»Nun gut,« sagte er, »ich werde also weitersprechen.« Aber er kam nicht

dazu, denn es geschah etwas sehr Merkwürdiges: über ihnen wurde ein

feines Klatschen hörbar, und eine helle Stimme rief:

»Fliegt auf! Fliegt auf!«

Nun, das taten die beiden Enten sogleich mit lautem Geschrei und

Flügelschlagen, so daß das Wasser aufspritzte und das Schilf rauschte.

In der Natur warnen alle befreundeten Tiere einander durch Zurufe, und

da die Enten die Stimme verstanden hatten, folgten sie sofort der

Warnung. Sie wußten nicht, daß es der Elf gewesen war, der in die Hände

geklatscht hatte, und noch weniger ahnten sie, weshalb er es getan, und

in welch entsetzlicher Gefahr sie geschwebt hatten. Denn kaum machten

ihre Flügel den ersten wuchtigen Schlag, der sie emporriß, als durch das

Schilf mit einem langen Satz der Fuchs aufsprang und ihnen enttäuscht

und zornig nachschaute. Er hatte sie bis auf knapp drei Entenlängen

bereits erreicht, niemand kann leiser durch das Schilf schleichen als

ein Fuchs, aber mit dem Elfen hatte er in keiner Weise gerechnet.

»Was fällt Ihnen ein!?« rief er grimmig empor zu dem Ast, auf dem der

Elf sich schaukelte und lachend zu ihm niedersah. »Glauben Sie, ich jage

hier zu meinem Vergnügen? Wie kommen Sie dazu, sich in meine

Angelegenheiten zu mischen?«

Wie böse er dreinschaute! Sein kluger Kopf mit der schmalen, langen

Schnauze und den lebhaften, dunklen Augen sprühte geradezu von Kraft und

Haß, die herrliche Farbe zeichnete sich klar vom grünen Untergrund des

Schilfs ab, und die prächtigen hohen Ohren waren weit zurückgelegt, was

ihm oft passierte, wenn er ärgerlich war. »Kommen Sie nur herunter, Sie

weißes Federvieh, ich reiße Sie in Stücke, daß Sie auffliegen wie

Pusteballen vom Löwenzahn. So was!«

Da schwang sich der Elf ins Schilf nieder und setzte sich gerade vor

die Nase des Fuchses auf einen Halm, dicht vor die blitzenden weißen

Zähne, die gefährlich aus den schmalen schwarzen Lippen hervorblitzten.

Der Fuchs prallte zurück. »Sie sind mir zu hell,« sagte er bestürzt,

»sonst ... nun, Sie würden etwas erleben!«

Der Elf strich sein Haar zurück. Er hätte nie geglaubt, daß der Fuchs

ein so schönes Tier sei. »Sei nicht mehr böse,« sagte er, »ich weiß

selbst nicht, wie es über mich gekommen ist, ich habe im Augenblick nur

an die Enten gedacht, sie taten mir leid. Natürlich bist du im Recht,

auch du willst leben.«

»Allerdings«, sagte der Fuchs befangen. Er starrte den Elfen an, als

sähe er Wunder.

»Wer sind Sie?« fragte er, und seine runden Augen unter der gerunzelten

Stirn drückten in gleichem Maße Erstaunen wie Bewunderung aus. »Hell wie

der Himmel, ein kleiner Mensch und zugleich ein geflügeltes Wesen sind

Sie.« Er schüttelte den mächtigen Raubtierkopf, in dessen Rachen der Elf

in einem Augenblick hätte verschwinden können. Aber seine Unbefangenheit

und seine Schönheit beschwichtigten den Zorn des Fuchses völlig, wie

Schönheit und Unbefangenheit in der Welt nun einmal die stärksten Waffen

gegen das Böse sind.

