Fragen will ich noch in aller Kürze andeuten, um zum Nachsuchen
anzuregen. Auf dem stillen Teile des Schillerplatzes in Blasewitz hat
die Gemeindeverwaltung vor Jahren eine Reihe von Pappeln angepflanzt.
Mit Recht? Oder passen die Bäume nicht her? – Der nimmermüde Strahl des
artesischen Brunnens in Dresden-Neustadt läßt sein Wasser in das runde
Becken eines offenen Tempelchens fallen. Um ihn herum stehen Pappeln.
Sind das die richtigen Bäume? Oder hätte der Architekt wieder die
runden Kugeln der Akazien des durch den Neubau im Hintergrund so recht
zerstörten Straßenbildes herbeiholen müssen? – Wir schreiten langsam
das Terrassenufer mit seinen architektonisch zusammengeschnittenen
Bäumen herunter. Wo die Straße dann eben hinführt, stehen zur Rechten
bis zur Brücke ein paar Pappelbäume, etwas dürftig und recht gealtert.
Wer weiß, woher sie stammen. Ist es aber nicht so, als wenn sie die von
uns verlassene Höhe des Sachsenplatzes noch einmal aufnehmen und sie
in uns nachklingen lassen wollten? – In dem Gartenhof des Pillnitzer
Kammergutes ragen zahlreiche Pappeln auf. Tun sie nicht das ihre
damit, daß sie für uns das mittelste und älteste Wirtschaftsgebäude so
ehrwürdig hinstellen, ohne dem Schnitter die Wiese zu nehmen? – Warum
hat der Gartenkünstler seiner Zeit auf den freien Rasenflächen, die
mit ihren farbigen Blumenbeeten das Palais im Großen Garten umgeben,
in den beiden Hälften der kurzen Achse Pappeln angepflanzt? – Wer von
den vielen Besuchern der Sächsischen Schweiz hat die Pappelgruppe
auf dem Eisbecher bei Posta, den alten grünen Wächter an Schumanns
Ziegelei in Wehlen bewundert? – Dort, wo die breite Landstraße von der
Höhe heruntersteigen will nach Possendorf, muß sie eine scharfe lange
Wendung machen. Hier stehen ziemlich eng aneinander eine Pappel an der
anderen, als wenn sie ein durchsichtiges und doch sicheres Geländer für
die rechte Straßenseite sein wollten. –
Es mag mit diesen Beispielen aus der Nähe genügen. Fast möchte ich
wünschen, wir hätten ein Buch voll guter Pappelbilder beisammen,
herbeigeholt aus allen Teilen unseres Landes. Was müßte das bei aller
Gleichheit für eine Summe von Verschiedenheiten geben! Und ich wüßte
ganz gewiß, die Bilder würden einen jeden _zwingen_, an dem Baume
Gefallen zu finden und ihm sein Daseinsrecht als ein eigenartiges Glied
in der heimatlichen Landschaft so lange wie möglich zu wünschen.
Vielleicht trägt meine kleine Arbeit ein wenig dazu bei, der Pappel ein
paar Freunde hinzuzugewinnen.
Der Sonne entgegen!
Eine Frühlingswanderung im östlichen Erzgebirge
Von _H. Funke_
Ebenso plötzlich wie Gewitter und Platzregen über uns hereingebrochen
waren, hatten sich die Wetter verzogen. Zwar standen in der Ferne noch
drohend einige schwarze Wolken, und eine merkliche Abkühlung war nicht
zu spüren, aber wir hofften auf die Nacht, die den Himmel vollends
abräumen und die drückende Schwüle bannen sollte. Frohgemut saß ich
daher mit meiner Wandergefährtin, über Führer und Karte gebeugt, Pläne
für den kommenden Tag schmiedend. »Eine Wanderung ins Böhmerland«
hieß unser Ziel, eine Wanderung, die uns die Eigenart und Schönheit
der Kammregion und des südlichen Steilabfalles unseres östlichen
Erzgebirges vor Augen führen sollte. Von unserem Standquartier bis
zur Grenze waren es nur knapp zehn Minuten Wegs, so daß wir nebenbei
ausrechneten, wie weit, ach weit »ins Land« hinein wir von hier aus in
einem Tage vorstoßen könnten, wenn – ja wenn uns unser Grenzausweis
nicht gebieterisch auf die schmale zehn Kilometerzone beschränkte.
