Ich liebe ihn sehr, diesen stillen braunen Tieflandsfluß, der die

Großenhainer Pflege erquickt und verschönt. Ein Stück unterhalb des

Städtchens haben sie ihm ein neues Bett gegraben, des Bahnbaues wegen,

aber bald wallt er wieder unter uralten Eichen seines ursprünglichen

Weges dahin. Ganz allein bin ich hier; kein Mensch in der Runde;

Wildtaubengegurr, Pirolruf und Lerchengesang nur erfüllen die Stille,

und die Aue erjauchzt in einer Farbenpracht ohnegleichen. – Die

Röder war immer ein gutes, zuverlässiges Fischwasser und ist es in

gewissem Sinne bis auf unsere Tage geblieben. Freilich, seitdem mit

der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die schmutzigen

Fabrikwässer sich in die Heimatströme zu ergießen begannen, ist der

ursprüngliche Fischreichtum sehr zurückgegangen, und das Gesinde in

den Elbdörfern braucht nicht mehr im Mietvertrag sich auszubedingen,

daß es nicht mehr als zweimal in der Woche Lachs zu verzehren brauche

zum Mittagsmahl. – In den ältesten deutschen Zeiten war der Fischfang

in unserer Heimat ganz frei; später ward er ein Recht des Grundherrn,

zu dessen Gebiet der Wasserlauf zählte. Der als mustergültiger Wirt

sattsam bekannte Kurfürst August wandte der Fischerei seine besondere

Aufmerksamkeit zu. Vor allem trat er der unvernünftigen Behandlung der

Fischweid entgegen. So verbot er, in dürren Jahren die in den Bächen

verbleibenden »Teufen« auszuschöpfen und den Fischen ihren letzten

Zufluchtsort zu rauben. Er gab Vorschriften über Art und Beschaffenheit

der Fangwerkzeuge. Besonders hielt er darauf, daß nicht zu engmaschige

Netze verwandt wurden, und für Krebse, Hechte und Barben wurden

eiserne Modelle angefertigt, unter deren Größe nicht gefangen werden

durfte. Nur Mittwochs und Freitags war das Fischen erlaubt, und mit

Strenge wurde die Verunreinigung der Fischwässer durch das Rösten des

Flachses verhindert. Den Holzmühlen war es untersagt, die Sägespäne ins

Wasser zu werfen, und selbst die hoch privilegierten Gruben durften

die Pochwerksabwässer nicht unmittelbar in die Flüsse ableiten. Ganz

besonders scharf aber war der Landesherr hinter den Fischdieben her. Im

Jahre 1568 befahl er, bei allen Hegewässern in Abständen von tausend

Ellen einen hölzernen Galgen aufzurichten, und tatsächlich ließ er die

Strafe des Stranges wider etliche mutwillige Verbrecher ergehen.

[Illustration: Abb. 5. =Schloß Niederrödern=]

Manch nasse Stelle ist hier noch übrig geblieben aus der Zeit, da

weit und breit der »Rad« der Sumpf, die Gegend beherrschte, und der

Pflanzenfreund, mein ich, wird hier manch wertvollen Fund machen. –

Ein Stück komme ich hier vom Wege ab und muß den neuen Bahndamm als

Straße benutzen. Das ist nicht erlaubt, und deshalb ist mir es auch

äußerst fatal, daß ich die Kiebitze nicht los werde, die immer lauter

meine Übeltat hinausschreien in die Sonne. Dumme Kerle, ihr habt doch

den wenigsten Grund, Menschenkulturwerk zu schützen – oder haltet ihr

mich vielleicht für den Erbauer des Werks, das euch wieder ein Stück

von eurem Revier raubte?

Rotbraun ziehen sich die Moorgräben durch die Wiese. Goldenes

Dotterblumengerank geht ihnen zur Seite, silberne Fischlein flitzen

über den Grund, und immer glühender werden die Farben der Blumen. Dann

nimmt mich für ein Stück Weges der ernste Zeisigbusch auf mit seinen

Altkiefernkronen.

Weit drüben brüllt ein Auto und entheiligt die Maiennatur mit wüster

Staubwolke. Wohlgeborgen in Frische und Saft blicke ich ihm nach –

nicht mit den besten Gefühlen! Wohl ist auch eine Staubsäule schön

und erhaben, wenn der Sturmwind sie hochtreibt mit sausendem Fittich,

aber Menschen sind es hier, die die unschuldig frohe Straße vergiften

mit Qualm und Gestank und Gebrüll. Wie wird die Menschheit wohl einmal

ihren Frieden machen mit diesem – zugegeben – unvermeidlichen Übel?

