Die vier Stadttore (das Niedertor im Norden, das Obertor im

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Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

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Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

5 bis 6

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XIV

_Inhalt_: Lauchhammerwerke in Wolkenburg und Waldenburg, ein

Gedenkblatt zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers – Auf

Heimatschutzpfaden durch die Lößnitz – M. D. Pöppelmann und die

Zwickauer Torbrücken – Die Pappel, ein Beitrag zur Gestaltung der

Landschaft durch den Menschen – Der Sonne entgegen! Eine

Frühlingswanderung im östlichen Erzgebirge – Volkskundliches in

den Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters

Dilich – Was alte Grabsteine erzählen – Zu Gast in der Au –

Bücherbesprechungen

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Dresden 1925

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Wir bitten höflichst, bei Erhalt unserer Hefte sich der

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Minderbemittelten (Erwerbslose, Kleinrentner, Studenten, Lehrlinge,

Schüler) kann der Betrag auf 1 Mark zurückgesetzt werden.

Wir danken für das uns von unseren Mitgliedern jederzeit

entgegengebrachte Wohlwollen und bitten, uns dieses zu erhalten.

Dresden, im Juli 1925.

=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=

Andauernde Verluste von _un_eingeschriebenen Geldsendungen veranlassen

uns, zu bitten, Wertsendungen aller Art nur »Eingeschrieben« oder als

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=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=

Band XIV Heft 5/6 1925

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 30. Juni 1925

Lauchhammerwerke in Wolkenburg und Waldenburg

Ein Gedenkblatt zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers

Von _Otto Eduard Schmidt_

Am 17. Juli 1925 vollenden sich zwei Jahrhunderte, seitdem der

Kurfürstlich Sächsische Bergwerksdirektor und Oberhofmarschall

Freiherr _Woldemar von Löwendahl_ auf Mückenberg in der Lausitz für

seine Gemahlin (S. 162) das Privilegium erlangte, die zu ihrem Gute

gehörige Lauchmühle in einen Eisenhammer zu verwandeln, in dem der

in der Umgegend vorkommende Raseneisenstein verhüttet und das daraus

gewonnene Eisen weiter verarbeitet werden sollte. Am 25. August

desselben Jahres wurde der an den Lauchteichen errichtete Hochofen

angeblasen. Das war der Ursprung und Anfang des jetzt in eine

Aktiengesellschaft verwandelten großen Eisenwerkes _Lauchhammer_,

das demnach zu den ältesten derartigen Unternehmungen in Deutschland

gehört. Das Rohmaterial, der Raseneisenstein, später auch andere

Eisenerze, bezog man außer von den Lausitzer Lagerstätten aus dem

Kurkreise Wittenberg und aus dem Erzgebirge, den Kalkstein, der das

Eisen in Fluß bringen half, aus der Pirnaer Gegend, die zum Schmelzen

nötige Holzkohle lieferte die Mückenberger Heide und die nahen

Kurfürstlichen Wälder, in denen der Abraum, d. h. die Scheite und

Rollen, die das Klaftermaß nicht erreichten, zu Kohlen gebrannt wurde.

Außerdem verwendete man die nahe bei Mückenberg gefundene Braunkohle

als Heizstoff. Alle größeren Lasten wurden zum Lauchhammer und vom

Lauchhammer, soweit es möglich war, auf dem Wasserwege befördert,

auf dem bei Grödel in die Elbe mündenden Floßgraben und dann auf der

Elbe selbst. Bald trat in Lauchhammer zur Eisenerzeugung der Guß von

Öfen und eisernen Kochtöpfen. Um die Fortführung und den Ausbau des

Werkes erwarb sich die zweite Gemahlin des Freiherrn von Löwendahl,

Benedikte Margarete, eine geborene von Rantzau, die größten Verdienste.

Bei ihrem Tode im Jahre 1776 vererbte sie ihren ganzen Besitz und

damit auch den Lauchhammer an ihr Patenkind, den Kursächsischen

Konferenzminister _Detlef Carl Grafen von Einsiedel_ (1737 bis 1810),

Herrn auf Wolkenburg an der Mulde, vermählt mit Sidonie Albertine,

einer geborenen Gräfin von Schönburg-Lichtenstein. Damit begann die

erste Blütezeit des Lauchhammerwerkes. Denn der Minister Graf Einsiedel

war ein rastlos tätiger, für Gewerbe und Kunst sehr eingenommener

Mann, der auch das Geschick besaß, für die Ausführung seiner Pläne

die nötigen technischen Kräfte zu finden. Unter ihm wurde die

Beschaffenheit des Stabeisens wesentlich verbessert, für die Kochtöpfe

eine feuerfeste, der Bekömmlichkeit der Speisen nicht schädliche Glasur

erfunden und durch Anlage einer großen Dampfmaschine das zu mancher

Zeit fehlende Betriebswasser aus dem Lauchteiche herbeigepumpt. Der

durch den Grafen Einsiedel verbesserte Betrieb des Lauchhammers war

im Stande, technische Gußstücke zu liefern, die durch ihre Größe

und Schwere in damaliger Zeit Bewunderung erregten. So stellte er

für die ehemals Gräflich Einsiedelsche Spinnmühle in Wolkenburg

ein dreihundertsiebenundachtzig Zentner wiegendes gußeisernes

Wasserrad her, das sechzehn Ellen (neun Meter, vierzehn Zentimeter)

im Durchmesser hatte. Vor allem aber zog Graf Einsiedel Männer

heran, die den Erzeugnissen der Gießerei künstlerische Gestaltung zu

geben vermochten. Schon 1781 wurde der Bildhauer _Wiskotschill_ am

Lauchhammer angestellt, ihm folgte bald Mättensberger, als Gießer

arbeiteten unter beiden Klausch und Güthling. Wiskotschill war

1758 als Sohn eines Bildhauers in Prag geboren, hatte aber seine

künstlerische Bildung in Dresden erhalten. Als ihn Graf Einsiedel an

die Spitze der künstlerischen Gestaltung nach Lauchhammer berief, war

er erst dreiundzwanzig Jahr alt. Aber durch die nach seinen Modellen

im Lauchhammer gegossenen überlebensgroßen Büsten des Germanicus und

des römischen Kaisers Caracalla, die Graf Marcolini erwarb und im

Garten seines Palais, des heutigen Friedrichstädter Krankenhauses

aufstellte, erregte der junge Künstler großes Aufsehen. Im Jahre 1782

trat Wiskotschill in den Dienst des Grafen Marcolini über, der ihn die

meisten Statuen und Vasen seines berühmten Gartens fertigen ließ, aber

auch Aufträge des Kurfürsten verschaffte, z. B. die Erneuerung von

vier Satyrn an der Galerie des nordwestlichen Hofflügels am Zwinger.

(1787/88.)