Schließlich fanden wir aber auch auf dem engen Raume so viel, daß der
Tag voll ausgefüllt war. Wir schlugen daher Buch und Karte zusammen und
schieden voneinander mit dem Versprechen, morgen früh Punkt sechs Uhr
aufzubrechen.
Beim ersten Hahnenschrei lugte ich neugierig zum Fensterlein hinaus.
O weh! Das Tal von unten bis oben hinauf ein einziges Nebelmeer!
Noch beschied ich mich. Als sich mir jedoch um fünf und um sechs
Uhr dasselbe trostlose Bild darbot, fing ich an, dem Wettergotte zu
grollen. Es war aber auch fürchterlich. Von den schmucken Häuschen
am Bergeshange war nichts und auch rein gar nichts zu sehen, so daß
ich wirklich zweifelte, ob sie nicht ein böser Zauberer über Nacht
habe verschwinden lassen. Verhüllt war der lenzfrohe Wald mit seinem
herrlich leuchtenden jungen Grün. Die bunte Wiesenpracht, gestern
abend noch unser Entzücken, erschien eintönig, und die Blütenköpfchen
nickten verträumt und verschlafen. Selbst die große Schar der Vögel
blieb heute länger stumm. Nur ein Fink rief wie zum Hohne sein ewiges,
Regen kündendes: Rietsch! – rietsch! vom hohen Ahorn herunter. Und
wirklich, der kleine Kerl sollte recht haben. Kurz nach sechs Uhr
setzte der Regen ein. Der Wind fegte durch die Baumkronen, bog sie hin
und her, schüttelte die Wipfel, jagte die Nebelschwaden auf, trieb sie
gegen die Rücken der Berge und hob sie darüber hinaus. Wir zwei aber
standen unter der Haustür und schauten sehnsüchtig hinaus und hofften
von Minute zu Minute auf Besserung. Aber der Regen trommelte weiter.
Es wurde acht, es wurde zehn Uhr. Jetzt schlug es elf, und unser
Hoffnungsbarometer hatte fast den tiefsten Stand erreicht. Da gegen
zwölf Uhr ein mächtiger Windstoß, die Nebelmassen wurden höher und
immer höher emporgewirbelt, das Tal war frei, der Regen hörte auf, und
die Buschmutter fing an, Kaffee zu kochen.
Nun gab es kein Halten mehr. Was kümmerten uns die Pfützen mitten
auf dem Wege und der weiche, klitschige Boden, was kümmerten uns die
düstren Wolken, die das Himmelsblau noch verdeckten? Wir waren voll
frohen Sinnes und wußten es: Wir ziehen der Sonne entgegen. Vergessen
war all das Trübe des Morgens. Wie die Kinder freuten wir uns der
Wasserperlen auf den Blättern des Frauenmantels und der glitzernden
Regentröpfchen, die an den Halmen der Gräser hängen geblieben waren
und die, Diamanten gleich, in allen Farben aufsprühten, als der erste
Sonnenstrahl sieghaft das eilende Gewölk durchbrach. Hinter den
letzten beiden Häusern von Zaunhaus, wo ehemals der »Zaunknecht« sein
Heim gehabt haben soll, überschritten wir die Grenze, und nun führte
unser Weg in herrlichem Fichtenwalde dahin, der nur von Zeit zu Zeit
den Ausblick auf die umliegenden Höhen und Hänge freigab. Die alten
und jungen Bestände trugen gleicherweise noch schwer an der Last
vorjähriger Zapfen. Ihrer so viele waren es, daß die Wipfel von ferne
ganz rostrot erschienen und wir erst glaubten, die böse Nonne habe sich
auch hier eingenistet.
Wo der Wald lichter ward oder eine kleine Strecke vom Wege zurücktrat,
stellte die Sippe der Beeren sich ein: Heidelbeeren und Rauschbeeren
schon mit grünen Früchtchen behangen, die dunkellaubige Preiselbeere
über und über blühend, so schön, daß wir uns niederbeugten, um die
zierlichen Glöckchen von nahem zu sehen.
