürdigen Art an. Sie bestehen aus inwendig mit in der Sonne
getrocknetem Lehm bekleideten Erdgruben. Natürlich werden die in diesen
Mörteln zerquetschten Früchte etwas erdig, aber etwas mehr oder weniger
Schmutz macht in der indianischen Küche nicht viel.
[Illustration: Abb. 18. Hölzerne Messer zum Essen von Wassermelonen.
Ashluslays. ½.]
[Illustration: Abb. 19. „Reibeisen“ aus Holz. Ashluslays. ⅛.]
Körbe sind bei diesen Indianern unbekannt, ebenso wirkliche Seiher.
Will die Indianerin z. B. Algarrobomasse durchseihen (Abb. 14), so
wendet sie ganz einfach ein Stück einer Caraguatátasche an. Der Grund,
warum die Chacoindianer keine Körbe anwenden, kann kaum darin liegen,
daß solche ihnen vollständig unbekannt sind, denn sie kennen direkt
oder indirekt die Chiriguanos, die solche haben. Das geeignete Material
dazu, d. h. Palmblätter, ist auch reichlich vorhanden. Im großen ganzen
ersetzen jedoch die Caraguatátaschen vollständig alle Körbe, außerdem
sind sie haltbarer und lassen sich bequemer auf den Wanderungen
mitnehmen und in den Hütten aufbewahren. Die Körbe sind also für diese
Indianer vollständig unnötig und sogar ungeeignet.
Ist Überfluß an Trinkwaren, d. h. Bier aus Algarrobo, Chañar oder Mais,
vorhanden, so essen die Männer nicht sehr viel, denn das Bier, das
sie trinken, ist stark sättigend und nährend. Das Bier ist in solchen
Zeiten für sie Speise und Trank. Oft läßt das Trinken ihnen auch keine
Zeit zum Fischen und Jagen.
Die Indianer kämpfen sicher zuweilen einen harten Kampf, um die
Forderungen des Magens befriedigen zu können. Ist der Magen voll,
so ist der Indianer froh und übermütig, da tummeln sich die Kinder
in ausgelassener Freude, da tanzt die Jugend jeden Abend und hat
Rendezvous in den Büschen, da sitzen die Alten und trinken Bier in
gewaltigen Kalebassen und rauchen und spucken und prahlen mit ihren
Taten und amüsieren sich königlich. Ist der Magen leer, dann ist es
still auf den Spielplätzen, dann ist kein Tanz, kein Rendezvous, kein
Bier und keine Prahlerei.
Als ich 1908 die Chorotidörfer besuchte, waren die Magen von fetten
Fischen ausgespannt. Herrliche Fische! Da war Tanz und Fest.
Ein Jahr später kam ich wieder. Ach, wie mager doch alles war, bis die
Chañar- und Algarrobofrüchte reif wurden. Dann war wieder Freude in den
Dörfern.
Gibt es gebratene Fische und Fischfett oder große Kalebassen mit
Algarrobobier, dann lebt sich’s gut für einen Indianer am Rio
Pilcomayo.
[Illustration: Tafel. 6. Chorotimama mit ihrem kleinen Jungen und
dessen Spielkameraden.]
Fußnoten:
[18] Zizyphus Mistol, Griseb.
[19] Bei den Chorotis ist es später allgemein von Moberg wahrgenommen
worden.
[20] Boggiani: Compendio de Etnografia Paraguaya, S. 172. Asunción 1900.
[21] Herrmann, l. c. S. 128.
[22] Nach Boggiani haben auch die Lenguas ihre Äcker weit vom Flusse.
Compendio, S. 165.
[23] Die den Ashluslays und Chorotis nahestehenden Lenguas graben nach
Hawtrey sehr tiefe Brunnen. „The wells were on rising ground in a sandy
soil, about 15 or 20 feet deep, with a hole at the top only 2 feet by 2
feet 6 inches in diameter, and so made that a man could go down by foot
holes on either side (as I myself went down to see how it was made),
and a bucket and rope were used.“ +Seymour H. C. Hawtrey+. The Lengua
Indians of the Paraguayan Chaco. J. A. Inst. Vol. XXXI. London 1901.
Seite 289.
+Fünftes Kapitel.+
=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).
Indianerkinder.
Hat das Choroti- oder Ashluslaykind das Glück, von einer verheirateten
Frau geboren zu werden und nicht allzu schnell hinter einem Brüderchen
oder Schwesterchen zu kommen, so darf es am Leben bleiben. Lange
bekommen die Kinder die Brust. Oft habe ich vom Springen durstige
Choroti- und Ashluslaykinder gesehen, die stehend von ihrer sitzenden
Mutter gestillt wurden.
