nach dem Besuch bei ihm begannen diese uns in der Richtung nach dem Rio
Pilcomayo zu führen und nicht, wie wir gewünscht und sie uns infolge
unseres Versprechens von Geschenken gelobt hatten, nach Norden. Da
wir die Tränken nicht kannten, fanden wir uns nicht ohne ihre Hilfe
zurecht. Wir waren schon nahe an dem Flusse, als wir eines Abends in
ein Ashluslaylager kamen. Müde, wie ich war, legte ich mich gleich
schlafen. Moberg fand es eigentümlich, daß beinahe nur Männer im Lager
waren, ließ aber seinen Verdacht nicht verlauten und kroch ruhig unter
das Moskitonetz. Ungefähr gegen zwei Uhr erwachte der Dolmetscher
durch ein Signal, das jemand im Walde gab. Einer der Männer im Lager
erhob sich leise, ging fort und kam nach einiger Zeit mit einer Schar
bewaffneter Leute wieder. Der Dolmetscher lauschte und hörte, wie die
Neuangekommenen fragten, warum die Ashluslay uns nicht töteten. In
diesem Falle bekämen sie die Karabiner und könnten die Tobas mit Erfolg
bekämpfen. Wären wir getötet, würden die Weißen niemals erfahren, was
im Innern ihres Landes sei. Sie sagten auch, sie wünschten den Skalp
des blonden Mannes, d. h. Mobergs, für ihre Feste. Meine Wegweiser
wollten sich indessen an dem Überfall nicht beteiligen. Diese Weißen
sind unsere Freunde, sagten sie.
Der Dolmetscher, der meine beiden anderen Begleiter, zwei bolivianische
Soldaten, geweckt hatte, redete nun die Neuangekommenen an. Diese
machten sich nun eilig davon. Vergebens bat er sie, bis zum Morgen zu
bleiben. An der Sprache hatte er jedoch gehört, daß es Matacoindianer
waren. Diese von der Zivilisation halbverdorbenen Indianer wollten also
einen Mord begehen, an dem „die Wilden“ sich nicht beteiligen wollten.
Vielleicht haben wir es Onásh, so heißt der Mann, der gegen den
Überfall sprach, zu verdanken, daß wir nicht das Schicksal Crevaux’,
Ibaretas und Boggianis teilten.
Am folgenden Tage waren wir wieder im Lande der Mataco-Guisnay. Wir
hatten keinen Bissen zu essen und der Regen goß in Strömen. Wir waren
also hungrig und froren. Zelte hatten wir schon lange nicht mehr mit,
da wir sie zum Schutz unserer Sammlungen hatten zurücklassen müssen.
Wir ritten in ein Dorf und wurden höchst unfreundlich empfangen. Wir
bekamen nicht das geringste, und man weigerte sich bestimmt, uns
während der Nacht in den Hütten Schutz gegen den Regen zu gewähren.
Obschon sich in der Gegend, in der wir jetzt waren, keine Weißen
befanden, suchen alle diese Matacoindianer bei den Weißen Arbeit und
kennen den „Segen“ der Zivilisation.
Als wir dann des Nachts hungrig und frierend an einem Feuer saßen, das
infolge des Gußregens nicht kräftig brennen konnte, dachten und sagten
wir böse Sachen über den Einfluß der Weißen auf die Wilden des Urwaldes
und verglichen die Ungastlichkeit der Matacos mit der Freundlichkeit,
die wir tief in den Wäldern bei den Indianern genossen hatten, die nie
vorher von Weißen besucht worden sind.
Nach zwei Tagen waren wir wieder bei einem bolivianischen
Militärposten. Ich war der einzige, der beritten ankam. Die Pferde der
anderen waren ermüdet oder unterwegs gestürzt.
Die Indianer, besonders die Ashluslays und Chorotis, die ich auf
diesen Streifzügen im Chaco kennen gelernt habe, will ich hier in
den folgenden Kapiteln zu schildern suchen. Da ihre Kultur ziemlich
gleichartig ist, glaube ich, sie zusammen behandeln zu können.
