Federzeichnungen, so hat man den Eindruck, dem Dilich Ausdruck gab
in der Vorrede zu seiner ebenfalls mit Stadtansichten von seiner
Hand ausgestatteten hessischen Chronica: »Dem äußerlichen Ansehen
nach sind sowohl die Dörfer als Städte ansehnlich wegen ihrer hohen
Kirch- und anderen Türme und den beiliegenden hohen Berghäusern und
Schlössern, inmaßen denn wenig Städte, bei welchen nit etwa ein solch
Haus und prächtig Gebäu zu sehen oder zum wenigsten ein Antiquität und
Anzeigung eines alten Gemäuers von denselben noch übrig, wie solchs
aus beigesetzten Abrissen klärlich erscheinen. So sind zudeno alle
Städte mit hohen Mauern und Türmen, wo nicht mit einem Wall und Graben,
zum wenigsten mit einem Hagen von Dornen umgeben.« Wenn der begabte
Zeichner aber weiter fortfährt über die im Hessenlande angeschauten
Orte zu berichten, »daß man auf den Hügeln um die Städte zerfallene
Türme und Warten sehen könnte, so vor etlichen hundert Jahren wegen
des vielfältigen Streifens dero Reisigen von Städten, dem Ackermann
des Feindes Ankunft darvon durch gewisse Zeichen anzudeuten und ihn
zur Flucht anzumahnen, erbauet habe,« so findet dieser Hinweis keine
Anwendung auf die Darstellungen kursächsischer Orte. Auf diesen sind
zerstörte Burgen, Trümmer von Stadtmauern, »Rudimenta«, wie Dilich
sich auszudrücken beliebt, nur einigemal zu sehen. Fast immer sind
die Befestigungswerke in tadellosem Zustande, und die stattlichen
Türme der vielen stilvollen Gotteshäuser verstärken den Eindruck, daß
auch die Bevölkerung Kursachsens einen hohen kulturellen Aufstieg
erlangt hatte. Noch ist alles unverletzt und zeugt von Wohlhabenheit
und Gediegenheit. Die Stätten, wo die wehrhafte Bürgerschaft sich
den Freuden der Geselligkeit hingaben, lassen ihr behäbiges Genießen
und ihre hochgemute Lebensführung erkennen. Aber schon warf die
Kriegsfurie ihre Schatten in das Künstlerschaffen Dilichs. Seine
festgesetzte Entschädigung kann ihn bei der durch die Kriegsnot
heraufbeschworenen Geldknappheit und der zerrütteten Finanzen nicht
mehr rechtzeitig ausgezahlt werden. Nur wenige Jahre, nachdem er seine
Stadtbilder vollendet hatte, lagen viele der Orte, deren »Prospekt«
der Oberlandbaumeister aufgenommen hatte, in Schutt und Asche und der
Wiederaufbau der eroberten, niedergebrannten und verwüsteten Städte,
Dörfer, Schlösser und Burgen zeigte dann ein wesentlich verändertes
Bild.
Die Wirkung der meisten Ortschaften, die sich damals ohne störende
Einflüsse einer harmonischen Entwicklung und Ausgestaltung erfreuen
durften, muß auf den Beschauer eine ausgesprochen malerische gewesen
sein[3], so daß eine farbige Wiedergabe der Federzeichnungen in dem
Bogen der stichbogig gewölbten Decke des Riesensaales im kurfürstlichen
Schlosse vom künstlerischen Standpunkte aus vollkommen berechtigt war.