Die kleinen Kinder sind die Freude aller, besonders die Alten haben sie
lieb. Sie werden niemals gezüchtigt, hören niemals harte Worte. Während
sie klein sind, tyrannisieren sie Eltern und Großeltern. Werden sie
älter und verständiger, so sind sie infolge dieser Erziehung freundlich
und aufmerksam.
Wenn es nötig ist, können auch die Indianermütter bestimmt sein.
Einmal sah ich einen Chorotiknaben, der einen Sandfloh im Fuße hatte.
Unbekümmert um das Geschrei des Knaben zog die Mutter das gefährliche
Insekt mit einer knöchernen Nadel heraus, während zwei Frauen den
Knaben festhielten.
Ein ausgezeichnetes Verhältnis herrscht zwischen Eltern und Kindern
sowie zwischen den Geschwistern. Wie oftmals ist es mir nicht passiert,
daß einer meiner Freunde unter den jungen Indianern mich zu einer alten
Frau geführt und mit dem einfachen Worte Mama um ein Geschenk für sie
ersucht hat.
Oft sieht man blinde und krüppelige Alte in den Dörfern, die von ihren
Kindern unterhalten werden. Wird das Dorf durch einen Feind bedroht,
so werden zuerst von allen diese Alten in Sicherheit gebracht, damit
sie nicht, wenn die anderen zu fliehen gezwungen sind, in die Hände der
Feinde fallen.
[Illustration: Abb. 20. Chorotiknabe mit Boleadora.]
[Illustration: Abb. 21. Das Kleine führt seinen blinden Großvater
„abseits“. Ashluslays.]
Werden diese Alten eine allzu große Last, so geschieht es gleichwohl
zuweilen, wie ich schon erzählt habe, daß man sie tötet.
Das Indianerkind lernt das Leben im Spiel. Wenn die Mutter mit ihrem
Töchterchen im Arme Wasser holt, so trägt das Mädchen einen winzig
kleinen, dem der Mama ganz gleichen Krug. Füllt die Mutter ihren großen
Wasserkrug, so füllt sie auch den ihres kleinen Töchterchens. Das
Mädchen wächst und der Krug wächst. Sie begleitet ihre Mutter bald
zu Fuß und trägt gleich ihr einen eigenen Krug auf dem Kopfe. Spinnt
die Mutter, so spinnt auch ihr Kind auf einer Spielzeugspindel. Der
kleine Junge spielt mit seinem Netz im Dorfe. Er fängt Laub, er fängt
Tonscherben. Oft sind die Großväter die Lehrer. Ist er größer, so
erhält er von dem Großvater ein größeres Netz und begleitet ihn auf den
Fischfang. Anfänglich fängt er nicht viel. Er und das Netz wachsen,
und der Knabe, der Laub und Tonscherben gefischt hat, fängt große
Siluroiden, Palometas und vieles andere. Auf dieselbe Weise lernen
die Kinder alles, was sie zu wissen nötig haben. Spielend lernt das
Indianerkind den Ernst des Lebens.
Besonders die Indianerknaben verleben dann ihre Tage unter heiteren
Spielen. Vielmals habe ich mit ihnen gespielt, und wir, und nicht zum
wenigsten ich, haben uns dabei sehr gut amüsiert.
Wir versuchten, den Indianerknaben unsere Spiele beizubringen. Die
Mädchen spielten beinahe niemals mit uns. Moberg war Zirkusdirektor,
und sie lernten von ihm Purzelbäume schießen, Bockspringen, mit
Stangen balancieren und anderes Nützliche. Eine Kunst konnte Moberg,
die stürmischen Jubel erweckte. Er konnte Rad schlagen. Diese Nummer
des Programms wurde von allen, jung und alt, gern gesehen, obschon
niemand es nachmachen konnte. Mit roten Taschentüchern als Preise
veranstalteten wir Wettrennen. Hieran beteiligten sich auch die
Mädchen, sie liefen aber immer allein und mischten sich nicht unter die
Knaben.
Unser gutes Verhältnis zu den Indianern hatte sicher zu einem großen
Teile seinen Grund darin, daß wir immer mit den Kindern spielten. Das
gefiel den Indianerpapas und Indianermamas, und auf diese Weise bekamen
sie Vertrauen zu uns.
