_Pesterwitz bei Dresden_, wenn er auf dem auch künstlerisch sehr
wertvollen Grabdenkmal der Familie des Pfarrers Opitz die Trauerkunde
vom »_sechsfachen Tränenopfer_« liest, wie im zartesten Alter ein Kind
nach dem andern von Pestilenz und sonstigen Seuchen dahingerafft worden
ist. Und trotz dieser Schicksalsschläge das glaubensfrohe: ~Sit nomen
Domini benedictum in secula!~ (Abb. 1.)
[Illustration: Abb. 1. =Das »sechsfache Tränenopfer« auf dem
Pesterwitzer Kirchhof=]
Das Denkmal wird oben von sechs Kinderköpfen geschmückt, die aus
einem Baldachin hervorschauen. Darunter sind sechs wappenartige
Tafeln mit Namen und Lebensgang der Kleinen zu finden. Links, auf
urnengeschmücktem Grabmal, eine größere Tafel, deren Inschrift sich
auf Pfarrer Opitz bezieht, rechts eine gleiche, die von seiner
Lebensgefährtin erzählt. Zwei Knabengestalten halten die Epitaphe,
während am Fuße des Denkmals ein trauernder Engel kniet.
Die Aufschrift lautet:
Des hiesigen Pastoris
Mag. Johann Gottlob OPITZENS
und seiner Ehegenossin
Frauen Charlotten Marien geborenen Rentzschen
aus Frankfurt an der Oder
sechsfaches Tränenopfer
bei dem frühzeitigen Absterben ihrer Kinder.
I. ANONYMUS, kam tot zur Welt den 3. März 1759.
II. CHRISTIAN LOBEGOTT, geb. den 10. Mai 1755, fiel den 21.
Sept. 1760 nebst seinen beiden Geschwistern an einer
gefährlichen Blatterkrankheit und mußte als der munterste
und robusteste unter ihnen die Schuld der Natur vorzeitig
bezahlen den 27. Sept. 1760 im 6. Jahre.
III. SOPHIA AMALIA, ward den 8. Oktober 1761 in einer Stunde
geboren, getauft und vollendet.
IV. ERNESTINE HENRIETTE, geb. 7. Sept. 1762,
brachte bei einer schwächlichen Konstitution die traurigen
Merkmale von den bisherigen Kriegsunruhen und vielen
Schrecken mit auf die Welt, fiel in eine Verzehrung und
starb den 14. Mai 1763, 8 Monate alt.
V. JOHANN ADOLPH, der Liebling, geb. den 17. Jan. 1766.
Seine Erziehung war vom 2. Jahre ab mehr angenehm als
beschwerlich, da er Fähigkeit genug hatte, verschiedene
biblische Historien, geographische Fragen und lateinische
Wörter zu fassen.
Er versprach zum öfteren, mit Gottes Hilfe ein frommes Kind
zu werden. Sein täglich Gebet war:
Gedenke meiner, mein Gott, im besten! Und er hörte!
Er starb sechs Wochen vor seinem ältesten Bruder den 6.
April 1769 im 4. Jahr an den Blattern.
VI. GOTTHOLD THEODOR, der erstgeborene Sohn vom Hause, ~spes
laeta parentum~,
trat in die Vergänglichkeit ein am 24. Jan. 1753,
bezog die Meißnische Fürstenschule 1766 den 4. Okt.,
ließ bei einem guten Genie, nachdem er bereits 1768 unter
die Ober Lectioner als Secundaner war aufgenommen worden,
etwas von sich hoffen,
kam am 4. Mai 1769 zum Besuch nach Hause und starb den 23.
Mai nach einer viertägigen Niederlage am hitzigen Fieber
in den Armen und unter den Tränen seiner schon vorher tief
gebeugten Eltern im 17. Jahre.
