Aber der Marder ließ sich täuschen. Ihm schien der Augenblick gekommen,

seinem verwundeten Feind die Kehle zu durchbeißen, er ließ das Bein des

Fuchses fahren und fuhr zu, der weit vorgestreckte Kopf mit dem offenen

Rachen sah wie das Gifthaupt einer großen Schlange aus, so schlank und

geschmeidig erschien es in dieser bösen, gierigen Hast. Aber da, es sah

aus wie ein roter Blitz, schnellte der Fuchs herum, nun erkannte auch

sein Gegner, daß er getäuscht worden war, und daß der Fuchs alle Kräfte

beisammen hatte; doch ehe er zu neuer Besinnung kam, hatten die

furchtbaren Zähne des Fuchses sich tief in seinen Hals gegraben. Man

vernahm nur einen kurzen schrecklichen Laut von röchelnder Todeswut,

dann wurde es still, und langsam hörten die Zuckungen des Körpers auf,

den der Fuchs unter sich am Boden festhielt.

Erst als sich keine Regung des entfliehenden Lebens mehr wahrnehmen

ließ, löste er seine Zähne aus dem Hals des Feindes und sprang in einem

weiten Satz von ihm zurück, immer noch wie in Sorge, dies zähe,

eigensinnige Räuberleben möchte sich trotz seiner Todeswunde zu einem

letzten Biß aufraffen. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Wald war

wieder ruhig geworden, und kein Laut erinnerte mehr an das

Kampfgeschrei, das ihn noch eben weithin durchklungen hatte. Nur ein

paar Krähen kreisten hoch über den Wipfeln der alten Bäume, unter denen

der Marder starb.

Ein kleines rotes Bächlein rieselte aus seinem durchbissenen Hals ins

Moos. Der Fuchs sah ruhig mit seinen klaren Augen hinüber und leckte

sich die Lippen, sein breiter roter Schweif peitschte das Laub, er sah

zufrieden und stolz aus, auch nicht ein Schatten von Reue oder Mitleid

trübte ihm den bösen Genuß seiner Kraft und seines Sieges. Seine Wunde

beachtete er in diesen Augenblicken nicht.

Du mächtiger Herr im Wald, dachte der Elf, und sein Herz zitterte. Du

kannst hassen und töten, genießen und sterben, alles ist dein

unvermindertes Recht.

Da erinnerte sich auch der Fuchs des Elfen, er sah hinüber und lachte.

»Nun,« rief er, »was sagst du dazu? Ich habe gewußt, daß hier etwas

nicht geheuer war, und ich suchte den Marder schon seit langem. Du

hältst mich wohl für sehr böse?«

Der Elf strich sein Haar zurück und atmete tief auf.

»Ich halte dich für stark und klug«, sagte er und preßte die bebenden

Hände zusammen. »Denk an mich und vergiß mich in deiner Freiheit nicht.«

Und er flog nach diesem Gruß auf und davon, das Herz von Erhobenheit und

Bangen zerteilt.

Der Fuchs sah ihm so lange nach, als er ihn zwischen den Stämmen im

Licht der Abendsonne erkennen konnte, und dachte: Er läßt mir, was ich

bin und was ich habe, so möge auch er einmal empfangen, was sein Teil

ist zu seiner Freiheit, das wünsche ich ihm.

Sechzehntes Kapitel

Die Elfennacht

Eines Tages, als die große Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel

stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzündete,

kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf

der Wiese und fragte nach dem Elfen.

Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese mußten

sich nach dieser Frage sagen, daß es ferne und fremde Gegenden gab, in

welchen man vom Elfen etwas wußte, wahrscheinlich, ohne daß er sie

jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, daß der geflügelte Bote

Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein ähnliches Tier auf der

Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, es

sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schönen glitzernden

Tiere durchsichtige Flügel und einen langen schmalen Leib, auch waren es

vier Flügel an der Zahl und ähnlich geformt, wie die der Libellen, aber

auf jedem von ihnen befand sich ein großer dunkler Fleck von tiefem

Blau. Vom gleichen schimmernden Blau war der schmale Körper, und die

klugen großen Augen schauten ernst, beinahe schwermütig aus dem Gesicht.