Nicht viele Verfasser haben bisher die Sitten und Gebräuche der
Chorotis und Ashluslays geschildert. Beiträge zur Kenntnis der
letzteren sind von Herrmann[13] geliefert worden, der sie, gleich
den Tobas, Sotegaraik nennt. Eric von Rosen[14] hat ausgezeichnete
Photographien von den letzteren veröffentlicht.
Der vortreffliche deutsch-argentinische Anthropologe R.
Lehmann-Nitsche[15] hat auf den Zuckerfabriken von Esperanza wichtige
Studien über die physische Anthropologie der Chorotis und anderer
Chacostämme gemacht. Er hat den richtigen Platz für derartige
Forschungen gewählt. Die Fabrik liegt, wie erwähnt, an der Eisenbahn,
man kann also allerlei Instrumente mit der größten Leichtigkeit dorthin
schaffen. An Ort und Stelle befinden sich ausgezeichnete Dunkelkammern
zur Entwicklung der Platten usw. Die sich für die physische
Anthropologie der Chacostämme Interessierenden verweise ich auf die
Arbeit dieses Verfassers.
Da die den Chacostämmen angehörenden Guaycuru-, Mataco- und
Maskoi-Gruppen in vielen Beziehungen eine den Choroti und Ashluslay
ähnliche Kultur haben, so ist die Literatur, die hier des Vergleichs
wegen von Interesse ist, eine sehr große.
In dieser Arbeit ist indessen nicht der richtige Platz zu solchen
vergleichenden Forschungen. Hier will ich vor allem ein Bild des Lebens
unter den Indianern geben, wie ich es aufgefaßt habe, und überlasse
solche Forschungen Sonderaufsätzen in Fachzeitschriften.
Der einzige ältere Verfasser, der die Chorotis erwähnt, ist Pedro
Lozano. Er nennt jedoch nur den Namen. Sehr möglich ist es ja, daß
sowohl die Chorotis wie die Ashluslays den älteren Verfassern bekannt
waren, aber unter anderen Namen als die, die wir kennen.
Die Ashluslays nennen sich selbst so. Die Chorotis nennen sie Ashli,
die Matacos Sówua oder Sówuash, die Tapietes sagen Etéhua, die Tobas
Sotegaraik. Die Weißen sagen in der Regel Tapiete und verwechseln sie
mit einem hier unten näher geschilderten Stamm. Die Chorotis nennen
sich selbst Yóshuahá, welcher Name natürlich angewendet werden sollte.
Sie kennen jedoch jetzt alle ihren Chiriguana-Namen Choroti, den die
Weißen in Chorote verspanischt haben. Die Matacos nennen die Chorotis
Mánuk oder Má-niuk.
Sprachlich gehören die Ashluslays und Chorotis mehr zusammen mit
den Matacos. Ich bringe hier einen kurzen Auszug aus dem bei ihnen
gesammelten Wörterverzeichnis, damit der Leser etwas von ihrer Sprache
sieht.
Choroti Ashluslay
Auge táte tósse (ss mit Zischlaut)
Zahn (n)kiente seuté
Bart (n)pótsi posé
Ohr (n)kioté (dein) akféi, (mein) ikféi
Zunge pálnat cháclitj
Nase natóve anās, inās
Sonne kíle fincóclay
Mond huéla huéla
Stern catés catīs
Feuer húat (éti) itósh
Wasser inyat ināt
Erde áshnate cotjāt
Gut és is
Schlecht häes
Weit tóshhue tójke
Nahe hätóshhue cháshle
Fisch siúsh sájetj
Hund aléna núu
Hündin alénaséshni núuasésna
Salz chuhóne sifóni
Tabak shushú finóc
Mais péāta láutsitj
Mutter téte, máma mimé
Tochter yóse yósi
Haus huéte huéte
Er, du náca, téla
Ich yá (m)
Nein hä am
Gibt’s nicht náhipa ámpa
Ja (Antwort) häe, téy létj, hé
Weib aséshnia asésna
Gattin tsémbla chácfä
Morgen káshlomata slúmasi
Weg náyi náiss
Tabakpfeife kiti finkoshi
Rio Pilcomayo téuk, tehuóc téhuoc
Für Gegenstände, die diese Indianer von den Weißen erhalten oder
die Weißen haben anwenden sehen, bilden sie eigene Worte und lernen
gewöhnlich nicht die spanischen Namen, z. B.:
Choroti
Bleistift = bésnike.