Die _Grabinschrift des Pfarrers Opitz_ selbst ist leider nicht mehr
ganz zu entziffern:
Herr Mag. Johann Gottlob OPITZ,
Sein Vater, ein treuer Schullehrer zu Schmiedefeld,
und seine Mutter, eine geborene Thomaßin aus Langburkersdorf,
denen Er den 14. Juli 1717 geboren ward,
gaben Seiner Seele die erste Bildung.
Nach rühmlich vollendeten Vorbereitungsjahren in Dresden und Leipzig
führte Er bey hiesiger Kirchgemeinde das Amt,
welches ihm Gott. NIMTSCH anvertraute,
38 Jahre mit voller Erfahrung und Gewissenhaftigkeit,
(legte es) ... nachdem Er 68 Jahre 8 Mon. und 7 Tage gelebet hatte,
... 31. März 1786 nieder.
Der in der Grabschrift genannte Kollator Nimtsch ist einer aus dem
Geschlechte der _Herren von Nimptsch_, an die noch am Rittergut von
Oberpesterwitz, einem ehemaligen _kurfürstlichen Küchengut_, jetzt im
Besitz des _Barons von Burgk_, das Wappen erinnert. Auch der Ortsteil
_Neunimptsch_ und das _Juchhöh-_ oder _Jochhöhschlößchen_ am Höhenrande
des Plauenschen Grundes gehen auf diese Adelsfamilie zurück. Ein
_Geheimrat von Nimptsch_ erbaute 1791 auf dem zum Rittergut Roßtal
gehörigen Grund und Boden den Weiler Neunimptsch, der früher den Namen
»_Der Kuckuck_« oder »_Auf dem Juchhe_« führte. Das vom Herrn von
Nimptsch errichtete Weinberghaus mit den drei Flügeln und dem Turm war
eins der schönsten im Lande.
Doch kehren wir von diesem kleinen »Ausfluge« zur Grabschrift der
Pfarrersfrau zurück!
Im Leben allgemein beliebt,
im Tode herzlich beweint
und im Grabe allen Guten unvergeßlich,
ruht allhier die wahrhaftig verehrungswürdige Frau,
Frau CHARLOTTE MARIE,
weiland Sr. Hochwohlehrwürdigen Herrn Mag. Johann Gottlob Opitzens,
treuverdienten Pastoris zu Pesterwitz
hinterlassene Witwe.
Ihren geliebten Ältern,
Herrn Johann Christian Rentzsch,
berühmten Chirurgo zu Frankfurt a. d. Oder,
und dessen Gattin, Frau Evan Margarethen, geb. Wolfin,
von welcher sie den 13. Junius 1733 geboren wurde,
war sie ein teures Geschenk des Himmels,
ihrem wertgeschätzten Gatten,
mit welchem sie sich den 13. Junius 1751 ehelich verband,
war sie 35 Jahre hindurch die trefflichste Lebensgefährtin,
ihren sie zärtlich liebenden Kindern,
als 6 Söhnen und 3 Töchtern,
von welchen bloß 1 Tochter und 2 Söhne
ihren letzten Segen erhalten konnten,
war sie Mutter und Wohltäterin
in edelstem und vollkommenstem Verstande
allen ihren Freunden und Bekannten in hiesiger Kirchfahrt
ein unentbehrliches Kleinod.
Allgemeines Trauern erregte daher der 17. April 1794,
an welchem Tage sie zu Pesterwitz
ein 60 Jahre 10 Monate und 4 Tage
hindurch geführtes musterhaftes Leben
nach langwierigem körperlichen Leiden
in sanfter Stille und seliger Hoffnung endigte.
Sanft ruhe nun die Verklärte.