Schlägereien und harte Worte kommen unter den spielenden Kindern fast
niemals vor. Ein einziges Mal habe ich einen Indianerknaben einen
anderen schlagen sehen. Das war in einem Ashluslaydorf. Daß dies etwas
Ungewöhnliches war, wurde mir aus der Aufregung, die darüber im Dorfe
entstand, klar. Ein paar Stunden lang ergingen sich die respektiven
Eltern und Verwandten der Kinder in Schmähungen. Besonders die älteren
Damen spien Feuer und Galle. Beim Spiel kommen niemals Streitigkeiten
vor, z. B. ob der Ball wirklich ins Tor gekommen ist, ob einer
gemogelt hat oder dgl. Hier haben unsere weißen Kinder viel von ihren
dunkelbraunen Freunden zu lernen.
Die großen Kinder behandeln die kleinen niemals schlecht. Sie laufen
wohl hinter ihnen her und werfen sie hin, aber sie schlagen sie
niemals. Kleinlichkeit, Eigendünkel und Bosheit findet man niemals
unter den Indianerkindern.
Knaben und Mädchen spielen schon als ganz kleine Kinder getrennt. Für
Knaben und Mädchen gemeinsame Spiele habe ich nie gesehen. Sie haben
auch verschiedenes Spielzeug. Nur der Tanz führt sie zusammen. Auf der
Tanzbahn erscheinen Knaben und Mädchen viel früher als bei uns, da der
Tanz innig mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt.
[Illustration: Abb. 22. Die Mama geht mit den Kindern zum Fluß.
Chorotis. Rio Pilcomayo.]
Nicht alle Kinder gleichen Geschlechts spielen zusammen, sondern sie
teilen sich, wie unsere Kinder, in Altersklassen. Bei den Knaben kann
man drei solche beobachten. Zwei- bis vierjährige Knaben beteiligen
sich nicht an den großen gemeinschaftlichen Spielen. Die Vier-
bis ungefähr Siebenjährigen bilden eine zweite, die Sieben- bis
Zwölfjährigen eine dritte Gruppe. Die über zwölf Jahre alten Knaben
halten sich gewöhnlich zu den Herren, nehmen an den großen Ballspielen
teil und interessieren sich schon lebhaft für Tanz und Mädchen.
Dicht bei oder in einem Ashluslay- und Chorotidorf ist immer ein
offener, gebahnter Platz, wo man spielt und tanzt. Herrlich eignen sich
zum Spielen besonders die großen Sandufer des Pilcomayoflusses. Dort
tummeln sich die Kinder im Sande.
Das erste Spielzeug des Indianerkindes ist, wie bei unseren Kindern,
die Klapper. Von Früchten, Knochen, Blechstücken u. a. machen die
Indianermütter ihnen kleine Klappern. In dieser Zeit spielen sie mit
ihren Müttern, die mit ihnen plaudern und scherzen.
[Illustration: Abb. 23. Spielzeugflinte von den Chiriguanos.
Caipipendi. Die Chorotis und Ashluslays wenden ähnliche an. ⅙.]
Die Indianerkinder lernen, wie ich schon gesagt habe, spielend den
Ernst des Lebens kennen. Sie werden durch das Spiel erzogen. Wie
unsere Kinder die Großen nachäffen, so machen die Indianerkinder ihnen
ebenfalls alles nach.
Als die Ashluslayindianer mit den Tobas kriegten, spielten auch die
Knaben in den Ashluslaydörfern Krieg. Die Knaben teilten sich in zwei
Abteilungen. Die eine stellte die Ashluslays, die andere die Tobas vor.
Die Waffen bestanden aus Rohr, mit denen man Fruchtkerne aufeinander
knackte. Die Kämpfe wurden unter Geschrei und Geheul geführt. Wurde
einer gefangen genommen, so wurde er skalpiert. Während einer den
Gefangenen hielt, tat ein anderer, als skalpiere er ihn.
Sicher haben die Indianerkinder am Pilcomayo manchmal auch Indianer und
Weiße gespielt. Bei den Kampfspielen der wilden Indianer geht es aber
keineswegs wild zu. Roheit und Bosheit, die bei den Kindern des weißen
Mannes so gewöhnlich sind, sind unter diesen Kindern, deren Väter
wirkliche Skalpjäger sind, vollständig ausgeschlossen.
Eines Tages hatte ich in einem Ashluslaydorf ein Wettschießen mit
Pfeil und Bogen angeordnet. Am folgenden Tage veranstalteten die
Knaben desselben Dorfes ebenfalls ein Scheibenschießen mit ihren
Spielzeugflinten. Diese Flinten, von denen eine hier abgebildet ist
(Abb. 23), sind unter den Chacokindern sowohl am Rio Pilcomayo wie am
Rio Parapiti gewöhnlich.