Hinter dem Forsthause Kalkofen ward die Talaue flacher. Der Wald
lichtete sich und löste sich seitwärts von uns in lauter Baumgruppen
auf, vor denen wiederum einzelne Fichten gleichsam als Vorposten
aufmarschiert waren. Wir befanden uns im Quellgebiet der Wilden
Weißeritz, inmitten teils trockener, teils mehr oder weniger mooriger
Bergwiesen. Bis dicht an den Wegrand heran drängte sich der stark
duftende Köppernickel mit den fein zerteilten Blättern und den leicht
ins Gelbliche spielenden Dolden. Weiterhin tauchten Riedgräser auf.
Dazwischen lugten die zarten, roten Lippenblüten des Läusekrautes
heraus, und von ganz drüben, wo das kleine Rinnsal die Wasser zu
Tal führte, nickten die weißen Blütenschöpfe des Wollgrases. Wo das
Land trockener wurde, verschwand das bleichgrüne Torfmoos. Das blaue
Kreuzblümchen bildete dichte Rasen, und von der Böschung der Straße
leuchtete uns weiß und rosa das zierliche Katzenpfötchen entgegen.
Langsam stiegen wir zum Kamme empor; denn in weitem Bogen umging
die Straße den vorgelagerten Höhenrücken. Wir kamen jetzt in die
Zugrichtung des Windes. Zwar wehte er augenblicklich nur mit mäßiger
Geschwindigkeit, aber wir fühlten wohl, wie er hier oben zu toben und
zu wüten vermag, wenn er den Bäumen die herbstlich-welken Blätter von
den Ästen und Zweigen zaust. So arg und so oft hat er sein tolles Spiel
mit den Bäumen getrieben, daß sie ihre Äste in der Windbahn weit, weit
von sich strecken, als wollten sie ein großes Unheil abwehren.
Schon grüßte uns das schwarze Kreuz auf seiner einsamen Höhe, und
jetzt, jetzt standen wir oben auf dem Kamme, und der Blick schweifte
sehnsüchtig und suchend hinab in die Tiefe. Noch hüllte sich das
Mittelgebirge in leichten Nebel, aber links und rechts von uns und
unmittelbar zu unseren Füßen glänzte das Land im goldenen Sonnenschein.
Gleich rechts uns zur Seite stieg wie ein mächtiger Eckpfeiler
der Stürmer empor, am Hange halblinks vor uns lagen hingebettet
und sich an den Boden anschmiegend die schindelbedeckten Häuschen
der alten Bergstadt Niklasberg. Wir folgten ihren Reihen, bis sie
sich im Laubgewirr des Hüttengrundes verloren, den die Eisenbahn
Eichwald–Klostergrab–Brüx auf hoher, kühner Brücke überquert. Und
drüben im Südosten sahen wir, vom Schloßberge hoch überragt, die
Badestadt Teplitz, deren heilkräftige Quellen schon manchen von langem,
schmerzensreichen Siechtum erlöst haben.
Jetzt geruhten auch die stolzen Herren des Mittelgebirges den Schleier
zu lüften, und fast urplötzlich stand mit all den spitzaufstrebenden
oder langrückigen Höhen um ihn her der Milleschauer in seiner vollen
majestätischen Schönheit vor uns. Allein der Borschen bei Bilin
enthüllte sich nicht. Er ließ seine mächtige Löwengestalt nur in
unsicheren Umrissen durch den Nebeldunst hindurchschimmern. Wir zürnten
ihm nicht. Fesselte uns doch der reizvolle Wechsel zwischen Berg
und Ebene, zwischen Wald und Feld und dichtgescharten menschlichen
Siedlungen so stark, daß wir wie an unseren Ort gebannt waren. Wir
schauten und schauten und entdeckten bald in greifbarer Nähe, bald in
weiter, weiter Ferne immer neue Schönheiten. Und als wir nach langen
Minuten Blick in Blick tauchten, da spürten wir, wie ein Glühen und
Leuchten auch durch unsere Seele zog.