Da wir uns gerade auf dem Pesterwitzer Kirchhof befinden, sei erwähnt,
daß man beim Abtragen der _Grundmauern des alten Gotteshauses_
einen _Behälter mit Eiern_ gefunden hat, der einst aus Aberglauben
eingemauert worden war, um die bösen Geister zu versöhnen. Man
glaubte früher bekanntlich, daß man beim Bauen etwas Lebendes als
Opfer einmauern müsse. Während man in den ältesten Zeiten Kinder und
Jungfrauen opferte (diese besonders bei Anlage von Ritterburgen,
die man dadurch uneinnehmbar zu machen dachte), nahm man später
Ziegen, dann kleinere Tiere, bis zuletzt die barbarische Sitte noch
weiter gemildert wurde und man auf Eier zukam. Die sehr sehenswerten
_Sammlungen des Herrn_ ~Dr.~ _Pötsch_ in _Pesterwitz_ enthalten einige
beim Kirchenneubau gefundene Eier. Genannter Herr gewährt Besuchern
gern Einblick in sein Museum, das die verschiedensten Gebiete umfaßt.
Das »Sechsfache Tränenopfer« erinnert mich an ein ergreifendes
Gegenstück, so sich auf dem _Felsenkirchhof zu Liebethal bei Lohmen_
findet. Der von fünf Blümchen und einer Ranke gezierte Grabstein
erzählt von »_fünf lieben Ehepflänzlein_«, die im zartesten Alter von
fünf bis achtzehn Tagen, nur ein Kind erreichte das fünfte Lebensjahr,
den bekümmerten Eltern entrissen wurden. Nicht ohne tiefes Mitleid
liest man:
Allhier ruhen fünf liebe Ehepflänzlein
Johannis Georgi HÜBSCHENS,
Pastoris in Porschendorf und Liebenthal,
und Frau Julianen Mariens geb. Hartmannin,
alß ...
Und nun folgen die Namen und Daten ...
Auch hier wieder am Schluß die glaubensfeste Hoffnung:
»Ich habe Euch ziehen lassen mit Trauern und Weinen,
Gott aber wird Euch mir wiedergeben mit Wonne und Freude ewiglich.«
Das an der Kirchenmauer aufgestellte Grabmal ist wohl der einzige
bemerkenswerte Denkstein dieses Friedhofs. So sehr schon die Erhaltung
des über zweihundert Jahre alten Steins auch vom künstlerischen
Standpunkte aus zu begrüßen ist, so sehr ist noch zu wünschen, daß die
Umgebung des Grabmals von allerhand Abraum und Baumaterial gesäubert
und ein würdiger, stimmungsvoller Rahmen geschaffen werde.
Die aus dem engen Wesenitzgrunde zum Kirchlein heraufführende
_Felsentreppe_ ist uralt und von malerischer Wirkung. _Ludwig
Richter_ hat oft hier geweilt und gezeichnet. (Abb. 2.) Der Blick vom
Felsenkirchhof hinab in die vom Flusse rauschend durchströmte Schlucht
ist ganz eigenartig. Einst soll der Grund so eng gewesen sein, daß er
von einer Brücke überspannt wurde. Die Steinbrüche haben im Laufe der
Jahrhunderte die Schlucht immer mehr verbreitert, wie von der niederen
Kirchhofsmauer aus deutlich zu sehen ist.
[Illustration: Abb. 2. =Aufgang zum Felsenkirchhof von Liebethal=]
Von Liebethal führt uns eine kurze Wanderung hinab zur Elbe nach
_Hosterwitz_, dessen Gotteshaus früher so nahe am Strome stand, daß die
Fluten die Mauer bespülten. (Abb. 3.) Ein uraltes _Schifferkirchlein_
ist es, wie wir deren in Sachsen nur noch eins haben, das von
Lorenzkirchen bei Strehla. Hier stiegen die Schiffer aus, verrichteten
ihr Gebet und baten ihren Schutzpatron um glückliche Fahrt. Wenn auch
heute der Kirchhof durch eine Wiesenaue von der Elbe getrennt wird,
so reichen doch bei Hochwasser die Fluten bis heran. Wie oft haben
sie das Gotteshaus bedroht! Auch anderer unangenehmer Besuch stellte
sich ein: der berüchtigte _Kirchenräuber Lips Tullian_ raubte ihm 1702
Pretiosen im Werte von 700 Talern. Er saß dann in den Kerkern der
Augustusburg und endete als Raubmörder und Räuberhauptmann 1715 nach
großen Qualen im Dresdner Blockhaus. Das Kirchendach erinnert mit der
großen, aus dunklen Ziegeln bestehenden Zahl 1790 an eine in diesem
berüchtigten Hochwasserjahre vorgenommene Erneuerung und Vergrößerung
des Gotteshauses.