Wie ein schlummerndes Kind mit blühenden Wangen liegt Oberrödern dort

unter seinen rosig überschäumten Obstbäumen, und immer weiter geht

mir die Aue zur Seite mit Pappeln, Eichen und Erlen gleich lauschigen

Inseln inmitten.

Und jetzt hinter goldenen Alteichenwipfeln ein Schloß mit

Ziegelsteildach und altersgrauen Renaissancegiebeln – Niederrödern, das

fürstlich Reußische Gut. Auf hohem Dammweg schreite ich freudig drauf

zu, da überrascht mich von rechts her schon wieder ein neuer anmutiger

Ausblick – die Dorfkirche mit ihrem reizvollen schieferverschalten

Dachreiter lugt hinter den Eichen hervor. Wieviel Lieblichkeit,

Schönheit und Größe auf so engem Raum beieinander.

Sturmsicher und fest liegt das alte Wasserschloß hinter Fluß und

grünlinsigen Weihern; der schmale Pfad, der jetzt durch diese an den

Bau heranführt, war früher sicher noch nicht vorhanden. Mit tiefer

Kehle singt der Frosch hier von Lenz und von Liebe.

Auch im Dorf findet sich viel noch, was dem Heimatfreund Auge und

Seele erfreut; trauliche Tagelöhnerhäuschen und stattliche Bauernhöfe,

eine schöne alte Schmiede und ein wahres Juwel von Pfarrhaus, braun

verschalt und rot beziegelt. In seinen blühenden Garten trete ich jetzt

ein, ziehe die Glocke und verlasse mit einem Bunde gewaltiger Schlüssel

bald darauf durchs Hinterpförtchen das Haus. Der Herr Pfarrer vertraut

sie mir an; mein Wanderausweis vom Heimatschutz tat mir auch hier

leicht die Pforten auf.

[Illustration: Abb. 6. =Schloß Niederrödern=]

Still und feierlich liegt das Innere des kleinen Gotteshauses da. Zwei

herrliche Sträuße duften vom Altar her, der edel und würdig bekleidet

ist mit rotem Sammetornat vom Jahre 1690. Rechts von dem kleinen

Spätrenaissancewerk fesselt meine Aufmerksamkeit ein ungewöhnlich

schönes Steinmal. Ein geharnischter Mann kniet dort, ein Ritter aus dem

Zeitalter der Reformation. Aber in seinem Gesicht spricht sich mehr

noch aus als ritterbürtiger Anstand – der charaktervolle langlockige

Kopf redet auch von offenbarer geistiger Überlegenheit und Bedeutung.

Christoph von Beschwitz ist es, Erbherr und Doktor der Rechte, der

seit dem Jahre des Herrn 1540 hier seine Urstünd erwartet. Mit einiger

Mühe entziffre ich die Schrift am Fuße des Steins. »... sein Wandel

war erbar fridtsam und schlecht – in seiner Herren Dinst ein trewer

Mann ...« O du deutsches Wort!

[Illustration: Abb. 7. =Toter Röderarm= bei Niederrödern]

Im vorletzten Gehöft vor der Mühle gibt es eine Hochzeit. Eine

prächtige Ehrenpforte krönt den Toreingang. Noch ist die Braut nicht

sichtbar, aber die männlichen Festteilnehmer sitzen in feierlichen

schwarzen Hosen und blütenweißen Hemdärmeln unter dem Flieder.

Röcke sind sicher auch vorgesehen, ich kann sie von hier aus nur

nicht entdecken. Eine Trompete im Hof bittet die Festversammlung in

wehmütigen Tönen, ihr doch zu sagen, was es bedeuten solle, daß sie so

traurig sei – da bin ich bei der zusammengestürzten Brücke schon wieder

zum Dorfe hinaus, allein in der Frühnachmittagsstille. Auf dem Gepfähl

sitzt der rotrückige Würger und schaut nach Maikäfern aus. In den

Lüften aber blitzt schon hier und da silberner Möwenflug auf; ich bin

also recht auf dem Wege zur Brutkolonie des reizenden Vogels hinten

im Sumpf. Noch einmal schau ich vom Steinberg herab auf das liebliche

Rödern. Der Brautzug kommt jetzt heraus aus dem Gehöft, die Trompete

von vorhin schmettert ein schneidiges Stücklein, und dann heben die

Glocken an zu schwingen. Glück auf den Weg, junges Paar!