O Lust, vom Berg zu schauen
Weit über Wald und Strom,
Hoch über sich den blauen
Tiefklaren Himmelsdom!
Vom Berge Vöglein fliegen
Und Wolken so geschwind,
Gedanken überfliegen
Die Vögel und den Wind.
Noch einmal grüßten wir das hochgelegene Neustadt, dann eilten wir
am Kreuze vorbei, wo die Straßen von Norden her strahlenförmig
zusammenlaufen, den Steilhang hinab. Bunte Porphyrfelsen mit winzigen
Kohlenflözen durchsetzt, säumten unseren Weg zur Linken. Zur Rechten
sahen wir tief unter uns die Geleise der Gebirgsbahn Eichwald–Moldau.
So hoch standen wir, daß wir fast glaubten, die Strecke sei
schmalspurig angelegt. Wir berichtigten jedoch unseren Irrtum, als
wir uns gleich darauf fast senkrecht über dem schwarzen Mundloch des
Hirschbergtunnels befanden. Von hier aus folgten wir mit dem Blicke
dem Schienenstrange, der sich lang, lang hinzog, oft frei am Hange
liegend, oft auch links und rechts von Felsen eingeschlossen. Wir bogen
kurz nach Osten um und standen unmittelbar darauf am Fuße einer der
gewaltigen Stützmauern, die ein Abrutschen des Bahnkörpers verhindern
sollen. Oben am Bahnhof Niklasberg überschritten wir die Schienen, um
des weiteren einem schattigen Waldpfade zu folgen. Bald gelangten wir
auf eine Schonung, wo junge Fichten und harzduftende Lärchen zwischen
Heidekraut und hohem Grase zum Lichte emporstrebten. Nun ein letzter
Anstieg, und wir betraten die Porphyrklippen des Warteck. Wieder
weidete sich das Auge an der von Sonnenglanz und Himmelsblau verklärten
Landschaft, die wir jetzt weiter nach Osten zu überblickten. Greifbar
nahe, in allen Einzelheiten erkennbar, ragte der Mückenberg gar keck
vor uns auf, gerade so, als müßte es jeden Tag so sein und als wären
ihm Wolken und Nebeln immer bekannte Gesellen. Täusche uns nicht! Wir
schwören feierlich, daß es vor wenig Stunden auch um deine Höhe braute
und brodelte, als wärest du eingehüllt in Qualm und in Rauch.
Wie von selbst wurden unsere Gedanken auf die wechselvollen Geschicke
unserer Umgebung hingelenkt. Wir durchmaßen im Fluge die Jahrmillionen
und versuchten, die Landschaft als das Ergebnis eines gewaltigen,
ewigen Werdens und Vergehens zu begreifen. Fast am Ende der schier
endlosen Entwicklungsreihe erschien der Mensch und versuchte, mit
seiner schwachen Kraft und seinem überlegenen Geiste bestimmenden
Einfluß auf die Natur zu gewinnen. Und jetzt tauchten sie vor unserem
Auge in langer Reihe auf: die kühnen Männer, die ihre Axt zuerst in
die Stämme der unwirtlichen Wälder schlugen, die Bergleute, die mühsam
ihre Stollen gruben, um in harter Fron den Geistern der Tiefe die
kostbaren Schätze zu entreißen. Waffenstarrendes Kriegsvolk strebte
vom Kamme hinunter in die Ebene und von der Ebene wieder empor zur
Höhe. Friedliche Kaufleute führten wertvolle Güter auf hochbepackten
Frachtwagen zu Tal. Wetterharte Fuhrleute aus den Dörfern am Kamme
verfrachteten aus den Schächten drunten die Braunkohle weit, weit
hinein ins Sachsenland. Langsam kroch ihr schweres Gefährt zur Höhe
empor. Oft mußten die schweißtriefenden Tiere rasten, um neue Kräfte zu
sammeln für den weiteren Anstieg. Frauen und Männer, den Korb schwer
mit Mehl oder Obst beladen, suchten auf steilem Fußpfade abseits von
der Straße die Höhe zu gewinnen. So spannen wir unsere Gedanken weiter
und waren der Gegenwart entrückt, bis uns der herankeuchende Zug aus
unserem Sinnen aufschreckte.