[Illustration: Abb. 3. =Schifferkirche zu Hosterwitz=]
Das oft von Künstlerhand gemalte Kirchlein wird von einem mit
Trauerbäumen bestandenen Kirchhof umgeben, auf dem seit Jahrzehnten
keine Beerdigung mehr stattgefunden hat, soweit es sich nicht etwa
um ein Erbbegräbnis handelte. Sein stimmungsvollstes Denkmal ist das
»_Grab des Silberpagen_«, eines Herrn von Brandenstein, der in den
Diensten des kursächsischen Hofes stand und 1788 im Alter von 18 Jahren
beim Baden in der Elbe ertrank. Seine Freunde errichteten das Grabmal.
Es wird gekrönt von einer Knabengestalt, die trauernd eine Vase voll
Blumen ausgestreut hat. (Abb. 4.)
Die übrigen Denkmäler sind künstlerisch weniger wertvoll, einige sogar
die übliche üble Dutzendware. Doch ist eine ganze Reihe von ihnen in
anderer Hinsicht recht bemerkenswert. Zunächst durch die Angabe von
Berufen oder Amtsbezeichnungen, die man auf anderen Friedhöfen wenig
oder gar nicht findet und die meist vergangenen Zeiten angehören. Wir
lesen von Plantagengutsbesitzern, Schiffsherren, Erbschiffsmüllern,
Weinbergsbesitzern, Amtszimmermeistern, Schloßpredigern, Kgl. Sächs.
Bettmeistern und von einem Hofbettschreiber, dessen Stein uns erzählt,
hier ruhe »die Asche eines Biedermannes«.
Schon die letzten Berufsangaben deuten auf die Nähe des Kgl. Hofes hin,
der ja im Sommer in Pillnitz residierte. So ist es denn erklärlich,
daß wir auf dem Hosterwitzer Kirchhof eine Unmenge Namen alter
Adelsgeschlechter finden, die weit über Sachsen hinaus einen guten
Klang haben. Sie gehörten wohl ausnahmslos dem Pillnitzer Hofstaat an.
Prinzessin von Schönaich-Carolath, Gräfin Hohenthal, von Cerrini di
Monte Varchi, von Römer, von und zu Egloffstein, von Tschirschky und
Bögendorff, von Minkwitz, Sappeur-Capitain von Swett, Baron Seddeler,
von Trautvetter und wie sie alle heißen.
Zu einem schlichten Denkstein aber muß ich noch hinführen, ehe wir den
kleinen Hosterwitzer Friedhof verlassen. Da lesen wir:
Hier liegt
Johann Christian Gottfried KLEMM,
gest. 1. Aug. 1863,
54 Jahre Soldat der Sächs. Armee,
48 Jahre bei dem Kommando
zur Bedienung der Fähre
im Kgl. Hoflager zu Pillnitz,
38 Jahre als Pontonier-Sergeant und Feldwebel
Kommandant der ersteren,
noch im Tode mit der Ernennung zum Leutnant
von seinem Kriegsherrn geehrt.
Ein Muster treuer Pflichterfüllung.
[Illustration: Abb. 4. =Silberpagengrab auf dem Hosterwitzer Friedhofe=]
Wie diesem Manne seine Pflicht, sein Soldatenrock über alles gegangen
ist, so findet man hie und da auch einen Grabstein, dessen Nachruf
Leben und Sterben des Heimgegangenen mit berechtigtem Stolz im
Spiegel seines Berufes zeigt. Hierfür zwei Beispiele: Ein Leichenstein
auf dem Kirchhof zu _Fürstenau bei Lauenstein_ ist in seinem Ausdruck
und Inhalt ganz der Sprache der Bergleute angepaßt, da der Schläfer
drunten einst diesem Stande angehörte. So lesen wir hier:
In dieser Grube hält seine Liegestunde
bis an den Tag der seligen Ausfahrt
Herr Michael KADNER.