Wenigstens den kleinen Knaben und Mädchen machen die Eltern und
andere ältere Verwandte ihr Spielzeug. Der Großvater strickt das
Spielzeugnetz des Knaben, lehrt ihn aber auch selbst stricken. Eine der
weiblichen ältesten Verwandten formt die Puppen, mit denen die Mädchen
spielen. Mutter spielen ist hier ebenso gewöhnlich, wie bei unseren
Mädchen. Die von den Indianerkindern im Chaco angewendeten Puppen
sind außerordentlich lustig. Weiterhin werden wir sie abgebildet und
beschrieben finden.
[Illustration: Abb. 24.
Boleadora.
Ashluslays. ⅕.]
Das Lieblingsspielzeug der Knaben ist die von den Pampasindianern
bekannte Boleadora. Mit der Boleadora spielen mehrere Knaben zusammen.
Sie stellen sich in einer Reihe auf. Wenn einer seine Boleadora wirft,
versuchen die anderen, sie mit ihren zu fangen. Dieses Spielzeug ist
sicher ein Überbleibsel aus einer Zeit, wo die Boleadora von den
Ashluslays und Chorotis als Waffe angewendet wurde; vielleicht ist
es eine Erinnerung von einer Zeit, wo sie auf den Pampas lebten,
denn die Boleadora ist eine Waffe, die nur für die Ebene paßt. In
einer weiter unten wiedergegebenen Matacosage handelt es sich um
einen Kampf zwischen verschiedenen Vögeln, wo die Chuñas[24] mit
Boleadoras gekämpft hatten. Die Matacos selbst wenden die Boleadora
jetzt nicht als Spielzeug an. Ein anderes Spielzeug, vielleicht auch
eine Erinnerung aus früheren Zeiten, sind die Stelzen, die ich die
Ashluslays habe anwenden sehen.
Die kleinen Kinder rollen oft Reifen aus Weide. Zuweilen habe ich sie
mit Stäbchen spielen sehen, die sie auf folgende Weise werfen. Sie
stellen sich, jeder mit einem Stäbchen in der Hand, in einer Reihe auf.
Einer wirft plötzlich eins seiner Stäbchen. Die anderen suchen dasselbe
in demselben Augenblick zu treffen, wo es zur Erde fällt. Selten sieht
man das Schwirrholz als Spielzeug. Wie bekannt, verursacht es, wenn es
schnell durch die Luft geschwungen wird, einen brummenden Laut.[25]
Ein gewöhnlicher Zeitvertreib für Knaben, Mädchen und Erwachsene
ist das Knüpfen von Fadenfiguren, ähnlich denen, wie sie auch die
europäischen Kinder zu machen pflegen (Abb. 25).
Die Mädchen spielen oft Tanz- und Laufspiele. Ich habe z. B. bei den
Ashluslaymädchen gesehen, wie sie sich breitbeinig dicht hintereinander
in einer Reihe aufstellen. Die letzte kriecht auf allen Vieren zwischen
den Beinen der anderen hindurch. Nach ihr kommt das nächste Mädchen
usw. Ein anderes Spiel, das ich ebenfalls bei den Ashluslaymädchen
gesehen habe, ist, mit gebogenen Knien hüpfen. Die Mädchen hocken in
einem Ring auf der Erde und hüpfen, den Takt eines eintönigen Liedes
auf den nackten Schenkeln schlagend, umher.
Gewöhnlich ist das Ballspielen der Knaben. Noch mehr sind die
Ballspiele aber ein Vergnügen der Jünglinge und Männer. Ja, es kommt
sogar zuweilen vor, daß ein alter Mann, der sich seinen Jugendsinn
bewahrt hat, am Spiele teilnimmt. Meistens spielt man mit seinen
eigenen Dorfkameraden, bisweilen aber auch mit dem Nachbardorfe, und
hier gilt es sowohl Wertsachen als auch die Ehre.
[Illustration: Abb. 25. Fadenfiguren knüpfende Chorotiknaben.]
Die Chorotis wie die Ashluslays kennen nur eine Art Ballspiel. Es wird
mit Hakenstöcken, ähnlich unseren Hockeystöcken, und gewöhnlich mit
Bällen aus Holz gespielt. Man teilt sich in zwei Parteien, die ihr Tor
verteidigen. Diese liegen bei größeren Spielen hundert bis zweihundert
Meter voneinander. Wer zuerst seinen Ball in das Tor des Gegners
hereinbringt, hat gewonnen. Die Alten und die Kinder sind zuweilen
Torwächter.