Unter Wiskotschills Einfluß wurden auch die Gußwerke des Lauchhammers

durchaus im Geschmack des Klassizismus geformt. Zuerst wurden die

großen Platten der eisernen Öfen mit Reliefdarstellungen aus der Sage

und Geschichte des Altertums verziert. Dann formte man kunstvolle

Grabplatten und Büsten, wie die oben erwähnten, und endlich ging

man zur Herstellung ganz freistehender, lebensgroßer menschlicher

Gestalten über. Das Verfahren war folgendes: Über eine Unterlage von

Ton bossierte man die Figur aus Wachs, und darüber legte man eine

das Ganze umhüllende Schicht von weichem Lehm. Wenn alles getrocknet

und erhärtet war, wurde die Form erwärmt, dadurch schmolz das Wachs

und floß aus dem Hohlraum zwischen Ton und Lehm heraus. In diesen

Hohlraum wurde nun das flüssige Eisen gegossen und der Lehmmantel

nach dem Erkalten zerschlagen. Auf diese Weise hat man in Lauchhammer

die berühmte griechische Gruppe Kastor und Pollux, einen antiken

Fechter, eine Herkulanerin, einen Hermes nach den Originalen in der

Skulpturensammlung in Dresden, aber auch Bildnisbüsten, Grabdenkmäler

und viele Werke der plastischen Kleinkunst gegossen.

[Illustration: Abb. 1. =Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu

Wolkenburg=]

Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß auch der beste Lauchhammersche

eiserne Kunstguß in der Feinheit der Umrißzeichnung und in der

Genauigkeit der Wiedergabe der Form einen guten Bronzeguß nicht

erreicht. Auch läßt sich die weichere Bronze nach dem Guß durch die

Arbeit des Ziseleurs noch viel mehr verfeinern als das sprödere

Eisen. Aber der Eisenguß hat mit dem Bronzeguß die fast unbegrenzte

Dauerhaftigkeit gemein und ist dabei viel billiger. Der Zentner

Kunstguß kostete in Lauchhammer um 1820 nur zwölf bis zwanzig Taler.

Und gerade in der Zeit, als die französische Knechtschaft auf uns

lastete (1797 bis 1813) und Ernst Moritz Arndt das Lied sang:

»Der Gott, der Eisen wachsen ließ,

Der wollte keine Knechte,

Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß,

Dem Mann in seine Rechte.«

und noch lange danach, als unser Volk infolge der Kriegslasten verarmt

war, erschien ihm das Eisen als das rechte Metall zum Ausdruck des

Schönen.

[Illustration: Abb. 2. =Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu

Wolkenburg=]

Sehr viele der im Lauchhammer gegossenen Kunstwerke sind in das Ausland

verkauft worden oder sonstwie verschollen. Aber noch immer trifft man

hie und da in einem Museum oder auf einem Kirchhofe einen aus dem

Lauchhammer stammenden älteren eisernen Kunstguß. Ganz besonders reich

an solchen Werken ist das mittlere Tal der Zwickauer Mulde, weil Graf

von Einsiedel, der Besitzer des Lauchhammers, auf Schloß Wolkenburg

seinen Wohnsitz hatte. Das Schloß verrät noch heute in seinem Innern

durch die Stuck- und Bilderausstattung des großen Saales den feinen

klassizistischen Geschmack des Grafen Detlev Carl. Als er 1794 bis

1804 durch den Hofbauinspektor Giesel in Wolkenburg die schönste

klassizistische Kirche bauen ließ, die Sachsen überhaupt aufzuweisen

hat, schmückte er ihre griechischen Giebel mit herrlich gelungenen

Darstellungen der Kreuzigung und der Auferstehung Christi, und das

Innere mit zwei weihevollen Cherubim, die Opferschalen in den Händen

halten. (1805 und 1810. Abb. 1 und 2.) Andere Lauchhammerwerke kann

man in der ehemaligen alten Dorfkirche zu Wolkenburg bewundern, die

jetzt als Gruftkapelle der Schloßherrschaft dient. Dort ist links

vom Altar an der Wand die große Grabplatte des Grafen Detlev Carl und

rechts das Monument seiner Gemahlin Sidonie Albertine, eine eiserne

Urne, die im Relief das Bildnis der Verstorbenen trägt, daneben steht

in freier Figur der Tod, dargestellt als Knabe, der die Lebensfackel

auslöscht und das Kreuz über die Urne der Heimgegangenen hält. (Abb.

3.) Außerdem enthält die Gruft das sehr bemerkenswerte Denkmal des

am 29. Februar 1772 geborenen und am 30. November 1793, am letzten

Tage der siegreichen Kämpfe gegen die Franzosen bei Kaiserslautern

gefallenen Grafen Friedrich von Einsiedel auf einer liegenden, ovalen

Grabplatte. Sie zeigt in lebensgroßem Hochrelief den Grafen in voller

Uniform, den Dreimaster mit dem Federbusch auf dem Kopfe, den Degen an

der Seite, mit noch jugendlichem, ausdrucksvollem Gesicht. In seiner

ergreifenden Schlichtheit ist dieses Werk eins der eindrucksvollsten

Denkmäler, die jene Zeit hervorgebracht hat. (Abb. 4.) Im Wolkenburger

Park finden wir eine sehr anmutige Statue eines einschenkenden Satyrn

(Abb. 5), die auf ein Werk des Praxiteles zurückgeht; das Original,

nach dem der Eisenguß geformt ist, findet sich in der staatlichen

Skulpturensammlung in Dresden. Ebenda steht auch das Original der

Wolkenburger Flora, die in der Hand eine Weintraube und Blumen auf dem

Kopfe trägt. Das Original hat sich aber nach Entfernung der unechten

Teile (Kopf, linker Unterarm, rechter Unterschenkel) als eine Artemis

aus hellenistischer Zeit entpuppt. Endlich schmückt den Wolkenburger

Park auch die eiserne Nachbildung einer antiken Knöchelspielerin

(Abb. 6), deren aus Rom gekommenes Urbild wir jetzt im staatlichen

Museum in Berlin betrachten können. Auch im nahen Waldenburg ist eine

reizvolle kleine eiserne Vase vorhanden. Sie steht im Grünfelder Park

unweit des altertümlichen Steintores in einer Gebüschgruppe rechts vom

Wege. Endlich enthält die Fürstlich Schönburgische Gruft im Schlosse

Lichtenstein vier eiserne Sarkophage Lauchhammerscher Arbeit. (1807 und

1861.)