Brille = ukíne.
Revolver = sēta.
Notizbuch = ésenik.
Stiefel = sāti.
Uhr (für die Sonne) = kílekíe.
Die Aussprache der Chorotisprache schien mir nicht besonders schwer,
die Ashluslay sprechen aber verschiedene Worte so, daß man, um sie
nachzuahmen, eine gewisse Zungenakrobatik anwenden muß. Besonders
schwer wiederzugeben sind einige Kehl- und Zischlaute.
Zahlwörter. Ashluslay.
1 = huéshla.
2 = näpú.
3 = pú-shana.
4 = it-chat-cúch (schwieriger Halslaut).
5 = hué-shla-no-étj.
6 = hué-shla-yāma.
7 = näpú-
8 = púshana-
9 = it-chat-cúch-yāma.
10 = yāma képäa.
Ich teile auch hier einige gewöhnliche Ausdrücke aus der Chorotisprache
mit.
Ich will nicht = hähua.
Dieses ist mein Vater = náca sínia.
Ich will = sikéyi.
Willst du? = makéyi.
Er will = náca kéyi. Auch náca símehe.
Ich bin hier = yámpo.
Er ist hier = nácapo.
Wir sind hier = póyata.
Er will nicht = náca hä símehe.
Ich habe gesehen = íwuin.
Ich habe nicht gesehen = häwuin.
Hast du gesehen = máhuenea.
Warten = hatéma.
Viele Frauen = aséshnialo.
Weicher Mais = peáta-hä-tóc.
Harter Mais = peáta-tóc.
Mit Bart = pótsipu.
Gehen wir = ná.
Ich gehe = yápe.
Gehst du = malápe.
Wirst du gehen = maáki.
Ich bin gegangen = hihóyi.
Ich bin nicht gegangen = hähóyi.
Ich gehe nicht = häeyic.
Er ist gegangen = nácaya.
[Illustration: Tafel 3. Dorf des Chorotihäuptlings „Waldhuhn“.]
Fußnoten:
[3] G. Friederici: Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche in
Südamerika. Braunschweig 1906.
[4] Ehrenreich (30-31) nimmt ebenfalls an, daß große Pampasbrände zur
Entstehung solcher „Sintbrandmythen“ beigetragen haben. „Die Mythen und
Legenden der südamerikanischen Urvölker“. Berlin 1905. Suppl. Zeitschr.
für Ethn. Eine dieser ähnliche Sage ist von den Arowaken in Guyana und
von Yuracáre bekannt.
[5] Prosopis alba.
[6] Acacia aroma.
[7] Gourliea decortitans.
[8] Canis jubatus.
[9] Eric v. Rosen hat eine ausgezeichnete Photographie eines Chorotis
mit einer Narbe von einem solchen Fisch veröffentlicht. The Chorotes
Indians in the Bolivian Chaco. Stockholm 1904. Bild VI.
[10] Serrosalmo sp.
[11] Caraguatá = Bromelia Serra.
[12] Dieser Brauch scheint mir eine gewisse Ähnlichkeit mit den von
älteren Verfassern beschriebenen Begrüßungszeremonien zu haben. Vgl.
Friederici: Der Tränengruß der Indianer. Globus Bd. LXXXIX. Nr. 2.
[13] Herrmann: Die ethnographischen Ergebnisse der deutschen
Pilcomayo-Expedition. Zeitschr. für Ethn. 1908.
[14] Eric von Rosen: The Chorotes Indians in the Bolivian Chaco.
Stockholm 1904.
[15] R. Lehmann-Nitsche: Estudios Antropológicos sobre los Chiriguanos,
Chorotes, Matacos y Tobas. Anales del Museo de la Plata. Tomo I. Buenos
Aires 1908.
+Drittes Kapitel.+
=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).
Gemeinwesen.
Wir sind alle Brüder, sagte einmal ein Chorotiindianer zu mir. Im
großen gesehen bilden auch die Chorotis und Ashluslays zwei Familien.
