»Ich kann es nicht mehr.« Und als die Königin sich erhob und sagte: »So

werde ich dir helfen,« legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte

deutlich: »Ich will es nicht mehr.« Und als hätte sein Entschluß ihm

Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefaßt fort:

»Was du über die Erde, die Sonne und ihre Geschöpfe gesagt hast,

Königin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur

das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glück nicht. Ich kann es

dir mit Worten nicht sagen, dies Glück, das jetzt auch mein Teil

geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der

Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die

alles blühen macht, blüht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle

Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein

gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.«

»Das Herz?« sagte die Königin mit blassen Lippen. Es war so still

umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war,

als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die

vor Ergriffenheit zitterte:

»Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit

und klar. Seine Allmacht ist stärker als die Gedanken, seine Wärme

gnädiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine

Fülle nicht ändern noch trüben können. Alle Schwachheit des

vergänglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche

Befangenheit gegen seine helle und unzerstörbare Freiheit, und immer und

immer wieder blüht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann

erlösen, Königin. Draußen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blüht

es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das

zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mächtig wird

und die Erneuerungen des Frühlings erschafft, so wird in den Herzen

immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brüdern,

die Einsamen zu fröhlichen Gefährten und schließt die Verlassenen in

eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich

erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich weiß

wohl, daß ich es nicht erklären und benennen kann. Es ist eine

himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht,

erst seit ich weinen kann, höre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll

Angst, bald ist mir, als versänke es in Dunkelheit, dann wieder vermag

ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich weiß, es wird blühen! Ich

weiß es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang

höre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. 'Es wird alles, alles

gut,' pocht das Herz, 'du sollst noch viel Größeres erfahren!'«

Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er

sein Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein

wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit

meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen

Sonnenschein über die blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis

meines Lebens, ich täte es!

Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das

Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in

seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich

es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des

funkelnden Saals.

»Die Sonne!« schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzen

empor, »die Sonne!« Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges

Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht

ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der

erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und

ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der

Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn

umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn

schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. --

Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er

fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des

Baums, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit

Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das

zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für

immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es

war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der

Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein, wie die anderen alle.

Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft

ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im

Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der

erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein

froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flügel und flog

durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu

den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens.

Siebzehntes Kapitel

Das Reich

Langsam wurden nun die Tage kürzer, und die ersten Silberfäden der

Wanderspinnen hingen in den Büschen oder sie zogen so lautlos durch die

klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie überall umher

das sommerliche Waldglück in freier Gestilltheit träumte. Aber seit

diese glitzernden Fäden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche

Wehmut auf, als sänge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder

als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Stätte um,

die er nicht wiedersehen sollte.

Die Berberitzensträucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten

Last ihrer kleinen Früchte aus, als wären sie über und über mit Korallen

behängt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten

Gestalt, wie auch die Luft und die kühlere Sonne. Die Nächte waren von

niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als

wünschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprägen, und die

Gedanken der lebendigen Wesen, die über dem scheidenden Sommer in

Schwermut sanken, mußten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder

nicht.

Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere

Geschichte von den Menschen und erzählte:

»Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen,

Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen könnt, habe ich viele

Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und

anderen sprechen hören, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren

Schmerzen, ihrer Freude. Frühling für Frühling, im beständigen Wechsel

der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich

habe das Große des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat

sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir

ähnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen

ergehen kann, zuletzt erben die jüngsten Sprossen zuweilen die

Herzenserfahrung ihrer Väter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen

geboren, zugleich mit unvergänglicher Jugend und bergen den

Seelenreichtum ihrer Ahnen im großen Gemüt.

So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes

vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel

der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frühlinge und

Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestüm der Stürme in mir nicht

haben auslöschen können, das will ich euch heute erzählen, da nun der

Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschläft,

um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.«

Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast

alle Geschöpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind,

und noch viele mehr. Auch der Elf saß mit gestütztem Kinn auf einem

Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen

waren groß und still und suchten die schimmernde Weite des späten

Sommertages. Wer ihn näher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit

eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und stärker als jemals

jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle

übertragen hatte, mit denen er in Berührung gekommen war. Er mußte nun

oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie

ihm gesagt hatte: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« Sie sang

nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf

seine Erlösung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die größer

als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu

seiner Heimkehr erlöste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine

Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn

nun in kühleren Nächten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er

leise gesungen, im Dunkeln:

Trauer du, mein irdisch Los,

über deinen bittern Gaben,

will ich meine Seele groß,

will sie stark und glänzend haben.