[Illustration: Abb. 3. =Denkmal der Gräfin Sidonie Albertine von

Einsiedel geb. Gräfin von Schönburg-Lichtenstein in der alten

Dorfkirche (jetzt gräflich Einsiedelsche Gruftkirche) zu Wolkenburg=]

Nicht sicher ist der Lauchhammersche Ursprung, aber doch wahrscheinlich

bei dem gußeisernen Grabmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf

dem Kirchhofe zu Lichtenberg bei Freiberg. Meine bis ins Jahr 1913

zurückreichenden Nachforschungen über den Künstler, der dieses

Grabmal entworfen hat, sind leider vergeblich geblieben, da die

alten Geschäftsakten und Briefe im Lauchhammer nicht mehr vorhanden

sind. Ich möchte aber doch dem Gefühl Ausdruck geben, daß dieses die

Kindesnatur in so rührender Weise verkörpernde Bildwerk der Schule

Christian Rauchs entstammt, der seit 1838 wegen des Bronzegusses

seiner Statuen für den Posener Dom enge Beziehungen zum Lauchhammer

unterhielt und in seinem Tagebuche schreibt, »daß er nie vorher einen

solch dünnen und an der Oberfläche so schönen Guß gesehen und daß er

sich entschlossen habe, die Figuren (für den Posener Dom) nicht zu

ziselieren, sondern nur das Nötigste daran mit dem Punzen und der Feile

zu tun und im übrigen nur mit Scheidewasser abzubrennen.« Noch näher

läge es vielleicht, an den Lausitzer Ernst Rietschel als Urheber der

Lichtenberger Gruppe zu denken, dessen Beziehungen zum Lauchhammer

auch bis 1838 zurückreichen. Seit dieser Zeit tritt in der

künstlerischen Tätigkeit des Lauchhammers allmählich der Bronzeguß vor

dem Eisenguß in den Vordergrund. Aber begründet hat der Lauchhammer

seinen künstlerischen Ruhm mit dem Guß in Eisen.

[Illustration: Abb. 4. =Denkmal des Grafen Friedrich von Einsiedel=

(von oben gesehen) =in der alten Dorfkirche zu Wolkenburg=]

Wenn wir die älteren Lauchhammerwerke betrachtet haben und dann als

Gesamtbild vor unser inneres Auge stellen, so erscheinen sie nicht

nur als Denkmäler der Personen, die sie gestiftet haben oder deren

Andenken sie gewidmet sind, sondern auch als Ausdruck der Zeit, der sie

ihr Entstehen verdanken. Notgedrungene Sparsamkeit und Schlichtheit

sprechen aus ihnen. Aber dazu gesellen sich Wahrhaftigkeit und Anmut.

[Illustration: Abb. 5. =Einschenkender Satyr nach Praxiteles im Park

des Schlosses Wolkenburg=

(Das Original befindet sich in der Skulpturensammlung zu Dresden)]

Möge es auch den heutigen Deutschen, die so schwere Lasten zu tragen

haben, an diesen Eigenschaften nicht fehlen und möge auch unserer Zeit

ein gleichwertiger künstlerischer Ausdruck ihres Wesens beschieden sein.

[Illustration: Abb. 6. =Knöchelspielendes Mädchen im Parke des

Schlosses Wolkenburg=

(Das Original aus Rom befindet sich im staatlichen Museum in Berlin)]

_Anmerkung._ Die Vorlagen zu den Bildern 1–6 dieses Aufsatzes

hat Herr Graf von Einsiedel auf Wolkenburg dem Verfasser

freundlicher Weise zur Nachbildung überlassen. Die Aufnahme

zu Abbildung 7 hat der Heimatschutz nach dem Original in

Lichtenberg durch Photograph Reymann, Freiberg, anfertigen

lassen. Zum Text sind die Akten des Hauptstaatsarchivs in

Dresden, Schumanns Postlexikon und die Schrift von Professor

Emmerich in München »Bildguß-Werk Lauchhammer« benutzt worden.

Die Angaben über das Original zur Wolkenburger »Flora« verdanke

ich Herrn Direktorialassistenten Dr. Müller an der staatlichen

Skulpturensammlung. Eine groß angelegte Festschrift zur

Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers, auf die wir schon jetzt

aufmerksam machen, wird vermutlich von der Verwaltung des

Werkes am Jubiläumstage herausgegeben werden.

[Illustration:

Aufnahme von K. Reymann, Freiberg

Abb. 7. =Gußeisernes Grabdenkmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf

dem Kirchhofe in Lichtenberg bei Freiberg aus dem Jahre 1839=]

Auf Heimatschutzpfaden durch die Lößnitz

Von _Kurt Nierich_, Kötzschenbroda

Aufnahmen vom Verfasser

In lichtgrüner Maiennacht, da sinken gütige Träume auf die alte Erde.

Da silbert der Mond alle die trauten Wege und geht an den heimlichen

Stegen vorüber, wie man an schlafenden Kindern vorübergeht, um sie

nicht zu stören. Es ist im Mondlicht eines Maientages als ob die Jahre

und Jahrzehnte rückwärts schritten, und aus alter, lieber Zeit tauchen

Bilder auf, die noch nichts wußten von den Sorgen und Nöten unserer

Tage. Wo der Urgroßvater die Weinberge harkte und der Herbst sein Mühen

mit goldglasigen Trauben lohnte, da kannte man noch nicht die Jagd nach

dem Geld, darum eben blicken uns auch die Winzerhäuschen (Abb. 1) alle

so traulich an, als wollten sie uns gute Gedanken schenken aus alter,

längst verklungener Zeit. Ein mächtiger Nußbaum schattet über der

Torfahrt und dem kleinen Pförtlein, das uns hineinläßt zu Menschen, die

einfach waren und darum ihre Seele reiner hielten. Ja, wenn er erzählen

könnte, der alte Baum vor der Tür, ein Leben voll Arbeit, aber auch

voll Licht würde dir das Säuseln seiner Blätter künden, die man damals

noch als besten Heiltee trank.

[Illustration: Abb. 1. =Winzerhaus in der »Finsteren Gasse«=]

Behaglich blinzeln die Fenster eines anderen Häusleins auf die

lichtbesäte Straße, als könnte nie dahinter etwas Böses wohnen (Abb.

2). Die Freude an der Arbeit leuchtet aus ihnen wie einst auch aus den

Menschenaugen. Unsere Zeit aber hat die reine Freude an der Arbeit

vielfach eingebüßt, nur um des Gewinnes willen, in der Fron des Alltags

wird sie getan. Das aber prägt sich auch aus in den mürrischen Mienen,

den unfrohen Gesichtern, denen das durchsonnte Leuchten beglückender

Arbeit fehlt.

[Illustration: Abb. 2. =Winzerhaus Lotter=, Winzerstraße]

Auf den Torpfeilern ruhen oft Steinkugeln, sie mahnen an noch ältere

Zeit, wo man die Schädel erschlagener Feinde, dem Thor und Wode

geopferter Gefangener, hier aufstellte. Wohl meist unbewußt hält hier

der Baumeister einen Rest aus heidnischer Vorzeit fest. Ja, alte

Häuser und alte Bäume erzählen oft mehr als manches Geschichtsbuch.