Sie wohnen in einer bedeutenden Anzahl Dörfer von wechselnder Größe
verteilt. Es gibt dort Dörfer mit ganz wenig Familien und Dörfer, wie
das des Ashluslayhäuptlings Mayentén, das etwa 1000 Bewohner hatte. Die
Dörfer, oder richtiger die Stellen, wo die Dörfer angelegt sind, haben
Namen. So hieß ein Chorotidorf vuátsina = Erdratte, ein anderes hópla =
Grasblume, ein drittes tónoclel = alte Pfütze, ein viertes asnatelémi =
weiße Erde usw.
Die Chorotis und Ashluslays sind nicht vollständig seßhaft. Sie
ziehen beständig, wenn auch nicht weit. Als ich z. B. 1909 dieses
Land besuchte, fand ich sehr wenige Dörfer an demselben Platze wie
1908. Sie ziehen des Fischfangs, der Algarrobo, ihrer Äcker wegen usw.
Während der Trockenzeit ziehen viele Indianer nach dem Rio Pilcomayo,
um dort zu fischen. In der Regenzeit ziehen sie sich in das Innere
des Landes zurück, wo sie in der Regel ihre Äcker haben. Das ganze
Menschenmaterial im Gemeinwesen der Chorotis und Ashluslays ist sehr
beweglich. Zuweilen teilen sich die Familien, zuweilen vereinigen sie
sich zu großen Gruppen. Die Individuen, besonders die Jugend, ziehen
beständig von einem Dorf zum andern. Die Choroti- und Ashluslaydörfer,
die ich gesehen habe, lagen teils im Walde, teils auf der Ebene. Einige
Chorotidörfer lagen während der Trockenzeit unten am Pilcomayofluß
an dem niedrigen, jährlich überschwemmten Ufer. In keinem Chorotidorf
waren die Hütten nach einem bestimmten Plane geordnet. In mehreren
Ashluslaydörfern waren sie dagegen um eine Art Marktplatz gruppiert,
auf welchem die Männer unter Ausschluß der Frauen einen gemeinsamen
Sammlungsplatz hatten, der entweder ganz einfach im Schatten eines
großen Baumes lag oder durch ein zu diesem Zweck gebautes Sonnendach
geschützt war.
Es ist höchst interessant zu sehen, daß wir hier eine sehr primitive
Form des von vielen Indianerstämmen bekannten „Männerhauses“ finden, in
welchem die Männer sich versammeln, zu welchem die Frauen aber keinen
Zutritt haben.
Der Platz für die Dörfer war offenbar überall so gewählt, daß man
Fische, wilde Früchte, oder, zur Erntezeit, seine Äcker in der Nähe
hatte. Im Innern des nördlichen Chaco ist man bei den Dorfanlagen an
die wenigen Tränken gebunden, deshalb sind auch die dortigen Indianer
viel seßhafter, als die am Rio Pilcomayo. Dort sind auch die Hütten
viel besser gebaut, als an diesem Flusse.
Zwischen den Dörfern führen eine Masse Wege, die sich in der Nähe des
Dorfes netzförmig auflösen. Aus diesem Grunde ist es oft schwer, den
Pfaden der Indianer zu folgen.
Weder die Chorotis noch die Ashluslays haben einen für den ganzen
Stamm gemeinsamen Häuptling. Die meisten Dörfer haben ihre Häuptlinge,
aber diese sind unabhängig voneinander. Bei den Ashluslays habe ich
Häuptlinge gesehen, die über mehrere Dörfer herrschen. Die Häuptlinge
haben je nach ihren persönlichen Eigenschaften Einfluß. Sie sowie ihre
Frauen arbeiten genau ebenso wie die anderen Indianer. Sie haben keine
Diener; solche sind bei diesen Indianern unbekannt. Der Häuptling
hat keinen Ehrenplatz bei den Trinkgelagen, seine Hütte nimmt keinen
besonders auserwählten Platz im Dorfe ein.
Er ist ein Familienvater, den man respektiert, der aber nicht regiert.
