aus, solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte.
»Nun ja,« sagte er endlich, »jetzt lacht man darüber, aber in solchen
Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man
kann erschlagen werden, mein Lieber.«
»Was du da vom Menschen erzählst,« sagte der Elf nach einer Weile,
»bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen fröhlich und
sorglos sind, so brechen heimlich die Glücksquellen ihrer Jugend in
ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder
deine Gefährten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der
Menschen.«
»Ich danke,« sagte der Maikäfer, »ein argloses Spiel, bei dem ich unter
Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es möglich ist, daß ich
platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall
mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.«
»Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weißt, so
wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen«, meinte der Elf.
»Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will,« entgegnete der
Maikäfer, »aber nicht mich.«
Der Elf lachte. »Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich den
Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn
sehr.«
»Nun ja, Sie als Engel ...«
»Ich bin kein Engel, mein Lieber.«
»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie übrigens, wohin Sie
kommen und wen Sie wollen, überall werden Sie Klagen über den Menschen
hören. Gehen Sie zu den Vögeln, den Fischen, den Waldtieren oder den
Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist
mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das
werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher,
als Sie glauben.«
»Doch,« sagte der Elf, »ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber
nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hören
glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch
seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken
unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel
als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen
Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen
Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr
alle.«
»Aber etwas muß den Menschen doch von allen anderen Geschöpfen
unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß
er nicht schuld an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß
er sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache
stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb
hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich würde
ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen
Geschöpfen?«
»Ich will es dir sagen«, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite,
denn er hörte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule.
»Sie? Nein, nein, mein Lieber«, entgegnete der Käfer. »Sie als Engel
sind parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen
annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn
haben.«
»Glaubst du nicht, daß solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die
Wahrheit eher wissen als andere?«
»Also sind Sie doch ein Engel!« rief der Maikäfer triumphierend, und der
Elf lachte.
»Ich bin es nicht,« sagte er, »aber ich will dir nun verraten, wer ich
bin; ich hätte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen
hättest. Ich bin der Elf, den du suchst.«
»Nein, so was!« rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen
glänzten. »Ach nein,« sagte er ganz still, »so ist es mir doch passiert,
was ich wollte, wie schön ist das.« Er besann sich und atmete auf:
»Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht übel«, sagte er
schüchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: »Nun liegt
es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein
wollen und mir antworten?«
»Ich will es tun, so gut ich kann,« sagte der Elf, »aber du kannst ruhig
du zu mir sagen.«
»Ich werde es versuchen«, antwortete der Käfer.
Ein paar Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten.
»Ein Elf, ein Blumenelf!« riefen sie. Unten schaukelten sich
Schmetterlinge über dem Korn, und hoch im Blauen zog ein großer
Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wölkchen zu sehen, es
war ein unbeschreiblich schöner Tag. Klingen und Jubeln füllte die Luft,
die von goldener Wärme flimmerte. »Schöner wird es nicht mehr im Jahr«,
sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das
Glänzen, das ihn einhüllte, und er faltete die Hände, derweil der Wipfel
des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte.
»Sicher weißt du alles Schöne,« meinte der Maikäfer, der ganz entzückt
war, je länger er den Elfen betrachtete, »so sprich mit mir vom
Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du
wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große mit den
aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten ihn,
verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel
Humor wie ich.«
Der Elf schien nicht recht zugehört zu haben; mitten aus seinem Sinnen
heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn:
»Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast
du mich gefragt; darüber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche
haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige
Geschöpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr
sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch über alle Kreaturen stellt,
ist seine Vernunft.«
»Was ist das?« fragte der Käfer.