Und wenn jener Bergahorn mit seiner Steinbank wird doppelt so stark

und breit sein wie jetzt, da haben unter ihm auch Generationen von

Kindern ihre unschuldigen Spiele getrieben, da sind auf der Bank

noch mehr Schwüre der ewigen Liebe getan und dann gebrochen worden

wie jetzt. »Aufrecht geschritten, was frag’ ich noch viel, Leben

und Liebe sind Würfelspiel«, so singt ein moderner Dichter, und das

Würfelspiel des Lebens macht auch vor den stolzen Herrenhäusern nicht

halt! »Bischofspresse« nennt der Volksmund ein Grundstück (Abb. 3),

wenn auch hier zu unrecht die Größen des einstigen Bistums Meißen mit

einem Weinbergsgute in Zusammenhang gebracht werden. In seinem Garten

aber träumt ein kleiner Rundtempel von ferner wehmütiger Zeit. Sechs

Säulen tragen auf kräftigem Balkenwerk eine Flachkuppel in Sandstein,

die hatte einst eine Inschrift: »Uns ward der Tod, den Frevler scheun,

Geburt zum ewigen und edlern Leben.« Vor Jahren stand im Tempel eine

Urne von Stein auf einem Sockel, der trug die Inschriften: »Wenn hier

von uns, die Gott vereint, der letzte auch hat ausgeweint, dann wird

ein freudig Wiedersehn auf ewig unser Glück erhöhn.« Und die andere

Seite: »Der sehnsuchtsvolle Wunsch der Wiedervereinigung, wo keine

Trennung mehr ist, wurde erfüllt den 17. Januar 1820.«

[Illustration: Abb. 3. =»Bischofspresse« in Zitschewig=]

Schauen wir einmal hinein in eines Parkes waldgrüne Nacht. Wie

durchsonnte Vorhänge von gelbgrüner Seide hängen der Parkbäume Zweige

herab, als wollten sie ein trautes Geheimnis hüten, daß es kein Auge

der Welt sehen möge, oder wollen sie verwundete Herzen, die am Sterben

sind, mit Lebensgrün überdecken wie des Kirchhofs Gräber? Ich weiß es

nicht, weiß nur eins, daß es Sorge und zerschlagenes Glück in Hütte

und Palast gibt und daß das Trümmerfeld der Hoffnungen nicht ein

Eigengebiet des einfachen Mannes ist.

[Illustration: Abb. 4. =Winzerhof bei der Friedensburg=]

Der Mond aber ist weitergewandert über den jenseitigen Bergen, und in

den Büschen bei dem alten Winzerhaus (Abb. 4) schlägt eine Nachtigall.

Singe, du kleiner feiner Sänger der Nacht, singe von Liebe und Frieden

im Menschenherzen, singe von Glück und goldenem Leuchten, das trotz

alledem doch tags und nachts über die alte Erde geht.

M. D. Pöppelmann und die Zwickauer Torbrücken

Von Regierungsbaumeister Dr. _Weißbach_, Holzminden

Wir leben jetzt in den Tagen, in denen der Name Pöppelmann uns

besonders nahegerückt ist. Es geht um die Erhaltung des Dresdner

Zwingers, des großartigsten Werkes dieses fürstlichen Baumeisters.

Während der Zwinger weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt und

berühmt ist, sind andere Bauten Pöppelmanns teils weniger bekannt,

teils vergessen, weil sie entweder nicht so bedeutend oder schon wieder

verschwunden sind (Augustusbrücke). Manches kann ihm auch nicht mit

Sicherheit zugesprochen werden. Viele kleinere Arbeiten sind naturgemäß

überhaupt nicht bekannt geworden. So auch seine Vorschläge für die

Torbauten in Zwickau.

Wie aus folgendem zu ersehen ist, erstreckte sich Pöppelmanns Tätigkeit

nicht nur auf die Hauptstadt. Als Oberlandbaumeister hatte er auch auf

andere Städte gewissen Einfluß. Das beweisen zwei wenig umfangreiche

Aktenstücke[1] im Ratsarchiv der Stadt Zwickau. Es handelt sich um den

Umbau der Stadttore.

August der Starke hatte ein selten feines Kunstverständnis und verband

damit eine großzügige Art die Mittel für seine Bauten bereitzustellen.

Auf diese Weise war Pöppelmann Gelegenheit gegeben, sein ganzes

Können zu entfalten. Anders war es in Zwickau. Da konnte nicht so aus

dem vollen gewirtschaftet werden. Und wenn schon einige Ratsherren

Sinn für das Schöne hatten sowie den Wunsch, die Pläne Pöppelmanns

durchzuführen, so wurden sie doch von den sorgsamer rechnenden

Stadtvätern überstimmt. Die Vorschläge des Oberlandbaumeisters

konnten der Kosten wegen nicht verwirklicht werden. Doch ist diese

Tatsache insofern ohne Belang, als die Tore schon in der ersten

Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Schleifung der Befestigungswerke und

infolge der Ausdehnung der Stadt und der Steigerung des Verkehrs

wieder verschwinden mußten. Aber in den genannten Akten sind uns

die Zeichnungen erhalten geblieben. Der zugehörige Schriftwechsel,

ergänzt durch die Beschlüsse in den Ratsprotokollen, eröffnet uns ein

anschauliches Bild von der Tätigkeit und dem sicheren künstlerischen

Urteil Pöppelmanns.

Die vier Stadttore (das Niedertor im Norden, das Obertor im Süden, das

Frauentor im Westen und das Tränktor im Osten) hatten vor den Tortürmen

halbrunde Bastionen (»Rondells«), die in den Graben vorsprangen. Je

eine hölzerne Torbrücke führte, aus festungsbaulichen Gründen seitlich,

in jedes »Rondell«. 1712 beschloß der Rat, diese Brücken nach und nach

steinern auszuführen, weil, wie es in einem Schreiben vom 3. April

1719 an Pöppelmann heißt, »die über die Stadtgräben allhier gehenden

hölzernen Brücken sehr kostbahr zu erhalten und zu deren Reparatur fast

keine Brückenbäume mehr in der Nähe umbs Geld zu haben sind, ... Steine

und Kalch umb einen billichen Preiß allhier zu erlangen.« 1716 war als

erste die Obertorbrücke durch eine steinerne ersetzt worden. Im selben

Jahre wurde beschlossen, auch die Niedertorbrücke zu erneuern. Doch

sollten da gleichzeitig Veränderungen am Tor vorgenommen, der Eingang

in die Mitte des Rondells, die Torschreiberwohnung seitlich verlegt

werden. »Ob aber deswegen allerunterthänigster Bericht einzusenden,

stünde dahin; es dürfte solches eine kostbare Commission nach sich

ziehen und darum eben nicht vonnöthen sein, weil zum Bau nichts von

Vestungsbaugeldern gegeben würde, sondern man von eigenen Kosten

bauete, die Stadt auch vor keine Vestung Iziger Zeiten Beschaffenheit

nach gehalten würde.« Am 3. April 1719 ließ man »wegen Transferierung

des Thors und der Aufzugbrücke ... wenigstens des Herrn Ober Land

Baumeister Pöppelmann Gutachten ... einholen«. Ein Maurermeister

wurde mit dem obenerwähnten Brief, den »gefertigten Abrißen« und

zwölf Thalern nach Dresden geschickt. Am 7. April 1719 antwortete

Pöppelmann: »Hoch Edle, Hoch- und Wohlgelahrte, Hochgeehrteste Herren.