Sowohl die Anordnung in der Landschaft, zwischen Berg und Tal, die
Ausschneidung der hohen und niedrigen Gebäude, ihre Einbettung
zwischen den Schutz- und Obstbäumen, als auch der Farbenkontrast der
grauen Schindel- oder gelben Strohdächer, der braunen Lehmwände,
der roten Ziegel und der grünen Spaliere der Weingeleite und
Baumwipfel, mußten ein ungemein reizvolles Bild darbieten. Manche im
Vordergrunde der Zeichnungen zu erblickenden Gebäude lassen an der
Außenseite Erscheinungen erkennen, die ihre besonderen tektonischen
Bedeutungen haben. Schlösser, Türme und hervorragende öffentliche
Gebäude mit ihren kunstvollen Giebelverkleidungen geben, obwohl die
Wiedergabe der architektonischen Feinheiten nur sehr klein und zart
gehalten werden mußten, zahlreiche Aufschlüsse über die Geschichte
der Baukunst in Sachsen. Bohlenstühle oder Umgebinde der Häuser mit
ihrem mannigfaltigen Verspannungs- und Aussteifungssystem, die in
Bogen-, Wellen- oder Zackenlinien ausgeschnittenen äußeren Ränder der
Giebelverschalungen, Laubengänge und anderes, lassen sich unschwer
erkennen.
[Illustration: Abb. 1. =Königstein=]
[Illustration: Abb. 2. =Hohnstein= (Sächs. Schweiz)]
[Illustration: Abb. 3. =Mildenstein=]
[Illustration: Abb. 4. =Wappen der Bergstädte=]
Die _Ummauerung_ ist, wenn auch nicht überall, so doch bei den
meisten Städten zu bemerken. (S. Abb. 1, 2 und 22.) Sie besteht aus
Wall und Graben oder (was selten zu sehen ist) einem Zaun von
hölzernen Planken und Pfählen, vielfach aber auch aus einer festen,
die eigentliche Stadt scharf von den Vorstädten scheidenden Mauer. Die
Bauweise derselben ist überall die nämliche: eine starke, unmittelbar
die Stadt umschließende Innenmauer, mit Türmen, Wiechhäusern, Erkern,
Wehrgängen, Scharten, Bollwerken (Basteien) und Toren versehen, ist
der Hauptteil, an sie schließt sich eine meist später errichtete
und durch den sogenannten Zwinger von jener getrennten niedrigere
Außenmauer an. Gewissenhaft verzeichnet Dilich unter seinen Zeichnungen
neben den Namen der Kirchen und öffentlichen Gebäude auch die der
_Tore_. In der bei vielen Städten verfolgbaren Vierzahl lassen sie den
uraltertümlichen Einfluß der vier Himmelsgegenden erkennen. Neben den
Stadttoren, als dem wichtigsten Teile der Stadtmauer, erscheinen auch
Nebentore, Mauerpforten, die ebenfalls bedeutungsvolle Namen führen.
Die sich vorfindende Bezeichnung der Tore nach Innungen, Zünften und
Gilden läßt wohl vermuten, daß dieser Teil der Stadtumwallung von einer
gewissen Klasse der Bürgerschaft zu verteidigen oder zu unterhalten und
zu erneuern war. Der Name dieser Tore oder Türme läßt vielfach auch
einen Schluß auf die Bauart und Beschaffenheit derselben zu.
[Illustration: Abb. 5. =Schießhaus zu Borna=]
[Illustration: Abb. 6.
~a~ Kurf. Haus. ~b~ Kurf. Bad. ~c~ Gemeine Bäder. ~d~ Wohnung f.
Badegäste. ~e~ Wohnung d. Kochs u. Stall. ~f~ Weg n. Annaberg. ~g~ Weg
n. Wolkenstein]
[Illustration: Abb. 7. =Gericht bei Bischofswerda=]
[Illustration: Abb. 8~a~. =Galgen= (Camberg)]
[Illustration: Abb. 8~b~. =Galgen= (Liebenwerda)]
Die _Siegel der Städte_ (siehe Abb. 4), welche ebenfalls Dilich
seinen »Stadtprospekten« und zwar in meisterhaft gelungenen Bildchen
beifügte, lassen ebenfalls erkennen, wie die Stadtmauer mit ihren Toren
als durchaus zum Begriff der Stadt gehörig angesehen wurde, denn die
meisten der zierlichen Stadtsiegel zeigen ein Tor und ein Stück der
Stadtmauer.