Es war, als käme dieses seltsame Geschöpf nicht aus Bereichen der

Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der kühlen

Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht.

Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz,

entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die

Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, daß die Botschaft des

Ankömmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn

zu suchen, denn in der Nähe war er nirgends zu sehen.

»Wie ist es denn?« fragte das Pfauenauge, »können Sie uns nicht

erzählen, was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon

ausrichten.«

Die Fremde schüttelte den Kopf. »Das geht nicht,« sagte sie, »ich muß

ihn selber sprechen, ich komme von der Elfenkönigin.«

Das Pfauenauge erschrak. Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe der

Waldwiesenleute angesammelt, und nun wichen sie alle scheu ein wenig

zurück, man sah deutlich, wie diese Nachricht alle überraschte, denn wer

kannte die Macht der Elfenkönigin nicht. Es war eine Weile totenstill,

man hörte den Bach plätschern, und das Lindenrauschen füllte die

abendlich durchleuchtete Luft unter den großen dunklen Zweigen. Die

Blumen in der Nähe, die schon an ihren Schlummer dachten, horchten auf

und hoben ihre Köpfchen in die Abendstille. Wer hatte nicht von der

Elfenkönigin gehört! Wollte sie nun den Elfen, der ihnen allen lieb

geworden war, fortrufen und aufs neue in ihr Reich bannen, daß er ihrer

Gemeinschaft entzogen werden sollte?

»Sagen Sie uns, was geschehen wird«, bat ein Grashüpfer, aber die

Fremde schüttelte den Kopf, besorgt sah sie sich um. »Werden die Bienen

den Elfen finden?« fragte sie.

Der Schmetterling nickte. »Die Bienen finden alles, was sie wollen;

wissen Sie nicht, daß die Bienen darin groß sind?«

»Doch, doch,« lautete die Antwort, »aber es eilt, der Abend wird bald

hereinbrechen, und es ist weit bis zu den Moorseen.«

»Es ist mitten im Juli,« sagte eine Ameise geheimnisvoll, »von den

Glühwürmchen weiß ich, daß einmal im Jahr zur Sommerzeit bei Vollmond

die Elfenkönigin in der Waldtiefe Hof hält. Es wird schon etwas Wahres

an dieser Botschaft sein.«

Eine Grasmücke kam herzugeflattert, und die geflügelten Tiere stoben

auseinander, aber die Fremde blieb ruhig sitzen. »Ich reise im

Elfenfrieden«, sagte sie ruhig, und die Grasmücke ließ sich neben ihr

nieder, ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die

Waldelfen sind ein mächtiges Volk, selbst die größten Tiere gehorchen

ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Künste und manchen

Zauberbann, den die Elfenkönigin verhängen kann. Ach, viele Wunder

walten im tiefen Wald, aber eines der größten werde ich nun erzählen.

Als nach einer Weile der Elf kam, von zwei Bienen geführt, die ihm

voranflogen, grüßte die Fremde ihn tief und ehrfürchtig, und sie

sprachen eine ganze Weile allein miteinander, während die anderen Tiere

neugierig und erwartungsvoll im Umkreis verharrten.

Der Ausdruck des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger,

er sah vor sich nieder und sann, es schien als ob die Botschaft des

blaugeflügelten Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schluß nickte er

langsam, grüßte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach, als

sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog, um

bald zwischen den Stämmen der Kiefern in der Dämmerung zu verschwinden.

Li, das Eichhorn, das seine Erwartung nicht mehr zurückhalten konnte,

trat nun zuerst an den Elfen heran.

»Willst du uns verlassen, Lieber?« fragte es rasch und ängstlich.