Dieselben haben das Vertrauen gehabt, in ihrem Vorhabenden Baue mich

zu Consellieren Beliebet, auch den Mäurer Meister abgeschicket, damit

er desto mehrere Kundschaft einziehen möge. So habe Beyliegenden Riß

(Abb. 1) Verfertiget, denen Conducteurs Vorgezeichnet, die Sich vor das

überschickte dienstl. Bedanken thun. Die vielen vorhabenden Baue haben

nicht zulaßen wollen mehren Fleiß anzuwenden. Der pfeihler, welcher in

des Mäurer Meisters Riß angedeutet, kan ersparet werden, auch ... von

den Zierathen nach belieben ausgelaßen werden und kan nach diesen Riß

mit Wenigem eine große Parade zu des Königes andenken und Zierde der

Stadt gemacht werden ...«

[Illustration: Abb. 1. =Pöppelmanns Entwurf für die Niedertorbrücke=

(1719)]

Die in Abbildung 1 wiedergegebene Zeichnung ist also nach Pöppelmanns

Angaben (Skizzen) im Oberlandbauamt gemacht worden, und zwar von

seinen Baubeamten (Kondukteuren), denen er auch die zwölf Thaler

zukommen ließ. – Leider ist die Zeichnung vom Maurermeister nicht

mehr vorhanden, so daß kein Vergleich möglich ist. Jedenfalls war auf

dieser ein Pfeiler, ähnlich wie in Abbildung 3 vorgesehen. Pöppelmann

überspannt den Graben mit einer einzigen Bogenöffnung in gefälliger

Form und läßt, wie im Schnitt zu sehen ist, im Brückenbogen eine

Öffnung für die Zugbrücke. Diese gefährliche Stelle sollen nachts die

beiden Brückenlaternen beleuchten. Das Tor, dessen äußere Pilaster

übereck gestellt sind, ist mit kriegerischem Schmuck versehen, mit

Fahnen, Helmen, Panzern, Schilden, Kanonenrohren. Der Schlußstein mit

Krone erinnert an die allerdings bei weitem reichere Ausführung am

westlichen Zwingerpavillon. Wie vorteilhaft würde ein solches Tor an

der glatten Mauer des Festungsrondells gestanden haben! Aber es kam gar

nicht zur Ausführung, weil die Steinmetzarbeiten zu teuer erschienen.

[Illustration: Abb. 2. =Naumanns Entwurf für das Portal an der

Frauentorbrücke=]

Im Ratsprotokoll vom 14. April 1719 heißt es: »Herr Ober Land

Baumeister Pöppelmann hätte die Fortrückung des Niederthors und daß

die Brücke gleich zu gehen möchte (d. h. geradeaus, in die Mitte des

Rondells) approbiret, auch den ihm gezeigten Riß anders eingerichtet.

Man könnte auf diese Weise leichter darzu gelangen und an denen

Kosten ein merkliches ersparen. Weil nun auch dessen Meinung nach es

Ihrer königlichen Majestät wohl gefallen würde, wenn das Thor und die

Brücke nach seinen Gutbefinden gebauet würde, so sollte immer solcher

Bau angetreten werden. – Herr Haupt (Ratsherr) ... ließe sich Herrn

Pöppelmann Riß und Vorschlag gar wohl gefallen, sonderlich würde

es ein Zierrath sein, wenn das Portal vorgerißnermaßen gemachet

würde.« Am 10. Juli 1719 wird beschlossen, das Portal der Kosten wegen

wegzulassen, die neue Toröffnung mit den alten Steinen zu mauern und

»die Zierrathen bis zum Tränkthor, wo die Herrschaften herein zu ziehen

pflegten, versparen.« (Das Tränktor an der Dresdner Straße wurde erst

1800 umgebaut, kommt also hier nicht in Frage.)

[Illustration: Abb. 3. =Der Zwickauer Entwurf für die Frauentorbrücke=]

Der Umbau des Frauentors wurde 1724 beschlossen. Der Rat hat sich

zunächst an den Obrist-Lieutenant und Baudirektor Johann Christoph

Naumann in Dresden gewendet. Er war Baudirektor der Akzis-Behörde.

Weil die Steuereinnehmer- und Torschreiberwohnung verändert werden

sollte, wandte man sich zunächst an ihn. Er übersandte seine »Gedanken«

in zwei Zeichnungen: Ansicht des Tores (Abb. 2) und der Brücke

(ähnlich wie Abb. 3). Am 27. Mai 1726 wurde an Pöppelmann geschrieben

und die Zeichnung, die in Abbildung 3 zum Teil wiedergegeben ist,

mitgeschickt. Er antwortete am 7. Juni: »... Ew. Hoch Edle und Hochw.

übersende beygehend ich den mir zu geschickten Riß des aufzubauenden

Stadt Thores und Brücke nebst einer anderweitigen copey deßselben,

(Abb. 4), in welcher ich meine unmaßgebliche Gedanken und Gutachten

zugleich mit zu erkennen geben wollen. Gleichwie nun nachdem neuen und

von mir entworffenen Riße das Thor sowohl als die Brücke ein beßeres

Ansehen gewinnen dürffte also halte auch dafür, daß es beßer gethan

seyn möchte, wenn nach dem Adjecto sub ~A~ die Brücke gerade fort in

einer Linie gezogen und nicht abhängig gemacht werden solte, maaßen

solches der Brücke selbsten ein gutes Ansehen geben dürffte. Wegen des

Waßer Abfalls aber kan die Brücke von inwendig darnach gepflastert

und das Regen Waßer durch Ausgüße in den Fluß gewießen werden, wodurch

den endlich der ~faciata~ keine Unförmlichkeit zugezogen würde. Wenn

auch ferner an der Brücke ein Gatter Thor, wie ich solches ohngefehr

gezeignet (~B~), gefertigt werden wolte, dürffte solches gleichmäßig

eine formität dem Thore selbsten machen und das Anlaufen derer Leuthe

an die Aufzieh Brücke bey Nachtzeiten verhindern, mithin vielleicht

besorglichen Schaden verhütten ...«

[Illustration: Abb. 4. =Pöppelmanns Abänderungsvorschlag zum Zwickauer

Entwurf für die Frauentorbrücke= (1726)]

Pöppelmann behält das einfache Tor Naumanns bei, gibt aber der Brücke

eine schönere Form. Der schwere Halbkreisbogen wird zum leichteren

flachen Korbbogen und der Knick in der Brüstung fällt weg. Auch die

Pfeiler des »Gattertors« bekommen bessere Verhältnisse und Anläufer

vermitteln den Übergang zur niedrigen Steinbrüstung.