Im Krieg nimmt er vielleicht eine leitende Stellung ein, die anderen
gehorchen ihm aber nur soweit, wie es ihnen paßt. Kommt ein weißer Mann
nach einem Indianerdorf, so wird er von dem Häuptling empfangen, und
die Sitte erfordert es, daß er ein Geschenk erhält. Dies scheint mir
indessen eine spätere Erfindung der Weißen selbst zu sein. Der Weiße
hat zur Unterhandlung im Dorfe eine bestimmte Person nötig gehabt
und hat sich darum der Häuptlingsinstitution bedient und sie weiter
entwickelt.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel vom Vater auf den Sohn zu
gehen. Ist der Sohn beim Tode seines Vaters minderjährig, d. h.
nach indianischen Begriffen kein älterer, verheirateter Mann, wird
sie interimistisch von einem älteren Verwandten ausgeübt. Sehr oft,
besonders nach Kriegen, wo die Männer ihre Tüchtigkeit zeigen können,
entstehen neue Häuptlinge.
Unter den Ashluslayhäuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind
bemerkenswert Toné, Mayentén, Mocpuké, Aslú, Mentisa und Chilán; unter
den Chorotis Attamo aus einer Ashluslayfamilie, Kara-Kara, Éstehua
und Tula. Die meisten von ihnen waren Greise, die offenbar in der
Hauptsache über Kinder, Enkel, Geschwister und deren Kinder regierten.
Eine große Macht im Dorfe besitzt, wo ein solcher vorhanden ist, der
Dolmetscher. Er spricht Spanisch und unterhandelt mit den Weißen. Bei
den Chorotis befanden sich mehrere Spanisch sprechende Individuen, bei
den Ashluslays keiner.
Einen bedeutenden Einfluß hat auch der Medizinmann. Man bietet ihm viel
Essen an, behandelt ihn somit gut. Niemals habe ich gehört, daß ein
Medizinmann gleichzeitig Häuptling war.
In den Choroti- und Ashluslaydörfern herrscht kein Klassenunterschied,
noch gibt es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reich,
ist der Magen leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder, dies ist
der Grundgedanke im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in
einem beinahe vollständigen Kommunismus. Schenkt man einem Choroti-
oder Ashluslayindianer zwei Hemden, so verschenkt er sicher das eine,
und vielleicht alle beide. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er
es in kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals
einen kleinen Ashluslayknaben, dem ich Zucker gab. Er biß ein
Stückchen ab und aß es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er
ein bißchen an dem Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutter
und die Geschwister auch kosten sollten. Bekommt ein Choroti- oder
Ashluslayindianer einen Rock, so trägt er ihn vielleicht einen Tag, am
folgenden Tage hat ihn ein anderer usw. Niemals raucht einer dieser
Indianer seine Pfeife allein. Sie soll von Mund zu Mund gehen. Oftmals
hat mir ein Indianer die Pfeife aus dem Mund genommen, einige Züge
getan und sie mir dann wieder zurückgegeben, denn so will es die Sitte
dort. Ein Mann, der viele Fische gefangen hat, teilt mit dem, der
weniger Glück gehabt hat.
Es wäre indessen ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß in dem
Indianerstaat nicht jedes Individuum das besitzt, was es arbeitet
und anwendet. Niemals würde es einem Indianer einfallen, den Besitz
eines anderen auszutauschen. Ein Mann würde niemals etwas, was seiner
Frau oder seinem kleinen Kinde gehört, weggeben, ohne sie zu fragen.
Jede Sache hat ihren Besitzer, da der Besitzer aber mildtätig ist und
alle aus seinem Stamme als Brüder betrachtet, so teilt er freigebig
mit den anderen. Die Tiere haben Besitzmarken. So sind die Schafe,
um den Besitzer zu kennzeichnen, an den Ohren auf verschiedene Weise
geschoren. Wird jedoch ein Schaf geschlachtet, so wird das Fleisch an
alle verteilt. Bei den Ashluslays haben die gewebten Mäntel Zeichen,
die den Besitzer angeben. Einige solche Besitzmarken sind hier
abgebildet (Abb. 4). Da sie eine Art Namenszeichnung sind, sind sie
höchst interessant. Möglicherweise haben indessen die Indianer die Idee
hierzu von den Zeichen, mit welchen die Weißen ihr Vieh stempeln,
erhalten. Zahlreiche, von den Weißen gestohlene Pferde mit solchen
Zeichen habe ich nämlich bei den Ashluslays gesehen.