Naß wird der Pfad jetzt und weich. Ein weiter brauner Wald alten

Rohres weht vor mir im Wind, und bald bin ich im wogenden Halmemeere

verschwunden. Unwillig schilt der Froschkantor über die Störung, sechs

seiner begabtesten Schüler auf einmal sehe ich grade noch kopfüber im

Wasser verschwinden; raschelnd fährt die Ringelnatter durchs Röhricht,

aber ungestört noch durch mein Nahen schrillen die Rohrsänger im

Schilf um die Wette. Puh, ist es hier heiß! In wahren Strömen rinnt

mir der Schweiß von der Stirne, vor den Augen flimmert der Sonnenglast

und stahlblauer Libellenflug. Weiß wie Schnee deckt das Wollgras den

unsicheren Boden, der mich zu immer gewagteren Sprüngen zwingt. Wie

es hier lebt in dem Sumpf! Entengeschnatter, Fasanenschrei, immer

neues vielstimmiges Kreischen von unsichtbarem Getier dringt an mein

Ohr, und nun auf einmal stiebt in gewaltigem Ruck eine mächtige weiße

Wolke hinter den Halmen empor – hunderte, nein tausend Lachmöwen

sicher steigen auf edelschmalen Schwingen dort auf, kreisen angstvoll

hoch in der Luft, fallen wieder ein, rudern über die blanken blauen

Wasserstellen im Sumpf, steigen wieder auf, lassen ihre Losung fallen,

krächzen, krähen, schrillen, als wollte die Welt untergehen. Vorsichtig

arbeite ich mich heran an die Blänke, sehe durchs Glas hinüber zu den

Kaupen, darauf die Nester stehen mit den graugrünen, braungefleckten

Eiern, und ziehe mich dann leise zurück, um nicht zu lange die

fleißigen Brüter zu stören. Aber noch immer steigen neue Scharen auf;

dazwischen strack und steil einzelne Enten; das Geschrei will nicht

aufhören. Ganz wirbelig biege ich um die äußerste Rohrecke, schon

wieder auf festem Boden; da liegt es schneeweiß auf der Wiese, auch

hier hunderte der aufgescheuchten Vögel, die bei meinem Nahen verwehen

wie der Oktobernebel vor der aufsteigenden Sonne.

Weit aus der Wiese schau ich noch einmal zurück. Braun liegt der

Schilfteich, schüchtern erst kämpfen sich hellgrüne Junghalme durch,

aber welch unvergeßlicher Anblick, welch hohe Freude bot mir diese

Einöde heut. Ein Stück große, echte Natur durfte ich hier schauen, wie

ich sie in der übervölkerten Heimat gar nicht mehr zu finden gehofft.

[Illustration: Abb. 8. =Großdittmannsdorf=]

Allmählich nur gelingt es dem Kuckucksruf, der aus den Bäumen am Fluß

drüben läutet, das Möwengeschrei aus meinem Ohre zu bannen. Hier

hinter dem Sumpf zeigt das Röderland übrigens so recht, was es in

landwirtschaftlicher Hinsicht bedeutet.

Hinter Freitelsdorf gilt es zum ersten Male heut, die Landstraße unter

die Füße zu nehmen. Schwarzblau dehnt sie sich nordwärts in unendliche

Weiten. Aber langweilig wird sie mir nicht, auch sie hat ihren Reiz,

ihren großen sogar – das Geheimnisvolle, der Zug in die Ferne liegt auf

ihr! Manch Dörflein, manch stattlicher Kirchturm grüßt mich von weitem,

am prächtigsten doch der gewaltige Breitturm von Niederebersbach mit

dem kecken Dachreiterchen ganz obenauf.

[Illustration: Abb. 9. =Landstraße bei Niederebersbach= bei Großenhain]

Mächtig schreite ich aus, in wenigen Stunden muß ich am Ziel sein,

der Zug wartet nicht. Bieberach mit der Uferschwalbenkolonie in der

alten Kiesgrube liegt hinter mir, und schon taucht das rossenährende

Kalkreuth auf. Ach, wehmütig wird es mir zu Sinn, wie ich die

verlassenen Koppeln sehe, darauf einst vierhundert Jungpferde, Remonten

der alten Armee, herumsprangen. Nur vier Hengste noch stehen jetzt

hier, wo schon zu Kurfürst Christian I. Zeiten ein Stuthaus für hundert

Rosse bestand.