Aber auch dieser Entwurf erlitt dasselbe Schicksal wie der

vorhergehende. Am 13. Juni 1726 wird im Rat beschlossen, »bei dem von

Herrn Baudirektor Naumann gefertigten Riß zu bleiben.« Vielleicht

spielte hierbei die Änderung in der Besetzung des Stadtrates eine

gewisse Rolle. Es waren inzwischen, 1725, die beiden Bürgermeister und

drei andere Ratsmitglieder gestorben, darunter der obengenannte Haupt

und der Vorstand des Bauamts.

Als vor hundert Jahren die Tore und Brücken abgebrochen wurden,

sind also jedenfalls keine bau- und kunstgeschichtlich wertvollen

Gebäudeteile verschwunden.

Es ist immer von besonderem Reiz, einen Blick in die Werkstatt eines

Künstlers zu werfen. Beim Baukünstler heißt das die Pläne, Zeichnungen

und Erläuterungsberichte kennen lernen. Wir haben hier nur einen

kleinen Ausschnitt aus dem großen Arbeitsfeld Pöppelmanns vor uns und

doch entbehrt er nicht einer gewissen Anteilnahme. Wir erkennen auch

aus dem wenigen, wie der Meister der Zweckmäßigkeit und Schönheit in

gleicher Weise Rechnung zu tragen verstand.

Fußnote:

[1] III ~o~ 10~a~ Nr. 1: Acta den Nieder Thor Brücken Bau betr.

1719 und III ~o~ 10~a~ Nr. 2: Acta den Bau einer neuen

Frauen Thor Brücke betr. 1724.

Die Pappel, ein Beitrag zur Gestaltung der Landschaft durch den Menschen

Von _Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz

»Die Gestaltung der Landschaft durch den Menschen« ist der Inhalt eines

dreibändigen Werkes von P. Schultze–Naumburg, das zu der Reihe seiner

»_Kulturarbeiten_« gehört.

Aus der Beschäftigung mit dem Buche ist dieser Beitrag entstanden, ich

habe einmal ernstlich an mir ausprobieren wollen, wozu der Verfasser

durch einen Satz in der Vorrede anregen will: »Aber der Zweck dieser

Bücher ist ja nicht, das Thema enzyklopädisch zu bearbeiten, sondern

sie wollen _erzieherisch_ wirken; und wenn die Bilder einigen die Augen

öffnen für gewisse Fälle, so wird es ihnen ein Leichtes sein, in der

Natur unzählig andere selbst zu entdecken.« –

Unter den sechs Formen, durch die der Mensch als Herr der Welt

bei seinem heißen Bemühen, die Erde seinen Zwecken dienstbar

zu machen, ihr Angesicht – die Landschaft – umgestaltet, nennt

Schultze–Naumburg, an zweiter Stelle die forst- und landwirtschaftliche

Nutzbarmachung der Pflanzenwelt. Hierbei gibt er dem Baum, weil er

starke raumfüllende Eigenschaften hat, einen bedeutenden Anteil, der

Landschaft ein besonderes Gepräge zu verleihen. Er unterscheidet hier

drei Verwendungsarten: Die Massenansammlung im Wald und Park; die

rhythmische Auswertung in Allee, Reihe und Gruppe; die Betonung der

Einzelerscheinung. –

Ich habe nun bei meinem Hineinschauen in die Landschaft den Versuch

gemacht, eine Zeitlang mir recht enge Grenzen zu ziehen. Ich glaubte,

durch ein _inhaltlich kleines Beobachtungsfeld_ inmitten der reichen

sinnverwirrenden Fülle der pflanzlichen Erscheinungsformen _die

Ursachen für die eigenartige Wirkung_ – ich weiß nicht, ob ich sagen

soll die Schönheit – _eines Landschaftsbildes_ empfinden zu können.

Ich suchte mir zunächst solche Fälle heraus, wo der Baum durch seine

rhythmische Verwendbarkeit und als selbständiges Einzelwesen in

der Landschaft gestaltet, um dann zuletzt auf einen Baum mich zu

beschränken: auf die Pyramiden- oder italienische Pappel, wie sie

allgemein im Volksmund genannt wird.

Ich muß sagen, daß der Baum mir dabei lieb geworden ist, vielleicht

ist er auch schon vorher mir etwas wert gewesen im Gegensatz zu denen,

die ihn nie recht haben leiden können. Die Pappel hat _nicht viele

Freunde_. Die einen behaupten, daß sie ein landfremder Baum sei und

darum in unsere Landschaft nicht recht passe. Anderen wird sie zu

schnell alt, sie sterbe zu zeitig von oben herein ab, die dürren,

abgeschälten Spitzen wollen ihnen an dem sonst grünen Baum nicht

gefallen. Manche wollen den Baum nicht in der Nähe des Hauses haben,

er ziehe den Blitz an, bei großem Sturme beschädigten die sich stark

biegenden Äste das Dach. Und nicht die wenigsten betonen mit wichtiger

Miene, sie sauge mit ihren weitgehenden Wurzeln über Gebühr Garten- und

Feldland aus. Und die letzten geben einem Baume nur Daseinsrecht, wenn

sein Holz zu etwas taugt, der Pappel sprechen sie einen Holzwert ab.

Darum sind im Laufe der Jahrzehnte viele Pappeln unter der Axt und der

Säge gefallen und in der Landschaft für immer verschwunden. Das müssen

wir unbedingt als einen Verlust bedauern.

Vielleicht tragen meine Worte und Abbildungen ein wenig dazu bei, ihre

Ehre zu retten, die und jene Pappel – ob alt oder jugendfrisch – vor

gewaltsamem Tode zu bewahren, vielleicht auch dazu, daß man _sich ihrer

Art von neuem besinnt_ und hier und da an Stelle eines anderen Baumes

eine Pappel pflanzt. Gar mancher Naturfreund wird sich freuen, daß er

die Pappel in seinem Garten, an seinem Hoftor, an der Gabelung seines

Feldweges noch als einen herrlich gewachsenen Baum erlebt. Sie wächst

schneller als viele andere Bäume, an deren voller Formenschönheit sich

vielleicht erst sein Sohn, wenn ihn das Schicksal auf dem väterlichen

Anwesen bleiben läßt, erfreuen kann. Und so manches Denkmal in freier

Flur, in blumenreicher Anlage hätte in Kürze treue Wächter und

Wegweiser bekommen, wenn man beim Anpflanzen mit an die Pappel gedacht

hätte. Wir hängen hierbei gern an Tradition. Stamm und Krone einer

Eiche stehen mit der Zeit einem Erinnerungsmal gut zu Gesicht, aber

seine Erbauer erleben oft nicht seine ganze gewünschte und im Entwurf

gezeichnete Schönheit.