In gewöhnlichen Fällen spielt man Ball um nichts, nur um Vergnügen zu
haben. Die jungen Herren, die die eifrigsten Spieler sind, vertreiben
auf diese Weise die langen Tage, während sie auf den Tanz und die Liebe
am Abend warten.
Preise kommen nur bei den Wettkämpfen zwischen mehreren Dörfern vor.
Als ich ein Ballspiel veranstaltete, bestanden die Preise aus Tabak.
Streitereien während der Spiele kommen niemals vor, und gleichwohl
schlägt man einander mit den Keulen zuweilen ordentlich auf die
Unterschenkel. Niemand wird deshalb böse. Bei den Matacos habe ich
gesehen, daß man, um die Schenkel gegen Stockschläge zu schützen,
Schienen aus Schilfrohr anwendet.
[Illustration: Abb. 26. Ball spielende Matacoindianer. Rio Pilcomayo.]
Die Chacoindianer spielen auch Hasard.
Die Spielmarken sind vier Holzstäbchen (Abb. 27) oder Stücke
Schilfrohr, von denen die eine Seite stets konvex und die andere eben
oder konkav ist. Am Spiele nehmen vier, sechs oder acht Personen teil.
Markör ist ein Unbeteiligter.
Das Hasardspiel ist ein im Chaco stark ausgebreiteter Brauch. Wie
unsere Sportsleute und Spieler viel englische Ausdrücke anwenden, so
wenden auch die Indianer zuweilen internationale, von anderen Stämmen
geliehene Worte an.
Was kann man gewinnen, wenn man mit den Indianern spielt? Wenn man
Glück hat, ein Paar alte Hosen, ein altes Hemd oder irgend etwas, was
die Indianer von den Weißen erhalten haben. Wo der Einfluß der Weißen
unbedeutend ist, spielt man um Halsketten aus Schneckenschalen.
Ich habe mit den Indianern häufig gespielt und stets verloren, weil
die Gegner so schrecklich mogeln. Sagt man etwas über die Mogelei, so
lachen sie. Würde man zornig werden, würden sie einen wahrscheinlich
für dumm halten. Hier heißt es nur verlieren und lernen.
Nicht selten spielen die Chorotis und Ashluslays so, daß sie mit einem
Haufen Stäbchen markieren. Schlägt man vier, darf man vier Stäbchen
nehmen usw.
Spaß macht es, zu sehen wie die Indianer nachrechnen, wer die
meisten Stäbchen erhalten hat. Jeder teilt seine Stäbchen in Haufen
von je zwei. Der eine nimmt nun einen Haufen fort, der andere
einen entsprechenden usw., bis nur noch einer Stäbchen hat. Diese
Subtraktionsmethode ist natürlich sehr primitiv.
[Illustration: Abb. 27. Spielbretter.
Chorotis. ½.]
Fragt man einen Choroti oder Ashluslay nach einem Zahlwort, so kann
er es nur bis drei mit Sicherheit sagen. Es gibt zwar Worte für die
höheren Zahlen, wenigstens bis zehn, er kennt sie aber nicht alle. Der
Indianer zeigt mit den Fingern die Zahl, die er angeben will. Die Zehen
werden nur zu Hilfe genommen, wenn er viele sagen will.
Ist die Kinderzeit des Indianers zu Ende, dann beginnt das zweite
Kapitel in seinem Leben. Dies ist dem Geschlechtsleben gewidmet.
Nach dem Spiel kommt die freie Liebe.
Männer und Frauen.
Das Geschlechtsleben hat schon für das Indianerkind von sechs, sieben
Jahren keine Geheimnisse mehr. Es hat dann schon alles gesehen. Ein
geschlechtlicher Verkehr nicht mannbarer Kinder soll gleichwohl nicht
vorkommen, auch werden die Mädchen vor ihrer ersten Menstruation von
den Müttern gehütet.
Bei den Ashluslays wird diese mit Tanz gefeiert. Um das Mädchen, das
mit bedecktem Gesicht dasteht, tanzen die älteren Frauen mit Stöcken
in der Hand, an die Klappern aus Tierklauen gebunden sind, während die
Männer mit Kalebassen voll harter Körner den Takt dazu schlagen. Bei
den Chorotis kenne ich einen solchen Brauch nicht.
Während der folgenden Menstruationen nehmen die Frauen ungeniert am
Tanze teil und werden in keiner Weise als unrein betrachtet.