Nördlich von Kalkreuth dehnt sich auf Folbern und Quersa zu eine

ungeheure Ebene. Hier war es, wo August der Starke der Reiherjagd

huldigte. Im Röhricht am Fluß standen damals genug der blaugrauen

Wildfischer, es war nicht schwer, ihrer einen hochzumachen, und dann

ward der Falke an ihn geworfen! In verzweifelter Hast stieg der Reiher,

er wußte, was ihm drohte, aber wie ein Sturmwind zog der Falke empor,

steiler und steiler, bis er ihn endgültig überhöht hatte. Was nützte es

dem Grauen, daß er herausholte aus den Fittichen, was er nur konnte;

daß er herausspie, was er im Kropf trug; daß er den dolchartigen

Schnabel dem Gegner entgegenreckte? Wie ein Stein fiel der Falke

ihm auf den Rücken, eine wirbelnde, schwingenschlagende Masse kam

weit drüben zur Erde. Und jetzt hieß es für die Jäger Schenkel heran

und im vollen Rosseslauf hin zu den Vögeln – keinesfalls sollte der

Falke den Reiher abtun; des Weidwerkes feinstes Ziel war, den Reiher

lebendig zu fangen, ihn mit silbernem Ring am Ständer zu zieren und

ihn dann wieder in Freiheit zu setzen. – Im Kalkreuther Hof wohnte

der Oberfalkenmeister mit seinen Knechten, und in der Ebene stand

der sogenannte Reiherpavillon, ein anmutiges Schlößchen, darin die

Teilnehmer an der Jagd hinterdrein ihre Bequemlichkeit fanden.

Und nun auf zum letzten Kampf mit der Ferne. Schon winken die

Großenhainer Dächer und Türme hinter der unendlichen Aue. Daß ich dem

Löwenwirt an der Landstraße den Schmerz antue, beim Nachbar mir zwei

Gläser Wasser zu erbitten, ist unschön, hilft mir aber bei der Hitze

besser weiter als schäumendes Braunbier. Gar bald grüßt mich denn

auch das äußerste Vorwerk von Kalkreuth, der Reiherhof, ein Zeuge aus

der Zeit des edlen Federspiels. Unter einer wundervollen Pappelgruppe

liegt der stattliche Hof mit seinen anmutigen Runddächern da. Mildes

Rindergebrumm weht mir aus den Koppeln nach, und mit glänzenden Augen

mustern die Fohlen den hastigen Wandrer. Im warmen Abendsonnenschein

glänzt der Röderkanal unter der Bohlenbrücke; wie brauner Achat, wie

Goldsammet leuchtet jetzt sein Gewässer. Dann umgibt mich wieder

Menschengewimmel; ich stehe am Bahnhof und kehre zurück dahin, wo mich

der neuen Woche Pflichten erwarten. Das Herz aber, ich weiß es, wird

noch lange sich zurücksehnen in das grüne, stille und starke Land dort

in der Au.

Bücherbesprechungen

=Dr. Jäger und Dr. Schulze, Wanderkarte Mitteldeutschland.=

Herausgegeben vom Sächsischen Verkehrsverband, Leipzig, Gellertstraße

10. Preis 0.50 Mark. Der Hauptwert dieser Karte, die sich zum

Ausarbeiten von Wanderungen in dem Gebiet zwischen Wittenberg und

Karlsbad, Erfurt und Zittau recht gut eignet, zumal die Entfernungen

zwischen den einzelnen Orten und die Steigungen reichlich und

ordentlich angegeben sind, wenn sie natürlich auch beim Wandern selbst

die amtlichen Karten nicht ersetzen kann, liegt darin, daß sämtliche

Orte mit _Jugendherbergen_ kräftig blau unterstrichen sind. Wer je

nach dem Jugendherbergsverzeichnis sich eine Tour zusammengestellt

hat, wird ermessen können, welche zeitraubende Arbeit ihm von den

Verfassern der Karte abgenommen worden ist. Da auf der Rückseite

sämtliche bei den wichtigsten Bahnstationen (auch der Vorstädte der

Großstädte) aufliegende Sonntagskarten mit Angabe der Kilometer

verzeichnet sind, nützt die Karte auch den Wanderern, die nicht dem

Herbergsverband angehören. Sie finden in dem unentgeltlich beigegebenen

Hotelverzeichnis eine Fülle von Übernachtungsgelegenheiten.