Da war Napoleon I. ein anderer! Mit dem Sinn eines genialen Feldherrn

und Ingenieurs hatte er in der Pappel den Baum gefunden, der durch

seine aufragende Gestalt ihm von Ferne seine Heerstraßen anzeigen

würde. Er ließ darum Pappeln links und rechts der militärisch

wichtigen Straßen anpflanzen. Dadurch ist die landläufige Meinung

entstanden, daß er es gewesen sei, durch den die Pappel aus dem Süden

zu uns heraufgekommen sei. Das ist falsch! Auf alten, vor seiner Zeit

entstandenen Bildern können wir den leichtbelaubten Baum schon finden.

Und ist die Pappel nicht auch ein prächtiger Begleiter auf der

Landstraße, der uns hüben und drüben die Aussicht gelten läßt? Die im

Kriege auf Rußlands uferlosen Straßenbreiten haben marschieren müssen,

haben die Leere der Landschaft um sich herum empfunden. Und wenn es nur

hier und da ein aufragender Baumfinger gewesen wäre, der dem Auge eine

weg- und zeitmessende Sicht gegeben hätte!

Freilich Schatten, weit und kühl umfassend, gibt der Baum nicht, er

legt bei tiefstehender Sonne davon nur lange schmale Streifen über die

Straße bis hinüber ins Feld. Will der Wanderer bloß im Schatten seine

Straße ziehen? Dann bleib im heißen Sommer zu Hause!

Dafür aber läßt er die Sonne, unterstützt vom streichenden Wind,

recht schnell die Straße trocknen, wenn Regengüsse und Tauwetter sie

weich und schmutzig gemacht haben. Wird unser Baum in den nächsten

Zeiten seine Freunde finden, die ihn wieder als Wegbegleiter pflanzen

lassen? Wohl nicht! Er bringt nichts an klingender Münze hinein in die

Kassen der Gemeinden und des Staates. Mehr als sonst muß es jetzt wohl

heißen: »Obstbäume an die Straßen!« Ganz recht, aber dann auch an die

richtigen Straßen, an Straßen zweiter und dritter Ordnung, an Feld- und

Verbindungswege! Hier stören sie nicht den Verkehr, namentlich bei der

Erntezeit, hier werden sie selber auch nicht vom Verkehr beschädigt.

Ich sollte also meinen, unsere Pappel hätte doch ein wenig Anrecht,

bei Straßenanpflanzungen nicht übersehen zu werden. Wir in Loschwitz

haben den Versuch gemacht, eine neuangelegte Straße mit Pappeln zu

bepflanzen; und ich glaube, die beabsichtigte Wirkung ist erreicht

worden und ermutigt so zur Nachahmung. Es muß nicht alles vom

»Krämerstandpunkt« aus gesehen und geleitet werden. Aber immerhin: die

Pappel wird sich auch weiterhin nur an den Naturfreund wenden müssen,

dem eine Freude an Schönheit mehr gilt als Geld. –

Unser Baum hat eine Seele, eine _Eigenart der Erscheinung, ein

Eigenleben gegenüber den Kräften der Natur_. Hoch, senkrecht

zielt sie empor, nur die Waldbäume im tiefen Grund überholen sie

in ihrer Sehnsucht nach dem Licht, an Kraft und Höhe. Und dabei

welche Regelmäßigkeit in ihrem Aufbau von Ast zu Ast, jeder Zweig

ist eine Wiederholung des im Alter vorausgegangenen in Gestalt und

im Aufstreben. Leicht beweglich spielen die rutigen Zweige und

langgestielten Blätter im Winde. Und im Sturm gibt sie, die noch junge

lebensfrohe, klug nach, sie beugt sich in ihrem Wipfel tief vor seiner

Gewalt, um sich nicht von dem rohen Gesellen abrackern, zerbrechen

oder gar ausheben zu lassen. Und wenn alles Wetter vorüber ist, steht

sie, die von des Himmels starkem Atem so frei und wild umwoben wurde,

noch ein wenig nachzitternd da: stolz, aufrecht. Und wenn die Pappel

– alt geworden – langsam Jahr für Jahr von oben herein abstirbt, wenn

sich ihr Wipfel nicht mehr spielend bewegt, wenn die starken Äste

oben blattlos und grau in die Luft stehen: ist der Baum darum unschön

geworden? Soll er da gar die Landschaft schänden? Nein, er gibt einen

leisen, besinnlichen Ton von Vergehen und Scheiden hinein in den

vollen Zusammenklang von schöpferischem Licht, von lockenden Farben und

schwellendem Wachstum in Feld und Flur. Du sollst das Leben im Gefühle

der Lust bejahen, auch wenn du seine Vergänglichkeit siehst! –

Mag es sein, daß ich in meiner Freude vielleicht zuviel aus mir

hinein in den Baum trage. Was schadet das? Es ist stets ein frohes,

beglückendes Tun, sich in die Wesenseinheit eines Baumes einzufühlen

und seinem Ton nachzusinnen, den er durch sein Dasein in dem

Zusammenklang von so vielen Erscheinungen eines Landschaftsganzen hören

läßt. Der Ausgang wird hierbei immer verschieden sein, dafür sind wir

Menschen: ein jeder findet in der Natur immer wieder das, was er in

sich hat. So darf ich wohl auch glauben, daß die Gedanken, die ich

meinen »Pappelbildern« mitgeben will, nicht getadelt oder belächelt

werden.

Abbildung 1: _Die Schanzpappeln bei Hosterwitz._ Das Bild reizt die

Phantasie, die Bäume über den Rand hinauswachsen zu lassen bis hinauf

in die beweglichen Spitzen. Aber auch ohne das – sie stehen da an

dem bescheidenen Brückchen wie zwei altgewordene Wächter, fest und

zäh mit dem ebenen Erdreich verwachsen, in dem ihre Wurzeln weithin

verankert sein mögen. So trotzig hart im Ganzen gesehen, und doch so

leicht nachgebend in Zweigen und Blättern. Ich gab dieses Bild als

Erinnerung einem Manne mit, der von uns aus Amt und Würden schied in

den Ruhestand, zu jener Zeit, als im deutschen Lande so viele Geister

wankend wurden und sich wandelten, und schrieb darunter: »Wir wollen

den beiden Bäumen gleichen. Sich treu bleiben! Der Glaube an uns ist

das Geheimnis alles Erfolgs. Ein Gott in dir befiehlt mit seiner Macht!