Wir griffen flugs zum Stabe und folgten dem schmalen Steige, der sich
bald im Hochwalde verlor. Die Äste der Fichten reichten von einer Seite
zur anderen hinüber, als wollten sie sich fassen und bildeten ein
natürliches, nur etwas niedriges Dach, unter dem wir im kühlen Schatten
dahinwanderten, bis wir an den Rand einer Wiese gelangten. Fast jäh
senkte sich hier der Pfad hinab, und Steine, klein und groß, eckig und
rund, lagen genug umher. Aber tapfer hielt meine frohe Gefährtin aus,
ein paar Sprünge, wieder ein Überqueren der Geleise, und wir standen
vor dem Bahnwärterhäuschen, das wie ein rechter Luginsland hier oben an
dem Hange gebaut ist. Wie zum Lohne für den mühsamen Abstieg gewannen
wir bald die gut gehaltene Fahrstraße, die uns immer im herrlichsten
Forste bis nach Eichwald hinabführte. Jetzt schrillte der Fink nicht
mehr sein eintöniges Rietsch! Rietsch! Wohl aber rief der Kuckuck bald
von ferne, bald ganz nahe bei uns, und die Sonne meinte es herzlich
gut mit uns und bräunte uns Wangen und Hände, wenn sie uns in einer
Lichtung erhaschen konnte. Leicht und froh schritten wir dahin. Es
war uns, als sollten wir immer so weiter ziehen Seite an Seite, immer
weiter in den wonnigen Tag hinein, wortlos, wunschlos – wanderselig.
Aber da tauchten schon die Häuser von Eichwald auf. Wir waren am Ziel.
Ein Blick auf die Uhr belehrte uns, daß wir den Zug nach dem Gebirge
noch erreichen konnten. Für 1.80 Kronen lösten wir uns eine Fahrkarte
nach Neustadt. Die Wagen waren dicht besetzt, vor allem an der Seite,
die den Ausblick nach der Ebene und dem Mittelgebirge gestattete. Wir
zogen es daher vor, im Gange zu bleiben, und unter Anwendung aller
nur möglichen Kreisbewegungen gelang es uns auch, unseren Stehplatz
am Fenster zu behaupten. Jetzt wurden die Abteile abgeschlossen, ein
kurzes Signal – die Lokomotive zog pustend und schnaubend an. Wir
fuhren bergwärts.
Dann und wann gestattete der Wald einen Durchblick nach Süden,
und nicht nur einmal erkannten wir den Weg wieder, den wir vorhin
selbander gegangen. Zur Linken tauchte unser Bahnwärterhaus auf, zur
Rechten ragten hoch über uns die Felsen des Warteck und ehe wirs uns
versahen, hielt der Zug in Niklasberg. Hinter uns drängten sie vorbei
mit Rucksäcken und Körben, die Männer und Frauen, die von der Arbeit
drunten in der Ebene heimkehrten und nun, müde vom emsigen Schaffen,
langsamen Schrittes zu ihren Häuschen hinabstiegen, aus deren Essen der
Rauch als freundlicher Willkomm für die Heimkehrenden emporkräuselte.
Unmittelbar hinter dem Bahnhof Niklasberg gähnte schwarz und
schauerlich der Eingang zum Hirschbergtunnel, der in ~S~-förmiger
Windung auf dreihundert Meter Länge durch den Berg hindurchgebaut
worden ist. Tiefe Finsternis umfing uns. Im Abteil drinnen verstummte
unwillkürlich die Unterhaltung, um erst wieder aufzuleben, als heller
Schein an den Tunnelwänden verkündete, daß uns die Tiefe dem Lichte
wiedergegeben hatte.
Wir sahen die neue Straße in mächtigen Kehren am Hange sich
emporziehen. Eben wollte ich meiner Gefährtin berichten, wie zauberisch
schön es in dunklen Herbstnächten hier oben ist, wenn drunten in der
Ebene die tausend und abertausend Lichtlein aufleuchten und über
uns das sternenbesäte Firmament sich wölbt, da umfing uns abermals
schwarze Nacht. Unser Zug brauste durch den zweihundert Meter langen
Wasserscheidentunnel. Wenige Minuten später hielt er in Neustadt.