»Ich bin ein Elf. Denke dir, ich saß dort im Busch, als die Enten

kamen, und hörte ihnen zu. Kannst du verstehen, daß ich Teilnahme für

die Tiere fühlte, da ich ihnen doch längere Zeit gelauscht hatte? Es

geht einem zuweilen so, und ich hätte sie nun nicht unter meinen Augen

sterben sehen können.«

Der Fuchs hörte kaum zu, die Enten waren ihm völlig gleichgültig

geworden. Als ob er nicht Enten fangen konnte, sooft er wollte, aber ein

Elf saß vor ihm, ein Blumenelf! Er hatte bisher auf das bestimmteste

geglaubt, Elfen kämen nur in alten Geschichten vor, in Märchen oder

bestenfalls nachts im Mond über den Blumen, dann weiß man nie recht, was

Wirklichkeit oder Traum ist, denn in seinem geisterhaften Licht werden

alle Dinge geheimnisvoll. Aber nun saß dort in der hellen Sonne, im

Grünen, leibhaftig ein Elf vor ihm; es war sicher einer, so viel wußte

er auch, was sollte denn dieses zarte Lichtwesen sonst sein, die

Geschöpfe des Waldes kannte man doch. Was ihn aber am meisten in

Erstaunen setzte, war die Tatsache, daß der Elf nicht im geringsten ihm

mißtraute oder ihn fürchtete. Kannte er denn seinen Ruf nicht, alle die

bösen Geschichten, die die Waldleute sich über ihn erzählten, über seine

Tücke, seine Schlauheit und seine Raubgier? Kein Tier der Wälder war

gefürchteter und gehaßter als er, und nun saß dieser kleine Himmelsbote

vor ihm, als sei er seinesgleichen. So dachte sich der Fuchs: Es ist

schon besser, ich zeige mich gleich so böse, wie ich bin, als ein

schlauer Räuber und mächtiger Waldherr, später erfährt der Elf es ja

doch, und ich erlebe, was ich so oft erlebt habe, daß er mir weder traut

noch glaubt und sich enttäuscht von mir abwendet. Es ging ihm, wie es

oft gescholtenen Leuten bisweilen ergehen kann, er hatte die Lust daran

verloren, anders als böse zu erscheinen. Und so sagte er denn und

knurrte mürrisch:

»Ich bin der Fuchs, Reiner heiße ich, der Wald kennt mich.«

Der Elf ahnte die Gedanken seines neuen Bekannten nicht. Ganz

hingerissen von Entzücken, trat er dicht an ihn heran und strich mit der

Hand über das warme, weiche Fell, das in der Sonne glänzte und so

sorgsam gepflegt war, daß auch nicht ein Härchen hervorstand.

»Herrlich,« sagte er, »ganz herrlich!« Er konnte sich nicht satt sehen

an diesem wohlbestellten Körper, der schmal und zugleich kräftig war,

geschmeidig und anmutig. Die hochstehenden spitzen Ohren waren außen von

tiefstem Schwarz und innen weiß, ebenso war seine Brust von reinstem

Weiß, und die schlanken Pfoten an den feinen Gelenken verrieten ihr

Geschick sowohl zu leisem Tritt wie auch zu wuchtigem Sprung. Der

breite, buschige Schwanz war sicher seine schönste Zierde, er lag rund

im Gras, an den Körper angeschmiegt und leuchtete geradezu in seiner

roten Waldfarbe.

»Du bist der Mächtigste im Wald,« sagte er leise, fast als spräche er zu

sich selbst, »niemand vermag dir zu widerstehen.«

Der Fuchs war sehr überrascht, daß ihm diese Tatsache nicht wie

gewöhnlich zum Vorwurf gemacht wurde.

»Es ist wahr«, sagte er und lächelte ein wenig überlegen, aber durchaus

nicht böse. »Ich tue, was ich will, aber dadurch habe ich noch bei

niemandem Gefallen erregt.«

»Jeder lebt auf seine Weise«, sagte der Elf nachdenklich. »Hast du keine

Feinde, die du fürchtest?«

»Den Menschen,« antwortete der Fuchs, »sonst möchte ich wissen, wer es

wagt, mir in den Weg zu treten.«

»Gestern sah ich einen Bussard,« erzählte der Elf, »der große Raubvogel

flog zwischen den Baumstämmen dahin, lautlos und gewichtig, und suchte

den Boden ab. Wenn er nun dich fände, was würde geschehen?«

Der Fuchs lächelte. »Er würde sich besinnen, ehe er mir zu nahe käme,«

sagte er, und in seinen Augen blitzte ein böses Licht auf, »aber im

allgemeinen lassen wir einander unsere Wege, der Wald ist reich.