Vom _Inneren_ der Städte erlangt man, wie dies bei einer außerhalb des
Ortes gemachten Aufnahme nicht anders sein kann, keine oder nur eine
sehr geringe Einsicht. Der Verkehr ist in keiner Weise zur Darstellung
gekommen. Es lag dies auch nicht in der Aufgabe des Künstlers. Die
hübschen Personengruppen auf einem der die Ansicht von Leipzig
wiedergebenden Prospekte zeigen mehr das Streben, über den bloßen Abriß
hinaus zu einem wirklichen Bild zu gelangen. Einen besonderen Reiz
erlangen die Dilichschen Städtezeichnungen durch die Darstellung der
Baulichkeiten, in denen sich die Vereinstätigkeit der organisierten
Schützenbrüderschaft ihr Übungsfeld auserkoren hat. Die Schützengilde
besitzt draußen vor der Stadtmauer einen großen umfriedeten Platz, der
eine hohe, auf einer wohlbefestigten Balkenbasis stehende Stange zeigt.
Etwa sechshundert Fuß davon entfernt befindet sich die Zielstatt, das
_Gesellschaftshaus_ der _Bürgerschützen_ (s. Abb. 5), ein Holzbau mit
Türen und Stockwerken. Die hohe Stange deutet darauf, daß nach einem
hölzernen Vogel, einem uralten Ziele[4], geschossen wird, doch lassen
auch andere Abbildungen der Schießübungsstätten eine Schießmauer oder
eine schwebende Scheibe erkennen. (Adorf.) Besonders gravitätisch
stellt sich die Vogelschießstange vom Bade Wiesenbad (Hiobsbad) bei
Annaberg dar. Sie diente den Schießübungen der Wettiner, wenn diese
in dem fürstlichen Bade weilten, was häufig geschah. In Ausübung
dieses ritterlichen Sportes waren die Nachkommen des kriegerischen
Moritz von jeher eifrig und geschickt. (Abb. 6.)
In entgegengesetzter Richtung dieser Stätten, die den in den Städten
erwachten Volksgeist und die Freude an gemeinsamer Festlust bekunden,
zeigt Dilich auch auf seinen Bildern _den_ Ort, den Unheimlichkeit
und Schimpf umgaben, den =Galgen=. (S. Abb. 7, 8~a~, 8~b~.) Auf allen
Städtebildern darf ja diese bekannte Silhouette: der Galgen, nicht
fehlen, und Dilich findet sogar den Mut, auf einer Zeichnung einen
Gehängten mit seinem ganzen Graus und Schrecken hineinzuschmuggeln. Die
Galgen haben verschiedenes Aussehen. Bald sind es die ganz einfachen
Formen des Knie- oder Winkelgalgens, mit böser Ironie schlankweg
»einschläfriger« geheißen, oder es sind reichgegliederte, auf Säulen
oder Mauerwerk ruhende Balkenverschlingungen, an denen die armen Opfer
»in der Luft reiten« oder »über sich die Luft zusammenschlagen lassen«,
wie der grimme Spott im Mittelalter zu sagen pflegte. Die hohen und
festen Mauern um den Galgen haben wohl das Entwenden der Leichname
seitens der Verwandten zwecks Beerdigung unmöglich machen wollen, denn
indem die alte Justiz den Gehängten über der Erde verwesen ließ – den
Vorüberziehenden zum Schrecken und zur Freude der Aasgeier – hat sie
den Schmerz der Angehörigen vermehrt, die Strafe und deren Schimpf
verschärft.