Dienstfertig eilte der Schaffner herbei, unser Abteil aufzuschließen.
Froh, der Enge des Wagens entronnen zu sein, wandten wir uns dem Dorfe
Neustadt zu. Durch Wiesen, die der Mahd entgegenreiften, führte unser
Pfad hinauf bis zum buchenbestandenen Gipfel des Stürmers, wo er uns
am südlichen Hange entlang leitete, so daß wir den Blick noch einmal –
so weit Baum und Strauch es gestattete – in die reich gesegneten Gaue
unter uns hinabtauchen lassen konnten. Schon ballten sich merkbar die
Dunstschwaden zusammen, so daß wir manchen Punkt, an dem wir uns wenige
Stunden vorher erfreut, nur mühsam zu erkennen vermochten.
Um so mehr erregten unsere Aufmerksamkeit die Einflüsse der rauhen
Witterung auf die Vegetation hier oben. Da – die gipfelumsäumenden,
kurzstämmigen Buchen mit den breiten Kronen. Ists nicht so, als wollten
sie jedem zuraunen, wie schwere Lasten an Schnee und an Eis sie Jahr
um Jahr tragen müssen? Und hier die Fichten – zerzaust und fast alle
des Wipfels beraubt in grausigen Winternächten, wo der Rauhreif sich
dick um Zweig und Nadeln legte und der Sturm heulend und hohnlachend
die steifgewordenen, schwerbeladenen Glieder brach. Ein Lied, ein
ernstes Lied von hartem Kampf und schwerem Sterben war es, das uns
hier entgegenklang, aber auch ein hohes Lied von zähem Ausharren und
trutzigem, reckenhaftem Heldentum. Glückstrahlenden Auges wies meine
Begleiterin auf die Tausende von Schattenblümchen hin, die ihre feinen
weißen Ährchen verlangend uns entgegenstreckten. Vom Wiesenrande her
schlug jubelnd das Trillern der Lerchen an unser Ohr, und wir jubelten
mit aus voller Brust, jubelten, daß auch wir dem Leben gehörten.
Lang, sehr lang malte die tiefstehende Sonne die Schatten der Bäume auf
Matte und Weg, als wir zum Dorfe Neustadt zurückpilgerten. Hier gingen
wir von einem Häuschen zum anderen und bewunderten die zierlich mit
Schindeln und Latten beschlagenen Giebel, von denen wohl keiner dem
anderen glich. Volkskunst, Heimatkunst aus Heimatliebe entsprossen.
Wir schauten zu den Fenstern hin, aus denen rote Geranien und bunte
Gauklerblumen leuchteten und das fleißige Lieschen uns grüßte, als
wollten sie alle, alle uns künden: »Auch bei uns wohnt das Glück«.
Wir wandten uns nordwärts – heimwärts. Hinter uns, tief unter uns,
weit entfernt, verdeckt durch den Rücken des Stürmers, lag die
vielgestaltige Welt des Mittelgebirges, ragten in der Ebene die
tausend Schlote und Essen. Vor uns, wohin wir schauten, spannten sich
weite, feingeschwungene, große, ruhige Linien. Es erschien uns diese
Landschaft wie das Antlitz eines Greises, dem die Leidenschaft fremd
geworden und dem nur noch die abgeklärte Ruhe des Alters geblieben ist.
In Erinnerungen uns versenkend, folgten wir dem langsam fallenden Pfade
durch Wald und Wiese bis zur Weilersiedelung Kalkofen und dann hinab
ins liebe Vaterland. Still und feierlich zog der Mond am Himmel herauf
und übergoß die Flur mit seinem magischen, bleichen Silberlichte.
Drunten im langgestreckten Wiesengrunde, dicht über den Wassern,
brauten die weißen Nebel, und leichtfüßige Elfen wiegten sich im
nächtlichen Reihen.
Volkskundliches in den Federzeichnungen des kursächsischen
Oberlandbaumeisters Dilich
Von _E. Rich. Freytag_, Borstendorf i. Erzgeb.