Außerdem gibt es Taubenschläge, Enten- und Hühnerhöfe, Kaninchenställe

und Gänse auf den Wiesen.« Er blinzelte dem Elfen zu, aus seinen

Augenspalten kam ein schräger, verschlagener Blick.

Aber obgleich der Elf wußte, daß diese Tiere den Menschen gehörten und

ihn der Blick des Fuchses bis ins Herz erschreckte, wuchs seine

Bewunderung für das mächtige Waldtier, und ihn erfaßte ein heimlicher

Schauer vor der Klarheit dieser kalten, schönen Augen. Gerade wie jetzt

eben der Fuchs vor ihm stand, ein wenig zurückhaltend in der Neigung des

Kopfes und das Licht auf dem geschmeidigen Nacken, während der eine

zierliche Vorderfuß mit unbeschreiblicher Anmut in einen Winkel

emporgezogen war, bot er ein Bild, das Wunder von Lebensfülle, Kraft und

Schönheit ausstrahlte. Und der Elf mußte denken: O du herrlicher Wald!

In deinem feuchten Schatten über dem sanften Moos, oder im goldenen

Licht unter deinen Zweigen, in deinem Dickicht und hoch über deinen

grünen Kronen schwebt und wandelt und schweift es umher in ungezählten

Formen der reichen Natur. Und er mußte an die Sonne denken, die alle

diese lebendigen Wunder der Erde wärmte und entzückte, die sanften und

die rauhen, die arglosen wie die blutgierigen, und sein Herz erzitterte

aufs neue in überquellender Seligkeit, daß er mitten unter allen

Geschöpfen weilen durfte, atmend und schauend, ihre Art erkennend, ihr

Wesen begreifend und vom Dasein entzückt wie sie. Es erfaßte ihn

jählings ein fremdartiges Heimweh, auch einst sterben zu dürfen wie sie,

nur um ihnen in ihrem Geschick nah zu bleiben.

Der Fuchs betrachtete den Elfen aufmerksam und erstaunt. Nun ist es so

bestellt, daß, wenn ein Herz von einer Freude erfüllt ist und ganz

selbstvergessen in ihr erglüht, so strahlt sie aus den Kammern des

Herzens hervor, bis in die Züge des Gesichts, wie durch Glas, und füllt

die Augen mit Licht. Es ist viel schwerer, eine Freude für sich zu

behalten als einen Schmerz.

Was hat er nur, dachte der Fuchs, ich zeige ihm, wie gefährlich ich bin,

und er wird immer beglückter. Das wunderte ihn, und er beschloß, den

Elfen geradeheraus zu fragen, wie er über ihn dächte.

»Mein Lieber,« sagte er zögernd, »weißt du eigentlich nicht, wie man im

Wald über mich denkt?«

»Warum tötest du Tiere?«

Der Fuchs erschrak. Er wußte nicht, worauf der Elf hinauswollte, aber er

merkte nun, daß er wohl über ihn und seine Eigenart unterrichtet war.

»Um zu leben«, antwortete er.

»Tötest du niemals ohne Grund?«

»Nein,« sagte der Fuchs, »das wäre nicht klug. Ich nehme, was ich für

mich und die Meinen zum Leben brauche.«

»Es gibt kein Geschöpf in der Welt, das es anders macht,« entgegnete der

Elf, »deshalb laß es dir keine Sorge sein, wie andere über dich denken.«

Der Fuchs schaute seinen kleinen Nachbar groß und ruhig an: »Ich habe

niemals anders empfunden,« sagte er ernst, und der Ausdruck von

Verschlagenheit war völlig aus seinem Gesicht verschwunden, »ich

wünschte mir nur, alle dächten so wie du.«

Sie schritten miteinander den Bach entlang aufwärts. Die

Nachmittagssonne schien durch die Kiefern durch einen feinen grauen

Schleier, den sie golden färbte, so daß die Stämme wie in einem

Traumland standen. Es war so kühl und still, daß die Augen sich nicht

bewegen mochten, als müßte das friedliche Bild des Waldes sich so bunt

in ihnen spiegeln, wie es in der Luft entstand. Die ersten Krähen zogen

heim, man hörte ihre Stimme über sich in der Höhe.