Die Mäntel sind, wie erwähnt, gezeichnet, trotzdem will derjenige,
der einen großen guten Mantel besitzt, nicht allein unter demselben
schlafen. In den Ashluslaydörfern pflegten ein paar Indianer oft des
Nachts in meinem Bett zu schlafen, offenbar in dem Gedanken: „Du Weißer
hast so große Decken, daß sie für mehrere als dich reichen.“
Diese meine Indianerfreunde hätten sehen sollen, wie es bei uns
zu Hause zugeht, wie der eine in einem prachtvollen Bett schläft
und der andere friert. Die Weißen sind ja auch nicht Brüder. --
Gütergemeinschaft herrscht bei diesen Indianern nicht, aber zufolge
der großen Mildtätigkeit versucht keiner, sich auf Kosten des anderen
einen Vorteil zu verschaffen, sondern teilt freigebig mit allen, was er
hat. An dem einen Tage schenkt er, an dem anderen nimmt er Geschenke
entgegen.
[Illustration: Abb. 4. Eigentumsmarken auf Mänteln, Ashluslay.]
Das Land hat keinen Besitzer, die Äcker gehören dem, der sie bebaut.
Land ist genug vorhanden, und es ist Raum da für alle. Sollte die
Bevölkerung so groß werden, daß Mangel an anbaubarem Land eintritt, so
würde es wohl auch mit dem gemeinsamen Besitzrecht aus sein.
Man sollte meinen, daß in einem Gemeinwesen, wie dem dieser Indianer,
eine gewisse Gesetzlosigkeit herrscht. Diebstahl ist unbekannt, d. h.
Diebstahl von den eigenen Mitgliedern des Stammes, denn es herrscht
dort ein so großes Gemeingefühl, daß niemand zu stehlen braucht.
Ich glaube auch nicht, daß die Indianer sich gegenseitig belügen.
Dem Weißen lügt man etwas vor, man sagt ihm ganz einfach, was man
für nützlich für den Stamm hält. Man betrügt ihn, wenn es paßt, man
sagt ihm die Wahrheit, wenn es nicht schaden kann. Ertappt man einen
Indianer auf einer Unwahrheit, so betrachtet er es ungefähr so, wie
ein Weißer die Entdeckung eines Aprilscherzes. Er lacht und findet es
amüsant. Wird man ärgerlich, so hält er den Betreffenden offenbar für
dumm.
[Illustration: Abb. 5. Ashluslaypapa mit seinem kleinen Jungen. Rio
Pilcomayo.]
Der Mord beschränkt sich auf den Kinder- und Elternmord, dies ist aber
vom indianischen Standpunkt kein Verbrechen. Das klingt ja schrecklich.
Die Indianerin betrachtet es als ihr Recht, die Leibesfrucht
abzutreiben und ihr Neugeborenes zu töten, wenn sie will. Sie glaubt
offenbar ein Recht an dem Leben zu haben, das sie gegeben. Die
Abtreibung der Leibesfrucht geschieht durch mechanische Behandlung in
weit vorgeschrittenem Stadium[16] und kommt somit, wenigstens bei den
Chorotis, immer in den Fällen vor, wo unverheiratete Frauen schwanger
werden. Die neugeborenen Kinder werden getötet, wenn die Mutter von dem
Vater verlassen wird, und immer, wenn sie mißgestaltet sind. Ich kenne
mehrere solche Kindesmörderinnen, die liebe und gutherzige Mädchen
sind. Ein solches ist z. B. Ashlisi, ein Mädchen, das einige lustige
Zeichnungen, von denen zwei weiterhin wiedergegeben sind, für mich
gemacht hat. Unserer Ansicht nach sollte ein solches Verbrechen eine
Frau verrohen. Das ist ein vollständiger Irrtum, denn das Verbrechen
verroht erst, wenn es Verachtung seitens der Umgebung verursacht.
Wenn ein Indianer seine alte blinde Mutter oder seinen verkrüppelten
Vater tötet, so befreit er sie selbst von einem Leben, das ihnen eine
Last ist, und sich selbst von einer Extramühe im Kampfe ums Dasein.
