als wäre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, daß er daheim
seinen Knecht gesund finden würde. Und wirklich fand der Herr seinen
Knecht gesund.
Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber
er lächelte und sagte: 'Ihr alle könntet Berge versetzen, wenn ihr nur
so viel Glauben an die Liebe hättet wie ein Senfkorn.'
Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft
fürchteten sie ihn, häufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er
einmal allein, mit einer Geißel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen
war und die Händler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen
pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Kühnheit.
Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden
geworfen, so daß ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er
so wenig, als ob eine mächtige Schar ungezählter Engel ihn unsichtbar
begleitete und ihm Macht über alle Macht der Erde verlieh. So fürchteten
seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit
seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal
in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen:
'Wer meine Worte hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten,
denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Menschen richte, sondern daß
ich sie glücklich mache.'
Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, daß
niemandem ein Gut der Seele gegeben werden könnte, der nicht schon reich
an Kraft des Gemüts war; so redete er auch von solchen, die für das
Reich erwählt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn
er kannte den alten Irrtum der Welt, daß jemand Liebe empfangen kann,
der keine zu geben hat. Er wußte, daß nur diejenigen Liebe empfangen,
die Liebe haben. Er wollte nicht, daß die Menschen dem Bösen
widerstrebten, und sagte, daß niemand seiner wert sei, der nicht alles
aufgäbe, was er hätte.
Aber die hohe Freude seines Gottbewußtseins wechselte oft mit tiefer
Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von
denen ich euch erzählt habe, den irdischen Geschicken unterworfen.
Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzählte, daß Leid und
Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und daß sie gleicherweise
hervorströmen, wenn die geheimnisvollen Gründe der Brust erschlossen
sind? So ging dieser einsame Verkünder des Reichs oft allein vor die
Stadt auf einen Hügel, der mit Olivenbäumen bestanden war, und wenn er
auf die Wohnungen der Menschen niedersah, überwältigte ihn sein Gram
über ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, daß nur wenige im Lauf aller
Zeiten ihn verstehen, und daß sie ihn töten würden. Und er wußte, daß er
sterben mußte, um den Menschen zu zeigen, daß er selbst sein Leben
gering achtete, gegenüber der unverbrüchlichen Beständigkeit des Reichs.
Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das Übermaß
seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen
seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner
Brust die Frage:
'Hast du mich lieb?'
Sein Freund sagte zu ihm: 'Du weißt so viele Dinge, du weißt auch, daß
ich dich lieb habe.'
Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer
Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der
Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst
zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen
und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es
war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen,
und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein
anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist
an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden
Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele
sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd
wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum
sah er die Schönheit seines Herrn.
Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht
seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als
um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher.
Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der
Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt
ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel
zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah
und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und
jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und
sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse,
überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs
gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da
sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches
Recht geübt haben?
Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im
Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist
mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und
unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner
gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der
Tod begegnete.
Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt
hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote
schon seit Tagen in seinem Grabe.
Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie
erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so
gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm
zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine
Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine
Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es
brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste
gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen
Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der
Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes
Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an
die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele
eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie
geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die
Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen.
Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den
Namen des Toten.
Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten
aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu
regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam,
der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor,
die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der
bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in
seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen,
als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.
Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn
der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus
Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht
seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist
diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir,
ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne
geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in
welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die
Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.
Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs
geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere
Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die
Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in
seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern
in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen
möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte
erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer
Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der
Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude,
in welcher das Reich zu uns kommt.
Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten
Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen
auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem
ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden,
wenn ihr nicht wie Kinder werdet.
Mir ist, als habe für die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde,
als daß sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird älter, aber
ihre Seele jünger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Für den
Körper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber für die Seele der
Frühling. Für den Leib wird einst das Leben, aber für die Seele der Tod
aufhören, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung
der Menschen auf unserer Erde.