Ihm war, als brächte ihm sein Lied aufs neue die Gewißheit seiner

Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mußte er zuweilen

daran denken, daß vielleicht seine Erlösung noch in weiter Ferne lag,

und daß die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer

Schönheit keine Liebe kannte, so groß, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt

bedurfte.

Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte

begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen

Gedanken nicht nachhängen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der

alte Baum fuhr fort zu erzählen:

»Es ist länger her, als auch die ältesten Bäume ermessen können, da war

einst in einer prächtigen Königsstadt des fernen Ostens ein großes Fest,

zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigeströmt

waren, um daran teilnehmen zu können. Durch das Gewühl der fröhlichen

Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht näher

betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn

vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick,

eigenartig und schüchtern in sich versunken, doch zugleich in weite

Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen

Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt.

Er schritt langsam dahin, durch die heiße Sonne des schönen Tags,

nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen

geschehen sein, daß er sich nach einer Weile vor dem Eingang des

mächtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst

abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und öffnete

mit Mühe die schweren Vorhänge, die in das dämmerige Licht der

feierlichen Halle führten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich

beglückt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner

Erwartung.

Es war fast leer unter den zwei erzenen Säulen der Vorhalle und kühler

als draußen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus

Wandgemälden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermeßlich

hoch und groß, zwischen den Knäufen der Säulen hing ein funkelndes

Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Säulen

öffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang

eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Männerstimmen und

erregte Einwürfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum

eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen.

Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gestühl dicht neben dem

vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und

Gelehrten, die über wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich

angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und

lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und

er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte.

Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in

ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter

ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine

Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwürdiges weißes Haupt und

wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch

ehe ein mißbilligendes Wort über seine Lippen kam, begegneten seine

Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob

ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner

Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, daß er sich besann

und gütig antwortete. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Knabe

seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dämmerung des

Tempels schaute, sein kindliches Haupt schüttelte.

'Glaubst du mir nicht?' fragte der Alte betroffen.

Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden

versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der

Gruppe der weißhaarigen Alten stand, die einander über die Schultern

sahen, mit erstaunten, spöttischen und mitleidigen Angesichtern. 'Laß

ihn doch gehen', erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei

nicht Sitte, daß Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte

sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lächeln:

'Dies ist das Haus meines Vaters.'

Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit großer

Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen

Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber

der ehrwürdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob

die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch

anschickten, winkte ihnen begütigend zu und sagte:

'Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so

ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf

geschüttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen

uns getreten bist?'

Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des

Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang.

Der Knabe legte seine Hand auf die Blätter des heiligen Buchs, das den

Altar schmückte, und seine Fragen über den Sinn der ältesten Hoffnung

des Volks und der seligen Verkündigungen der Väter entzündeten die

Herzen der gelehrten Männer zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als

sänke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein

jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blättern, und der Sinn ihres

Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da

wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den

Glanz dieses Geheimnisses zu ergründen, das unter ihnen waltete. Sie

fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrängt hatte,

aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen

und tief betroffen über die Antworten des fremden Knaben.

Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hörten sie

die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glücklich einen Namen

durch das Gotteshaus rief. Sie stürzte auf den Knaben zu, schloß ihn in

ihre Arme und weinte vor Sorge und Glück.

'Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind', rief

sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel größer als ihr

Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines

Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten

des Tempels im Kreise der mächtigen Gelehrten zu finden.

Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem

Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese

lächelten befangen, ohne ihrer Verwunderung über das Geschehene Herr

werden zu können, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre

Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wäre ein Schein unter

ihnen zurückgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwürde ihn

auszubreiten vermögen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite,

klare.

Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt:

'Welch eine Zeit bricht an, daß uns Weise ein unmündiges Kind durch sein

Verlangen beschämt?'«

* * * * *

»Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt,« fuhr die Linde nach einer

Weile fort, »ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt,

ich sah in mir und um mich her Erblühen und Vergehen, Lust und Schmerz

und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis

auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr

war ich glücklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich

euch erzähle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott

gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und

kehren zu ihr zurück.

Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte,

wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzählen will. Erst nach vielen

Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hörte, daß

niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines

Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und

nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein

Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er

damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches

Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er hätte ruhen können. Er

arbeitete nicht und ließ keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein

Herz finden, denn sein Glaube war, daß der Vater im Himmel sich aller

annähme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden

um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich

Männer, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus

seiner Nähe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzählt,

daß sie ihn erblickt und die Worte vernommen hätten, die er zu den

Leuten auf der Gasse sprach, und daß sie ihn darauf liebgewannen und

sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie ließen ihre Arbeit, ihr Haus und

ihre Angehörigen ohne Bedenken zurück, um immer bei ihm zu sein.

Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn

nur selten, denn was er den Menschen über die Liebe sagte, war so neu,

so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, daß die

meisten erstaunt, erzürnt oder geblendet aus seiner Nähe wichen und ihn

zu hassen begannen, denn er störte sie in der falschen Ruhe ihrer

Herzensarmut. Er sprach nicht über alle jene Dinge, die sie Tag für Tag

beschäftigten, nicht über ihre kleinen oder großen Sorgen, nicht über

die Landesverwaltung, noch über die Sitten und Gebräuche, sondern er

sprach über das Reich der Seele und über das Wesen der Liebe.

Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer großen Stadt und

begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz

bewegte.

Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid,

achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhörten, noch ob sie

ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er vergaß das Ungemach, das

ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das

Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von

Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wären.

Unter seinen Worten sanken alle vergänglichen Werte der Erde dahin, als

seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle

zeitlichen Güter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die

Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhieß es nicht den

Mächtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen,

die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht

der Welt.

Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern

und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins

sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer täglichen Lebenssorgen

hinüber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von

den Blumen und Vögeln, die nicht säen und nicht ernten, und die doch

empfangen, was sie brauchen. 'Sorgt nicht für euer Leben,' rief er laut,

'ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird

euch alles andere zufallen.'

Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glühenden Worten

zu einer neuen Heimat im Gemüt. Sorge, Haß, Feindschaft und selbst der

Tod erloschen in diesem blühenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne

im Tal die Nebel der Nacht versinken. 'Ich bin zu euch gekommen, um

alles zu erfüllen, was die Sehnsucht unserer Väter erfleht hat, ihr

sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.'

Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele.

Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten

zu einer Einheit in unvergänglicher Freiheit. In seinem Herzen glühte

der Wunsch, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern der Erde

abkehren möchten und sich unvergänglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn

und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der

Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhörten, und er

strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen.

Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen überhand, er

erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz

neuen Friedens, bald war ihnen, als müßte ein Gericht des Himmels diesen

glühenden Geist der Verheißung und der Prophezeiung davonreißen. Aber

nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als

sähe er ihn von Angesicht. Die erschütterten Menschen warfen sich zu

Boden, ihnen war, als beschwöre die Inbrunst dieser Stimme Gott von

seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er würde Gott zum

Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt über die Erde für sich

erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, daß ihre Schuld vergeben sein

möchte, und daß sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem

unendlichen Jubel des Glücks rief er mit zitternden Lippen zu Gott

empor. 'Dein ist das Reich!'

Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des

Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und

fern über den Gärten sangen die Lerchen im Himmelsblau.

Niemand könnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glück, Andacht und

Entsetzen verließen die Menschen ihn, als er sie schloß, und der Ruhm

seines Namens verbreitete sich im Land und weit über die Grenzen hinaus.

* * * * *

Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert

der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Märkten und

Straßen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder

schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines

Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden,

denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So

nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah,

aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht

von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich

der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so

bekümmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehörte.

Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wäre er

um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschließen.

Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur

von ihm gehört hatte, und bat ihn, er möchte seinen kranken Knecht

gesund machen. Da antwortete er ihm:

'Ich werde kommen und es tun.'

Aber der Fremde lächelte abwehrend und rief:

'Ich bin nicht wert, daß du in mein Haus kommst, sag' nur ein Wort, und

mein Knecht wird gesund werden!'

Mit einem heißen Erschrecken der Freude über das Vertrauen, das in

diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er

verbarg die Tränen, die sich in seine Augen drängten und sagte:

'Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.'

Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott · 第 10 / 12 段