[Illustration: Abb. 9 =Elbbrücke in Dresden, daneben ein Stück Festung=]
[Illustration: Abb. 10. =Muldenbrücke bei Rochlitz=]
[Illustration: Abb. 11. =Frankenberg=]
[Illustration: Abb. 12. =Muldenbrücke=]
Die grausame Strafe des _Räderns_ scheint im Jahre der Anfertigung
der Städteansichten in Sachsen nicht mehr üblich gewesen zu sein,
da das aufgespießte Rad nirgendwo von Dilich neben dem Gerüste des
Hochgerichtes gezeichnet worden ist.
Die Federzeichnungen gewähren vielfach den Anblick von _Brücken_. (S.
Abb. 9–17, 20.) Diese sind sehr verschiedenartig gebaut. Steinerne
Brücken mit kühnen Bogen erscheinen ganz selten. Die Brücke über die
Elbe in Dresden zeichnete sich von jeher aus und galt im Zeitalter der
Entstehung der Städtebilder Dilichs schon als große Sehenswürdigkeit
und als Wahrzeichen der Residenzstadt. Außer dieser Steinbrücke hat
die Bildersammlung kein nennenswertes Monument der Brückenbaukunst
aufzuweisen[5]. Wir sehen meist Pfeilerbrücken, die auf steinernen
Pfeilern ruhen und wo die Zwischenräume mit Balken überdeckt sind.
Nicht selten sind Pfahl- oder Jochbrücken. Angenehm wirken die
überdachten Brücken. Die Wände, die das Dach der Brücke tragen, sind
mit Ausblicken, Lucken und Luftlöchern versehen. Schützende Geländer
fehlen meist. Bei niedrigen Ufern, wo man das Austreten des Wassers
über dieselben zu fürchten hatte, ist vielfach die Brücke noch weiter
in das anliegende Acker- oder Wiesenland fortgeführt.
Den Vordergrund beleben, allerdings nur auf wenigen Bildern,
_Personen_. Auch diese sind lebendig und treu charakterisiert. Auf
dem schönen Bilde Marienberg ist es ein zur Arbeit schreitender
Bergmann[6], der die Staffage belebt. Am Strande der Elbe bei Pirna
deuten barfüßige und mit großer langer Badehose bekleidete Schiffer
oder Fischer ihre Tätigkeit am und im Wasser an. Einige schlichte
Männer sind in der Stellung mit ausgestrecktem Arme und Zeigefinger
festgehalten, das sind die vom Rate der Stadt dem Städtezeichner
zur Verfügung gestellten Einheimischen, die dem kurfürstlichen
Oberlandbaumeister die Namen der hervorragenden Gebäulichkeiten nennen
und deuten. (Abb. 18~a~, ~b~, ~e~ und ~f~.) Gewissenhaft versieht der
Zeichner an passender und die Zeichnung nicht störender Stelle die
besonders sich kenntlich machenden Bauten mit einem Buchstaben und
verzeichnet getreu dann am Rande des Bildes seine Bedeutung. Aber was
bedeutet das im Vordergrunde des Stadtbildes Zwönitz in der spanischen
Tracht eines Edelmannes einherschreitende ritterlich zierliche
Männlein, dessen Gesicht von langen Vogelfedern unkenntlich gemacht
ist? Verputzt wie ein Weinbergwärter oder Flurschütze in Tirol? (Abb.
19.)
Eine des öfteren wiederkehrende Gestalt eines rüstig ausschreitenden
Mannes mit umgehängter Tasche und einem Bergstocke (oder Spieß?)
in der Hand deuten wir als einen Brief- oder Postboten, der eben,
als Dilich tätig war, vorüberschritt und nun sofort mit dem Stifte
festgehalten wurde. Vielleicht war damals auch der Postbote eine ebenso
charakteristische Erscheinung in der Landschaft wie der Fleischer-
(Kälber)wagen in Friedenszeiten auf den Landstraßen des Vogtlandes?
(Abb. 18 ~d~ und ~g~.)
Wie fein aber ist der Vordergrund und die Staffage dem Bilde des Bades
Wiesa bei Annaberg (siehe Abb. 6) angepaßt?