46 Jahr } gewesener { Gerichtsgeschworener,
36 Jahr } { Knappschaftsältester,
wie auch Schichtmeister allhier,
mit seinem seligen Vater,
Michael KADNER,
Bauersmann allhier,
und neben seiner sel. Mutter,
Frau Esther geb. Knauthin,
von welcher er den 13. Juli 1672 allhier geboren.
Hat auf der Zeche seines Lebens und Ehestandes
den 24. Jan. 1692 zur Schlägelgesellin bekommen:
Frau Marie geb. Königin,
mit welcher er 4 Söhne und 3 Töchter
zur Ausbeute von dem Segen Gottes erhalten.
Von seiner Lebensarbeit hat er Schicht gemacht
den 19. Mai 1737,
nachdem er vor diese Orte angesessen
65 Jahre.
Auf der Rückseite:
Vom Elend bin ich ausgefahren
ins Huthaus jener Himmelsscharen,
wo mit des Heilands teuerm Blut
ich in der Taufe eingemuth.
In _Naundorf_, im lieblichen _Bobritzschtale_ zwischen Grillenburg und
Freiberg gelegen, ist in die Kirchenmauer eingelassen der Grabstein
eines Bauern und Fuhrmanns. Die Skulptur zeigt unten ein mit sechs
Pferden bespanntes Botenfuhrwerk, das rasch seine Straße dahinfährt,
während oben der Fuhrmann vor dem Kruzifix kniet und Gottes Sohn um
Schutz anfleht. (Abb. 5.) Das ist Melchior _Heber_, dem die Naundorfer
Kirche die mittlere Glocke verdankt, der Stammvater eines bekannten
Bauerngeschlechtes, das seit 350 Jahren ein altes »Hufengut« hier
besitzt. Als man 1783 die jetzige Naundorfer Kirche baute und dabei
Mauersteine brauchte, wurde der alte, umgesunkene Leichenstein
Hebers vom Jahre 1580 mit für die Außenwand verwendet, und zwar
glücklicherweise so, daß Bild und Inschrift zu sehen blieben. Wir lesen
da:
Im Leben hatte ich
an fahren mein Vergnügen
und fuhr an diesem bald
und bald an jenem Ort.
Im Tode spannt ich aus,
ließ alles fahrn liegen.
Und fuhr andern Seelen nach
in sichern Himmels Port.
[Illustration: Abb. 5. =Melchior Hebers Fuhrmannsgrab zu Naundorf=]
Als ich kürzlich wieder einmal das _Landesmuseum für Sächsische
Volkskunst_ besuchte, entdeckte ich zu meiner Freude ein kleines
Lichtbild des eben beschriebenen Grabsteines.
Zum Schluß noch ein kurzes Wort von den _Toten- oder Leichenbrettern_
und den _Marterln_, die uns zwar über die Grenzen unserer Heimat
hinausführen, aber recht erhaltenswerte Volkskunst und Volkspoesie
zeigen. So trifft der Wandersmann schon in der Oberpfalz und mehr
noch im Böhmerwalde hie und da am Weg auf einzelne oder in Gruppen
beisammenstehende Bretter, lang und schmal, zugespitzt in die Erde
gesteckt. Stirbt jemand in der Gegend, so legt man die Leiche auf
das sogenannte _Totenbrett_, das bunt bemalt und mit Sinnbildern des
Todes, einem Schädel und paarweise gekreuzten Knochen, sowie mit einer
aufgepinselten Blumenranke »geziert« wird. Nach dem Begräbnis versieht
man die Tafel noch mit dem Namen, dem Geburts- und Todestag, sowie
mit Berufs- und Titelangaben (das scheint besonders wichtig zu sein,
wenigstens wird ganz streng darauf gehalten), bringt auch meist ein
Sinnsprüchlein, einen Nachruf oder die Bitte um ein Paternoster für die
arme Seele auf dem Brett an, spitzt es zu und schlägt es am Wegrand in
die Erde, am liebsten in der Nähe von Kirchen und Kapellen oder bei
einem Heiligenbild.