_Dr. Kurt Schumann._

»=Das Deutsche Haus=« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch –

ist soeben bei Ernst Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in

glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk zum Abschluß

gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen

Hauses, Anlage, Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden

in tiefgründiger Weise vom Standpunkte des schaffenden Künstlers

behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend

ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir

empfehlen allen Baulustigen wie Freunden der nationalen künstlerischen

Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern der Baukunst.

Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen

schematischen Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer

wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Alten zu benützen

und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine

bedeutsame Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen

Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, auf die vom Deutschen Bund

Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt und

Land, von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs

sei hier noch hingewiesen. –

Daß dem Siedlungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche

Teile des Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch,

daß die künstlerische Gestaltung des Hausinneren in Verbindung mit

den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials mit

besonderer Liebe behandelt ist.

_Paul Goldhardt._

=Heimatscholle von Franz Blanckmeister=, 214 Seiten gebunden in

Halbleinen 2.50 Mark, Dresden, Franz Sturm & Co. Das Vogtland, der

entlegenste Gau unserer sächsischen Heimat, ist noch lange nicht

so bekannt, wie es wünschenswert wäre. Da ist ein Buch mit Dank zu

begrüßen, das sich die Aufgabe stellt, das Vogtland zu schildern, wie

es war und wie es ist. Ein Sohn der vogtländischen Erde, der Verfasser

der »Sächsischen Kirchengeschichte« und des Deutschen »Familienlebens«

_Franz Blanckmeister_ in Dresden, gibt uns hier ein schönes,

abgerundetes Bild vogtländischen Lebens, wie er es als Knabe und

Jüngling von den Fenstern der Endegasse in Plauen geschaut hat. Denn

es sind Jugenderinnerungen, die uns hier geboten werden. Mit großer

Anschaulichkeit werden Land und Leute geschildert. Die Doppeltürme

Plauens steigen auf. Wie Momentphotographien treten die Eltern und

Verwandten, sowie zahlreiche Originale aus Stadt und Land vor das Auge.

In der Kinderstube hebt sich der kleine Sonderling von den Geschwistern

ab, der seine kleinen Schwestern und Brüdern neckt, aber nicht geneckt

sein will, der seine Habseligkeiten einsiegelt, damit sie nicht Schaden

leiden, der auf einer Schlittenfahrt wie durch ein Wunder gerettet

wird. Die Kinderspiele, das Straßenleben, die Tierwelt der Heimat, die

Schule, die Kirche, alles spiegelt sich in dieser deutschen Jugend

wieder, nicht zuletzt die Weltereignisse von 1866 und 1870, wie sie

das stille Städtchen berührten. Das ist ein Buch, an dem nicht nur die

Vogtländer, sondern alle ihre Freude haben werden, die unser Volk

lieb haben. Das bei allem Ernst humorvoll geschriebene Buch löst eine

wohlige Stimmung im Leser aus, es ist darum ein Buch für unsre Zeit.

=Hans Siegert, Zwei Wege.= Ein Roman aus dem Erzgebirge. Verlag Wittig

und Schobloch, Dresden-Wachwitz. Nachdem Max Geißler den deutschen

Büchermarkt mit einer Anzahl sogenannter Erzgebirgsromane bereicherte,

tritt jetzt der bekannte Leipziger Erzgebirgsschriftsteller Hans

Siegert mit einem »Roman aus dem Erzgebirge« auf den Plan. Richtiger

hätte es heißen mögen »Aus dem oberen, ja obersten Erzgebirge«, denn

Hans Siegert ist schon der Schilderer eines kleinen Gebietes, der der

Walddörfer und ihrer Bewohner in nächster Umgebung des Fichtelberges

gewesen. Wie das Leben dieser Waldleute arm an äußeren Ereignissen ist,

so besticht auch die vorliegende Geschichte nicht durch romanhafte

Gestalten und eine bewegte Handlung; aber aus jeder Zeile spricht die

Liebe des Verfassers zu seiner Heimat. Das Kleinste erscheint ihm

wichtig, das Bescheidenste erwähnenswert. Köstlich geraten sind die

Schilderung der Taufe und des Verfassers eigene Seminarerinnerungen.

Das Lesen des sehr empfehlenswerten Buches wird vor allem der

heranwachsenden Jugend von Nutzen sein.