Auf einer der fünf sauberen Federzeichnungen von Dilichs Hand, welche
Abbildungen von _Leipzig_[7] aus dem Jahre 1594 bringen, ist der
Zeichner freigebiger mit der Darstellung von Personen gewesen, da sehen
wir im Schatten eines Baumes ein paar Studenten in bemerkenswerter
Tracht, von denen der eine am Boden sitzend, lebhaft aus einem Buche
vorliest, der andere dem Vorlesenden zuhört, rechts ebenfalls ein
paar männliche Figuren am Boden gelagert, von denen der eine mit der
Bütte als Bauer, der andere mit dem abgelegten Schwert als Soldat
gekennzeichnet ist.
Nachdem wir auf die Bedeutung der Städtezeichnungen Dilichs für die
Kenntnis des Zustandes und der äußeren Verfassung kursächsischer Orte
und Schlösser vor dreihundert Jahren hingewiesen haben, fügen wir
noch einige Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung dieser
bemerkenswerten Zeichnungen bei.
[Illustration: Abb. 13. =Muldenbrücke= bei Grimma]
[Illustration: Abb. 14. =Muldenbrücke= bei Grimma]
[Illustration: Abb. 15. =Elbbrücke= bei Mühlberg]
[Illustration: Abb. 16. =Muldenbrücke= bei Düben]
[Illustration: Abb. 17. =Elbbrücke= bei Meißen]
[Illustration: Abb. 18~a~.]
[Illustration: Abb. 18~b~.]
[Illustration: Abb. 18~c~. =Bergmann= (Marienberg)]
[Illustration: Abb. 18~d~. =Postbote=]
[Illustration: Abb. 18~e~.]
[Illustration: Abb. 18~f~.]
[Illustration: Abb. 18~g~. =Bauer=]
[Illustration: Abb. 18~h~. =Postbote=]
[Illustration: Abb. 19. =Staffage= (Zwönitz)]
[Illustration: Abb. 20. =Brücke über die Elster in Plauen=]
[Illustration: Abb. 21. =Dilich der Städtezeichner auf der Reise=]
[Illustration: Abb. 22. =Dorf Plauen= bei Dresden. Befest. Ort]
[Illustration: Abb. 23. =Bergwerke bei Freiberg=]
[Illustration: Abb. 24. =Schmelzhütten an der Zschopau bei
Wolkenstein=]
Der im Jahre 1571 in einem hessischen Städtchen geborene Zeichner
wurde kurze Zeit nach seiner Anstellung in Sachsen mit der Herstellung
der Pläne und Anschläge für den Neubau des Riesensaales im Schlosse zu
Dresden beauftragt. Er schlug vor: »zuförders oben in dem Bogen der
stichbogig gewölbten Decke die kur- und fürstlichen auch gräflichen
Wappen, unten aber in dem Fries die der kursächsischen und meißnischen
Ritterschaft anzubringen, zunächst über dem Hauptgesims aber die
Contrafukturen der vornehmsten Städte des Landes Meißen und des
Kurkreises (eine jede nach ihrer Qualität) mit einem gebührlichen
Emblemata condecoriret usw.« Die Vorschläge Dilichs fanden die
Genehmigung und den Beifall des Fürsten, der auch alle die Wünsche
und Forderungen bewilligte, welche seitens des Oberlandbaumeisters –
diese Würde hatte ihm der einsichtsvolle Landesherr in Berücksichtigung
seiner Verdienste als Zeichner, Architekt und Ingenieur verliehen
– zwecks der Aufnahmen geäußert worden waren. Obwohl bereits
fünfundfünfzig Jahre alt, erklärte sich Dilich, in dem der Trieb zum
Wandern, Schauen und Zeichnen lebendig war, wie in seinen jungen
Jahren, bereit, die Städtebilder selbst aufzunehmen. Im Frühjahr 1626
begann Dilich die Aufnahmen im Kurkreise. Im Jahre 1628 ist er im
Meißner Kreis und im darauffolgenden Jahre »im Gebürg« (erzgebirgischen
Kreise) und im Vogtland. Der kunstgeschickte Städtezeichner hat sich
bei einigen Städten nicht mit der Herstellung _eines_ »Abrisses«
begnügt, er machte von Leipzig, Dresden, Torgau, Wittenberg zwei,
drei und auch vier Aufnahmen. Noch erwähnen wir, daß der bekannte
Verfasser und Herausgeber der »Obersächsischen Topographie«, Merian aus
Frankfurt, zwanzig sächsische Städtebilder von Dilich nachweislich als
Vorlage benutzt hat.