»Einmal kommt eine Zeit,« sagte der Elf, »da werden alle Geschöpfe so

übereinander denken. Sie wird wiederkommen. Es gibt eine uralte Sage der

Menschen, nach welcher es einmal so gewesen ist.«

»Davon habe ich gehört«, sagte der Fuchs spöttisch. »Da spielte die

Ziege mit dem Löwen Verstecken, und die Wölfe fraßen Brombeeren. Ich

danke.«

Der Elf lachte.

»Es wird dich niemand überreden, Brombeeren zu essen,« antwortete er,

»gerade darin wird die Eintracht bestehen, daß jeder die Eigenart des

anderen versteht.«

»Ich verstehe die Eigenart der Hasen sehr gut,« sagte der Fuchs und

schielte zu seinem Begleiter hinüber, »wenn nur die Hasen auch meine

verstehen wollten und sich fressen ließen, wäre alles gut.«

Wieder mußte der Elf lachen, aber die Freude, die aus seinem Lachen

klang, hatte etwas seltsam Zuversichtliches, es schien nicht so, als ob

die Antworten des Fuchses ihn in seinem Glauben irre machten.

»Du bist schlau,« sagte er und schaute dem großen Gefährten in die

wachen Augen, »mit dir ist nicht leicht zu streiten, du siehst alle

Dinge so, wie sie dir recht sind, und was dir nicht gefällt, das nennst

du die Fehler der anderen. Aber ich habe doch recht, das letzte Ziel des

Lebendigen ist eine große Harmonie, eine Freude ohne Ende.«

»Willst du darauf warten?« fragte der Fuchs. Aber er achtete nicht auf

die Antwort, er wandte den Kopf blitzschnell zur Seite, denn es

raschelte im Gebüsch. »Eine Maus«, sagte er leise und hob den Vorderfuß.

»Woher weißt du das?« fragte der Elf.

»Ich höre es«, antwortete der Fuchs einfach. Es schien, als wäre er auf

seine scharfen Sinne nicht einmal besonders stolz. »Lassen wir sie,«

meinte er und ging weiter, »das muß eine schlechte Zeit sein, in der der

Fuchs Mäuse frißt.«

»Siehst du«, sagte sein Gefährte leise.

»Was soll ich denn sehen?«

Der Elf antwortete: »Und viel später wird es eine Zeit geben, welche

schlecht nennt, wenn nur ein Wesen noch das andere bedrängt. Immer

höher und höher entwickelt die Natur ihre Geschöpfe, ist ihr nicht

schon der Mensch gelungen?«

Der Fuchs blieb stehen. »Du hältst etwas vom Menschen, Elf?«

»Viel, sehr viel, am meisten.«

»Und glaubst du, der Mensch bedrängte die lebendigen Wesen der Natur

nicht?«

»Doch,« antwortete der Elf, »er tut es, aber es gibt Menschen, die

leiden darunter, daß sie es tun, das ist schon viel näher dem großen

Ziel. Du wirst mich nicht verstehen, aber glaube mir, die Erde ist noch

sehr, sehr jung, wir können nur ahnen, wie herrlich ihr letztes Kleid

sein wird. Wenn nicht einst alles vollkommen würde, so würden wir nicht

dies Verlangen danach im Herzen haben, das alle Kreatur bewegt. Die

einen wissen es, die anderen ahnen es nur, viele tun nicht einmal das,

aber alle richten ihre Augen hinauf, zum Licht.«

»Wenn du recht haben solltest,« entgegnete der Fuchs, »so kann ich mir

aber kaum denken, daß es später noch Füchse und Enten gibt, Raubtiere

und arglose Geschöpfe, die ihre Beute werden. Oder es kommt auf die

Brombeeren heraus, und da tue ich, wie gesagt, nicht mit. Ich danke für

ein Friedensreich, in dem ich den ganzen Tag darüber froh sein soll, daß

ich keine jungen Hasen fresse.«

Der Elf lachte wieder sein seltsames Lachen, und der Fuchs dachte: Ein

merkwürdiger Elf, er lacht über mich, und ich fühle mich doch nicht

verletzt, er weiß es besser als ich und achtet mich doch hoch, er ist

überlegen und doch wie ein Kind, ein merkwürdiger Elf. Aber er war

neugierig geworden, und da ein Fuchs zu den klügsten Tieren gehört, die

es gibt, wird es sich begreifen lassen, daß ihm viel daran lag, den

Elfen zu verstehen. Es ist wahr, oft verletzt die Wahrheit, aber man

kann die Wahrheit auch sagen, ohne zu kränken, denn die großen

Wahrheiten verletzen nicht, sondern nur die kleinen.