* * * * *
Aber den Freunden dieses großen und guten Menschen erschien es nun mehr
und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen
hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er würde nun endlich das
Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie
ihn in ihrer Vorstellung als König über die Welt herrschen in
niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner
Wirkung, und sie begriffen nicht, daß er keinen Nutzen aus ihr zog. Es
befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Haß der
Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht,
daß er keinen Wunsch hatte, als den, daß die Menschen sich von den
vergänglichen Gütern den unvergänglichen zuwenden möchten, und daß es
keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und daß allein der
Wille zum Guten das Herz frei macht.
Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und
einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn:
'Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die
Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Hütet
euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er stürzt, und wer über ihn
fällt, wird zerschellt werden!'
Da nahm ihre Verwirrung überhand. Er aber, um dessentwillen sie sich
sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem
Bach lag. Er sah blaß und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der
Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt
hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn
umgaben, aber sein Herz drängte ihn unaufhörlich zu immer höheren Opfern
und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die
Finsternis seiner Seele nahm überhand, ihn verlangte inbrünstig nach der
Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst,
sie möchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So
gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm
überhand, er fühlte, daß der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das
er geben mußte, aber er fürchtete sich vor der Finsternis des Sterbens,
wie alle Lebendigen. 'Ach, seid mir nicht gram,' bat er seine Freunde,
'in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttäuschen. Bleibt hier,
wacht, schlaft nun nicht ein.'
Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur
die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der kühle Nachtwind
flüsterte in den Zweigen; es war, als könnten sie nicht schlafen über
seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein
Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er möge ihm dies Letzte,
Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem
Spott der Menschen. 'Muß es sein, mein Vater, daß ich sterbe, damit die
Kraft des Reichs offenbar werde?' rief er laut zu Gott empor. Er rang
seine Hände, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so,
als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den
besten Menschen die schwersten Prüfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine
Lieben, Pflanzen und Tiere, daß niemals ein Wesen der Erde einen
schwereren Kampf gekämpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war
und den Wert seines großen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mußte,
um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als
unsere strahlende Gewißheit der Freude loben.
Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf
durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit überwältigte ihn aufs neue, und
er lag lange im Dunkeln, unter den Bäumen auf der Erde, allein.
Da wurde die irdische Finsternis plötzlich vom Himmel her erhellt. War
es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze
Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Höhe nieder! Der himmlische
Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor,
strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein
an seine Lippen. Da lösten sich die Tränen in den Augen, die niemals ein
böser Wille getrübt hatte, und eine jubelnde Gewißheit erhob seine Seele
zu ihrem letzten, großen Entschluß. Dies ist die Stunde gewesen, in der
das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen
erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute
dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln überhand
nimmt.
Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den
Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in
Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der
Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie
erkannten, daß es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen
alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht
versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am
Morgen fragte:
'Ich kenne diesen Menschen nicht.'
Der Gefangene soll später seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er
wußte, daß sie ihn nicht verstehen würden, und er verteidigte sich
nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine
Richter wollten, daß er ihnen seine Wahrheit erklären sollte, antwortete
er ihnen, daß ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und
daß niemand die Wahrheit verstünde, der nicht aus ihr geboren sei.
So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haßten ihn,
weil seine Lehre das Licht der Liebe für das dunkle Wort und für den
Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelästert,
weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein
in der unvergänglichen Freiheit eines reichen Gemüts.
Man erzählt, daß er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn
erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines
Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er möge ihn nicht verlassen, und
bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah
geblieben bis an ihre letzte Stunde.
Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der
auch gerichtet wurde, und in den verlöschenden Geist dieses Armen sank
ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und
vor dem Volke hatte sprechen hören, und auf dessen Befehl Tote sich aus
ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde
die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein
brechendes Herz, daß dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus
Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: 'Gedenke
meiner in deinem Reich.' Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei
diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen
Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: 'Du sollst noch heute
mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.' Und über dieser letzten
Verheißung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten
Gewißheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare,
brach mit dem Seufzer: 'Es ist vollbracht.'«
* * * * *
Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dämmerte schon in der
Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der
Waldwiese, man glaubte die Atemzüge der Lauschenden zu vernehmen, viele
von ihnen waren in der kühlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als
wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich über den
Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis
nicht zu bedürfen schien, sondern die wie das Bewußtsein einer
geschehenen Wohltat ein Gefühl des Glücks zurückließ.