[Illustration: Abb. 25. =Schinderei= (Waldheim)]
[Illustration: Abb. 26. =Windmühlen=]
Zu unseren Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung der
Städtezeichnungen von Dilich, die wir auf Grund des von Dr. Krollmann
verfaßten Lebensabrisses gaben, fügen wir noch den Hinweis, daß auf
der im »Bilder-Atlas zur Sächsischen Geschichte« von Schmidt und
Sponsel Seite 50 stehenden Abbildung des Riesensaales im Schlosse
zu Dresden die Verwendung der Städtezeichnung bei Benützung eines
Vergrößerungsglases sehr gut erkannt werden kann.
Es war eine einzigartige Betätigung des Heimatgedankens, über
hundertdreißig kursächsische Städte, Burgen, Schlösser, Dörfer und
Badeorte in künstlerisch ausgeführten Bildern wahrheitsgetreu an einer
ausgesucht passenden und viel besuchten Stätte vorzuführen. Zwar
fiel der Riesensaal im Jahre 1704 einer Feuersbrunst zum Opfer, aber
während eines Zeitraumes von siebzig Jahren bot er doch ungezählten
Besuchern die Anschauung hervorragender Sehenswürdigkeiten des durch
landschaftliche Reize reich ausgestatteten Sachsenlandes. Welche
vielseitigen Anregungen und welche wirksamen Belehrungen werden von
diesem Bilderwerk, von dieser vorbildlichen Heimatkunde, ausgegangen
sein! Unsere Gegenwart hat nichts aufzuweisen, das sich diesen farbigen
Vorführungen Kursachsens Örtlichkeiten ebenbürtig an die Seite stellen
könnte. In dem Wändeschmuck der Wartesäle des Dresdner Hauptbahnhofs,
wo auf Porzellantafeln einige der wirksamsten Städtebilder des
Königreichs Sachsen und die besuchenswerten schönsten Punkte des
Landes eine künstlerische Darstellung gefunden haben, hat der Gedanke
Dilichs, den er in der Bilderreihe des Riesensaales verwirklichte, eine
Neubelebung erfahren.
Fußnoten:
[2] Dr. _Krollmann_, der sich bereits um die Veröffentlichung
der Zeichnungen Dilichs, soweit sie das Rhein- und
Hessenland betrafen, große Verdienste erworben hatte,
verfaßte hierzu einen trefflich orientierenden Text.
[3] Siehe besonders die Abbildungen: Burgen, Schlösser pp.
(Abb. 2 u. 3).
[4] Der Doppeladler stellte wohl das alte deutsche Wappen vor.
[5] Bemerkenswert ist noch die steinerne Brücke über die Elster
in Plauen i. V., an deren Ende ein Hospital steht. (Abb.
20.) Auch Leisnig besitzt eine steinerne Brücke mit zwei
Bogen nebst Vorrichtungen gegen Überschwemmungsgefahren.
[6] Man beachte an der Krempe seines Hutes die feingeschwungene
Linie. (Abb. 18~c~.)
[7] Das schöne Stadtbild von Leipzig aus dem Jahre 1594 – es
ist also dreißig und noch mehr Jahre älter als die im
vorliegenden Aufsatze besprochenen Aufnahmen – ist in der
Zeitschrift für »Bildende Kunst« – 23. Jahrgang, Heft 4,
vom Jahre 1888, Leipzig, Seemann – zum Abdruck gekommen.