Da kam auch Uku auf einen niedrigen Ast herabgeflogen, und der Elf

wandte sich an sie:

»Uku, ich muß in dieser Nacht zur Elfenkönigin.«

Die Eule machte ein betroffenes Gesicht und sah schräg vor sich nieder,

man erkannte deutlich, daß diese Nachricht sie nicht erfreute, und es

schien, als wüßte sie, was sich mit dieser nächtlichen Begegnung

verbinden könnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade ins Gesicht,

der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte:

»Die Elfenkönigin ist großmächtig, eine Herrscherin im Wald und über

die Heide,« sagte sie, »sie wird dir die Freiheit zurückgeben, nach der

du Verlangen trägst.«

»Ja, sie wird mir helfen wollen«, antwortete der Elf. Seine Gedanken

schienen nicht bei seinen Worten zu sein, er legte seine Hand auf die

Brust und sah mit großen Augen in die Sonne, die jetzt dicht am Rand der

Erde stand und wie eine feurige Kugel glühte.

»Willst du uns verlassen?« fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren

umher plötzlich bang ums Herz, alle erinnerten sich dessen, daß der Elf

aus fernen Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und

daß er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es längst

vergessen, so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles

mit ihnen geteilt, was sie beschäftigte, freute oder bekümmerte? Nun

erschreckte sie der Gedanke, daß er fortfliegen möchte, zurück in sein

Elfenreich und sie zurücklassen.

Da sagte Uku plötzlich:

»So sollen wir denn allein den Herbst erwarten, die Trauer des Welkens

und einst unseren Tod; ach Elfenkind, vergiß uns nicht in deiner hellen

Heimat.«

Da kam eine seltsame Ruhlosigkeit über den Elfen, seine Augen

schimmerten in einem kühlen, fremden Licht, er verließ seinen Platz

neben Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser

in seine Hand, hob es auf und sagte:

»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,

Silber im Wasser, werde mein!«

Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das

Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er

legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den

winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm

zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:

»Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein,

reiht euch zur glitzernden Kette ein!«

Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um

seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die

Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten

sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder

über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher

schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger

wurde.

Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die

Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe

war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt

durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und

rief:

»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,

gib mir Gold aus deinem Schein!«

Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah.

Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm

man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der

hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und

pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in

seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein

blasses Gesicht und tropfte ins Moos. »O, die Sonne,« schluchzte es,

»sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!«

Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner

Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte,

erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne

ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den

herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer

das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den

durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er

sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst,

nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar

erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem

er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er:

»Goldene Sonne, ein Elfenkind

möchte nicht mehr sein, als alle sind.

Sieh, ich gab meine irdische Zier,

gib mir dein himmlisches Gold dafür.«

Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel

der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet

wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter

nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen und

über sein helles Haar. Alle erkannten, daß es das letzte Gold der

Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück und das Entzücken

der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der

nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus

den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den

Tieren der Waldwiese schöner erschienen, das Fremdartige und Seltsame,

das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte,

hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief:

»Leb' wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenkönigin, du wirst nun

sicher zu uns zurückkehren!«

* * * * *

Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche

Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und

bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im

kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man

sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse

jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der

Eulen.

Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch

sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und

Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als

er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche,

dicht über dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in

seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien

oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde

Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte

irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese

Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der Eiche ins

Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf

einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die

Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren.

Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf

der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig.

[Illustration]

»Was hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn,« rief er,

»du erschrickst mich. Lösch dein Licht!«

»Ich kann es nicht,« sagte der Elf, »zeig' mir den Weg zur Königin.«

»Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?«

Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller

anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer

Höhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink

der Elfen.

»Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet,« sagte ein Käfer zum

Elfen, als er neben ihm dahinflog, »alle erwarten dich im silbernen

Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Königin

getan hat.«

Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines

Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er

seiner Blume entstiegen war, erschien ihm plötzlich wie ein glühender

Sonnentraum, in Gold und Grün und Wärme verwoben. Seine Hände zitterten,

und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit

bebender Stimme.

Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz

umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber

untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor

hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte.

Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün

flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds

erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff

ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die

Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die

mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs

neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt

sie gelehrt hat.

Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor,

er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über

ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte,

so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte

sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns,

der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von

Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet.

Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher

erfüllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff

die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief

verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der

Königin:

»Du Lob des Lichts in mir,

du Leuchten, das ich bin!

In tiefer Demut deine Zier,

ewige Königin.«

Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der

strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares

Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher

Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif glitzern. Da

erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den

Zügen des Elfen wie zwei Sterne:

»So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind?

Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglück oder eine Schuld gewesen

ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute

wissen, daß meine Macht groß genug ist, dir deine alte Freiheit wieder

zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten

Elfenrechte zurückkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der

vergänglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und

wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.«

Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen

beglückt zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen

geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die

feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter dem Licht ihrer

Krone, und sie sagte:

»Kommst du ungeschmückt zu deiner Königin?«

Da merkte der Elf, daß der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit

er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemüt

bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jählings ein Heimweh nach dem warmen

grünen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung

des alten Gesetzes des Elfenvolks, daß kein Elf die Sonne sehen durfte.

Es schien, als ob die Königin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst

und mit feierlicher Stimme:

»Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du

hast erfahren, wie gefährlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu

danken, daß du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod

ist die böse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich

vergessen macht und sie zum vergänglichen Geschick der sterblichen Wesen

verzaubert. Aber meine Macht ist größer; hast du gehört, daß ich dich

erlösen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft

aufgenommen wirst, sollst du uns erzählen, wie es gekommen ist, daß du

in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht

rechtzeitig gewahr geworden bist.«

Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt

gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte

von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen

geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach,

denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle

hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung

tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne

und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu.

Der Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je länger er

sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum

Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß alle mit pochenden

Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus

den Worten des Elfen strahlte.

Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich

fragte die Königin erstaunt und besorgt:

»Du sagst uns, die beiden Menschen seien glücklich gewesen, ich will es

dir gerne glauben, aber wie kommt es, daß du darüber die aufgehende

Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der

gewaltigen Sonne muß doch deine Sinne schon mit Angst erfüllt haben, als

es sich am Horizont ankündigte, und da wäre es für dich noch Zeit

gewesen.«

Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glänzten:

»Wie soll ich es dir beschreiben, mächtige Königin,« sagte er mit

zitternder Stimme, »seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen

hatte, die sich im Glück ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums

Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht käme

aus ihren Herzen geströmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und

die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als käme

alles Glück von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie früher glauben,

daß sie gefährlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die

Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der

gleiche frohe Glaube.«

Da sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände zusammen

vor Zorn und Trauer.

»Armes, verführtes Kind!« rief sie, »was hast du gegen das

unvergängliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weißt du denn nicht, daß

alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben müssen?«

Erschrocken über den Zorn der Königin trat der Elf ein wenig zurück.

»Das macht ja nichts ...« antwortete er schüchtern.

Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein

Wunder nach dem anderen geschehen. Die Königin stand plötzlich

merkwürdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und

indem sie sich langsam mit großen Augen vorbeugte, sagte sie in höchstem

Erstaunen:

»Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete der Elf leise, »ich kann es ...«

Da raffte die Königin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze

Kraft zusammennahm, sagte sie:

»Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir

war Schönheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flügelkleid die

Irdischen beglücken können, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles

Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und

dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in

unser Reich zurückkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem

reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den

Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswänden. Dein Wort tat

Wunder, alle Wesen der Schöpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde

nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du das alles nicht

mehr?«

Da rief der Elf laut:

»Die Erde kann nicht erlösen, nie die Erde!«

»Was soll dich denn erlösen, du Törichter«, entgegnete bestürzt die

Königin. »So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid

und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach

ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der

ins ewige Dunkel führt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in

derselben Sonne, die nun auch dein Gemüt und deine Sinne verführt hat.

Und ergeht es den übrigen Geschöpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt

wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach,

und wieviel Tränen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat

stillen können! Dies alles weißt du, und was du erfahren hast, wird dir

nur die Wahrheit meiner Worte bestätigen, und so frage ich dich nun,

willst du zu uns zurückkehren und in deine alte Freiheit?«

Da antwortete ihr der Elf:

Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott · 第 9 / 12 段