»Es ist sein freier Wille, groß und gut zu sein nach seinem Maß.«
»Aber glaubst du denn wirklich, Elf, daß alle Menschen ihn haben?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, »so
genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, daß, wenn nur einmal
ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, daß das
ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wäre.«
»Ach, da sieh einer, wie du denkst!« rief der Maikäfer, »so könnte ja
nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, daß er aus freiem Willen groß
und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen
von ihren Schandtaten freisprechen.«
»Ja,« sagte der Elf einfach, »so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du
kleines Tier, welch eine unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme schon
aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer
erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie
die Gegenstände, die unsere Hände berühren, aber sie ist wahr. Sieh,
Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Würde, und das
unterscheidet ihn von allen Lebendigen der großen Schöpfung, daß er den
freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich.«
»Ach,« sagte der Maikäfer, »nun sprichst du von Gott, ich weiß nichts
von Gott.«
»Das ist auch nicht nötig,« antwortete der Elf und lächelte, »wenn Gott
nur etwas von dir weiß.«
»Tut er das?« fragte das kleine Tier erstaunt.
Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: »Bist du nicht einst glücklich
und wohlbestellt zum Leben erwacht?« fragte er, »fandest du nicht Tag
für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die
warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die kühle Nacht im
Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer deiner schönen,
starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden
Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll gesorgt, dessen du
bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?«
Es war eine Weile still; der Käfer schaute sinnend in die Weite der
hellen Welt, dann sagte er:
»Du machst mein Herz so froh.«
Aus den Büschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den
Föhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herüber, es war den
Bäumen wohl in der warmen Sonne. Unermüdlich summten die Bienen in den
Lindenblüten.
»Sieh nun,« sagte der Elf, »so gedenkt Gott all seiner Geschöpfe, auch
der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht
zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er
kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.«
»Ich bin doch wirklich ein glücklicher Kerl,« antwortete der Maikäfer,
»habe ich mir nicht gleich gesagt: du mußt mit dem Elfen sprechen, davon
werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm für mich,
daß ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu können. Ich glaube
nämlich alles sofort, was mir gefällt.«
Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im
Himmelsblau, und mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen
schien, sagte er:
»Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne
Sorge ...«
Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll
Hoffnung, und es lag eine Verheißung in ihnen, als gäbe es in hellen
Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft.
Vierzehntes Kapitel
Das sterbende Kind
Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt,
lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern.
Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der
Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne
sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin.
Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun
einmal ihre Meinung, daß es in der Nacht dunkel zu sein hätte, nur der
Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den
Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen,
die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land
hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut
vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden,
und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein
Lichtschein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde
überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das
Licht zu sehen.
So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem
erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch
einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken
aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der
Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas
unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er
scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die
traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück.
Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das
Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe
kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den
roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des
Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb
immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war.
Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner
Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare
waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich,
wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als
ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute
sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen
nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war.
[Illustration]
Seine Mutter saß am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter
will nicht wissen, ob ihr Kind schön oder unschön ist, sie liebt es so,
wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder
traurig ist, ob es ihm wohl ergeht oder ob es leidet, nicht aber nach
seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so
viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller
wäre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemüt der Frau, die
am Bett ihres Sohnes saß, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind
genesen würde oder ob es sterben müßte.
Da hörte sie die Eule in den Bäumen vor ihrem Fenster rufen, und ein
furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so daß sie, am ganzen Körper
zitternd, aufsprang und ihre Hände auf ihr gequältes Herz preßte, das
ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wußte. Die arme Frau ahnte
nicht, daß draußen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie
glaubte, was die Leute ihr erzählt hatten, daß ein kranker Mensch
sterben müßte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist
eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch
entstanden, daß bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die
Nachtvögel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkündigung des
Todes zu tun. Wenn die bedrängte Mutter in ihrer Not gewußt hätte,
weshalb Uku in den Ahornbäumen schrie, so würde ihre Angst geringer
gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie
glaubte, die Eule kündete ihr den Tod ihres Kindes an.
Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein
gewöhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da
die Fenster geöffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres
sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem großen, dunklen Haus.
Uku wurde deutlich, daß der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen
und schaute angstvoll hinab. Sie sah, daß das Kind sich im Fieber hin
und her warf, und als es ärger und ärger wurde, klagte die hilflose
Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie
hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts.