Professor Dr. G. Wustmann, der ehemalige Ratsbibliothekar,
hatte die Stadtabbildungen entdeckt und versäumte nicht,
auf die hohe Bedeutung der Arbeiten des sächsischen
Oberlandbaumeisters Dilich nachdrücklich und überzeugend
hinzuweisen. S. 116 a. a. O.
Was alte Grabsteine erzählen
Von _Siegfried Störzner_, Dresden
Die Glocken des Dorfkirchleins läuten den Gottesdienst aus. Durch die
weitgeöffneten Türen strömt die Menge der Andächtigen. Nicht alle aber
lenken ihre Schritte heimwärts. Meist sind es nur die Jungen. Den
Alten hingegen ist es schon lange zur lieben Gewohnheit geworden, nach
der Andachtsstunde mit Gevatters- und Nachbarsleuten noch ein wenig
auf den Friedhofswegen und zwischen den Grabreihen dahinzuwandeln,
sinnenden Auges die Ruhestätten zu betrachten und in Treue und Wehmut
der Schläfer da drunten zu gedenken, von denen die Aufschriften der
Leichensteine Kunde geben. Und da sind es besonders die alten Grabmale,
die gar mancherlei zu erzählen wissen, die in epischer Breite und oft
auch in dichterischer Schönheit den ganzen Lebenslauf des Verstorbenen
berichten. Ja, die gute, alte Zeit! Man spürt noch einen Hauch von
der Liebe und Teilnahme, mit der ein Freund der Heimgegangenen, wohl
zumeist der Pfarrer oder der Schulmeister, die Inschrift aufgesetzt
hat, man sieht an dem kunstvollen Grabstein, daß Meister Steinmetz
sich Zeit und Beschaulichkeit zu seinem Werke gelassen, man freut
sich, daß die Kirchenvorstände verständnisvoll den alten Denkmälern
ein Plätzlein gegönnt haben, wo sie künftigen Geschlechtern ein Bild
von der Kultur vergangener Jahrhunderte geben sollen, auch dann
noch, wenn die Dutzendware der Zement- oder Kunststeine mit ihren
Schabloneninschriften längst einem besseren Geschmack weichen mußte.
Und nun möchte ich heute den Freunden des Heimatschutzes von einigen
Grabmalen erzählen, die durch ihre eigenartige, denkwürdige Aufschrift
oder durch hohen Kunstwert ein Recht haben, der Nachwelt erhalten zu
bleiben.
Wer einmal das Gotteshaus von _Neukirch am Hohwald_ besucht, findet an
der Außenwand und an der Kirchhofsmauer pietätvoll aufgestellte sehens-
und lesenswerte Grabsteine ehemaliger Gerichtsschöppen und Pfarrer.
Wohl die originellste Inschrift zeigt das Grab des 1671 verstorbenen
_Pfarrers Klunge_, der neununddreißig Jahre in der Gemeinde amtierte.
Wir lesen da:
Herr Klunge lieget hier in dieser Gruft begraben,
ein Mann von Altertum und schönen Geistesgaben.
Aufrichtig war sein Herz, wahrhaftig war der Mund,
und seine Gottesfurcht ist factum worden kund.
»Der Seligverstorbene redet«:
Ich habe neununddreißig Jahre
dich, Neukirch, priesterlich bewacht
und meine silberweißen Haare
mit Ehren in das Grab gebracht.
Es ließ mich dreimal ehlich werden
der Schöpfer Himmels und der Erden.
Er gab mir einundzwanzig Kinder
und einen stillen Ehestand.
Der Herr, des Todes Überwinder,
hat meinen Geist in seiner Hand.
Gott, aller frommen Herzen Vater,
sei auch der Meinigen Berater.