Auf der Ausstellung von Lehr- und Unterrichtsmitteln, die anläßlich
einer sächsischen Lehrerversammlung in Plauen veranstaltet worden
war, erregten einige auffallend große, für den Massenunterricht
berechnete Zeichnungen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die kräftigen
Zeichnungen, ausgeführt in Holzschnittmanier, doch waren sie auch an
manchen Stellen durch Farbe belebt, stellten Ansichten vogtländischer
Städte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor. Den Herstellern
dieser Vergrößerungen dienten die in den Heften der »Beschreibenden
Darstellung der älteren Bau- und Denkmäler des Königreichs Sachsen«
wiedergegebenen Federzeichnungen kursächsischer Städte und Schlösser
vom Oberlandbaumeister W. Dilich als Vorlage. Mit der Darbietung dieses
zeit- und kostenfordernden Anschauungsmittels bezeugte die Schule
die außerordentliche Wichtigkeit, welche den Städteansichten Dilichs
als Gesichtsquelle zuerkannt werden muß. Erhöht wurde der Lehrgehalt
der vorgezeigten Städtebilder durch die gleichzeitige Vorführung
von Bildern, die die Ansichten der Städte aus der _Gegenwart_
veranschaulichten. Nun konnte man einen Vergleich über das Sonst
und Jetzt mühelos anstellen, und sobald eine solche Übung in der
Schule erfolgt, wird man auch die Ursachen, die solche Veränderungen
herbeiführten, aufzudecken versuchen und so eine rege Teilnahme am
Geschichtsunterricht erwecken. Die Dilichschen Federzeichnungen geben
hierzu reichlich Anlaß. Es war daher ein mit Freude zu begrüßendes
Unternehmen, daß die »Sächsische Kommission für Geschichte«
im Jahre 1907 eine vom Oberbibliothekar Hofrat P. E. Richter
(Dresden) veranstaltete Reproduktion des ganzen Dilichschen Werkes
(hundertzweiunddreißig Aufnahmen) in die Reihe ihrer Schriften aufnahm,
und daß die im Laufe der Jahrhunderte so rege begehrten Zeichnungen,
von denen manche schon, aber meist verkleinert, bekannt geworden waren,
mit vollkommener Treue in Originalgröße wiedergegeben wurden[2].
Die Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters haben
insofern für uns eine Bedeutung, als sie für die meisten _sächsischen
Städte die ältesten Abbildungen darstellen_. Sie führen uns
siebenundsiebzig Ortschaften aus der Zeit von 1626–1629 treu und doch
mit künstlerisch gebildetem Auge erfaßt vor. Dilich steht weit höher
als seine Vorfahren auf dem Gebiete der Städtezeichnung. Er bietet
keine trockene und plumpe Häufung von Detail, die noch jede Fähigkeit
zur Komposition vermissen läßt. Dilich war der erste, dem das Stadtbild
als Ganzes etwas bedeutete. Er erfaßte nicht nur die Einzelheiten,
sondern das, was er vom gutgewählten Standpunkt aus vor sich sah, den
»Prospekt«, wie man es damals ausdrückte, als etwas Einheitliches,
durchaus Ganzes. Der Ort war ihm untrennbar von der Gegend, darin
sie wurzelte, nur in und mit dieser will er ihr Bild erfaßt und
charakterisiert wissen. Das Wohlgefallen an der Landschaft, welches
Dilich innewohnte, seine Freude an der schönen Natur, beeinflussen ihn
bei der Wiedergabe der Stadtbilder. Wie malerisch strecken sie sich
am Flußufer hin oder sind eingebettet in den Talkessel. Wieder andere
klettern am Schloßberge in die Höhe oder dehnen sich in der Ebene aus.
Immer ist jedes Bild fein charakterisiert mit Hervorhebung der Stimmung
der Gegend.
Bei allen seinen Städteaufnahmen, mögen manche auch etwas Skizzenhaftes
an sich tragen, überzeugt uns der geschickte Zeichner, daß er in seiner
Kunstfertigkeit mit geringen Mitteln viel zu sagen weiß, daß er, selbst
ein Baukünstler, als solcher die Bauwerke anschaut und mit sicherer
Freiheit wiedergibt.