»Es gibt viele Menschen,« fuhr der Elf fort, »die stellen sich den

Himmel ebenso vor wie du. Sie denken sich, sie müßten in weißen Kleidern

einhergehen und allerlei Gutes tun, das ihnen langweilig ist, und mit

feierlichen Gesängen den lieben Gott loben, der auf einem Thron sitzt

und sich an ihren schönen Stimmen freut. So ist das Friedensreich nicht,

nach dem wir alle uns sehnen, wenn das Ungemach des irdischen Lebens uns

bedrückt. Es ist immer mitten unter uns, denn wir sind alle auf dem

gleichen Wege, die Menschen, du und die kleinen Gewächse, die du im

Schreiten mit den Füßen berührst. Ich habe vorhin deine Gestalt

bewundert, deine wohlbestellten Sinne, deinen klaren Blick und eben noch

dein Geschick, nur aus einem Geräusch ein Tier zu erkennen. Sieh, dies

herrliche Leben in dir wird sich einst zum Vollkommenen vollenden; was

heute so klug Geringes erkennt, wird einst alles erkennen, was heute

als Frohsinn in deinem warmen Blute pocht, wird einst als unvergängliche

Freude emporblühen, und indem du lebst in deiner Freiheit, lebt in dir

die treibende Kraft zur ewigen Harmonie. Dein Wert ist dein Himmel, er

ist unvergänglich, und so gehörst auch du dem Reich an, von welchem mein

Herz träumt.«

»Das läßt sich hören,« sagte der Fuchs, »woher weißt du das?«

Der Elf sah verwirrt auf. »Ich weiß so wenig,« sagte er schüchtern,

»ach, denke doch nicht, ich wüßte etwas Rechtes, ich muß so denken, weil

ich alles Lebendige lieben muß, immer und immer spricht in mir meine

Liebe ihre eine Wahrheit, und sie lautet: Alles wird einst gut sein, was

heute schön ist.«

»Daß du das alles gerade mir sagst, finde ich besonders freundlich«,

meinte der Fuchs. Er sah auf und lauschte. »Entschuldige mich einen

Augenblick,« bat er, »siehst du dort drüben den bemoosten alten

Baumstumpf? Der Ort ist mir schon lange verdächtig, aber ich komme nicht

hinter sein Geheimnis. Gestatte, daß ich eben hinüberschaue, es liegt

ein Geruch in der Luft, der mich erregt.«

Er trabte über das Moos unter die Stämme, man vernahm keinen Laut;

selbst ein Schmetterling, der sich auf einer Brombeerblüte

niedergelassen hatte, erhob sich nicht. Der Elf begleitete den Fuchs,

wie eine wehende weiße Blüte glitt er durch den rötlichen

Abendsonnenschein.

Er sah, wie der Fuchs vorsichtig den Baumstumpf umschritt, der Ausdruck

seines Gesichts war gespannt und besorgt, und plötzlich legte er beide

Ohren zurück, und sein Körper nahm eine drohende Haltung an. Es schien

nun nicht mehr so, als spürte er einer Beute nach, sondern als erwartete

er einen Feind. Er wandte sich nach dem Elfen um, schien etwas sagen zu

wollen, zögerte aber und schwieg. Seine schwarze Nase arbeitete ohne

Unterbrechung, als sei sie ein kleines Wesen für sich, seine Augen

funkelten klein und böse, und er schlich so tief am Boden dahin, daß er

fast um die Hälfte kleiner erschien.