Pfarrer Klunge stand gleich seinem bekannten Amtsbruder Künzelmann
in Döhlen im Ruf, ein erfahrener Teufelsbanner zu sein. Dr. Pilk
berichtet, man erzähle sich in Neukirch noch heute die seltsamen
Ereignisse, die sich beim Begräbnisse seiner dritten Frau zugetragen
haben. Die Pfarrersfrau habe sich selbst das Leben genommen, was Klunge
jedoch verheimlichte, um sie ehrlich begraben zu können. Bei der
Beerdigung hätten die Glocken nicht geläutet werden können, bis sie der
Pfarrer durch dreimaliges Umschreiten der Kirche wieder zum Ertönen
brachte. Da habe plötzlich oben aus dem Schalloch die Tote ihrem
eigenen Begräbnis zugeschaut, sei jedoch durch bloßes Winken Klunges
mit dem Schneuztuch sofort zum Verschwinden gebracht worden.
Eine weitere sehr bemerkenswerte Grabinschrift eines Pfarrherrn findet
sich in _Schirmenitz_, einem nahe der Elbe zwischen Strehla und
Mühlberg gelegenen Grenzdorfe, das ich auch aus einem anderen Grunde
eines Besuches empfehlen kann, befand sich doch in der Schirmenitzer
Pfarre in den Tagen der _Schlacht bei Mühlberg das Hauptquartier
Kaiser Karls V._, und noch heute wird das Stüblein gezeigt, das der
Herrscher bewohnte. Der nahe _Spans-_, d. h. _Spanierberg_, bildete den
Mittelpunkt der Aufstellung des kaiserlichen Heeres. Im Nachbardorfe
_Aussig_ verbrachte _Johann Friedrich der Großmütige_ die ersten Tage
der Gefangenschaft. Den »Kursächsischen Streifzügen« Otto Eduard
Schmidts ist es zu danken, daß Heimatfreunde auch diese abgelegene
Gegend durchwandern.
_Adam, wo bist du?_ So lautet die Überschrift des Lebenslaufes, in
dem die Geschichte der Schöpfung und des Sündenfalles sich deutlich
widerspiegelt, ja, fast wörtlich ist der biblische Ausdruck beibehalten
worden und in Anwendung gesetzt zum Leben des Hirten, der hier ruht.
Wir lesen:
Adam, wo bist du?
In dieser Gruft, mein Leser, da findest du die Asche
des wohlerw. M. Johann Adam _BÖHLENS_,
treufleißigen Pastoris zu Schirmenitz und Paußnitz.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde
den 4. März 1685 in Strehla
und setzte ihn 1718 in seinen Kirchengarten Eden,
daß er ihn bauete.
Weil es aber nicht gut, daß der Mensch alleine,
machte ihm Gott
1.) die Jungfrau Martha Judith,
weyl. G. M. Jacob Rösters in Strehla ehel. Tochter
den 23. April 1719,
dann
2.) Jungfrau Christiane Theodora,
weyl. Herrn Joh. Brausitzen, Jur Proc. in Mühlberg
ehel. Tochter, den 7. Mai 1725,
nun betrübten Witwe,
eine Gehilfin,
die um ihn sei.
Und Gott segnete sie, daß sie fruchtbar
und sich mehreten in 1. Ehe
mit 2 Söhnen und 1 Tochter,
davon jene leben,
in 2. Ehe mit 3 Töchtern und 2 Söhnen,
davon diese aber entschlafen.
Gesetz und Evangelium,
wonach er lehrte, glaubte und lebte,
war ein Baum der Erkenntnis und Baum des Lebens.
Jetzt mußte er wieder zur Erde werden,
davon er genommen,
denn 1737, den 20. Nov., ließ Gott der Herr
einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen,
und er entschlief,
daß sein Alter ward 52 Jahr 8 Mon. 16 Tag.
Da ließ ihn Gott aus Eden
durch den Cherub ins Paradies ein.
Siehe, mein Leser,
so ist Adam geworden als unser einer.