Die Stille machte alle Dinge merkwürdiger. Der grauen Uku am Stamm in
ihrer Höhlung war zumute, als müßte ein Wunder geschehen, sie dachte an
ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen
gedrungen, nie so beständig in seinem milden Wohllaut, und das Leben
erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die
Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden,
auf die reglosen Formen der Zweige in der Dämmerung. »Ich lebe nun wohl
nicht mehr lange,« sagte sie, »aber wie schön und groß ist es mir im
irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich,
das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergängliche Freude sein.«
Da klang es jählings jubelnd draußen über den Feldern auf, ein silbernes
Läuten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so
zart und voll klaren Wohllauts, daß man seine Augen schließen mußte, um
die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewältigen.
Unten rief eine Stimme in höchstem Erstaunen:
»Die Lerche singt!«
Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von
der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief
erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die
Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe
einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine
Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor,
sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an
den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen,
und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der
Stimme:
»Elf! Elfenkind!«
Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das
Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der
Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in
alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von
allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und
sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes,
in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe
hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.«
Achtzehntes Kapitel
Der Abschied
Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf
der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen
der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem
Abschied.
»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle,
lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind
zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das
schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich,
daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er.
Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe
wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in
euren Träumen zurücklassen.
Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Süden, im Meer, wo wilde
Blumen auf den Felshöhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der
alten Bäume in den Meertälern füllt die Landschaft wie mit der Mahnung
der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe.
Die Sternbilder leuchten in den südlichen Nächten, rufend, glänzend. An
den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir
die Erde dort, als sei sie der Menschen müde, ihr Angesicht ist
abgehärmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die
Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen.
Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu
keiner Jahreszeit, die Bäume grünen, bis sie sterben. Die Fröhlichkeit
der Menschen in diesen Ländern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren
Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt
herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist
leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unnützen Hoffnungen halten
der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mächten in
die milde, blaue Ruhe des Südens; lebt wohl, ich komme wieder.«
Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind,
den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und
kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch.
»Ach, wer so fliegen könnte«, meinte ein Rotschwänzchen, und es war
sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im
Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte ließen eine erwartungsvolle
Unruhe in den Sinnen der Waldvögel zurück. Lichteten die Bäume sich
schon?
»Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und
mitnehmen«, sagte die Grasmücke und schüttelte ihre Federn ein wenig
auf, so daß sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch
wirklich schon recht kühl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie
sie nun oft in unfaßbarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der
Frühe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, daß
man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als höbe
die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde
näher.
Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am
Buschrain, als habe ein verspäteter Frühlingsengel sie über Nacht
verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blühten nicht
lange. Um die wärmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Käfer und
Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll,
aber es rief sie niemand mehr.
Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Mäuse schlossen ihre Wohnungen
bereits, Uku hatte alles für ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch
Li, das Eichhorn, sammelte eifrig für den Winter, denn wenn spät noch
ein schöner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen
Spaziergang durch die Föhrenkronen nicht entbehren, und es wußte, daß
solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewöhnlichen Appetit mit sich
brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme
Erde in Schlupfwinkeln und Höhlen auf, Verstecke in Baumlöchern oder
tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller.
[Illustration]
Die Sträucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie
begrüßten ihn mit ihrem Lied:
Du gehst wie das Licht, wie der Blick
über schwindelnde Abgründe hin,
du, unser lebendiges Glück,
unserer Stimmen seliger Sinn.
Unsere Tränen sind unsere Speise,
wenn du, auf den Schwingen die Nacht,
unsichtbar, himmlisch, leise
die Dunkelheit zu uns gebracht.
Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkränzt die
Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh
und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine,
Vergängliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurück,
was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang
ungehindert in ihre Seelen.