Unter zwei gewaltigen Wurzelansätzen war der Eingang zu einer Höhle

sichtbar, die durch den ausgehöhlten Stumpf tief in die Erde zu führen

schien. Der Fuchs prüfte die beiden Ausgänge, die auf diese Art seitlich

und nach oben hin entstanden, und schnupperte den Boden ab. Es war eine

deutliche Fährte im Moos erkennbar, die ins Dickicht lief. Nun horchte

der Fuchs, er hielt den Kopf schräg und hob den Vorderfuß. Und dann

schien es, als nähme eine heiße innere Erregtheit ihm plötzlich alle

Vorsicht, er schien den Elfen und jedes Ding um sich her vergessen zu

haben, und aus dem halbgeöffneten Rachen, dessen Zähne hinter den

hochgezogenen Lippen blitzten, kam ein wütendes Knurren, das einen

solchen Haß, so viel Kampfesgier und Zorn verriet, daß der Elf bis ins

Herz erzitterte. Es wird einen großen Kampf geben, dachte er bebend,

welch ein Tier mag dort hausen? Noch als er in Zweifel und Sorge

bedachte, ob er den Fuchs nicht bitten sollte, von seinem Vorhaben

abzustehen, erklang aus dem Innern der Höhle eine feine eindringliche

Stimme von großer Schärfe, man hätte fast glauben können, daß eine

wütende Katze fauchte, und der Elf verstand:

»Geh weiter! Ich warne dich, oder du hast deinen letzten Gang gemacht!«

»Reiner,« rief der Elf laut, »komm, ich bitte dich!«

Aber der Fuchs hörte nicht, seine Augen funkelten, als hätte er Feuer

unter der Stirn, und sein ganzer Körper war in so hoher Anspannung, als

zöge eine mächtige Hand einen Bogen bis zum Zerbrechen an. Trotzdem

klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

»Mit solchen Worten scheucht man Kaninchen, du Tor, du hast vor Angst

den Verstand verloren; komm heraus, wenn ich dich nicht in deinem Loch

erwürgen soll wie eine Maus.«

Es blieb still. Der Fuchs stand so, daß er beide Ausgänge übersehen

konnte. Diesen Augen und Ohren entging nichts. Der Elf empfand, daß kein

Einspruch mehr nützen würde; hier war ein Haß entfesselt, der so alt

war, wie das Leben selbst, und solchen Gewalten der Natur gegenüber gibt

es kein Hindernis, sie toben sich aus wie die Gewitter, oder wie der

Frühlingssturm, und wer nicht die Kraft hat, sein Leben im Kampf zu

wahren, der muß es verlieren.

Gebannt von Entsetzen und Bewunderung sah er hinüber, und ohne daß er

noch die Kraft besessen hätte, auch nur ein Wort über seine Lippen zu

bringen, wurde er Zeuge des furchtbarsten Kampfes, den er jemals in

seinem Leben gesehen hatte. Wohl war er nach allem Vorangegangenen auf

einen Angriff gefaßt, auch ahnte er, daß er unversehens und plötzlich

kommen würde, aber einen Überfall von solcher Wildheit, wie er nun

jählings erfolgte, hatte er nicht für möglich gehalten.

Es schoß blitzschnell aus dem Dunkel der Höhle hervor wie ein niedriger

Schatten, und nur an dem furchtbaren Anprall der beiden Körper erkannte

er, daß dies heranstürmende Etwas ein Wesen von Fleisch und Blut war.

Lange Zeit unterschied er nicht mehr als ein wildwogendes Knäuel, das

sich ohne einen Laut, aber in unbeschreiblicher Erbitterung im Bodenlaub

wälzte. Erst als die beiden Tiere sich für eine Weile losließen, wie um

Atem für ein erneutes Ringen zu schöpfen, sah er, daß es ein Marder war,

den der Fuchs aufgestört, und der ihn nun angefallen hatte.

Er sah kleiner und schmächtiger als der Fuchs aus, aber wie er jetzt

dort im Laub hockte, an den Boden gedrückt, sprungbereit und den

kleinen, bösen Kopf, in dem die Reihen der entblößten Zähne wie kleine

weiße Sägen blitzten, bot er das Bild eines unheimlichen und

einschüchternden Gegners, dessen Gewandtheit und Kraft unberechenbar

erschienen, und dessen Raubsinn und Blutgier denen des Fuchses um

nichts nachstanden, ja von noch größerer Tücke und Bosheit beherrscht

sein mochten.