Daß sie dieselben zuweilen lebend verbrennen, wie mein Dolmetscher
Flores es einmal bei einer alten Frau seitens der Chorotis gesehen hat,
erscheint uns natürlich grausam. Möglicherweise haben sie indessen
die Alten im Verdacht der Hexerei gehabt. Die sittliche Freiheit ist,
wie ich hier unten schildern werde, sehr groß. Untreue und Eifersucht
werden durch Schlägereien zwischen den Frauen geordnet. Ein grobes
Verbrechen ist auch das Verhexen. Leider weiß ich nicht, wie es
bestraft wird.
Im Verhältnis zu anderen besser organisierten Stämmen sind solche
Gemeinwesen, wie es die Choroti- und Ashluslayindianer bilden, äußerst
schwach. Die beste Gelegenheit, dies zu beobachten, hatte ich während
meines Aufenthaltes bei den letzteren. Diese waren, wie erwähnt,
in einen Krieg mit den Tobas verwickelt, welche unter Leitung des
energischen Häuptlings Taycolique mehrere Überfälle in deren Gebiet
machten. Infolge der Machtlosigkeit der Häuptlinge und der geringen
Eintracht vermochten sie nicht, sich zu einer gemeinsamen Verteidigung
gegen den Feind zu organisieren. Die verschiedenen Dörfer vereinigten
sich nicht, sondern jedes tat, was es für gut hielt. Das anarchistische
Gemeinwesen hat keine Abwehrkraft. Erwartete man einen Tobaanfall,
so eilten viele Männer von verschiedenen Seiten herbei, um den Kampf
aufzunehmen, da es aber an jeder Organisation fehlte, fanden sich immer
nur ein Teil der Krieger ein. Die meisten blieben, um ihre eigene
Person besorgt, aus.
Es fehlte ein Mann, der zu befehlen und sich Gehorsam zu schaffen
verstand.
Das Indianerhaus.
Sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays finden wir die von
Photographien und Reiseschilderungen bekannte runde oder ovale
Chacohütte. Sie ist, je nach der Jahreszeit, mehr oder weniger
sorgfältig gebaut und etwa zwei bis vier Meter im Durchschnitt.
Zum Schutz gegen die kalten, südlichen Winterwinde sind die in der
Ebene liegenden Hütten besser gebaut als die im Walde. Oft sind
mehrere Hütten so zusammengebaut, daß sie aus mehreren Räumen mit
mindestens einem für jede Familie bestehen. Die Hütten sind aus Zweigen
verfertigt, die in die Erde gesteckt, in der Mitte zusammengebogen und
mit Gras bedeckt sind. Ein Bindematerial fehlt vollständig. Keine Hütte
ist mit Erde oder Lehm bedeckt. Der Eingang, der, falls die Hütte in
der Ebene liegt, aus einem kleinen schiefen Gang besteht (Abb. 2), ist
nicht nach einer gewissen Himmelsrichtung, sondern meistens nach dem
Dorfe zu gerichtet. Viele Hütten haben mehrere Eingänge. Einige sind so
schlecht gebaut, daß man ungefähr überall hineinkommen kann. Bei den
Ashluslays habe ich über drei Meter hohe wohlgebaute Hütten gesehen.
Gewöhnlich ist die Hütte jedoch inwendig nicht ganz zwei Meter und der
Eingang ungefähr ein Meter hoch.
Bei diesen Indianern findet sich auch ein viereckiger Hüttentypus,
und zwar die Kochhütten (Abb. 6). Diese haben platte, mit Gras
bedeckte Dächer und dienen zum Kochen und Wohnen am Tage und in warmen
Nächten. Auf ihren Dächern pflegt man Fische zu trocknen. In einigen
Ashluslaydörfern sah ich mehrere solche unregelmäßig zusammengebaute
Kochhütten mitten auf dem offenen Platze des Dorfes. Diese Gebäude, die
hier eine ungewöhnliche Größe haben, werden während der Trinkfeste als
Sonnenzelte angewendet.
[Illustration: Abb. 6. Kochhütte der Chorotis. Rio Pilcomayo.]
Die Frauen suchen das Material zum Hausbau zusammen und bauen auch die
Hütten.