_Max Wenzel._

=Gustav Wolf: Das norddeutsche Dorf=, Bilder ländlicher Bau- und

Siedlungsweise im Gebiet nördlich von Mosel und Lahn, Thüringer Wald

und Sudeten (222 Seiten mit 141 Netzätzungen und 20 Strichätzungen

– R. Piper & Co. Verlag, München 1923). Dieses köstliche Buch

ist der letzte Band einer Reihe, die in drei Bänden »Die schöne

deutsche Stadt« und »Das deutsche Dorf« umfaßt. Wir möchten wohl

wünschen, daß ein besonderer Band neben dem süddeutschen und dem

norddeutschen auch das mitteldeutsche Dorf, besonders das sächsische

behandele, denn Sachsen ist in dem Wolfschen Buche nicht gerade

hervorragend bedacht, und in dem Quellenverzeichnis sind die Werke

von Wuttke, Hennig, Karl Schmidt, Gruner u. a. nicht genannt,

auch z. B. unsere charaktervollen erzgebirgischen Wehrkirchen

nicht erwähnt. Aber trotzdem können wir dem Buche des kunstreichen

Architekten nur warme Anerkennung mit auf den Weg geben. Es behandelt

nach zwei einführenden Kapiteln die Bauernhausformen Ost- und

Mitteldeutschlands sowie Nordwestdeutschlands, das Altsachsenhaus,

das Westfalen-, das Ostfriesen-, das Nordfriesenhaus, Grotdör, Döns

und Pesel, die Siedlungen, die Dorfkirchen und die Erstellung des

dörflichen Gesamtbildes. Treffliche Sachkunde vereinigt sich hier

mit warmfühlendem Herzen. Wolfs tiefgehende Liebe zu deutscher

Eigenart spricht zu unserem Herzen und wird jedem, der das deutsche

Dorf, das deutsche Bauernhaus, die deutsche Dorfkirche in ihrer

Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit, in ihrer Zweckmäßigkeit

und in ihrer bodenständigen Kraft noch nicht kennen sollte, einen

reichen Einblick in deutsches Wesen und in deutsche Ausdrucksform

geben. Mit eindringlichen Worten wendet sich Wolf an die deutschen

Architekten, die Baubehörden, die kirchlichen Maßgebenden, um in ihnen

wiederzuerwecken, was uns verlorengegangen ist. Gedanken Sohnreys,

Mielkes, Schultze-Naumburgs haben das Buch mannigfach befruchtet, aber

das Ganze ist Wolfscher Eigenbau. Ein paar Sätze aus seinen Darlegungen

mögen hier Platz finden: »Ihr Bauern, Pfarrer und Baumeister: werdet

bescheiden! Laßt das Kirchenbauen, wenn Ihrs nicht müßt. Und wenn Ihrs

müßt: fragt nicht nach Stil, nicht nach Ornamenten, wollt nicht zuviel,

tut das Notwendige mit den einfachsten Mitteln. Laßt Euch von Armut

und Elend, die uns der Weltkrieg aufgezwungen, wieder jene einfachen

aber starken Raum- und Bauformen bringen, die einst, aus Not geboren,

zur Tugend wurden in den Gipfelbauten unserer Dörfer: in den alten

Dorfkirchen.« – Anderthalbhundert Abbildungen, darunter eine Anzahl

lehrreicher Fliegeraufnahmen sind dem Wolfschen Buche beigegeben.

_Paul Schumann._

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt

– Druck: Lehmannsche Buchdruckerei

Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Satzung

I. Zweck und Organisation

§ 1.

Name, Zweck und Sitz des Vereins.

Der Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« bezweckt, die sächsische

Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart zu

schützen, Neuentstehendes im Sinne dieser Eigenart zu beeinflussen,

sowie das Bau- und Wohnungswesen zu fördern.

Sein Arbeitsgebiet umfaßt namentlich:

~a~) Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen

Bauweise, Beratung für Bauten und Anlagen aller Art,

Maßnahmen gegen die Verunstaltung von Stadt und Land, sowie

die Erstattung von Gutachten über alle diese Fragen;

~b~) Pflege der Volkskunde und Volkskunst;

~c~) Schutz der landschaftlichen Natur, der einheimischen Tier-

und Pflanzenwelt, sowie der geologischen Eigentümlichkeiten

des Landes.