Wohl war der Fuchs größer und sein Gebiß war mächtiger, wie auch seine

Körperkraft größer war, aber er bekam neben diesem geduckten Grimm

seines Gegners beinahe etwas Harmloses. Der Elf konnte kein Auge von dem

Marder wenden, er verstand den brennenden Haß, der diese beiden Tiere in

eine ewige Feindschaft trieb, und jeder Versuch zu einer Versöhnung wäre

einem kindlichen Vorhaben gleichgekommen.

»Einer von euch wird sterben«, stammelte er zitternd.

Der Fuchs stand unbeweglich, als wäre er aus Holz geschnitzt, nur seine

Rückenhaare hatten sich gesträubt, und in seinen Augen funkelte ein

Feuer, so inbrünstig von Wut entfacht, daß es unmöglich schien,

hineinschauen zu können. Aber die Raubtierblicke des Marders hielten

diesen Augen stand; den seinen, die wie zwei stille, gelbe Edelsteine

unter der harten Stirn lagen, entging keine noch so kleine Regung des

Gegners, ja es erschien, als errieten sie, wie zwei geisterhafte

Spiegel, jeden Gedanken des anderen.

Dieser Augenblick der scheinbaren Ruhe war von höchster Spannung, es tat

einem fast weh, in diesem Zustand der Erwartung verharren zu müssen, und

man fühlte sein Blut in tausend kleinen Hämmern überall arbeiten.

Da, wie ein Pfeil, der aus dem Hinterhalt abgeschnellt wird, fuhr

plötzlich von unten her der Marder aufs neue zu, und diesem tückischen

Angriff gegenüber erkannte der Elf zum erstenmal die Erfahrenheit und

Klugheit des Fuchses in ihrem ganzen Umfang. Statt auf die jähe

angreifende Bewegung des Marders einzugehen, verharrte er bewegungslos,

sich dessen bewußt, daß er seinen Gegner Rachen an Rachen nicht zu

fürchten hatte, und daß der Marder nur auf eine ungeschickte Wendung

gehofft hatte, um die Kehle seines Feindes durchbeißen zu können.

Aber ehe der Elf einem neuen Vorgang mit den Augen folgen konnte, sah er

die beiden Raubtiere sich in einem wildbewegten Knäuel am Boden wälzen.

Es war nichts mehr deutlich zu unterscheiden, bald leuchtete das Rot des

Fuchsfelles auf, bald sah er den hellen Brustflecken am dunklen Fell des

Marders aufblinken, und schon glaubte er, der Fuchs habe die Oberhand

gewonnen, als ein gräßliches, wildes Geschrei die Waldstille weithin

zerriß. Schrie der Marder? Schrien beide Tiere? Diese Laute waren

furchtbar anzuhören, Schmerzen, Wut und Todesangst gellten heraus und

eine Lebensgier, die alles um sich her vergaß, den Wald, die Tiere, den

Himmel und die Erde.

Da nahm der Elf zu seinem Schrecken wahr, daß es der Fuchs war, der

schrie, und zugleich erkannte er, daß im Laub und im Moos rote und

dunkle Flecken dort zurückblieben, wo das Knäuel der ringenden Körper

sich vorübergewälzt hatte. War es möglich, daß der um so vieles kleinere

Marder als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen sollte? Nun erkannte er

auch, daß sich der Marder im Hinterfuß des Fuchses verbissen hatte, und

daß kein Zerren, kein Schütteln und Schleifen ihn zu lösen vermochten.

Keine noch so rasche Wendung half dem schwer behinderten Fuchs, immer

war der Marder rascher im Entweichen, und sein Gebiß war wie eine Zange

in das Fleisch des Fuchses geschlagen.

Und nun ließ der Fuchs langsam in seinem Bemühen nach, er ermattete mehr

und mehr, sein zorniges Schreien verstummte, und nach einer kleinen

Weile sank er halb zu Boden. Der Elf hätte ihn verloren gegeben, wenn er

nicht einen Blick aus den Augen des scheinbar durch seine Blutverluste

so arg geschwächten Tiers aufgefangen hätte, einen raschen Blick, der

aber auch nicht eine Spur von Ermattung oder Sterbensnot verriet,

sondern eine Wachheit und Klarheit aller Sinne, als sei ihm nicht das

kleinste Unheil widerfahren.

Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott · 第 8 / 12 段