Da warf sich Uku in ihre lautlosen Flügel und flog auf die Waldwiese und
weckte den Elfen.
»Elf,« sagte sie, »es stirbt ein kleiner Mensch, kannst du nicht der
Mutter helfen?«
Der Elf sah betrübt auf und schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Macht über den Tod und darf nicht zu den Menschen
sprechen«, sagte er. »Wenn das Kind sterben soll, so ist es in Gottes
Rat beschlossen.«
Uku schwieg. Es war ihr wirklich nahegegangen, die Mutter vor Schmerzen
in laute Klagen ausbrechen zu sehen. Sie dachte an die Zeit, in der sie
selber noch um ihre Jungen in Angst und Liebesnot gewesen war, und
verstand das Herzeleid der Mutter. Deshalb fragte sie jetzt noch einmal:
»Kannst du keine Hilfe bringen, Elf? Du hast schon so viel getan, daß es
uns oft erschienen ist, als vollbrächtest du Wunder der Liebe. Hilf dem
kleinen Menschen! Er wirft sich auf seinem Lager hin und her, und der
Tod wird ihm schwer, aber mir war so, als stürbe seine Mutter den Tod
hundertmal für ihn.«
»Wenn ich dem Kinde mein Leben geben könnte, so würde ich es tun, aber
ich kann es nicht«, beteuerte der Elf.
»So tröste die Mutter!« rief Uku, »du bist gütig, und deine Worte sinken
oft ins Herz wie ein Lied.«
Der Elf sah lange stumm vor sich hin, und seine Trauer nahm zu. Endlich
sagte er ernst:
»Eine Mutter kann niemand über den Verlust ihres Sohnes trösten, Uku.
Eher ist es möglich, eine Welt aus ihren Sünden zu erlösen als eine
Mutter aus dem Schmerz um ihren Sohn. Ein Jüngling kann ein Mädchen
vergessen, das er liebgehabt hat, eine Schwester kann die Liebe zu ihrem
Bruder verraten, und selbst ein Freund soll den Verlust seines Freundes
verwinden können, aber den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn heilt
niemand. So ist es bei den Menschen bestellt.«
»So fliege mir zulieb hinüber, Elf, und versuche es, ich bitte dich.
Gehst du nicht in der Gestalt eines Engels einher, begleitet von Licht?
Warum sollte es das Herz einer Mutter nicht erleichtern, dich zu sehen,
da du doch uns alle gesegnet hast? Erlöse sie von ihrem Gram, bedenke,
auch dich verlangt danach, einmal erlöst zu werden.«
Da breitete der Elf seine Flügel aus und flog davon, und Uku atmete tief
auf und dachte: Nun wird alles besser werden.
Als der Elf auf dem verlassenen Hof im nächtlichen Land ankam, war das
Kind gestorben. Er flog ins Zimmer hinein und ließ sich zu Häupten des
Bettes nieder, über das die Mutter sich in ihrem Schmerz geworfen hatte.
Sie bedeckte den erkaltenden Körper ihres Kindes mit dem ihren und
preßte ihr Angesicht auf das erloschene Augenpaar des toten Knaben. Die
stille Nacht nahm ihre Klage auf; in dem kleinen armen Raum, in dem sie
wohnte, flackerte das Licht der erlöschenden Kerze an den weißen Wänden.
Zuweilen hob sie ihr verhärmtes Gesicht, das von Leid entstellt war, und
sah mit leeren Augen, die von keinen Tränen gekühlt wurden, in die Nacht
hinaus. Nie hatte der Elf so viel Hoffnungslosigkeit und Anklage in den
Augen eines irdischen Wesens gesehen, ihn kam ein Zittern an, und er
brach in Schluchzen aus.
Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein
krampfhaftes Beben durchschüttelte ihren ganzen Körper, und während sie
mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her
zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren
heißen Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und
eine unfaßbar wohltuende Erleichterung löste den brennenden Druck in
ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in
sich zusammen und weinte. Es war, als hätte eine alte Erdengnade Einzug
in ihr Gemüt gehalten.
Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten,
aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als
sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg geschaffen
worden, die Bahn zum Himmel zu finden.
»Ich kann nicht helfen«, dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf
war und kein sterblicher Mensch, so wußte er nicht, daß er den einzigen
Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren größten Schmerzen
annehmen können.
Fünfzehntes Kapitel
Der Fuchs
Eines Tages kamen zwei Wildenten den Bach heruntergeschwommen, ein
vergnügtes Paar. Sie ließen sich treiben und machten sich hier und da am
Schilf zu schaffen, wobei sie solange gegen den Strom rudern mußten, um
nicht fortgetrieben zu werden. Ihr Schnattern füllte die warme Luft, zu
allem, was sie erlebten oder fanden, mußte eine Bemerkung gemacht
werden. Das Schilf stand damals schon ziemlich hoch, es war recht
heimlich an den Ufern, das treibende Wasser schimmerte grün, und vom
Sonnenschein zitterten überall goldene Tellerchen und Lichtstreifen. Im
Lindenschatten der Waldwiese war es über dem Wasser am schönsten, das
Licht war dort geheimnisvoll gedämpft, und die Blätter des Baums
spiegelten sich in der Flut, sie zitterten und flatterten im Wasser, als
ob der Wind sie bewegte.
Die Ente machte halt, suchte Grund für ihre breiten Schwimmfüße und
blieb dicht am Ufer stehen.
»Ich werde hier einen Augenblick verweilen«, sagte sie zu ihrem Gatten
und schüttelte sich. Ihr Mann sah hinüber, nickte ihr zu, kam dann auch
und stellte sich neben sie.
»Darüber fällt es einem mal wieder ein,« sagte er in bester Laune, »was
wir Enten alles können. Es gibt kein Tier, das so viel kann, man darf
sie alle nacheinander durchdenken, es findet sich keines, das zugleich
schwimmen und fliegen, auf dem Trocknen gehen und im Wasser sitzen kann.
Denke an die Fische, meine Liebe,« fuhr er fort, »sie können schwimmen,
das ist wahr, aber nur unten. Hast du einmal einen Fisch gesehen, der
schwamm, während er den Kopf aus dem Wasser streckte?«
»Wenn du von Fischen sprichst,« antwortete die Ente, »so muß ich immer
an die kleinen denken, die man essen kann, wenn es einem gelingt, sie zu
fangen.«
Aber ihr Mann ließ sich nicht stören.
»Du bist so sprunghaft in deinen Gedanken,« sagte er, »niemals kannst du
bei einer Sache bleiben. Höre jetzt genau zu.«
»Du sprichst ja auch von verschiedenen Sachen,« antwortete seine Frau,
»hast du nicht vom Schwimmen, Fliegen und vom Gehen zugleich
gesprochen?«
»Ich habe von den Eigenschaften der Enten gesprochen, meine Liebe, und
nicht vom Essen. Für dich haben, scheint es mir, nur Dinge Bedeutung,
die man hinunterschlingen kann.«
»Ißt denn etwa du selber nichts?« fragte seine Frau und schüttelte ihren
Schnabel, als wenn sie den ganzen Kopf fortschleudern wollte. »Du hast
einen Appetit, von dem man überall spricht, wo du bekannt geworden
bist.«
»Aber natürlich, Liebe ...«
»Nun, siehst du? Was ist also?«
»Ach Gott ...« sagte der Enterich.