Entsprechend diesen Aufgaben des Vereins bestehen drei Hauptgruppen

unter je einem besonderen Leiter, nämlich:

Gruppe ~A~: Bauberatungsstelle,

Gruppe ~B~: Volkskunde und Volkskunst,

Gruppe ~C~: Naturschutz.

Außerdem besteht als besondere Abteilung: eine Beratungsstelle

für Bebauungspläne.

Die Verfassung und Tätigkeit dieser Abteilung, sowie ihre Stellung

im Gesamtverein wird durch eine vom geschäftsführenden Vorstand

aufzustellende Geschäftsordnung geregelt.

Der Sitz des Vereins ist Dresden.

Der Verein ist in das Vereinsregister eingetragen.

§ 2.

Die Organe des Vereins sind:

~a~) der geschäftsführende Vorstand,

~b~) der Gesamt-Vorstand,

~c~) die Hauptversammlung.

§ 3.

Das Geschäftsjahr läuft vom 1. Januar bis mit 31. Dezember.

II. Mitgliedschaft

§ 4.

Der Landesverein setzt sich zusammen aus:

~a~) körperschaftlichen Mitgliedern,

~b~) Einzelmitgliedern,

~c~) Ehrenmitgliedern.

Die Höhe der Jahresbeiträge und der sonstigen Aufwendungen, die zur

Erhaltung des Vereins erforderlich sind, bestimmt der geschäftsführende

Vorstand, der auch befugt ist, im Einzelfalle Nachlässe zu gewähren.

Um Irrtümer zu vermeiden, geben wir hierzu folgende Erklärung: Der

Jahresbeitrag ist auf RM 12.— festgesetzt[8].

Der Eintritt erfolgt durch Anmeldung.

§ 5.

Zu Ehrenmitgliedern oder Förderern können auf Vorschlag des

geschäftsführenden Vorstandes durch den Gesamtvorstand Personen

ernannt werden, die sich um die Bestrebungen des Landesvereins in

hervorragender Weise verdient gemacht haben.

III. Vorstand

§ 6.

Der Gesamtvorstand des Landesvereins besteht aus:

~a~) dem Vorsitzenden,

~b~) dem 1., 2. und 3. Stellvertreter des Vorsitzenden,

~c~) dem Schatzmeister,

~d~) den Leitern der drei Hauptgruppen und deren

Stellvertretern (zu vergleichen § 14),

~e~) dem Geschäftsführer, sowie

~f~) 80 Beisitzern.

Für die Angelegenheiten der Abteilung für Bebauungspläne tritt deren

Vorsitzender und dessen Stellvertreter hinzu.

Die Zuziehung noch weiterer Personen mit beratender Stimme bleibt dem

Gesamt-Vorstand überlassen.

Die Leiter der Hauptgruppen sowie der Abteilungen können gleichzeitig

ein anderes Amt im Gesamt-Vorstande bekleiden.

Die unter ~a~–~e~ Genannten bilden samt 8 Beisitzern des

Gesamtvorstandes, die der Gesamt-Vorstand wählt, den geschäftsführenden

Vorstand.

§ 7.

Der Gesamt-Vorstand wird auf die Dauer von 5 Jahren von der

Hauptversammlung gewählt. Die Wahlen des Vorsitzenden, des 1., 2. und

3. Stellvertreters des Vorsitzenden, des Schatzmeisters und der Leiter

der drei Hauptgruppen erfolgen in je einem besonderen Wahlgange, die

der übrigen Vorstandsmitglieder mit Ausnahme des Geschäftsführers,

der als Beamter gilt, in einem gemeinsamen Wahlgange. Die Abstimmung

ist schriftlich und geheim, wenn nicht die Mehrheit der Versammlung

die Wahl durch Zuruf genehmigt. Wiederwahl der ausscheidenden

Gesamt-Vorstands-Mitglieder ist zulässig.

Scheidet ein Gesamt-Vorstands-Mitglied vorzeitig aus, so kann sich

der Gesamt-Vorstand bis zur nächsten Hauptversammlung durch Zuwahl

ergänzen.

Der Gesamt-Vorstand tritt auf Berufung des Vorsitzenden nach Bedarf

zusammen.

§ 8.

Der Vorsitzende hat den Verein gerichtlich und außergerichtlich zu

vertreten und bildet den Vorstand im Sinne von § 26 des BGB. Im

Behinderungsfalle tritt einer der drei Stellvertreter für ihn ein.

§ 9.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 5-6 · 第 5 / 6 段