So nur reißt sich der Strebende aus den Niederungen des Geschickes und

der Zeit empor zur Höhe inneren Glücks. Ich bin durch mein Herz, was

ich bin!«

Abbildung 2: _Das Fährhaus bei Sommershausen._ Im Frankenland am

Main, in der Heimat von Casparis viel gelesener Geschichte aus dem

Dreißigjährigen Kriege »Der Schulmeister und sein Sohn«.

Zwei Altgewordene, die ihre Dienste schlicht und recht, wer weiß wie

lange, getan haben. Sie werden nicht mehr gebraucht, eine steinerne

Brücke mit weitbogigen Öffnungen und gerader Fluchtlinie hat die beiden

für immer abgelöst, abseits stehend sehen sie der neuen Zeit mit ihrem

Verkehr zu.

Eine alte Zeit hat das Haus für den Fährmeister und seine Knechte

gebaut, gehoben auf ein hohes Bollwerk, um es gegen die stoßenden

Eisschollen zu schützen. Seine stattliche Höhe, sein mächtig

gebrochenes Dach zeigten von weitem schon dem Fremden, dem Fuhrmann die

Stelle, wo der Weg hinüber zum anderen Ufer führt.

Und die Pappel hat dann mit der Zeit dabei wacker geholfen. Sie wuchs

über den First hinaus, bis sie zuletzt das Haus bedeutend überragte.

So wurde sie noch eher als das Haus gesehen: ein Wegweiser aus weiter

Sicht. Und die Schiffer begrüßten ihr winkendes Grün, wenn sie,

mit schwerer Last auf Fahrt nach Frankfurt begriffen, um eine der

Mainbiegungen kamen. Ihre ragende schwarze Gestalt, ein schwaches

Laternenlicht in einem der Fenster, haben auch in finsterer Nacht dem

Suchenden die Überfahrt gezeigt.

[Illustration: Abb. 1. =Die Schanzpappeln bei Hosterwitz=]

Das Haus wurde in Sonnenschein und Regen altersbraun, und auch der

Baum – gewiß so alt wie das Haus – verlor die grüne Beweglichkeit der

Jugend, Stürme und kalte Nächte ließen sie von oben herab erschauern.

Aber sie blieben beisammen, als ein Bild aus vergangenen Tagen. Wie

lange noch? Wer geht zuerst davon?

[Illustration: Abb. 2. =Das Fährhaus bei Sommershausen=]

Abbildungen 3 und 4: _Bei Liebshausen._ Eine reichgesegnete Landschaft

am südlichen Rande des böhmischen Mittelgebirges: weite ebene und

sanftansteigende Ackerflächen, fruchtbar, voll Weizen und Zuckerrüben;

jeder kleine Weg, jede Straße mit Obstbäumen bepflanzt, selbst die

Feldflächen in geradlinigen Reihen mit ihren runden Kuppen durchzogen.

Wohin das Auge schaut: Fruchtbarkeit des Bodens und Fleiß der Bewohner.

Aber auch eine von der Natur allein ins Großzügige, ins Gewaltige

gesteigerte Landschaft: die weite wellige Ebene wird umrahmt von

seltsam geformten Bergen, unter denen nur drei der bekanntesten

genannt sein mögen: Hoblik, Ranneyer Berg und Milleyer Berg. Da sie

vom Fuße bis oben auf den langgestreckten Gipfel nur mit einer immer

kurz bleibenden, von den Schafen fortwährend abgefressener Grastrift,

beinahe ohne jede Strauch- und Baumgestalt, bedeckt sind, heben sich

ihre scharf umrissenen Linien und Flächen fast trotzig drohend und

gerade darum den Wanderer anziehend vom weiten Horizont ab. Und in

welch farbigem Duft stehen sie manchmal da, wenn Sonne und Wolken die

Luft malen!

[Illustration: Abb. 3. =Bei Liebshausen=]

Nun mag der Wanderer stehen, wo er will: gerade hier empfindet er jede

einzelne Pappel wie ein Fanal, das aus den Tausenden von rundköpfigen

Obstbäumen in die Höhe flammt und da und dort das Versteck eines

Gehöftes und die eigentliche Dorfmitte deutlich anzeigt. –

[Illustration: Abb. 4. =Bei Liebshausen=]

An manchen anderen Stellen des schönen unvergeßlichen Nordböhmens

ist mir der Baum gerade zum freundlichen Verräter, zum willkommenen

Anzeiger eines Dorfes geworden. Der Weg führte, durch allerlei

Bäume und reichen Pflanzenwuchs unübersichtlich geworden, dahin,

der Karte nach mußte die Ortschaft nahe sein; und siehe da, aus dem

zusammengeballten Haufen von Obstbäumen grüßte der Baum entgegen, noch

ein paar hundert Schritte, und aus dem Grün tauchten die bescheidenen

Gehöfte auf.

[Illustration: Abb. 5. =An der Naab bei Kallmünz=]

Abbildungen 5 und 6: _An der Naab bei Kallmünz._ Wenn die Bilder

mit den Farben reden könnten, die das Licht der Landschaft zu geben

vermag! Was waren das damals für herrliche Bäume! Sie hätten mich

fortführen können in ein fremdes Land. Aber weg mit solchen Gedanken,

die immer nur vergleichen wollen, die untreu machen wollen. Seien wir

fröhlich, daß es doch eine deutsche Landschaft ist! Eine steile, von

zerbröckelnden Felsklippen aufgebaute Talwand, graugrün das seltsame

Gestein, grau verbrannt die kümmerliche Pflanzendecke, voll gelbem

Staub der Weg, der, kaum gehoben, sich wieder senkt, das schwarze und

doch so weiß glänzende Wasser der Naab – in der staubgeschwängerten

Glut des Sonnenscheins flimmern und blinkern die kleinen Widerscheine

auf den dunkelgrünen, fast ledrigen Blättern der Bäume: und dieser

ganze große Reichtum hineingedrängt und aufgehäuft in einen halbwegs

großen, scharf sich drehenden Bogen des rasch eilenden Flusses.

[Illustration: Abb. 6. =An der Naab bei Kallmünz=]

Abbildung 7: _Im Taubergrund vor Rothenburg._ Unten an der Tauber schon

leise Abenddämmerung. Oben auf der steil ansteigenden Berglehne entlang

noch im Lichte die Stadt, wie ein heilig Jerusalem im deutschen Land,

wie eine vieltürmige märchenhafte Burg. Es zieht den Blick immer wieder

hinauf zu ihr. Und es kann keinen anderen, keinen besseren Baum geben,

der das Auge hinaufleitet, an dem die Gedanken hinaufsteigen, der die

Sicht in so vielen Bildern uns genießen läßt. Und dazu der Gegensatz!

Unten die Bäume alt, müde, vom Zahn der Zeit zermürbt – droben die

Stadt, die, noch im Schmuck der Mauern und der Türme vom alten

Deutschen Reich erzählend, nicht vergeht.

[Illustration: Abb. 7. =Im Taubergrund vor Rothenburg=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 5-6 · 第 1 / 6 段