Sie waren schon lange zusammen, die beiden, und lebten eigentlich recht
glücklich miteinander, das hätte niemand anders sagen können, aber ohne
Zweifel war der Enterich eine Natur, die die Dinge gern beschaulich
betrachtete. Er machte sich seine Gedanken über dies und das und sprach
sie nachher auch aus, damit sie nicht umsonst gedacht worden waren. So
kam es, daß er sich oft mit allerlei beschäftigte, was nicht unbedingt
zu den praktischen Lebensfragen gehörte. Seine Frau dagegen hielt sich
mehr an das, was man wirklich unter die Flügel oder in den Schnabel
nehmen konnte. Das war ihm oft schmerzlich, gewiß, aber er hatte doch
ein verständiges Einsehen dafür, daß man mit Gedanken allein keine
Würmer aus dem Ufersumpf ziehen konnte, und daß einem kein junger Frosch
in den Schnabel schwamm, weil über diesem Schnabel ein gediegener
Gedanke über das Leben entstanden war. Aber kleine Reibereien gab es
natürlich doch; denn Leute, die oft und gern über das Leben nachdenken,
halten meistens viel von ihren Gedanken und haben gern, wenn man sie
anhört und auch etwas davon hält.
[Illustration]
»Also, Liebe,« fuhr er nun fort, »nun höre mir einmal zu. Ich habe nicht
die Absicht gehabt, mit dir über das Essen zu streiten, sondern ich
wollte dir einmal wieder so recht deutlich ins Bewußtsein bringen, was
für ein gesegnetes Geschlecht im Grunde wir Enten sind. Das erhöht die
Lebensfreude, meine Gute.«
»Ja, aber meinst du denn,« entgegnete die Ente, »daß wir Lebensfreude
empfänden, wenn wir nichts zu essen hätten?«
»Himmel und Wolkenbruch,« rief der Enterich, »jetzt hältst du aber den
Mund!«
»Ach, du lieber Gott,« schluchzte die Ente, »nun wirst du grob und
beschimpfst mich, während ich nur das Beste gewollt habe. Sag'
wenigstens nicht Mund, sondern Schnabel, wie es sich für eine anständige
Ente gehört.«
»Wenn du ihn hältst, so will ich ihn nennen, wie er heißt, aber begreife
endlich, was mir im Sinn liegt! Schon als ganz kleines Tier war ich so,
daß ich längere Zeit über alles nachdenken mußte, was ich sah oder
erlebte; wenn ich dir schildern könnte, wie tief mir alle Eindrücke
gegangen sind! Das Schilf in der Sonne, die Flußfahrt durch den
Kiefernwald oder der erste Flug über Land. Vom Tauchen schweige ich, ich
dachte damals im durchsichtigen Wasser, kein Tier ist so glücklich wie
eine junge Ente. Den Schnabel im Morast und die Beine gegen die Sonne,
ach, Liebe ...«
Die Ente betrachtete ihren Gatten, wie er da stolz und fest im
Uferwasser saß, und wie die kleinen Bachwellen die herrlichen blauen
Streifen seines Flügels bespülten; die Beine schimmerten rötlich durch
die Flut, und der ungemein wohlwollende Ausdruck seines klugen Gesichts
söhnte sie aus.
»Sprich nur weiter,« sagte sie freundlich, »es schadet ja nichts.«
»Es schadet nichts ...« wiederholte der Enterich langsam und dann
schwieg er. Aber mitten in seinem Groll kam ihm in den Sinn, daß seine
Frau in diesem Frühjahr ihre Jungen gegen einen Habicht verteidigt
hatte; sie, das kleine schwache Tier, ohne Krallen und mit einem
stumpfen Schnabel, der nur zum Wühlen im Schlamm und bestenfalls zum
Festhalten eines kleinen Fisches oder eines Wurms geeignet war. Sie war
dem Raubvogel mit einem wilden Geschrei entgegengeflogen, das er noch
niemals von ihr gehört hatte, und ihre Flügel peitschten die Luft, daß
es sauste. Das Herz des Enterichs schlug, als er an diesen Augenblick
dachte; die Jungen hatten Zeit gehabt, ins Schilf zu flüchten, und dann
plötzlich, als alle in Sicherheit waren, war seine Frau so rasch im
Wasser verschwunden, als hätte ein großer Hecht sie hinabgerissen.
Später hatte sie rasch ihre Kleinen wiedergefunden, und sie waren ihnen
erhalten geblieben, die acht.