Die _Marterl_ hingegen sind Tafeln, die an Unglücksfälle erinnern. Sie
wollen uns sagen, daß hier an dieser Stelle, am schroffen Abgrunde,
unter himmelhohem Felsen, am reißenden Gebirgsbache oder im einsamen
Hochwalde, ein Menschenleben plötzlich dahingerafft wurde. Das
»Tuifele« zeigt meist ein von ungeschickter Hand gemaltes Bildchen und
ein Verschen, manchmal nach Art der Bänkelsängerreime gedichtet. So
lesen wir:
Verweilet hier vor diesem Bild,
und knieet betend nieder,
daß sich mein letzter Wunsch erfüllt,
geliebte Christenbrüder.
Ich junger Mann mußt’ hier
vom Baume erschlagen sterben.
Euer Vaterunser helfe mir
mein Seelenheil erwerben.
Zum Andenken Verunglückter hat man das Marterl hier am Weg errichtet,
damit Vorübergehende ein Vaterunser oder ein Ave Maria beten. Auf dem
Bildchen ein Mensch, langhingestreckt unter einen eben gefällten Baum
oder mit Pferd und Wagen in die Tiefe stürzend oder von einer Lawine
verschüttet und ähnliche Unglücksfälle. Oben die Himmelskönigin, die
Jungfrau Maria, mitleidsvoll die Arme ausstreckend, unten der Name des
Toten, eine kurze Schilderung des Unfalls und ein Verschen, das in
seiner Originalität allerdings manchmal eher erheiternd als betrübend
wirkt.
Auch hierfür zuletzt noch ein Beispiel:
Wie wahr, o, wie wahr!
Als ich in meinem 68. Lebensjahr
den 17. August 1763
für meine Geißen Gras zu Heu machen wollte,
stürzte ich über diese hohe Felswand.
Meine Sackuhr ging noch eine Zeitlang,
doch meine Lebensuhr blieb plötzlich stehen.
Mein Fleisch und meine Gebeine verdorreten,
sind bereits verfault, da Du dieses liesest.
Wanderer, bete für mich!
Eugen Haslmann aus Buchsgarten.
Das schlichte Kreuz auf der Höhe, das Marterl am Wege, der alte
Leichenstein auf dem Friedhofe, die efeuumsponnene Grabplatte an der
Kirchenmauer – ein gut Stück Kulturgeschichte und Volkskunst ist in
ihnen enthalten. Von Menschennot und Menschenschicksal, aber auch von
Glaubensmut und Ewigkeitshoffnung wollen sie singen und sagen den
spätesten Geschlechtern.
Zu Gast in der Au
Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch
Eigenaufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Der Sonntag Kantate – die kleinen Vögel in den Bürgergärten von
Radeburg lassen es sich gesagt sein. Was aus den Kehlen heraus will,
schmettern sie hinein in den sonnigen Maimorgen, und die beiden jungen
Pärlein vor mir tun es ihnen nach in herzensfroher Jugendlust.
Und auf einmal lächle ich. Ein Erinnerungslächeln aus ferner
Kinderzeit. Ein Sonntag Kantate war es, als wir Kinder um das Söhnchen
aus unserer Nachbarpfarre geschart standen, das uns nach seiner Art
auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen sich verpflichtet fühlte. Auf
dem Torpfeiler zum Pfarrgarten saß der kleine Mann, die festen runden
Beinchen um die gewaltige Sandsteinkugel geklemmt, die den altersgrauen
Pfosten krönte. Umständlich räusperte er sich, und dann warf er, wie er
es vom Vater gelernt, beide Arme in die Luft. »Meine geliebte Gemeinde,
wir feiern heute den Sonntag Kandidate ...« Knacks sprach es oben, und
bums – samt seinem Predigtstuhl lag der kleine Pfarrherr im Grase; ein
Glück, daß ihm sonst nichts weiter geschehen war.
[Illustration: Abb. 1. =Radeburg=]
Es sei mir bei dieser Gelegenheit einmal gestattet, ein Wort an
unsere Jugend zu richten. – Keiner weiß es besser als der Schreiber
dieser Zeilen, welch ein Segen in einem Sonntag in Gottes freier
Natur begründet liegt – aber liebe junge Wandersleute, ich bitt’
euch, geht mir nicht jeden Sonntag jeder Kirche vorbei! Ihr braucht
deshalb nicht in der Stadt zu bleiben, beileib’ nicht. Lenkt eure
Schritte nach wie vor hinaus in die grüne Heimatwelt – aber, wenn
ihr durch solch Dörfchen kommt, und es läuten gerade die Glocken vom
Turme, so tretet auch einmal hinein unter das kühle Gewölb, sitzt
einmal nieder in dem alten Gestühl zwischen den Bauern mit den braunen
Gesichtern, singt mit ihnen die alten deutschen Lieder und horcht auf
die Worte, die von der buntbemalten Kanzel herabtönen, und die von den
Bergen sprechen, zu denen aufzublicken gerade für unser Volk doch
so nötig. Und gebt acht, erfrischt wie von einer Rast am Bergquell
werdet ihr scheiden von der Stätte, die so oft der Träger ist einer
jahrhundertelangen Heimatgeschichte. Aber wenn ihr dann hinausgeht mit
den Alten im grünschwarzen Kirchenröcklein und mit den jungen Starken,
die es auf dem Dorf Gott Lob noch nicht für eine Schmach halten,
zu sitzen, wo schon ihre Ahnen andächtig saßen, da schaut euch um
unter den Grabsteinen im Chor und im grünen Gräbergarten; betrachtet
euch Kirchengerät, Klingelbeutel und Bildwerk. Volkskundlich und
heimatgeschichtlich schon werdet ihr euch belohnt sehen, und auch eurem
Leibe wird die Rast in der Stille wohlgetan haben und ihm zu weiterer
froher Tagefahrt nützen. –
[Illustration: Abb. 2. =Schloß Bärnsdorf= bei Radeburg]
Bei den Scheunen, wo die Junggänse durch die Brennesseln schnattern,
und wo Nußbaum, Eiche und Pappel machtvoll emporragen, verlasse ich
das sonntagsfrohe Städtchen. Wie gut, daß es noch Ackerbürger gibt
in unseren Tagen; diesen ehrenwerten, kernigen, wurzelstarken Stand.
Welcher Zauber nur geht von solcher Scheunenreihe aus und von den
Gärten, die hinter den Bürgerhäusern lang und schmal zur Straße
sich strecken. Apfelblüte und Schwertlilie, Schwalbengezwitscher
und Finkenschlag, Jungweingerank und frisch aufgebrochener Flieder
– o du Maienzeit, du Lenzeslust in solch kleiner deutscher Stadt!
Vor dem Tischlerhaus jetzt freudiges Stimmengewirr – Besuch aus der
Fremde rückt ein, strahlend begrüßt vom hemdärmligen Meister und der
wohluntersetzten Mutter. Schon balgen sich die Hauskinder um die
Reisetasche der Tante, schnurrend umstreicht das Kätzchen gekrümmten
Rückens das festliche Beinkleid des Onkels, da sind sie endlich
verschwunden im Hausflur, und der Bürgersteig wird wieder frei.
[Illustration: Abb. 3. =Schloß Bärnsdorf= bei Radeburg]
Bei der Lohgerberei unten überschreite ich die rauschende Röder. Von
Osten her grüßen schon die Höhen um Königsbrück im zarten Dunst. Ich
aber will heute nichts wissen von Bergen und Tälern, ich wende mich
links ab ins uralte Sumpfland, auf einem innig schönen Pfade am Ufer
entlang – hinaus in die grünblaue Weite!
[Illustration: Abb. 4. =Niederrödern=]